Unschool your heart. Eine Wortmeldung

In unseren Köpfen hat sich ganz tief die Vorstellung eingeprägt, dass Lernen nur dann „richtig“ stattfindet, wenn jemand lehrt, unterrichtet, kontrolliert, überwacht, Material anschleppt, prüft – sonst wird nicht richtig gelernt. Es braucht das organisierte Zusammensetzen von Menschen in einen Raum, geführt und unterrichtet von einer Person. Von Kindesbeinen an bis in die Seniorenuni.

Beitragsbild: Calvin & Hobbes by Bill Watterson. Quelle

Zwar verwenden wir innerhalb des Lehrsystems Begriffe wie „informelles Lernen“ und „nonformales Lernen“ und sagen uns, dass der Mensch ja immer irgendwie und bei allem, was sie und er tut, irgendetwas lernt. So richtig und gültig tut sie und er das aber nur und erst, wenn das Bildungssystem ins Spiel kommt und Lernen ordnet, überwacht und kontrolliert. Und ganz wichtig, eigentlich über allem anderen: wenn das Lernen zertifiziert wird – über Noten, Zeugnisse, Berichte, Abschlüsse. Ohne die ist Gelerntes so wenig wert wie das Lernen selbst.

Weil wir so denken, gehen wir auch davon aus, dass diejenigen, die mit diesem Setting so ihre Probleme haben, dieses Setting ganz besonders brauchen. Je mehr ein Mensch mit Schule Probleme hat, umso mehr Schule braucht der – oder die. So denken wir. Wir bezeichnen solche Menschen als (zertifiziert) lernschwach oder bildungsfern und sagen: Die brauchen noch mehr. Die erst recht: anderen Unterricht, individuellen Unterricht, Förder-Unterricht. Mehr Lehre, mehr Pädagogik, mehr Didaktik. Medikamente. Gerade die „Lernschwachen“ müssen unter steter Kontrolle durch Lehrende und Erziehende noch mehr Energie, Konzentration und Fleiß aufbringen, um zu lernen.

Nur gibt es da einen gewichtigen Unterschied: Sie brauchen all das nicht um zu lernen, sondern um mit Schule klar zu kommen: mit Lehren, Unterricht, Klassenzimmer, mit standardisierter Materie und Prozessen. Von Montag bis Freitag.

Du kannst nicht nicht lernen

Und ja – selbstverständlich findet in der Schule Lernen statt. Aber nicht, weil Lehren und Unterrichten das Lernen irgendwie ermöglichen oder fördern, sondern weil der Mensch gar nicht anders kann. Du kannst nicht nicht lernen. Dass also Menschen durch Lehren und Unterrichten etwas lernen, ist nicht dem Bildungssystem und seiner Pädagogik und seiner Didaktik zu verdanken, sondern der Tatsache, dass Menschen gar nicht anders können als zu lernen. Besonders intensiv und prägend tun sie das im Kindes- und Jugendalter. Ausgerechnet dann also, wenn sie pausenlos unterrichtet und belehrt werden. Pädagogik und Didaktik machen sich diese Tatsache schamlos zu Nutze.

Was Lernende während dieser prägenden Zeit in der Schule lernen, ist ausnahmslos eine Reaktion auf dieses Lehren und Unterrichtennicht auf dessen Gegenstände oder Inhalte. Menschen lieben oder hassen nicht die Mathematik, sondern den Matheunterricht. Das gilt für alle Fächer. Wer die Mathematik liebt, will die Schule hinter sich bringen, um Mathematik zu machen, wie Maximilian Janisch im Interview eindrücklich beschreibt (klick).

Menschen lernen in der Schule nicht Lesen, Schreiben, Rechnen. Sie lernen, wie sie Lesen, Schreiben, Rechnen in der Schule lernen, und dass sie, um das „richtig“ zu lernen, die Schule brauchen: den Unterricht, das Lehren, die Fächer, die Prüfungen, die ihnen zeigen, dass, ob und wie sie richtig, falsch oder gar nicht gelernt haben, in der Schule zu lernen.

Lesen, Schreiben, Rechnen lernen sie so oder so. Wenn es in ihrem Leben dran ist. Und wenn es dran ist, lernen sie es mit schierer Begeisterung und sehr nachhaltig. Lustvoll und hoch sozial. Und ganz ohne Lehren und Unterrichten. Dafür gibt es eindrückliche Beweise, die z.B. seit 50 Jahren von Daniel Greenberg in zahlreichen Publikationen reflektiert werden (klick). Dass dieses Phänomen im Bildungssystem nicht anerkannt werden kann, erklärt sich so:

In einer Fußgängerzone steht ein Mann und klatscht alle 10 Sekunden in die Hände. Als ein Passant ihn fragt, was er denn tue, antwortet er: „Ich vertreibe die wilden Elefanten“. Erstaunt entgegnet der Passant: „Aber hier sind doch gar keine Elefanten.“ Worauf der klatschende Mann zufrieden lächelt und feststellt: „Sehen Sie, das Klatschen wirkt“. (nach Paul Watzlawick)

Will sagen, wir denken: Sobald wir aufhören, den Kindern „etwas beizubringen“, sobald wir damit auch nur einen Moment aussetzen, lernen sie (es) nicht (mehr). Deshalb machen wir damit weiter und beweisen uns dadurch, dass es Schule braucht.

In der Schule lernen Menschen, Schüler zu sein: den Unterricht zu verstehen, zu durchschauen, was Lehrende von ihnen wollen. Sie lernen herauszufinden, was beim Demonstrieren sogenannter Lernerfolge und beim Schreiben von Prüfungen von ihnen erwartet wird – von jeder einzelnen Lehrperson. Sie lernen sich einzustellen auf diese Systemerwartungen, die in der Pädagogik „Lehrer-Schüler-Beziehung“ genannt werden, und die, so wird seit Hattie gebetsmühlenartig repetiert, so wichtig sei für den Lernerfolg. Das ist doch kein Wunder, da in der Schule alles, was mit Lernen zu tun hat, an eine Lehrperson gekoppelt ist. Ob dieses Setting gut ist für lernende Menschen, ist damit noch nicht einmal diskutiert. Von ihren Lehrpersonen lernen sie jedenfalls gründlich, dass das Ziel des Lernens Leistung sei, die etwas Individuelles ist, und etwas, das sie in Konkurrenz zu anderen erbringen müssen, und das am Ende immer von anderen gemessen wird. Und von wem? Genau.

What a person in a classroom learns, is how to be a person in a classroom.


Clark Aldrich

Wer sein Kind in (irgend)eine Schule bringt, erklärt sich mit all dem einverstanden. Er und sie wird von jetzt an alles dafür tun, dass sein oder ihr Kind mit diesem System klar kommt und es übersteht – nicht umgekehrt. Wir sind schließlich auch damit klar gekommen. Und aus uns ist auch etwas geworden: Autofahrer, Anleger, Nespressotrinker, Kreuzfahrer, Fleischesser, Steuerzahler, Ferienflieger, Zuschauer – und Menschen, die ihre Kinder in die Schule schicken.

Bildung & Lernen im Digital Age. Ein Online Expert’innen-Talk

Titelfoto: Cover des gleichnamigen Buches von Steven van Belleghem

Worum geht es? 

Vier Menschen nähern sich aus vier Richtungen dem Thema Bildung & Lernen im Zeitalter der Digitalität. Heraus kommt ein Online Expert’innen-Talk mit Luzia Anliker Kunz, Christina Tschopp, Andreas Broszio und Christoph Schmitt -> klick names for more info 🛎

Wir arbeiten alle auf unsere Weise an der Überwindung von Ängsten, Vorbehalten und Widerständen gegen die Veränderungen im Kontext der Digitalen Transformation. Wir bringen anthropologische Aspekte und Impulse aus der Lerntheorie ins Spiel, sprechen über den Beitrag der Soziokratie und des BetaKodex Netzwerks für die Gestaltung von Organisationen und diskutieren über den radikalen Paradigmenwechsel im Lernen und Arbeiten.

Warum machen wir das?

Wir schieben den Diskurs in Richtung Zukunft an und bringen dazu unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammen. Wir nutzen dazu den Mehrwert der Gruppe – und bringen ein neues Format des Gesprächs voran: Online über geographische Grenzen hinweg.

Wo kann ich das ankucken? 

Hier.

Der Dornröschenschlaf des Bildungssystems: Wo steckt bloß dieser Prinz?

Bild: Mahomi Endoh, Pascal Schut | © Bettina Stoess. Quelle: Saarländisches Staatstheater

Das Bildungssystem ist im Dornröschenschlaf. Das bedeutet zweierlei. Erstens ist dieser Schlaf ja eine Narkose – um ungestört am System operieren zu können. Zweitens braucht es einen Prinzen, der das System wachküsst, also erlöst.

Bis dahin schläft das System weiter und träumt von digitalisierter Bildung. Für die einen sind das Albträume, für andere sind diese Träume elektrisierend. Dass eines Tages der Prinz kommen wird, ist womöglich ein Teil des Traums. Die alte Sehnsucht nach Erlösung, nach dem Retter, der selbstverständlich ein Mann ist. Prinzen retten Prinzessinnen. So eine Prinzessin ist unser Bildungssystem.

Die Metapher zielt auf das seltsame Gebaren dieses Systems und seiner Bewohner’innen. Eine Mischung aus passiver Ergebenheit an den Status Quo bei gleichzeitigem Leiden an ihm und der Weigerung, daran aktiv etwas zu verändern. Dafür braucht es jetzt den Prinzen: einen starken, dynamischen Leader, der zuerst von seinem hohen Ross steigt – um uns auf Augenhöhe zu begegnen, und der anschließend mit uns in eine goldene Zukunft galoppiert, während wir uns an seinen breiten Rücken schmiegen.

Wenn aus Bildern Realitäten werden

Das Problem, das der Lösung im Weg steht, sind die Bilder, mit denen wir unterwegs sind. Bilder von Führung und Veränderung. Bilder, die uns narkotisieren; die den Zweck haben, den Status quo erträglich zu machen und ihn dadurch aufrecht erhalten. Bis zur Ankunft des Prinzen, der dann alles ändert. Der uns die (Er-)Lösung nicht einfach bringt, sondern der unsere Erlösung ist.

Das Problem ist nicht, dass die einen auf den richtigen und die anderen auf den falschen Prinzen warten, sondern dass wir auf einen Prinzen warten. Auf den Politiker, die Partei, das Schulamt, den Verlag, die Bertelsmann Stiftung, den neuen Schulleiter, der es dann richten wird – oder uns.

Deshalb entwickeln wir mal lieber keine Bilder einer anderen Bildung – solange der Prinz noch nicht da ist. Und die, die sie trotzdem entwickeln, die warnen wir. Vorsichtshalber, denn: Wir wissen nicht, was der Prinz dazu sagen wird.

Wenn er kommt.

Noch eben die Welt retten. Eine Ode an den Menschen

Titelbild: Comfreak/pixabay

Die Analysten jubeln. Digitalisierung macht menschliche Arbeit und damit den Menschen nach und nach überflüssig in Prozessen der Wertschöpfung. Dadurch verschwindet nun endlich der immer schon größte Risikofaktor für die Vermehrung von Kapital.

Der Mensch also. Seit der Industriellen Revolution wurde er zunehmend unverzichtbar zur Häufung und Mehrung von Macht und Reichtum. Andererseits ruft er bis heute große Planungsunsicherheit und enorme Kosten hervor. Jetzt wird er ersetzt durch Technologie. In dieser Logik gilt: Je weniger Mensch, umso höher der Ertrag. Das macht die Digitalisierung zu einem noch nie dagewesenen Versprechen für Märkte und Kapital. Was heißt das für uns? Für Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann? 

Trick 17: Der Arbeit wieder einen Sinn geben – und sie dann abschaffen

Das jetzt denkbare, systematische Ausmustern des Menschen wird ja von allerhand „kulturellen Maßnahmen“ flankiert. LinkedIn und Twitter laufen über von Forderungen, Impulsen und Initiativen zur Humanisierung der Arbeit, um ihr „wieder einen Sinn zu geben“. Ich vermute: Hier wird breitflächig das Abwickeln weichgespült. 

Womöglich wird auf Führungsetagen großer Unternehmen und in Hinterzimmern regierender Politik gar nicht über die Humanisierung von Arbeit diskutiert, sondern über das Abwickeln des „Humanfaktors“ in der Wertschöpfung – und über das Austarieren unvermeidbarer sozialer Kollateralschäden. Die momentane Situation erinnert mich an Helmut Kohls Diktum von den „blühenden Landschaften“ nach der Wende. Menschen im Osten Deutschlands muss das im Rückblick wie eine Verhöhnung vorkommen. Und wenn wir genau hinsehen, dann entpuppt sich das auf den ersten Blick unverständliche „Aussitzen“ in Politik, Ökonomie und Bildung als schlaue Strategie – im Sinne einer Hochform spätkapitalistischer Vernunft.

Die Vernichtung von Jobs ist jedenfalls gewaltig, und sie betrifft Menschen, deren Tätigkeiten durch Technologie ersetzt werden – also die Mehrheit der Arbeitnehmer‘innen. Die werden vom Bildungssystem nach wie vor so beschult, als ob alles so weitergehen würde wie bisher. Doch in Wirklichkeit werden wir (du, ich, dein Kind) sukzessive überflüssig, denn unser Menschenbild funktioniert so: Dein Wert als Mensch ergibt sich aus deiner Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung, aus deiner Verwertbarkeit als Arbeitnehmer‘in und damit als Kapitalvermehrer‘in. Sei es in Lohn und Brot, sei es als Mutti. Keine Arbeit – kein Wert als Mensch.

Der Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn

Sich hier und jetzt mit Zukunftsfragen unserer Existenz zu befassen, mit humanen Lebensbedingungen und mit der Gestaltung menschlicher Gemeinschaft, das ist also keine Frage der Ökonomie. Die ist am Menschen nicht interessiert. Sie ist eine Selbstläuferin.

geraldfriedrich2 / pixabay

Es geht jetzt zuerst um Ethik. Es geht um diese Fragen: Was soll für uns „gutes Leben“ sein? Und wer ist „uns“? Wer und was soll „Mensch“ in Zukunft sein? Wie soll der und die leben, wo und mit wem zusammen? Was bleibt uns übrig: zu tun und zu(m) leben?

Selbst wenn wir über Klima und Planet reden, reden wir ja über uns selbst und über unsere Zukunftschancen als Menschen, denn dieser Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn.

Das ist womöglich noch immer nicht ganz klar: Wenn wir über Ökologie reden, dann reden wir über unsere Zukunft, nicht über die der Erde. Es geht um uns angesichts des endgültigen Verschwindens von Lebensressourcen, und dabei denke ich nicht nur an Nahrung, Wasser und Luft. 

Uns gehen jetzt gerade die menschlichen Ressourcen aus – ohne nachzuwachsen: Achtung, Wertschätzung, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, Respekt; wie mit Arbeitnehmer’innen umgegangen wird, mit ganzen Generationen von Schüler’innen, mit Arbeitssklaven überall auf der Welt, mit MigrantInnen, wie „wir“ über die Umwege des Internets eine Kultur des Hasses entwickeln und befeuern. Es geht um eine grassierende Gleichgültigkeit, mit der wir nicht erst in Sachen planetarer Zukunftsfähigkeit unterwegs sind, sondern was die Gestaltung menschlicher Beziehungen diesseits und jenseits des Gartenzauns betrifft.

Menschsein neu definieren

Es geht jetzt also ganz konkret um die Frage, wie wir Menschsein neu definieren und ausbuchstabieren. Dabei steht eines fest: So wie wir das bisher machen, kommen wir immer nur bis an den Punkt, von dem wir eigentlich weg wollen.

Quelle: youtube / Truman Show

Warum? Weil wir den Menschen als Problem betrachten. Er ist unser liebstes Defizit. Meistens in Form des Mitmenschen. Er kostet Geld, er führt Kriege, er wird krank, stört den Unterricht, nimmt mir die Vorfahrt und frisst den Planeten kahl. Unsere Coaches haben uns dann klar gemacht, dass nicht der Mitmensch das Problem ist sondern wir selber, und dass wir „bei uns selber anfangen müssen“ – mit der Optimierung. 

Jetzt geht es nochmal um etwas ganz anderes: um die radikale Umkehrung dieser Perspektive: Wir sehen den Menschen nicht mehr länger als Problem, das wir haben, sondern als die einzige Lösung, die wir sind – und gehen entsprechend miteinander um. Solange uns dieser Perspektivenwechsel nicht gelingt, sterben wir aus. 

Wer keine Vision hat, braucht einen Arzt

Wenn Sie Ihre Mitmenschen so richtig ärgern wollen, dann werfen Sie den Begriff „Vision“ in die Runde. Das geht auch mit „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. „Vision“ sagen ist wie Kaugummi zücken, wenn jemand aus dem Mund riecht: Schnelle Lösung, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten so genannten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des Bubblegum. Der Rest ist Kauen. Warum hält sich das Visions-Gemurmel so beharrlich im Marketing-Sprech und blitzt alle Nase lang auf linkedIn & Co auf?

Weil Visionen im ersten Moment intensiv triggern können. Sie erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Sie schmecken verführerisch. Sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status Quo, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft nach „mehr Desselben“, nicht nach Veränderung. Auch deshalb haben es echte Visionen bei uns schwer.

Wann Visionen wirken

Ein Blick in die Geschichte – von den großen Religionsgründern der Antike, über Martin Luther King bis zum Christopher Street Day – zeigt, wann Visionen eine nachhaltige Veränderung bewirken: wenn sie aus realem, geteiltem Leiden entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, Unterdrückung, Benachteiligung – nicht weil sie verordnet werden.

Und entgegen einer irrigen Auffassung steht am Beginn eines Visionsprozesses nicht schon die reale Veränderung realer Verhältnisse, sondern das Moment des Verbündens. Wirksame Visionen verbünden Menschen – nicht umgekehrt. Visionen entstehen fast von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel „irgendwo“ wütet, haben Menschen „anderswo“ keinen Visionsbedarf – und sind auch mit Schreckensszenarien nicht zu bewegen.

Eine Vision ist nicht etwas, das ich „habe“ und dann mit anderen teile. Visionen entstehen, wenn Teilen ins Spiel kommt.

Visionen entfalten eine Wirkung über den Moment hinaus dort, wo Menschen bestimmte Grundbedürfnisse teilen: nach Sinnhaftigkeit, nach Anerkennung, nach einer lebenswerten Zukunft. Und auch dann ist nicht vorhersehbar, in welche Richtung sie sich entwickeln. Visionen bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht bestimmen. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber letztere verschweigen es lieber – und dann schlägt ein Visionsprozess um in Manipulation: Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, mutiert zu Versprechungen über höchst ungewisse Zukünfte.

Die vier Eigenschaften einer Vision

Wirksame Visionen haben mindestens diese vier Eigenschaften:

  • Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln. Eines das Sog entwickelt.
  • Sie sind subjektiv in dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind: skin in the game. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der und die sie mit anderen teilt. Deshalb wirken echte Visionen gemeinschaftsbildend – was die Profiteure des Status Quo nicht wollen können.
  • Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen,
  • und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, wenn sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind ganz unterschiedlich 😉

Und wenn Sie einem guten Moderator brauchen, um eine zu entwickeln, dann geben Sie bitte Bescheid. Ich mach das.

„Comfort is not good in a world of learning.“

Some abstracts from a revealing conversation with Devin from learnlife Barcelona about the need of a new learning paradigm in education and how that can be realized – divided into three short sections.

First: The system

Devin names the baseline of the traditional school system: „Our school system does not realize, that there is a crisis of education, and that there are lots of unknown things coming down the pipeline in the future, and that they are not prepared for at all. They exist with bureaucracies that are not agile, not able to adapt and to change quickly. There’s a fear of change and there are really poor change management strategies.“

Second: The learners

He describes the situation in which learners normally find themselves: „They have this negative relationship with learning where they have already provoked a fighter-flight reaction with learning, because it might come with criticism and force. They think about learning in perverse terms, that learning is bad and negative for them. When you spend most of your academic career sitting in rows, spending the most of your day looking at your neighbours neck, who is sitting in front of you, education feels like something that is done to you not with you.“

Third: The future

„We have to unschool them, so that they can begin to really feel that they are actors and not spectators in their own education.“ The key question is: „How are we moving from a control to an empowerment paradigm? How do we empower learners rather than thinking about how to control their learning, they’re behaving, what they’re going to do with their lives? It’s all about how we empower them to take responsibility and agency over themselves.“

Here you can watch the full video of my expedition to learnlife:

https://youtu.be/cFQu5HT-b-8

If you want to start your own project in any possible size, please contact me for walking the talk.

Find more about the impressive learning paradigm on www.learnlife.com

Warum wir den Klimwandel nicht stoppen

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Warum lösen wir das Problem des Klimawandels nicht? Die einen sagen: weil die Lösungen das Problem sind, weil sie das Problem verstärken oder immer wieder hervorbringen. Andere sagen: Die Lösungen sind sogar Teil des Problems. Klären wir also, was eine Lösung ist.

Ganz wichtig: Es gibt keine richtigen und falschen Lösungen. Es gibt nur Lösung oder keine Lösung. Dass wir ein Problem falsch lösen können, diese Vorstellung kommt aus dem Mathematikunterricht. Im echten Leben ist etwas eine Lösung oder nicht. Anders als in der Schule entstehen Lösungen im wirklichen Leben nicht durch das richtige Anwenden eines richtigen Lösungswegs auf eine Aufgabe, bei der eigentlich klar ist, was hinten rauszukommen hat.

Nun lernen wir in der Schule genau diesen Umgang mit Lösungen und übertragen dieses Mindset auf das Leben. Schließlich lernen wir in der Schule fürs Leben.

Das zu lösende Problem ist also im Moment noch gar nicht der Klimawandel und wie wir ihn stoppen können, sondern unsere Vorstellung von Lösungen und wie sie zu Stande kommen. Dafür brauchen wir jetzt: eine Lösung. Die zeichnet sich, anders als in der Schule, dadurch aus, dass sie noch nicht existiert bzw. feststeht, wenn wir uns anschicken, sie zu finden. Hartes Brot.

Wir finden jetzt also zuerst eine Lösung für unser problembehaftetes Verhältnis zu Lösungsfindungen. Diese Lösung muss auf ganz andere Weise zu Stande kommen als wir bisher Lösungen suchen. Warum?

Weil: Wenn wir in Sachen Lösungsfindung weitermachen wie bisher, füttern wir dadurch unser problembehaftetes Verhältnis zu Lösungen, das davon ausgeht, dass am Ende eines irgendwo bereits bekannten richtigen Lösungswegs eine bereits bekannte, richtige Lösung nur noch hingeschrieben werden muss, während es unser Job ist, diesen Weg und die richtige Lösung zu finden.

Finden bedeutet für uns bisher, dass das, was es zu finden gibt, auf noch verborgene Weise bereits existiert wie Osternester, und wir vor der Aufgabe stehen, es zu entdecken – mithilfe richtig gelernter, richtig angewandter Lösungswege. Dafür gibt es ja auch die Punkte. Oder Ostereier.

Ostern Kinder suchen

Wirkliche Lösungen für reale Probleme werden aber nicht gefunden. Sie werden entwickelt – im jeweiligen Kontext, der kein zweites Mal genau so vorkommt. 

Was wir hingegen in der Schule (fürs Leben) lernen im Kontext von Problemen und Lösung, ist: anzunehmen bzw. davon überzeugt zu sein, dass Lösungen etwas sind, das am Beginn der Suche nach ihnen bereits existiert. Das Problem, das wir dann zu lösen versuchen, ist der Weg zur Lösung, den es anscheinend als richtigen ebenso schon gibt, wie die Lösung selbst. Das Problem ist also eigentlich schon gelöst. Es wurde für uns und zum Zweck des Erreichens einer Anzahl von Punkten, lediglich nochmals neu aufgesetzt. Das ist Aufgabe und Ziel von Pädagogik und Didaktik.

Schule macht aus dem Problem, wie wir z.B. den Klimawandel anpacken, das Problem, wie wir eine möglichst hohe Anzahl von Punkten erreichen. Im Zentrum steht jetzt die Aufgabe, die richtige Lösung zu finden, die es ja schon gibt, denn sonst könnten ja für das richtige Abschreiten des richtigen Lösungsweges zur richtigen Lösung keine Punkte geholt werden.

Deshalb kommen wir im Moment gar nicht bis zu dem Problem, den Klimawandel zu stoppen, sondern sind in diesem Mindset unterwegs, die irgendwo bereits existierende Lösung und den bekannten Weg dorthin zu „finden“, denn so haben wir in der Schule gelernt, Lösungen zu finden, und dafür bekommen wir Punkte. Und wenn wir darin versagen, also die Lösung nicht finden, sind wir täglich mehr enttäuscht darüber, keine Punkte zu bekommen und werden immer ungehaltener, dass sie nicht endlich mit den Lösungen rausrücken. #fridaysforfuture

Denn: wir gehen davon aus, dass es diese Lösung(en) und den Weg dorthin schon gibt, und dass die jemand kennt. In der Schule liegen die Lösungen ja auch irgendwo in den Schubladen. Warum sollte das also in Politik und Ökonomie anders sein, wenn es um den Klimawandel geht?

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Das Netz läuft dem Bildungssystem den Rang ab

Wenn ich weiss, was relevantes Wissen ist, und wenn ich die Skills und das Stehvermögen habe, um autonom zu lernen, brauche ich keine Schule. Und solange Schule genau diese Skills nicht fördert, brauche ich auch keine Schule.

In diesem kurzen Videoausschnitt ist jeder Satz Gold wert, denn Tu-Lam zeigt auf, wie Bildung heute vielerorts und zukünftig überall funktionieren wird. Diese Entwicklung ist radikal und sie läuft bereits schon geraume Zeit, in einem Affenzahn und unumkehrbar.

Erfolgreiches, wirksames und nachhaltiges Lernen spielt sich ganz offensichtlich immer häufiger jenseits und außerhalb der Grenzen des klassischen Bildungssystems ab, wie Tu-Lam Pham hier skizziert.

Von den Kollektiven zu den Konnektiven

Dieses „Außerhalb“ wird mehr und mehr zu einer Chiffre für den Raum, in dem Menschen sich selbst befähigen. Aus eigener Erfahrung sagt Tu-Lam Pham, der Mehrwert eines klassischen Studiums, den er nicht pauschal abstreitet, habe ihm in seinem beruflichen Leben nie etwas geholfen, auch nicht bei der Unternehmensgründung.

Tu-Lam zeigt die Vorteile des Autodidaktischen auf: Für Menschen, die ihre Bildung und ihr Lernen selber in die Hand nehmen, reduzieren sich die Kosten gegen Null, „um an guten Content zu kommen“. Wenn ich weiss, was ich will, gibt es im Netz das Beste, und zwar von den besten Experten der Welt – in kompakter Weise. Bernhard Pörksen beschreibt in einem äußerst erhellenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung diese Entwicklung neuer Lernräume als einen Weg von den Kollektiven zu den Konnektiven, die sich erfolgreich kulturell abkoppeln von den alten Gatekeepern.

In dieser Eigenverantwortung kann ich sowohl in der Breite als auch in der Tiefe eine viel bessere Ausbildung bekommen, denn wenn wir uns die Sachen selber beibringen (durchaus auch im Sinne von „heranschaffen“), können wir viel flexibler sein: uns das Notwendige selber zusammen stellen. Statt z.B. vier Jahre am Stück nur ein Fach zu studieren, baue ich mir mein eigenes, flexibles Curriculum, wie auch im Gespräch mit dem Millennial Jürgen Baumgärtner deutlich wird:

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„Was, wenn der Autodidakt, der drei Jahre lang seine Expertise auf eigenem Weg autonom entwickelt hat, von Unternehmen bevorzugt wird gegenüber einem klassischen Studenten?“, so Baumgärtner.

De-Schooling von Bildung und Ausbildung

Wenn ich diesen Weg erfolgreich gehen möchte, setzt das natürlich voraus, dass ich weiß, was relevantes Wissen ist, und dass ich die Skills und das Stehvermögen habe, mir die Sachen autodidaktisch beizubringen – und dass ich in der Lage bin, mir entsprechende Netzwerke zu bauen, in denen ich mich einerseits unterstützend einbringe, um andererseits Unterstützung zu bekommen, wo ich sie brauche, denn Lernen ist und bleibt ein soziales Phänomen.

Mit dieser Skizze vor Augen ist klar, wobei junge Menschen von Anfang an konsequente und professionelle Unterstützung brauchen: Es geht um die 21st Century Skills, die mittlerweile an allen Wänden prangen, und die im (Hoch-)Schul-, im Aus- und Weiterbildungssystem weiterhin konsequent ignoriert werden – unter anderem, weil diese Systeme selber nicht über diese Skills verfügen, weder als Organisationen noch in ihrem lehrenden Personal.

Hochschule und Digitale Kompetenz in der Lehre. Ausschnitt aus einem Tweet: https://twitter.com/bildungsdesign/status/1134439040743280642?s=20

Wir sollten uns also nicht mehr länger mit den Fragen aufhalten, was im klassischen Mindset von Schule und Lehre falsch läuft oder wo da ein bisschen rumgeschraubt werden müsste. Das ist alles schon gegessen. Es steht fest, dass das klassische Schul- und Bildungsparadigma zu Ende gegangen ist. Wir kriegen es täglich präsentiert. Da draußen herrscht ein „Klima der Notwendigkeit“. Tu-Lam formuliert deshalb auch nicht, was es braucht, sondern was es gibt und was bereits funktioniert – und diesen Perspektivenwechsel kriegt Schule nicht mehr hin. Deshalb: Loslassen, abschliessen, neu erfinden, und vor allem: heute damit anfangen.

Barcamp #initiate19

Die Konferenz der Zukunft wird nicht mehr vom Keynote-Speaker geprägt und  nicht von Panels, auf denen sich Expert’Innen vor Publikum im Saal unterhalten. Im Digitalen Zeitalter werden solche Auftritte ins Netz verlegt und können dort von jeder jederzeit auf jede erdenkliche Weise genutzt werden. Die so wertvolle menschliche Präsenz, das Zusammenkommen von Menschen zu Anliegen und Themen gestaltet sich in Zukunft radikal anders. Wie genau und wie vielfältig: darum geht es auf dem Barcamp #initiate19 am 7. Juni in Zürich.

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Unser Medienpartner

Mittlerweile haben sich fast 70 Personen aus dem ganzen deutschsprachigen Raum angemeldet – wir sind ganz aus dem Häuschen! Mehr Partizipation in Meetings, Trainings und Konferenzen sollen nicht nur Inhalt des barcamps sein, sondern auch Methode. Alle Teilnehmenden haben die Möglichkeit, eigene Erfahrungen mit partizipativen Formaten zu teilen, Fragen zu stellen oder neue Methoden miteinander auszuprobieren.

Als vor wenigen Monaten die Idee zu einem solchen Barcamp entstand, gab es lediglich die überall spürbare Unzufriedenheit mit der bestehenden Konferenz-Kultur und einen diffusen Bedarf, einen Wunsch nach „bitte anders!“ Seither verbreiten und vernetzen wir diese Idee im Internet, sind auf der Suche nach Sponsorinnen und Sponsoren, die uns finanziell unterstützen, und haben einen Workspace auf Slack eingerichtet. Alle Teilnehmerinnen sind eingeladen worden, dort mitzumachen, sich schon mal persönlich vorzustellen und die eigene Fragestellung zu konkretisieren. Hier wird zum ersten Mal sichtbar, wieviel geballte Kompetenz und Erfahrung am barcamp teilnehmen wird. Die Chance auf einen echten kollaborativen Mehrtwert ist also real. Wir wollen sie nutzen.

Unser Dank gilt an dieser Stelle der Obersee Bilingual School in Pfäffikon und der Bold Brains AG, die uns durch Sponsoring großartig unterstützen. Beide Unternehmen sind seit vielen Jahren erfolgreich engagiert in der konkreten Weiterentwicklung von Bildung und Schule.

Wir freuen uns nach wir vor sehr über jede weitere Spende – und selbstverständlich sind auch jetzt noch Anmeldungen möglich. wir freuen uns über jede und jeden, der und die den Diskurs mitgerstalten, differenzieren und vernetzen möchte.

Tickets gibt es hier bei eventbrite.

Das Bildungssystem und sein Vermittlungszirkus sind am Ende. Eine Klarstellung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis in die Seniorenuni: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum.

Wir wissen nicht erst seit gestern sehr gut und empirisch abgesichert, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung ist also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin State Of The Art. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm oder ihr wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (regieren, bauen, verkaufen, planen), ist das nicht anders, nur komplizierter und manchmal auch komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt.

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es „selber machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind, und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.