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Nicht das Kind ist krank, sondern die Schule, in der es steckt

Text: Christoph Schmitt

Fotos: Aus dem Video Ninnoc von Niki Padidar

Der Aktivist Rosa von Praunheim hat 1971 für das öffentliche Fernsehen in Deutschland einen Film produziert mit dem Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Dieser Filmtitel bringt ein fundamentales Merkmal von Kultur zum Ausdruck: dass Normalität eine Frage des Kontextes ist, innerhalb dessen sie beansprucht wird; dass alles, was Kultur ist, auch anders interpretiert werden kann und hin und wieder sogar muss.

Normalität und das gesellschaftlich Normative sind also nicht vom Himmel gefallen. Sie sind kulturelle Konzepte. So ist das auch mit der Schule. Auch die ist ein Konzept, das einmal erfunden wurde. Aus Gründen. Heute ist sie eines der wenigen, das uns noch geblieben ist aus den letzten hundertfünfzig Jahren. Normativ hoch aufgeladen und sakrosankt wie einst die großen christlichen Kirchen, die ihre Funktion als moralische Flüstertüte des Kapitalismus verloren haben – so staatstragend sie einmal waren. Die meisten anderen Systeme (z.B. Politik oder Gesundheit) sind, was ihre Funktionsweise betrifft, ökonomisiert. Jetzt hängt alle Hoffnung am Phänomen Schule. Sie erscheint als letztes Refugium für das Reproduzieren von Kultur, als letzte kulturelle Projektionsleinwand. Eine Art Rettungsboot für alle. Das verleiht ihr in den hitzigen Debatten über sie den Nimbus einer Institution, die eigentlich nicht zur Diskussion stehen darf. An ihr herumkritteln: klar. Sie Reformen unterziehen: bitteschön. Sie digitalisieren: wenn‘s sein muss. Aber sie selbst steht nicht zur Disposition.

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Schule ist vorbei

Doch diese Situation ist eingetreten. Schule als System ist zu Ende. Ähnlich wie andere kulturelle Trägersysteme, die erfunden wurden, um über Jahrhunderte hinweg gesellschaftliche Stabilität zu garantieren, und die dann unter mehr oder weniger großem Lärm und mit Schmerzen abgewickelt wurden. Wir stehen an einem Punkt der Geschichte, wo das System Schule seine stabilisierende Funktion verloren hat und dysfunktional geworden ist. Wöchentlich erreichen mich durch die sozialen Medien Reflexionen, die diese Diagnose machen. Explizit oder zwischen den Zeilen. In dieser Woche unter anderem Andreas Schleicher – wie immer bezogen auf’s große GanzeBernie Bleske hinsichtlich der Beschulung Jugendlicher, Alma Pfeifer im Blick auf die ersten Jahre.

Schule garantiert nicht mehr den gesellschaftlichen Fortbestand (was auch immer das ist), sie untergräbt ihn. Zwar gehen wir davon aus, dass all die Probleme, die Schule hat und hervorbringt, in den Griff zu bekommen sind. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass wir das hinkriegen mit genügend Geld und so viel Reform, wie’s halt braucht. Mit anderen Eltern und besseren Lehrern und mehr iPads. Doch genau das ist der fundamentale Irrtum. Warum?

Ein Beispiel: Der Einsatz heilpädagogischer Berufe nimmt stetig zu. Die entsprechenden Studiengänge & Stellen werden immer wichtiger. Vordergründig geht es dabei um die Unterstützung von Kindern mit Problemen. Tatsächlich geht es aber um eine Illusion von „Reibungslosigkeit“ nach dem Vorbild industrieller Produktionsabläufe. Auch Andreas Schleicher stellt im erwähnten Interview fest, dass das industrielle Arbeitsmodell nach wie vor großen Einfluss auf die Schulkultur hat. Dieses Mindset bringt die Problematik mitsamt den Kindern, die „Probleme machen“, also womöglich erst hervor. Das haben z.B. die Langzeitstudien von Remo Largo in der Schweiz verifiziert. Auch erleben mehr und mehr Kinder und ihre Eltern seit Jahren auf ganz nicht-wissenschaftliche Weise, dass Schule eher krank macht als klug.

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo nur noch die Kinder und Jugendlichen „unauffällig“ bleiben, die ein gefestigtes soziales und am besten auch materiell gepolstertes Lebensumfeld haben, denn Nachhilfe wird, im Unterschied zu Ritalin & Co, nicht von der Krankenkasse bezahlt. Alle anderen bekommen spezielle Betreuung.

Wir nehmen nicht die wirkmächtigen Zusammenhänge in den Blick. Wir operieren an den Folgen herum. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen in ihre Sessel zurückfallen können mit dem ruhigen Gewissen, dass sie nun wirklich alles Mögliche getan haben, was dem Steuerzahler und der Wählerschaft zuzumuten ist. Das Vorgehen ist auf perfide Weise hermetisch: Das Schulsystem erweckt den Eindruck, dass es „etwas für die Kinder tut“ und erwartet diesbezüglich vor allem Dankbarkeit. Dass es selbst der Hauptverursacher eines Problems ist, zu dessen Lösung es dann großzügig antritt, diese entscheidende und mittlerweile naheliegende, weil erfahrungs- und reflexionsgesättigte Erkenntnis, die wird ausgeblendet. Aus Gründen.

Schule bringt aber nicht nur Probleme hervor, die sie dann zu lösen vorgibt. Vielmehr vermittelt sie unzähligen Kindern und Jugendlichen ein Selbstbild als problematische, zurückgebliebene, als nicht oder nur schwer integrierbare Menschen. Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass wir Menschen niemals „sind“. Wir „verhalten“ uns: so oder anders. Die Situation, in die wir junge Menschen stecken, damit sie lernen, hat immer einen fundamentalen Anteil daran, wie sich Kinder und Jugendliche dazu verhalten.

Nicht das Kind ist krank, sondern die Schule, in der es steckt. Heilpädagogik, Logopädie, Schulsozialarbeit, Ritalin und Nachhilfe sind allesamt Überlebensstrategien des Schulsystems. Es geht um die Rettung unserer Vorstellung von Normalität. Selbst Probleme wie das Mobbing, das ja reflexartig an „den Kindern“ festgemacht wird, an „den Medien“ und „den Eltern“, gedeihen ja vor allem in klassischen schulischen Kontexten. Wer Mobbing verstehen möchte, sollte nicht bloß auf die Kinder schauen, die es praktizieren, sondern auch auf die Schule, in der es passiert. Die Tatsache, dass Mobbing an innovativen und alternativen Schulen nicht vorkommt, hat nicht damit zu tun, dass dort „halt spezielle Kinder sind“, die sich die Schule wie Rosinen herauspickt. Es hat damit zu tun, dass das Phänomen an solchen Schulen keine Chance hat, weil Kinder und Jugendliche, die auch dort aus jedem erdenklichen persönlichen Background kommen, eine andere Kultur des Lernens und der Gemeinschaft erfahren, und weil sie dort ganz anders lernen, mit Macht umzugehen.

Ganz zu schweigen davon, dass auch die Kinder und Jugendlichen, die einigermaßen unauffällig durchkommen (aka „erfolgreich“), in der Schule schon lange nicht mehr auf das vorbereitet werden, was die Zukunft an Haltungen, Fähigkeiten und Einstellungen erfordert. Hier lautet die Begründung von Seiten der Schule immer wieder: „Wir können unsere Arbeit deshalb nur noch schwer machen, weil wir immer mehr problematische Kinder haben.“ Dass ein Kind ganz einfach überfordert ist, wenn es in einen Rahmen gespannt wird, der die Individualität von Lernen und Persönlichkeitsentwicklung systematisch ignoriert und unterdrückt, gerät nicht in den Fokus der Überlegung. Vielmehr ist genau dann zu hören, Kinder müssten als erstes lernen, sich ein- und anzupassen, sich unterzuordnen. Und wer das nicht kann, brauche halt Unterstützung.

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Es ist umgekehrt: Wir brauchen eine andere Schule. Wir brauchen einen Zusammenschluss all jener Kräfte in unseren Gesellschaften, die das selber in die Hand nehmen. Die das Thema Bildung und Lernen gemeinsam und grundsätzlich neu denken. Nicht nur vereinzelte Eltern und Elterngruppen, die ihre Kinder aus der Schule nehmen, weil es nicht mehr anders geht (wie es z.B. zunehmend im Kanton Bern geschieht, weil es dort möglich ist). Das kann nur ein Anfang sein. Ein wichtiger und wertvoller Anfang, weil er alarmiert. Aber es geht um viel mehr. Es geht darum, dass wir für Kinder und Jugendliche völlig andere Räume und Formen des Lernens entwickeln, bauen und umsetzen.

Die traditionellen Institutionen zu adressieren oder auf sie zu warten, ist sinnlos, solange diese weder bereit noch fähig sind, sich auf die innovativen Initiativen einzulassen und von ihnen zu lernen. Die Safaris und Wallfahrten, die Pädagogische Hochschulen regelmäßig zu solchen Initiativen unternehmen, enden so, wie die vielen Ausflüge von Politikern und Unternehmern ins Silicon Valley: Sie kehren erschreckt und fasziniert in die eigene Welt zurück mit der Erkenntnis, „dass das so bei uns natürlich nicht funktionieren kann“ – aus Gründen.

Die Fragen, die wir uns jetzt zu stellen haben, sind: Was spricht dafür, im großen und ganzen so weiterzumachen wie bisher, mit all diesen Ausreden und Begründungsreflexen, weil wir das bestehende Schulsystem weiterhin für das beste aller möglichen halten, an dem wir hier und da ein wenig rumschrauben und reformieren, ein wenig digitale Tools importieren und eine Schulsoftware, die Leistungsnachweise und Lehrermangel optimal verwaltet? Und was spricht dafür, dass die traditionelle Schule zu Ende gegangen ist: konzeptionell, methodisch und in Bezug auf ihr Menschenbild? Weil sie die meisten jener Probleme, die sie hat, selber hervorbringt, weil sie pausenlos mehr Desselben tut in einer Situation, in der ein radikaler Neuanfang die einzige Lösung ist.

Das neue Lernen wächst in den Nischen

Aufgrund meiner Beobachtungen, Beratungen, Gespräche und Recherchen vermute ich, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren vor allem jene Initiativen stark an gesellschaftlichem Einfluss zunehmen, die nicht innerhalb des bestehenden Schulsystems innovativ werden, sondern im freiem Feld: initiiert von Menschen, die verstanden haben, was es braucht; die das Geld und auch die Aufmerksamkeit zusammenkratzen, um ihre wertvollen Konzepte weiterzuentwickeln und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist im Moment noch mit hohen Risiken verbunden – vor allem im alten Europa, wo Staaten ihre Bürger‘innen mit einer rigorosen Schulplicht drangsalieren bzw. ausschließlich die traditionellen Systeme alimentieren – sei es mit Geld, sei es mit Gültigkeit. Vieles hängt im Moment noch am staatlichen Bildungsmonopolismus, der jedoch weder verhindern konnte noch kann, dass sich in Nischen wunderbare Initiativen entwickeln und verbreiten – und damit meine ich nicht jene Privatschulen auf Schweizer Boden, die jährlich 50 000 Franken dafür kassieren, dass sie junge Leute durch die Matura bringen, die also am Ende doch wieder im Takt des traditionellen Systems zu tanzen haben.

Ich meine jene Initiativen, die selber ums finanzielle Überleben kämpfen, gerade weil sie mit einem völlig anderen Konzept arbeiten, als die staatliche Schule. An dieser Stelle seien noch einmal drei von ihnen genannt, in denen ich die Zukunft des Lernens sehe: Das mittlerweile über 50-jährige Konzept der Sudbury Valley School in seiner ganzen Radikalität, die School Circles in den Niederlanden und – für mich besonders beeindruckend, weil in einem recht konservativen kulturellen Umfeld entstanden und Fuss gefasst: Das Barcelona Learning Innovation Center.

Das neue Lernen, das wir so dringend brauchen, wird sich weder im alten Schulsystem entfalten, noch aus ihm heraus. Vergleichbar mit vielen Entwicklungen, die wir momentan im Kontext der Digitalisierung erleben, und die sich allesamt an anderen Orten auf dieser Welt abspielen. Das alte Europa ist kraftlos geworden ist. Es funktioniert noch immer nach dem Schema „Zugpferde, Mitläufer, Abgehängte“. Zelebriert wird das Alte, wird die Wiederholung. „Fancy new clothes for the Emperor and his tribe“. Der patriarchale Traditionalismus mit seinen Symbolen und Artefakten, mit seinen Hierarchien und Seilschaften durchwirkt noch immer alles, damit das radikal Neue nicht Fuss fassen kann: nachhaltige Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens, ökologische Neuanfänge auf breiter Ebene, Überwindung nationalistischer Narrative, Erfindung neuer Erzählungen über lebenswertes Leben, eine Ahnung davon, wie unsere Zukunft aussehen könnte, statt des ritualhaften Abhakens all jener Vorschläge, die nicht genehm sind. Aus Gründen. Überall Vermeidungsängste statt Zukunftshoffnungen. Und dazwischen das gute alte „panem et circenses“ im neuen Gewand.

Der erste Schritt, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist ein Unterbrechen der Versorgung dieses Systems mit „menschlichem Nachschub“. Entweder wir gehen dieses Risiko ein und erfinden Schule, Bildung und Lernen neu, oder wir gehen vor die Hunde.

Einige konkrete Vorschläge in diese Richtung habe ich in meinem Blog ausgearbeitet. Wenn Sie an diesen Gedankengängen interessiert sind, klicken Sie sich bitte rein:

-> Bildung in der digitalen Zukunft.

-> Vier Schritt in die Zukunft des Lernen.

-> Lernen in Netzwerken.

Und Sie sind sehr herzlich eingeladen zum Barcamp am 7. Juni im Trammuseum in Zürich, wo wir uns einen Tag lang intensiv mit der Frage auseinandersetzen, welche Alternativen wünschenswert sind und wie wir die zusammen entwickeln können.

Tickets gibt’s hier.

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Hungrig machen statt satt: Aufgaben einer Schule der Zukunft

21.3.2019 / Das hier ist ein Input, den ich am 22.3. online im „Langhuus – Kulturfabrik – Cham“ habe einfließen lassen zum Thema „Bildung und Lernen im Wandel“. Im Anschluss gab es noch ein Panel mit interessanten Leuten aus der Region. Und los: 

Was würden sie alles auf eine einsame Insel mitnehmen? Das ist eine beliebte Scherzfrage um rauszufinden, was einem wirklich wichtig ist im Leben. In unserer Kultur ist die einsame Insel eine Mischung aus Sehnsuchtsziel und einem Ort, an den ich angespült werde. eine Mischung aus „letzte Rettung“ und Refugium. Wir wünschen uns zwar manchmal hin, aber die, die dort sind, wollen genauso dringend wieder weg. Eine Weile kann ich es da aushalten, aber irgendwann reicht’s. Wir sind nicht für die Insel gemacht. 

Erst recht nicht der Schiffbrüchige: Er hat sich diese Insel nicht ausgesucht. Dennoch war sie seine Rettung. Nirgendwo wird das (meiner Ansicht nach) eindrücklicher erzählt als in dem Kinofilm Cast Away mit Tom Hanks. Nach einem Flugzeugabsturz längst für tot erklärt, überlebt er fünf Jahre auf der Insel, bis es ihm eines Tages bei gutem Wind gelingt, mit dem selbstgebauten Floß in See zu stechen. Diese Filmszene ist eine wunderbare Metapher für die Situation, in der wir alle gerade stecken. Was meine ich damit?

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Klimawandel als Bedrohung unserer Gewohnheiten

Zum Beispiel den Klimawandel. Der ist eindeutig. Er droht nicht nur, er existiert. Er zerstört Leben und Lebensgrundlagen, er lässt aussterben. Er macht das Leben von immer mehr Menschen zu einer Frage des reinen Überlebens, vor allem das der kommenden Generationen. Wir müssen ganz dringend aktiv werden, was uns aber nicht gelingt, weil dieser Klimawandel im Moment vor allem unsere Gewohnheiten bedroht, unser gewohntes Leben. Wir erleben ihn hierzulande nicht als die Gefahr, die er ist, sondern als einen Angriff auf unsere Lebensweise. Wir ziehen uns auf unsere Insel zurück und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. 

Je stärker wir uns an eine Situation gewöhnt haben, umso schwerer fällt es uns, loszulassen und uns ganz neu auf den Weg zu machen. Bildlich gesprochen: In See zu stechen. Vor allem, wenn wir so gut wie alles zurücklassen müssen, wenn der Weg selber gefährlich ist und die Zukunft völlig offen. Wer macht so etwas freiwillig? Vor allem dann, wenn es sich eigentlich gar nicht so dramatisch anfühlt – hier im Zentrum Europas. Aber es ist die Situation, in der wir gerade stecken. Als Land, als Kontinent, als Planet. 

Noch ein Monster: Die Digitalisierung

Neben dem Klimawandel gibt es noch ein Monster, das viele von uns als Bedrohung erleben: Die Digitalisierung. Als ob die Hiobsbotschaften der Klimaforscher und der streikenden Kinder nicht schon verwirrend genug wären, wird uns jetzt auch noch prognostiziert, dass die Digitalisierung unsere Arbeitswelt ganz radikal verändert. Auch hier stehen die meisten unserer Gewohnheiten zur Disposition. Sehr viele Jobs und Berufe werden tatsächlich wegfallen bzw. sich radikal verändern. Ganz neue werden entstehen. Viele traditionelle Arbeitsverhältnisse fallen nach und nach weg oder werden in die Schwellenländer verlagert. Die Mittelschicht schrumpft seit Jahren, die KMU-Welt, das wirtschaftliche Rückgrat der Schweiz, steht unter Druck. Ganze Branchen brechen ein. Neue entstehen, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir gewohnt sind. Wir müssen in See stechen.

Das Problem ist nur: Wir haben auf die meisten Herausforderungen, vor denen wir jetzt gerade stehen, keine Antworten oder Lösungen. Wir haben einfach die sichere Erkenntnis, das es nicht mehr so weitergeht, wie bisher. Sei es jetzt in Sachen Klima, oder in Sachen Arbeit und Wohlstand. 

Metaphorisch gesprochen müssen wir diese Insel verlassen, auf der wir es uns eingerichtet haben. Der Verunsicherung ins Gesicht sehen und loslassen, was uns bisher Sicherheit gegeben hat, und woran wir uns gewöhnt haben. In See stechen. Ohne zu wissen, wo wir ankommen und wie. Diese Ungewissheit ist das Erbe unserer Generation an die nächste.

Wie & wo bereitet sich die kommende Generation  darauf vor?

Eigentlich durch Schule. Über ein Jahrhundert lang hat Schule junge Menschen auf ein ökonomisches Erfolgsmodell vorbereitet, das jetzt zu Ende geht. Und damit gehen auch unsere Vorstellungen davon zu Ende, was Schule zu tun hat und was nicht. Jetzt muss Schule junge Menschen nicht nur auf etwas anderes vorbereiten. Sie muss sie auch anders vorbereiten als bisher. Mit der Art und Weise, wie wir bis heute Schule machen, bereiten wir weder uns noch unsere Kinder auf das vor, was uns erwartet. Soviel steht fest.

Ein schlechte Nachricht ist das aber nur für die, die ums Verrecken an dem festhalten wollen, mit dem sie selber groß geworden sind; für jene, die sich der Erkenntnis verschließen, dass wir Bildung und Lernen neu erfinden müssen. Denn die gute Nachricht ist: Nirgendwo können wir den Hebel effektiver ansetzen, als in Bildung und Erziehung. Das ist unser Floß. Die einzig aussichtsreiche Möglichkeit, die wir im Moment haben, um mit den großen Herausforderungen klar zu kommen, ist die, dass wir Schule und Lernen von Grund auf neu erfinden.

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Schule darf uns nicht länger – metaphorisch gesprochen – darauf vorbereiten, wie wir möglichst gut „so weitermachen“, sprich: die Insel bewirtschaften. Das war in der Vergangenheit ja die Aufgabe von Schule. Jetzt hat sie eine andere. Und das ist bisher den wenigsten wirklich klar.

Jetzt müssen wir lernen, dass und wie wir von dieser Insel runterkommen. Und zwar zuerst im Kopf. „In See stechen“ ist das zentrale Bildungs- und Lernziel der Stunde. Da geht es um eine ganz neue Haltung, und es geht um ein paar Fähigkeiten, die Schule bis heute sträflich vernachlässigt.

Die „Fridays for Future“ machen’s uns bereits vor. Da sind junge Leute, die ihre Zukunft selber in die Hand nehmen, die das eigene Hirn nutzen um diejenigen kritisch zu hinterfragen, die uns an die Schulpflicht erinnern wollen, um ihre eigenen Gewohnheiten zu retten.

Kinder & Jugendliche brauchen ein ganz neues Lernen und eine völlig neue Schule. Eine, in der sie nicht mehr belehrt werden, nicht vollgestopft und satt gemacht, sondern eine Schule, die sie hungrig macht und neugierig auf völlig neue Pfade und Wege. Eine Schule, die den Mut und die Neugier fördert, die jeder junge Mensch mit auf die Welt bringt. Eine Schule, die nicht mehr länger nach Antworten fragt, sondern mit Fragen antwortet. Eine Schule, die das Lernen nicht mehr länger vom Lehren aus betrachtet, sondern als Selbstermächtigung versteht. Lernen als die Fähigkeit, die jeder Mensch hat, um sich die Welt zu erschließen.

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Keynote statt Gottesdienst, oder: Die Renaissance des Kultischen

 

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Die überbordende Konferenz- und Keynote-Kultur und die damit verbundenen Aktivitäten des Pilgerns und Wallfahrens auf Seiten der Konsumierenden haben keinerlei Informations-, Bildungs- oder Lerneffekte. Was auf diesen Events gesprochen und gezeigt wird, ist längst für alle frei im Internet zugänglich. Warum haben diese Formate Hochsaison?

Sie befriedigen ein Bedürfnis, für das im letzten Jahrhundert die Gottesdienste der christlichen Kirchen zuständig waren. Keynotes & Conferences haben kultische Funktionen, und das geht so: Menschen kommen in unsicheren und prekären Situationen zusammen, um sich in der Menge anderer Verunsicherter geborgen zu wissen und Worte und Gesten des Trostes und der Ermahnung zu hören; um gemeinsam mit anderen Rituale des Gemeinschaftlichen auszuüben und dadurch die Bedrohlichkeit des Unverständlichen einzudämmen; um zugleich einen Anteil am Strahlenden, am Machtvollen und Überzeugenden zu erlangen, das wie seinerzeit vom Setting und von der Inszenierung des Sakralen ausgeht. Und auch heute dreht sich auf diesen Veranstaltungen viel um die Entwicklung und Verbreitung von Erlösungsphantasien und darum, das eigene Gewissen zu entlasten.

Das sind einige der Hauptfunktionen des religiösen Kultes, der jetzt im „Konferenz-Paradigma“ Urständ feiert. Dementsprechend sind nach wie vor jene Persönlichkeitsprofile gefragt (und fahren den Schotter ein), die den Kult beherrschen und liefern, nicht diejenigen, die an Lösungen interessiert sind – und sie voranbringen.

Die Keynote-Kultur löst keine Probleme, sondern hilft sie zu ertragen

Im Moment nimmt die Plausibilität von „Keynote & Conference“ zu. Daran erkenne ich, dass um uns herum Unsicherheit, Nichtwissen und Angst zunehmen – und deshalb die Bereitschaft, sich diesen Ritualen zu unterwerfen. Was sich dadurch aber weder verbreitet noch entwickelt, ist das, was in diesen säkularen Gottesdiensten von den Priestern verkündet und gepredigt wird: Agilität, Empowerment, Wissen, Aufklärung und Kompetenz nehmen gerade nicht zu. So wenig wie sich in früheren Tagen durch das Kultgeschäft der Kirchen die christliche Botschaft von Feindes- und Nächstenliebe und von der Bewahrung der Schöpfung durchgesetzt hat – denn darum geht es im Kult nicht.

Ich will nicht sagen, dass sich die ökonomischen, sozialen, technologischen und ökologischen Probleme, vor denen wir derzeit stehen, durch diese Renaissance des Kultischen vergrößern.

Was für mich jedoch feststeht, ist: Sie werden dadurch weder adressiert noch gelöst.

Schluss mit Disneyland. Das Abenteuer findet woanders statt

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Je brutaler die Veränderung, die ansteht, umso bizarrer die Ausreden, der Widerstand, die Ablenkung, das Abwinken. Das erleben wir gerade im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation besonders stark. Warum ist das so?

Die Wirklichkeit, aus der wir alle kommen, wurde in unseren Tageszeitungen und in deren Inhaltsverzeichnis abgebildet: Politik, Sportteil, Wirtschaftsteil, Internationales. Und was da jeweils drin stand, das war die Welt, wie sie war. Maximal filtriert durch die Redaktionen, sprich: durch die Produktionsprozesse von Wissen. Wirklichkeit war (und ist für sehr viele bis heute) das, was uns „die Zeitung“ zeigt. Interpretation inbegriffen, denn schon die Auswahl dessen, was sie uns zeigen und was nicht, ist eine massive Interpretation. Wie in den Geschichtsbüchern, die eine völlig andere Wirklichkeit abbilden, abhängig davon, wer in ihnen z.B. (über) den Zweiten Weltkrieg erzählt: Die Sieger oder die Verlierer.

Genau gleich verfährt die Schule: Sie packt das, was sie für relevant hält, in Fächer und vermittelt es im Lektionentakt. Sie entscheidet damit, was zur Wirklichkeit gehört und was nicht. Oder auch das klassische Fernsehen: Die Kanäle, wie wir sie nannten, hatten ja auch die Aufgabe, Wirklichkeit und Welt zu kanalisieren. In Unterhaltung, in Information und in Bildungsfernsehen. Auch hier gilt: Nur was gezeigt wird, findet statt in der Welt der Zuschauer’innen. Oder denk an deine Buchhandlung, wo die literarische Welt ebenfalls in Abteilungen eingeteilt ist: Hier die Romane, da die Sachbücher, die Kochbücher, die Ratgeber – von A bis Z.

Am Beckenrand sitzen bleiben oder Schwimmen lernen

Das Ziel von all dem: Andere reduzieren die Komplexität der Welt für mich, um den Preis, dass ich das als Wirklichkeit akzeptiere, was die Gatekeeper zu mir durchlassen – eine andere Wirklichkeit gibt es dann nicht. Das Gerede von den Bubbles und den Blasen, die durch das Internet produziert werden, ist also Augenwischerei. Vielmehr kommen wir aus einer Kultur der Blasen. Wir kannten die letzten 100 Jahre nichts anderes.

Jetzt haben wir das Internet mit seiner grenzenlosen inhaltlichen Vielfalt und mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten, selbst zu bestimmen, zu handeln, aktiv zu werden, Einfluss zu nehmen – auf was auch immer: politisch, kulturell, ästhetisch, sozial, ökonomisch. Jetzt könn(t)en wir Schwimmen lernen – oder weiterhin am Beckenrand sitzen und maulen.

Weil wir aus der alten Welt kommen, sind wir mit der grenzenlosen Verfügbarkeit maßlos überfordert und schreien wie wild nach den Bademeistern: nach dem Alten, dem Sortierten, nach der richtigen Auswahl. Wir (a)gieren danach, dass jemand Klarheit in die Kiste bringt. Wir schreien nach den alten Gatekeepern: dass die endlich ihre Arbeit richtig machen sollen und die Wirklichkeit sortieren, und für uns die richtigen Entscheidungen treffen: die Politiker, die Unternehmer, die Schulen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt sind wir dran. Jede und jeder einzelne. Mit einem nie gekannten Höchstmaß an Selbststeuerung und Selbstermächtigung. Das ist die Herausforderung der Stunde.

Das neue Spiel

Alles, was wir dazu brauchen, ist Strom, Internetzugang und ein Device. Jede und jeder von uns. Der Rest ist Expedition & Vernetzung. Nur so lernen wir die Neue Welt kennen, die uns bereits heute zur Verfügung steht – in der wir uns bewegen, ohne dass es die meisten von uns realisieren würden. Wir haben es in der Hand – jede und jeder einzelne von uns: ob wir weiterhin abhängig sein wollen von dem, was uns andere als Wirklichkeit verkaufen – oder ob wir selbst entscheiden.

Bildschirmfoto 2018-07-26 um 13.28.25Das bringt uns niemand bei. Keine Zeitung, kein Unterricht, kein Kurs und kein Buch. Im Gegenteil: Die alten Gatekeeper werden weiterhin alles daran setzen, dass du abhängig von ihnen bleibst und dir sagen, wie sehr du sie brauchst, um diese Welt zu verstehen – denn auch sie wollen überleben. Vor allem die Bildungsanbieter, die Verlage, die Medienhäuser und die großen sozialen Plattformen. Sie alle leben von der Erkenntnis, dass Information Macht bedeutet und sehr viel Geld.

Wir können den Spieß jetzt umdrehen. Denn alles Wissen und alle Erfahrung liegen kostenlos im Internet rum. In jeder erdenklichen Form. Und wie du Schwimmen nur schwimmend lernst und Sprechen nur sprechend, Singen nur singend und Laufen nur laufend, so lernst du das Internet und sein gewaltiges Potenzial nur nutzen indem du es nutzt.

Ich garantiere dir: Du wirst auf den ersten 100 Metern Internet bereits eine Menge spannender Leute kennenlernen, die mit dir unterwegs sind.

Time to go.

Womit du richtig Geld verdienen wirst. Echt.

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Ratloses Abendland. Quelle: Altpapier

Wir gründen jetzt (wieder) eine Firma und nennen sie „Lang & Breit“. Oder „Breit & Lang“. Mal sehn. Vielleicht auch „Sargnagl & Erben“. Unser Angebot: Menschen aus dem Sessel wuchten, ihnen über die Brücke helfen, über den wackligen Steg – in die Zukunft. Wir errichten agile Hospize mit palliativen Angeboten für das Überleben in Organisationen, die so gut wie tot sind. Damit verdienen wir richtig Geld.

Sag was anderes und mach dasselbe

Diese Firma wird erfolgreich sein, denn was sie anbietet, ist anschlussfähig. Unser Trick ist genial einfach und einfach genial: Alle Maßnahmen, die wir planen und durchführen, um „das neue Mindset“ (was bitte?) endlich umzusetzen, funktionieren nach dem alten Mindset: Didaktik, Vermittlung, Versorgung. Wir machen etwas an und mit unseren Kunden (wie der Arzt, die Kosmetikerin, der Lufthansa-Pilot und die Lehrerin) oder für sie (wie der Paketbote, der Broker und die Müllabfuhr) – und wir tun es agil. Wir spielen nach wie vor Blinde Kuh, nennen es jetzt aber Mindfulness. Auf die innere Stimme hören. Das geht viel besser mit verbundenen Augen. Echt. 

Unser Erfolgsrezept: Was wir verändern, sind nur die Inhalte. Das ist unsere USP. Wir reden über Themen wie Digitalisierung, AI, Internet of Things, Platforms, Blockchain, Machine und Deep Learning. Data Science und Security, Agilität und – über völlig neue Formen der Organisation. Echt.  

Wir reden über anderes, wir denken anderes, aber weder denken wir es anders noch denken wir anders. Das jedoch wäre das Neue. Das ist aber nicht anschlussfähig. Kauft dir keiner ab.

Wir haben den Plan!

Genau deshalb entwickeln wir (weiterhin) Programme, Lehrpläne, überhaupt: Checklisten & Pläne für andere, an und mit denen wir dann – agil – etwas machen. Eine Software, ein (Motivations-, Scrum-, Design Thing-King) Seminar, einen Kurs, eine Konferenz oder zehn, eine Keynote oder zwei, eine Podiumsdiskussion, ein Barcamp, das keines ist, ein Projekt, eine Exkursion. Und alles ist immer vorbereitet: hat einen Ablauf, eine Struktur – zur Sicherheit. Wir machen keinen Schritt ohne Plan[et] B.

Wir machen immer „mehr desselben“ – nur über andere Inhalte. Weil wir es nicht anders kennen, wollen & machen wir es genau so: Wir können gar nicht anders. Das blenden wir aber aus.

Der Kunde will das

Stattdessen sagen wir: Die Leute (Schüler, Mitarbeiter) brauchen das. Die wollen das (Kunden). „Die sind so“. Und wir müssen sie (alle) mitnehmen! Und durch genau dieses Mindset sorgen wir dafür, dass sie so bleiben – nicht „wie sie sind“, sondern wie wir sie sehen – und brauchen. Als Menschen, die nicht wirklich Verantwortung für sich und ihr Entscheiden und Handeln, für ihr Denken und für ihre Zukunft übernehmen können. 

Damit wir weiterhin unser altes Ding durchziehen können.

Spüren Sie jetzt das Bedürfnis nach einer Lösung in sich? Wunderbar. Möchten Sie es laut rausschreien? „Gib mir ENDLICH die Lösung!?

Wir haben sie. Lang & Breit.

Nur zur Sicherheit: Es gibt sie gar nicht.

Sicherheit sei ein wichtiges Bedürfnis, sagen wir uns pausenlos. Ist sie aber nicht. Auch befriedigt sie kein Bedürfnis. Sicherheit hält lediglich in Schach. Eher würde ich von Verlustangst sprechen, zuvörderst vor dem Verlust der Kontrolle. Wir fischen hier im Innerpsychischen, und zwar nach unserem Umgang mit Instabilem und Unwägbarem, das wir mit Fetischen zu kompensieren versuchen, wie Erich Fromm beschrieben hat – durch Religion, Konsum, Autorität, Kontrolle.

Die Wortgeschichte zeigt, worum es eigentlich geht: Das lateinische „securitas“ (sinnigerweise der Name einer schweizweit sehr erfolgreichen, privaten Überwachungsfirma) geht auf „securus“ für sorglos zurück. Heute wird das interpretiert als „frei von unvertretbaren Risiken und Gefahren“. Soweit so wikipedia.

Unsere einzige Sorge: Die Sorglosigkeit

Microsoft Word - Grillfete.docxDer Widerspruch, der unsere Wahrnehmung in Sachen Sicherheit belagert, ist das Leugnen der (Erfahrungs-)Tatsache, dass Sicherheit ein definitiv und brutal vorläufiger Zustand ist. Und ein extrem öder dazu. Metaphorisch: Wir sind nur solange in Sicherheit, wie der Löwe satt ist. Oder wenn er ausgestorben ist. Da arbeiten wir ja dran.

Wir erheben die Sorglosigkeit zur größten Sorge. Wir sind ständig darum besorgt, keine haben zu müssen. Das ist pervers. Es hält pausenlos vom Leben ab. Es macht das Leben selbst zum Risiko, statt anzuerkennen, dass das Leben eben auch aus Risiken besteht. Und damit sind nicht die selbst gemachten gemeint. Wie Sex ohne Gummi, Skifahren abseits der Piste oder zu spät zur Arbeit kommen. Schon eher gemeint sind nicht zu zähmende Phänomene wie Unvorhersehbarkeit und Emergenz.

Ein Nächstes: Durch unser maßlos übersteigertes Bedürfnis nach Absicherung erkaufen wir uns eine Form von merkwürdiger Ereignislosigkeit (alles, was passiert, geschieht geplant) und Kontrollillusion. Wenn sich dann flüchtende Menschen auf den Weg zu uns machen, oder wenn sich Schüler’innen regelwidrig auf die Strasse schicken, um für ihr Recht auf Zukunft zu kämpfen, dann ticken wir aus. Wir erschaffen und erhalten ein ausgeklügeltes System von Sicherheiten, das eine Hermetik erreicht hat, die uns von dem abschneidet, was Leben ursprünglich ist: Exploring & Discovering. Neue Möglichkeiten, neue Begegnungen, neue Wege, neue Lösungen.

Zu diesem Zweck erklären wir die Phänomene des realen Lebens (Risiko, Scheitern, Misslingen, abgewiesen werden, neu anfangen, Loslassen, Sterben) zu Symptomen und verlagern sie in mediale Inszenierungen. Das Risiko findet in Geschichten statt, die wir uns erzählen lassen, um uns zu gruseln, abzuschrecken und bei Laune zu halten. Die exportierten Nebenwirkungen dieser Inszenierungskultur von Freiheit, Wohlstand und Sicherheit, die sich nichts mehr traut und keine wirkliche Verantwortung kennt, fallen im Moment brutal auf uns selbst zurück: durch politische Insolvenz, durch palliative Didaktik, durch globale Migration, durch das Versiegen von Ressourcen, durch aussterbende Tier- und Pflanzenarten, durch die Klimakatastrophe u.v.m.

Der Fetisch des Störungsfreien

„Störungsfreiheit“ ist ein aus dem Technologischen entliehenes Synonym für Sicherheit, das unsere Lebenswelt komplett durchdrungen hat. Allein sie soll noch erreicht werden: verkehrs- und datentechnisch, versorgungstechnisch, medizinisch, bei Organisationsabläufen u.v.m. Die Ironie dabei: Je mehr wir uns auf das Störungsfreie fokussieren, umso weiter rückt es in die Ferne. Flugzeuge stürzen zwar kaum noch ab, sie haben sich aber zu einem wichtigen Teil der (Ver- und Zer-)Störung zahlloser Systeme des Planeten gemausert. Natürlich wünschen wir uns sichere, störungsfreie Flugzeuge. Flugzeuge, die abstürzen, töten Passagiere. Doch Flugzeuge, die nicht abstürzen, töten den Planeten. Welches Element würden Sie also aus dieser „Gleichung“ heraus kürzen um das Töten zu stoppen?

Der hohe Preis der Sicherheit: Konformismus und Vergleichgültigung

Toaster EastwoodIm Sozialen ist es der Zwang zu konformem Verhalten, das unsere Gesellschaften durch normative Vergleichgültigung an den Rand der Implosion bringt. Das Narrativ dazu: „Scheißegal, wie es dem Anderen so geht – dafür ist jeder selber zuständig, und darüber hinaus gibt es Krankenhäuser, Sozialämter, Versicherungen, Gerichte und Gefängnisse.“ Zuständig für anderes sind immer Andere. Auch das gehört zum Fetisch der Störungsfreiheit. Anders soll es gefälligst nur Anderswo gehen. Individualität und Verschiedenheit sind komplett zu einer Sache des Konsums geworden. Vielfalt ist auf die unbedingte und rücksichtslose Vielfalt eines Angebots reduziert: Leben als (Um-)Buchen.

Selbst was der Künstlichen Intelligenz unterstellt wird, nämlich die lückenlose Kontrolle unserer Lebensvollzüge, ist lediglich eine technologisch möglich gewordene Übersteig(er)ung einer längst üblichen kulturellen Perversion: Sicherheit durch Kontrolle. Ein guter Film dazu: Das Leben der Anderen. Die Angst vor Künstlicher Intelligenz richtet sich also nicht gegen mehr Kontrolle, sondern auf den Verlust der Kontrolle über die Kontrolle.

Der Lohn der Sicherheit: Hauptsache Arbeit

256E8492-B47E-4538-8A40-8FD4A8EE67FBUm diesen „Teufelskreis der Sicherheiten“ am Laufen zu halten, gibt es ein ausgeklügeltes System der Be-lohn-ung: Saläre, Karrieren, Renten, Pensionen, Boni, Renditen, Gehaltserhöhungen. Die erniedrigendste Auswirkung aller Sicherheitssimulationen ist in diesem Teil der Welt die, dass wir uns als Arbeitssklaven halten lassen – zynischer Weise auch dann, wenn wir keine haben. Wir tun und unterlassen alles, um nicht aus jener materiellen Absicherung zu fallen, durch deren Aufrechterhalten wir zugleich der Mehrheit der planetaren Mitbewohner’innen ein Minimum an Lebensqualität verunmöglichen.

Wir sind so fest und tief in dieses System der Ausbeutung verstrickt, dass wir jeden Vorschlag, es auszuhebeln, wie die Sau durchs Dorf jagen: „Bedingungsloses Grundeinkommen? Nur was für faule Säcke“ (anders: Rudger Bregman). Wir ergehen uns in Gleichgültigkeit, Ignoranz und nicht selten Hass gegenüber allem, was diesen Status Quo, der ja mittlerweile fast nur noch aus seinen Nebenwirkungen besteht, ins Wanken bringen könnte, und wir nennen es unser Sicherheitsbedürfnis.

Teilen als Risiko und Ursprung einer neuen Wirklichkeit

Was wir verloren haben (vielleicht nie wirklich hatten), ist das Vertrauen in die Möglichkeiten des Menschen und des Menschseins. Vor allem hier sehen wir vor allem Risiken. Darum sichern wir uns ab. Völlig wurscht, ob es sich um flüchtende Menschen handelt, um Schüler’innen, die wegen des Erhalts ihrer Lebensgrundlagen auf die Straße gehen, oder um irgendein Mitglied irgendeiner Gegenpartei. Sie alle sind einzudämmende Sorglosigkeitsrisiken.

längere tischeWeil wir dieses Vertrauen nicht haben, können wir nicht teilen. Auch nicht unter- oder miteinander. Wir verteilen, teilen zu, aus und mit – kontrolliert, zertifiziert und durchreguliert. Teilen geht nicht. Nur tauschen: Leistung führt zu Gegenleistung. Dabei entstünde erst aus der Haltung des Teilens Zukunft im Sinne eines Projekts, das wir als „gemeinsames Drittes“ erkennen. Wenn ich zu teilen beginne, entsteht sofort eine neue Wirklichkeit, in der als erstes die Erwartung verschwunden ist, der und die andere mögen es mir gleich tun. Teilen ist immer asymmetrisch – wie das Leben.

Das Teilen löscht den Argwohn. Wenn ich teile, setze ich mich einem Risiko aus. Ich weiß nicht, was damit geschieht, weil ich keinen Anspruch mehr auf das erhebe, was ich geteilt habe. Teilen hat immer zur Folge, dass genügend zur Verfügung steht. Erst dort, wo jemand oder eine Gruppe nur noch für & an sich denkt, entsteht ein Mangel. Erst im Teilen tritt an die Stelle von Sicherheit die Gewissheit – eine Schwester des Vertrauens.

Geteiltes Wissen halbiert sich nicht, es vermehrt sich. Ebenso die Zeit, die ich teile. Und immer ist und bleibt unvorhersehbar, was mit dem Geteilten geschieht. Dennoch gibt es keine andere Haltung unter Menschen, die mehr Menschlichkeit in die Welt bringt, als die Haltung des Teilens – im Sinne eines Gegenentwurfs zu Kontrolle und Sicherheit. Teilen ist die praktische Seite des Vertrauens und zugleich seine Nagelprobe.

Teilen setzt ungeheure humane Kräfte frei. Es löst Abhängigkeiten in Luft auf und öffnet der Emergenz Tür und Tor. Es ermöglicht sogar konkrete Freiheit, weil durch das Teilen Ressourcen in Umlauf kommen, die ungeahnte Gestaltungsspielräume eröffnen.

Teilen eröffnet und ermöglicht das, was wir durch Sicherheit und Kontrolle vergeblich zu finden hoffen. Oder mit den Worten einer lieben Freundin: Wenn du einen Freund auf einer Insel halten willst, dann schenke ihm (d)ein Boot.

Vier Schritte in die Zukunft des Lernens

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Foto: Moritz Frankenberg. Quelle: Hannoversche Allgemeine

Über den Wandel wird viel gesprochen. Digitalisierung und so. Klima. Wir müssen dringend etwas tun. Also tun wir besorgt. Die „FridaysForFuture“ entlarven das Ganze als Geschwätz und machen klar: Wir müssen uns neu erfinden. Uns nicht weiter unendlich ausdehnen, und sei es durch Künstliche Intelligenz, sondern unser Menschsein neu erfinden. Das reden wir weder herbei noch weg. Wir lernen es – und zwar in vier Schritten.

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Erster Schritt: Loslassen ist der Anfang von Allem

Unser Bildungssystem ist am Ende. Es atmet nur noch, weil und solange es an teuren Maschinen hängt. Dies zu realisieren, ist unumgänglich und schmerzhaft. Wir sagen zwar, wir könnten viel eher loslassen, wenn wir wüssten, was danach kommt. Die Erfahrung zeigt jedoch: erst durch das Loslassen wird mein Blick frei und offen für das, was kommt. Wenn wir uns das eingestehen und wirklich Trauerarbeit leisten, lassen wir los und werden frei für einen neuen Anfang. Ohne dieses Loslassen bleibt jede Vision eine Schimäre, ein Abklatsch der Gegenwart. In meiner Arbeit mit sterbenden und trauernden Menschen wurde mir vor allem dies klar: Loslassen ist der Anfang von Allem. 

Zweiter Schritt: Das Lernen neu erleben und neu beschreiben

To create a new mindset of what we mean when we say learning. Wenn es um radikale Veränderung geht, ist Lernen alles, was uns bleibt. Wenn wir das Alte losgelassen haben, gibt es nur noch Lernende. Jetzt orientieren wir uns am Unbekannten und allein das Lernen bringt uns voran. Dieses Lernen der Zukunft ist nicht mehr auf Phasen und Orte beschränkt. Es ist auch keine Fähigkeit, sondern eine Eigenschaft, wie das Atmen. Wir entdecken das Lernen neu und gehen bei denen in die Schule, die es seit Jahrzehnten praktizieren: Summerhill, Sudbury Valley, Democratic Schools. Einen klaren Blick darauf gibt es hier. Vier Übergänge zum Neuen Lernen werden jetzt relevant: 

Vom Using zum Performing

Keine Bühnenshows & Keynotes, sondern Flow. Psychologisch beschrieben hier – philosophisch hier. Keine inszenierten Lerngelegenheiten mehr. Kein kaltes Buffet der Unterrichtsmethoden und kein didaktischer Bauchladen. Lernen ist nicht mehr das Nutzen (halb-)fertiger Angebote, kein Ausbacken kleiner Brötchen aus Lehrerhand. Stattdessen jetzt das eigene Tempo finden und den eigenen Rhythmus. Die eigene Struktur. Lernen ist nicht mehr ein Anwenden und Einsetzen von Methoden, sondern das Erfinden des eigenen Spiels. Performing als Spiel. Spiel als Ernstfall des Lernens. Konkret beschrieben wird das hier. Auf den Punkt gebracht: 

„Gibt man Kindern die Freiheit (sic!) zu spielen, dann gibt man ihnen die Freiheit, die Natur innovativer Prozesse unmittelbar zu entdecken. Sie erhalten damit unmittelbar eine Umgebung, die erahnen lässt, welche Haltungen ihnen lebenslang nützlich sein werden, im Zeitalter von Innovation, Muße und Kreativität“ (Quelle). Das gilt nicht nur für Kinder – sondern für jedeN von uns.

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Vol de deux

Vom Teaching zum Discovering 

Lernen ist keine Ableitung von Lehren mehr, denn sowohl der Lehrer als auch die Künstliche Intelligenz nehmen mir ja bis heute die fundamentale Aufgabe des Lernens ab: Selbststeuerung und Selbstermächtigung. Wenn Lernen bis heute „being taught“ meint, steht es in Zukunft für das Entdecken – und zwar gerade nicht im Reservat, sondern in der Welt, die kein Lehrmittel ist, wie Christof Arn vermutet, sondern ein Lernort. „Discovering“ meint nicht das Lupfen des Deckels vom Kochtopf oder das Auspacken eines Geschenks. Es setzt nicht am Fließband des Erwartbaren an, es sitzt nicht am (Gaben-)Tisch und harrt der Lüftung eines inszenierten Geheimnisses. Discovering ist im Gegenteil eine Suchbewegung, keine Erwartungshaltung.

Vom Executing zum Exploring 

Lernen kennen wir als das Ausführen von Aufgaben: Ausmalen, Abfahren, Ausfüllen. Das Durchgehen und Abarbeiten von Listen: Executing.

Exploring hingegen ist eine Dynamik, die bei Expeditionen ins Unbekannte gebraucht wird: Der Wille zu erforschen. Sich nicht auf ein nächstes Kapitel gefasst zu machen, das schon geschrieben ist, sondern auf das Neue, das geschrieben werden will. Jeden Stein umdrehen, noch einen Schritt weiter gehen. Sich alle Zeit der Welt nehmen, um in das Unbekannte und nicht Gewusste einzutauchen, um es dadurch für sich zu erschaffen. Nichts, wodurch du eine Expedition vorbereitest, ist dir in dem Moment eine Hilfe, wenn dir das Neue begegnet. Oder Martin Walser: „Das fänd ich gemein, vorbereitet zu sprechen zu unvorbereiteten Menschen“ (Quelle).

Vom „Following Plans“ zur Serendipity

Serendipity bezeichnet eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem, das sich als neue und überraschende Entdeckung erweist (Quelle). Sie ist ein Grundprinzip des Lernens, des Fortschritts, jeder Form von Entwicklung. Serendipity braucht völlig andere Umgebungen als die curricular und diaktisch umzäunten Lernräume des Bildungssystems. Sie braucht die zufällig eingeschlagene Richtung, den unabsichtlich gewählten Weg. Das Abseits, die Abweichung, durch die der neue Weg entsteht: die „unerwartete Entdeckung, die durch einen glücklichen Zufall möglich wird. ‚Serendipity‘ tritt in unser Leben, wenn wir in einem Buchladen plötzlich ein Buch in der Hand haben, das durch seinen Umschlag unsere Aufmerksamkeit geweckt hat, das wir eigentlich nie gelesen hätten, aber in dem wir nun plötzlich stöbern. Zu ‚Serendipity‘ gehört es, wenn ich plötzlich eine Zeitungsreportage anlese und gefesselt bin, obwohl ich dachte, ich interessiere mich nicht für das Thema. ‚Serendipity‘ liegt in der Begegnung mit einem Menschen, in den ich mich verliebe, obwohl er nicht meinen ‚Idealvorstellungen‘ entspricht. Und ‚Serendipity‘ liegt auch darin, dass ich plötzlich einem unbekannten Thema begegne, das mich politisch aktiv werden lässt, weil es mir so wichtig erscheint“ (Quelle).

Dritter Schritt: In den Learnflow kommen

Was ist ein Flow? 

Das „als beglückend erlebte Gefühl eines mentalen Zustandes völliger Vertiefung (Konzentration) und restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit („Absorption“), die wie von selbst vor sich geht.“ (Quelle) 

Warum ist der Flow für das Lernen so wichtig? 

Weil Lernen nie nachhaltiger ist und nie folgenreicher, weil es nie beglückender und verbindlicher ist, als im Flow. Wenn Klaus Holzkamp das von ihm so genannte expansive Lernen beschreibt, das ein Maximum an Selbst- und Welterschließung ermöglicht, dann beschreibt er den Flow (Quelle). Es ist, wie Daniel Greenberg es beschreibt, unaufhaltbar. Es bedeutet: Ich bin ganz in etwas vertieft, dem ich mich selber verpflichtet habe (Quelle/Seite 89f). 

Wie fühlt es sich an im Flow zu sein?

  • Wir sind vollständig in das verwickelt, was wir tun: zielgerichtet und konzentriert.
  • Ein Gefühl der Ekstase – außerhalb der alltäglichen Realität zu sein.
  • Große innere Klarheit – zu wissen, was getan werden muss und zu wissen, wie gut wir darin sind.
  • Zu wissen, dass die Aktivität machbar ist – dass unsere Fähigkeiten der Aufgabe angemessen sind.
  • Ein Gefühl der Gelassenheit – keine Angst mehr um sich selbst und ein Gefühl, über die Grenzen des Egos hinauszuwachsen.
  • Zeitlosigkeit – durchweg auf die Gegenwart ausgerichtet, scheinen Stunden in Minuten zu vergehen.
  • Intrinsische Motivation – was auch immer Flow erzeugt, wird zu seiner eigenen Belohnung.

(Quelle: TED Talk von Mihaly Csikszentmihalyi) 

 

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Flow

Den oder einen Learnflow kann ich nicht vorhersagen, vorbereiten oder abrufen. Es gibt allerdings Haltungen, mit denen die Wahrscheinlichkeit steigt, „in den Flow zu kommen“, die das schiere Gegenteil sind von Besorgtsein, Apathie und Langeweile. In Anlehnung an ein Konzept, das Tim Leberecht entwickelt hat, sind es vor allem vier Haltungen, die diesen Schritt erleichtern. Ich habe die Formulierungen von Tim übernommen, von dem es dazu einen wunderbaren TED-Talk gibt (Quelle). Es sind Haltungen, die wir als Menschen einnehmen, die aber auch von Umgebungen gespiegelt werden können, von Räumen, die diese Haltungen fördern; die dazu einladen, in diesen Haltungen unterwegs zu sein, sie einzunehmen. Es sind nicht die Haltungen der wenigen, die lehren oder führen. Es sind die Haltungen aller:

Doing the unnecessary

Das nicht Notwendige tun. Die Spielräume des Lernens entstehen überall dort, wo das Notwendige aus dem Blick gerät, wo mein Interesse jenseits der Nützlichkeitslogik mäandern kann. Dadurch entdecke ich erst den Überfluss an Lerngelegenheiten. Als ich (m)einer achten Klasse in Luzern vorschlug, über ein verlängertes Wochenende nach Berlin zu reisen, und diesen Event selbst zu organisieren, begann ein nicht enden wollendes Feuerwerk an Dynamik, Solidarität, Selbstverantwortung, Energie, Durchhaltewillen, Geschäftssinn. Es entwickelte sich eine völlig neue Form der Klassengemeinschaft. Was in Wochen der Vorbereitung und während der Reise selbst möglich wurde, war eine neue Form der Vertrautheit, weil junge Menschen anfingen, miteinander das nicht Notwendige zu tun. 

Creating intimacy

Vertrautheit schaffen. Nicht als Angebot, sondern als gemeinsam gestaltete Kultur. Eine Kultur, in der Menschen Vertrauen fassen in die Tragfähigkeit und Belastbarkeit der Beziehungen; in der sie sich hervortrauen, in der sie den gemeinsamen Boden pflegen, auf dem sie ihre Beziehungen gestalten; in der eine Kultur der wertschätzenden und verbindlichen Kommunikation auf Augenhöhe wächst. 

Being ugly

Die dunkle Seite des Unzureichenden ausagieren. Unzulänglichkeit anerkennen, adressieren und künstlerisch artikulieren statt sie zu ignorieren oder zu tabuisieren. Sie zelebrieren statt zu stigmatisieren. Sie dramatisieren statt sie zu unterdrücken. Selbstironie als kollektive Ausdrucksform und Ventil etablieren. 

Staying incomplete

Damit ich überhaupt anfange zu lernen, muss meine Umgebung unvollendet sein und bleiben. Als unauslöschliches Merkmal. Irgendetwas muss immer fehlen, unvollständig sein, offen, unpassend und unangepasst, mehrdeutig, widersprüchlich unbeständig und vergänglich – und zwar gewollt, nicht geduldet. Eine Umgebung, die am Perfekten orientiert ist und an der Vollständigkeit, lädt nicht zum Lernen ein. Sie schreckt ab. Staying incomplete bedeutet, dass mich die Welt und meine Beziehungen in ihr hungrig machen, nicht satt. Sie wecken meine Neugier, sie befriedigen sie nicht – letzteres ist ja meine Aufgabe als Lernender. 

Emergenz
Zusammenspiel

Vierter Schritt: Communities bilden. Damit aus Nomaden keine Monaden werden

Communities sind nicht einfach „gegeben“. Sie wollen erschaffen werden. Erst recht in den digitalen Netzwerk- und Plattformstrukturen der Zukunft. Wenn Lernen und Arbeiten immer mehr „nomadisch“ werden, wächst das Risiko, das Menschen immer mehr „monadisch“ funktionieren. Die Gig-Economy birgt die Gefahr der Vereinsamung, wie Marco Jakob, Mitgründer des Coworking-Space Effinger in Bern, im Interview betont. Zwei Herausforderungen stellen sich ein: Lernen, Communities zu bilden und in Communities zu lernen. 

Menschen lernen nicht allein. Üben vielleicht schon. Lernen nicht. Lernen ist immer ein soziales Phänomen. Es ist immer eingebunden in menschliche Gemeinschaft, denn Lernen bedeutet immer auch: Ich erschließe mir die Welt. Lernen ist das sukzessive Ausbauen und Verdichten von Netzwerken mit der Welt. Es lebt aus der Kommunikation – auch dann, wenn es sich Schleifen des Rückzugs oder der einsamen Expedition erlaubt. Es ist, wenn nicht gleichzeitig, so doch jederzeit verbunden mit lernenden Systemen und im Austausch mit ihnen. Deshalb lernen nie nur einzelne Menschen, sondern immer ganze Systeme. Was tun wir, wenn wir Communities bilden?

connecting

Wer ist noch da mit mir? Verbindung aufnehmen. Einen gemeinsamen Raum der Möglichkeiten und der Verbindlichkeit eröffnen durch echte Anwesenheit, durch Aufmerksamkeit. Ankommen ermöglichen.

sensing

Mit welcher Geschichte, mit welchen Geschichten und Anliegen sind wir da? Was beschäftigt uns? Was treibt uns um? Wer sind wir? Welche Themen sind im Raum? Bedürfnisse realisieren. Gemeinsamkeiten entdecken. 

caring

Interesse entwickeln und zeigen. Mich zuwenden. Zuhören. Bei unseren Themen sein. 

sharing

Erkennen, was gebraucht wird. Eine Haltung des Teilens entwickeln. 

co-creating

An den Themen arbeiten. Lösungen entwickeln. Gemeinsam konstruieren, bauen, experimentieren, erforschen.

emerging

Den Mehrwert von Community nutzen. Im Zusammenspiel neue Eigenschaften, Strukturen und Möglichkeiten entwickeln, die nicht auf die Eigenschaften Einzelner zurückzuführen sind.

Diese Elemente bilden zum Beispiel in der ‚Theory U‘ von Otto Scharmer und in der Themenzentrierten Interaktion von Ruth C. Cohn die Grundlage jeder Form menschlicher Entwicklung. Beide Konzepte haben mich in meiner Biografie stark geprägt, und ich profitiere täglich von ihnen.

Community
Emergenz

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