Nutze das Netz: Es gehört dir!

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Fortschritt war für den Menschen immer verbunden mit Vernetzung. Die Versorgung mit Trinkwasser durch ein Leitungsnetz ebenso wie der Bau eines Straßennetzes oder der Abwassersysteme. Sie machten vielen Krankheiten und Seuchen den Garaus. Auch das Stromnetz war die Voraussetzung für eine nächsten zivilisatorischen Schritt. Jetzt stehen wir am Anfang der Digitalen Transformation. Jetzt wird das Internetz immer dichter. Noch haben viele Angst davor und verstehen das alles nicht. Sie weichen aus. Wie früher, als sie ihr Wasser weiterhin beim Brunnen holen wollten, denn jemand könnte das Leitungsnetz vergiftet haben. Sie wollen lieber, dass alles so bleibt, wie es ist. 

Du nicht? Dann lies mal weiter.

Möchtest du weiterkommen? Bist du in letzter Zeit neugierig geworden, was in und hinter dem ganzen Hype um die Digitalisierung steckt? Dann bist du in einer ähnlichen Lage, wie sehr viele Menschen.

Wir realisieren, dass sich um uns herum in beruflicher Sicht eine Menge verändert. Die einen merken das am zunehmenden Organisationsaufwand in der Firma. Andere realisieren es anhand der Gerüchte über schlechte Zahlen, Stellenabbau, Fusionen. Womöglich nimmst du am Rand wahr, dass es den einen oder anderen Menschen gibt, der sich nebenher was aufbaut. Vielleicht kennst du eine Kollegin, die mit anderen zusammen übers Internet ein kleines Business gründet. Vielleicht spürst du aber auch bei dir selbst eine gewisse Unzufriedenheit und Enge mit deiner beruflichen Situation, die jedoch noch nicht stark genug ist, um dich zu einer Entscheidung zu bringen.

Und dann überall diese Digitalisierung. Allgegenwärtig. Das Internet: ständig da. Ständig online. Immer verfügbar. Ein enormer Sog geht von ihm aus. Es zieht alles an, was in seine Nähe kommt, saugt offenbar alles auf.

Das Internetz entwickelt eine unglaubliche Dynamik. Es bietet mittlerweile fast alles an, was ein Mensch brauchen kann (und was nicht), und vor allem: es bietet dir so gut wie alle Möglichkeiten der Welt, dich zu informieren, dich zu bilden, dich mit interessanten Menschen zu vernetzen, dich mit faszinierenden Leuten auszutauschen, von anderen zu lernen – und andere von dir.

„Weiterbildung“ bekommt also eine ganz neue Seite: Sie taucht nicht bloß an den gewohnten Orten und in den gewohnten Formen auf. Es gibt sie nicht mehr nur in Katalogen unzählbarer Anbieter fertiger Kurse, in denen alles vorbereitet und vorgespurt ist. Weiterbildung ist etwas, das du jetzt selber in die Hand nimmst, indem du dich selbst weiterbildest – und nicht über die Akademie soundso, die dafür stattliche Preise verlangt.

Das Internet bietet dir die nahezu kostenlosen Möglichkeiten dazu. Du lernst das Lernen völlig neu kennen. Anders als du es in Schule und Ausbildung erlebt hast. Jetzt lernst du ganz anders: durch das Eintauchen ins Netz, das Surfen, das Googeln, das Vernetzen, das Anlegen eigener Ordner, in denen du das sammelst, was wichtig für dich ist. Du lernst die digitale Welt für dich und dein Weiterkommen zu nutzen, so wie du gelernt hast, dir die schönsten Städte Europas durch die Nutzung ihres U-Bahn-Netzes zu erschließen. Wer die U-Bahn verstanden hat, versteht die Stadt viel besser. Wer das Internetz versteht, versteht die Welt.

Du erschließt dir durch das Internetz neue, bisher unbekannte Welten – und zwar nicht nur zum Zweck der Belustigung und Erholung. Nicht nur für Sightseeing und Konsum. Durch das Internetz erfährst du mittlerweile alles, was du brauchst, um dein Leben besser zu gestalten. Du begegnest durch das Internetz Menschen, die mit ähnlichen Fragen unterwegs sind wie du. Die dir auf der Suche nach Antworten genauso helfen werden wie du ihnen. Menschen und ihre Netzwerke, die in jeder erdenklichen Frage (Gesundheit, Beruf, Arbeit, Alter, Finanzen, Reisen, Politik, Technik und vieles mehr) unterwegs sind. Du entdeckst Menschen und Ideen, die dir vor dem Internetzzeitalter entweder unbekannt waren oder unzugänglich. Das alles steht dir jetzt offen zur Verfügung: praktisch das ganze „Wissen der Welt“. Und zwar nicht nur als „Meer von Informationen“, in dem du ertrinken könntest. Das Schöne ist: Das Internet ist strukturiert, und es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der gegenseitigen Beratung und Unterstützung. Es ist kein Chaos. Es ist ein Netz 😉

Du findest im Netz praktisch jede Form der Gemeinschaft von Menschen, die sich zu jedem erdenklichen Thema treffen, austauschen und gegenseitig weiterbringen. Auf youtube und vimeo gibt es zu jedem Thema der Welt, der Wissenschaft, der Kunst, der Technik oder der Wirtschaft Millionen von Videos, die dir verständlich erklären, was du bisher nicht verstehst: Mathe, Chemie, das Bauen einer Brücke, das Gründen einer Firma, das Fischen, das Anlegen eines Gartens mitten in der Stadt – was auch immer du suchst, was auch immer dich interessiert und weiterbringen kann: es ist offen und kostenlos im Netz – und einfach zu finden.

Fang einfach an.

Digitalisierung vs. physische Begegnung, oder: Ein Gegensatz, der keiner ist.

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Quelle: symbolon.com

Die Angst geht um, dass das Kerngeschäft von Bildung digitalisiert wird, dass die Klassenzimmer wegrationalisiert werden. Bildende Berufe argumentieren eifrig, dass Lernen und Bildung unbedingt und unverzichtbar auf physische Begegnung angewiesen seien. Auf Mimik und Körperhaltung, auf Emotionalität und Haptik und Gestik, auf jene Unmittelbarkeit also, die durch nichts zu ersetzen sei. Das alles und noch viel mehr sei jetzt von der Digitalisierung bedroht, die alles ins Netz verlegen will. Das ist natürlich hanebüchen.

Denn die Formel der „physischen Begegnung“ ist pleonastisch. Auch Menschen, die sich im Netz begegnen, tun das physisch. Begegnung ist auch im Netz physisch, weil Menschen immer physisch sind. Und da geht nichts verloren, sondern es findet eine wunderbare Bereicherung statt: Eine Öffnung, Vertiefung, Vernetzung, Emanzipation. Der von Lehrenden behauptete Reduktionismus existiert nur in deren Köpfen – zumal sich Menschen nie „ins Internet hinein“ auflösen werden. Wie bizarr.

Wir sind heute digital. Wir sind immer online. Ob wir in einen Bildschirm schauen und sprechen oder nicht. Ob wir mit jemandem chatten oder ihm oder ihr unvermittelt durch digitale Medien gegenüberstehen. Wir wechseln mühelos die Medien, wenn es nötig wird und die Dinge vereinfacht. Wir kommunizieren in einer Mischung aus allen uns zur Verfügung stehenden Formen. Wenn wir es denn können.

Die Lehrer*innen an die Hand und ihnen die Angst nehmen?

Pädagogik-affine Digitalier schlagen vor, dass wir lehrenden Berufen mit ganz viel Geduld und Langmut begegnen, damit sie langsam ihre Widerstände abbauen können. Wir sollen sie an die Hand nehmen und ihnen auf diversen Safaris nach Digitalien zeigen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, um die physische Begegnung zu erhalten und zugleich ein wenig  Digitalisierung zuzulassen. Hier mal ein digitales Quiz, da mal eine „elektronische Prüfung“. Oder gar Tablet-Klassen mit schicken Lernprogrammen drauf und „the latest Learning Analytics Software“.

Ich glaube nicht an diesen Weg, denn hier wird nicht am Mindset gearbeitet. Das Mindset wird vielmehr zementiert. Die Kontrolle wird digitalisiert. Ich würde es mit Klärung versuchen wollen.

Begegnung ist immer physisch. Was um alles in der Welt denn sonst?

Begegnung ist immer physisch, weil Menschen physisch sind. Es gibt hier kein entweder oder. Es gibt nur Begegnung. Menschen begegnen Menschen (und allem anderen auf dieser schönen Welt), auf welche Weise auch immer sie das tun. Die Vorstellung, dass Lernen, oder feierlicher formuliert, dass Bildung physische Begegnung „braucht“, kann nicht gegen dezentrale, digitale, nomadische und selbstgesteuerte Lerndesigns ausgespielt werden. Die Forderung nach physischer Begegnung ist ein pleonastisches, pädagogisches Konstrukt, mit dem lehrende Berufe ihren Job retten wollen.

Mehr noch: Weil Menschen immer lernen und dabei immer Begegnung stattfindet, die immer physisch ist, braucht es das pädagogisch-didaktische Setting gar nicht mehr. Denn die Digitale Transformation weitet die Möglichkeiten der (jederzeit physischen) Begegnung unendlich aus. Das pädagogisch-didkatische Setting schränkt Begegnung (und Lernen!) sogar enorm ein und funktionalisiert sie für pädagogische Beziehungen und Strukturen. Es reduziert Lernen auf kontrollierbare Einheiten. Entsprechend sieht „die Bildung“ aus, die dabei rauskommt – im Vergleich zu dem, was offene, dezentrale und vernetzte Lern- und Bildungsszenarien heute emöglichen!

Lehrer brauchen Schüler – nicht umgekehrt

Im klassischen, pädagogisch-didaktischen Mindset sind es deshalb heute nicht mehr die Schüler, die die Lehrer brauchen. Es ist umgekehrt: Die Lehrer brauchen das Konstrukt vom Schüler, denn es geht mittlerweile um die Daseinsberechtigung eines ganzen Berufsstandes. Hinter der Formel von der „echten physischen Begegnung“ steckt der verzweifelte Versuch, ein Menschen- und ein Berufsbild aufrecht zu erhalten. Ich halte dagegen: Diese „physische Begegnung“ ist ja überall möglich und überall besser, breiter, lustvoller, heterogener, lebendiger, vielfältiger und „bildender“, faszinierender, herausfordernder und vielschichtiger als in jedem noch so kreativen pädagogisch-didaktischen Setting.

Digitalisierung bedeutet Emanzipation des Lernens

Es ist also nicht legitim zu sagen: „Lernen braucht physische Begegnung“, oder „Bildung braucht physische Begegnung“, weil es das Gegenteil nicht gibt. So sehr es die Lehrer*innen der Digitalisierung auch unterstellen mögen. Im Kontext der Digitalen Transformation findet schlicht und einfach eine langsame, gründliche und unaufhaltsame Emanzipation des Lernens und damit der (Selbst-)Bildungsprozesse aus den engen Grenzen dessen statt, was Pädagogik und Didaktik daraus gemacht haben. Und das versetzt dieses System und seine Agent*innen in Alarmbereitschaft. Ich verstehe das, denn hier kommt ein Konzept an sein Ende. Das tut weh.

Ein guter Anfang wäre es jetzt, die eigenen Bedürfnisse als Lehrer*in nicht mit den Fähigkeiten und Potenzialen der Mitmenschen – hier: Schüler*innen – zu verwechseln. Es ist nämlich zuerst einmal das Bedürfnis der Lehrenden nach etwas, das sie „physische Begegnung“ nennen, damit sie ihren Job machen können. Mit Lernenden oder gar mit Lernen hat das erst einmal gar nichts zu tun.

Es ist auch überhaupt nicht gesagt oder annähernd sicher, dass Schüler*innen quasi ein „natürliches Bedürfnis“ nach physischer Begegnung mit Lehrenden haben. Sie haben im traditionellen pädagogischen Setting einfach keine andere Möglichkeit als diesen physischen Kontakt mit Lehrenden, dem ja immer mehr Lernende ins Netz ausweichen um sich zu bilden, und nicht um Zeit totzuschlagen.

Wir sollten endlich begreifen, dass dieses Bildungsystem eine historische Erfindung ist. Jemand hat es erfunden – und aus genau diesem Grund können wir etwas Neues erfinden. That’s it.

Also lasst endlich das Lernen frei. Und auf diesem Weg die Bildung. Baut Lernnetzwerke. Entwickelt gemeinsame Visionen, werdet agil in Kopf, Herz und Hand. Werdet konkret.

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Diagnose: Ratlose Angst

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Quelle: Altpapier

Das Abendland kann gar nicht untergehen. Es ist auf Grund gelaufen.

Auf Grund gelaufen I

Wir sind durch reale oder befürchtete Defizite und Gefahren aneinander gebunden, nicht über Ressourcen und Chancen. Es geht uns um das Abwenden von Verlust und das Management von Mangel. Wir sind pausenlos damit beschäftigt, das noch Schlimmere zu verhindern, auszuschließen, in Bann zu halten.

Wir können die Hoffnung nicht zulassen, dass „anders“ unser Leben und die Welt tatsächlich menschlicher machen könnte. Mit „anders“ verbinden wir „schlimmer“. Unser Argwohn ist maximal geworden.

Auf Grund gelaufen II

Als lebenslang Geprüfte fürchten wir, nicht zu genügen, und nicht genügend zu haben, wovon auch immer. Wir versichern uns pausenlos. Gleichzeitig setzen wir Veränderung mit Verlust gleich.

Wir überkompensieren unsere Ängste mit Bemutterungs- und Versorgungs-Komplexen nach innen. Merkelnarrativ. Der Schutzreflex über die eigene Herde ist das neue, exklusive Ego-Konzept. Der Rest ist Unterhaltung, ist Konsum, ist Repetition und Refrain. Wir brauchen die alten Lieder zur Beruhigung: Alles ist ok. Alles ist beim Alten. Alles wird gut! Wirklich, mein Schatz.

Auf Grund gelaufen III

Der politische Diskurs hat die Funktion des Gute-Nacht-Geschichten-Erzählers übernommen, in denen das Gute gewinnt. Also wir. In den Stories wird das Schwarz-Weiß-Weltbild zementiert. Regierungskoalitionen verharren beieinander wie sich anödende Eltern ihren Kindern zuliebe die Scheidung noch einmal verschieben.

Die gebrochenen Schwüre sind durch unhaltbare Versprechen ersetzt. Journalisten sehen schweigend zu, wie ihre Kollegen abgeführt werden, um anschließend berichten zu können, wie ungeheuerlich das ist, sprich: Wer noch einen Job hat, macht ihn tunlichst.

Politiker und andere „Größen“ weisen pausenlos Schuld von sich und zeigen mit dem Finger in den leeren Raum. Wenn sie wegen sexuellen Missbrauchs zur Rechenschaft gezogen werden, klagen sie weinerlich eine imaginäre Mutter an, die ihnen nicht gefügig war. Täter schützen sich immer selbst. Egal, auf welcher Seite des Tisches sie sitzen.

Währendessen warten Arbeitnehmer, Schüler und Touristen darauf, gefüttert zu werden. Mit Anweisungen, Informationen und Lohn. All Inclusive.

Hoffentlich kommt bald das Christkind.

Lernen braucht keine Disziplin. Es braucht genügend Raum und Gelegenheit.

Bildschirmfoto 2018-09-23 um 20.09.47 Quelle

Thomas Tillmann hat mit seinem Team eine Toolbox für selbstorganisiertes Lernen entwickelt, die in praktisch jedem Lebensalter und in jedem Lern- und Arbeitskontext einsetzbar ist. Erst recht unter den Bedingungen der Digitalen Transformation, die ja bekanntlich das Beste am menschlichen Lernen wieder in den Vordergrund rückt: Selbstvertrauen, Selbstorganisation und Selbststeuerung. Bei einer Online-Session hat Thomas dieses Konzept der Lernhacks der Corporate Learning Community vorgestellt.

Wie so oft, wenn neue Konzepte alte Konzepte herausfordern, stehen sich in der Diskussion relativ schnell die Mindsets der jeweils anderen Seite gegenüber. Im Bereich Schule und Bildung sind das intrinsisch vs. extrinisch, Lehren vs. Lernen, Selbst- vs. Fremdsteuerung, Ordnung vs. Chaos, Disziplin vs. Strukturlosigkeit und Beliebigkeit. Exemplarisch hierfür steht meines Erachtens dieser Tweet:

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Reflexartig ertönt bei jedem Landeanflug von „Selbstorganisation“ der Warnruf klassischer Bildungs-Protagonisten: Aber bitte diszipliniert! Warum das? Entgegen landläufiger Annahmen ist Disziplin weder eine Tugend noch eine Fähigkeit. Sie ist ein Konzept. Wie Hefeteig. Dass sie „erfordert“ ist, zeigt den Konzept- bzw. Rezeptcharakter an: „Man nehme …“. Ohne Hefe geht der Kuchen nicht auf. Ohne Disziplin die Selbststeuerung des Lernens nicht. Man nehme eine ordentliche Portion Disziplin, dann ist der Krieg schon halb gewonnen. Auch der gegen sich selbst.

Disziplin: Ein deutsches Erfolgsmodell

Als Konzept hat Disziplin und ihr Einfordern für mich etwas sehr Deutsches. Mir fällt dazu ein Ausspruch von Kurt Tucholsky ein: „Der französische Soldat ist ein verkleideter Zivilist, der deutsche Zivilist ist ein verkleideter Soldat.“ Dieses Zitat stammt aus einer Zeit (Weimarer Republik), in der das aktuelle Schulsystem und seine Grundüberzeugungen von Ordnung, Diziplin und Standardisierung bis heute wurzelt.

Disziplin: Jemanden oder sich zu etwas zwingen. Vermeidungsziele verfolgen. Gegenkräfte aktivieren. Für die gute Sache: Durchhalten. Üben, üben, üben. Erfolg will verdient sein. „Lernen muss auch mal weh tun!“ Der Treibstoff für Disziplin ist das pädagogische Wundermittel von „Belohnung und Strafe“ – auch und gerade dort, wo „ich mir selber mal was versage und gönne“. Was für ein Leben 😳

Disziplin als Gleichschaltung und Standardisierung

Als Konzept findet sich Disziplin vor allem in jenen Systemen wieder, die Michel Foucault mit „Überwachen und Strafen“ attribuiert: Fabriken, Schulen, Gefängnisse gehören zu den besonders wirksamen Orten. Und dann ist Disziplin auch militärisch. Auch hier hat sie Überwachungsfunktion. Sie wird als wirksamer Ordnungsgenerator eingesetzt, und sie wird umso wirksamer, als sie mit Überwachung verbunden ist. Disziplin kommt zum Einsatz, um Individuen und Individuelles gleichzuschalten mit dem Zweck, Macht auszuüben.

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Sit down and be quiet! Aus der Doku School Circles[

Spätestens hier fällt die Pädagogik womöglich mit dem Argument ein, dass Macht ja an sich noch nichts Schlechtes sei. Fest steht: Disziplin ist nicht die Fähigkeit einer Person, für die eigene Bedürfniswelt und die der Mitmenschen einzustehen. Sie lenkt davon ab. Disziplinierung ist Dressur im Sinne der Automatisierung von Verhalten über Belohnung und Strafe.

Disziplin ist ein Konzept, das erfunden wurde um Prozesse und Menschen zu standardisieren. Auch Schule wurde erfunden, um zu standardisieren. Um Lernen zu standardisieren. Da kommt übrigens auch der Zertifizierungsfetisch her, der heute praktisch nur noch in diesen Überwachungssystemen seine Geltung ausspielen kann, wie Anja C. Wagner zu Recht betont.

Zur Disziplinierung gehört, sich keine Alternativen vorstellen zu können

Wer sagt, dass Selbststeuerung von Lernen Disziplin erfordere, überträgt dieses extrinsische Konzept auf ein intrinsisches: das Lernen. In pädagogischen Kontexten ist dann bald einmal die Rede von „Selbstdisziplin“ – und vom notwendigen, didaktisch behutsam geführten Prozess der Aneignung und Verinnerlichung. So entsteht im lernenden Menschen der Eindruck, dass es gar keine alternativen Konzepte jenseits des Diziplinierungstamtams gibt. Zum Beispiel Leidenschaft, Feuer und Eifer, die ich für eine Sache entwickeln kann, und die in mir eine Hartnäckigkeit des Lernens entstehen lassen, die mit Disziplin nicht im entferntesten verwandt ist.

Zwar kann Disziplin die Selbststeuerung des Lernens nicht ganz verdrängen, aber sie ersetzt die Kräfte der Selbstorganisation alles Lebendigen durch das Prinzip der (Selbst-)Kontrolle. Wer dafür plädiert, dass selbstgesteuertes Lernen der Disziplin bedarf, ist deshalb im Mindset der Außen- und Fremdsteuerung unterwegs.

Die Formulierung „Selbststeuerung von Lernen“ im Tweet von Stefan Diepolder insinuiert ja in ihrem Kontext, dass es auch Formen des Lernens gibt, die nicht selbstgesteuert sind – und dass diese aus pädagogischer Sicht den Normalfall bilden. Ich vermute, dort ist auch der Heimathafen von Diepolder: beim klassischen, durch Lehrende, Lehrpläne und Lernziele geführten und kontrollierten Lernen. Wenn in diesem Mindset klassischer Ordnungskonzepte externe Steuerungsimpulse zugunsten einer Selbststeuerung des Lernens ersetzt werden, kann das – in diesem Mindset – nur gelingen, wenn zugleich auch das Moment der Disziplinierung an die Lernenden übergeben wird – inklusive der „Verantwortung für sein eigenes Lernen“, die der Lernende gemäß Stefan Diepolder nun ebenfalls zu übernehmen hat. Selbststeuerung und Verantwortung werden hier an jemanden „übertragen“, der sie vorher nicht hatte. Was für ein absurdes Konstrukt.

Verantwortung herumreichen

Denn mit der Verantwortung verhält es sich so, dass jeder Mensch sie a priori hat. Für das, was er und sie tut und unterlässt, für das, was er und sie denkt und spricht. „Wir“ können also einem Menschen seine oder ihre Verantwortung für das, was er und sie denkt, tut, sagt und verschweigt, nicht übergeben, weil er und sie die immer schon haben. Sie sind Owner. Es reicht völlig, wenn das Bildungssystem den Lernenden diese Verantwortung nicht wegnimmt – um sie ihnen dann wieder grosszügig zu übergeben.

Wir lernen also nicht Verantwortung zu übernehmen. Im besten Fall realisieren wir, dass wir sie immer haben, wenn wir so oder so handeln, dieses tun und jenes nicht. Wir werden uns also unserer Verantwortung bewusst. Wenn jemand verantwortungsvoll handelt, dann nicht, weil er oder sie gelernt hat, sie zu übernehmen, sondern weil er oder sie realisiert hat: Ups, ich habe sie ja jederzeit.

Bildschirmfoto 2018-09-23 um 12.18.19Womöglich ist dem Menschen (dir und mir) ja aus eben diesem Grund viel mehr zuzutrauen an Verantwortung, an Empathie und Einflussnahme, als dies unserer Bildungspraxis zu entnehmen ist. Dann geht es jetzt um die Frage, wie sich der einzelne Mensch überhaupt seiner und ihrer Verantwortung bewusst werden kann. Und zwar lustvoll und nicht über das offensichtlich wirkungslose Instrument der Diziplin(ierung). Mit dieser nicht ganz unwichtigen Frage nach dem Wesen der Verantwortung in Zeiten kollektiver Ausreden habe ich mich in meinem Buch „Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik“ auseinandergesetzt (S. 90-123). Auch mit entsprechenden Vorschlägen aus der Literatur (u.a. Zygmunt Baumann, Susan Reiman, Hans Jonas, Kurt Homann, Julian Nida-Rümelin). Die Kernthesen finden sich hier im Autorengespräch mit Gunnar Sohn.

Das Lernen freilassen

Dass wir aufgehört haben, an die Kraft und die Möglichkeiten zu glauben, die in uns Menschen schlummern, ist ein Effekt des Bildungs- und Erziehungsystems, das diese Regel zur Ausnahme erklärt hat und systematisch dafür sorgt, dass es eine bleibt.

Wenn wir wollen, dass mehr Menschen als bisher ihr Leben, ihr Entscheiden, ihr Handeln und die Verantwortung für das, was sie sagen und denken und tun, übernehmen, und dass sie sich in dieser Haltung zusammenfinden und mehr und mehr in Prozesse gestaltend und visionär eingreifen, wenn wir zusammen dafür sorgen wollen, dass sich die Spiralen des Wahnsinns abflachen, verlangsamen und sich in andere, humane und nachhaltige Richtungen entwickeln, dann müssen wir aufhören mit der Infantilisierung des Menschen durch lehrende und erziehende Systeme. Dann müssen wir uns jene Verantwortung zumuten, die uns von Alters her von den großen Denkerinnen und Denkern zugesprochen und unterstellt wird. Von Sophokles‘ Antigone über Kant bis in den modernen systemischen Konstruktivismus hinein geht es ja immer um die unausrottbare Kraft des Menschen, seiner und ihrer eigenen Verantwortung nachzukommen.

Dass es wirklich ganz anders werden kann, zeigt eines von vielen gelingenden und erfolgreichen Konzepten, das mir neulich im Netz begegnet ist: Die School Circles, die Demokratische Schulen in den Niederlanden praktizieren – nach dem Prinzip Sociocracy. Die Video-Dokumentation zeigt eindrücklich, wo die Unterschiede zum klassischen Schulsystem sind, und wie diese Unterschiede praktisch werden. Ich kann diese Doku wärmstens empfehlen, weil sie ein anderes Konzept zeigt, das funktioniert – jenseits aller Vorurteile und Ausreden.

Schließen möchte ich mit einem Statement, das mich sehr berührt hat.

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Quelle

Der Algorithmus des Bildungssystems, oder: „Für die Schüler sind wir das Internet!“

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gif by #melinjin

Ein Lehrergehirn springt immer in dem Moment in den Habacht-Modus, wenn es von draußen etwas hört, das (s)einer Korrektur und Richtigstellung bedarf. Darauf ist das Lehrerinnengehirn konditioniert. Erstens dadurch, dass es, als es selbst noch ein Schülergehirn war, sehr gründlich die Auffassung verinnerlicht hat, dass Korrektur und Richtigstellung, dass Gewissheit und die Unterscheidung von richtig und falsch nur durch eine Autorität geleistet werden kann. Zweitens dadurch, dass es diese Lernerfahrung später in seinem Leben mit Hilfe eines Lehramtsstudiums in eine Lehrerfahrung zu transformieren lernte. Jetzt ist aus dem Schülergehirn also ein Lehrergehirn geworden, das jedoch in seiner Grundhaltung ein Schülergehirn geblieben ist.

In Aus- und Weiterbildung sind also Menschen tätig, die nicht das System gewechselt, sondern die lediglich einen anderen Platz eingenommen haben, von dem aus sie jetzt für die Reproduktion dieses Systems sorgen – eines Vermittlungssystem, das durch diese Vermittlungsarbeit dafür zu sorgen sorgt, dass Zutreffendes und Richtiges vermittelt wird und Nichtzutreffendes und Falsches nicht vermittelt. Die dafür sorgen, dass es zu diesem Zweck im Prozess der Vermittlung identifiziert und korrigiert wird („Habacht-Modus“) unter Rückgriff auf Unterlagen (Lehrpläne, Curricula, Lehrmittel usw.), in denen nicht nur die wirkliche Wirklichkeit festgeschrieben ist, sondern auch die Art, wie diese vermittelt wird und wie nicht – um tunlichst zu vermeiden, dass die Wirklichkeit des Bildungssystems und damit die der wirklichen Wirklichkeit falsch vermittelt wird.

Konkret

Ein Mathematiklehrer des Gymnasiums sagte zu mir: „Die Mathematik hat sich die letzten 100 Jahre nicht verändert. Warum also sollte sich der Mathematikunterricht verändern?“

Das Bildungssystem vermittelt und prüft also nicht nur pausenlos wirklich Richtiges in Abgrenzung von wirklich Falschem. Es vermittelt auch ganz fundamental und hermetisch ein Welt- und Menschenbild, sprich: Lernende Gehirne lernen in Aus- und Weiterbildung, dass dies die einzig wirkliche Wirklichkeit ist: dass Lernen immer die dankbare Erkenntnis und Annahme von vermittelt Richtigem ist und nur dann richtig funktionieren kann, wenn es von einer Autorität kontrolliert wird, die den Übergang von einem defizitärem Wirklichkeitszugang zu einer wirklichen Wirklichkeit garantiert, denn nur dann hat das lernende Gehirn einen ordnungsgemäßen Zugang zu dieser Wirklichkeit.

So entsteht ein Welt- und ein Menschenbild.

Konkret

Ein Berufschullehrer um die Vierzig meinte in vollem Ernst während einer Weiterbildung im vergangenen Winter vor versammelter, sich weiterbildender Mannschaft: „Wir brauchen kein Internet. Für die Lernenden bin ICH das Internet.“

Ohne Lehrperson also kein Weltzugang. Zumindest kein richtiger.

In diesem, vom Bildungssystem vermittelten Welt- und Menschenbild, ist der Weltzugang des lernenden Gehirns und der Zugang zu sich selbst jederzeit defizitär. Sowohl formal als auch inhaltlich. Das ist in diesem System „die Wirklichkeit“. Der Grund für das „Man(n) lernt nie aus“, hängt also nicht damit zusammen, dass es für ein lernendes Gehirn unendlich viel zu entdecken und zu kombinieren gibt. Es hängt damit zusammen, dass das lernende Gehirn (in diesem Welt- und Menschenbild) fundamental defizitär ist und ohne Anleitung durch korrigierende Autoritäten schlicht in die Irre geht – angesichts dessen, was es alles zu entdecken und zu kombinieren gibt. Das ist es, was ein lernendes Gehirn in Bildungssystemen als erstes und vor allem lernt.

Deshalb rennen im Moment auch alle wie wild in Weiterbildungen zum Thema „Digitalisierung“, statt sich einfach aufzumachen ins Netz und gemeinsam zu lernen, wie das geht. Wie soll das auch gehen, ganz ohne Lehrer? Ohne jemanden, der mir einen Plan macht und mich an der Hand nimmt und durchs Labyrinth führt?

In diesem Welt- und Menschenbild versteht das lernende Gehirn immer irgendetwas nicht richtig oder falsch und bedarf der Korrektur – und zwar immer durch korrigierende Systeme in der so genannten Außenwelt. Navigationssysteme, die mir sagen, wo es langgeht.

Immer wenn es um Bildung und Lernen geht (also immerimmer), sind diese Navigationssyteme zuerst durch Autoritäten repräsentiert, die in Bildungssystemen vorfindlich sind und durch diese zertifiziert. Im weiteren Verlauf des Lebens haben Vorgesetzte und PolitikerInnen dann ähnliche Funktionen – im Sinne einer Ableitung von der Ursprungsautorität des Bildungssystems.

Das lernende Gehirn (ein Pleonasmus, ich weiß) hat gelernt, dass es lebenslang Systeme braucht, die ihm (also dem lernenden Gehirn) die zutreffenden und richtigen Informationen über die Welt und den Zugang zu ihr vermitteln, nicht zuletzt, indem diese Systeme ständig richtig von falsch unterscheiden, denn das lernende Gehirn hat ja gelernt, dass es diese Funktion des Unterscheidens von Richtig und Falsch ohne eine korrigierende Autorität nur defizitär auszuüben in der Lage ist.

Soweit der Algorithmus des Bildungssystems

Das lernende Gehirn hat gelernt, dass es zeitlebens Lehrerinnen (und irgendwelche andere Vorgesetzte oder Politikerinnen) braucht, die ihm jederzeit mit der entsprechenden („diplomierten“) Autorität „sagen“, was richtig und was falsch ist. Und nicht zu vergessen: Ein lernendes Gehirn lernt in eben diesem System, dass es zeitlebens von diesem System abhängig sein wird, denn es lernt während seiner gesamten Lern-Biografie, also quasi lebenslang, dass es selbst immer nur korrekturbedürftige Bilder, Vorstellungen und Begriffe von der Welt (und auch von sich selbst als Teil dieser Welt) wird „herstellen“ können, die nur durch ein fortlaufendes, systematisches Korrekturwesen, repräsentiert durch korrigierende Autoritäten, richtig gestellt werden können.

Sicherheit gewinnt das lernende Gehirn (ein Pleonasmus, ich weiß) also in unsicheren Situationen nur, so hat es gelernt und lernt es pausenlos von Neuem, wenn es sich, je größer die Unsicherheit umso sicherer, an korrigierende, weil besserwissende Autoritäten wendet, die ihm sagen, was richtig und was falsch ist, und was jetzt wie zu tun ist, sprich: wie es weitergeht.

Das lernende Gehirn hat gelernt und ist tief und fest davon überzeugt, dass es ohne diese Autoritäten verloren ist. Deshalb ruft es nach ihnen. Deshalb googelt es sie.

Sicherheit gibt nur die Autorität

Das ist so ziemlich der einzige Grund, warum die Mehrheit der Menschen ganz tief davon überzeugt ist, dass es Autoritäten braucht, die über richtig und falsch bestimmen und dafür sorgen, dass das wahrlich Richtige auch getan wird. Das ist nicht die Natur des Menschen, liebe Frau Lehrerin, das haben er und sie aus der Schule.

Schule infantilisiert fürs Leben.

Es ist auch der Grund dafür, dass sehr, sehr viele Menschen pausenlos nach solchen Autoritäten rufen, damit jetzt endlich mal etwas geschehen möge. Es ist auch der Grund, warum die wenigsten Menschen realisieren, was ihr eigener Anteil am Lauf der Dinge und der Welt ist – denn dafür können sie ja (in diesem Welt- und Menschenbild) aufgrund ihrer defizitären Daseins- und Denkstruktur gar nicht zuständig sein, und ihre lernenden Gehirne haben sehr früh gelernt, dass alles, was sie wahrnehmen und fühlen, was sie zu sehen und zu denken glauben, ohne die Prüfung einer korrigierenden, äußeren Autorität gar keine Geltung erlangen kann.

Wenn wir also wollen, dass mehr Menschen als bisher ihr Leben, ihr Entscheiden, ihr Handeln und die Verantwortung für das, was sie sagen und denken und tun übernehmen, sich in dieser Haltung zusammenfinden und mehr und mehr in Prozesse gestaltend und visionär eingreifen, wenn wir wollen, dass sie zusammen dafür sorgen, dass sich die Spiralen des Wahnsinns wieder abflachen, verlangsamen und sich in andere, humane und nachhaltige Richtungen entwickeln, dann müssen wir uns von diesem Algorithmus des Bildungssystems verabschieden, der uns an diesen Punkt gebracht hat, wo wir heute stehen.

Dann müssen wir aufhören mit der Infantilisierung des Menschen durch lehrende und erziehende Systeme. Dann müssen wir dem Menschen (dir, mir und uns) jene Verantwortung zumuten, die ihm und ihr von Alters her von den großen Denkerinnen und Denkern zugesprochen und unterstellt wird.

Dass wir aufgehört haben, an die Kraft und die Möglichkeiten zu glauben, die im Menschen schlummern, ist ein Effekt des Bildungssystems, das diese Regel zur Ausnahme erklärt hat und systematisch dafür sorgt, dass es eine bleibt.

Es ist an der Zeit, diese Kiste über Bord zu werfen und neu anzufangen – und zwar so.

Wie wir Lernen erfolgreich organisieren. Ein Vorschlag, der funktioniert

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Wenn ich mit meinen Klient*innen in- und ausserhalb formaler Bildungskontexte  Lernprozesse organisiere, dann gibt es nur zwei Vorgaben: Ein mehr oder weniger konkretes Thema, das die Lernenden umgehend ihren Lern- und Arbeitsbedürfnissen anpassen – und zwei bis drei Kompetenzziele: Was können sie am Ende dieses Prozesses (besser/anders), und woran merken sie selber, dass sie es können?

Von da an organisieren die Teilnehmenden ihren individuellen und gemeinsamen Lernweg selbst, unterstützt durch eine gewisse Anzahl Prozess-Coaches, die vor allem fürs Facilitating zuständig sind. Die klassischen Strukturen (Classroom, Lektionenstruktur, Curriculum) sind hier aufgelöst zugunsten fluider Lernprozesse mit maximaler Selbststeuerung durch die Klient*innen.

Diesen Paradigmenwechsel – vom Lehr-Lern-Modell zum selbstorganisieren Lernen – vollziehen die Klient*innen im Verlauf eines solchen Prozess ganz von selbst und wissen die dadurch wachsenden Kompetenzen und die Vernetzung mit enorm wertvollen Ressourcen sehr zu schätzen. Nicht zuletzt realisieren sie, dass diese agilen, digital fundierten Lernprozesse sich nur wenig bis gar nicht von dem unterscheiden, wie sie sich auch sonst die Welt erschliessen.  Als neu und ungewohnt erleben viele Klient*innen das kollaborative Lernen und Arbeiten, das im Bildungssystem und in den meisten Arbeitskontexte nicht vorgesehen ist, obwohl es die Lern- und Arbeitsform des Digitalen Zeitalters ist – und genau diese Lern- und Arbeitsformen bringen sie sich sukzessive selber bei – indem sie es machen. Wie?

Die Lernenden bilden so genannte Communities of Practice, in Anlehnung an das Modell des „Social Workplace Learning“. Sie organisieren die Lernprozesse entlang der geforderten Kompetenzen selbst und überprüfen Lernfortschritte nach einfachen Rückmeldeverfahren. Diesen Ansatz habe ich hier strukturiert beschrieben.

Solche Lernprozesse verstehen „Digitale Transformation“ nicht im Sinne des Einspeisens digitaler Methoden und Tools, sondern so, dass die Digitale Transformation selbst den Rahmen dieses Lernens (und übrigens auch des Arbeitens) bildet. Was damit gemeint ist, lesen Sie hier. Ein wichtiger Unterschied bei diesem neuen Zugang zu traditionellen Lehr-Lern-Kontexten ist, dass die KlientInnen dabei jene Kompetenzen entwickeln, die für das Arbeiten im Digital Age unverzichtbar geworden sind.

Was in diesem neuen Mindset vor allem zur Verfügung gestellt wird, sind drei Gefässe:

  • Ein digitaler Ort, an dem die für die Weiterbildung notwendigen Daten und Informationen gespeichert sind – für alle zugänglich und frei zu bearbeiten und zu verändern. Im Sinne des „open access“ sind in diesem Space auch und vor allem Verweise zu wichtigen Quellen deponiert und für die Studierenden die Möglichkeit, ihre eigenen Quellen zu integrieren (z.B. ein shared „one note“ oder „evernote“) und ihren eigenen Lernprozess nach ihren Maßgaben zu dokumentieren („Personal Learning Environment“).
  • Eine Plattform für Kommunikation, Chat, Austausch und Vernetzung (z.B. #twitter, slack, microsoft teams, yammer)
  • Eine Plattform für Online-Konferenzen (skype, appear.in, zoom.us, adobe connect, gotomeeting).

Hier finden Sie ein Interview mit einer Klient*in, die das am eigenen Leib erfahren hat.

Einen Kompaktkurs, der diese Form des Lernens erlebbar macht, finden Sie hier.

Bitte kontaktieren Sie mich, wenn Sie neugierig geworden sind und Lust haben, das selbst einmal auszuprobieren.

Was zeichnet die Marktfähigkeit von Bildungsangeboten im Digital Age aus?

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Der Bericht einer Arbeitsgruppe am MIT zur digitalen Transformation der Höheren Bildung hat sowohl für die Ausbildung an Schule und Hochschule als auch für die berufliche Weiterbildung hohe Relevanz und gibt klare Orientierung.

Er fokussiert auf die Entwicklung und den Ausbau von vier Tätigkeitsbereichen bzw. Funktionen, die für eine erfolgreiche digitale Transformation unabdingbar sind:

  1. interdisciplinary collaboration
  2. online educational tools
  3. the „learning engineer“ als neues Berufsbild
  4. institutional & organizational change

Das folgende Chart zeigt, was im Einzelnen hinter den Empfehlungen konkret steckt:

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ad 1: Interdisziplinäre Kollaboration meint eine fortlaufende, intensive Zusammenarbeit jener Berufe, die bisher zwar auch schon ihre wertvollen Beiträge an die Entwicklung von Bildung geleistet haben – dies aber mehr oder weniger unverbunden. Der Bericht des MIT fordert jetzt, dass die SozialwissenschaftlerInnen, Researchers, PsychologInnen und Neurowissenschaftler ihre Erkenntnisse kollaborativ vernetzen, um

  • den Einfluss von Bildung auf soziale Systeme
  • die Kultur pädagogischen Alltagshandelns und die Strukturen, die dem „classroom-learning“ zugrunde liegen
  • die Erkenntnisse aus den empirischen Untersuchungen menschlichen Verhaltens
  • die Erkenntnisse über neuronale Grundlagen des Lernens

in ein gemeinsames „framework“ zu integrieren. Den Vorteil sehen die AutorInnen der Studie darin, durch einen gemeinsamen Fokus der an Bildung beteiligten wissenschaftlichen Disziplinen die Bedingungen und Folgen des Wandels klarer und auch ertragreicher zu fokussieren.

ad 2: Unter online technologies der Zukunft fasst der Bericht Technologien (gemeint sind nicht bloße Techniken) zusammen, die er als „education enabler“ im Sinne eines dynamischen (beweglichen, anpassungsfähigen) digitalen Rahmenangebots („scaffold“)  versteht. Hierzu gehören

  • customizing learning: Werkzeuge, die das Lernen an die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Lernenden anpassen (customizing, personalizing)
  • remote collaboration: projekt-, ergebnis- und kompetenzbasiertes, kooperatives Lernen über räumliche Grenzen hinweg
  • just-in-time-scenarios als Reaktion auf die Anliegen des bedarfsorientierten Lernens („on demand“)
  • continous assessment im Sinne fortlaufender Möglichkeiten, die Fortschritte eigenen und kollaborativen Lernens selbstgesteuert zu messen und in die Lernprozesse zurück zu speisen
  • blended learning (as a matter of fact)

ad 3: Die Neue Profession des „learning engineer“. Hier entsteht ein neues Berufsbild. Eine, Profession, die in den oben genannten, vier Arbeitsfeldern bewegungs- und sprachfähig ist, die tenchnologie-affin und kompetent ist, die die Brücken bildet zwischen den „fields of education“, die einen starken Dienstleistungscharakter hat: to „help teachers teach und learners learn“. Es lohnt sich ein Blick auf die „Stellenbeschreibung“ dieses neuen Berufes in der Studie selbst.

ad 4: Nicht zuletzt fordert der Bericht eine bestimmte Form des „institutional and organizational change“, der nur mit systemischen Methoden und Haltungen machbar sein wird. eine Form der Organisationsentwicklung von Bildungseinrichtungen, die aus sich heraus die „change agents“ hervorbringt und auf kollaborativen Wegen neue „role models“ generiert. Keine Einzelkämpfer mit Leuchtturmfunktion, sondern im Sinne des neuen Führungs- und Arbeitsmodells des holacracy movements.

Erfolgreiche – und das meint auch rentable – Bildungsangebote fokussieren also nicht in erster Linie auf Digitale Tools und Gadgets. Sie investieren nicht in ein digitales „Aufblähen“ analoger Lehrformate. Sie konzentrieren sich vielmehr auf die Entwicklung eines neuen Mindsets. Das löst wiederum ein ganzes Bündel von Fragen aus, wie sich Bildungsabieter im Digital Age aufstellen müssen, um marktfähig zu werden. Die aktuell wichtigsten Fragen habe ich im folgenden Chart aufgeschlüsselt:

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