Lernen 4.0: Junge Menschen bereiten sich von selbst auf die digitale Arbeitswelt vor.

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Anja C. Wagner hat ein Video produziert, in dem sie Zukunftswege digitalen Lernens für junge Menschen aufzeigt. Konkret, lustvoll, machbar, effizient. Dieses Video hat sie auf ihrem youtube Channel veröffentlicht. Dort gibt es noch mehr davon – es ist eine wahre Fundgrube für die Zukunftsthemen „Arbeit und Bildung im Digitalen Zeitalter“. Ich verwende dieses Video in der Weiterbildung, um meinen Klient*innen einen Einblick in Lernen und Arbeit 4.0 zu geben. Dabei zeige ich es sowohl Lehrenden und Dozierenden, als auch Studierenden. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und doch fallen diese Unterschiede immer gleich aus.

Lehrende und Dozierende melden, nachdem sie dieses Video gesehen haben, zurück: Das funktioniert nicht. Unter keinen Umständen. Das richtet sich nur an eine sehr kleine Zielgruppe, die eh schon über die Kompetenzen verfügen, die es dafür braucht. Das ist eine elitäre Position, die übersieht, dass höchstens zwei Prozent der jungen Leute sowas in Angriff nehmen können oder werden. Das führt zu einer völligen Durchmischung von „privat“ und „beruflich“, was nicht wünschenswert ist. Der Großteil der Menschen ist damit völlig überfordert – und in diesem Stil immer so weiter.

Lehrende signalisieren mir mit diesen Reaktionen Abwehr und Überforderung. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Inhalten, den Themen und den Perspektiven kommt für sie gar nicht in Frage. Und zwar wirklich für die meisten von ihnen.

Studierende, Lernende, Schüler*innen reagieren auf das Video in erster Linie mit Neugier und einer Menge Fragen. Wie die denn dieses Video gemacht hat, und wer das überhaupt ist: diese Frau. Sie wollen das Video noch einmal sehen, sie wollen darüber diskutieren. Sie wollen Begriffe klären. Sie wollen, so mein Eindruck, verstehen – und sie wollen so schnell wie möglich „hands on“ gehen.

Lehrende, so mein Eindruck, wollen sich darüber klar sein, dass so etwas nicht funktioniert. Junge Menschen wollen mehr darüber erfahren.

Die neuen Lern- und Arbeitsnetzwerke: kreative Selbstläufer

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Interessant ist auch der Hintergrund, auf dem dieses Video entstanden ist. Lorenzo Tural Osorio, Unternehmer und Gymnasiast, hat Anja um eine Stellungnahme gebeten für seine Veranstaltung „Bring the Outside in the Company“ auf der Nürnberg Web Week im vergangenen Jahr. Er hat sie als Expertin angefragt, wie sich junge Menschen in den neuen digitalen Lern- und Arbeitsnetzwerken positionieren und entwickeln können. Und natürlich habe ich mich im Netz über Lorenzo informiert, wollte wissen, wer das ist, und was der so treibt. Die Ergebnisse haben mich beeindruckt, weil sehr konkret sichtbar wird, wie die jungen Generationen lernen und arbeiten werden.

Was diese Biografien zukünftig unterscheiden wird von Lern- und Arbeitsbiografien, die für uns heute State Of The Art sind, wird für mich in diesen Beiträgen klar. Im Video ebenso wie dort, wo ich auf Menschen wie Lorenzo stoße. Er ist ja beileibe nicht der einzige – doch er entwickelt sich mehr und mehr zu einem wichtigen Netzwerkknoten, an dem andere (nicht nur junge) Menschen anknüpfen könne, nachdem das Schulsystem solche Bewegungen eher unterdrückt und behindert, wie dieser Erfahrungsbericht eindrücklich schildert:

Die Zahl derer, die das Netz nutzen, um sich einen Platz in den neuen Arbeitswelten zu sichern, steigt täglich. Ganz in dem Sinne, wie auch Anja C. Wagner im Video formuliert: Das Netz ist nicht in erster Linie ein Tool für den privaten Einsatz, sondern ein Arbeitswerkzeug. Und wer junge Leute finden möchte, die das Netz so nutzen, wer verstehen will, was da abgeht – muss selber ins Netz und eine eigene Netz-Identität entwickeln.

Faszinierend dabei für mich: Diese Entwicklungen sind Selbstläufer. Sie schließen niemanden aus, sie sind alles andere als elitär, sie sind offen für jede und jeden, der und die mitmachen will. Da gibt es kein „bildungsaffin“ und „bildungsfern“, denn das sind Definitionen, mit denen vor allem das Bildungssystem und die Bildungspolitik Menschen stigmatisieren.

Umso wichtiger ist es, dass diese Netzwerke immer schneller wachsen. Dadurch werden alternative Bildungs-, Lern- und Arbeitsnetzwerke einem immer größeren Kreis von Menschen zugänglich. Die Abhängigkeiten von einem veralteten Bildungssystem werden weniger, Menschen befreien sich mehr und mehr aus den Zwängen der Selektionsmechanismen – oder geraten gar nicht erst in deren Fänge.

Nicht zuletzt Dank des Engagements von Menschen wie Anja C. Wagner, Lorenzo T. Osorio und einer rasch steigenden Anzahl von Frauen und Männen, die sich diesen Bewegungen anschließen.

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Im Land der digitalen Dinosaurier

Das ist praktisch eine Bankrotterklärung der Schweizer Wirtschaft. Zum dritten Mal innert kurzer Folge. Womöglich bleiben ja am Ende wieder Schokolade und Käse. Oder kommt da noch was?

Sven Ruoss

Vor über drei Jahren habe ich im Rahmen einer Masterthesis die Studie «Digital Switzerland» ins Leben gerufen und den Begriff «Digitale Dinsosaurier» erfunden. Heute wurden die Ergebnisse der zum dritten Mal durchgeführte Studie präsentiert. Doch leider gibt es auch heute noch in der Schweiz viel zu viele «Digitale Dinosaurier». Den Schweizer KMU fehlt es immer noch an digitalem Fachwissen. 

Die Studie «Digital Switzerland» von der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich und localsearch (Swisscom Directories AG) zeigt, dass Schweizer KMU digitalen Nachholbedarf haben: 87% der Befragten sind als Digitale Dinosaurier einzustufen. Fehlende finanzielle Mittel, technische Ausstattung und Fachwissen sind für Mikrounternehmen dabei die grössten Herausforderungen.

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Die zum dritten Mal durchgeführte KMU-Studie «Digital Switzerland» untersucht Ziele und Herausforderungen der digitalen Transformation für Schweizer Unternehmen und kommt zum Ergebnis, dass eine Mehrheit von 87% der Befragten als digitale Dinosaurier einzustufen sind. Die sogenannten digitalen Dinosaurier sind überproportional bei Mikrounternehmen (1–9 Mitarbeitende) vertreten. «Die…

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Warum wir der Schule das Kind entziehen müssen

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Eine Schulleiterin fordert auf linkedIn Respekt für den Berufsstand der Lehrer. Ein Blick in den Schulalltag zeigt allerdings, dass es vor allem das Bildungssystem ist, das den Schülerinnen und Schülern bis heute mit einer systembedingten Respektlosigkeit begegnet, die ihresgleichen sucht. Die für Bildung und Erziehung von Kindern zuständig sind, respektieren vor allem eines nicht: diese Kinder – wie Remo Largo wieder einmal sehr klar auf den Punkt bringt:

Dabei spricht er auch einige der Instrumente an, mit denen diese Respektlosigkeit gegen das wachsende und sich entfaltende Leben vorgeht, und die den reflexartigen Griff nach Chemie erst auslösen: Einsperren in ein Klassenzimmer und den natürlichen Drang des Bewegens und Entdeckens unterdrücken. Ihn durch diverse, sozial sehr heikle Sanktionsmaßnahmen unterbinden; das Kind also in seiner Beziehung zu sich bereits auf der grundlegenden Ebene, der Beziehung zu seinem Körper, gründlich zu korrumpieren. Sehr früh entwickeln deshalb gerade die „Beweglichen“ unter ihnen eine „Was stimmt mit mir nicht?-Haltung“, wie gerade eben wieder ein Vater auf Twitter seinen Sohn zitiert: „Wie der Sohn nach der 1. Klasse sein Zeugnis las, es verstand, mich anschaute und ‚Papa ich bin dumm.‘ zu mir sagte. Da habe ich wieder verstanden, wie Schule funktioniert.“ Einen interessanten Einblick in die hitzige Debatte um Ritalin finden Sie übrigens hier auf linkedIn.

Alle über einen Kamm geschoren

Die nächste Respektlosigkeit ist ebenfalls wohlbekannt: Schule und ihr Personal scheren alle (!) Kinder über diesen einen Kamm, dass sie gleichzeitig und im selben, vorgegebenen Tempo zu lesen, zu schreiben und zu rechnen haben, völlig ungeachtet der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, völlig ungeachtet ihres Entwicklungsstandes. Und wer als Kind da nicht mitkommt, wird stigmatisiert. Er oder sie wird in seinem und ihrem sozialen Kontext umgehend mit einem Stempel versehen, der ihm und ihr schon zu diesem frühen Zeitpunkt einen Platz im sozialen Gefüge zuteilt: zu langsam, zu schnell, retardiert – was auch immer. Dass es auch ganz anders geht, ist längst bekannt und wird erfolgreich praktiziert. Zum Beispiel hier.

Was diese fein ziselierten Diskriminierungen und Stigmatisierungen für die Entwicklung des Selbstbildes von Kindern bedeutet, kommt dabei konsequent nicht in den Blick. Je nach Ressourcen, die ein Kind aufbringen kann, um mit diesen Kränkungen umzugehen, wird es sich entweder tatsächlich einordnen und ein entsprechendes, leistungs- und konkurrenzbasiertes Selbstbild entwickeln, oder es gerät in die Fänge des Korrektur-Instrumentariums: heil- und sonderpädagogische Maßnahmen, womöglich unterstützt durch Chemie, und in jedem Fall Nachhilfe. Ein Milliardenmarkt.

Schulen und Lehrer*innen als ausführende Kräfte der Schulen produzieren kranke Menschen, wenn und weil es diese Kinder als gesunde nicht schleunigst schaffen, sich in diesen fatalen Kreislauf des Ein- und Unterordnens zu fügen. Diesen Faden beißt die Maus nicht ab.

Warum wir mit der Gleichmacherei des Schulsystems brechen müssen

Und das ist erst der Anfang. Bereits in der Primarschule begegnen Kinder dem reichhaltigen Instrumentarium der Kontrolle, der Disziplinierung, der Ausrichtung an Leistungs- und Selektionsprinzipien, durch vielfältige Formen der Bewertung, der Leistungsmessung – und irgendwann der Benotung. Und zwar – der Käfighaltung geschuldet – durch generalisierende Maßnahmen, nicht durch individualisierende. Den Kindern werden gar keine Möglichkeiten gegeben, ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Potenzial, ihre selbstbestimmte Lernbiografie zu entwickeln, um ihnen im Anschluss zu bescheinigen, dass sie halt kein Potenzial hätten und sich gar nicht selber organisieren können. Das ist zynisch. Die Devise lautet schlicht: mitkommen, den Anschluss nicht verlieren, sich rundherum an fremdgesetzten Maßstäben und Zielen, Inhalten und Zwecken des Lernens orientieren. Konsequent von sich selber weg.

Martin Walser beschreibt die Absicht dahinter so: „In der Schule lernt man, sich auf etwas anderes als sich selbst zu konzentrieren. Man tut so, als sei Erlerntes etwas Eigenes geworden. So wird Eigenes zu etwas Erlerntem. Man agiert in der Art einer von der Gesellschaft gebauten und programmierten Maschine. Es scheint beim Erzogenwerden daruf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. Sich verborgen zu bleiben, heißt, ihnen so zu passen, daß sie dich gut erzogen nennen. Dann können sie eher machen mit einem, was Sie wollen. Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.“ (Ficus, André/Walser, Martin (1982): Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. Frankfurt am Main: Insel)

Es ist höchste Zeit, dass wir diese systemische und systematische Abwertung und Verkrüppelung, diese Gleichmacherei durch Schule abschaffen. Hier ein paar wichtige Gründe dafür:

Wir müssen dem Einhalt gebieten, unsere Kinder da rausholen und gar nicht erst hinschicken. Das sind wir jungen Menschen schuldig, damit sie nicht von sich selber abgelenkt werden, sondern sich und ihre Möglichkeiten entdecken. Stress- und konkurrenzfrei.

Und ja, ich sehe bei dieser Respektlosigkeit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen vor allem Lehrerinnen und Lehrer in der Verantwortung, denn sie betreiben dieses Geschäft täglich. Flächendeckend im staatlichen Schulwesen in D-A-CH. Sie spielen mit. Ich akzeptiere ihre Ausreden nicht mehr, dass sie dazu gezwungen seien durch das System, denn aus einem System kann ich aussteigen. Ich akzeptiere auch nicht mehr ihre pädagogische Ideologien und Vorurteile, die sie reflexartig wie Joker aus dem Ärmel ziehen, um ihre schlechten Karten aufzupimpen.

Zu den Lösungen

Wir wissen heute sehr genau, wie Menschen lernen und wie nicht, und was Kinder wirklich brauchen, um sich und ihre Kräfte zu entfalten. Auch und gerade die sozialen Kräfte. Dieses Wissen ist mitsamt eindrücklichen Erfahrungen längst überall mit Händen greifbar:

Deshalb: Wer heute mit der Art von Schule weitermacht, wie sie der Normalfall ist, macht sich ganz persönlich schuldig am Schicksal dieser jungen Menschen (was auch für Väter und Mütter gilt) – und daran, dass die Schulen ohne mit der Wimper zu zucken, weiterhin ganze Generationen immer noch hilfloser aus den Schulen entlassen, ohne jene dringend benötigten, kreativen, sozialen und wissenschaftlichen Gestaltungskräfte, mit denen sie das Ruder womöglich doch noch einmal herumreißen könnten.

Sie möchten mehr erfahren? Sich weiterbilden? Für Ihre oder andere Kinder eine Alternative finden? Sich mit anderen verbinden? Projekte unterstützen? Selber was auf die Beine stellen? Sie möchten an politischen Lösungen mitdenken? Das Netz ist voll davon. Auf youtube finden Sie alles zu alternativen Lernorten.

Und warum es wirklich Grund zur Hoffnung gibt, das erfahren Sie in dieser Doku:

 

Übrigens:

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Sie mögen keine Lehrer, oder?

 

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Neulich hat mir auf linkedIn ein Lehrer die (womöglich rhetorisch gemeinte) Frage gestellt: „Sie mögen keine Lehrer, oder?!“ Dazu fiel mir sofort das Statement eines Oberstudienrats ein, der mir während eines Gesprächs über Beziehungsqualität in der Schule versicherte: „Wissen sie, Herr Schmitt, es gehört nicht zu den Aufgaben eines Lehrers, gemocht zu werden.“  

Mag ich Lehrer? Ich lehne das traditionelle Setting, in dem dieser Berufsstand unterwegs ist, in der Tat ab. Die Gründe dafür auf der Ebene von Mögen oder nicht Mögen abzuhandeln, das greift für mich aber zu kurz.

Ich arbeite unter anderem in der Weiterbildung lehrender Berufe mit und bin immer wieder in Veranstaltungen involviert, die lehrende Menschen dabei unterstützen sollen, sich selbst weiterzuentwickeln, also zu lernen. Meine Erfahrung ist, dass die Bereitschaft, sich auf Lernprozesse einzulassen, die diesen Namen verdienen, in Lehrerkreisen konstant niedrig ist. Da ist eineR von zehn. Vielleicht sind es zwei. Angehörige lehrender Berufe sind mit dem, was Lernen recht eigentlich bedeutet, in hohem Maß überfordert. Spätestens wenn sie es auf sich selbst anwenden sollen. Sie lassen sich nicht wirklich auf die Verunsicherung ein, die mit jedem echten Lernen einhergeht.

Ich bin erschreckend wenig lehrenden Menschen begegnet, die wirklich bereit sind, all das erst einmal bei sich selbst zuzulassen und mit sich selbst zu erleben und zu praktizieren, was sie pausenlos von Schüler*innen und Student*innen einfordern: auf ganz vielfältige Weise zu lernen. Dabei ist es ja genau dieser Lebensvollzug, mit all seinen Chancen und Risiken, den lehrende Berufe als allererstes souverän und professionell an sich selbst vollziehen können müssten. Als Vorbilder quasi. An einem lehrenden Menschen müsste als Erstes abgelesen werden können, wie erfolgreiches, lebendiges, lebensförderndes und kompetenzorientiertes Lernen funktioniert; wie das Lernen Menschen zutiefst verändern kann, wie Verunsicherung und Fortschritt sich bedingen und Hand in Hand gehen.

Stattdessen vermeiden es lehrende Berufe weitaus mehr als andere, mit denen ich in Coaching, Supervision und Weiterbildung zu tun habe, bei den eigenen Schwächen und Problemen anzukommen, die ja wunderbare und ideale Lerngelegenheiten sind. Die, zu deren Tagesgeschäft es bis heute gehört, Menschen vor allem über ihre Schwächen zu bewerten, geben sich selbst keine Blöße. Schließlich werden sie ja im Schulalltag täglich Zeugin und Zeuge davon, was sie damit bei lernenden Menschen auslösen, die diesem Machtapparat in keiner Weise gewachsen sind – quer durch das ganze zur Verfügung stehende Instrumentarium hindurch: Benotung, Verhaltensdiziplinierung, soziale Ächtung, Genderstereotypien, Strafarbeitssystem, Drohungen mit dem Versetzungshammer, Einträge, Verweise. Mehr noch: Es gehört zu den gern gehörten rhetorischen Spitzen aus Lehrermund, dass die Schüler ja so viel mehr Macht hätten im Klassenzimmer als die Lehrer. Das ist purer Zynismus.

Natürlich kommt klassischer Unterricht heute immer öfter an seine disziplinarischen Grenzen. Das liegt aber erstens am Setting. Und zweitens: Statt sich angesichts der vielfältigen, herausfordernden Situationen im Schulalltag konsequent selber zu befähigen und damit professionell klar zu kommen, glänzen lehrende Berufe in den entsprechenden Formaten durch Abwesenheit: in Coaching, Super- und Intervision sind bis heute nur sehr wenige Angehörige lehrender Berufe anzutreffen. Auch in der Ausbildung lehrender Berufe spielt dieser Aspekt so gut wie keine Rolle. Dort, wo andere Berufe längst professionell über Rollen und Anforderungen reflektieren, sich anderen gegenüber öffnen mit ihren Ängsten, und auf eine verbindliche und professionelle Weise ins Gespräch darüber kommen – da sind Lehrerinnen und Lehrer weit abgeschlagen in der Minderheit.

Und vollends bizarr finde ich dies: Obwohl (oder weil?) sie tagaus und tagein wenig anderes tut, als andere Menschen zu bewerten, sind Lehrende von einer absurd anmutenden, fast durchgehend rationalisierten Angst davor umgetrieben, einmal an ihrer Leistung und an der Qualität ihres beruflichen Handelns gemessen zu werden – und zwar von unabhängiger Seite und nicht wieder von anderen Lehrern.

Nicht ob wir Lehrer mögen, ist die Frage, sondern wofür es sie braucht

Womöglich ist die Frage, ob ich oder irgendjemand Lehrer mag, falsch gestellt. Angemessener ist für mich die Frage, ob es sie braucht – und wenn ja, wozu.

  • Damit junge Menschen ihre Potenziale entdecken und entfalten, braucht es keine Lehrer sondern authentische, bedarfsgerechte, an diesen Potenzialen ausgerichtete Lebenssituationen, die allesamt außerhalb von Schule zu finden sind – und es braucht in diesen Kontexten keine Lehrer, keinen Unterricht, keine Prüfungen und keine Noten,  sondern warmherzige, gut ausgebildete, hochkompetente und einfühlsame Coaches. Und erst recht diejenigen unter den jungen Leuten, die sich besonders schwer tun in den Schulen mitzukommen, brauchen dieses lehrerfreie „Außerhalb“, um zu sich selbst und zu ihren Möglichkeiten zu finden.
  • Damit (nicht nur) junge Menschen lernen, sich im unendlichen Wissens- und Informationskosmos zurecht zu finden und diesen Kosmos für sich und ihre Mitwelt kreativ nutzen lernen, braucht es keine Lehrer sondern weltoffene, geübte Digital Workers, die eine hohe Eigenmotivation mitbringen, um Kids, Jugendliche und übrigens auch unzählige Erwachsene für das Digitale Wissensmanagement zu begeistern.
  • Damit junge Menschen lernen, mit offenen Augen und Herzen durch diese Welt zu gehen, mit einem Blick nach links und rechts und über den Tellerrand hinaus, interessiert daran, mit anderen Menschen ganz ohne kompetitive Verhaltensmuster an einer lebenswerten Zukunft für alles Lebendige auf diesem Planeten einzustehen – dafür braucht es keine Lehrer. Es braucht dich und mich.

Den lehrenden Beruf braucht es vor allem zum Aufrechterhalten eines veralteten Systems, das von Tag zu Tag mehr an lernenden Menschen vorbei exerziert. Wenn „mehr“ überhaupt noch geht. Dabei schulden wir den jungen Menschen etwas ganz anderes als das, was wir ihnen täglich antun. Aktiv, indem wir sie beschulen und passiv, indem wir ängstlich und tatenlos dabei zusehen.

Jack Ma hat auf dem aktuellen WEF klare Worte über die Zukunft des Lernens gefunden, die mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen:

 

Jetzt könnten wir ja sagen: Wir müssen dringend damit beginnen, den Lehrerberuf weiter zu entwickeln, aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es ihn nicht mehr braucht. Es braucht Alternativen. Und zwar echte, wie Jola Drews vom Verein Demokratische Stimme der Jugend im Interview eindrücklich schildert:

Die ganze Doku über den Verein mit weiteren spannenden Interview-Partner*innen finden Sie hier.

Aus den Fesseln des Bildungssystems ausbrechen. Doku über Bildung der Zukunft.

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Warum engagieren sich junge Menschen zwischen 14 und Mitte 20 für die „Befreiung der Bildung“? Weil sie realisiert haben, dass wir nicht damit weitermachen können den Planeten zu verbrauchen – und weil sie eine klare Vision haben – und jede Menge Kraft. Ich habe mit Jola, Gina und Simon vom Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ ein Gespräch geführt. Herausgekommen ist eine faszinierende, 30-minütige Doku über visionäre Praxis und strategische Professionalität.

Hier geht’s zum Video.

Neue Epidemien für das Land

 

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Quelle

Wenn etwas übers Volk kommt und nicht nur über einzelne, dann spricht man von einer Epidemie. „επι δημω“, sagte der alte Grieche, wenn es nicht nur über ihn kam, sondern über alle. Wir kennen das: Wenn es uns einfach überkommt. Schicksalhaft. Ohne die Chance des Abwehrens, ohne Gegenmittel. 

Epidemien haben es so an sich: Sie dezimieren, rotten aus. Schleichend verbreitet sich ein Etwas, das ausknipst, wo es hinkommt. Das Fatale daran: Das Virus tötet die, durch die es kommt, also sich am Leben erhält. Erst wenn es nichts mehr zum Heimsuchen findet, hat das Ausknipsen ein Ende. Ein Virus löscht sich irgendwann selber aus. Aber erst zum Schluss. Nicht ausgerottet aber wirkungsvoll aufgehalten werden kann es durch Resistenz. Sei es, dass die Natur ihm ein Schnippchen schlägt, sei es, dass der Mensch ein Gegenmittel findet, das resistent macht. Und zwar das Volk.

Nun gibt es zu Beginn des dritten Jahrtausends in Europa keine Epidemien mehr. Dem Wortsinn nach. Seuchen gibt es noch. Aber die lassen das Vieh sterben, nicht das Volk. In Europa.

Der Mensch hat gelernt. Er hat Gegenmittel erfunden. Nicht nur solche, mit denen er das Volk impft. Ausgerottet wurden die großen Epidemien vor allem durch kulturelle Leistungen: Etwa durch Aufklärung, bessere Hygiene, allgemein: Durch eine Rundumverbesserung der Lebensqualität. Verhindert werden Epidemien durch Lebensbedingungen, die sie verhindern.

Eine Epidemie aus Deutschland – und wie man sie loszuwerden gedachte

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Europa von einer Epidemie heimgesucht, die von deutschem Volk und Boden ausging: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Hierbei handelt es sich zwar nicht um Krankheiten, von denen man Fieber und Ausschlag bekommt, aber sie sind tödlich. Auch sind sie keine genuin deutschen Phänomene, aber hierzulande wurden sie epidemisch in jeder Hinsicht: Grassierend, flächendeckend, ausrottend.

Wirklich besiegt ist diese Art von Faschismus auch heute nicht. Das Virus lebt. Aber damit es nicht mehr epidemisch werden kann, hat man sich einiges einfallen lassen: Das Gegenmittel, das seinerzeit aus den USA importiert wurde, lautet politische und wirtschaftliche Integration nach außen und Föderalismus nach innen: Teilung von allem, was sich teilen lässt. In summa: Die Integration des Volkes in eine Kultur der Freiheit. Ein kulturelles Impfprogramm für die Nachkriegsgenerationen. „Damit das nie wieder passieren kann“. Eigentlich keine wirkliche Basis für die Entwicklung einer neuen Identität. Aber vielleicht sollte ja genau das verhindert werden.

Die Formel dieses Impfstoffes ist denkbar einfach: Man schaffe möglichst optimale Bedingungen für die wirtschaftliche Entfaltung und lasse alle in irgendeiner Form an den Früchten teilhaben. Wie das konkret zu geschehen hat, darin unterscheiden sich die Wirtschaftstheorien erheblich. Das Ziel aber verbindet sie: Wohlstand für alle um den sprichwörtlichen Nährboden für Epidemien trocken zu legen. Doch die braunen Sümpfe existieren weiter und zwar besonders dort, wo der Motor der amerikanischen Idee stottert bzw. gar nicht erst anspringt: Der Wohlstand. Und eben nicht nur der wirtschaftliche. Neonazis leiden keinen Hunger und haben alle ein Handy. Und so zynisch das ist: Sie haben sogar Vorbilder, die für sie motivierender sind als diejenigen, die das Global Network bereithält – oder übriglässt.

Was für ein Wohlstand, welche Art von Lebensqualität ging der Nachkriegsära also durchs Netz? Oder leiden wir ganz einfach unter dem vor allem in konservativen Kreisen beschworenen Werteverfall, den es mit allen Mitteln aufzuhalten gilt? Was vor allem den konservativen Kreisen, die es ja nicht erst seit letztem Jahr gibt, einfach nicht gelingen will.

Das Volk: Entschieden versorgt

Wo wir doch wirklich mit allem versorgt sind, was man sich gewünscht hat und denken kann. Mit einer stabilen Demokratie, einer ordentlichen (was nicht dasselbe ist wie erfolgreichen) Wirtschaft und einem stattlichen Bildungswesen. Woran mangelt es? An Respekt, Religion, Rechtschaffenheit? Oder breitet sich gar hinterrücks eine neue Epidemie aus?

Oder mangelt es in Wirklichkeit gar nicht? Die Versorgung ist doch perfekt. Nicht die Versorgung mit diesem oder jenem. Vielmehr ist das das Leben: Versorgen, besorgen, entsorgen.

Das vom Kriegs- und Nazivirus geschwächte Volk, das nach Kriegsende nicht mehr in der Lage war, auf die Beine zu kommen und deshalb sorgfältig hochgepeppelt wurde, hat zwar gelernt, auf diesen Beinen zu stehen. Das gehört zum Programm: Laufen lernen ja, aber wie und wohin, das sollten andere entscheiden. Und so hat man uns eingebunden in eine Art anglo-amerikanische Idee von Kultur und Gesellschaft, die die Pfade des Global Networks auch in die entlegensten Weltregionen festgetrampelt hat.

Zu entscheiden gibt’s da nichts mehr, nur noch zu wählen: Politiker, Telefonanbieter, Kondomfarben. Ich bin der Anwender. Ich bin versorgt bis ins Unwesentliche. Ich bin Teil einer kultivierten Anwendergeneration und die Kids kennen es nicht mehr anders.

Wer das Leben der Gegenwart bestehen will, muss anwenden können. Er muss die Benutzeroberfläche verstehen und bedienen können. Mehr nicht. Die Betriebsanleitung checken und ein- und ausschalten, an der richtigen Stelle ankreuzen oder unterschreiben. Den Rest erledigt ein ausgeklügeltes, anwenderfreundliches System. Nicht wie etwas funktioniert gilt es zu verstehen, sondern wie man es richtig anwendet. Und wenn es dann einmal nicht mehr funktioniert, konsultiere ich den Support, zu Deutsch: Anlaufstellen, von denen es für jede Lebenslage eine gibt: Technische Hotlines, Therapeuten, Berater und jede Menge Bücher der Kategorie Lebenshilfemafia.

Man muss es sich zuerst klarmachen: Wir sind aufgewachsen mit der Freiheit zu wählen, was man will und was nicht – nicht in der Freiheit zu wollen oder nicht. Wir haben gelernt, zwischen Alternativen zu wählen, nicht Alternativen zu schaffen. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es ausgetauscht. Sei es der PC, der Manager, der Politiker, die Partnerin, die Bank. Die einzig erwähnenswerte politische Alternative, die zu meiner Zeit geschaffen wurde, war wohl die Partei der Grünen. Aber auch die kann man jetzt nur noch wählen – oder nicht. Das hat was Epidemisches. Es hat uns überkommen. In einem langen, gründlichen Prozess und jenseits körperlichen Siechtums oder Mangels.

Und mittendrin geht Herbert Grönemeyers kuschelig-anarchischer Wunsch „Kinder an die Macht“ in Erfüllung. Nicht nur die deutsche Wirtschaft steht vor einem entscheidenden Generationenwechsel. Dasselbe gilt für die deutsche Politik und die ewig pubertierende deutsche Bildung. Oben noch immer die Alten: Eine Generation von Politikern, Lehrenden, Forschenden, Wirtschaftenden und Erziehenden, die den Aufschwung zu wählen hatte. Sie sollen das Szepter an eine Generation abgeben, die das Entscheiden nicht wirklich gelernt hat. Denn das Entscheiden selbst ist delegiert.

Ich delegiere, also bin ich

Heimlich und klamm hat sich das Volk zu einer Delegationsgesellschaft gemausert. Und ganz aktuell delegiert der Nachkriegsapparat in einem gewaltigen Akt des Nicht-Loslassen-Könnens das Projekt Zukunft an die Nachkommen, die mit dieser Aufgabe maßlos überfordert sind, weil sie das Entscheiden nicht lernen konnten: Die wirtschaftliche Junior-Elite ebenso wenig wie die politische Garde der Merkels. Die Armada der gebeutelten Lehrerschaft ebenso wenig wie die sogenannte Keimzelle der Gesellschaft: Die Familien und ihre Väter und Mütter.

Wir erfahren eine ungebrochen hohe Sehnsucht nach Familie. Auch ihr Wert als politischer Stimmenfänger ist unerschüttert. Gleichzeitig lässt die Familienrealität solche Seifenblasen täglich platzen. Eine ganze Verkittungsindustrie ist mittlerweile gewachsen, die Familien und andere Partnerschaften zusammenhält, kaum dass sie gegründet sind: Für jede Dysfunktion gibt es eine passende Anlaufstelle, und auch das einstmals als familiäre Kernaufgabe deklarierte Phänomen der Erziehung, von dem keiner so genau weiß, was es ist oder soll, kann nahezu vollständig an Außenstellen delegiert werden. Der Rest ist Anwendung.

Politiker delegieren eine ihrer wichtigsten Existenzberechtigungen, die Meinungsbildung, an die Medien. Die Bildung delegiert ihre Unfähigkeit zu bilden wiederum an die Politik, an die Familie und an die Wirtschaft. Und letztere delegiert ihre unternehmerischen Kernkompetenzen an die Zunft der Unternehmensberater.

Und wenn es immer noch nicht funktionieren will, dann wird ausgetauscht. Man wechselt den Berater, die Partnerin, die Schule, den Schüler, den Geschäftsführer, die Strategie. Bis zum nächsten Mal.

Eine neue Epidemie ist ausgebrochen: Weil ich nicht entscheiden kann, delegiere ich. Das Schöne daran ist: Ich bin dann auch nicht dafür verantwortlich, wenn es nicht funktioniert. Ich habe ja nicht entschieden, genauer: Ich kann das ja gar nicht. Und wenn ich auf diese Weise gar keine Verantwortung habe, dann kann mir anschließend niemand den Vorwurf machen, ich hätte mich vor ihr gedrückt. Deshalb werden Unsummen in diejenigen investiert, die einem das verkaufen, was man selber nicht zuwege bringt: Entscheidungen.

Das Los der Berater

Hat man heute womöglich keine Zeit mehr, wichtige Entscheidungen selber vorzubereiten? Ich vermute eher: Man drückt sich. Denn auch zum Entscheiden muss man sich sinnigerweise erst mal durchringen. Ich müsste mich dafür entscheiden. Mich mit der Anatomie von Entscheidungen und deren Qualität auseinandersetzen. Das wird delegiert. Und zwar an den, der ganz entschieden den besten Eindruck macht. Dass es hierzu mittlerweile eine Industrie gibt, die nichts als den guten Eindruck produziert und vertreibt, das wahrzunehmen steht an. Ich vermute: Das ganze Beraterpack, wie die versammelten Zünfte der Therapeuten, Consultants und „Anlaufstellen“ hinter verschlossenen Türen betitelt werden, kann und konnte sich nur deshalb so rasant fortpflanzen, weil diese ungeheure Nachfrage da ist. Nach Entscheidungen, die niemand so recht treffen will.

Nehmen wir das fast schon antike Swissair-Desaster: Nicht sehen können oder wollen, dass zentrale unternehmerische Urteile, also Entscheidungen, Beratern überlassen werden. Und nur hinter vorgehaltener Hand kriegt man zu hören: Kuck an, da hat einer die Swissair zu Tode beraten. „Man“ redet so, nicht nur in diesem einen Fall und bei dieser von der Politik aufgefangenen und auf Volkes Rücken hinausgezögerten Pleite. Nicht wenige Firmen stehen nach einer Beratung viel schlechter da als vorher. Das ist bekannt, man kann es überall hören und sehen. Trotzdem ist das Vertrauen in Beratung ungebrochen hoch. Ist es das?

Ich glaube nicht. Es hat nichts mit Vertrauen zu tun, sondern damit, wie gut ein Berater das Misstrauen gegenüber seiner Zunft durch gutes Marketing ausblenden kann.

Nicht was da verkauft wird, ist entscheidend, sondern wie. Und den Zuschlag erhält derjenige, der einem auch diese Entscheidung abnehmen kann. Der ganze Rest ist Anwendung. Sag mir nur, was ich tun muss, damit mein Betrieb wieder anständig läuft, mehr will ich gar nicht. Ob diese seltsame Strategie überhaupt aufgehen kann, fragt man sich aber erst dann, wenn sie es nicht getan hat – ohne dass man dadurch wirklich klüger, will heißen: entschiedener geworden wäre.

Aber – auch wenn es manchmal so aussieht – nicht die Berater sind schuld, wenn eine Institution sukzessive absäuft. Man kann bestimmte Kompetenzen einfach nicht an Berater delegieren. Vor allem nicht diejenigen, durch die man sich als Unternehmer auszeichnet. Oder als Politiker, Partner, Pädagoge. Mit anderen Worten: Wer sich auf hoher See einen Berater an Bord holt um das Loch im Rumpf reparieren zu lassen, sollte nicht den Berater verklagen, wenn das Schiff untergeht. Der hat nur seine Arbeit getan. Und spätestens seit James Camerons Monumentalstreifen wissen wir: Die Titanic ist wegen maßloser Selbstüberschätzung untergegangen und erst dann wegen eines Loches im Rumpf.

Aber selbst hier wäre eine Moralisierung fehl am Platz. Denn dahinter steckt ein Virus, gegen das noch kein Impfstoff gefunden wurde. Deswegen kommt es auch epidemisch daher. Die wenigsten Unternehmen, Menschen und überhaupt: die wenigsten Projekte scheitern an Inkompetenz. sondern an einem Virus, das durchs ganze Volk geht. Seine Hauptsymptome wurden schon beschrieben: Delegationswut, Entscheidungsangst und Anwendungswahn.

Das ideale Virus

Hinter diesen Symptomen steckt ein Virus, das so alt ist wie die Menschheit. Ein Virus, das den Organismus, den es überkommt, auffrisst, das den Verstand ausschaltet und sich auf diese Weise fortpflanzt. Ganze Unternehmen, überhaupt Partnerschaften jeder Art, und damit eben auch Menschen, scheitern an ihm. An dem Virus des „Idealen“, das alle Katastrophen und Demokratisierungsprojekte des vergangenen Jahrhunderts überlebt hat. Was hat es mit diesem Virus auf sich?

Meine Behauptung lautet: Ideale sind Zustände, die man nie erreicht, aber dennoch beharrlich anstrebt. Vollbeschäftigung, endloses Wachstum, mit anderen Worten und in jeder Hinsicht: Perfektion.

Ich kenne eine Menge Projekte und Partnerschaften, die an nichts als an diesen Idealen gescheitert sind oder besser: An der Illusion, man könne sie erreichen. Aber bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass nicht die Ideale an den Menschen scheitern sondern – wie bei Viren üblich – Menschen an Idealen. Diese Einsicht käme jedoch der Entdeckung eines Gegenmittels gleich:

Je höher Ideale gesteckt sind, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ich an ihnen scheitere. Und wenn nicht ich, dann doch diejenigen, die meinen Idealen nicht gerecht werden können. Hier liegt ein ganz wesentlicher Grund dafür, warum Karrierestraßen so oft von verbrauchten LebensgefährtInnen, „auffälligen Kindern“, Burn-out-Symptomen und Konkursen gesäumt sind. Epidemisch formuliert: Hier liegt der Grund, warum ein politisches und gesellschaftliches System wie das unsrige fast zwangsläufig Querschläger hervorbringen muss, zu schweigen von den Nebenwirkungen des globalen Fusionierungswahns.

Ideale, die „humanen“ inklusive, werden immer nur auf Kosten real existierender Menschen angestrebt – verwirklicht werden sie hingegen nie. Und gerade eines dieser Ideale, das wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Anwendergeneration hängt, lautet: Du sollst nicht scheitern. Das steigert die Abhängigkeit von den genannten Entscheidungshelfern ganz erheblich. Mit der Angst vor dem Scheitern lässt sich einfach das meiste Geld verdienen.

Oder kann man einfach nur die falschen Ideale haben oder die richtigen falsch angehen? Hatte der Chef der ehemaligen Swissair einfach nicht die richtigen Ideale, als er seiner Firma eine Überdosis Wachstumspillen verabreicht hat – oder hat er auf die falschen Berater gehört, die ihm diese Pillen verschrieben haben?

Ich vermute, es geht hier nicht um die Frage nach richtigen oder falschen Idealen, sondern darum, wie man mit ihnen umgeht. Ideale sind schön und gut. Mehr nicht. Sie sind wie schillernde Marketingstrategien, die auch selten das einlösen, was sie an die Wand beamen. Es geht diesen Strategien ja letzten Endes darum, etwas zu verkaufen, und das bedeutet: Mich von etwas zu überzeugen. Mit anderen Worten: Mir die Entscheidung abzunehmen während man mir geschickt suggeriert, ich würde gerade eine treffen.

Das kostenlose Gegenmittel

Ich vermute weiter: Je größer das Ideal, das über meinem Kopf hängt, und an dem andere und ich mich selber glauben messen zu müssen, desto geringer die Chance, dass ich wirklich Entscheidungen treffe. Denn ich könnte ja falsch entscheiden. Erst wer gegen Ideale gefeit ist, kommt in die Lage, entscheiden zu lernen. Dass auch dies unter Druck geschieht, versteht sich von selbst. Echte Entscheidungen gewähren nun mal kein Ausweichen. Aber es ist ein Unterschied, ob man den Mut hat, einer von sich aus drängenden Entscheidung ins Auge zu sehen oder ob man ihr ausweicht, weil man ja auch falsch entscheiden könnte. Und sie deshalb delegiert.

Sich von Idealen unter Druck setzen zu lassen, bringt nichts. Obgleich es funktioniert. Es ist völlig unproduktiv, Menschen oder Unternehmen an Idealen zu messen. Was Sinn macht, ist der umgekehrte Weg: Ideale an Menschen zu messen, an wirklichen Menschen in einer „wirklichen Welt“. An vorhandenen Fähigkeiten, Bedürfnissen und realisierbaren Zielen.

Es gibt keine idealen Menschen, und schon gar nicht gibt es ideale Unternehmen oder Schulen oder Kreuzfahrtschiffe. Es wird sie nie geben. Egal was uns die Berater und Visionsheinis erzählen. Egal, was als nächstes Ideal in den Marketinglaboratorien herangezüchtet wird. Selbst das, wogegen sich vor allem die Kirchen und geistverwandte Parteien momentan wehren: Das Szenario eines künstlich produzierten „Idealmenschen“, auch das ist nur eine Variante dessen, was das Christentum selbst Jahrhunderte lang mit aller Macht propagiert hat: Das Streben nach dem idealen Christenmenschen, der unserer Natur mindestens so widerspricht wie der perfekte Klon.

Ein Virus kann man nicht ausrotten. Aber man kann es bekämpfen, indem man seine Ausbreitung verhindert. Oder mit einem Vorschlag aus der Aufklärungsecke: Indem man sich schützt. Die Sache selber in die Hand nehmen und alles tun, um entscheidungsfähig zu werden. Nicht idealer Weise, sondern aus purer Lust. Am Entscheiden.

Wie die Kompetenz des Entscheidens gelernt werden kann – darum geht’s übrigens in diesem Buch hier:

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Über das Reizwort „Vision“

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Kein Begriff führt zuverlässiger zu verdrehten Augen als „Vision“. Vielleicht noch „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. Wir verwenden den Begriff wie Kaugummi, den wir locker verteilen, wenn jemand aus dem Mund riecht. Schnelle Lösungen, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des bubblegum. Der Rest ist Kauen. Aber warum bleibt das Phänomen trotzdem bis heute so erfolgreich? 

Warum verschwindet es nicht aus dem Marketing-Sprech, sondern blitzt alle Nase lang auf linkedIn auf? Weil eine Vision triggert wie nichts anderes. Visionen erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Und sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft immer nach „mehr Desselben“, nie nach Veränderung. Auch deshalb haben es Visionen bei uns so schwer.

Wir halten es nicht mehr aus!

Ein Blick in die Geschichte zeigt (von den großen Religionsgründern der Antike bis zu Martin Luther King), wann Visionen tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten: wenn sie aus realem, geteiltem Leid entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, nicht aus einer nur gepredigten. Dabei steht in diesen Fällen nicht die reale Veränderung realer Verhältnisse im Vordergrund, sondern das Moment des Verbündens. Echte Visionen verbünden durch eine gemeinsame Situation. Sie entstehen von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel nur auf der Südhalbkugel wütet, haben wir hier nicht wirklich einen Visionsbedarf.

Visionen entfalten eine Wirkung also am ehesten dort, wo sie geteilt werden. Auch dann ist nicht vorherseh- und bestimmbar, in welche Richtung sie wirken. Sie bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht restlos vorgeben. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen – erst recht nicht das „Wo“. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber sie unterschlagen es – und an dieser Stelle schlägt ein Visionsprozess in Manipulation um. Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, schlägt um in Versprechungen über höchst ungewisse Meriten.

Kraftvolle Visionen sind also niemals verordnet, sondern gewachsen. Sie entspringen einer geteilten Situation und machen deshalb aus Betroffenen Verbündete.

Die vier Eigenschaften einer wirksamen Vision

Aus diesem Grund haben wirksame Visionen immer mindestens diese vier Eigenschaften: Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln, eines das Sog entwickelt. Sie sind subjektivin dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der sie mit anderen teilt. Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen – und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, bevor sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind verschieden 😉