Für die endgültige Abschaffung des Lehrens. Eine Polemik

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Pädagogische Berufe und deren Ausbilder, aber auch Bildungspolitiker und Bildungsmanager sind bis heute der Ansicht, das „Lehren“ sei die ureigene Aufgabe von Schule. Damit stellen sie zwischen die Lernprozesse junger Menschen, in denen die sich die Welt erschließen könnten, und dem, was sie (die Pädagogen) als Bildung bezeichnen, einen scheinbar unverzichtbaren Apparat an Didaktik und Struktur. Auf diesen Apparat müssen sich lernwillige Menschen erst einmal ganz grundsätzlich einstellen. „Einfach so mal lernen“, das ist nicht vorgesehen im System Schule. Das Meiste und das Schönste am Lernen geht deshalb in dem Moment bachab, wenn Menschen zur Schule kommen.

Die eigentliche „Lernenergie“ eines lernenden Menschen geht genau dafür drauf: Für das Verstehen und Durchschauen dieser im übrigen völlig selbstreferenziellen Abläufe, Hierarchien, Rollen und Funktionen von Schule. Nur wenn der lernende Mensch diese durchschaut, kommt er oder sie in diesem System weiter. In der Folge ist es z.B. nicht entscheidend, wie gut jemand in der Schule die französische Sprache lernt, sondern wie gut er oder sie es schafft, dem schulischen Apparat zu entsprechen: Französischprüfungen prüfen immer nur die Fähigkeit, Französischprüfungen zu schreiben. Im Ergebnis ist „Französisch“ eines der unbeliebteren Schulfächer in der Schweiz. Die Sprachkompetenz der Schulabgänger ist entsprechend mau. Ähnliches gilt für die Fächer DeutschEnglisch und Mathematik (auch in Deutschland).

Diese Absurdität geht soweit, dass auch jene pädagogischen Erfindungen, die (seit 20 Jahren) als innovativ daher kommen, allen voran das selbstorganisierte Lernen (SOL), nichts anderes tun, als die Vorgänge des Lehrens einfach anders zu portionieren. Der Lehrer soll sein Lehren portionsweise an die Lernenden abgeben. Diese sind ab jetzt „ihre eigenen Lehrer“. Kein Wunder, wenn die meisten Pädagogen damit gröbere Probleme haben. Entstehen dadurch doch bizarre Formen der Konkurrenz zwischen ihnen und „ihren“ Schülern. Eine Art Wettkampf, den übrigens immer die Lehrenden gewinnen.

Schüler werden heißt heute: Lernen, was Schule ist

Die schulische Pädagogik tut also nichts anderes, als enorme Hürden um die Gegenstände und Prozesse des Lernens herum aufzubauen und diese ständig zu reformieren. Menschen, die in die Fänge einer Schule geraten, und das sind noch immer alle, müssen sich beständig in diese Prozesse „einlernen“ und einordnen. In Prozesse und „Plausibilitäten“, die zu nichts anderem da sind, als die schulischen Abläufe und ihre organisatorischen Bedürfnisse zu befriedigen.

Das setzt sich dann auch an den Hochschulen fort, wie Anja C. Wagner im Interview mit dem Stifterverband schildert:

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Reinhören?

Je besser lernenden Menschen diese Anpassung gelingt, um so eher werden sie als beschulbar wahrgenommen – und umgekehrt: je weniger es ihnen gelingt, umso weniger werden sie als beschulbar taxiert. Der soziologische Begriff dahinter lautet „doing student“. Die Schlagzeile dazu: Was ein Schüler in einem Klassenzimmer lernt, ist „Schüler in einem Klassenzimmer zu sein“ (Clark Aldrich). Mehr steckt nicht dahinter. In jedem Alter. Es geht nie darum, „die Mathematik zu begreifen“, sondern den Mathematikunterricht und den Mathematiklehrer. Wie gut einem lernenden Menschen das gelingt, das wirkt sich dann direkt auf seine oder ihre Schulkarriere aus, und damit auf ganz viele zentrale Aspekte seines und ihres zukünftigen Lebens.

Pädagogische Hochschulen: Wo Lehrer lernen, Menschen zu Schülern zu machen

Auch in der Ausbildung der lehrenden Berufe geht es nie um das authentische Lernen junger oder erwachsener Menschen. Ein zukünftiger Lehrer lernt in seiner Ausbildung, seinen Unterricht so zu gestalten, dass Lernende diesen Unterricht verstehen und mit diesem Unterricht zurecht kommen. Nur um das geht es. Der gute Lehrer ist der, dem es gelingt, lernende Menschen möglichst reibungslos und nachhaltig zu „Schülern“ zu machen. Dabei darf immer nur eine gewisse Anzahl von ihnen „gute Schüler“ werden. Sonst kollabiert das System. Es geht darum, dass Anwärterinnen und Anwärter auf lehrende Ämter lernen, die selbstreferenziellen Strukturen und Prozesse des Schulsystems „schülergerecht“ zu gestalten. Daraufhin werden sie zertifiziert.

Umgekehrt gilt aber hoffnungsvoller Weise auch: Je weniger „die Bildung“ ein pädagogisch-didaktisches Vorgehen ist, je weniger menschliches Lernen in jeder erdenklichen Form ein schulisch dirigiertes und organisiertes Lernen ist, um so mehr ist es ein Lernen, in dem ein Mensch zu sich selbst kommt, ist es ein Zuwachs an Welt- und Selbstverfügung (Klaus Holzkamp). Auch wenn solche Visionen und Anliegen von sehr vielen Pädagoginnen und Pädagogen nach wie vor als elitär oder esoterisch entwertet werden –  die Zahl der erfolgreichen und eindrücklich dokumentierten Projekte des entschulten Lernens und der entschulten Bildung nimmt unaufhaltsam zu. Das zeigt mir:  Hier geht es wirklich um etwas ganz Wertvolles und Wunderbares (z.B. Être et devenir oder schools of trust).

„Schule“ und „Lehren“ sind bis heute als Systeme folgenschwere Irrtümer, die sich seit der Industrialisierung in unseren Kulturen eingenistet und festgesetzt haben. Schule dient nicht der Mensch- und Personwerdung. Sie dient allein dem Erhalt einer Gesellschafts- und Wirtschaftsform und einem diesen zugrunde liegenden Menschenbild, das letztlich eine Mischung aus Taylorismus, preussischer Diszipingläubigkeit und einem Rest protestantischer Wirtschaftsethik im Windschatten eines Max Weber ist.

Lernen beginnt dort, wo Lehren aufgehört hat. Endgültig. 

Woran erkennen wir nun, dass Bildung damit begonnen hat, sich aus dieser Vergangenheit zu lösen und neue Wege zu beschreiten? Daran, dass sie aufgehört hat zu lehren. Daran, dass das Paradigma des Lehrens aus den Prozessen des Lernens verschwunden ist. Es geht dann nicht mehr darum, „andere“ Formen des Lehrens zu finden oder „neue“ (was z.B. Hattie fordert). Es wird darum gehen, das Lehren zu vergessen und dann bei denen in die Schule zu gehen, die bereits heute erfolgreich damit sind,  Kinder, Jugendliche und Erwachsene durch alle erdenklichen Möglichkeiten dabei zu unterstützen, sich zu bilden; sich – und niemanden sonst.

Wir erkennen es aber auch daran, dass niemand mehr von leistungsstarken und leistungsschwachen Lernenden spricht, von auffälligen und unauffälligen, von lernschwachen und lernstarken, von hoch- und minderbegabten Lernenden, und was es da sonst noch an Stigmatisierungen gibt. Denn wenn das Lehren aufgehört hat, werden die Gründe dafür weggefallen sein, Menschen in solche Schubladen einzuordnen. All diese „Aufkleber“ betrachten den lernenden Menschen nämlich nur unter einer einzigen, ihn völlig reduzierenden Perspektive: wie gut oder wie schlecht er oder sie in der Lage ist, sich in dieses Bildungssystem einzuordnen, das ein lehrendes System ist. Sie definieren den Menschen ausschließlich unter dem Aspekt seiner Belehrbarkeit.

All diese Stigmatisierungen, unter denen lernende Menschen und Eltern immer häufiger leiden, dienen einzig dazu, das Monopol des Lehrens aufrecht zu erhalten – und damit den Beruf des Lehrers. Sie reduzieren einen lernenden Menschen auf seine Fähigkeit, sich in diesem künstlichen und selbstreferenziellen Schulsystem zurecht zu finden und sich einzuordnen. Dabei realisieren die pädagogischen Protagonisten gar nicht, wie sehr dadurch bei lernenden Menschen Selbstbilder entstehen, die sie ein Leben lang nicht mehr loswerden. Das ist eine der erdrückendsten Nebenwirkungen dieses Selekionsapparates – und es ist purer Zynismus.

Wo das Lehren weggefallen ist, braucht es im selben Moment keine Didaktik mehr und keine Fächer. Beide braucht es allein für lehrende Berufe, nicht für lernende Menschen. Es braucht dann keine (elektronischen) Wandtafeln mehr und keine Lehrbücher, keine Lehrmittel, keine Lehrvideos – nichts dergleichen. Auch die Digitalisierung wird dann nicht mehr dafür missbraucht, um die Kultur des Lehrens mit technischen Mitteln einfach weiterzuführen.

Stattdessen entwickeln sich unmittelbar (sofort) neue Formen des Lernens, die von den lernenden Menschen selbst ausgehen – mitsamt ihrer Organisation. Lebendiges und authentisches Lernen organisiert sich selbst, in dem Moment, in dem es die Gelegenheit dafür bekommt. Das ist für mich eine der eindrücklichsten Eigenschaften unseres Lernens: dass es sich völlig selbst organisiert und zum Erfolg führt. Daran werden wir erkennen, dass es aufwärts geht: dass Menschen selbstorganisiert zu lernen beginnen – und dabei glücklich sind.

Lernen statt Lehren – try this:

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Ein faszinierendes Interview

Haltung einnehmen. Ein Zwischenruf zur Digitalisierung

Die Medien quellen über vor inhaltlichen Auseinandersetzungen und Szenarien darüber, was angesichts der Digitalisierung alles anders werden muss an Strukturen, Abläufen und technischen Ausstattungen. Ich vermute jedoch stark, dass die Prozesse, die uns in Richtung einer Arbeits- und Lebenswelt 4.0 bewegen, viel mehr von unserem Vorstellungsvermögen und von unseren Mindsets abhängen, als von technischen und strukturellen Herausforderungen. 

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Quelle

Fast nie kommt in den Debatten zur Sprache, dass sich die Ziffer „4.0“ in erster Linie auf neue Haltungen gegenüber Strukturen, Abläufen und technischen Neuerungen bezieht. Das gilt es meines Erachtens als Erstes zu begreifen: Bei „4.0“ handelt es sich um veränderte Einstellungen zu Phänomenen wie Arbeit, Bildung, Gesellschaft und Ökonomie. Was ist damit gemeint?

Wir leben derzeit in technischen, ökonomischen und sozialen Übergangszeiten. Wir erleben einigermaßen radikale Übergänge von der Schrift zum Bild, Erweiterungen des Realen um das Virtuelle, eine rasante Entwicklung hin zur Automatisierung nahezu aller menschlichen Handlungsarten – und die Globalisierung lässt uns im Prinzip nicht mehr zur Ruhe kommen. Im Windschatten dieser Übergänge sind wir deshalb herausgefordert, neue Haltungen zu entwickeln, damit wir in diesen Revolutionen gestaltungsfähig bleiben oder werden. Es geht also nicht nur unseren Handlungsroutinen an den Kragen, sondern vor allem unseren inneren Einstellungen; den Mindsets, mit denen wir unsere sozialen Wirklichkeiten konstruieren.

Erster Übergang: Vom Besitzen zum Teilen

Gemeint ist das Teilen von Wissen, Erfahrung, Infrastruktur und Ressourcen. Die Schnelligkeit, die Komplexität und die Radikalität des Wandels machen erfolgreiches Handeln von der Fähigkeit abhängig, offen und großzügig mit materiellen und anderen Werten umzugehen. Das bedeutet oftmals, dass ich „etwas gebe“ ohne auf einen direkten „return on invest“ zu spekulieren. Die network economy funktioniert nicht nach „reward patterns“, nicht nach Belohnungsmustern. Wann und wie mein Engagement in Netzwerken sich auszahlt, ist nicht vorhersehbar. Gleichwohl kann ich damit rechnen. (Quelle Foto: Bild antippen)

Zweiter Übergang: Vom Herrschen zum gemeinsamen Gestalten

Auch das Herrschen und Beherrschen von Menschen, von Gütern und Prozessen, ist ein Auslaufmodell. „Macht“ im Sinne der Fähigkeit, Einfluss auszuüben, hat in Zukunft nur Sinn, wenn ich sie konsequent teile statt sie bloß über andere und über anderes auszuüben. Konkret:

Durch die Digitalisierung nehmen die Komplexität und die Dynamik von Prozessen weiter zu. Unsere traditionellen Vorstellungen von Beherrschbarkeit können diese Entwicklungen nicht mehr fassen oder gar steuern. Letztlich sind in komplexen Kontexten nur transparente Netzwerke gestaltungs- und damit auch überlebensfähig. Nur digitale, soziale und ökologische Netzwerke verfügen potenziell über die notwendige Transparenz und Flexibilität, um in ständig sich verändernden Umwelten adäquat agieren zu können. Hierarchische Kulturen und Strukturen werden aufgrund ihrer Trägheit diesen Anforderungen nicht mehr gerecht. Sie isolieren sich deshalb zunehmend selbst und trocknen dadurch regelrecht aus, bzw. sie werden auf disruptivem Weg versenkt. Sie verlieren bereits heute zunehmend an Glaub- und Vertrauenswürdigkeit, weil immer mehr Menschen in ihrem Alltag erfahren, dass sie mit alternativen Haltungen und Einstellungen weiter kommen. Mit anderen zusammen.

Dritter Übergang: Vom Delegieren zur Selbstverantwortung

Eine nächste, ziemlich radikale Verwandlung erfährt auch das Phänomen der Verantwortung. Sie liegt in Zukunft immer mehr direkt bei denen, die in Prozesse und Entscheidungen involviert sind. Verantwortung lokalisiert sich in Zukunft immer öfter innerhalb von Interaktionen, also dort, wo Menschen situationsgerecht mit anderen Betroffenen entscheiden müssen, weil der berühmte Zug sonst ohne sie abfährt. Verantwortung wird also bei denen liegen, die in volatilen, oftmals unvorhersehbaren Situationen nächste Schritte planen und gehen. Auch Führung als Funktion wird deshalb in Zukunft situativ organisiert sein: projekt- und aufgabenbezogen und nicht mehr definiert als Sprosse auf der Leiter. (Quelle Foto: Bild antippen)

Vierter Übergang: Vom Kontrollieren zum Vertrauen

Einer der folgenreichsten Übergänge ist der von der Kontrolle zum Vertrauen. Die Arbeits- und Kommunikationsformen der Zukunft sind Kollaboration, Kokreativität, ist das „sharing values“. Diee drei sind nicht anders zu ha(ndh)aben als durch die konsequente Entwicklung einer Haltung des Vertrauens und des Zutrauens. Hier liegt der womöglich größte und anspruchsvollste Übergang, denn wir sind bis in die Wurzeln unseres Denkens und Vorstellens hinein durch Kontrolle geprägt. Nicht nur wir als Menschen im Umgang mit uns selbst, mit Mitmenschen und der Technik. Auch unsere Strukturen und Abläufe in Arbeit und Bildung basieren bis in die DNA hinein auf Kontrolle. Selbstkontrolle ist das Ziel von Bildung und Erziehung, Fremdkontrolle das Ziel aller Prozesse unseres sozialen Lebens. „Ohne Kontrolle nur Chaos“, lautet die Devise. Wir können uns im Moment noch gar nicht vorstellen, wie all diese Prozese, wie unser Miteinander, wie das Produzieren, (Ver-)Handeln und Gestalten von Beziehungen jeglicher Art „funktionieren“ sollten, ohne dass wir „in Kontrolle vertrauen“.

Dennoch: Komplexität, Unvorhersehbarkeit und Mehrdeutigkeit sind Charakteristika zukünftiger Wirklichkeit(en). Sie lassen sich nur durch ein Höchstmaß an Vertrauen und Transparenz bewerkstelligen – gepaart mit intensiven, hochqualifizierten Kommunikationskulturen. Jenseits von Machtspielen, Seilschaften und Hierarchien.

Radikal neue Aufgaben für Bildung

Um diese neuen Haltungen entwickeln zu können, braucht es Bildung – aber eine, die die genannten Übergänge nicht nur lehrt, sondern sie konsequent selber an sich vollzieht. Das ist dann „Bildung 4.0“. In dieser Formel steckt – im Gegensatz zu traditionellen Vorstellungen von Bildung – das Anliegen einer radikalen Selbstbefähigung, zu der ich wiederum nur mich selbst befähigen kann. Bildung 4.0 ist also eine Art Pleonasmus.

Was sie nicht ist: Ein einsames, individuelles Unterfangen. Sie ist jederzeit und von Anfang an kollaborativ. Bildung 4.0 wird geprägt sein von durchgehender Selbstverantwortung und vom (Selbst-)Vertrauen in die Gestaltungskräfte von Menschen und Teams – auch wenn wir diese Chancen durch die Brille unserer Kontrollkultur noch nicht zu sehen in der Lage sind. Das wird vor allem für lehrende Berufe zu einer enormen Herausforderung, denn institutionelle Bildung basiert bis heute durchgehend auf den Phänomenen der Kontrolle und der Fremdsteuerung.

Bildung 4.0 hingegen unterstützt Menschen jeden Alters dabei, die in diesem Artikel angedeuteten Haltungen bei sich zu entwickeln (nicht bei anderen). Wobei dies auch zunehmend unabhängig vom Bildungssystem geschehen wird.

Was kommt nach der hierarchischen Organisation?

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Wenn Unternehmen „umstellen“ auf Selbstorganisation, wenn schwerfällige Modelle formaler Hierarchie durch autonome Netzwerk-Stukturen ersetzt werden sollen (Stichwort „holacracy„), dann folgen frustrierende Erfahrungen meist auf den Fuß. Der Rückfall in gewohnte Muster passiert oft bei der nächstbesten Gelegenheit. Dann fühlen sich die Kritiker bestätigt und feiern: Wir haben es gewusst!

Warum fallen wir relativ schnell zurück in alte hierarchische Muster („Pattern“), die dem Ideal des co-working, der Agilität und der Effizienz völlig widersprechen? Weil wir in einer anderen Kultur aufgewachsen sind. In einer Kultur der traditionellen Muster, die wir reproduzieren, sobald erste Probleme auftauchen.  Eine dieser Reproduktionen ist das Chefmuster, in das wir nahezu automatisch verfallen, wenn ein Problem auftaucht. Das hat aber – entgegen unserer Überzeugungen – nichts mit den Personen zu tun, die so gerne ein Chefspiel spielen, es hat mit einer hartnäckigen Chefkultur zu tun. Es hat mit dem Mind Set zu tun, das wir mit „Organisation“ automatisch verbinden. Es ist ein Kulturding.

Die Katze beißt sich in den Schwanz: Eine gut funktionierende Selbstorganisation setzt bestimmte Skills und Haltungen (Mind-Set) voraus, die  in einer klassisch-hierarchischen Arbeitskultur unerwünscht sind: Agilität, Selbstverantwortung, Self-Commitment, Selbstkontrolle, Transparenz. Solche Skills brauchen wir, um in einem selbstorganisierten „Feld“ mit anderen zusammen erfolgreich unterwegs sein können. Durch ihren Einsatz kommt es erst gar nicht zu Nerv tötenden Verzögerungen, Missverständnissen, Redundanzen, Zuständigkeitsgerangel und ähnlichem. Aber woher nehmen wir jetzt solche Skills, wenn sie in klassischen Organisationsmodellen weder angewandt noch entwickelt werden? Einerseits bräuchten wir sie, um selbstorganisiert und agil unterwegs sein zu können, andererseits verhindert unsere Arbeitskultur genau solche Skills. Wie kommen wir aus diesem Teufelskreis raus? Es klingt fürs Erste absurd: durch klare Regeln.

Ohne klare Regeln keine Selbstorganisation

Was machen erfolgreiche Teams richtig, die ohne formale Hierarchien und hoch agil unterwegs sind? Sie geben ihrem Co-Working ein starkes Reglement in Bezug auf die Abläufe innerhalb der Zirkel (Teams) und zwischen ihnen. Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich: Ist das nicht die Fortsetzung der Hierarchie mit anderen Mitteln? Nein, denn diese Reglemente sind selbstorganisiert entworfen. Entsprechend werden sie als sinnvoll, nützlich und plausibel erlebt. Sie helfen – sie behindern nicht. Sie sind von allen Co-Workern gemeinsam entwickelt und für gut befunden worden. Durch dieses gemeinsam verantwortete Kulturmanagement entsteht erst die Kardinaltugend jeder Selbstorganisation: das  „self-commitment“. Dieses „self-commitment“ („Ich verpflichte mich dem Erfolg der Sache und des Teams“) kann sich nur in einer Kultur der Selbstverantwortung entwickeln und entfalten. Das ist der einzige Grund für starke Regeln. Sie können verhindern, dass wir in alte Muster hierarchischen Denkens zurückfallen – wenn wir sie uns denn selbst gegeben haben – und wenn wir sie beständig anpassen und hinterfragen. Ohne solche starken Regeln fallen Menschen bei allen möglichen Gelegenheiten reflexartig zurück in alte Mind Sets. Gerade auf dem Weg in die Selbstorganisation braucht es deshalb solche Regeln. Es braucht sie aber nicht um Selbstorganisation „durchzusetzen“ – weil das gar nicht geht, sondern um sie nicht zu verhindern. Das klingt strange, ist aber so. Und warum gehören Selbstverantwortung und Eigeninitiative nach wie vor zu den eher seltenen Ressourcen in modernen Arbeitsprozessen?

Eigentlich ist uns Menschen das „Prinzip Selbstorganisation“ ja nicht nur in die Wiege gelegt, sondern auf die DNA „gebrannt“. Sie ist der Modus, in dem die ganze belebte Welt funktioniert (tags: Maturana & Varelavon Foerster). Alle Systeme, wirklich alle, tragen in sich ein wunderbares Konzept, nach dem sie leben und arbeiten könnten, wenn wir es denn zulassen würden. Wir sind jedoch kulturell versaut und an Hierarchien, Befehlsketten und ähnliches gewöhnt – wie Konrad Lorenz‘ Ente an das erste Gesicht, in das sie schaut, nachdem sie geschlüpft ist. Deshalb tut sich Selbstorganisation so schwer.

Und aus diesem Grund geben sich Gruppierungen, die „back to the selforganized roots“ wollen, zu Beginn knallharte Regeln, die den Rückfall in hierarchische Muster verhindern sollen. Nur so können Pfadabhängigkeiten aufgebrochen werden. Das ermöglicht nicht nur einen nachhaltigen Kulturwandel. Es ermöglicht auch Erfolg. Ich erlebe diese Erfolge selber, wenn ich z.B. nach dem bewährten Konzept der TZI arbeite. Dieses Konzept weicht den „Geburtsschmerzen“ beim Einüben des selbstverantwortlichen co-working nicht aus. Es geht den Konflikten, Störungen und Kommunikations-Infarkten nicht aus dem Weg. Es nutzt sie, um dadurch den Kulturwandel zu stemmen. Ohne diese „Labilisierung„, wie John Erpenbeck das nennt, findet kein Kulturwandel statt. Ohne diese schmerzhafte Verunsicherung, die mit Entwicklung immer verbunden ist, machen wir den entscheidenden Schritt nicht, sondern zeigen eben jenen bunten Strauß an Verantwortungs-Verweigerungen, wie sie selbstorganisierte Teams in der Anfangsphase ständig erleben.

Die Quadratur des Kreises

Das Schöne am Entwickeln einer Kultur der Selbstorganisation ist: Wenn sie sich auf diesen radikalen Weg einlässt, dann findet in der Tat ein kollektiver Mind Shift statt: und zwar innerhalb des gemeinsamen und geteilten Erfahrungsraums. Inklusive der so wichtigen Erfolgserlebnisse, „dass wir das als Team oder Zirkel selbstständig und nachhaltig hingekriegt haben“. Wer eine Kultur der Selbstorganisation entwickeln möchte, muss diese Quadratur des Kreises machen, die da lautet: Selbstorganisation lerne ich nur durch Selbstorganisation. Die kann uns niemand beibringen, zu der kann uns niemand motivieren oder hinführen – denn das wäre ja schon wieder „fremdorganisiert“. Ein Unternehmen, das sich auf den Weg in eine Kultur des selbstorganisierten Co-Working macht, designt diesen Entwicklungsprozess deshalb selbst- und eigenständig. Es kauft ihn nicht einfach ein, denn: culture eats strategy for breakfast“.

Ein wirklicher Kulturwandel hin zur agilen Selbstorganisation findet also nur statt, indem das ganze System gemeinsam lernt, reflektiert und sich entwickelt. Ein systemfremder, externer Coach kann dabei durchaus hilfreich sein – wenn und solange er sich auf systemische Prozess-Begleitung zu beschränken weiß. Mehr externen Support braucht es dazu nicht. Im Gegenteil. Es gibt keine Experten für Selbstorganisation – außer denen, die gerade dabei sind, sich selbst zu organisieren.

Mein Lesetipp für Sie:

Hidden Monopoly. Wie sich das Bildungssystem selber abwickelt

Unsere Vorstellungen von Lernen sind der Hauptgrund, warum wir mit der Bildung nicht vorankommen. Sie sind der Grund dafür, warum wir im Moment digitale Technologien einfach in ein veraltetes Lehrsystem implantieren – und ansonsten weitermachen wie bisher. Wir spielen das alte Lehrer-Schüler-Spiel weiter. Fixiert auf Lehrpläne, Prüfungen und Zertifikate. Das Monopol sorgt für Monokultur. 

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Aus der Ausstellung „Monokultur“ von Bernhard Kock

Das ist brandgefährlich, weil wir dadurch Menschen mit Lernerfahrungen und Weltbildern impfen, die der Vergangenheit angehören. Wir machen aus ihnen nach wie vor „Schüler“, die belehrt werden. Wir schicken sie noch immer in die Rolle der Rezipienten, der Wissensempfänger. Sie lernen nicht, sich in einer radikal sich wandelnden Welt zurecht zu finden. Sie lernen nicht die entsprechenden Fähigkeiten. Sie entwickeln alles andere als die unbändige Lust, die das Lernen eigentlich braucht und freisetzt. Und zwar nicht nur in der Schule, sondern erst recht in Aus- und Weiterbildung. Warum tun wir das?

Die perfekte Selbstreproduktion des Bildungssystems

Weil wir nichts Anderes kennen. Weil nichts so hermetisch ist wie unsere Bildungssysteme. Weil es in der Bildung ein „Hidden Monopoly“ gibt, ein verborgenes Monopol, das nach einem ganz simplen Prinzip arbeitet: Die Erfahrungen der Schulzeit prägen unsere Vorstellungen von Lernen und von Hierarchie. Das verborgene Ziel dahinter ist: Wir sollen gar nicht erst auf die Idee kommen, dass die Schule nur eine mögliche und stark reduzierte Form von Lernen praktiziert. Deshalb lautet der grundlegende Glaubenssatz bis heute: „Wer etwas wissen und können will, ist alternativlos auf Menschen angewiesen, die ihm und ihr das vermitteln“. An dieser gleichermaßen monopolistischen wie falschen Auffassung hält das Bildungssystem fest wie der Glaubende an seinem Gott.

Durch dieses Mindset prägt die traditionelle Bildung den Menschen an der Wurzel. Er und sie entwickeln ein Selbstbild, in dem Lernen, Wachsen, Reifen, in dem Selbstermächtigung und Selbststand nicht anders denkbar sind als durch lehrende Vermittlung – und dass dabei „Ergebnisse“ entstehen, die „gemessen“ werden können (sollen). Der gesamte Bildungsapparat reproduziert dieses Menschenbild von Generation zu Generation. Zugleich reproduziert sich das Bildungssystem dadurch selbst. Das ist ein einfacher und genialer Trick. Warum tun wir das?

Ergebnisse, Resultate, Produkte 

Neulich habe ich in einem Beitrag auf Facebook folgende Behauptung aufgestellt: „Lernen ist kein Back- oder sonst wie gearteter Produktionsvorgang. Da kommt nicht „am Ende“ etwas raus. Auch wenn die Zertifizierungskultur uns das suggeriert. Das Bildungssystem sieht das allerdings anders. Deshalb fehlt so vielen Menschen am Ende (…) nicht nur Wissen, sondern auch ein kreativer Bezug dazu. Und sie vermissen angesichts der Herausforderungen der Arbeits- und Lebenswelt eine entsprechende Kompetenz“.

Ein User hat wie folgt darauf reagiert: „Was ist denn Lernen, wenn nicht ein Produktionsvorgang, aus dem am Ende etwas herauskommt? Wenn immer ich etwas Neues lerne, dann habe ich ‚am Ende’ etwas (mehr), das ich benennen – und manchmal sogar messen kann.“

Darauf sind wir fixiert. Ich vermute: durch das technisch-mechanistische, industriell fundierte und ökonomisch austapezierte Welt- und Menschenbild, das uns vor allem die Schule von Kindesbeinen an suggeriert. Deshalb denken, handeln, fühlen und planen wir idealerweise immer auf ein Ende hin und von ihm aus. Es geht um das messbare Ergebnis. So werden wir erzogen. Darauf richtet uns die Schule aus. Das perfekte Dinner, die Eheschließung oder sonst ein Vertrag, das gebaute Haus. Irgendetwas Fertiges muss hinten rauskommen. Ein Produkt. Deshalb reduzieren wir einen menschlichen Lebensvollzug – das Lernen – ganz selbstverständlich auf einen Produktionsvorgang, an dessen Ende „ein Produkt“ steht.

Lernen heißt: Auf den Grund gehen

Ich vermute, weil wir so geprägt sind, stehen wir auch so auf Antworten. Auch das kommt aus der Schule. Die konditioniert uns darauf, Antworten zu geben (was etwas Anderes ist, als welche zu finden). Antworten haben nämlich auch etwas Finales. Antworten sind Resultate, Ergebnisse, Produkte. Sie sind etwas, woran wir uns festhalten können; das wir bewerten und einordnen können. Benoten und zertifizieren. So werden unser Nachdenken, Sprechen und Forschen auf schulischen Wegen systematisch ergebnisfixiert. Deswegen mögen wir als Erwachsene auch geschlossene Fragen viel mehr als offene. Geschlossene Fragen richten uns auf die entweder-oder-Perspektive aus. Sie reduzieren Komplexität. Sie erlauben klare Antworten. Sie tun so, als wäre das Leben einfach.

Warum sollte das gefährlich sein? Weil die Fixierung auf Produktion und Produkte, auf Ergebnisse und Resultate, beim Thema Lernen besonders tragisch ist. Weil wir dadurch einen unserer wichtigsten Grundvollzüge missbrauchen und funktionalisieren. Wir setzen das Lernen ein um „zu reproduzieren“, statt unseren Horizont und unsere Spielräume zu erweitern: die Spielräume des Denkens, des Fühlens und des Handelns. Eigentlich ist Lernen dazu da, um uns ungeahnte Tiefen entdecken zu lassen (daher die schöne Metapher von „etwas auf den Grund gehen“), meist einfach dadurch, dass wir auf eine bestimmte Weise auf dem Weg sind: offen, neugierig, kritisch, kombinierend. Beim „Lernen“ geht es nicht um Ergebnisse, Resultate und Produkte. Es geht ums Entdecken: von Zusammenhängen und Hintergründen, von Lösungen; von Gemeinsamkeiten, Unterschieden und Veränderungen. Ums Kennen-Lernen, um Begegnung.

Der Humbug vom „Lerninhalt“

Beim Lernen geht es auch nicht um Inhalte, obwohl wir es hartnäckig gewohnt sind, so zu sprechen. Lerninhalte können niemals Inhalte eines Lernens sein, weil das Verb „Lernen“ einen Prozess beschreibt, und Prozesse haben keine Inhalte. Flaschen haben Inhalte. Wer von Lerninhalten spricht, spricht ungenau und verschleiert, worum es ihm eigentlich geht: um das hohe Lied der Wissensvermittlung, die davon ausgeht, dass Inhalte, die in einem Lernprozess präsentiert werden, durch Lernen irgendwo hin transportiert werden können. Das ist ein lernpsychologischer Humbug, der tagtäglich praktiziert wird.

Dabei ist Lernen ein reiner Vollzug. Sein Sinn liegt darin, dass wir es vollziehen. Zum Beispiel: Ich kann eine Sprache nicht lernen, ich kann sie nur sprechen lernen. Sie quasi „vollziehen“. Sie spielen. Dabei lerne ich nicht die Sprache als einen „Inhalt“, ich lerne Bedeutungen, Verwendungen, Anwendungen, Hintergründe und Zusammenhänge zu verstehen. „Hundert Vokabeln“ zu lernen, bedeutet nicht, den Inhalt einer Sprache zu lernen, weil Sprachen keine Inhalte haben. Flaschen haben Inhalte. Noch ein Beispiel: Ein Lied kann ich nicht „lernen“, „ich kann es nur singen lernen. Auch wenn ich lieben lerne oder rechnen, dann lerne ich das zwar niemals ohne Gegenstände, aber diese Gegenstände sind für mein Lernen jederzeit nur Anlass, um einen Vollzug zu erlernen, zu verbessern, zu vertiefen“. Da kommt am Ende kein Produkt raus oder irgendein anderes messbares Ergebnis. Diese Auseinandersetzung führe ich vertieft weiter in meinem Buch „Bildung auf Augenhöhe“.

Wir haben bis heute völlig verdrehte Vorstellungen vom Lernen. In unseren Köpfen, in unseren Schulen, in unseren Lehrplänen. Mechanistische Bilder, physikalische Vorstellungen, ökonomische Metaphern. Dadurch verkürzen wir unsere Möglichkeiten als Menschen freiwillig und radikal. Wir vergeuden Lebenszeit und Energie, indem wir an längst als falsch erwiesenen Überzeugungen über Wissen und seine Vermittelbarkeit festhalten. Wir praktizieren täglich und von Seminar zu Seminar gegen besseres Wissen und gegen handfeste Empirie eine Verkürzung des Menschen und seiner Potenziale. Von der ersten Klasse bis in die Senioren-Universität hinein.

Bildung als eine „Kultur des Ermöglichens“

Jetzt bricht eine Zeit an, in der wir Menschen vor allem eines brauchen: Die Fähigkeit, radikal anders zu lernen als bisher. Selbstbestimmt, selbstorganisiert, selbstwirksam. Aufgrund eines hohen self-commitment, nicht gesteuert durch äußeren Druck, sondern durch innere Motivation. Wenn es in dieser Zeit überhaupt noch institutionelle Bildung braucht, dann im Sinne eines „facilitating“: Bildung als „Kultur des Ermöglichens“. Als ein hoch individuelles und vielfältiges Angebot, sich zu vernetzen. Als Möglichkeit, individuelle Potenziale ko-kreativ und kollaborativ zu entfalten. Unter radikalem Verzicht auf die Selektions- und Zertifizierungsfetische, an deren Stelle ein ganzes Bündel von Fähigkeiten tritt,  mit anderen zusammen die enormen ökonomischen, ökologischen, sozialen und technologischen Herausforderungen zu meistern, vor denen wir stehen – und die wir nicht zuletzt dem Selbsterhaltungstrieb eines Bildungssystems verdanken, das sich längst überlebt hat.

Warum individuelle Leistungsbeurteilungen sinnlos geworden sind – und wie die Alternativen aussehen

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Der Schwarm. Sinnbild für funktionale Dynamik und Emergenz, die in kollaborativen Prozessen stecken. (Quelle)

Bis heute gehen wir in Arbeit und Ausbildung davon aus, dass wir „Leistung“ einzelnen Menschen zuordnen können und müssen. Über die ganze Schul- und Ausbildungszeit hinweg werden wir individuell benotet – von vorgesetzten Individuen, die uns dadurch von konkurrierenden Individuen separieren. Einen Job bekommen wir, weil wir „Einzelleistungen“ dokumentieren, Beurteilungen von Mitarbeitern fokussieren auf deren individuelle Leistungen. 

Dieses Modell hat ausgedient.

Auch wenn unsere Schulen das nach wie vor ganz anders sehen. Gefordert und gefördert, benotet und anderweitig sanktioniert werden immer Individuen, einzelne Menschen. Auch dort, wo traditionelle Bildungsformate unter starken Geburtswehen umstellen auf SOL (Selbst Organisiertes Lernen), stehen der und die einzelne Lernende im Zentrum der Bewertung. Mein Eindruck ist, dass „SOL“ in vielen Köpfen gleichgesetzt wird mit individuell bewertbarem Lernen und seinen Ergebnissen. Auch das neue Kultphänomen der Kompetenz wird stillschweigend als etwas verstanden, das Ausdruck von Dispositionen eines einzelnen Menschen ist. Überall dort, wo über Formen und Formate der Qualifizierung, des Prüfens und „Messens“ erbrachter Leistungen reflektiert wird, kommt also das Individuum in den Blick. Auch wo ausschließlich kollaborative Prozesse stattfinden, wird Beurteilung am Ende immer am Individuum und an „dessen Beitrag“ festgemacht. Wir können nicht von dem absurden Versuch lassen, Einzelleistungen „heraus zu rechnen“.

Wertschöpfung ist definitiv kollaborativ geworden

Diese Vorstellung entspricht schon lange nicht mehr den realen Prozessen in Forschung, Entwicklung, Produktion, Verkauf, Logistik – und was es da sonst noch so gibt an Prozessen der Wertschöpfung. Weder hier noch beim „Lernen“ finden wir irgendwo isolierbare Leistungen eines Individuums, sondern ausschließlich kontextuelle und systemische strukturierte Prozesse.

Der kontextuell-systemische Zugang zu Lernen & Arbeiten geht also umgekehrt vor wie unser Schulsystem: Sowohl Prozesse des Lernens als auch solche, in denen es dezidiert um ökonomische Wertschöpfung geht, werden umso besser erfasst und beschrieben, je mehr sie als kollaborative und ko-kreative Prozesse verstanden, aufgegleist, organisiert, durchgeführt und begleitet (gecoacht) werden. Hier ist der Beitrag des Einzelnen oder mehrerer Einzelner einer Gruppenleistung nicht „vorgeschaltet“. Die Leistung ergibt sich vielmehr aus den Formen der Kollaboration.

Leistung wird hier nicht als Summe von Beiträgen mehrerer Individuen angesetzt. Wir gehen umgekehrt davon aus, dass Leistung erst aus einer bestimmten Form der Kollaboration hervorgehen kann, die auch den beteiligten Individuen erst ermöglicht, einen entsprechenden Beitrag zu leisten. Dieser Beitrag entsteht erst durch Kollaboration und in ihrem Verlauf, und kann am Ende nicht individuell herausgerechnet werden. Leistung und ihre Erbringung sind in diesem Verständnis ein durch und durch kontextuelles Phänomen: Der Kontext entscheidet hier über die Qualität von Prozessen, und er entscheidet auch über die konkreten Möglichkeiten einzelner Personen, einen sinnvollen Beitrag zu leisten.

Der Kontext ermöglicht dir, eine Leistung zu erbringen.

Der systemische Blick auf den Menschen zeigt, dass ich in bestimmten Kontexten nur einen sehr kleinen Zugriff auf meine Ressourcen habe, in einem anderen Kontext aber  vor Einsatz und Kompetenz nur so sprühe. Kontexte bestimmen über Möglichkeiten und Grenzen individueller Leistung – nicht umgekehrt.

Das bedeutet auch, dass es keinen Sinn mehr macht, übergeordnete Qualifikationen festzulegen (auch keine Kompetenzen-Raster), die über alle konkreten, heute und in Zukunft möglichen Formen der Kollaboration hinweg Bestand haben sollen, und die überall eingesetzt werden könnten. Das macht keinen Sinn, weil es die jeweiligen Lern- und Arbeitskontexte sind, die über die Entwicklung und den Einsatz von Fähigkeiten und Kompetenz entscheiden.

In dieser Sichtweise werden auch herkömmliche Bewertungsformate und -muster (Prüfungen, Benotungen, Beurteilungsgespräche oder gar Arbeitszeugnisse) hinfällig. Sie können nämlich das, worum es bei Bildungs- und Arbeitsprozessen 4.0 geht, nicht erfassen – und messen können sie es schon gar nicht.

Lohnenswerte Reflexionen über unseren überholten Leistungsbegriff finden Sie übrigens hier.

Über Angstmacherei und Dekadenz

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Beim Fotografen Klaus Pichler wird Dekadenz künstlerisch gebrochen (Quelle).

Eine neue Studie aus Allensbach kommt zum Schluss: „Konkrete Ängste haben die Deutschen vor Gewalt und Kriminalität, vor einem Anschlag im Inland, vor mehr Flüchtlingen und einer Einmischung der Bundesrepublik in militärische Konflikte“. Diese Ängste seien gegenwärtig so stark, dass trotz materieller Sicherheit der Zukunftsoptimismus in Deutschland steil nach unten gegangen sei. Woher diese Ängste?

„Je besser es uns geht, umso anfälliger sind wir für Ängste vor dem Verlust dieses Niveaus“. So könnte eine sozialpsychologisch gefärbte Erklärungs-Schlagzeile lauten: Je mehr ich habe, umso größer wird die Angst, es zu verlieren. Die Sorge gilt dann nicht mehr dem Erhalt von Leben, sondern dem von Luxus. Da ist sicher etwas dran, aber es kann für eine große Zahl von Menschen in Deutschland nicht gelten. Zu ungleich ist hierzulande die Verteilung dessen, was Luxus in materieller Hinsicht erst ermöglicht. Deshalb ist auch das Gezanke um Sozialneid meines Erachtens eine Scheindebatte, die von Wichtigerem ablenkt.

Wie sollen wir das alles bloß schaffen?

Viel interessanter ist für mich die Tatsache, dass z.B. eine fehlende Überzeugung, anstehende Herausforderungen meistern zu können, ganz zuverlässig Zukunftsängste auslöst. Auf den ersten Blick erscheint dann auch verständlich, wenn vor allem Gewalt, Kriminalität, militärische Konflikte und flüchtende Menschen als Angstreiber wirken: Was um alles in der Welt können wir gegen diese diffusen und zugleich real erscheinenden Gefährdungen tun?

Vielleicht ist es also weniger die Angst vor einem wie auch immer gearteten Verlust, die derzeit um sich greift, sondern die Überzeugung, nicht gewappnet zu sein für das, was kommen könnte.

 

Die neue Lust am Verängstigen

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Hysterisch aus Gewohnheit? Hier der Blog dazu.

Es mag auf den ersten Blick spitzfindig klingen, aber das, was Ängste auslöst, muss nicht immer der Grund für diese Ängste sein. Oftmals sind unsere Ängste schon lange am Gären, sodass es am Ende fast egal ist, an welchen vermeintlichen Auslöser sich sich heften. Wie ich darauf komme?

Historiker, Soziologen und Wirtschaftsexperten werden nicht müde uns zu beschreiben, dass wir in einer – verglichen zu allen anderen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – sicheren Zeit leben. Auch betonen sie nachvollziehbar, dass die Flüchtlingsströme unsere Volkswirtschaften weder unterwandern noch kollabieren lassen. Dennoch koalieren unsere Ängste vor allem mit eben diesen Phänomenen. Wieso?

Zum einen hängt das sicher damit zusammen, dass der ununterbrochene Medienstrom von nichts Anderem mehr berichtet als von dem, was uns Angst machen soll. Und womöglich haben wir sie genau deshalb. Horrorszenarien werden mittlerweile dadurch „real“, dass sie entsprechend häufig wiederholt, kommentiert und interpretiert werden. Es ist für populistische politische Phrasendrescher und für Medien, die solche Phrasen munter vervielfältigen, offenbar enorm lustvoll, mit diesen Szenarien Ängste zu schüren. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Hinzu kommt: Wer bereits verunsichert ist, lässt sich viel leichter noch mehr verunsichern. Wer keine Reserven hat, ist schneller am Limit. Auch mental, auch psychisch.

Das gilt nicht nur für Individuen. Das gilt auch für Gesellschaften. Der Schriftsteller Thomas Mann hatte für dieses Phänomen ein Auge, denn auch zu seiner Zeit war die Gesellschaft hoch verunsichert und kraftlos. Sie war manipulierbar und jederzeit bereit für hysterische An- und Ausfälle. Und das ist kaum 100 Jahre her.

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Der Meister der Dekadenz-Literatur: Thomas Mann (Quelle)

Geringe Vitalität und Innovationskraft

Vor elf Jahren schreibt der Literaturprofessor Hermann Kurzke, es sei zwar ein wenig peinlich, „aber die Aktualität Thomas Manns beruht hauptsächlich auf der Aktualität der Dekadenz. Das westliche Mittel- und Nordeuropa ist in hohem Masse dekadent. Es wird geprägt von müden und mürben Spätkulturen mit geringer Vitalität und Innovationskraft. Es kann seine Probleme noch artikulieren, aber anpacken oder gar lösen kann es sie offenbar nicht“. (Elend, Glanz und Komik der Dekadenz, Tages-Anzeiger, 26.8.2005).

 

Diese Worte klingen in meinen Ohren vertraut. Kurzkes Aufzählung jener Eigenschaften, die die Aktualität solch kraftloser Dekadenz beschreiben, könnten als Diagnose auf dem Krankenblatt unserer gegenwärtigen Kultur stehen. Umso mehr, als sie heutzutage grosse Bevölkerungsanteile Europas charakterisieren: „Mangel an Tatkraft, geringer Glaube an sich selbst, Reflexionsüberhang, Entscheidungsschwäche, Zukunftsangst, Orientierungsverlust, Vergnügungssucht, Überempfindlichkeit, Weichlichkeit bei latenter Grausamkeit, Narzissmus, Haltlosigkeit, Depressivität und Handlungslähmung, Identitätsschwäche, Rollenspiel, Egozentrik, Mangel an Gemeinsinn, Sexualisierung, Psychologisierung, Nervosität, Hypochondrie, Alkoholismus, Fress- und Magersucht, Historismus, Entpolitisierung und Ästhetizismus, Stilpluralismus, Manierismus, Zitatverliebtheit an Stelle von Eigenschöpfung, Schein statt Sein, Dezisionismus bei gleichzeitig schwacher, gelegentlich aber theatralisch auftrumpfender Willenskraft.“

Wie sollte eine Gesellschaft, die sich in diesem „Zauberberg-Komplex“ eingenistet hat, keine Angst haben vor den Herausforderungen einer Zukunft, die uns mit technischen, ökologischen, kulturellen und ökonomischen Herausforderungen konfrontiert, wie sie nur selten in dieser Wucht antreten?

Womöglich handelt es sich also bei dem, was Allensbach den Deutschen entlockt, um Stellvertreter-Ängste. Meine Vermutung ist sogar, dass uns ganz andere Phänomene Angst machen müssten. Und zwar keine blockierende Angst , sondern eine, die uns zum Handeln bringt. Die uns unsere Kräfte zusammenspannen lässt, um gemeinsam zu lösen, was wir alleine nicht bewältigen können.

Wir sind nämlich in keiner Weise vorbereitet auf die Folgen der digitalen Transformation, die eine kulturelle Revolution ist. Uns fehlen die mentalen ebenso wie die ganz praktischen Möglichkeiten, diese Revolution („Disruption“) aktiv zu gestalten. Wir lassen uns mehr oder weniger hilf- und atemlos vor ihren technischen Effekten hertreiben. Unsere Bildungssysteme beharren stur auf überholten Strategien und Formaten und enthalten jungen Menschen konsequent jene Fähigkeiten vor, die sie zukunftsfähig machen würden. Die Berufsbildung, die unternehmerischen Strukturen, die Arbeits- und Finanzmärkte, sie alle lassen sich zwar dort, wo es nicht anders geht, auf digitale Technologien ein. Bisher stellt sich aber niemand ernsthaft der Frage, wie wir mit den kulturellen und sozialen Veränderungen umgehen wollen, die das alles mit sich bringt.

Was mir deshalb vor allem Angst macht, ist die Ergebenheit, mit der wir uns bei aller sonstigen Aufgeregtheit in diese Passivität hineinschicken: Wir müssen dringend etwas tun. Am besten wir tun besorgt.

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aus „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett

In welchen Kontexten Lernen wirklich gelingt

 

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Von oben herab.

In welchen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam? Die meisten Vertreter der lehrenden Berufe sagen: wenn ich als  Experte Content liefere. Sauber aufbereitet. Wenn’s sein muss auch digital. Solche Experten halten sich für das Lernen und für die Entwicklung ihrer Klienten nicht zuständig. Aber es gibt noch ein anderes Mindset zu der Frage, wie ich für lernende Menschen nützlich werden kann.

In diesem Mindset ist Lernen nicht auf eine zentrale (oder frontale) Quelle fokussiert, zu der alle Wissensdurstigen kommen, um sich dort zu versorgen, um ihre Gefäße zu füllen und um das kostbare Gut dann anzuwenden. Eine Quelle, die sich normativ gibt, und die Reinheit für sich postuliert. Eine Reinheit und Klarheit der Lehre. Eine Quelle, die für sich allein beansprucht, Qualität zu garantieren, während der Rest der Welt in die Rollen der Konsumierenden und der Reproduzierenden gebannt ist.

So funktioniert Bildung bis heute – jetzt halt zunehmend digital.

Dass ich selber, um zu wirken, andere Kontexte brauche, hat biografische Gründe. Ich habe in dem Moment angefangen, die Welt aktiv zu befragen, mich neugierig in ihr zu bewegen und fündig zu werden, als sich mir ein Ausweg aus diesen Besserwisser-Kontexten eröffnet hat. Als ich für mich selbst erkannt hatte, dass dieses Besserwisser-Setting das eigentliche Problem ist, weil es jenes Lernen a priori verhindert, das sich die Welt lebenslang und lustvoll selbst erschließt. Warum?

Weil im Besserwisser-Setting immer jemand da ist (und sei es nur virtuell), der es besser weiß. Genauer. Jemand, der oder die dich korrigieren wird. Die das Haar in der Suppe finden wird. Die dir in jedem Moment die Distanz vor Augen führt zwischen dem, was du zu wissen glaubst und dem, was sie weiß. Und kann. Clark Aldrich: „What a person in a classroom learns, is how to be a person in a classroom.

Das motiviert nicht. Es demotiviert. Es deaktiviert die Neugier, die Lust, das Suchen.

Irgendwann habe ich mich in Lern-Kontexten wiedergefunden, in denen Menschen sich nicht dafür interessierten, ihr Wissen und dessen Normativität zu verbreiten, sondern dafür, wie es um mich und uns als Suchende steht. Als Lernende. Bis heute erkenne ich diese Menschen daran, dass sie mir Fragen stellen. Nicht solche, die mich entlarven sollen, keine rhetorischen Fragen oder solche, auf die sie die Antwort schon wissen, zu der sie bereits ansetzen, wenn ich den Mund öffne. Menschen, die nicht fragen um zu erwidern, sondern aus Interesse an meiner Innenwelt, an meiner Weltsicht, an mir.

Fragen also, auf die weder sie noch ich die Antworten wissen in dem Moment, in dem sie die Fragen gestellt hatten. Hier habe ich zum ersten Mal „Augenhöhe“ erlebt. Als mich Menschen eingeladen haben, gemeinsam auf die Suche nach Lösungen zu gehen.

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Quelle

In diesen Situationen entstand in mir eine erste Ahnung von Selbstwirksamkeit. Dass es auf mich ankommt in Prozessen des Lernens. Nicht als Konsument, sondern als Gestalter. Dass es auch auf meinen Beitrag ankommt, der nicht darin besteht, Besserwissern ihr Besserwissen abzukaufen.

Menschen, die mir auf eine ganz wunderbare, weil wertschätzende Art dabei geholfen haben, selbst herauszufinden, in welche Richtungen ich mich entwickeln kann und möchte – und welches Wissen ich dazu brauche und wo ich das finde. Die mir eben gerade nicht „einen Weg gezeigt haben“, sondern die mich dabei unterstützt haben, meinen eigenen zu entwickeln. Nicht zu finden, sondern zu entwickeln.

Wohl deshalb bin ich heute so fest davon überzeugt, dass „Wissen“ als das wertvollste Werkzeug, das wir haben um uns in dieser Welt zu Recht zu finden und sie zu gestalten, nicht „ausgeliefert“ werden kann wie eine Ware. Es entsteht in diesen Suchprozessen, in die sich Menschen ganz und gar freiwillig und selbstgesteuert einlassen – und in denen sie sich auf sich selbst und auf ihre Weggenoss_innen verlassen.

Es hat lange gebraucht, bis ich diesen Unterschied begriffen habe: Anders als im steilen Gebirge liegt in Selbst- und Weltfindungsprozessen die Gefahr nicht darin, dass ich einen falschen Schritt mache und abstürze. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass ich nie lerne, mir meine eigene Welt selbstständig zu erlaufen, weil sie immer schon mit Besserwissern bevölkert ist.

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Einer der für mich bedeutendsten Unterschiede zwischen den heute noch weit verbreiteten, hoch bezahlten und fast immer (!) staatlich abgesicherten Besserwissern und den echten Lernbegleiter_innen ist der, dass letztere nicht nur bereit sind, auch von ihren Mitmenschen zu lernen. Sie sind oft regelrecht begierig darauf, in Lernprozessen mit Jung & Alt dazu zu lernen: neue Perspektiven in uralten Materien zu entdecken, die Serendipity zu genießen, die in zufälligen Begegnungen, Umwegen und scheinbaren Sackgassen entdeckt werden will. Hier geht es nicht darum, wer sich von wem „etwas sagen lässt“, sondern darum, dass ich neugierig bin auf das, was mein Gegenüber mir zu sagen hat. Nicht einfach inhaltlich, sondern viel umfassender.

In eben solchen, offenen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam. Kontexte, die  Beziehungen zwischen Menschen ermöglichen, die von scheinheiligen Hierarchien befreit sind, in denen Menschen  miteinander am Lernen sind, in denen eine Fülle an Erweiterungen, Vertiefungen, Verweisen, an neuen Verknüpfungsmöglichkeiten steckt.

Kontexte, in denen es uns gelingt, auf Augenhöhe mit anderen lernenden Menschen (und also auch mit mir selbst) zu kommunizieren. Geprägt von tiefem Respekt und offener Wertschätzung gegenüber der Autonomie und den Wachstumspotenzialen meines Gegenübers.

Warum die Bildung bodenlos geworden ist. Eine Erkundung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis ins Doktorandenseminar: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum. 

(Wenn Sie übrigens keine Lust haben, diesen elend langen Blog Post zu lesen: Wir veranstalten zu exakt dieser Thematik ein barcamp am 7.6. im Tram-Museum in Zürich. Hier gibt’s mehr darüber.)

Und das, obwohl wir nicht erst seit gestern sehr ausführlich, präzise und empirisch abgesichert darüber informiert sind, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung wird also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin verwendet. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden und gescheiterten Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (Regieren, Bauen, Verkaufen, Planen), ist das nicht anders, nur komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es selber „machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind – und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Pavlovs Hund in Wittgensteins Zwinger

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Ludwig W.

Verständlich reden sollen wir. So reden, dass wir verstanden werden, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, verstanden zu werden. Verstehbar sein: alles eine Frage der Formulierung. Nur was augenblicklich verstanden werden kann, ist gute Rede. Komplexes muss so formuliert werden, dass es umgehend verständlich ist.

Die Qualität des Gesagten wird festgemacht an der Qualität der Artikulation. Über letztere bestimmen die Interpretierenden. Immer schon.

Woher die Forderung, alles müsse einfach klingen, vertraut, verständlich?

Es gibt mindestens einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis nach Klarheit und der Qualität dessen, was klar sein soll. Der Hunger ist nicht die Speise.

Sobald mehr als einer im Spiel ist, ist es komplex. Das Sprechen, das Artikulieren, das Verstehen. Das Spiel. Und es ist auch erst dann ein Spiel, wenn mehr als einer im Feld ist.

Spieler wollen einander nicht verstehen, sie wollen miteinander spielen.

Auch Verstehen ist ein Spiel. Nach Regeln, die nur durch Spielen verstanden werden. Können.

Aber woher wissen wir, dass wir (einander) verstanden haben? Woher weiß ich, dass mein Gegenüber verstanden hat? Was genau: verstanden hat? Also „etwas“?

Liegt das an der Einfachheit der Formulierung?

Viele Menschen, mit denen ich im Leben unterwegs war, haben kapituliert. Was sie im Innersten beschäftigt, bedrückt und beglückt, was sie umtreibt und voran, in Sprache zu bringen. In eine der Begriffe, der Bilder, der Formen. Keine Chance.

Sie haben kapituliert vor dem Artikulieren und seinem Geschäft. „Ich kann das nicht.“

Und: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit; ich bin kein Staatsbürger, ich bin Müll; ich bin kein Subjekt, ich bin eine begehrende Maschine; ich habe keine Mitmenschen, ich bin ein Meteor.“

So entsteht das Spiel vom Metadiskurs, in dem wir uns beständig darauf hinweisen, dass das Wesentliche unausgesprochen bleibt. Bleiben muss. So entsteht Metaphysik. Und nach ihr der entleerte Konsum.

Wovon man nicht sprechen kann, soll man schweigen.

Lass uns ein Spiel spielen.

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Nick Vedros & Assoc. / The Image Bank / Getty Images

Die rechte Meute in Deutschland ist auf Parolen aus. Sie will bestimmte Sätze hören. Immer wieder. Sie will diesen Sätzen zustimmen, wie sie anderen Sätzen widersprechen will, sie regelrecht verteufeln.

Sie feiern schwarze Messen. Gültig wird Gesagtes nicht durch seine Verstehbarkeit, sondern durch den Mund, der es spricht. Und durch die Formel. Hokus Pokus.

Immer ist der Mund entscheidend, aus dem die Sätze kommen. Was von der Presse kommt, ist gelogen. Kann nur gelogen sein. Egal, was sie sagt. Oder die Kanzlerin, der Bundespräsident. Irgendjemand anderer Gemäßigter.

Ein gemäßigter Mund lügt, egal was er spricht. Ihm wird aberkannt, Mitspieler zu sein.

Du Neger.

Was Digitalisierung für mich bedeutet

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Spruch an Mauer in Demmin

Das Spannende an der Digitalisierung ist für mich, dass sie ein transformativer Prozess ist. Wesentliche Vollzüge von Mensch und Gesellschaft wie Bildung, Arbeit, Kommunikation, Mobilität, Spiel u.v.m. werden transformiert. Was ich damit meine: Die „Digitalisierung“ verdrängt keines unserer Grundbedürfnisse und macht sie auch nicht überflüssig. Wir werden nicht weniger oder mehr kommunizieren, arbeiten oder lernen, sondern anders. Deswegen vermute ich, dass die Vorbehalte und Ängste gegen die Digitalisierung nur sehr bedingt Ängste vor anderen Quantitäten sind (weniger, mehr oder gar keine Arbeit) sondern vor anderen Qualitäten: ein wenig, ziemlich oder völlig ANDERE Arbeit. Wir Menschen mögen ANDERS nämlich nicht so sehr. Nicht einmal in den Ferien. Digitalisierung bedeutet aber in erster Linie ANDERS – und nicht weniger oder mehr.

Nun fällt die Digitalisierung nicht wie ein Meteor plötzlich vom Himmel oder walzt unvorhersehbar über uns hinweg wie ein Tsunami. Abgesehen davon, dass auch Meteoriten und Tsunamis vorhergesehen werden können, zeichnen sich die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, schon länger und immer deutlicher ab. Sie sind wahrnehmbar, in vielen Fällen steuerbar. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Als Mitarbeiter nicht, als Führungskraft nicht, als Unternehmen nicht. Gar nicht. Wer sich mit diesen Veränderungen aufmerksam beschäftigt (in und durch digitale Medien, durch aktive Mitarbeit in digitalen Netzwerken, durch konsequente Recherche und Verlinkungen, durch aktives Teilen und Kommentieren, durch Mitgestalten und Einflussnehmen), verändert sich, das eigene Arbeiten, Denken, Kommunizieren und Lernen ganz von selbst; der und die erlebt diese Transformation am eigenen Leib und im eigenen Umfeld mit.

Die digitale Transformation wird also nicht von irgendwoher verordnet. Sie wird nicht in Hörsälen gelehrt und nicht von Geschäftsführungen implementiert. Sie geschieht und fordert jedeN EinzelneN von uns auf, sich auf sie einzulassen. Sie ent-hierarchisiert, sie macht es klassischen Kontrollkulturen schwer bis unmöglich zu funktionieren, sie fordert ganz neue Kompetenzen der Zusammenarbeit und der Kommunikation. Und das alles lerne ich allein dadurch, dass ich es mache. Ich kann nicht auf jemanden warten, der mich einführt, es mir beibringt. Ich darf loslegen.