LearnLabs statt Schule. Ein neuer Raum des Lernens. Teil 2

Im ersten Teil zum Thema LearnLabs habe ich mich an diesen Begriff herangetastet. Sie finden den Artikel hier. Jetzt geht’s um Vertiefung: Wodurch unterscheiden sich LearnLabs von Schule? Warum sollte ich da mitmachen?

Titelfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

LearnLabs sind Orte, Communities, Projekte, in denen das Lernen selbst Gegenstand der Erforschung wird – und zwar nicht „das Lernen ganz generell“, sondern das Lernen derer, die diese Communities bilden: Die Colearner sind ihr eigener Forschungsgegenstand – mit Fokus auf das faszinierende Phänomen des Lernens. LearnLabs sind Räume, die sich in dem Moment bilden, wenn Menschen damit anfangen. LearnLabs sind also keine präparierten Räume, die dann lernenden Menschen zur Verfügung gestellt werden.

Wir wissen nicht, wie Kinder lernen. „Wir wissen nur, daß Lernen mit Freude, Aufregung und großer Geschwindigkeit stattfindet, sobald eine für das Lernen günstige Umgebung vorhanden ist.“

(Greenberg, 2005, S. 37)

Es geht darum, mit dem eigenen Lernen und mit dem der Community zu experimentieren – entlang der Themen und Anliegen, die im Verlauf dieser Prozesse entstehen. Es geht um zwei zentrale Bewegungen und Dynamiken des Lernens:

Exploring. Sich nicht auf ein nächstes Kapitel gefasst machen, das schon geschrieben ist, sondern auf das Neue, das geschrieben werden will: Jeden Stein umdrehen, noch einen Schritt weiter gehen. Sich alle Zeit der Welt nehmen um in das Unbekannte und nicht Gewusste einzutauchen, um es dadurch für sich zu erschaffen.

Discovering. Nicht das Lupfen des Deckels vom Kochtopf oder das Auspacken eines Geschenks. Nicht am Fließband des Erwartbaren ansetzen, nicht am (Gaben-)Tisch sitzen und der Lüftung eines inszenierten Geheimnisses harren. Discovering ist keine Erwartungshaltung, sondern im Gegenteil eine Suchbewegung.

Warum mache ich bei einem LearnLab mit?

Wer diese beiden Grundhaltungen entdecken und bei sich selbst ausbauen möchte, wer Lust auf Expedition und Experiment hat, ist in einem LearnLab genau richtig. Egal in welchem Alter, mit welcher Ausbildung und Herkunft. Entscheidend ist die Haltung gegenüber dem Lernen: Menschen tun sich aus Interesse und Neugier am Lernen nicht in, sondern zu LearnLabs zusammen, weil sie herausfinden wollen, was es mit dem Lernen auf sich hat, und wie sie sich die Welt damit erschließen.

Anyone who has no desire to learn should have no involvement in the learning of others.

Daniel Greenberg

Im LearnLab geht es darum herauszufinden, wir wir Lernen für uns und für unsere Entwicklung (neu) definieren und gestalten im Kontext unserer bestehenden Lern- und Arbeitsumgebungen – und wie wir es einsetzen, wenn es ganz in unserer Hand liegt. In der LearnLab-Idee braucht Lernen keine designten Umgebungen, in denen wir uns durch Lernen auf „die Welt da draußen“ vorbereiten, denn wir sind ja schon in dieser Welt, die wir einfach nach und nach entdecken: Exploring & Discovering. Welt ist eine Umgebung, in der ich mich stets bewege, bzw. mit der ich bereits vernetzt bin, und die ich in diesen LearnLabs entdecke, mitgestalte und mitpräge – und zugleich damit entdecke, gestalte und präge ich eben auch deren Systematik und Logik. Ich bringe mir die Welt bei und mich der Welt. Lern-, Lebens- und Arbeitswirklichkeiten tauchen in LearnLabs also nicht in pädagogisch-didaktisch aufbereiteter Form auf, sondern als solche: wie sie sich denjenigen zeigen, die sich aufmachen, sie zu erforschen.

Konzentration. Photo: Christoph Schmitt

Wie unterscheiden sich LearnLabs von klassischen Lernformaten?

LearnLabs sind ganz grundsätzlich keine „Lernformate“. Sie sind unformatiert. Die leitende (Forschungs-)Frage, die ein zentraler Bestandteil der LearnLab Idee ist, lautet: Was kommt zum Vorschein, wenn die traditionellen Überzeugungen, Strukturen und Prozesse der Beschulung nach und nach wegfallen? Wie reagieren die unterschiedlichen Rollen, Berufs- und Bezugsgruppen, die Funktionsinhaber und Verantwortungsträger in einem LearnLab? Wie und wohin verändern sie sich? Wo solche Fragen relevant werden, wo sie Gegenstand des Alltags und der Reflexion sind, da sind wir mitten in der Arbeit an einem neuen Lern- und Bildungsparadigma – konkretisiert in LearnLabs.

Das Motiv dahinter lautet: Weil jede und jeder von uns vollgepackt ist mit Prägungen, Erfahrungen, Überzeugungen, Rollenbildern und Vorstellungen zu Lernen, Schule und Bildung, soll zumindest der Raum, den Menschen gemeinsam dadurch erschaffen, dass sie sich auf den Weg in ein neues Lernen machen, noch nicht formatiert, noch nicht präpariert sein, sondern eine „Blank Canvas“. Und je größer die Heterogenität derer – hinsichtlich Alter, Bildungsbiografie, Beruf u.v.m. –, die ein LearnLab kreieren, umso größer ist die Chance, tatsächlich neue Räume zu erschaffen. „Partizipation“ – aber nicht im klassischen Sinn von Teilhabe an etwas Bestehendem („nach Einschulung folgt Beschulung“), sondern so, dass durch Partizipation erst etwas ins Entstehen kommt, das ganz wesentlich aufgrund meines persönlichen Beitrags zu dem wird: neue Lernwelten, neue Lernerfahrungen, neue Lerngemeinschaften.

LearnLabs entstehen in den Köpfen der Menschen dadurch, dass sukzessive all jene strukturellen Markierungen, all jene „Formatierungen“ wegfallen, die im traditionellen Bildungssystem maßgebend sind, und die wir alle in unserer Biografie als prägend erlebt haben. Erfahrungen, die ich als lernender Mensch in diesen Formaten gemacht habe:

  • Das Format des Unterrichts und des Unterrichtens und damit das Denken, Planen und Handeln in Unterrichtsentwürfen und -verläufen
  • Die Taktung von Lehrprozessen in Lektionen
  • Die Einteilung lernender Menschen in Jahrgänge
  • Die Bildung von Klassen
  • Die Strukturierung von Lernpozessen und Lerninhalten durch das System der Fächer
  • Die Ausrichtung an einem Curriculum
  • Lern- und Kompetenzziele
  • Schule als Angebots-, Auswahl- und Vermittlungsformat
  • Führung und Kontrolle der Prozesse auf Lerner’innen-, Gruppen- und Lehrer’innen-Ebene (Anwesenheit, Verhalten, „Mitarbeit“, Prüfungen aller Art)

Was institutionelle Lern- und Bildungsformate bisher ausmacht, verschwindet im LearnLab durch gelebte Lernpraxis nach und nach aus den Köpfen und aus dem Leben lernender Menschen, die sich bei diesem Emanzipationsprozess dadurch gegenseitig unterstützen, dass sie diesen neuen Weg gemeinsam gestalten. Erfahrungsgemäß sind in der Anfangsphase zwei Herausforderungen besonders anspruchsvoll:

Erstens das Verlernen der tief in uns allen verankerten pädagogischen Haltung, anderen Menschen „dabei zu helfen“, etwas zu verstehen, zu können, zu schaffen, zu erreichen, zu überwinden, anstatt sie konsequent auf ihrer eigenen Lernspur zu begleiten. Auf linkedIn formuliert das ein Kommentator so: „Für mich ist ein guter Lerncoach ein guter Fährtenleger aber auch ‚Spürhund’, der schnell merkt, wenn im Lernprozess was in die falsche Richtung läuft.“ (Quelle) Beides trifft im LearnLab nicht zu. Nicht auszudenken, was Millionen lernender Kinder und Jugendlicher täglich erforschen und entdecken würden, wenn die sich als Lerncoaches ausgebenden Pädagog*innen diese Prozesse nicht pausenlos unter- und abrechen würden, weil sie aus deren Sicht „in die falsche Richtung laufen“.

Zweitens das Versorgen mit Material, mit Vorschlägen und Ideen, („Du könntest doch auch das mal versuchen, mein Kind: Hast du schon mal daran gedacht, oder daran …?“), um die Phasen der Orientierung, der Langeweile, des Nichtwissens vorzeitig (aus pädagogischer Sicht: rechtzeitig) zu beenden und das Lernen effizienter zu machen. Im Zitat oben wird diese Intervention mit der Funktion des „Fährtenlegers“ umschrieben.

Eine detaillierte Diskussion dieser beiden pädagogischen Grundüberzeugungen finden sich bei Daniel Greenberg auf den Seiten 86-94.

Beides sind Versuche, Lernwege und damit das Lernen selbst über pädagogische Interventionen abzukürzen – unter dem Vorwand, es zu „fördern“. Das erstickt die Entwicklung von Selbststeuerung, das behutsame Wachsen von Problemlösekompetenz, das Prinzip des kreativen Umwegs („Serendipity“) und das Entstehen der so wichtigen sozialen Netzwerke des Lernens im Keim. In klassischen Beschulungsformaten ist dieses „pädagogische Intervenieren“ gegenüber lernenden Menschen dem Zeit- und Inhaltsdruck geschuldet. In LearnLabs existiert dieser Druck nicht mehr – außer jemand baut ihn wieder auf. Dann jedoch liegt eine wunderbare Lerngelegenheit vor, diesen Teufelskreis zu durchbrechen – womöglich sogar für einmal ohne pädagogischen Support.

Aus pädagogischer Sicht wird angenommen, „dass es eine ‚Methode‘ für das Lösen von Problemen gebe, und Aufgabe der Schule sei, diese Methode zu lehren. Der Haken daran ist nur, dass diese Grundannahme … falsch ist. Wenn es eine Methode für das Lösen von Problemen gäbe, hätten wir keine Probleme mehr.“

(Greenberg, 2005, S. 58)

Die Idee und das System des LearnLabs kommt also im Weglassen traditioneller Strukturen, Abläufe und Prägungen mehr und mehr zum Vorschein: Lernende Menschen binden und bilden sich als Communities neu und entwickeln Schritt für Schritt Prozesse, die an die Stelle der weggefallenen Vorgaben treten. LearnLabs sind Communities die sich und ihre Aufgaben selbst organisieren: Inhalte, Gegenstände, Prozesse, Kontakte, Auseinandersetzungen. Deshalb geht es in einer ersten, konstituierenden Phase von LearnLabs darum, die Prozesse des individuellen und des gemeinschaftlichen Lernens nach und nach neu zu organisieren.

Quelle: www.munich-startup.de

Was lernen die denn da?

Die LearnLab Community wird nicht mit pädagogisch-didaktisch aufgearbeiteten Problemstellungen konfrontiert. Die Themen und Anliegen ergeben sich aus der Selbstorganisation des LearnLab. Ein LearnLab bringt sich selbsttägig zum Funktionieren, und die LearnLab Community entscheidet autonom darüber, welche Aufgaben sie sich selber stellt und wie sie die löst. Wir treten als LearnLab an, um Probleme zu lösen, die wir selber als solche und als dringlich erkannt haben, und zu deren Lösung wir konkret etwas beitragen können und wollen. Zu diesem Zweck müssen wir uns organisieren. Sociocracy ist dafür ebenso ein bewährter Ansatz wie die Themenzentrierte Interaktion.

LearnLabs bilden, designen und organisieren sich also selbst um thematische Anliegen herum, die von den Communities selber formuliert und entwickelt werden. LearnLabs existieren zu dem Zweck, dass die Colearner, die ihre LearnLabs gemeinsam designen, bevölkern und am Leben erhalten, ihre thematischen Anliegen finden, entwickeln, schärfen, präzisieren, bearbeiten und verändern.

Dies geschieht durch den Aufbau eines Netzwerks als eines der zentralen Anliegen des LearnLabs: Netzwerk-Funktionalität als der Funktions-Modus in Gegenwart und Zukunft, als die Basis aller Prozesse, in denen wir Zusammenleben und Gemeinschaftlichkeit gestalten.

LearnLabs haben also keinen Auftrag von außen oder oben, konkrete, substanzielle Ergebnisse vorzuweisen (Prüfungen, Werkstücke, Firmengründungen, Produkte). Solche Dinge sind selbstverständlich möglich aber nicht vorausgesetzt. Die Idee des LearnLabs ist nicht, dass Communities oder einzelne Mitglieder am Ende irgendeines „Zyklus“ Resultate vorweisen.

Im Kern geht es darum, Lernprozesse zu gestalten und diese Prozesse gemeinsam und individuell zu reflektieren. Lern- und Entwicklungswege sichtbar zu machen und zu dokumentieren und (auch) zu diesem Zweck eine Community zu bilden, um für mich selbst, vor mich selber und für einen Kreis von Menschen in meinem Lernen sichtbar zu werden.

Im Zentrum („Fokus der Aufmerksamkeit“) eines LearnLab stehen die Prozesse und ihre Reflexion. Inhalte (vormals Lehr- und Stoffpläne) und Ergebnisse sind für das Design des LearnLab nicht relevant. Die Frage, „was“ Menschen dort lernen, wird nicht über Inhalte, Themen, Fächer, Lehrpläne und Lernziele beantwortet, sondern über die Prozesse. Lernen ist nicht mehr „verzweckt“ und als Methode verstanden, mit der ich mir Content einverleibe.

Vernetzung als zentrale Funktion des LearnLabs

Vernetzung sichtbar machen. Photo: Christoph Schmitt

Die Communities gestalten ihre Forschungsprozesse so, dass sie sich nach und nach mit gesellschaftlich und ökonomisch relevanten Akteuren vernetzen. Sie werden selber zu verlässlichen Netzwerkpartner*innen (einzeln, in Teams und als Lab), die sich mit ihren Partnern vernetzen: so wie sie es für ihre Prozesse brauchen – immer auf Gegenseitigkeit angelegt: Netzwerke bilden, Netzwerke unterstützen, von Netzwerken profitieren. LearnLabs bringen ihre Erkenntnisse und „Forschungsergebnisse“ über das Lernen, Designen, Gestalten und Problemlösen in Netzwerke ein und profitieren von anderen Teilgebenden und deren Erkenntnissen in diesen Netzwerken. So entsteht nach und nach eine Forschungs-Community zum Thema „Leben, Lernen und Arbeiten im Digital Age“.

Es geht nicht um eine „Vernetzung mit der Welt“, sondern um die zunehmende und nachhaltige „Vernetzung der Welt“.

Das ist also ein weiteres Ziel von LearnLabs. Indem LearnLabber zu verlässlichen Netzwerkpartner*innen von verlässlichen Netzwerkpartner*innen werden, entwickeln sich LernLabs zu bedeutsamen Netzwerkknoten.

Erste Schritte: Satelliten losschicken

LearnLabs können als autonome Forschungs-Satelliten klassischer Mutterschiffe starten. Versorgt werden sie in der Startphase mit dem, was sie zum Überleben brauchen: Raum, Strom, Devices, Internet, wo/man-Power, die vom LearnLab selbst bei Bedarf abgerufen wird, also nicht im Sinne der klassischen Lehre und Vermittlung, sondern im Sinne einer Dienstleistung, die Learn Labs in Anspruch nehmen, um bei der Lösung konkreter Probleme einen Schritt weiter zu kommen. Das können auch Menschen aus allen möglichen gesellschaftlichen und ökonomischen Kontexten sein, die idealerweise über ein digital vernetztes Kommunikationsnetzwerk mit dem LearnLab verbunden sind.

Über die aktive Vernetzungsarbeit als eines der Kernanliegen von LearnLabs sind diese nicht nur ständig Teil eines wachsenden Netzwerkes von Expert*innen und Problemlöser*iinnen. Sie sind dadurch auch für ihr Mutterschiff offen und transparent, informieren und sind informiert, machen ihre Prozesse und Reflexionen sichtbar, inspirieren und werden inspiriert.

Altersdurchmischung ist unsere ‚“Geheimwaffe“. Es ist bei weitem nichts übernatürliches. Das Ausmaß an Lernen und gegenseitiger Unterstützung und Inspiration, die dabei stattfinden, widerstrebt jeder Messung.

(Greenberg, 2005, S. 35)

Wie setzt sich die Community zu Beginn zusammen? Eine gute Mischung aus allen Altersgruppen des Mutterschiffs (oder aus anderen Kontexten), aus Talenten, Charakteren und Temperamenten, Interessen, Neigungen und Fähigkeiten, die über ein Self-Assessment die Pionier Community bilden. Es besteht jederzeit für Interessierte die Möglichkeit, entsprechend den vom LearnLab entwickelten Rahmenbedingungen, für eine gewisse Zeit ein Teil der LearnLab Community zu werden, sich in einer zu bestimmenden Form der Verbindlichkeit als Teil dieser Community wahrzunehmen und sie mitzugestalten.

Einen intensiven und sehr informativen Film zur Thematik gibt’s auf vimeo:

Trailer zum Film „Every Voice Matters“. https://vimeo.com/ondemand/schoolcircles

LearnLabs statt Schule. Ein nächster Schritt in die Evolution des Lernens. Teil 1

Titelbild: „Chaos“ von levelord auf Pixabay

In keine andere menschliche Eigenschaft wird derzeit mehr Hoffnung gesetzt, als in das Lernen – eines der wenigen Merkmale, durch das wir den Maschinen noch voraus sind neben Imagination, Empathie und Kreativität. Meine Frage lautet: Welche Umgebung brauchen wir für eine möglichst umfassende Entfaltung des Lernens – und worum geht es dabei überhaupt?

Die Antwort fällt völlig anders aus, je nachdem ob ich Lernen als eine Aktivität im Kontext von Schule, Lehren und Erziehung betrachte, oder mit Blick auf das Subjekt, also auf dich und mich. Wenn ich vom lernenden Menschen selbst ausgehe, lande ich bei völlig anderen Vorstellungen und Artefakten, als wenn ich das Lernen durch die Brille institutioneller Bildung sehe. Karlheinz Pape, einer der Köpfe von colearn.de, betont: „Für mich ist Lernen ein so individueller Vorgang, dass es unmöglich ist, den von außen sinnvoll zu gestalten.“ Was gäbe ich drum, wenn sich diese Erkenntnis endlich und mit aller Konsequenz in unserem Bildungssystem durchsetzen würde. Hier ein ganz wichtiges Forschungsergebnis dazu.

Eine gründliche Untersuchung dieser Unterscheidung Innen/Außen hat Klaus Holzkamp 1995 mit seinem Buch „Lernen“ vorgelegt. Er unterstreicht darin die Bedeutung des Lernens als Erweiterung subjektiver Erfahrungs- und Lebensmöglichkeiten und grenzt sie ab vom Verständnis des Lernens als eines mir von anderen auferlegten Prozesses.

Jane Hart (Quelle)

Auch die britische Bildungsforscherin Jane Hart nimmt den Begriff des Lernens quasi in Schutz, wenn sie schreibt: „It is important not to misuse the word learning. Words like training, courses, content are not synonyms of learning. Learning is not a product nor a commodity; it is an internal process, so, in other words:

You can’t design learning  – you can design training, a course, or content – but that’s not designing learning. You can’t deliver learning – you can deliver training or a course – but that’s not delivering learning. You can’t transfer learning – you can (try to) transfer knowledge – but that’s not transferring learning. You can’t manage learning – you can manage participation on a training course or access to some online content – but that’s not managing learning. The only person who manages learning is the individual him/herself.“ (Quelle)

Von der Pädagogik zur Selbstermächtigung

Mein Eindruck ist, dass die zunehmende Dynamik in Ökonomie und Gesellschaft, dass auch die „Kultur der Digitalität“ (Felix Stalder) mehr und mehr nach Individuen ruft, die in der Lage sind, sich durch Lernen die komplexen Lebens- und Arbeitswelten selbstgesteuert und selbstverantwortet zu erschließen, und dass der Anteil institutioneller Bildungsorganisation an der Gestaltung individuellen Lernens sukzessive abnehmen wird, wie z.B. Laurençon/Wagner aufzeigen. Ganz aktuell setzt sich auch Nick Shackleton Jones in Buch und Podcast mit der Frage auseinander, wie wir Lernen aus der Sicht des Individuums begreifen können und ihm entsprechende Räume zur Verfügung stellen.

Herkömmliche, institutionell organisierte Bildungsprozesse zeichnen sich dadurch aus, dass unser Lernen vollständig auf die Organisation ausgerichtet ist:

Wenn Lernen jedoch aus der Pespektive eines lernenden Menschen betrachtet wird, steht nicht mehr die steuernde und kontrollierende Organisation im Zentrum, sondern der lernende Mensch selbst, der mit seinem Lernen im Sinne Holzkamps eine höhere Selbst- und Weltverfügung anzielt.

Durch diesen Paradigmenwechsel kehren wir die institutionell gegebenen Vorzeichen des Lernens um und anerkennen die Bedingungen eines Lernens, das zuerst den Lernenden selbst und dann auch der Gegenwart gerecht wird, in der wir lernen.

Schule hat dann als Institution, um die herum der Mensch sein und ihr Lernen bisher organisiert, keine Existenzberechtigung mehr. Was wir jetzt brauchen, ist und hat eine völlig andere Dimension, denn:

Edison’s electric light did not come about from the continuous improvement of the candles.

Oren Harari

Es gibt den Übergang von dem, was Schule heute ist zu einer Organisation, die unserem Lernen gerecht wird so wenig, wie den Übergang von der Kerze zum elektrischen Licht – oder um es mit Henry Ford zu sagen: „Wenn ich die Menschen gefragt hätte, was sie wollen, hätten sie gesagt schnellere Pferde.“ Was wir suchen und dringend benötigen, ist keine Verlängerung von Schule in die Zukunft.

Ein wesentlicher Unterschied zum „Konzept Schule“ ist der: Mein Lernen wird nicht mehr von anderen für mich organisiert, von ihnen vorbereitet, überwacht und geprüft. Vielmehr ist selbst die Organisation des Lernens ein Teil desselben und liegt in der Verantwortung derjenigen, die sich zum Zweck des Lernens zusammentun.

Der Raum, in dem sich Lernen dann organisiert, ließe sich mit dem Begriff des Learning Lab bzw. mit dem Kürzel LearnLab umschreiben. Damit kommt der explorative, entdeckende, expeditive und experimentierende Charakter des Lernens zum Ausdruck. Der Begriff „Learning Lab“ wird bereits breit verwendet. Werfen wir einen Blick drauf.

LearnLabs als neue Organisationsform des Lernens?

Die ZHAW verwendet den Begriff, um ihr Angebot der Förderung von Unterrichtsgestaltung zu umschreiben bzw. zur Entwicklung innovativer Lehr- und Lernformen. An der Universtität Duisburg-Essen hat das Learning Lab ebenfalls Institutscharakter und versteht sich als Angebot zur Weiterentwicklung der Hochschullehre. In Hamburg werden lehrende Berufe durch ein Learning Lab bei der Entwicklung ihrer Lehre unterstützt, ebenso z.B. in Ingolstadt.

Learning Labs kümmern sich also im Hochschulbereich vor allem um die Weiterentwicklung institutioneller Lehre. Sie sind somit eigentlich Teaching Labs. Es handelt sich mehr um Teachers Support als um explorative Bewegungen in Richtung neuer Formen und Wege des Lernens.

Andere Learning Labs, wie etwa in Copenhagen oder in Stanford verstehen sich ausdrücklich als Forschungsprojekte über das Lernen, oder sie bieten Bildungsarbeit neben bzw. außerhalb der regulären Schule an, wie hier in Los Angeles: „to disrupt the generational cycle of poverty“. Wieder andere Learning Labs bieten co-creative Unterstützung für innovative Learnerfahrungen an bzw. nennen ihr Online-Kursprogramm „Learning Lab“ wie z.B. GitHub.

Die bisher aufgezählten Learning Labs sind also meist im Sinne eines Angebots „für andere“ designt. Sie sind pädagogisch strukturiert und mit einem klarem Auftrag unterwegs wie z. B. auch hier in Wien. Nicht zuletzt figurieren unter diesem Begriff auch fertige Verantaltungsformate mit Kongress-Charakter für teuer Geld.

LearnLabs als selbstorganisierte Expeditionsräume des Lernens

Eine ganz anderer Ansatz von LearnLab ersetzt Programm, Beschulung, Versorgung und Vermittlung durch (Selbst-)Ermächtigung. Hierzu gehören z.B. die Schools of Trust, die Democratic Schools und die learnlife-Community, die sich dadurch auszeichnet, dass sie jungen Menschen mit jedem denkbaren schulischen Hintergrund das gestufte Neuanfangen in der eigenen, selbstbestimmten Lernwelt ermöglicht.

Ein ebenso bewunderswertes wie durchdachtes Konzept von LearnLab ist das Projekt Selbstbestimmt Studieren, das von Mitgliedern des Vereins Demokratische Stimme der Jugend entwickelt wird, und dessen Prototyp im Herbst 2019 an den Start geht.

Wann sich LearnLabs von Schulen unterscheiden

Den Begriff LearnLabs verwende ich für Communities, die den Paradigmenwechsel umsetzen, der oben beschrieben wurde, und der von learnlife in vier Schritten abgebildet wird:

Quelle: Privat zur Verfügung gestellte Folie von learnlife

Die Learnlife-Community verwendet zur Beschreibung der eigenen Funktionalität den Begriff des „Learning Eco Systems“. Sie versteht sich als ein dezentrales, lernfähiges, offenes soziotechnisches System mit den Eigenschaften der Selbstorganisation, der Skalierbarkeit und der Nachhaltigkeit (formuliert in Anlehnung an die Definition des „Digital Ecosystem“ auf wikipedia). Ein System also, in dem sich alle Akteure als lebenslange Lernerinnen und Lerner verstehen.

Ein LearnLab, wie es hier praktiziert wird, ist offen für Menschen und ihre Erfahrungen aus allen möglichen Lern- und Bildungskontexten. Wer sich dafür entscheidet, hier zu lernen, findet den Raum, die Zeit und die Möglichkeiten, seine/ihre eigene Lernbiographie zu entwickeln.

Quelle: learnlife.com

Dieser Approach an ganz neue Umgebungen und Prozesse des Lernens löst eine intensive Entwicklungs-Arbeit an der Lernkultur von Mensch und Organisation aus. Jedoch nicht im Sinne einer Voraussetzung, sondern als zentralen Bestandteil des neuen Paradigmas. Das beginnt bei der Arbeit an der eigenen Lernbiografie und setzt sich fort in die Reflexion über die Rahmenbedingungen eines „personal learning created by the learner“.

Devin Carberry

Devin Carberry von learnlife bringt es im Interview auf den Punkt: „The key question is how we are moving from a control to an empowerment paradigm? How do we empower learners rather than thinking about how to control their learning, they’re behaving, what they’re going to do with their lives? It’s all about how we empower them to take responsibility and agency over themselves.“

Wie sich ein LearnLab bildet

Ein LearnLab fällt nicht vom Himmel. Es entwickelt sich aus dem Bedürfnis heraus, mit anderen zusammen anders zu lernen. Der vielleicht wichtigste Aspekt beim Entstehen eines LearnLabs ist von Beginn an die Vernetzung:

Built, join and co-create ecosystems, a vibrant network of learning people and communities. Don’t stand alone for yourselves, but find others and share experiences, hopes and visions.

let’s do it

LearnLabs können dabei auch einen eigenen Raum innerhalb eines größeren Ganzen bilden, z. B. im Stil der „Google Garage“, einer Art Makerspace, den Google an diversen Standorten eingerichtet hat. Das sind Orte maximaler Gestaltungsfreiheit und Kreativität, an denen im dichten Austausch Lösungen für alle denkbaren Herausforderungen entstehen, wie Frederik Pferdt in brandeins berichtet. Der Makerspace ist also kein Ort, an dem „Schülerinnen und Schüler dazu angehalten werden, eigene Erfindungen zu machen“, wie die Pädagogische Hochschule Thurgau behauptet (Quelle). Es geht vielmehr um ein „maker-oriented mindset“: Menschen, ihre Möglichkeiten und Fragen kommen zusammen und erfinden Lösungen in Form von Prozessen, Produkten und Dienstleistungen.

LearnLabs im hier angedachten Sinn unterscheiden sich von institutionellen Lern- und Bildungsangeboten durch eine Kultur der Kollaboration. Diese wird in LearnLabs nicht „gelehrt“ oder von den einen für die anderen vorgelebt, sondern schlicht und einfach von allen praktiziert. Entsprechend gibt es keine Lehrpläne oder andere inhaltlichen Vorgaben, keine zeitlich vorgegebene Taktung von Lernprozessen und kein „kontrollierendes Gegenüber“, weil es nur Beteiligte im Sinne von Teilgebenden gibt. In dieser Atmosphäre entwickeln Menschen ganz selbstverständlich kollaborative Kompetenz als die zentrale Fähigkeit in der Netzwerkgesellschaft.

Kollaborative Lerngemeinschaften werden zu den Problemlösern in einer Welt, in der Agilität, Kreativität und Innovation erforderlich sind, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.

Janina Lin von der Otto Group (Quelle)

LearnLabs als Knotenpunkte einer Netzwerkkultur

Die stärkste kulturelle Veränderung, von der wir im Moment und in Zukunft gleichermaßen betroffen sind und profitieren, ist die Netzwerkkultur. Dahinter steckt die Idee und die Praxis vom gemeinschaftlich verantworteten Lern-Lebens-Arbeits-Raum, den Co-Learner und Co-Workerinnen explizit selbstorganisiert gestalten. Von diesem Lebensprinzip profitieren auch LearnLabs:

Quelle: learnlife

Solch fundamentale Veränderungen sind nicht im Alltagsbetrieb einer Bildungsinstitution möglich. Das Mindset der radikalen Innovation widerspricht den Haltungen und Tugenden eines Schulbetriebs diametral. Innovation und Alltag behindern sich in ihren Absichten und Abläufen gegenseitig.

Aus diesem Grund können Schulen jeglicher Couleur LearnLabs initiieren wie Google seine „Garage“. Räume, in denen der hier beschriebene Paradigmenwechsel praktiziert wird als Ernstfall eines alternativen Lernens. Ein Lernraum, in den jederzeit alle an diesem neuen Paradigma interessierten einsteigen können, um den Paradigmen- und Kulturwechsel am eigenen Leib zu erleben und zu reflektieren – und um die wesentlichen Unterschiede zwischen dem alten „Command-and-Control-Paradigma“ und dem alternativen „Self-Empowerment-Paradigma“ wirklich und tatsächlich machen zu können.

In Kürze folgt Teil 2 zum Thema LearnLab mit Ideen und Konkretionen zur Umsetzung. Trage einfach im Menu deine Email-Adresse ein, und du wirst über die Veröffentlichung neuer Blog-Beiträge automatisch informiert.

Wut im Bauch

Es sind nicht nur die politischen Kasten und die Repräsentant*innen des Kapitals, die im Moment fast täglich von Jugendlichen vorgeführt und entlarvt werden, und die sich durch ihre Statements und Kommentare in den Medien gleich selbst entlarven. Im Windschatten dieser Proteste versteckt sich ein noch tiefer sitzendes Problem.

Wir betrügen die junge Generation um ihre Zukunft nicht nur durch die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und durch politische Dummheit.

Im Fahrwasser der Passivität und Verleugnungsstrategien derer, die jetzt an den Hebeln sitzen, verweigern wir ihnen die dringend benötigten Kompetenzen für die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Gesellschaft.

Weil wir unbeirrbar an einem dysfunktional gewordenen Bildungssystem festhalten, weil wir uns pausenlos in Forderungen über mehr Geld und mehr Geräte verstricken, weil wir uns ohne Unterbruch in selbstreferenziellem Geschwätz über die Notwendigkeit von Schule und Unterricht ergehen, unterbinden wir auf der ganzen Linie die gebührende Entfaltung ihrer Perspektiven einer Zukunft, die so radikal anders sein wird als das Gestern und das Heute. Stattdessen zwingen wir sie in ein gesellschaftliches Klima, das vor Dekadenz nur so schillert:

Das Erbe der Alten an die kommende Generation (Quelle: Tagesanzeiger vom 6.8.2005, S. 37).

Mehr desselben. Die grassierende Visionslosigkeit

Uns ist vor allem der Wiedererkennungswert heilig. Das nennen wir ganz euphemistisch „Kontinuität“. Wir huldigen ihr in allem, was wir tun: Mehr desselben, mehr vom Alten mit leichten Variationen. Wir wollen, dass alles so bleibt, wie es war. Wir bitten um Verständnis, dass Entwicklung halt Zeit braucht – und machen im nächsten Moment weiter wie bisher. Wir beharren darauf, dass wir die Kinder und Jugendlichen in den nächsten Wochen wieder in die Klassenzimmer pferchen, die Türen schließen und sie unterrichten.

Weil wir uns weder vorstellen können noch wollen, was es jetzt braucht, weil wir tief und unbeweglich in unserem Mindset festsitzen, vergeuden wir die Lebenszeit und die Potenziale der kommenden Generationen. Und wir tun es mit Verve. Wir zelebrieren es. Wir sorgen jeden einzelnen Tag dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Gerade in der Bildung. Wir kümmern uns nicht. Wir informieren uns nicht. Wir halten vielmehr in zweierlei Hinsicht am Alten fest.

Wir halten das Alte fest und uns an ihm

Das Alte als solches soll bleiben. Lehre, Besserwisserei, Bulimie-Pädagogik, Zertifizierungsfetischismus, krude Vermittlungsdidaktik, Reproduktion bestehender Verhältnisse. Aber wir halten nicht nur das Alte fest. Wir halten uns an ihm fest, wie die Passagiere der untergehenden Titanic sich an allem festgehalten haben, was in Griffweite war. Das ist reine Panik. Auch verleugnete Panik. Und sinnlos: sich in Überlebenshoffnung an etwas festzuhalten, das im Untergang begriffen ist.

Und wie sollen Menschen in so einer Haltung, die millionenfach von Politikern, Potentaten und Pädagogen praktiziert wird, die ums Überleben des eigenen Weltbildes besorgt sind und um das der Systeme, die es ernährt, wie sollen die den jungen Menschen Lust auf eine Reise machen können, die Zukunft heißt?

Quelle: Google Search „Shruggie“ am 11.8.2019

Auf die Lösungen pfeifen

Gar nicht. Und das ist die große Verantwortungslosigkeit. Denn der Verrat an der nächsten Generation, ist auch ein Verrat an so vielen dringend zu ergreifenden Chancen, die wir dem Planeten als Lebensort schulden: Lösungen in den weltweiten Migrationsfragen, der geopolitischen und regionalen Neuordnung, der ökologischen Radikalwende, der Erfindung neuer ökonomischer Systeme, der Entwicklung tragfähiger sozialer Konzepte für unser Zusammenleben. Ganz zu schweigen von den radikalen Veränderungen, die durch die Digitalisierung in all diesen Bereichen bereits am Anheben ist: Das Verschwinden von Arbeit, die Entstehung und Vernetzung digitaler Intelligenzen.

Diese Agenda ist mit dem Mindset, an dem unser Bildungssystem auf allen Ebenen und in allen Formaten so unbeirrt festhält, nicht nur nicht zu schaffen. Wir verhindern vielmehr täglich eine entsprechende Bildung und Ausbildung. Wir verhindern, dass sich ein Geist der Vernetzung und der Kollaboration entwickeln kann, der die Grundlage für das Lösen all jener Probleme ist, die wir konsequent vertagen. Wir verhindern auf der ganzen Linie die Entwicklung dringend benötigter Zukunftsvisionen.

Denn wir haben einen Lehrplan. Und wir haben Stoff. Und mit dem müssen wir durch. Koste es, was es wolle.

Sind sie verunsichert – oder eher unsicher?

Während der Planet auseinander fällt – oder in sich zusammen, redet die Beraterzunft davon, „man dürfe die Leute in den Unternehmen nicht verunsichern“. Während die Fundamente längst erodieren, sagen sie, es brauche zuerst Stabilität und Sicherheit, um überhaupt in den Change zu kommen. Das ist eine gewaltige Augenwischerei, denn die einzig sinnvolle Vorgehensweise, die einer real existierenden Unsicherheit angemessen ist, heißt Lernen.

Unsicherheit ist der Anlass für Lernen. Sie ist dessen Voraussetzung. Sie verhindert es nicht. Wir brauchen die Leute gar nicht verunsichern. Wir müssen sie einfach lernen lassen – in einer komplexen Lebens- und Arbeitswelt. Zum Beispiel, wie sie kreativ mit Unsicherheit umgehen – und damit ist nicht deren kunstvolle Vermeidung gemeint, sondern die Kompetenz, Unsicherheit als ein Signal für Zukunft zu begreifen.

„Wissen Sie, Herr Schmitt, die Leute brauchen Sicherheit!“

Führungskräfte sagen mir immer (!), es gäbe da „nicht wenige Mitarbeiter“, die bräuchten halt Stabilität und Sicherheit. Die wollten gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Das seien Persönlichkeitsmerkmale: „Die ändern sie nicht, Herr Schmitt“. Besonders machtvoll wirkt dieses Narrativ im Bildungssystem.

Doch womöglich projizieren Führungskräfte damit ihre eigenen Ängste auf Mitarbeitende und andere „Unterstellte“ – und sind froh um jeden, den sie finden, der ihre eigene Angst bestätigt. Und ja: Es gibt Menschen, die wollen gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Warum? Weil sie in hierarchischen Lern- und Arbeitsumgebungen aufgewachsen sind, weil sie in ihnen leben und arbeiten – nicht weil sie so sind. Wir Menschen sind nicht. Wir verhalten uns. Die Rede von Persönlichkeitsmerkmalen ist – wie so oft, so auch hier – eine Ausrede. Eine starke und funktionierende, aber eben eine Ausrede.

Selbstverständlich gibt es Menschen, die (hier und jetzt) schneller verunsichert sind als andere. Daraus abzuleiten, was mit ihnen zu tun sei, und ob überhaupt, und „was die jetzt brauchen“, das steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. It’s complex. Verunsichert sie das?

Die Angst der Führung vor Menschen, die ihr Leben selber in die Hand nehmen

Wir haben Angst vor dem Lernen, und was passieren könnte, wenn immer mehr Menschen tatsächlich anfangen, auf ihre eigenen Lösungen zu kommen und uns deshalb den alten Hierarchie-Zauber nicht mehr abkaufen. So wie das zahllose Jugendliche seit Monaten vormachen im Rahmen der “Fridays for Future“. Während wir uns immer mehr und ängstlich in ein Netz von Beratern und Verwaltungsvorschriften einspinnen, kommt ein großer Teil der nächsten Generation auf den Punkt und macht vor, wie mit Unsicherheit umzugehen ist.

Bild: Wolfgang Steinbacher. Quelle

Mein Eindruck ist: Wir sagen zu oft Unsicherheit, wenn wir Verunsicherung meinen und umgekehrt. Unsicherheit ist etwas, das mich verunsichern kann aber nicht muss. Verunsicherung ist ein Gefühlszustand, Unsicherheit ist ein Merkmal der Wirklichkeit, in der wir leben. Die ist unsicher. Die hat mit Nicht-Wissen zu tun, mit der Unmöglichkeit, alles vorhersehen und durchplanen zu können. Manche reagieren darauf (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher verunsichert, andere sehen das (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher als Challenge.

Gerade deshalb brauchen wir Systeme, die Unsicherheit nicht länger absorbieren, sondern die für das durchlässig werden, was Unsicherheit auslöst: individuelles und gemeinsames Lernen. So lernen wir, Unsicherheit zu gestalten, statt uns pausenlos verunsichern zu lassen: In der Schule, in Ausbildung und Studium, in Beruf und Weiterbildung. Die Unsicherheit ist kein Feind des Menschen. Sie ist das Phänomen, das uns dazu bringt uns und unsere Welt weiterzuentwickeln.

Titelfoto: Spock. Captain oder First Officer? Quelle

Unschool your heart. Eine Wortmeldung

In unseren Köpfen hat sich ganz tief die Vorstellung eingeprägt, dass Lernen nur dann „richtig“ stattfindet, wenn jemand lehrt, unterrichtet, kontrolliert, überwacht, Material anschleppt, prüft – sonst wird nicht richtig gelernt. Es braucht das organisierte Zusammensetzen von Menschen in einen Raum, geführt und unterrichtet von einer Person. Von Kindesbeinen an bis in die Seniorenuni.

Beitragsbild: Calvin & Hobbes by Bill Watterson. Quelle

Zwar verwenden wir innerhalb des Lehrsystems Begriffe wie „informelles Lernen“ und „nonformales Lernen“ und sagen uns, dass der Mensch ja immer irgendwie und bei allem, was sie und er tut, irgendetwas lernt. So richtig und gültig tut sie und er das aber nur und erst, wenn das Bildungssystem ins Spiel kommt und Lernen ordnet, überwacht und kontrolliert. Und ganz wichtig, eigentlich über allem anderen: wenn das Lernen zertifiziert wird – über Noten, Zeugnisse, Berichte, Abschlüsse. Ohne die ist Gelerntes so wenig wert wie das Lernen selbst.

Weil wir so denken, gehen wir auch davon aus, dass diejenigen, die mit diesem Setting so ihre Probleme haben, dieses Setting ganz besonders brauchen. Je mehr ein Mensch mit Schule Probleme hat, umso mehr Schule braucht der – oder die. So denken wir. Wir bezeichnen solche Menschen als (zertifiziert) lernschwach oder bildungsfern und sagen: Die brauchen noch mehr. Die erst recht: anderen Unterricht, individuellen Unterricht, Förder-Unterricht. Mehr Lehre, mehr Pädagogik, mehr Didaktik. Medikamente. Gerade die „Lernschwachen“ müssen unter steter Kontrolle durch Lehrende und Erziehende noch mehr Energie, Konzentration und Fleiß aufbringen, um zu lernen.

Nur gibt es da einen gewichtigen Unterschied: Sie brauchen all das nicht um zu lernen, sondern um mit Schule klar zu kommen: mit Lehren, Unterricht, Klassenzimmer, mit standardisierter Materie und Prozessen. Von Montag bis Freitag.

Du kannst nicht nicht lernen

Und ja – selbstverständlich findet in der Schule Lernen statt. Aber nicht, weil Lehren und Unterrichten das Lernen irgendwie ermöglichen oder fördern, sondern weil der Mensch gar nicht anders kann. Du kannst nicht nicht lernen. Dass also Menschen durch Lehren und Unterrichten etwas lernen, ist nicht dem Bildungssystem und seiner Pädagogik und seiner Didaktik zu verdanken, sondern der Tatsache, dass Menschen gar nicht anders können als zu lernen. Besonders intensiv und prägend tun sie das im Kindes- und Jugendalter. Ausgerechnet dann also, wenn sie pausenlos unterrichtet und belehrt werden. Pädagogik und Didaktik machen sich diese Tatsache schamlos zu Nutze.

Was Lernende während dieser prägenden Zeit in der Schule lernen, ist ausnahmslos eine Reaktion auf dieses Lehren und Unterrichtennicht auf dessen Gegenstände oder Inhalte. Menschen lieben oder hassen nicht die Mathematik, sondern den Matheunterricht. Das gilt für alle Fächer. Wer die Mathematik liebt, will die Schule hinter sich bringen, um Mathematik zu machen, wie Maximilian Janisch im Interview eindrücklich beschreibt (klick).

Menschen lernen in der Schule nicht Lesen, Schreiben, Rechnen. Sie lernen, wie sie Lesen, Schreiben, Rechnen in der Schule lernen, und dass sie, um das „richtig“ zu lernen, die Schule brauchen: den Unterricht, das Lehren, die Fächer, die Prüfungen, die ihnen zeigen, dass, ob und wie sie richtig, falsch oder gar nicht gelernt haben, in der Schule zu lernen.

Lesen, Schreiben, Rechnen lernen sie so oder so. Wenn es in ihrem Leben dran ist. Und wenn es dran ist, lernen sie es mit schierer Begeisterung und sehr nachhaltig. Lustvoll und hoch sozial. Und ganz ohne Lehren und Unterrichten. Dafür gibt es eindrückliche Beweise, die z.B. seit 50 Jahren von Daniel Greenberg in zahlreichen Publikationen reflektiert werden (klick). Dass dieses Phänomen im Bildungssystem nicht anerkannt werden kann, erklärt sich so:

In einer Fußgängerzone steht ein Mann und klatscht alle 10 Sekunden in die Hände. Als ein Passant ihn fragt, was er denn tue, antwortet er: „Ich vertreibe die wilden Elefanten“. Erstaunt entgegnet der Passant: „Aber hier sind doch gar keine Elefanten.“ Worauf der klatschende Mann zufrieden lächelt und feststellt: „Sehen Sie, das Klatschen wirkt“. (nach Paul Watzlawick)

Will sagen, wir denken: Sobald wir aufhören, den Kindern „etwas beizubringen“, sobald wir damit auch nur einen Moment aussetzen, lernen sie (es) nicht (mehr). Deshalb machen wir damit weiter und beweisen uns dadurch, dass es Schule braucht.

In der Schule lernen Menschen, Schüler zu sein: den Unterricht zu verstehen, zu durchschauen, was Lehrende von ihnen wollen. Sie lernen herauszufinden, was beim Demonstrieren sogenannter Lernerfolge und beim Schreiben von Prüfungen von ihnen erwartet wird – von jeder einzelnen Lehrperson. Sie lernen sich einzustellen auf diese Systemerwartungen, die in der Pädagogik „Lehrer-Schüler-Beziehung“ genannt werden, und die, so wird seit Hattie gebetsmühlenartig repetiert, so wichtig sei für den Lernerfolg. Das ist doch kein Wunder, da in der Schule alles, was mit Lernen zu tun hat, an eine Lehrperson gekoppelt ist. Ob dieses Setting gut ist für lernende Menschen, ist damit noch nicht einmal diskutiert. Von ihren Lehrpersonen lernen sie jedenfalls gründlich, dass das Ziel des Lernens Leistung sei, die etwas Individuelles ist, und etwas, das sie in Konkurrenz zu anderen erbringen müssen, und das am Ende immer von anderen gemessen wird. Und von wem? Genau.

What a person in a classroom learns, is how to be a person in a classroom.


Clark Aldrich

Wer sein Kind in (irgend)eine Schule bringt, erklärt sich mit all dem einverstanden. Er und sie wird von jetzt an alles dafür tun, dass sein oder ihr Kind mit diesem System klar kommt und es übersteht – nicht umgekehrt. Wir sind schließlich auch damit klar gekommen. Und aus uns ist auch etwas geworden: Autofahrer, Anleger, Nespressotrinker, Kreuzfahrer, Fleischesser, Steuerzahler, Ferienflieger, Zuschauer – und Menschen, die ihre Kinder in die Schule schicken.

Bildung & Lernen im Digital Age. Ein Online Expert’innen-Talk

Titelfoto: Cover des gleichnamigen Buches von Steven van Belleghem

Worum geht es? 

Vier Menschen nähern sich aus vier Richtungen dem Thema Bildung & Lernen im Zeitalter der Digitalität. Heraus kommt ein Online Expert’innen-Talk mit Luzia Anliker Kunz, Christina Tschopp, Andreas Broszio und Christoph Schmitt -> klick names for more info 🛎

Wir arbeiten alle auf unsere Weise an der Überwindung von Ängsten, Vorbehalten und Widerständen gegen die Veränderungen im Kontext der Digitalen Transformation. Wir bringen anthropologische Aspekte und Impulse aus der Lerntheorie ins Spiel, sprechen über den Beitrag der Soziokratie und des BetaKodex Netzwerks für die Gestaltung von Organisationen und diskutieren über den radikalen Paradigmenwechsel im Lernen und Arbeiten.

Warum machen wir das?

Wir schieben den Diskurs in Richtung Zukunft an und bringen dazu unser Wissen und unsere Erfahrungen zusammen. Wir nutzen dazu den Mehrwert der Gruppe – und bringen ein neues Format des Gesprächs voran: Online über geographische Grenzen hinweg.

Wo kann ich das ankucken? 

Hier.

Der Dornröschenschlaf des Bildungssystems: Wo steckt bloß dieser Prinz?

Bild: Mahomi Endoh, Pascal Schut | © Bettina Stoess. Quelle: Saarländisches Staatstheater

Das Bildungssystem ist im Dornröschenschlaf. Das bedeutet zweierlei. Erstens ist dieser Schlaf ja eine Narkose – um ungestört am System operieren zu können. Zweitens braucht es einen Prinzen, der das System wachküsst, also erlöst.

Bis dahin schläft das System weiter und träumt von digitalisierter Bildung. Für die einen sind das Albträume, für andere sind diese Träume elektrisierend. Dass eines Tages der Prinz kommen wird, ist womöglich ein Teil des Traums. Die alte Sehnsucht nach Erlösung, nach dem Retter, der selbstverständlich ein Mann ist. Prinzen retten Prinzessinnen. So eine Prinzessin ist unser Bildungssystem.

Die Metapher zielt auf das seltsame Gebaren dieses Systems und seiner Bewohner’innen. Eine Mischung aus passiver Ergebenheit an den Status Quo bei gleichzeitigem Leiden an ihm und der Weigerung, daran aktiv etwas zu verändern. Dafür braucht es jetzt den Prinzen: einen starken, dynamischen Leader, der zuerst von seinem hohen Ross steigt – um uns auf Augenhöhe zu begegnen, und der anschließend mit uns in eine goldene Zukunft galoppiert, während wir uns an seinen breiten Rücken schmiegen.

Wenn aus Bildern Realitäten werden

Das Problem, das der Lösung im Weg steht, sind die Bilder, mit denen wir unterwegs sind. Bilder von Führung und Veränderung. Bilder, die uns narkotisieren; die den Zweck haben, den Status quo erträglich zu machen und ihn dadurch aufrecht erhalten. Bis zur Ankunft des Prinzen, der dann alles ändert. Der uns die (Er-)Lösung nicht einfach bringt, sondern der unsere Erlösung ist.

Das Problem ist nicht, dass die einen auf den richtigen und die anderen auf den falschen Prinzen warten, sondern dass wir auf einen Prinzen warten. Auf den Politiker, die Partei, das Schulamt, den Verlag, die Bertelsmann Stiftung, den neuen Schulleiter, der es dann richten wird – oder uns.

Deshalb entwickeln wir mal lieber keine Bilder einer anderen Bildung – solange der Prinz noch nicht da ist. Und die, die sie trotzdem entwickeln, die warnen wir. Vorsichtshalber, denn: Wir wissen nicht, was der Prinz dazu sagen wird.

Wenn er kommt.

Noch eben die Welt retten. Eine Ode an den Menschen

Titelbild: Comfreak/pixabay

Die Analysten jubeln. Digitalisierung macht menschliche Arbeit und damit den Menschen nach und nach überflüssig in Prozessen der Wertschöpfung. Dadurch verschwindet nun endlich der immer schon größte Risikofaktor für die Vermehrung von Kapital.

Der Mensch also. Seit der Industriellen Revolution wurde er zunehmend unverzichtbar zur Häufung und Mehrung von Macht und Reichtum. Andererseits ruft er bis heute große Planungsunsicherheit und enorme Kosten hervor. Jetzt wird er ersetzt durch Technologie. In dieser Logik gilt: Je weniger Mensch, umso höher der Ertrag. Das macht die Digitalisierung zu einem noch nie dagewesenen Versprechen für Märkte und Kapital. Was heißt das für uns? Für Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann? 

Trick 17: Der Arbeit wieder einen Sinn geben – und sie dann abschaffen

Das jetzt denkbare, systematische Ausmustern des Menschen wird ja von allerhand „kulturellen Maßnahmen“ flankiert. LinkedIn und Twitter laufen über von Forderungen, Impulsen und Initiativen zur Humanisierung der Arbeit, um ihr „wieder einen Sinn zu geben“. Ich vermute: Hier wird breitflächig das Abwickeln weichgespült. 

Womöglich wird auf Führungsetagen großer Unternehmen und in Hinterzimmern regierender Politik gar nicht über die Humanisierung von Arbeit diskutiert, sondern über das Abwickeln des „Humanfaktors“ in der Wertschöpfung – und über das Austarieren unvermeidbarer sozialer Kollateralschäden. Die momentane Situation erinnert mich an Helmut Kohls Diktum von den „blühenden Landschaften“ nach der Wende. Menschen im Osten Deutschlands muss das im Rückblick wie eine Verhöhnung vorkommen. Und wenn wir genau hinsehen, dann entpuppt sich das auf den ersten Blick unverständliche „Aussitzen“ in Politik, Ökonomie und Bildung als schlaue Strategie – im Sinne einer Hochform spätkapitalistischer Vernunft.

Die Vernichtung von Jobs ist jedenfalls gewaltig, und sie betrifft Menschen, deren Tätigkeiten durch Technologie ersetzt werden – also die Mehrheit der Arbeitnehmer‘innen. Die werden vom Bildungssystem nach wie vor so beschult, als ob alles so weitergehen würde wie bisher. Doch in Wirklichkeit werden wir (du, ich, dein Kind) sukzessive überflüssig, denn unser Menschenbild funktioniert so: Dein Wert als Mensch ergibt sich aus deiner Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung, aus deiner Verwertbarkeit als Arbeitnehmer‘in und damit als Kapitalvermehrer‘in. Sei es in Lohn und Brot, sei es als Mutti. Keine Arbeit – kein Wert als Mensch.

Der Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn

Sich hier und jetzt mit Zukunftsfragen unserer Existenz zu befassen, mit humanen Lebensbedingungen und mit der Gestaltung menschlicher Gemeinschaft, das ist also keine Frage der Ökonomie. Die ist am Menschen nicht interessiert. Sie ist eine Selbstläuferin.

geraldfriedrich2 / pixabay

Es geht jetzt zuerst um Ethik. Es geht um diese Fragen: Was soll für uns „gutes Leben“ sein? Und wer ist „uns“? Wer und was soll „Mensch“ in Zukunft sein? Wie soll der und die leben, wo und mit wem zusammen? Was bleibt uns übrig: zu tun und zu(m) leben?

Selbst wenn wir über Klima und Planet reden, reden wir ja über uns selbst und über unsere Zukunftschancen als Menschen, denn dieser Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn.

Das ist womöglich noch immer nicht ganz klar: Wenn wir über Ökologie reden, dann reden wir über unsere Zukunft, nicht über die der Erde. Es geht um uns angesichts des endgültigen Verschwindens von Lebensressourcen, und dabei denke ich nicht nur an Nahrung, Wasser und Luft. 

Uns gehen jetzt gerade die menschlichen Ressourcen aus – ohne nachzuwachsen: Achtung, Wertschätzung, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, Respekt; wie mit Arbeitnehmer’innen umgegangen wird, mit ganzen Generationen von Schüler’innen, mit Arbeitssklaven überall auf der Welt, mit MigrantInnen, wie „wir“ über die Umwege des Internets eine Kultur des Hasses entwickeln und befeuern. Es geht um eine grassierende Gleichgültigkeit, mit der wir nicht erst in Sachen planetarer Zukunftsfähigkeit unterwegs sind, sondern was die Gestaltung menschlicher Beziehungen diesseits und jenseits des Gartenzauns betrifft.

Menschsein neu definieren

Es geht jetzt also ganz konkret um die Frage, wie wir Menschsein neu definieren und ausbuchstabieren. Dabei steht eines fest: So wie wir das bisher machen, kommen wir immer nur bis an den Punkt, von dem wir eigentlich weg wollen.

Quelle: youtube / Truman Show

Warum? Weil wir den Menschen als Problem betrachten. Er ist unser liebstes Defizit. Meistens in Form des Mitmenschen. Er kostet Geld, er führt Kriege, er wird krank, stört den Unterricht, nimmt mir die Vorfahrt und frisst den Planeten kahl. Unsere Coaches haben uns dann klar gemacht, dass nicht der Mitmensch das Problem ist sondern wir selber, und dass wir „bei uns selber anfangen müssen“ – mit der Optimierung. 

Jetzt geht es nochmal um etwas ganz anderes: um die radikale Umkehrung dieser Perspektive: Wir sehen den Menschen nicht mehr länger als Problem, das wir haben, sondern als die einzige Lösung, die wir sind – und gehen entsprechend miteinander um. Solange uns dieser Perspektivenwechsel nicht gelingt, sterben wir aus. 

Wer keine Vision hat, braucht einen Arzt

Wenn Sie Ihre Mitmenschen so richtig ärgern wollen, dann werfen Sie den Begriff „Vision“ in die Runde. Das geht auch mit „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. „Vision“ sagen ist wie Kaugummi zücken, wenn jemand aus dem Mund riecht: Schnelle Lösung, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten so genannten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des Bubblegum. Der Rest ist Kauen. Warum hält sich das Visions-Gemurmel so beharrlich im Marketing-Sprech und blitzt alle Nase lang auf linkedIn & Co auf?

Weil Visionen im ersten Moment intensiv triggern können. Sie erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Sie schmecken verführerisch. Sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status Quo, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft nach „mehr Desselben“, nicht nach Veränderung. Auch deshalb haben es echte Visionen bei uns schwer.

Wann Visionen wirken

Ein Blick in die Geschichte – von den großen Religionsgründern der Antike, über Martin Luther King bis zum Christopher Street Day – zeigt, wann Visionen eine nachhaltige Veränderung bewirken: wenn sie aus realem, geteiltem Leiden entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, Unterdrückung, Benachteiligung – nicht weil sie verordnet werden.

Und entgegen einer irrigen Auffassung steht am Beginn eines Visionsprozesses nicht schon die reale Veränderung realer Verhältnisse, sondern das Moment des Verbündens. Wirksame Visionen verbünden Menschen – nicht umgekehrt. Visionen entstehen fast von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel „irgendwo“ wütet, haben Menschen „anderswo“ keinen Visionsbedarf – und sind auch mit Schreckensszenarien nicht zu bewegen.

Eine Vision ist nicht etwas, das ich „habe“ und dann mit anderen teile. Visionen entstehen, wenn Teilen ins Spiel kommt.

Visionen entfalten eine Wirkung über den Moment hinaus dort, wo Menschen bestimmte Grundbedürfnisse teilen: nach Sinnhaftigkeit, nach Anerkennung, nach einer lebenswerten Zukunft. Und auch dann ist nicht vorhersehbar, in welche Richtung sie sich entwickeln. Visionen bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht bestimmen. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber letztere verschweigen es lieber – und dann schlägt ein Visionsprozess um in Manipulation: Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, mutiert zu Versprechungen über höchst ungewisse Zukünfte.

Die vier Eigenschaften einer Vision

Wirksame Visionen haben mindestens diese vier Eigenschaften:

  • Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln. Eines das Sog entwickelt.
  • Sie sind subjektiv in dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind: skin in the game. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der und die sie mit anderen teilt. Deshalb wirken echte Visionen gemeinschaftsbildend – was die Profiteure des Status Quo nicht wollen können.
  • Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen,
  • und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, wenn sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind ganz unterschiedlich 😉

Und wenn Sie einem guten Moderator brauchen, um eine zu entwickeln, dann geben Sie bitte Bescheid. Ich mach das.

„Comfort is not good in a world of learning.“

Some abstracts from a revealing conversation with Devin from learnlife Barcelona about the need of a new learning paradigm in education and how that can be realized – divided into three short sections.

First: The system

Devin names the baseline of the traditional school system: „Our school system does not realize, that there is a crisis of education, and that there are lots of unknown things coming down the pipeline in the future, and that they are not prepared for at all. They exist with bureaucracies that are not agile, not able to adapt and to change quickly. There’s a fear of change and there are really poor change management strategies.“

Second: The learners

He describes the situation in which learners normally find themselves: „They have this negative relationship with learning where they have already provoked a fighter-flight reaction with learning, because it might come with criticism and force. They think about learning in perverse terms, that learning is bad and negative for them. When you spend most of your academic career sitting in rows, spending the most of your day looking at your neighbours neck, who is sitting in front of you, education feels like something that is done to you not with you.“

Third: The future

„We have to unschool them, so that they can begin to really feel that they are actors and not spectators in their own education.“ The key question is: „How are we moving from a control to an empowerment paradigm? How do we empower learners rather than thinking about how to control their learning, they’re behaving, what they’re going to do with their lives? It’s all about how we empower them to take responsibility and agency over themselves.“

Here you can watch the full video of my expedition to learnlife:

https://youtu.be/cFQu5HT-b-8

If you want to start your own project in any possible size, please contact me for walking the talk.

Find more about the impressive learning paradigm on www.learnlife.com