Solidarität als Placebo. Ein Gedankenexperiment

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Hier die Guten, dort die Bösen. Und wo sind die Solidarischen? Irgendwo dazwischen? Ich vermute: Es gibt sie nicht. Weder die Soldarischen noch die Solidarität. Letztere wurde durch Loyalität ersetzt. Lückenlos. Solidarität ist eine Schimäre, die uns erlaubt, das Gesicht zu wahren – nicht vor den Leidenden dieser Welt, sondern vor uns selbst. 

Am Anfang steht die Manipulation der Maschine Mensch

Die Psychologie sagt uns, dass wir die Menschen mit positiven Bildern fluten müssen, damit sie sich auf wünschbare Ziele hin bewegen. Wir müssen positive Bilder zur Verfügung stellen. Das ist ebenso Manipulation wie das Gegenteil: Mit negativen Bildern zu feuern. Der Gedanke dahinter, dass wir Menschen mit Bildern zu versorgen haben, ist von der Manipulation motiviert. Weil wir sie damit zu etwas bewegen möchten. Damit sind wir schwupps im Führungskräfteseminar und bei der Frage, wie wir Mitarbeitende motivieren. Oder Schüler, oder Kunden, oder Patienten. Wir haben ein technoides Verständnis vom Menschen, der wie eine Maschine mit Treibstoff versorgt werden muss, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Betankt. Deshalb sind wir auch schnell bei Metaphern wie der Versorgung des Körpers mit Nahrung und Wasser – damit er überhaupt „funktionieren“ kann.

Nächste Zutat: Die Verkindlichung des Menschen

Solche Bilder zeigen die Verkindlichung des Menschen an. Wir gehen davon aus, dass er weder in der Lage ist, seinen Nährstoffhaushalt selbstständig zu organisieren, noch sein soziales Leben. Er muss (wir sagen: will) geführt werden. Er muss (wir sagen: will) gesagt Bildschirmfoto 2018-07-23 um 12.15.20und gezeigt bekommen, wo es lang geht. Er muss (wir sagen: will) gefüttert werden. Omnipräsente Verkindlichung. Wir verlängern eine Lebensphase der Abhängigkeit ins Unendliche, ins Kultürliche. Das Ergebnis ist der versorgte Mensch. Der loyale. Das ist unsere Kultur heute. Und damit das so bleibt, versorgen wir den Menschen mit Bildern. Wir fragen ihn, was er dabei sieht und geben ihm zwei Alternativen zum Ankreuzen vor.

Diese Bilder werden gegenwärtig hoch ambivalent: Hier die apokalyptischen, dort die paradiesischen. Hier Flüchtlingskrise und Weltuntergang, Flüchtlingsuntergang und Weltkrise, dort Grillparty und Malediven. Hier die vollen Regale, dort vom Plastikmüll verseuchte Meere. In ihrer Ambivalenz driften die Bilder auseinander. Sie zeichnen sich klar gegeneinander ab und sind zeitgleich präsent. Als Bilder, nicht als Welt.

Die konsequente Unterbindung menschlichen Reifens

Das steigert die Hilflosigkeit und Überforderung der verkindlichten Massen. Denn die werden und wurden konsequent mit Bildern (und Wahrheiten) nur gefüttert – und zwar ab ovo. Deshalb haben sie nicht gelernt zu unterscheiden. Unterschiede werden ihnen immer schon präsentiert. Ethik als Multiple Choice. Sie haben nicht gelernt zu entscheiden, weil die Alternativen immer schon bewertet vorliegen. Sie müssen nur richtig ankreuzen. Sie haben nicht gelernt, Zusammenhänge zu erkennen, weil sie ihnen immer schon erklärt werden. Deshalb können sie sie nicht verstehen, nur zustimmen oder ablehnen. Sie haben nicht gelernt, eine innere Stimme zu entwickeln, die ihnen erlaubt, Ambivalenz auszuhalten und aus Empathie heraus zu agieren. So wird Loyalität zu einer Überlebenstechnik. Niemand beißt die Hand, die ihn füttert.

Wo Solidarität war soll Loyalität werden

Solidarität bedeutet an der Wurzel, den Schutzraum der eigenen Herde zu verlassen um für einen Moment die Seite zu wechseln. Der möglichen Konsequenzen gewahr. Solidarität macht auf einen Schlag einsam, weil sie den Schutz der Herde aussetzt. Hingegen sind Solidaritätsbekundungen heute tribale Selbstvergewisserungsmanöver. Selbstinszenierung mit Sieh-Her-Effekt. Gegen die CSU zu sein, verbindet. Die Empörung gegen das medial präsent gehaltene Elend ist das scharfe Gewürz im Einheitsbrei der individuellen Sinnsuche. Und mit meiner Spende delegiere ich meine persönliche Verantwortung an dafür zuständige Organisationen. Gutes zu tun bedeutet jene zu unterstützen, die Gutes tun. So halte ich mich raus. Skin off the game.

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shortstatusquotes.com

Die einen haben Angst, angesichts voller Teller zu verhungern und geifern gegen jeden Hungrigen, der sich dem Tisch auch nur nähert. Die anderen haben Angst vor den Geifernden und davor, im Kontakt mit ihnen kontaminiert zu werden. Beide Parteien nehmen die Siechenden als Geiseln für das Zurechtrücken des eigenen Weltbildes. So bleibt allen nichts als die Loyalität mit der eigenen Gruppe. Das Ergebnis ist eine sich selbst potenzierende Angst – und zwar voreinander.

Wir sind nur noch loyal. Es kann uns nur noch um uns gehen. Solidarität ist ein Mittel zu diesem Zweck geworden. Zementiert durch die kontradiktorische Omnipräsenz der Bilder. Währenddessen nehmen die Dinge ihren Lauf. Exponentiell.

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Weiterdenker, LinkedIn Top Voice. Ich unterstütze kleine & große Unternehmen beim "Digital Turn". Spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

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