Warum ich meinen Lieblingsjob wieder nicht bekommen habe…

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Neulich habe ich mich an einem Schweizer Gymnasium beworben. Als Lehrer in meinem Fach. Teilzeit. Gerade soviel, dass es mit meiner selbstständigen Berufstätigkeit zu vereinbaren wäre. In der Ausschreibung waren erstaunliche Dinge zu lesen: Ein junges Gymnasium, das sich durch ein innovatives didaktisch-methodisches Konzept auszeichnet. Eine Schule, die besonderen Wert auf die Förderung personaler und sozialer Kompetenzen legt. 

Also habe ich mich beworben. Ich bin eigentlich gar nicht auf Jobsuche. Aber auf Sinnsuche. Weil ich sehr gerne mit lernenden Menschen arbeite. An ihren Lernbiografien. Weil ich mir keine andere, so spannende und interessante Aufgabe vorstellen kann, als mit nahezu ungebrochener Lernlust zu kollaborieren.

Im Anschreiben habe ich dann vorsichtshalber meine allseits bekannten Auffassungen von Lernen und Schule klar benannt. Im Wissen darum, dass ich mich damit jenseits von vielem positioniere, was das Schulsystem praktiziert. Die ganze Bewerbung war vollgespickt mit meinen radikalen Ansichten.

Und dann wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Gibt’s denn sowas? Allen Ernstes freute man sich darauf, mit mir ins Gespräch zu kommen. Wobei ich schon ein wenig stutzte ob der Ankündigung unter Punkt zwei: „Fragen der Schulleitung (standardisierter Fragebogen)“.

Zwei Tage später eine weitere Mail: „Gerne wollte ich bereits im Vorfeld des Interviews Nachfragen, ob Sie uns ein Lehrdiplom oder das Zeugnis einer gleichwertigen Ausbildung zukommen lassen könnten.“

Gleichwertig. Hm. In meiner Bewerbung war ersichtlich, dass ich einen universitären Lehrgang für die akademische Ausbildung der Lehrenden auf Gymnasialstufe („Lehrdiplom“) in meinem Fach mit aufgebaut hatte. Dass ich viele Jahre die Fachdidaktik in diesem Lehrgang verantwortet hatte. Mit bezeugter Exzellenz. Dass ich während dieser Zeit an vier verschiedenen Hochschulen gleichzeitig die Betreuung dieser Studierenden innehatte. Zur grossen Zufriedenheit aller. Dass ich acht Jahre lang als Lehrer an einem erzkonservativen Gymnasium erfolgreich alternative Lern- und Bewertungsformen entwickelt hatte. Von der Schulleitung im Arbeitszeugnis mit Wertschätzung und Hochachtung festgehalten. Dass ich über die Zukunftsfragen gymnasialer Bildung bei einem renommierten Schweizer Verlag für innovative Pädagogik darüber ein Buch geschrieben hatte – in dem ich annähernd 1000 Interviews mit Lernenden ausgewertet hatte. Dass ich für meine Master-Thesis zum Kulturmanagement am Gymnasium von der Stiftung IAP (Institut für Angewandte Psychologie der ZHAW) den Preis für die jahrgangsbeste Arbeit erhalten hatte.

Ich schrieb dann dem zuständigen Prorektor, dass ich über kein Lehrdiplom verfügen würde. (Ich hätte ja sonst eines beigelegt.)

Und bekam (hier wörtlich wiedergegeben) zur Antwort: „Ein Lehrdiplom bzw. eine gleichwertige Ausbildung ist bei uns eine grundlegend Voraussetzung für eine Festanstellung. Wir können nur Lehrpersonen anstellen, die über eine solche Ausbildung verfügen bzw. sich in der entsprechenden Ausbildung befinden. Entsprechend können wir ihre Bewerbung leider nicht berücksichtigen und muss ich das Bewerbungsinterview am 8. Januar absagen.“

Ein guter Kollege – seines Zeichens einer der renommiertesten deutschsprachigen Didaktiker – meinte daraufhin: „Sicherstellen, dass nichts passiert. Mein Lieblingslehrer im Gymnasium sagte vor 30 Jahren, dieses höhere Lehramt würde den Lehrpersonen helfen, ihren Unterricht gegen die Lernenden zu immunisieren.“ Zitat Ende.

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Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

Ein Gedanke zu “Warum ich meinen Lieblingsjob wieder nicht bekommen habe…”

  1. Lieber Herr Schmitt
    Ihre Erfahrung erstaunt mich nicht. Wo kämen wir da hin, wenn wir solche Leute, wie Sie und mich anstellen würde?! 😉
    Ich bin Dipl. Berufs-, Studien- und Laufbahnberater ,habe mehrere Tausend Menschen mit meinem S&B Concept erfolgreich gecoacht und ein International ausgezeichnetes Concept zur Förderung der Persönlichkeitsentwicklung, für eine bewusste und selbstverstwortliche Berufs-, Studien- und Laufbahnwahl, geschrieben. Trotzdem fanden bisher, die Verantwortlichen der Aus- und Weiterbildung von Berufsberatenden, es bisher nicht notwendig Ihre Fachleute in diese zukunftweisende Methode weiter zu bilden. Zum Glück gibt es genügend beherzte Fachleute, die sich über die Weisungen der Bildungsbürokratie hinweg setzen. Das gibt Hoffnung!
    Herzliche Grüsse und bleiben Sie dran, ich werde es auch tun!
    Reinhard Schmid

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