Über die Zwangsehen im Bildungssystem

kette

Irgendwann fing ich an, von „Bulimie-Pädagogik“ zu sprechen. Ich brauchte eine Metapher für den unsäglichen Vorgang des schulischen Mästens junger Menschen mit Informationen, die sie bei Prüfungen un- oder halbverdaut wieder hervorwürgen, um neuem Material Platz zu machen. Bis heute finde ich: Es gibt keine bessere Metapher dafür. Und bis heute höre ich den Vorwurf: „Damit verhöhnst du Menschen, die wirklich an Bulimie leiden.“ Dieser Abwehrreflex übersieht, dass die Parallelen zwischen der täglich praktizierten Bulimiepädagogik und dem Symptom der Ess-Brech-Sucht keine scheinbaren sind. Das eine macht krank, das andere ist die Krankheit.

Jetzt habe ich mir erlaubt, eine weitere Metapher zu konstruieren, um die unmenschliche Kultur unseres Bildungssystems noch besser zu erfassen: Die Zwangsehe. Ich bin gespannt, welche Reflexe ich dieses Mal auslöse. Im Weiterlesen werden Sie, geschätzte Leserinnen und Leser, jedoch schnell merken: Auch diese Metapher ist alles andere als eine Verhöhnung. Sie legt den Finger in eine Wunde, die das Bildungssystem bis heute schlägt.

Unauflösbar und erzwungen

Die Verkettung von Lernen und Präsenz („physische Anwesenheit“) gilt bis heute in der Bildung als unauflöslich: Zwingend präsent in einem Raum mit anderen. Fremdbestimmt, beaufsichtigt und kontrolliert. Bildung ist in unseren Köpfen bis heute ein erzwungenes und unauflösliches Bündnis zwischen Lernen und kontrollierter Präsenz. Eine Zwangsehe. Denn bis heute wird niemand gefragt, ob er oder sie sich auf das einlassen möchte. Er und sie hat das zu akzeptieren.

Und jetzt schaltet die Welt auf „Digitalisierung“. Das bedeutet: die erzwungenen Bedingungen, unter denen Bildung und Lernen bis heute alternativlos stattzufinden haben, vor allem das Dogma von der unbedingten körperlichen Anwesenheit der Lernenden unter einem wachenden Auge – sie fallen weg. Sie sind sogar zunehmend dysfunktional. Die Interessen, die bei der eisernen Verkettung von Lernen und Präsenz im Spiel waren: sie verlieren rasant an Einfluss. Alternative, menschengerechte Formen entstehen – wenngleich sie vom System noch massiv stigmatisiert werden. Eltern, die ihre Kinder da rausholen, werden vielerorts bis heute „exkommuniziert“. Dessen ungeachtet stellen wir fest: Diese „Ehe“ zwischen Bildung und Präsenz, die einstmals gar nicht anders vorstellbare Verknüpfung von kontrollierter körperlicher Anwesenheit und Lernen, ist nicht nur nicht unauflöslich – sie war und ist sogar bis heute purer Zwang.

Das Lernen hatte in unserem Bildungssystem nie die Wahl, wo und wie es sich entfalten möchte. Es war immer klar: Nur in dieser Form, nur in dieser Beziehung: Klassenzimmer, Hörsaal, Fremdsteuerung, Kontrolle. Die Hauptbetroffenen hatten bei dieser Entscheidung nicht mitzureden. Es wurde nicht darauf geachtet, ob und wodurch sie zusammenpassen könnten. Es hatte zu passen. So funktioniert Bildung bis heute. Die Verbindung wurde erzwungen mit dem Argument, sie sei „alternativlos“. Was sie aber nicht ist. Keine Verbindung, keine Beziehung ist das.

Das Lernen aus dem Korsett befreien – und damit den Menschen

Was wir jetzt brauchen, sind neue Erfahrungen: erleben, dass ich als lernender Mensch diese Zwangsbeziehung gar nicht brauche, um mich selbst zu entwickeln und zu mir selbst zu finden. Ich erfahre und erkenne: Ich kann auch ohne. Und zwar sehr gut. Lernen, leben, mich entwickeln und entfalten. Das ist eine der eindrücklichsten „Befreiungs-Erfahrungen“ von Menschen, die in missbräuchlichen Beziehungen gefangen waren: „Ich brauche den anderen ja wirklich nicht zum Leben – um zu gelingen, um glücklich zu werden.“

Und das sind genau die Erfahrungen, die lernende Menschen machen, wenn sie aus der pädagogischen Zwangsehe befreit sind: Sudbury, freie demokratische Schulen, Schools of Trust. Immer mehr Menschen erfahren zum Glück, dass diese „Zwangsverbindung des Lernens“ nicht die einzige Form ist. Sie realisieren, dass sie eine Wahl haben und Entscheidungen fällen können.

Als BefreiteR merke ich: Es gibt andere Formen von Lern-Partnerschaft, die sich durch andere Formen der Verbindlichkeit auszeichnen. Beim Lernen. Ich kann neue, andere, experimentelle Formen von Lern-Beziehungen eingehen: Freundschaften, offene Partnerschaften, Dreierbeziehungen. Ich gehe fremd, was das Zeug hält. Als BefreiteR erkenne ich: Es gibt eine Vielzahl möglicher anderer Partner, die bisher gar nicht als solche in Betracht gekommen waren.

Die Zukunft des Lernens wird eine menschliche sein.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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