Warum das Aufstrecken eine echte Dialogkultur im Keim erstickt

Unterrichtsstunde in einer Hauptschule

Bis heute ist es für Lehrpersonen ganz selbstverständlich, dass sich Schülerinnen und Schüler aller Klassenstufen per Handzeichen zu melden haben, wenn sie einen verbalen Beitrag am Unterrichtsgeschehen leisten möchten. Lehrpersonen erteilen das Wort und entziehen es. Sie versuchen dadurch offensichtlich, eine Führungsfunktion auszuüben, aus der sich eine gewisse Disziplin ergeben soll.

In Wahrheit führt das dazu, dass Schülerinnen und Schüler genau dadurch lernen, nicht aufeinander und auf den Verlauf eines Unterrichtsprozesses zu achten. Stattdessen lernen sie, dass dafür ihre Vorgesetzten, ihre «Häuptlinge» an der Tafel zuständig sind, die ihnen oder eben ihnen nicht das Wort erteilen. Dieses «Aufstrecken» war etwas vom Ersten, was ich konsequent abgeschafft habe. Entsprechend häufig taucht es in den Rückmeldungen der Lernenden auf – als große Umgewöhnung, aber auch als Chance:

  • «Das Reden ohne Strecken ist eine sehr gute Methode, alle sich beteiligen zu lassen, weil es viele Lehrer gibt, die nur bestimmte Schüler reden lassen!» (Klassenstufe 9)

In einem Setting, in dem nur bestimmte Menschen reden dürfen, erhalten ja selbstständige Wortbeiträge a priori den Charakter von «Störungen», sei dies ausgesprochen oder nicht. Dabei gehört es doch zur Grundausstattung jeder dialogischen Kompetenz, dass ich lerne, einem Gespräch, einem Dialog, einem Diskurs so aufmerksam zu folgen, dass ich meine Beiträge gut und rücksichtsvoll platzieren kann, ohne dabei den Gesprächsverlauf aus den Augen zu verlieren. In zwei Feedbacks aus einer neunten Klassenstufe ist dazu zu lesen:

  • «Ebenfalls merkte ich, dass wir, wenn wir nicht [auf-]strecken müssen, eigentlich eine viel ruhigere Klasse sind. Wir hören einander auch besser zu, das fand ich immer sehr positiv im Unterricht.»
  • «Ich fand es sehr gut, dass man nicht [auf-]strecken musste. Dadurch musste man auf die anderen mehr eingehen und ihnen zuhören! Dadurch ist auch eine richtige Diskussion entstanden.»

Und aus einer siebten Klassenstufe kommt folgende Rückmeldung:

  • «Es war auch cool, dass man nicht strecken sollte, denn man redet zu Hause ja auch einfach und streckt nicht. Obwohl man einfach reden kann, ist es kein Durcheinander.»

Und aus einer achten Klassenstufe:

  • «Das mit einfach reden, ohne zu strecken, finde ich gut, weil man da lernt, wann einer fertig geredet hat, und Rücksicht nimmt, nicht einfach dreinredet.»

Wenn ich als Lehrperson meinen Unterricht durch Aufrufen und Handzeichen «dirigiere», brauche ich mich nicht zu wundern, wenn außerhalb dieser künstlichen Situation des frontal gesteuerten Meldewesens, zum Beispiel in Gruppenarbeiten, nach kurzer Zeit ein zügelloses Durcheinander entsteht, in dem keiner auf die andere hört und wild durcheinander geredet wird, wenn das Ganze ziemlich rasch aus dem Ruder läuft, wenn Jugendliche bis kurz vor der Matura die Anliegen und Chancen von «Lernen im Team» trotz unzähliger sogenannter «Gruppenarbeiten» nicht wirklich verstanden oder für sich genutzt haben. Das ist übrigens auch oft der Grund, warum Lehrpersonen am Gymnasium bis heute von echten, völlig selbstorganisierten Gruppenarbeiten Abstand nehmen. Dabei sehen sie nicht, dass ihr Unterricht die Hauptursache für das Chaos ist, das sie befürchten. Wenn Jugendliche nicht lernen, sich in einfachen, aber durchaus geführten und moderierten Gesprächssituationen am Gespräch selbst und dessen Verlauf zu orientieren, wie sollten sie dann lernen, selbstständig und professionell Gespräche, Dialoge oder gar Diskurse zu führen?

Ein schwerwiegender Nebeneffekt dieser «heimlichen Dressur» liegt darin, dass Jugendliche dadurch «lernen, nicht zu lernen». Weil sie sich auf die frontal organisierte Informationslogistik einstellen, sind für sie alternative Lern- und Arbeitsformen nicht plausibel.

Diese Zeilen sind ein Auszug aus meinem Buch „Bildung auf Augenhöhe
Bildung auf Augenhöhe

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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