„Ich halte die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch.“

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Quelle: http://www.netzpiloten.de/blog/

Eine aufrüttelnde und zugleich ermutigende Ansprache an junge Menschen anlässlich ihrer Matura – und an ihre Schule. Von Willi Bühler, Luzern.

Es braucht nicht unbedingt einen Mark Zuckerberg oder einen Steve Jobs, um auf Diplomfeiern an den Sinn von Bildung zu erinnern. Mir fiel vor wenigen Tagen die Rede des Gymnasiallehrers Willi Bühler in die Hände, die er an einer Maturafeier in Luzern gehalten hat. Er hat mir erlaubt, seine Worte im Netz zugänglich zu machen. Sie sind nicht nur eine klare Diagnose des aktuellen Bildungssystems. Sie sind zugleich eine wunderbare Einladung an die jungen Menschen, sich auf den Wert ihres Lebens einzulassen. Mit aller Kraft.

„Liebe Maturae, liebe Maturi

Ihr seid jetzt am Ende Eurer Schulzeit angekommen, genau wie ich, der ich in wenigen Wochen in Pension gehe. Ihr habt den grössten Teil Eures Lebens noch vor Euch, ich habe das bereits geschafft.

Ihr habt jetzt mindestens 12 Schuljahre überstanden und bekommt dafür heute Euer Maturazeugnis, ein Stück Papier, das die meisten von Euch nur einmal im Leben benötigt, nämlich dann, wenn Ihr Euch an der Universität einschreibt (wobei es egal ist, ob Ihr die Matura mit einem Durchschnitt von 4,2 geschafft habt oder mit 5,8).

Ich habe in den zehn Jahren meiner Unterrichtstätigkeit an dieser Schule viele interessante und aufgestellte Menschen kennen gelernt: Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegen, die Mitglieder der Schulleitung.

Aber trotzdem halte ich dieses Schulsystem für falsch.

Ich halte es für falsch, menschliches Wissen in Segmente zu zerschneiden, in sogenannte „Schulfächer“. Ich halte es auch für falsch, reproduzierbares Standardwissen in sogenannten Prüfungen abzufragen und mit Zahlen, sogenannten „Noten“ zu bewerten und so unter den Lernenden eine Konkurrenz zu schaffen, wo Kooperation viel wichtiger wäre.

Und vor allem halte ich die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch, in der man gezwungen wird, Sachen zu lernen, nicht weil sie interessant sind, sondern weil man Angst vor einer schlechten Note hat. Erinnern wir uns doch daran, dass das deutsche Wort Schule eine Ableitung ist vom griechischen scholé, was nichts Anderes heisst als Muße zu haben das zu lernen, was einen interessiert.

Ist es nicht so: Sind wir motiviert und begeistern uns für etwas, dann lernen wir es in kürzester Zeit. Aber wenn uns etwas nicht interessiert, dann ist Lernen eine Qual, und wir tun das nur, weil sonst eine schlechte Note droht. Kein Wunder, wird zwangsgelerntes Wissen nach der Prüfung sofort wieder vergessen…

Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft. Wenn Ihr heute also aus der Hand des Rektors Eure Entlassungspapiere erhaltet, dann geltet Ihr als tauglich – aber tauglich wofür?

Ich könnte mir ein Bildungssystem vorstellen, das das ganze Leben umfasst, in dem man sich nicht in Kindheit und Jugend das Gehirn vollstopft, sondern Bildung dann beansprucht, wenn man sich dafür interessiert und dafür reif ist.

Viele von Euch werden jetzt studieren. Mein Appell an Euch: Studiert, was Euch Spass macht, oder besser: was Euch Erfüllung bringt. Wählt Euer Studienfach nicht nach der ökonomischen Nützlichkeit! Je nachdem, wie sich die Gesellschaft entwickelt, werden Einige von Euch später vielleicht keine Lohnarbeit finden. Seht das als Chance das zu tun, was Sinn macht. Warum soll Hausarbeit, Kinder aufziehen, Gärtnern, Krankenpflege oder Strassenwischen weniger wert sein als ein CEO- oder Professorenjob?

Das Wie ist entscheidend, nicht das Was! Wer sich über Lohnarbeit und Prestige definiert weiss nichts mit sich anzufangen! Aufmerksame Achtsamkeit bei dem was man gerade hier und jetzt tut ist bei allen Tätigkeiten möglich.

Ihr habt jetzt zwölf Jahre Schule hinter Euch, zwölf Jahre Zwangsbeschulung, Entmündigung und geschützter Werkstatt. Die Schule bot Euch einen Rahmen, der Euer Gesichtsfeld einengte.

Rahmen können durchaus sinnvoll sein in einer Welt schier grenzenloser Freiheit. Ich weiss nicht, ob ihr den Rahmen, den Euch die Schule bot, ausgefüllt habt oder ob ihr ängstlich in einer Ecke des Rahmens zusammengekauert die Schulzeit überstanden habt. Jetzt ist es aber höchste Zeit, diesen Rahmen zu sprengen und ins Freie zu gehen! Freiheit lernt man nur in Freiheit!

Fast alles im Leben ist ungewiss, doch eine Sicherheit haben wir: wir alle werden sterben, früher oder später. Der Tod ist unser Schatten, unser tödlicher Begleiter, der uns eines Tages auf die Schulter klopfen wird. Ich weiss, das ist ein ungewöhnlicher, vielleicht sogar ein schockierender Gedanke für eine Maturarede. Doch als Vertreter des Faches Religionskunde möge es mir gestattet sein, über den Tellerrand, besser: Lebensrand, hinauszuschauen.

Nur der Tod zwingt uns, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter, so zu leben, dass wir einmal sagen können: OK, ich habe ein gutes Leben gehabt, ich bin bereit. Vielleicht können hier Religionen hilfreich sein mit ihrem Anspruch, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Was mich an den Religionen fasziniert ist die menschliche Phantasie und Kreativität, etwas, das sich nicht beschreiben lässt, doch zu beschreiben, oder präziser: zu umschreiben. Religion ist in meinen Augen die Fähigkeit, den Dingen und meinem Leben einen Sinn zu geben. Da wir alle phantasiebegabte Wesen sind, warum sollen wir diese Phantasie nicht dazu benutzen, unser Leben möglichst reich und grossartig zu gestalten?

Machen wir ein kleines Experiment: Versucht Euch an den Weg zur heutigen Maturafeier zu erinnern. Gab es da nicht einen Moment, wo Ihr in Eurer Erwartungshaltung gestört wurdet?

Erinnert Euch: das kann ein Lichtreflex sein in der Windschutzscheibe, ein ungewöhnlicher Vogelruf, ein kurzer Moment nur…

Ein winziger Augenblick – und schon vergangen und vergessen.

Ich behaupte jetzt, dass durch diesen Riss in der Zeit für einen kurzen Moment eine andere Welt aufblitzte. Der letztes Jahr verstorbene Songpoet Leonard Cohen kannte diese blitzhafte Unterbrechung des Alltags als er schrieb: „There’s a crack in everything, that‘s how the light comes in.“ („Es gibt einen Riss in allen Dingen, durch den das Licht eindringt“). Cohen wurde in eine jüdische Familie geboren. Fromme Juden glauben, dass jede Sekunde das Tor sein kann, durch das der Messias kommt.

Auch der englische Künstler-Dichter William Blake kennt diese Achtsamkeit für das Unscheinbare, er schrieb schon vor zweihundert Jahren: „If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.“ („Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt sind wird alles so erscheinen wie es ist: unendlich.“)

Zusammen mit Cohen und Blake behaupte ich nun, dass dieser kurze Augenblick – jederzeit möglich, man braucht ihn nicht „mystisch“ zu nennen – wichtiger ist als alle Maturazeugnisse dieser Welt.

Das ist es, was der buddhistische Patriarch Bodhidharma dem chinesischen Kaiser zur Antwort gab auf die Frage, was das Geheimnis des Buddhismus sei: „Offene Weite – nichts von heilig“…

Offene Weite – nichts von heilig…

Das wünsche ich Euch nach bestandener Matura: die Offenheit für dieses Aufblitzen eines gelungenen Lebens, diese Achtsamkeit für die Unterbrechungen der Alltagsroutine, wo immer Ihr auch seid!

Danke für Eure Aufmerksamkeit!“

 

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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