Keine Sorge.

Dass die Generation Z in einer Zeit aufwächst, in der es an nichts fehlt, höre ich sagen. Eine Zeit, in der alle materiellen Güter vorhanden sind. Auch Sicherheit. Keine Kriegssorgen und Bildung für alle. Und dass sie deshalb ein bisschen verloren lächelnd durch die Welt laufen würden. Die Jungen. Halbwegs zufrieden und doch auch besorgt und daher ein wenig vegan.

Das ist natürlich in dieser Verallgemeinerung falsch. Es ist (mal wieder) eine Projektion einer wohlversorgten Klasse. Es gibt eine Menge junger Menschen, denen nicht nur die Perspektiven abgehen, sondern auch die Fähigkeit, welche zu entwickeln. Neu ist, dass dieses Manko nicht mehr als Trennmittel taugt zwischen oben und unten, arm und reich, gebildet und nicht. Ob ein junger Mensch Perspektiven für sich und diese Welt entwickeln kann, die diesen Namen verdienen, das hängt nicht mehr von seiner Herkunft ab. Oder von ihrer.

Darüber hinaus gibt es sie tatsächlich: die Sorglosigkeit und die Sorglosen. Ich bin ihnen heute begegnet im Innenhof einer Hochschule. Sie tanzten den Tanz der Fröhlichen. Sie lächelten und lachten. Sie taten nichts Anderes. Und doch: dem Chor Ihrer lächelnden Münder entwich fast unmerklich so etwas wie die Angst, es könnte irgendwann nichts mehr zu lächeln geben. Es fühlte sich an wie selbstverordnet. Wie Singen im dunklen Wald.

Mir kommt es so vor, als sei das durch den Film von David Cameron berühmt gewordene Tanzorchester auf der Titanic zu einer Art Meme geworden. Zu einem stummen Narrativ: Aus dem „Solange wir spielen, leben wir“ ist ein „Solange wir lächeln, leben wir“ geworden. Und in der Tat setzt Lächeln Glückselektronen frei. Oder waren es Hormone? Auch dann, wenn es nichts zu Lachen gibt.

Aber nicht doch. Das sei schon immer das Privileg der Jugend gewesen, höre ich den Äther grummeln. Sich keine Sorgen machen zu müssen. Weil sich andere die Sorgen an ihrer Stelle machen: Die Alten. Auch das scheint mir eine Schimäre zu sein, die ergrauenden Köpfen entspringt.rundumsorglospaket

Die verwechseln das mit dem Vorsorgen. Mit dem Ersparen und Zurücklegen und Vererben. Ein Relikt aus dem 20. Jahrhundert. Oder das Versorgen. Mit was auch immer oder mit allem. Jung sein ist heute versorgt sein: Mit Parolen und Patriarchen. Mit dem Rundum-Sorglos-Paket.

„Sorge“ hingegen ist etwas Anderes. Das wissen wir nicht erst seit Heidegger. Sorge ist ein Urgefühl, ja fast eine Fähigkeit. Sorge tragen ist ein unverzichtbares Tun im Gesamtkontext von Welt, Tier und Mensch. Sorgsam sein. Sorgsam denken, fühlen und handeln. Mit Ressourcen, Menschen, Gefühlen. Sorglosigkeit ist vor diesem Hintergrund ein Affront. Und das Angebot des „Sorg dich nicht“ ist eigentlich ein Imperativ, eine Art Verbot, mit dem mittlerweile schon mehrere Generationen nacheinander aufwachsen.

Nur so kann ich mir erklären, dass die Welt zu Grunde geht ohne dass wir irgendetwas dagegen tun. Du nicht und ich nicht. Tief im Westen sind wir eine Kultur der entsorgten Sorgen. Die nur für Momente zurückkehren. Etwa wenn aus dem Gesicht meines geliebten Kindes das Lächeln verschwunden ist. Aber mein Schatz! Noch ein Haribo? Oder doch die Schule verklagen?

Schlussendlich ist es das, was wir unseren Jungen hinterlassen: Nicht in erster Linie den kaputten Planeten. Sondern vorher noch: Diese Sorglosigkeit. Und dann den Planeten.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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