Über die Sklaverei. Eine Polemik.

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Quelle

Wenn wir von Sklaverei sprechen, dann produzieren wir vor unserem inneren Auge zuerst einmal materiell benachteiligte Menschen. Menschen mit wenig oder gar keiner Bildung. Menschen, die von anderen Menschen in Lebens- und Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, die gemäß unseren aufgeklärten Denkmustern menschenunwürdig sind. Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns ein Leben nicht vorstellen mögen. Menschen, die sich nicht selbst gehören.

Anschließend deponieren wir das so konstruierte Phänomen der Sklaverei im konkreten Irgendwo. Dieses Irgendwo zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es „woanders“ ist. Wir legen die Sklaverei an Orten ab, die weit weg sind von den Orten, an denen wir arbeiten und leben. Wir ver-orten Sklaverei in „der dritten Welt“ oder dort, wo Schurkenstaaten von Arbeitssklaven Fussball- und Olympiastadien bauen lassen – oder wir legen sie ganz und gar in der afro-amerikanischen Vergangenheit ab, wie ein Blick in die Bildkartei von Google zeigt. Wir lassen also innere Bilder warm werden von Menschen mit anderer, bevorzugt dunklerer Hautfarbe. Wir erinnern unseren Nachwuchs mit erhobenem Zeigefinger oder grellem Powerpoint-Marker an die Völkermorde und Holocauste dieser Welt und stimmen in den Chor der Aufgeklärten ein, dass das alles nie wieder geschehen darf. Luther-King-reloaded. Dabei ist das Phänomen der Sklaverei weder in der „dritten Welt“ noch sonst wo überwunden oder abgeschafft. Es ist auf bizarre Weise selber versklavt.

Sklaverei ist allgegenwärtig

Einerseits ist das, was wir in einem immer kleiner werdenden Teil der Welt „Wohlstand“ nennen, durch die Zunahme von Sklaverei, Ausbeutung und Vernichtung der Lebensgrundlagen in einem immer größer werdenden Teil der Welt erkauft. Durch Vernichtung bestehender Lebensgrundlagen, kultureller Kräfte und Traditionen, durch fortwährende geistige, materielle und ökonomische Kolonialisierung. Was wir Wohlstand nennen, lebt vom Export all jener Faktoren, die ihn gefährden könnten. Das reicht von prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen, über fortwährend fehlende medizinische Versorgung, die Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme bis zu einer Bildung, die nicht über Lesen/Schreiben/Rechnen hinaus geht – wenn sie überhaupt bis zu diesem Punkt existiert.

So wie wir aus den „armen Ländern“ bevorzugt die Rohstoffe importieren, um dann aus deren Weiterverarbeitung den eigentlichen Profit zu schlagen, so exportieren wir genau dadurch quasi im Gegenzug die „Rohstoffe“, aus denen dann andernorts Konflikte entstehen und Umweltverschmutzung und Ausbeutung: Es ist vor allem der Kampf um Rohstoffe, um Wasser und Land, der gegenwärtig zum Konflikttreiber Nummer eins geworden ist. Weltweit. Und dieser Kampf ist der Hauptexportartikel der ersten Welt. Die einzigen, die davon vordergründig profitieren, sind wir und unsere Geschäftspartner vor Ort. Was der Nahrungsmittelkonzern Nestlé z.B. weltweit zum Thema „Trinkwasser“ ungestraft und unter den Augen all derer praktiziert, die über Internetanschluss verfügen, schreit zum Himmel.

Zwar reden wir davon, dass heute insgesamt weniger Menschen an Hunger, Krankheit und mangelnder Bildung leiden. Zugleich wissen wir aber sehr genau, dass die Abwesenheit solcher Übel allein keinerlei Garant für Lebensqualität darstellt, oder dass dadurch inhumane Gender-Traditionen überwunden würden, oder religiösen Fanatismen der Boden entzogen. Nichts davon findet statt. Und wir wissen auch, dass der Anteil der Hungernden, Kranken und nicht Gebildeten zwar im Vergleich zu den Gesamtbevölkerungszahlen abnehmen mag, dass dieser vermeintliche Fortschritt aber durch das dramatische Wachstum der Bevölkerung und die zunehmend ungleiche Verteilung der Gesamtanteile an materiellen Reichtümern längst eingeholt ist.

Die unsichtbare Sklaverei vor der eigenen Haustür

Andererseits feiern die Kernelemente klassischer Sklaverei in unseren eigenen Breiten fröhlich Urständ. Natürlich kann man diese Verwendung des Begriffes hinterfragen oder sogar verneinen, denn ursprünglich besteht das Wesen der Sklaverei ja darin, dass ein Mensch „vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt“ wird. Mich treibt allerdings in diesem Zusammenhang der folgende Gedanke um: Kann ich wirklich nur dann und solange von Versklavung reden, wenn andere mich als ihr Eigentum behandeln? Oder ist es denkbar, dass es sich auch dann um Versklavung handelt, wenn ich das mit mir selber mache: Mich als Eigentum behandeln? Mir so vorkommen, als könnte „man“ ganz generell einen Menschen besitzen – sich also selbst an die Kette legen. Ein konkretes Beispiel:

Im Prinzip hat die Firma in der und für die wir arbeiten, vor allem eine Funktion in unserem Leben: Wir brauchen sie als die große Ausrede, warum wir genau so leben müssen, wie wir es tun, als Ausrede dafür, warum sich nichts ändern kann, und warum wir so weitermachen müssen wie bisher. Egal wo ich hinhöre, aus den Sprechblasen klingen mir die Argumente von Sklaven entgegen: Wenn wir uns bewegen, spüren wir einzig unsere Ketten. Dann denke ich mir: Ja, womöglich leben wir noch immer, wieder neu, erst recht in einem Zeitalter, in dem die arbeitende Klasse versklavt ist, sich ducken muss und den Mund halten. In dem sie keine Wahl hat und froh sein muss um ihren Job. Nur: Im Unterschied zu den Zeiten, in denen der Mensch durch andere Menschen versklavt wurde, ist es heute so, dass wir selbst es sind, die sich versklaven. Weil wir einen Lebensstandard für unverzicht- und unaufgebbar halten. Einen, der diese Welt (und den Großteil der Menschheit) erstickt. Einen Lebensstil, der selbst wenig anderes ist als eine Versklavung.

Was kommt nach dem Ende des „Brot-und-Lohn-Märchens“?

In wenigen Jahren wird das „Brot-und-Lohn-Märchen“ zu Ende erzählt sein, weil es zum einen nur noch einen Bruchteil der Arbeit gibt, die wir heute als unverzichtbar wähnen, und zum anderen weil das, was an Arbeit übrig bleibt oder neu entsteht, nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir heute dafür halten. Wie bereit bin ich? Was tu ich, um bereit zu sein? Wie bereite ich mich vor?

Es gibt bereits zahlreiche Möglichkeiten, der eigenen Freiheit und ihrer Potenziale habhaft zu werden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die eigene Lebensgeschichte in Zukunft selbst, kreativ und anders weiter zu schreiben. Zusammen mit anderen, die „vom Weg abkommen, weil sie sonst auf der Strecke bleiben“ (Reinhard K. Sprenger).

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Gemeinsam das Neuland im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ kartographieren

Leuchtfeuer 4.0 ist so ein konkretes Konzept. Ein Einsteiger für solche, die Mitstreiterinnen suchen und Weggenossen. Mitdenker und Kollaborateure.

Auf die Politik zu warten, ist hingegen brandgefährlich. Ebenso wie auf das Bildungssystem oder auf die Ökonomie. Diese drei interpretieren ihren Auftrag gemeinsam im Sinne des Erhalts bestehender Abläufe und Strukturen. Sie lassen Innovation und Wandel nur zu, solange sie sich dadurch selbst erhalten können. Zudem umgeben sie sich mit einer Beraterkultur, die als Profi-Optimisten unterwegs sind. Angehörige wirtschaftsnaher Think-Tanks, die uns fast täglich mit Tabellen, Skalen und Keynotes darüber versorgen, wie gut es „uns“ (?) doch eigentlich geht.

Das sind in meinen Augen Pseudopropheten in dem Sinne, wie sie schon das Neue Testament kannte: Menschen, die denen nach dem Mund reden, von denen sie ihren Lohn beziehen, weil sie von denen ihren Lohn beziehen. Sie sind selber Sklaven. Sie skizzieren das Schlaraffenland auf den Horizont und lösen damit bei uns, den überforderten Zweiflern, ein Gefühl der Entlastung aus. Ähnlich wie eine Vielzahl psychotherapeutischer Schulen und Coachingtheorien, die vor allem das Leben in der Sklaverei erträglicher machen, nicht den Ausbruch wünschbar.

Die Metapher, die mich zu dieser Thematik immer wieder heimsucht, ist die vom Gefängnisseelsorger. Er besitzt den Schlüssel zu meiner Zelle, um mich regelmäßig zu besuchen und um mir Trost zu spenden – anstatt den Schlüssel nachmachen zu lassen um ihn heimlich unter meinem Kopfkissen zu deponieren, damit ich immerhin der Möglichkeit meiner Freiheit gewahr werde. Aber wie wusste schon Perscheid in einem ähnlichen Bild zu malen:

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Autor: Christoph Schmitt

swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners lern

3 Kommentare zu „Über die Sklaverei. Eine Polemik.“

  1. Persönliche Ergänzung:
    Brauche ich Sklavenhändler, oder bin ich gar selbst einer? Sogar mein Eigener?
    Klar, ich gehe zur Arbeit, weil ich das Geld brauche. Meinen Lebensstil verwirklichen will, oder überhaupt meine Grundbedürfnisse abzudecken. Mit dieser Begründung geht ein Subtext mit auf die Reise: Wenn ich nicht müsste, dann …

    Arbeit ist Geld, Status, Struktur im Leben – Arbeit ist das Gerüst unseres Lebens. Zumindest bin ich so aufgewachsen. Nach 45 Jahren „fremd“bestimmter Arbeit ist diese ein Teil von mir.

    Drehe ich es einmal anders: Jeden Morgen die Frage: Was möchte ich heute machen? Keiner sagt es mir. Ich suche die Antwort. Es braucht nicht lange Zeit, und die Frage nach dem eigenem ich zeigt sich unerwartet. Mein Wert will gefunden werden. Mann, Vater, Ehemann, Opa, Freund – ja. Aber für mich und viele, viele Andere bemisst sich der eigene Wert an der Arbeit und am damit zugewiesenen Status. An der Leistung also. Position, Einkommen, Überstunden, …

    Wirklich spannend werden diese Fragen nach Einführung des bedingungslosen Grundeinkommens.
    Wenn wir über neue Arbeit sprechen, dann braucht es eine andere Wertschätzung durch unser Umfeld und durch uns selbst. Das sollten wir nicht auf die leichte Schulter nehmen. Wir brauchen auch andere Namen für unsere Berufe – für unseren Ruf. Bin ich es, der mich ruft und bin ich es, der daraus eine Berufung erfährt?
    Oder bin ich Berater, gebe ich Rat“schläge“ – um bei Deinem Beispiel zu bleiben. Im formalen Bildungsgeflecht finde ich keine Antwort darauf und in Psychoseminaren zu leichte Antworten. Sich konsequent in der eigenen Filterblase zu bewegen kann vielleicht helfen, ist aber keine gesellschaftliche Lösung.

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    1. Du bist schon weiter. Das finde ich toll! Du hast alternative Skizzen. Ich denke, wir sind schon mittendrin, unsere Wertschätzungskultur umzubauen. Das tun wir in unseren Netzwerken, das tun wir, indem wir Prozesse gestalten, die nur durch offene Wertschätzung und Verbindlichkeit ihre Qualität bekommen. Das mag daran liegen, dass unter den maroden und erodierenden Schichten der ökonomischen Fetischismen von Neuem ganz einfache und zugleich fundamentale Bedürfnisse und Fähigkeiten freigelegt werden (inkl. „growing pains“). Und sich darüber hinaus mehr und mehr zeigt, dass wir nicht auf das ökonomische Modell angewiesen sind: dass die einen Bedürfnisse haben, die ihnen die anderen befriedigen. Ich bin mir sicher, dass eine der grösseren und kreativeren Herausforderungen im Kontext von Arbeit 4.0 (und Sinn/Leben/Lernen) darin besteht, sich selbst und die eigenen Bedürfnisse ganz neu kennen zu lernen – und sukzessive auch die Kompetenz, für diese Bedürfnisse selbst verantwortlich zu sein. Und dann alles Nötige und Lustvolle zu unternehmen, um die Welt entsprechend zu gestalten. Wie in den Schools of Trust, und wie im Film Tomorrow wunderbar an vielerlei Iniziativen gezeigt.

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    2. Das bedingungslose Grundeinkommen wird sich dank Produktivitätssteigerungen in absehbarer Zeit finanzieren lassen.

      Die Kosten für den dannzumal herdenweise ansteigenden psychiatrischen Bedarf aber kaum…

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