Das Netz läuft dem Bildungssystem den Rang ab

Wenn ich weiss, was relevantes Wissen ist, und wenn ich die Skills und das Stehvermögen habe, um autonom zu lernen, brauche ich keine Schule. Und solange Schule genau diese Skills nicht fördert, brauche ich auch keine Schule.

In diesem kurzen Videoausschnitt ist jeder Satz Gold wert, denn Tu-Lam zeigt auf, wie Bildung heute vielerorts und zukünftig überall funktionieren wird. Diese Entwicklung ist radikal und sie läuft bereits schon geraume Zeit, in einem Affenzahn und unumkehrbar.

Erfolgreiches, wirksames und nachhaltiges Lernen spielt sich ganz offensichtlich immer häufiger jenseits und außerhalb der Grenzen des klassischen Bildungssystems ab, wie Tu-Lam Pham hier skizziert.

Von den Kollektiven zu den Konnektiven

Dieses „Außerhalb“ wird mehr und mehr zu einer Chiffre für den Raum, in dem Menschen sich selbst befähigen. Aus eigener Erfahrung sagt Tu-Lam Pham, der Mehrwert eines klassischen Studiums, den er nicht pauschal abstreitet, habe ihm in seinem beruflichen Leben nie etwas geholfen, auch nicht bei der Unternehmensgründung.

Tu-Lam zeigt die Vorteile des Autodidaktischen auf: Für Menschen, die ihre Bildung und ihr Lernen selber in die Hand nehmen, reduzieren sich die Kosten gegen Null, „um an guten Content zu kommen“. Wenn ich weiss, was ich will, gibt es im Netz das Beste, und zwar von den besten Experten der Welt – in kompakter Weise. Bernhard Pörksen beschreibt in einem äußerst erhellenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung diese Entwicklung neuer Lernräume als einen Weg von den Kollektiven zu den Konnektiven, die sich erfolgreich kulturell abkoppeln von den alten Gatekeepern.

In dieser Eigenverantwortung kann ich sowohl in der Breite als auch in der Tiefe eine viel bessere Ausbildung bekommen, denn wenn wir uns die Sachen selber beibringen (durchaus auch im Sinne von „heranschaffen“), können wir viel flexibler sein: uns das Notwendige selber zusammen stellen. Statt z.B. vier Jahre am Stück nur ein Fach zu studieren, baue ich mir mein eigenes, flexibles Curriculum, wie auch im Gespräch mit dem Millennial Jürgen Baumgärtner deutlich wird:

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„Was, wenn der Autodidakt, der drei Jahre lang seine Expertise auf eigenem Weg autonom entwickelt hat, von Unternehmen bevorzugt wird gegenüber einem klassischen Studenten?“, so Baumgärtner.

De-Schooling von Bildung und Ausbildung

Wenn ich diesen Weg erfolgreich gehen möchte, setzt das natürlich voraus, dass ich weiß, was relevantes Wissen ist, und dass ich die Skills und das Stehvermögen habe, mir die Sachen autodidaktisch beizubringen – und dass ich in der Lage bin, mir entsprechende Netzwerke zu bauen, in denen ich mich einerseits unterstützend einbringe, um andererseits Unterstützung zu bekommen, wo ich sie brauche, denn Lernen ist und bleibt ein soziales Phänomen.

Mit dieser Skizze vor Augen ist klar, wobei junge Menschen von Anfang an konsequente und professionelle Unterstützung brauchen: Es geht um die 21st Century Skills, die mittlerweile an allen Wänden prangen, und die im (Hoch-)Schul-, im Aus- und Weiterbildungssystem weiterhin konsequent ignoriert werden – unter anderem, weil diese Systeme selber nicht über diese Skills verfügen, weder als Organisationen noch in ihrem lehrenden Personal.

Hochschule und Digitale Kompetenz in der Lehre. Ausschnitt aus einem Tweet: https://twitter.com/bildungsdesign/status/1134439040743280642?s=20

Wir sollten uns also nicht mehr länger mit den Fragen aufhalten, was im klassischen Mindset von Schule und Lehre falsch läuft oder wo da ein bisschen rumgeschraubt werden müsste. Das ist alles schon gegessen. Es steht fest, dass das klassische Schul- und Bildungsparadigma zu Ende gegangen ist. Wir kriegen es täglich präsentiert. Da draußen herrscht ein „Klima der Notwendigkeit“. Tu-Lam formuliert deshalb auch nicht, was es braucht, sondern was es gibt und was bereits funktioniert – und diesen Perspektivenwechsel kriegt Schule nicht mehr hin. Deshalb: Loslassen, abschliessen, neu erfinden, und vor allem: heute damit anfangen.

Studie zeigt: Bei der Digitalisierung der Weiterbildung nach wie vor Fehlanzeige

Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) hat mit der PH Zürich zusammen im Herbst 2018 Inhaberinnen und Inhaber des eidg. Fachausweises Ausbilder/in zur Nutzung Digitaler Technologien befragt. Die lesenswerte Studie kann hier geladen werden. Ihre Ergebnisse zeigen: Digitale Transformation findet nach wie vor woanders statt.

(Titelbild: wikipedia)

41 % der Befragten setzen ihren Schwerpunkt in der Weiterbildungspraxis auf technologiefreien Präsenzunterricht, 46 % auf digital begleiteten Präsenzunterricht, wobei hier nach Aussage der Autoren „ausser Lernplattformen, Sozialen Medien und Web bzw. Computer Based Training (…) kaum Technologien genutzt werden“. (S. 7)

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Die Studie zeigt auch, wie wenig sich das traditionelle Mindset von Erwachsenenbildung mit den kulturellen Veränderungen auseinander setzt, die mit der Digitalisierung für Bildung und Lernen einhergehen. Das wird z.B. deutlich, wenn die Ausbilder‘innen befragt werden, welche Kompetenzen ihrer Meinung nach für ihre Arbeit nötig sind (die Grafik dazu auf S. 11). Weniger nötig bis nicht relevant sind nach Überzeugung der Befragten:

  • Kenntnisse über neue Entwicklungen (VR, Crowdsourcing etc.): 46 %
  • Programmierkenntnisse: 78 %
  • Entwicklung von Online Angeboten: 61 %
  • Soziale Medien: 44 %
  • Umgang mit „BYOD“: 50 %
  • Erstellen von Videos: 49 %
  • Entwicklung und Nutzung von OER: 49 %

Diese Zahlen zeigen meiner Ansicht nach einen großen Aufholbedarf an Bewusstseinsbildung im Kontext der zertifizierten Erwachsenenbildung. Denn hinter diesen Faktoren verbergen sich ja zentrale Zukunftsthemen von Bildung im Digitalen Zeitalter, die um Empowerment, Selbststeuerung, Ownership, Open Source, Kollaboration, Bildungsnomadentum und User Experience (UX) kreisen. Hingegen fokussieren Ausbilder‘innen bis heute offenbar vor allem das klassische Mindset von „Lehre und Vermittlung“, innerhalb dessen Digitalisierung lediglich als methodisches Hilfsmittel figuriert, wie auch der folgende Befund nahelegt.

Selbst wer sich selber für digital fit hält, unterrichtet mehreitlich lieber ohne digitale Technologie

Bei den Befragten, die von sich selber sagen: „Ich besitze die Kompetenzen, um digitale Technologien systematisch zu nutzen“, liegt der Anteil derer, die (dennoch) selten auf Digitales im Unterricht setzen, durchgehend über 50 %. „Die Gründe für den seltenen Einsatz digitaler Technologien sind also nicht allein bei den fehlenden Kompetenzen zu suchen. Es ist anzunehmen, dass dahinter zumindest teilweise bewusste didaktische Entscheidungen stehen“ (S. 9) – oder aber, sit venia verbo, ein Mindset, das Digitalisierung auf technische Mittel und Methoden reduziert, um den Hegemonieanspruch der Alten Schule aus der Gefahrenzone heraus zu halten.

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Dringender Handlungsbedarf in Sachen Digitaler Kompetenz

Diese Bestandsaufnahme ist aus Kundensicht besorgniserregend, weil der Markt der Erwachsenen- und Weiterbildung ja über den Fachausweis als eidgenössisch anerkanntem Berufszugang reguliert wird.  Allein deshalb ist es hoch problematisch,  wenn die Ausbildung diesen Markt weiterhin – via Zertifizierung – mit Ausbilder‘innen flutet, die sich ausgerechnet in dem Bereich unzureichend befähigen, der den umfassenden Kulturwandel unseres Lebens antreibt, bestimmt und gestaltet. Auch die Ausbildenden selbst schätzen ihre „eigene Vorbereitung auf die Digitalisierung durch Aus- und Weiterbildungen … eher mittelmässig oder schlecht ein: 19 % sehen sich gut oder gar sehr gut vorbereitet. 37 % bezeichnen die eigene Vorbereitung als mittelmässig und weitere 44 % als ungenügend oder nicht vorhanden“. (S. 8)

Digitale Technologie weiterhin nicht im Fokus

Die AutorInnen fassen zusammen: „Einerseits zeigt sich, dass erworbene digitale Kompetenzen in einem Zusammenhang mit deren Einsatz in Lehrveranstaltungen stehen. Aber ein Umkehrschluss gilt nicht: Der Verzicht auf digitale Lehrmethoden kann nicht alleine mit fehlenden Kompetenzen in Zusammenhang gebracht werden. Gleiches gilt für den Stellenwert, welcher der Digitalisierung zugeschrieben wird, und die Nutzenerwartungen an digitale Unterrichtsmethoden: Wenn diese hoch sind, geht damit oft auch ein häufiger Einsatz einher. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Vielzahl Ausbildender, die beides als hoch betrachten, aber auf den Einsatz digitaler Technologien im Unterricht dennoch verzichten. Hierzu ist festzuhalten, dass ein stärkerer Einsatz von digitalen Methoden nicht per se ein Ziel für Ausbildende ist. Nicht zuletzt der starke Fokus auf Präsenzunterricht zeigt, dass Digitales oft eher als Ergänzung eingesetzt wird.“ (S. 10)

Das Konzept „Unterricht“ radikal überdenken

Für mich wird das Grundproblem nicht erst auf der Ebene von Didaktik und Methodik sichtbar. Es zeigt sich bereits dort, wo das Studiendesign in der Formulierung seiner Fragen ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Prozesse der Erwachsenenbildung heute und in Zukunft im Format des Unterricht[en]s stattfinden werden, denn nur auf dieses Format und sein Mindset hin wurde befragt. Dadurch suggeriert die Studie, dass Digitalisierung den „Unterricht“ zwar in irgendeiner, noch nicht so recht absehbaren Weise verändert, nicht aber lässt sie den Gedanken zu, dass das Konzept selbst im Rahmen der Digitalisierung durch andere Konzepte abgelöst werden könnte. Genau hier liegt aber die Herausforderung für Bildung.

Der nächste Schritt:  Weiterbildung an die Entwicklungen von Mensch und Gesellschaft anpassen

Diese Beobachtungen zeigen, wie tiefgreifend die Problematik im Bildungswesen wirklich ist, weil die Anbieter von Erwachsenen- und Weiterbildung und weil die Ausbilder der Ausbilder das kulturelle Mega-Phänomen der Digitalisierung lediglich durch eine (zudem veraltete) didaktisch-methodische Brille betrachten, statt diesen Rahmen zu verlassen und zu fragen, welchem Wandel unsere Lern-, Arbeits- und Lebenskulturen aufgrund der längst vollzogenen Digitalisierung eigentlich unterworfen sind – und wie Bildung und Lernen darauf zu antworten haben. Die Unfähigkeit des Bildungssystems, die Ebenen der Technologie in größere Zusammenhänge einordnen zu können (und zu wollen), ist wohl die eigentliche Herausforderung. Die Frage ist nur für wen, denn die Kundinnen und Kunden haben schlicht keine Zeit mehr, um auf den längst fälligen Turnaround im Bildungssystem zu warten.

Ein Blick über den Horizont: In welche Richtung wir uns bewegen

In einem spannenden Podcast betont Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats für Bildung bei der OECD, dass es bei der Digitalisierung vor allem um kognitive Fähigkeiten gehe, und führt als Beispiel die Lesekompetenz an: „Im Print-Zeitalter ging es darum, aus Büchern Informationen zu extrahieren, in Lexika nachzuschlagen im Vertrauen, dass die Antwort richtig ist. Heute schau ich bei Google nach. Ich bekomme 100 000 Antworten auf meine Frage. Ich muss jetzt selber Informationen miteinander verknüpfen, neues Wissen konstruieren. Diese Konstrukte haben sich verändert. Das ist digitale Kompetenz. Auch bei der Arbeit im Team. Früher konnte ich auf Insel-Lösungen setzen, heute geht es darum, Wissen zu vernetzen, Disziplinen übergreifend zu denken. Das hat mit der Fähigkeit zu tun, die künstliche Intelligenz durch menschliche Fähigkeiten zu ergänzen.“

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Auf einer nächsten Stufe spricht Schleicher eine zentrale Chancen der Digitalisierung für das Lernen an: „Warum soll ich als Schüler von einer Lehrkraft lernen, die gerade zufällig vor mir steht, wenn ich gleichzeitig von einer Lehrkraft lernen könnte, die genau auf meinen persönlichen Lernstil zugeschnitten ist? Das ist die Digitalisierung. Sie schafft uns den Zugang zum Wissen der Welt. Verschiedene Menschen lernen unterschiedlich. Das ist in einem traditionellen Lernumfeld sehr schwer umzusetzen. Individuelle Lernförderung heißt dann ‚Klassengröße 1‘.“

Es ist höchste Zeit, dass das Bildungssystem selbst anfängt zu lernen. Und zwar von Grund auf neu.