Warum wir die großen Entscheidungen nicht treffen

Auf den ersten Blick scheint es einen hohen Entscheidungsdruck zu geben angesichts

  • der sich zuspitzenden Klimakrise
  • des zunehmende Rechtsradikalismus
  • der Verrohung der Kommunikation in den Sozialen Medien
  • des aufblühenden Nationalismus
  • der Konzept- und Visionslosigkeit der Politik
  • des Kontrollverlusts über Daten, Wissen und Privatleben
  • der zunehmend totalitären Überwachung
  • des sukzessiven Verschwindens menschlicher Arbeit
  • des sturen Beharrens eines sklerotischen Bildungssystems

Manche vermuten, dass wir einen regelrechten Entscheidungsstau haben. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil. Wir sind noch gar nicht an dem Punkt angekommen, wo wir uns im privaten, öffentlichen und ökonomischen Sektor dafür entschieden hätten, dass wir bestimmte Entscheidungen zu treffen haben. Wir stecken nicht im Stau. Wir sind noch nicht einmal losgefahren.

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Wir erfassen diesen Supergau nicht als genuine Entscheidungs-Situation, weil wir uns nicht dafür entscheiden, ihn als solche zu erkennen. Deshalb halten wir es gar nicht für nötig uns zu entscheiden.

Darum treffen wir keine.

Wenn du dich tatsächlich entscheiden willst, dann musst du dich, so scary das klingen mag, zuerst einmal dafür entscheiden dich zu entscheiden. Du musst zuerst aus der Situation, in der du steckst, eine Entscheidungssituation machen. Das gilt für all jene Fälle, in denen (Achtung Metapher!) dir nicht jemand eine Knarre an den Kopf hält und abzudrücken droht, wenn du dich nicht sofort entscheidest. Es gilt also in praktisch allen Fällen.

Die Entscheidung für eine Entscheidung kommt immer zuerst. Und sie kommt von dir. Da geht es noch gar nicht um die Optionen, die du draußen in der Welt vorfindest. Ob hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen ist, entscheiden nicht die Umstände. Das entscheidest du. Ob etwas eine Option ist, entscheidet sich erst im Horizont einer Entscheidung, für die du dich entschieden hast.

Krasses Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn jemand die Angehörigen einer anderen Religion oder Nationalität als „niedere Tiere“ betrachtet, dann kommt er (seltener sie) gar nicht in die Situation, in der er entscheiden müsste, ob er sie wie Menschen behandeln soll oder nicht, weil es für ihn (seltener sie) da gar nichts zu entscheiden gibt.

Wir können auch anders. Wenn wir uns dafür entscheiden.

Noch eben die Welt retten. Eine Ode an den Menschen

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Die Analysten jubeln. Digitalisierung macht menschliche Arbeit und damit den Menschen nach und nach überflüssig in Prozessen der Wertschöpfung. Dadurch verschwindet nun endlich der immer schon größte Risikofaktor für die Vermehrung von Kapital.

Der Mensch also. Seit der Industriellen Revolution wurde er zunehmend unverzichtbar zur Häufung und Mehrung von Macht und Reichtum. Andererseits ruft er bis heute große Planungsunsicherheit und enorme Kosten hervor. Jetzt wird er ersetzt durch Technologie. In dieser Logik gilt: Je weniger Mensch, umso höher der Ertrag. Das macht die Digitalisierung zu einem noch nie dagewesenen Versprechen für Märkte und Kapital. Was heißt das für uns? Für Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann? 

Trick 17: Der Arbeit wieder einen Sinn geben – und sie dann abschaffen

Das jetzt denkbare, systematische Ausmustern des Menschen wird ja von allerhand „kulturellen Maßnahmen“ flankiert. LinkedIn und Twitter laufen über von Forderungen, Impulsen und Initiativen zur Humanisierung der Arbeit, um ihr „wieder einen Sinn zu geben“. Ich vermute: Hier wird breitflächig das Abwickeln weichgespült. 

Womöglich wird auf Führungsetagen großer Unternehmen und in Hinterzimmern regierender Politik gar nicht über die Humanisierung von Arbeit diskutiert, sondern über das Abwickeln des „Humanfaktors“ in der Wertschöpfung – und über das Austarieren unvermeidbarer sozialer Kollateralschäden. Die momentane Situation erinnert mich an Helmut Kohls Diktum von den „blühenden Landschaften“ nach der Wende. Menschen im Osten Deutschlands muss das im Rückblick wie eine Verhöhnung vorkommen. Und wenn wir genau hinsehen, dann entpuppt sich das auf den ersten Blick unverständliche „Aussitzen“ in Politik, Ökonomie und Bildung als schlaue Strategie – im Sinne einer Hochform spätkapitalistischer Vernunft.

Die Vernichtung von Jobs ist jedenfalls gewaltig, und sie betrifft Menschen, deren Tätigkeiten durch Technologie ersetzt werden – also die Mehrheit der Arbeitnehmer‘innen. Die werden vom Bildungssystem nach wie vor so beschult, als ob alles so weitergehen würde wie bisher. Doch in Wirklichkeit werden wir (du, ich, dein Kind) sukzessive überflüssig, denn unser Menschenbild funktioniert so: Dein Wert als Mensch ergibt sich aus deiner Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung, aus deiner Verwertbarkeit als Arbeitnehmer‘in und damit als Kapitalvermehrer‘in. Sei es in Lohn und Brot, sei es als Mutti. Keine Arbeit – kein Wert als Mensch.

Der Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn

Sich hier und jetzt mit Zukunftsfragen unserer Existenz zu befassen, mit humanen Lebensbedingungen und mit der Gestaltung menschlicher Gemeinschaft, das ist also keine Frage der Ökonomie. Die ist am Menschen nicht interessiert. Sie ist eine Selbstläuferin.

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Es geht jetzt zuerst um Ethik. Es geht um diese Fragen: Was soll für uns „gutes Leben“ sein? Und wer ist „uns“? Wer und was soll „Mensch“ in Zukunft sein? Wie soll der und die leben, wo und mit wem zusammen? Was bleibt uns übrig: zu tun und zu(m) leben?

Selbst wenn wir über Klima und Planet reden, reden wir ja über uns selbst und über unsere Zukunftschancen als Menschen, denn dieser Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn.

Das ist womöglich noch immer nicht ganz klar: Wenn wir über Ökologie reden, dann reden wir über unsere Zukunft, nicht über die der Erde. Es geht um uns angesichts des endgültigen Verschwindens von Lebensressourcen, und dabei denke ich nicht nur an Nahrung, Wasser und Luft. 

Uns gehen jetzt gerade die menschlichen Ressourcen aus – ohne nachzuwachsen: Achtung, Wertschätzung, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, Respekt; wie mit Arbeitnehmer’innen umgegangen wird, mit ganzen Generationen von Schüler’innen, mit Arbeitssklaven überall auf der Welt, mit MigrantInnen, wie „wir“ über die Umwege des Internets eine Kultur des Hasses entwickeln und befeuern. Es geht um eine grassierende Gleichgültigkeit, mit der wir nicht erst in Sachen planetarer Zukunftsfähigkeit unterwegs sind, sondern was die Gestaltung menschlicher Beziehungen diesseits und jenseits des Gartenzauns betrifft.

Menschsein neu definieren

Es geht jetzt also ganz konkret um die Frage, wie wir Menschsein neu definieren und ausbuchstabieren. Dabei steht eines fest: So wie wir das bisher machen, kommen wir immer nur bis an den Punkt, von dem wir eigentlich weg wollen.

Quelle: youtube / Truman Show

Warum? Weil wir den Menschen als Problem betrachten. Er ist unser liebstes Defizit. Meistens in Form des Mitmenschen. Er kostet Geld, er führt Kriege, er wird krank, stört den Unterricht, nimmt mir die Vorfahrt und frisst den Planeten kahl. Unsere Coaches haben uns dann klar gemacht, dass nicht der Mitmensch das Problem ist sondern wir selber, und dass wir „bei uns selber anfangen müssen“ – mit der Optimierung. 

Jetzt geht es nochmal um etwas ganz anderes: um die radikale Umkehrung dieser Perspektive: Wir sehen den Menschen nicht mehr länger als Problem, das wir haben, sondern als die einzige Lösung, die wir sind – und gehen entsprechend miteinander um. Solange uns dieser Perspektivenwechsel nicht gelingt, sterben wir aus.