Raus aus der Mottenkiste!

Die Notwendigkeit, Lernen und Arbeiten zu nomadisieren, nimmt zu – und es wird immer einfacher, es auch zu tun. Das führt zu krassen Gegen- und Beharrungsreaktionen in den Silos – sowohl im Bildungssystem als auch bei Arbeitgebern. Werfen wir deshalb einen Blick in die Mottenkiste, beleuchten das Scheinargument, und wenden uns dann der Lösung zu.

Für die Gralshüter traditioneller Lern- und Arbeitsprozesse fungiert die körperliche Anwesenheit von Menschen als Voraussetzung für alles andere. Nur wenn der Schüler oder die Arbeitnehmerin „da“ ist, finden wirklich Lernen oder Arbeiten statt. „Es gibt nur ein Hier, und das ist hier.“ Da geht es ganz offensichtlich um Kontrolle, also um ein Bedürfnis des lehrenden oder anstellenden Systems. Es geht nicht um die Potenziale lernender und arbeitender Menschen und darum, wie wir die entwickeln. Es geht auch nicht um die Frage, welche Lösungsmöglichkeiten uns neue Lern- und Arbeitsformate bieten, wenn wir uns nur mal ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen würden.

Es geht um die Vermeidung von Kontollverlust. Hier ein Beitrag, der die Auswüchse der Übewachungskultur sichtbar macht.

HomeOffice im Notfall. HomeSchooling lieber nicht.

Weil es mittlerweile in vielerlei Munde ist, lassen sich die Gralshüter manchmal dazu hinreißen, einen „zweiten Ort“ zu genehmigen. Wenn es ums Arbeiten geht, sprechen sie dann von „Home Office“, und wenn es ums Lernen geht, von „Home Schooling“. Wenn schon „irgendwo“, dann zuhause. Im „Home“. Hier drückt das Weltbild der Gralshüter durch: Der Mensch hat einen (1) Arbeitsplatz und einen (1) Ort, an den er nach der Arbeit zurückkehrt – und wohin er diese Arbeit jetzt für einen Tag pro Woche mitnimmt. Andererseits ist „Home“ sehr nahe an dem, was für die Gralshüter der ausgemachte Feind allen Lernens und Arbeitens ist: die Freizeit. Deshalb: Höchstens einen Tag Home Office, und Homeschooling lieber gar nicht, denn: „Wie sollen wir das um Himmels Willen kontrollieren?“

Also bleiben der klassische Arbeitsplatz, Schulzimmer und Seminarraum die bevorzugten Modelle für Arbeiten und Lernen. Da haben wir sie unter Kontrolle – und nicht zu vergessen: sie sich gegenseitig. Schon der Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler wusste:

Mehr über Seethaler hier.

Jetzt gibt es halt schon etliche Initiativen und Projekte, die zeigen, dass Menschen jeden Schlages und Alters sehr wohl in einer Kultur des Nomadischen lernen und arbeiten. Ja, es stellt sich heraus, dass sie durch Asynchronität, Multilokalität und Digitale Vernetzung viel lustvoller und effizienter arbeiten und sogar lernen. Auch wenn sie noch ganz jung sind oder pubertär – für die Gralshüter eigentlich noch ungereifte „pre-people“. Laloux und Bregman schildern, wie das in Organisationen gelingt und funktioniert, demokratische und soziokratische Schulen zeigen es für die Bildung.

Von der Angst, überflüssig zu werden

Doch auch gegen dieses Gelingen sind die Gralshüter gerüstet. Sie drehen den Spieß einfach um und machen aus ihrem Bedürfnis nach Kontrolle ein Bedürfnis des Arbeitnehmers und der Lernerin, „gesehen“ werden zu wollen und geführt. Sie sprechen über die große Bedeutung der sogenannten Beziehungsarbeit – die die meisten Lehrer und viele Führungskräfte, mit denen ich zusammengearbeitet habe, fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

„Die brauchen uns“ zu sagen, kann zwischen den Zeilen auch meinen: „Wir brauchen es, gebraucht zu werden“. Doch für einen gelingenden Umgang mit dem Bedürfnis gebraucht zu werden, sind andere Gefäße vorgesehen und auch zielführend(er) als die pädagogische Beziehung: zum Beispiel Inter- und Supervision, oder hier und da ein Gespräch unter guten Freund*innen. Die Gefahr, lernende Menschen zu Geiseln für ungestillte Bedürfnisse auf der Seite der Erwachsenen zu machen, ist in erziehenden und bildenden Berufen allgegenwärtig.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl G. Jung soll einmal gesagt haben:

Nichts hat mehr Einfuss auf Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.

Dies gilt in direkter Verlängerung auch für die Beziehung Lernender zu Lehrenden – vor allem, wenn es um das Lernen von Kindern und Jugendlichen geht. Und wenn wir einmal „ausgelernt“ haben, gilt es lebnenslang für die traditionelle Beziehung zwischen Chef und „Unterstelltem“ – eine nach wie vor gern genommene Bschreibung in Stellenauschreibungen im Schweizer Arbeitsmarkt.

Eine Wertung ist in der Erkenntnis Carl. G. Jungs zwar nicht enthalten. Sie lädt aber dazu ein, in Vorbereitung auf einen pädagogischen oder führenden Beruf und in dessen Ausübung intensiv ins Gespräch zu kommen mit der eigenen Bedürfnis- und Erwartungs-Biografie.

Der lehrende Beruf ist traditionell einer der wenigen, die von einem ständigen Strom der Anerkennung abhängen. Von einer Art bedingungsloser Grundversorgung. Mehr als andere Berufe oszilliert er pausenlos zwischen der Gewährung und Verweigerung sozialer Anerkennung. Niemand käme auf die Idee, so einen Bohai um den Berufsstand der Verkehrspilot*innen zu machen, auf dem ja auch eine große Verantwortung für Menschenleben lastet.

Der lehrende Beruf zieht offenbar Menschen an, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben, und eben dies macht den Beruf dann anstrengend für sie. (Wenn sie jetzt gelesen haben, dass in diesem Beruf nur Menschen arbeiten, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben: das steht da nicht). Es sind nicht die harten Arbeitsbedingungen und die unendlichen Ansprüche an die Lehrer, an denen die zu knabbern haben – es hat mit der Notwendigkeit zu tun sich abzugrenzen und das Anerkennungsgeschäft dort abzuwickeln, wo wir als Profis unter uns und unseresgleichen sind. Viele brennen aus und löschen ab, nicht weil der Beruf „so schön und doch so brutal ist“, sondern weil sie wichtig bleiben wollen, wo es pausenlos darum geht, überflüssig zu werden.

Die können das doch gar nicht!

Das billigste und zugleich sehr häufig eingebrachte Argument lautet, dass sowohl arbeitende als auch lernende Menschen „das gar nicht können“: Arbeits- und Lernräume bzw. Arbeits- und Lernzeiten selbstverantwortet zu gestalten, Arbeits- und Lernprojekte kollaborativ zu organisieren. Dieses Argument ist schon deswegen nichtig – gerade in Kontexten des Lernens und der persönlichen Entwicklung –, weil sich Lernen & Entwicklung ja gerade dadurch auszeichnen dass Menschen in eine Situation kommen, in der sie etwas „noch nicht können“ und vor der Notwendigkeit stehen, sich bestimmte Fähigkeiten und ein Wissen anzueignen.

Und wie sollten lernende und sich entwickelnde Menschen die Kompetenz, ihr Lernen und Arbeiten selbstgesteuert und kollaborativ zu gestalten vorweisen können, wenn die Lern- und Arbeitssilos alles dafür tun, die Entwicklung dieser Kompetenzen zu verhindern? Selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten kann ich nun mal ausschließlich selbstorganisiert lernen.

Die Lösung: Vernetzter Individualismus

Wir individualisieren das Lernen und Arbeiten radikal und vernetzen es zugleich. Das ist mit Nomadisierung gemeint – also keine Vereinsamung vor Bildschirmen in 3.5-Zimmer-Wohnungen beim Abarbeiten von Arbeitspensen, E-Mails oder digital übermittelten Lernaufgaben, die ich zusammen mit meinem Learning Bot löse.

Es geht nicht um isoliertes und vereinzeltes Lernen und Arbeiten, sondern um eine technische, räumliche und zeitliche Erweiterung der Möglichkeiten. Es geht um zunehmende Freiheitsgrade im Organisieren und Entscheiden, damit lernende und arbeitende Menschen in ihren sich radikal verändernden Lebens- Lern- und Arbeitswelten entsprechend erfolgreich unterwegs sein können. Es geht um den sukzessiven Abbau hinderlicher, den Lern- und Arbeitsprozess blockierender Strukturen, damit Individuen ihr Lernen & Arbeiten ihren Bedürfnissen, Potenzialen, Interessen und Grenzen gemäß gestalten können: ihr eigenes Tempo finden, ihre eigene Arbeits- und Lernkultur – mit ihren Lern- und Arbeitspartner*innen zusammen, die ihnen nicht zugeteilt oder zugewürfelt werden, sondern die sich gegenseitig finden gemäß Kriterien, die sich aus den Prozessen selbst erst ergeben.

Vernetzter Individualismus unterscheidet sich nur geringfügig von Networked Sociality, in seiner Verwendung richtet sich der Begriff mehr auf konkrete Auswirkungen und bewußte Steuerung. Er kommt bei Manuel Castells (2005) vor, und wurde von Lee Rainie & Barry Wellman in Networked – The New Social Operating System (2012) ausgearbeitet. In einer Übersicht von 12 Grundsätzen stellen die Autoren Charakteristika heraus.

Quelle

Diese Individualisierung und Nomadisierung führt zu einer fundamentalen Humanisierung des Lernens und des Arbeitens, weil lernende Menschen in ihren prägenden Lebensphasen und darüber hinaus nicht mehr jahrelang über einen Kamm geschoren werden und gemeinsam durch ein einziges Nadelöhr kriechen – und die dieses Trauerspiel dann für den Rest ihres Lebens für den Normalfall von Lernen halten – und von Arbeit.

Jederzeit und überall lernen, wann und mit wem auch immer ich möchte.

Cover Photo by Helena Lopes on Unsplash

Geregelte Welt

Vorhin habe ich einen Tweet von Christian Müller entdeckt. Hin und wieder liefert Müller auf Twitter lesenswerte Stilblüten aus der Unternehmenswelt, die auf kurze & prägnante den Status Quo ausdrücken.

Ich musste sofort an das Statement eines Jungen denken, der eine demokratische Schule besucht und mit wenigen Worten beschreibt, worin er den Unterschied zu seiner früheren Schule sieht:

Die ganze Doku „School Circles“ hier.

Was im Schulsystem seinen Anfang nimmt im Umgang mit Freiheit, findet seine Fortsetzung im klassischen Arbeitsmarkt. Der Bogen spannt sich bruchlos über das ganze Leben eines Menschen.

Subtext I

Der Subtext: Menschen können mit Freiheit nicht umgehen. Menschen sind mit Freiheit überfordert. Wir enden im Chaos, wenn wir Menschen ihre Freiheit lassen: beim Lernen, beim Arbeiten, im Leben. Sie brauchen Führung und Führer. Von der Wiege bis zur Bahre.

Wir können nicht zulassen, dass sie sich zu autonomen Bürgerinnen und Bürgern entfalten. Autonomie ist doch nur eine Schimäre in den Köpfen abgehobener Denker. Wir können nicht zulassen, dass Menschen Entscheidungen treffen lernen, die mehr und anderes sind als ein Auswählen aus vorgegebenen Optionen. Wo kämen wir dann hin?

Das Ergebnis: Weil uns in den entscheidenden Aspekten des Lebens Freiheit von Anfang an ausgeredet und verweigert wird, landen wir irgendwann todsicher an diesem Punkt, wo wir ihnen glauben, dass wir mit ihr überfordert sind.

Und dann machen wir das Ergebnis zum Ausgangspunkt. Tricky.

Subtext II

Dazu ein Gedicht von Konstantin Wecker, das er 1983 veröffentlicht hat, und das doch die Gegenwart auf den Punkt bringt. Es trägt den Titel „Triviale Litanei“ – und die Bezugs-Quelle ist hier.

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
wir haben das alles uns selbst zu verdanken.
Einige schwanken,
sollen sie fallen.
Kein Zögern, kein Zaudern,
statt reden nur plaudern,
es lag an uns allen.

Geregeltes Leben,
genormtes Wort,
die Bierpreise bleiben stabil im Land,
nur Deutschlands Fußball liegt noch im argen.
Was uns noch passieren kann,
ist schon passiert,
es wird wieder pariert.

Genormte Männer,
geregelte Welt,
wir haben das alles selber gewählt.
Jetzt hat uns die Sicherheit sichergestellt,
bespitzelt, belauscht,
die Namen vertauscht.
Der Aufschwung, der Aufschwung,
der Aufschwung ist da! HURRA!

Gemännerte Norm,
geregelte Form,
gewertete Welt,
wir haben voll Mut die Freiheit gewählt,
die D-Mark gestählt,
jetzt werden Türken gequält,
jetzt gelten wir wieder was in der Welt.

Falleri, fallera,
wir sind wieder da!

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
noch ein paar Spinner müssen fort,
dann gibt es Raketen
von der Memel bis zur Maas,
wie finden Sie das?
Wie finden Sie das?
Schon dröhnt´s von Süd zum Norden her:
Wir brauchen eine Bürgerwehr
zum Schutz von Kern und Kraft und Frau!
Schafft Männer her mit starkem Bau!

Genormtes Leben,
geregelte Welt,
wir haben das alles selbst bestellt.
Bald heißen wir nur noch Eins oder Zwei
mit Nullen dabei, mit Nullen dabei.

Schon stockt mir der Atem,
ich kann kaum noch schrein:
Da muß doch noch irgendwo Leben sein,
so zwischen Verrat und Bestechung, ganz klein
muß doch Leben sein?

Geregelte Männer,
geregeltes Wort,
geregeltes Leben,
geregelte Welt.
Ach, rettet die Welt,
ach, rettet die Welt,
bevor sie geregelt zusammenfällt!

LearnLabs statt Schule. Ein neuer Raum des Lernens. Teil 2

Im ersten Teil zum Thema LearnLabs habe ich mich an diesen Begriff herangetastet. Sie finden den Artikel hier. Jetzt geht’s um Vertiefung: Wodurch unterscheiden sich LearnLabs von Schule? Warum sollte ich da mitmachen?

Titelfoto: Gerd Altmann auf Pixabay

LearnLabs sind Orte, Communities, Projekte, in denen das Lernen selbst Gegenstand der Erforschung wird – und zwar nicht „das Lernen ganz generell“, sondern das Lernen derer, die diese Communities bilden: Die Colearner sind ihr eigener Forschungsgegenstand – mit Fokus auf das faszinierende Phänomen des Lernens. LearnLabs sind Räume, die sich in dem Moment bilden, wenn Menschen damit anfangen. LearnLabs sind also keine präparierten Räume, die dann lernenden Menschen zur Verfügung gestellt werden.

Wir wissen nicht, wie Kinder lernen. „Wir wissen nur, daß Lernen mit Freude, Aufregung und großer Geschwindigkeit stattfindet, sobald eine für das Lernen günstige Umgebung vorhanden ist.“

(Greenberg, 2005, S. 37)

Es geht darum, mit dem eigenen Lernen und mit dem der Community zu experimentieren – entlang der Themen und Anliegen, die im Verlauf dieser Prozesse entstehen. Es geht um zwei zentrale Bewegungen und Dynamiken des Lernens:

Exploring. Sich nicht auf ein nächstes Kapitel gefasst machen, das schon geschrieben ist, sondern auf das Neue, das geschrieben werden will: Jeden Stein umdrehen, noch einen Schritt weiter gehen. Sich alle Zeit der Welt nehmen um in das Unbekannte und nicht Gewusste einzutauchen, um es dadurch für sich zu erschaffen.

Discovering. Nicht das Lupfen des Deckels vom Kochtopf oder das Auspacken eines Geschenks. Nicht am Fließband des Erwartbaren ansetzen, nicht am (Gaben-)Tisch sitzen und der Lüftung eines inszenierten Geheimnisses harren. Discovering ist keine Erwartungshaltung, sondern im Gegenteil eine Suchbewegung.

Warum mache ich bei einem LearnLab mit?

Wer diese beiden Grundhaltungen entdecken und bei sich selbst ausbauen möchte, wer Lust auf Expedition und Experiment hat, ist in einem LearnLab genau richtig. Egal in welchem Alter, mit welcher Ausbildung und Herkunft. Entscheidend ist die Haltung gegenüber dem Lernen: Menschen tun sich aus Interesse und Neugier am Lernen nicht in, sondern zu LearnLabs zusammen, weil sie herausfinden wollen, was es mit dem Lernen auf sich hat, und wie sie sich die Welt damit erschließen.

Anyone who has no desire to learn should have no involvement in the learning of others.

Daniel Greenberg

Im LearnLab geht es darum herauszufinden, wir wir Lernen für uns und für unsere Entwicklung (neu) definieren und gestalten im Kontext unserer bestehenden Lern- und Arbeitsumgebungen – und wie wir es einsetzen, wenn es ganz in unserer Hand liegt. In der LearnLab-Idee braucht Lernen keine designten Umgebungen, in denen wir uns durch Lernen auf „die Welt da draußen“ vorbereiten, denn wir sind ja schon in dieser Welt, die wir einfach nach und nach entdecken: Exploring & Discovering. Welt ist eine Umgebung, in der ich mich stets bewege, bzw. mit der ich bereits vernetzt bin, und die ich in diesen LearnLabs entdecke, mitgestalte und mitpräge – und zugleich damit entdecke, gestalte und präge ich eben auch deren Systematik und Logik. Ich bringe mir die Welt bei und mich der Welt. Lern-, Lebens- und Arbeitswirklichkeiten tauchen in LearnLabs also nicht in pädagogisch-didaktisch aufbereiteter Form auf, sondern als solche: wie sie sich denjenigen zeigen, die sich aufmachen, sie zu erforschen.

Konzentration. Photo: Christoph Schmitt

Wie unterscheiden sich LearnLabs von klassischen Lernformaten?

LearnLabs sind ganz grundsätzlich keine „Lernformate“. Sie sind unformatiert. Die leitende (Forschungs-)Frage, die ein zentraler Bestandteil der LearnLab Idee ist, lautet: Was kommt zum Vorschein, wenn die traditionellen Überzeugungen, Strukturen und Prozesse der Beschulung nach und nach wegfallen? Wie reagieren die unterschiedlichen Rollen, Berufs- und Bezugsgruppen, die Funktionsinhaber und Verantwortungsträger in einem LearnLab? Wie und wohin verändern sie sich? Wo solche Fragen relevant werden, wo sie Gegenstand des Alltags und der Reflexion sind, da sind wir mitten in der Arbeit an einem neuen Lern- und Bildungsparadigma – konkretisiert in LearnLabs.

Das Motiv dahinter lautet: Weil jede und jeder von uns vollgepackt ist mit Prägungen, Erfahrungen, Überzeugungen, Rollenbildern und Vorstellungen zu Lernen, Schule und Bildung, soll zumindest der Raum, den Menschen gemeinsam dadurch erschaffen, dass sie sich auf den Weg in ein neues Lernen machen, noch nicht formatiert, noch nicht präpariert sein, sondern eine „Blank Canvas“. Und je größer die Heterogenität derer – hinsichtlich Alter, Bildungsbiografie, Beruf u.v.m. –, die ein LearnLab kreieren, umso größer ist die Chance, tatsächlich neue Räume zu erschaffen. „Partizipation“ – aber nicht im klassischen Sinn von Teilhabe an etwas Bestehendem („nach Einschulung folgt Beschulung“), sondern so, dass durch Partizipation erst etwas ins Entstehen kommt, das ganz wesentlich aufgrund meines persönlichen Beitrags zu dem wird: neue Lernwelten, neue Lernerfahrungen, neue Lerngemeinschaften.

LearnLabs entstehen in den Köpfen der Menschen dadurch, dass sukzessive all jene strukturellen Markierungen, all jene „Formatierungen“ wegfallen, die im traditionellen Bildungssystem maßgebend sind, und die wir alle in unserer Biografie als prägend erlebt haben. Erfahrungen, die ich als lernender Mensch in diesen Formaten gemacht habe:

  • Das Format des Unterrichts und des Unterrichtens und damit das Denken, Planen und Handeln in Unterrichtsentwürfen und -verläufen
  • Die Taktung von Lehrprozessen in Lektionen
  • Die Einteilung lernender Menschen in Jahrgänge
  • Die Bildung von Klassen
  • Die Strukturierung von Lernpozessen und Lerninhalten durch das System der Fächer
  • Die Ausrichtung an einem Curriculum
  • Lern- und Kompetenzziele
  • Schule als Angebots-, Auswahl- und Vermittlungsformat
  • Führung und Kontrolle der Prozesse auf Lerner’innen-, Gruppen- und Lehrer’innen-Ebene (Anwesenheit, Verhalten, „Mitarbeit“, Prüfungen aller Art)

Was institutionelle Lern- und Bildungsformate bisher ausmacht, verschwindet im LearnLab durch gelebte Lernpraxis nach und nach aus den Köpfen und aus dem Leben lernender Menschen, die sich bei diesem Emanzipationsprozess dadurch gegenseitig unterstützen, dass sie diesen neuen Weg gemeinsam gestalten. Erfahrungsgemäß sind in der Anfangsphase zwei Herausforderungen besonders anspruchsvoll:

Erstens das Verlernen der tief in uns allen verankerten pädagogischen Haltung, anderen Menschen „dabei zu helfen“, etwas zu verstehen, zu können, zu schaffen, zu erreichen, zu überwinden, anstatt sie konsequent auf ihrer eigenen Lernspur zu begleiten. Auf linkedIn formuliert das ein Kommentator so: „Für mich ist ein guter Lerncoach ein guter Fährtenleger aber auch ‚Spürhund’, der schnell merkt, wenn im Lernprozess was in die falsche Richtung läuft.“ (Quelle) Beides trifft im LearnLab nicht zu. Nicht auszudenken, was Millionen lernender Kinder und Jugendlicher täglich erforschen und entdecken würden, wenn die sich als Lerncoaches ausgebenden Pädagog*innen diese Prozesse nicht pausenlos unter- und abrechen würden, weil sie aus deren Sicht „in die falsche Richtung laufen“.

Zweitens das Versorgen mit Material, mit Vorschlägen und Ideen, („Du könntest doch auch das mal versuchen, mein Kind: Hast du schon mal daran gedacht, oder daran …?“), um die Phasen der Orientierung, der Langeweile, des Nichtwissens vorzeitig (aus pädagogischer Sicht: rechtzeitig) zu beenden und das Lernen effizienter zu machen. Im Zitat oben wird diese Intervention mit der Funktion des „Fährtenlegers“ umschrieben.

Eine detaillierte Diskussion dieser beiden pädagogischen Grundüberzeugungen finden sich bei Daniel Greenberg auf den Seiten 86-94.

Beides sind Versuche, Lernwege und damit das Lernen selbst über pädagogische Interventionen abzukürzen – unter dem Vorwand, es zu „fördern“. Das erstickt die Entwicklung von Selbststeuerung, das behutsame Wachsen von Problemlösekompetenz, das Prinzip des kreativen Umwegs („Serendipity“) und das Entstehen der so wichtigen sozialen Netzwerke des Lernens im Keim. In klassischen Beschulungsformaten ist dieses „pädagogische Intervenieren“ gegenüber lernenden Menschen dem Zeit- und Inhaltsdruck geschuldet. In LearnLabs existiert dieser Druck nicht mehr – außer jemand baut ihn wieder auf. Dann jedoch liegt eine wunderbare Lerngelegenheit vor, diesen Teufelskreis zu durchbrechen – womöglich sogar für einmal ohne pädagogischen Support.

Aus pädagogischer Sicht wird angenommen, „dass es eine ‚Methode‘ für das Lösen von Problemen gebe, und Aufgabe der Schule sei, diese Methode zu lehren. Der Haken daran ist nur, dass diese Grundannahme … falsch ist. Wenn es eine Methode für das Lösen von Problemen gäbe, hätten wir keine Probleme mehr.“

(Greenberg, 2005, S. 58)

Die Idee und das System des LearnLabs kommt also im Weglassen traditioneller Strukturen, Abläufe und Prägungen mehr und mehr zum Vorschein: Lernende Menschen binden und bilden sich als Communities neu und entwickeln Schritt für Schritt Prozesse, die an die Stelle der weggefallenen Vorgaben treten. LearnLabs sind Communities die sich und ihre Aufgaben selbst organisieren: Inhalte, Gegenstände, Prozesse, Kontakte, Auseinandersetzungen. Deshalb geht es in einer ersten, konstituierenden Phase von LearnLabs darum, die Prozesse des individuellen und des gemeinschaftlichen Lernens nach und nach neu zu organisieren.

Quelle: www.munich-startup.de

Was lernen die denn da?

Die LearnLab Community wird nicht mit pädagogisch-didaktisch aufgearbeiteten Problemstellungen konfrontiert. Die Themen und Anliegen ergeben sich aus der Selbstorganisation des LearnLab. Ein LearnLab bringt sich selbsttägig zum Funktionieren, und die LearnLab Community entscheidet autonom darüber, welche Aufgaben sie sich selber stellt und wie sie die löst. Wir treten als LearnLab an, um Probleme zu lösen, die wir selber als solche und als dringlich erkannt haben, und zu deren Lösung wir konkret etwas beitragen können und wollen. Zu diesem Zweck müssen wir uns organisieren. Sociocracy ist dafür ebenso ein bewährter Ansatz wie die Themenzentrierte Interaktion.

LearnLabs bilden, designen und organisieren sich also selbst um thematische Anliegen herum, die von den Communities selber formuliert und entwickelt werden. LearnLabs existieren zu dem Zweck, dass die Colearner, die ihre LearnLabs gemeinsam designen, bevölkern und am Leben erhalten, ihre thematischen Anliegen finden, entwickeln, schärfen, präzisieren, bearbeiten und verändern.

Dies geschieht durch den Aufbau eines Netzwerks als eines der zentralen Anliegen des LearnLabs: Netzwerk-Funktionalität als der Funktions-Modus in Gegenwart und Zukunft, als die Basis aller Prozesse, in denen wir Zusammenleben und Gemeinschaftlichkeit gestalten.

LearnLabs haben also keinen Auftrag von außen oder oben, konkrete, substanzielle Ergebnisse vorzuweisen (Prüfungen, Werkstücke, Firmengründungen, Produkte). Solche Dinge sind selbstverständlich möglich aber nicht vorausgesetzt. Die Idee des LearnLabs ist nicht, dass Communities oder einzelne Mitglieder am Ende irgendeines „Zyklus“ Resultate vorweisen.

Im Kern geht es darum, Lernprozesse zu gestalten und diese Prozesse gemeinsam und individuell zu reflektieren. Lern- und Entwicklungswege sichtbar zu machen und zu dokumentieren und (auch) zu diesem Zweck eine Community zu bilden, um für mich selbst, vor mich selber und für einen Kreis von Menschen in meinem Lernen sichtbar zu werden.

Im Zentrum („Fokus der Aufmerksamkeit“) eines LearnLab stehen die Prozesse und ihre Reflexion. Inhalte (vormals Lehr- und Stoffpläne) und Ergebnisse sind für das Design des LearnLab nicht relevant. Die Frage, „was“ Menschen dort lernen, wird nicht über Inhalte, Themen, Fächer, Lehrpläne und Lernziele beantwortet, sondern über die Prozesse. Lernen ist nicht mehr „verzweckt“ und als Methode verstanden, mit der ich mir Content einverleibe.

Vernetzung als zentrale Funktion des LearnLabs

Vernetzung sichtbar machen. Photo: Christoph Schmitt

Die Communities gestalten ihre Forschungsprozesse so, dass sie sich nach und nach mit gesellschaftlich und ökonomisch relevanten Akteuren vernetzen. Sie werden selber zu verlässlichen Netzwerkpartner*innen (einzeln, in Teams und als Lab), die sich mit ihren Partnern vernetzen: so wie sie es für ihre Prozesse brauchen – immer auf Gegenseitigkeit angelegt: Netzwerke bilden, Netzwerke unterstützen, von Netzwerken profitieren. LearnLabs bringen ihre Erkenntnisse und „Forschungsergebnisse“ über das Lernen, Designen, Gestalten und Problemlösen in Netzwerke ein und profitieren von anderen Teilgebenden und deren Erkenntnissen in diesen Netzwerken. So entsteht nach und nach eine Forschungs-Community zum Thema „Leben, Lernen und Arbeiten im Digital Age“.

Es geht nicht um eine „Vernetzung mit der Welt“, sondern um die zunehmende und nachhaltige „Vernetzung der Welt“.

Das ist also ein weiteres Ziel von LearnLabs. Indem LearnLabber zu verlässlichen Netzwerkpartner*innen von verlässlichen Netzwerkpartner*innen werden, entwickeln sich LernLabs zu bedeutsamen Netzwerkknoten.

Erste Schritte: Satelliten losschicken

LearnLabs können als autonome Forschungs-Satelliten klassischer Mutterschiffe starten. Versorgt werden sie in der Startphase mit dem, was sie zum Überleben brauchen: Raum, Strom, Devices, Internet, wo/man-Power, die vom LearnLab selbst bei Bedarf abgerufen wird, also nicht im Sinne der klassischen Lehre und Vermittlung, sondern im Sinne einer Dienstleistung, die Learn Labs in Anspruch nehmen, um bei der Lösung konkreter Probleme einen Schritt weiter zu kommen. Das können auch Menschen aus allen möglichen gesellschaftlichen und ökonomischen Kontexten sein, die idealerweise über ein digital vernetztes Kommunikationsnetzwerk mit dem LearnLab verbunden sind.

Über die aktive Vernetzungsarbeit als eines der Kernanliegen von LearnLabs sind diese nicht nur ständig Teil eines wachsenden Netzwerkes von Expert*innen und Problemlöser*iinnen. Sie sind dadurch auch für ihr Mutterschiff offen und transparent, informieren und sind informiert, machen ihre Prozesse und Reflexionen sichtbar, inspirieren und werden inspiriert.

Altersdurchmischung ist unsere ‚“Geheimwaffe“. Es ist bei weitem nichts übernatürliches. Das Ausmaß an Lernen und gegenseitiger Unterstützung und Inspiration, die dabei stattfinden, widerstrebt jeder Messung.

(Greenberg, 2005, S. 35)

Wie setzt sich die Community zu Beginn zusammen? Eine gute Mischung aus allen Altersgruppen des Mutterschiffs (oder aus anderen Kontexten), aus Talenten, Charakteren und Temperamenten, Interessen, Neigungen und Fähigkeiten, die über ein Self-Assessment die Pionier Community bilden. Es besteht jederzeit für Interessierte die Möglichkeit, entsprechend den vom LearnLab entwickelten Rahmenbedingungen, für eine gewisse Zeit ein Teil der LearnLab Community zu werden, sich in einer zu bestimmenden Form der Verbindlichkeit als Teil dieser Community wahrzunehmen und sie mitzugestalten.

Einen intensiven und sehr informativen Film zur Thematik gibt’s auf vimeo:

Trailer zum Film „Every Voice Matters“. https://vimeo.com/ondemand/schoolcircles

Sind sie verunsichert – oder eher unsicher?

Während der Planet auseinander fällt – oder in sich zusammen, redet die Beraterzunft davon, „man dürfe die Leute in den Unternehmen nicht verunsichern“. Während die Fundamente längst erodieren, sagen sie, es brauche zuerst Stabilität und Sicherheit, um überhaupt in den Change zu kommen. Das ist eine gewaltige Augenwischerei, denn die einzig sinnvolle Vorgehensweise, die einer real existierenden Unsicherheit angemessen ist, heißt Lernen.

Unsicherheit ist der Anlass für Lernen. Sie ist dessen Voraussetzung. Sie verhindert es nicht. Wir brauchen die Leute gar nicht verunsichern. Wir müssen sie einfach lernen lassen – in einer komplexen Lebens- und Arbeitswelt. Zum Beispiel, wie sie kreativ mit Unsicherheit umgehen – und damit ist nicht deren kunstvolle Vermeidung gemeint, sondern die Kompetenz, Unsicherheit als ein Signal für Zukunft zu begreifen.

„Wissen Sie, Herr Schmitt, die Leute brauchen Sicherheit!“

Führungskräfte sagen mir immer (!), es gäbe da „nicht wenige Mitarbeiter“, die bräuchten halt Stabilität und Sicherheit. Die wollten gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Das seien Persönlichkeitsmerkmale: „Die ändern sie nicht, Herr Schmitt“. Besonders machtvoll wirkt dieses Narrativ im Bildungssystem.

Doch womöglich projizieren Führungskräfte damit ihre eigenen Ängste auf Mitarbeitende und andere „Unterstellte“ – und sind froh um jeden, den sie finden, der ihre eigene Angst bestätigt. Und ja: Es gibt Menschen, die wollen gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Warum? Weil sie in hierarchischen Lern- und Arbeitsumgebungen aufgewachsen sind, weil sie in ihnen leben und arbeiten – nicht weil sie so sind. Wir Menschen sind nicht. Wir verhalten uns. Die Rede von Persönlichkeitsmerkmalen ist – wie so oft, so auch hier – eine Ausrede. Eine starke und funktionierende, aber eben eine Ausrede.

Selbstverständlich gibt es Menschen, die (hier und jetzt) schneller verunsichert sind als andere. Daraus abzuleiten, was mit ihnen zu tun sei, und ob überhaupt, und „was die jetzt brauchen“, das steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. It’s complex. Verunsichert sie das?

Die Angst der Führung vor Menschen, die ihr Leben selber in die Hand nehmen

Wir haben Angst vor dem Lernen, und was passieren könnte, wenn immer mehr Menschen tatsächlich anfangen, auf ihre eigenen Lösungen zu kommen und uns deshalb den alten Hierarchie-Zauber nicht mehr abkaufen. So wie das zahllose Jugendliche seit Monaten vormachen im Rahmen der “Fridays for Future“. Während wir uns immer mehr und ängstlich in ein Netz von Beratern und Verwaltungsvorschriften einspinnen, kommt ein großer Teil der nächsten Generation auf den Punkt und macht vor, wie mit Unsicherheit umzugehen ist.

Bild: Wolfgang Steinbacher. Quelle

Mein Eindruck ist: Wir sagen zu oft Unsicherheit, wenn wir Verunsicherung meinen und umgekehrt. Unsicherheit ist etwas, das mich verunsichern kann aber nicht muss. Verunsicherung ist ein Gefühlszustand, Unsicherheit ist ein Merkmal der Wirklichkeit, in der wir leben. Die ist unsicher. Die hat mit Nicht-Wissen zu tun, mit der Unmöglichkeit, alles vorhersehen und durchplanen zu können. Manche reagieren darauf (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher verunsichert, andere sehen das (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher als Challenge.

Gerade deshalb brauchen wir Systeme, die Unsicherheit nicht länger absorbieren, sondern die für das durchlässig werden, was Unsicherheit auslöst: individuelles und gemeinsames Lernen. So lernen wir, Unsicherheit zu gestalten, statt uns pausenlos verunsichern zu lassen: In der Schule, in Ausbildung und Studium, in Beruf und Weiterbildung. Die Unsicherheit ist kein Feind des Menschen. Sie ist das Phänomen, das uns dazu bringt uns und unsere Welt weiterzuentwickeln.

Titelfoto: Spock. Captain oder First Officer? Quelle

Das Netz läuft dem Bildungssystem den Rang ab

Wenn ich weiss, was relevantes Wissen ist, und wenn ich die Skills und das Stehvermögen habe, um autonom zu lernen, brauche ich keine Schule. Und solange Schule genau diese Skills nicht fördert, brauche ich auch keine Schule.

In diesem kurzen Videoausschnitt ist jeder Satz Gold wert, denn Tu-Lam zeigt auf, wie Bildung heute vielerorts und zukünftig überall funktionieren wird. Diese Entwicklung ist radikal und sie läuft bereits schon geraume Zeit, in einem Affenzahn und unumkehrbar.

Erfolgreiches, wirksames und nachhaltiges Lernen spielt sich ganz offensichtlich immer häufiger jenseits und außerhalb der Grenzen des klassischen Bildungssystems ab, wie Tu-Lam Pham hier skizziert.

Von den Kollektiven zu den Konnektiven

Dieses „Außerhalb“ wird mehr und mehr zu einer Chiffre für den Raum, in dem Menschen sich selbst befähigen. Aus eigener Erfahrung sagt Tu-Lam Pham, der Mehrwert eines klassischen Studiums, den er nicht pauschal abstreitet, habe ihm in seinem beruflichen Leben nie etwas geholfen, auch nicht bei der Unternehmensgründung.

Tu-Lam zeigt die Vorteile des Autodidaktischen auf: Für Menschen, die ihre Bildung und ihr Lernen selber in die Hand nehmen, reduzieren sich die Kosten gegen Null, „um an guten Content zu kommen“. Wenn ich weiss, was ich will, gibt es im Netz das Beste, und zwar von den besten Experten der Welt – in kompakter Weise. Bernhard Pörksen beschreibt in einem äußerst erhellenden Artikel in der Süddeutschen Zeitung diese Entwicklung neuer Lernräume als einen Weg von den Kollektiven zu den Konnektiven, die sich erfolgreich kulturell abkoppeln von den alten Gatekeepern.

In dieser Eigenverantwortung kann ich sowohl in der Breite als auch in der Tiefe eine viel bessere Ausbildung bekommen, denn wenn wir uns die Sachen selber beibringen (durchaus auch im Sinne von „heranschaffen“), können wir viel flexibler sein: uns das Notwendige selber zusammen stellen. Statt z.B. vier Jahre am Stück nur ein Fach zu studieren, baue ich mir mein eigenes, flexibles Curriculum, wie auch im Gespräch mit dem Millennial Jürgen Baumgärtner deutlich wird:

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„Was, wenn der Autodidakt, der drei Jahre lang seine Expertise auf eigenem Weg autonom entwickelt hat, von Unternehmen bevorzugt wird gegenüber einem klassischen Studenten?“, so Baumgärtner.

De-Schooling von Bildung und Ausbildung

Wenn ich diesen Weg erfolgreich gehen möchte, setzt das natürlich voraus, dass ich weiß, was relevantes Wissen ist, und dass ich die Skills und das Stehvermögen habe, mir die Sachen autodidaktisch beizubringen – und dass ich in der Lage bin, mir entsprechende Netzwerke zu bauen, in denen ich mich einerseits unterstützend einbringe, um andererseits Unterstützung zu bekommen, wo ich sie brauche, denn Lernen ist und bleibt ein soziales Phänomen.

Mit dieser Skizze vor Augen ist klar, wobei junge Menschen von Anfang an konsequente und professionelle Unterstützung brauchen: Es geht um die 21st Century Skills, die mittlerweile an allen Wänden prangen, und die im (Hoch-)Schul-, im Aus- und Weiterbildungssystem weiterhin konsequent ignoriert werden – unter anderem, weil diese Systeme selber nicht über diese Skills verfügen, weder als Organisationen noch in ihrem lehrenden Personal.

Hochschule und Digitale Kompetenz in der Lehre. Ausschnitt aus einem Tweet: https://twitter.com/bildungsdesign/status/1134439040743280642?s=20

Wir sollten uns also nicht mehr länger mit den Fragen aufhalten, was im klassischen Mindset von Schule und Lehre falsch läuft oder wo da ein bisschen rumgeschraubt werden müsste. Das ist alles schon gegessen. Es steht fest, dass das klassische Schul- und Bildungsparadigma zu Ende gegangen ist. Wir kriegen es täglich präsentiert. Da draußen herrscht ein „Klima der Notwendigkeit“. Tu-Lam formuliert deshalb auch nicht, was es braucht, sondern was es gibt und was bereits funktioniert – und diesen Perspektivenwechsel kriegt Schule nicht mehr hin. Deshalb: Loslassen, abschliessen, neu erfinden, und vor allem: heute damit anfangen.

Das Bildungssystem und sein Vermittlungszirkus sind am Ende. Eine Klarstellung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis in die Seniorenuni: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum.

Wir wissen nicht erst seit gestern sehr gut und empirisch abgesichert, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung ist also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin State Of The Art. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm oder ihr wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (regieren, bauen, verkaufen, planen), ist das nicht anders, nur komplizierter und manchmal auch komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt.

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es „selber machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind, und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Studie zeigt: Bei der Digitalisierung der Weiterbildung nach wie vor Fehlanzeige

Der Schweizerische Verband für Weiterbildung (SVEB) hat mit der PH Zürich zusammen im Herbst 2018 Inhaberinnen und Inhaber des eidg. Fachausweises Ausbilder/in zur Nutzung Digitaler Technologien befragt. Die lesenswerte Studie kann hier geladen werden. Ihre Ergebnisse zeigen: Digitale Transformation findet nach wie vor woanders statt.

(Titelbild: wikipedia)

41 % der Befragten setzen ihren Schwerpunkt in der Weiterbildungspraxis auf technologiefreien Präsenzunterricht, 46 % auf digital begleiteten Präsenzunterricht, wobei hier nach Aussage der Autoren „ausser Lernplattformen, Sozialen Medien und Web bzw. Computer Based Training (…) kaum Technologien genutzt werden“. (S. 7)

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Die Studie zeigt auch, wie wenig sich das traditionelle Mindset von Erwachsenenbildung mit den kulturellen Veränderungen auseinander setzt, die mit der Digitalisierung für Bildung und Lernen einhergehen. Das wird z.B. deutlich, wenn die Ausbilder‘innen befragt werden, welche Kompetenzen ihrer Meinung nach für ihre Arbeit nötig sind (die Grafik dazu auf S. 11). Weniger nötig bis nicht relevant sind nach Überzeugung der Befragten:

  • Kenntnisse über neue Entwicklungen (VR, Crowdsourcing etc.): 46 %
  • Programmierkenntnisse: 78 %
  • Entwicklung von Online Angeboten: 61 %
  • Soziale Medien: 44 %
  • Umgang mit „BYOD“: 50 %
  • Erstellen von Videos: 49 %
  • Entwicklung und Nutzung von OER: 49 %

Diese Zahlen zeigen meiner Ansicht nach einen großen Aufholbedarf an Bewusstseinsbildung im Kontext der zertifizierten Erwachsenenbildung. Denn hinter diesen Faktoren verbergen sich ja zentrale Zukunftsthemen von Bildung im Digitalen Zeitalter, die um Empowerment, Selbststeuerung, Ownership, Open Source, Kollaboration, Bildungsnomadentum und User Experience (UX) kreisen. Hingegen fokussieren Ausbilder‘innen bis heute offenbar vor allem das klassische Mindset von „Lehre und Vermittlung“, innerhalb dessen Digitalisierung lediglich als methodisches Hilfsmittel figuriert, wie auch der folgende Befund nahelegt.

Selbst wer sich selber für digital fit hält, unterrichtet mehreitlich lieber ohne digitale Technologie

Bei den Befragten, die von sich selber sagen: „Ich besitze die Kompetenzen, um digitale Technologien systematisch zu nutzen“, liegt der Anteil derer, die (dennoch) selten auf Digitales im Unterricht setzen, durchgehend über 50 %. „Die Gründe für den seltenen Einsatz digitaler Technologien sind also nicht allein bei den fehlenden Kompetenzen zu suchen. Es ist anzunehmen, dass dahinter zumindest teilweise bewusste didaktische Entscheidungen stehen“ (S. 9) – oder aber, sit venia verbo, ein Mindset, das Digitalisierung auf technische Mittel und Methoden reduziert, um den Hegemonieanspruch der Alten Schule aus der Gefahrenzone heraus zu halten.

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Quelle: Digitalisierung in der Weiterbildung: Die Sicht der Ausbildenden

Dringender Handlungsbedarf in Sachen Digitaler Kompetenz

Diese Bestandsaufnahme ist aus Kundensicht besorgniserregend, weil der Markt der Erwachsenen- und Weiterbildung ja über den Fachausweis als eidgenössisch anerkanntem Berufszugang reguliert wird.  Allein deshalb ist es hoch problematisch,  wenn die Ausbildung diesen Markt weiterhin – via Zertifizierung – mit Ausbilder‘innen flutet, die sich ausgerechnet in dem Bereich unzureichend befähigen, der den umfassenden Kulturwandel unseres Lebens antreibt, bestimmt und gestaltet. Auch die Ausbildenden selbst schätzen ihre „eigene Vorbereitung auf die Digitalisierung durch Aus- und Weiterbildungen … eher mittelmässig oder schlecht ein: 19 % sehen sich gut oder gar sehr gut vorbereitet. 37 % bezeichnen die eigene Vorbereitung als mittelmässig und weitere 44 % als ungenügend oder nicht vorhanden“. (S. 8)

Digitale Technologie weiterhin nicht im Fokus

Die AutorInnen fassen zusammen: „Einerseits zeigt sich, dass erworbene digitale Kompetenzen in einem Zusammenhang mit deren Einsatz in Lehrveranstaltungen stehen. Aber ein Umkehrschluss gilt nicht: Der Verzicht auf digitale Lehrmethoden kann nicht alleine mit fehlenden Kompetenzen in Zusammenhang gebracht werden. Gleiches gilt für den Stellenwert, welcher der Digitalisierung zugeschrieben wird, und die Nutzenerwartungen an digitale Unterrichtsmethoden: Wenn diese hoch sind, geht damit oft auch ein häufiger Einsatz einher. Gleichzeitig gibt es aber auch eine Vielzahl Ausbildender, die beides als hoch betrachten, aber auf den Einsatz digitaler Technologien im Unterricht dennoch verzichten. Hierzu ist festzuhalten, dass ein stärkerer Einsatz von digitalen Methoden nicht per se ein Ziel für Ausbildende ist. Nicht zuletzt der starke Fokus auf Präsenzunterricht zeigt, dass Digitales oft eher als Ergänzung eingesetzt wird.“ (S. 10)

Das Konzept „Unterricht“ radikal überdenken

Für mich wird das Grundproblem nicht erst auf der Ebene von Didaktik und Methodik sichtbar. Es zeigt sich bereits dort, wo das Studiendesign in der Formulierung seiner Fragen ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass Prozesse der Erwachsenenbildung heute und in Zukunft im Format des Unterricht[en]s stattfinden werden, denn nur auf dieses Format und sein Mindset hin wurde befragt. Dadurch suggeriert die Studie, dass Digitalisierung den „Unterricht“ zwar in irgendeiner, noch nicht so recht absehbaren Weise verändert, nicht aber lässt sie den Gedanken zu, dass das Konzept selbst im Rahmen der Digitalisierung durch andere Konzepte abgelöst werden könnte. Genau hier liegt aber die Herausforderung für Bildung.

Der nächste Schritt:  Weiterbildung an die Entwicklungen von Mensch und Gesellschaft anpassen

Diese Beobachtungen zeigen, wie tiefgreifend die Problematik im Bildungswesen wirklich ist, weil die Anbieter von Erwachsenen- und Weiterbildung und weil die Ausbilder der Ausbilder das kulturelle Mega-Phänomen der Digitalisierung lediglich durch eine (zudem veraltete) didaktisch-methodische Brille betrachten, statt diesen Rahmen zu verlassen und zu fragen, welchem Wandel unsere Lern-, Arbeits- und Lebenskulturen aufgrund der längst vollzogenen Digitalisierung eigentlich unterworfen sind – und wie Bildung und Lernen darauf zu antworten haben. Die Unfähigkeit des Bildungssystems, die Ebenen der Technologie in größere Zusammenhänge einordnen zu können (und zu wollen), ist wohl die eigentliche Herausforderung. Die Frage ist nur für wen, denn die Kundinnen und Kunden haben schlicht keine Zeit mehr, um auf den längst fälligen Turnaround im Bildungssystem zu warten.

Ein Blick über den Horizont: In welche Richtung wir uns bewegen

In einem spannenden Podcast betont Andreas Schleicher, Leiter des Direktorats für Bildung bei der OECD, dass es bei der Digitalisierung vor allem um kognitive Fähigkeiten gehe, und führt als Beispiel die Lesekompetenz an: „Im Print-Zeitalter ging es darum, aus Büchern Informationen zu extrahieren, in Lexika nachzuschlagen im Vertrauen, dass die Antwort richtig ist. Heute schau ich bei Google nach. Ich bekomme 100 000 Antworten auf meine Frage. Ich muss jetzt selber Informationen miteinander verknüpfen, neues Wissen konstruieren. Diese Konstrukte haben sich verändert. Das ist digitale Kompetenz. Auch bei der Arbeit im Team. Früher konnte ich auf Insel-Lösungen setzen, heute geht es darum, Wissen zu vernetzen, Disziplinen übergreifend zu denken. Das hat mit der Fähigkeit zu tun, die künstliche Intelligenz durch menschliche Fähigkeiten zu ergänzen.“

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Auf einer nächsten Stufe spricht Schleicher eine zentrale Chancen der Digitalisierung für das Lernen an: „Warum soll ich als Schüler von einer Lehrkraft lernen, die gerade zufällig vor mir steht, wenn ich gleichzeitig von einer Lehrkraft lernen könnte, die genau auf meinen persönlichen Lernstil zugeschnitten ist? Das ist die Digitalisierung. Sie schafft uns den Zugang zum Wissen der Welt. Verschiedene Menschen lernen unterschiedlich. Das ist in einem traditionellen Lernumfeld sehr schwer umzusetzen. Individuelle Lernförderung heißt dann ‚Klassengröße 1‘.“

Es ist höchste Zeit, dass das Bildungssystem selbst anfängt zu lernen. Und zwar von Grund auf neu.

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet ein Fazit des Start Up Gründers Nils Reichardt, den Rona van der Zander in ihrem Podcast interviewt hat zu seinen Erfahrungen an den Schnittstellen von Schule und allem, was es sonst noch gibt im Leben. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, warum es da einen krassen Unterschied gibt – und was es statt Schule eigentlich braucht, um zukunftsfähig zu werden als junger Mensch. Selten habe ich eine so klare Analyse gehört, wie hier von einem Vertreter jener Generation, die für die Zukunft steht. Hellwach, unaufgeregt, kompetent.

Nils ist 17 Jahre alt und erfolgreicher Gründer. Bei „Start Up Teens“ haben er und sein Team mit der Schulapp „Sharezone“ gewonnen – die App ist seit kurzem in der Open-Beta mit bereits +1.200 registrierten Nutzern. Im Podcast geht es um die Frage, vor welchen Herausforderungen junge Gründer stehen und woher sie sich die erforderlichen Fähigkeiten für ihr Start Up geholt haben.

Wir haben ein Problem. Wir lösen es.

Alles beginnt damit, dass ein paar Leute vor einem Problem stehen, das sie nervt, und sie tun alles, um möglichst rasch für dieses konkrete Problem eine Lösung zu finden. Ich würde meinen, das ist „Entrepreneurship from scatch“.

Zu diesem Zweck bringen sie sich jetzt all das bei, was sie brauchen – und zwar selber und in Windeseile. Erwähnenswert: außerhalb der Schule, und also für viele noch immer „in Konkurrenz“ zu dem, was in diesem Alter für sie wichtig sein sollte („Mach einen guten Abschluss, Kind!“). Dieses Argument hören wir ja seit den FridaysForFuture wieder alle Nase lang.

Die Gründer sehen sich also damit konfrontiert,  dass sie auch Lösungen für jene Probleme entwickeln müssen, die bei der Lösung des Problems erst auftauchen: Konfligierende Zeitbudgets und unterschiedlichen Systeme unter einen Hut zu bringen, die so gut wie nichts gemeinsam haben: Hier das Mindset Schule, dort die Dynamik der Start Up Welt. Konkret erläutert Reichardt diese Herausforderung am Beispiel des Datenschutzes – der ist ja bekanntlich die Innovations-Guillotine des gesamten Bildungssystems.

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Wie unterstützt Schule bei so einem Projekt?

Unterstützung kommt offenbar nicht so sehr von der Schule als aus der start-up-Ecke – und auch nur dann, wenn sich die Initianten konsequent selber darum bemühen, und zwar in ihrer „Freizeit“ – obwohl sie ein Berufskolleg besuchen mit dem Schwerpunkt Mathematik und Informatik. Nach Aussage von Nils Reichardt bestand die Unterstützung des Lehrkörpers vor allem darin, sie auf die Probleme hinzuweisen, die mit einer solchen App aus Sicht der Lehrerschaft verbunden sind. Was tun die Gründer? Sie bauen diese Informationen geschickt in ihr Projekt ein, indem sie aus ihren Lehrern kurzerhand Kunden machen, die sie in den Entwicklungsprozess einbeziehen – wie im richtigen Start Up Leben auch.

Was lernt ihr eigentlich bei so einem Projekt?

Die Aufzählung klingt vielfältig und so gar nicht einseitig: Ideen präsentieren können, netzwerken, sich auf entsprechenden Events umsehen und umhören, sprich: sich informieren, mit Experten ins Gespräch kommen, Projekte planen, Programmieren, sich Wissen im Internet besorgen, online-Kurse belegen. Nils Reichardt empfiehlt hierzu ganz konkret das Angebot des Hasso Plattner Insituts und das von udemy.

Diese vom Fachjargon zu den „Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts“ gezählten Fähigkeiten bringen sie sich also nicht nur außerhalb der Schule in ihrer „Freizeit“ selber bei. Sie lernen es nach eigenen Aussagen auch viel schneller als im regulären Schulbetrieb, weil sie es unmittelbar und konkret anwenden können und deshalb auch (oder erst) einen Sinn hinter dem sehen, was sie lernen müssen, um so ein Projekt erfolgreich zu machen. In der Schule hingegen sei „sehr oft nicht klar, warum man Sachen lernt“, so Reichardt im Gespräch.

Aber Schule macht doch auch Gruppenarbeiten?

Auch hier winkt Reichardt ab: Die Art von Gruppenarbeiten in der Schule hätten nichts mit dem zu tun, was du in einer Gruppe tust, wenn du ein solches Projekt durchziehen willst. Das sei etwas komplett anderes – und auf einer ganz anderen Ebene.
Wichtig für das reale Projekt sei, dass man professionell kommunizieren kann, z.B. im Bildschirmfoto 2019-04-24 um 14.42.29Kontext der Aufgabenverteilung: dass der andere genau weiß, was gemeint ist – und das hat bei uns „in der Schule nicht so sehr eine Bedeutung“. Dort hätten Gruppenarbeiten eher eine Alibi-Funktion, und du wirst vom Lehrer in eine Gruppe gesteckt, „damit du jetzt halt mal Gruppenarbeit machst“. Wenn ich hingegen erfolgreich ein Produkt entwickeln und zur Marktreife bringen will, komme es vor allem darauf an, sich in den Kompetenzen gegenseitig zu ergänzen und auf diesen Kompetenzen aufzubauen. So komme man auch viel schneller voran.

Statt eine Traumschule zu entwickeln ist lebenslang lernen angesagt

Von Rona befragt, wie für ihn eine ideale Schule aussehen würde, antwortet Reichardt: Viel wichtiger sei – noch vor der Frage, wie sich Schulen und Hochschulen verändern müssten, dass der Mensch sich und seine Denkweise verändert und erkennt, dass das lebenslange Lernen entscheidend ist. Gerade jetzt, wo sich alles exponenziell entwickelt. Es komme jetzt und in Zukunft darauf an, extrem viel in kurzer Zeit zu lernen. Gemeint ist damit aber offenbar nicht der Bulimie-Modus, in dem das gymnasiale Bildungssystem bis heute funktioniert. Vielmehr geht Reichardt davon aus, dass die Entwicklungen der realen Welt eine hohe Agilität und Anpassungsfähigkeit von uns verlangen – also nicht die Fähigkeit, in kurzer Zeit viel Wissen runter zu würgen, um es bei Tests unverdaut wieder auszukotzen (wie ich das formuliere). Für Reichardt haben viele noch immer das falsche Mindset im Kopf: „Ohje, ich muss schon wieder was Neues lernen.“, statt: „Oh cool, ich kann wieder was Neues lernen.“

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet Reichardts Appell. Auch mal nach links und rechts schauen, kucken, was bei anderen los ist. Als Lehrer nicht einfach straight den eigenen Unterricht durchziehen für die nächsten 20 Jahre – was ja auf alle anderen Bereiche/Berufe übertragen werden könne.

Es klingt einfach. Und doch scheint es zum Schwersten überhaupt zu gehören, die Limits im eigenen Kopf hinter sich zu lassen. Diese Mantras, mit denen Schule ihren Kopf aus der Schlinge zieht. Die Refrains, die wir zur Genüge kennen: „Wir müssen alle mitnehmen.“, oder: „Das hier sind die großen Ausnahmen.“ Umso mehr war ich froh, in einem Gespräch mit Rona van der Zander und Aileen Moeck wieder einmal zu hören, dass es eigentlich nicht die Schüler’innen sind, an denen Projekte scheitern, und auch nicht die Schüler’innen, die an Projekten scheitern. Sehr viele junge Menschen scheitern an den Vorstellungen derer, die ihnen etwas zutrauen – und viel zu oft eben nichts. Es fällt noch immer sehr vielen Lehrenden und Erziehenden ungemein schwer zu akzeptieren, dass die krasse Mehrheit junger Menschen ihnen in ganz Vielem voraus ist. Vielleicht wird nur schon diese Möglichkeit als Kränkung der eigenen beruflichen oder elterlichen Identität erlebt. Hören Sie rein in das Interview, es lohnt sich:

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Es gibt keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur ein richtiges Mindset. Also bilden wir es!

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

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Foto: Gerd Altmann • Freiburg/Deutschland via pixabay

Statt in den Refrain einzustimmen, wie sicherheitsbedürftig und schülerhaft die junge Generation doch sei, fordert Dettmers den jungen Menschen zu einem Shift seines/ihres Mindsets auf: Glaube nicht mehr jenen Leuten, die dir erzählen, dass du mit denselben Tugenden erfolgreich und glücklich durchs Leben kommst, wie anno dazumal. Dieser Einladung zum Kurswechsel kommt entgegen, was das WEF bereits klar umrissen hat: Der Bedarf an jenen Skills und Aufgaben, auf die wir Alten die nachfolgende Generation nach wie vor trimmen, nimmt konsequent ab:

  • Manuelle Geschicklichkeit, Ausdauer, Präzision.
  • Gedächtnis, verbale, visuelle, auditive und räumliche Fähigkeiten.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen und aktives Zuhören.
  • Verwaltung der finanziellen und materiellen Ressourcen.
  • Installation und Wartung von Technologie.
  • Personalmanagement.
  • Qualitätskontrolle und Sicherheitsbewusstsein.
  • Koordination und Zeitmanagement.
  • Technologieeinsatz, -überwachung und -steuerung.

Bildschirmfoto 2019-04-13 um 13.03.04 KopieLeuten mit der alten Brille auf der Nase fällt dazu – neben einem gerüttelt Maß an Empörung über den Untergang des Abendlandes – wenig anderes ein als der Satz „Diese jungen Leute können ja heute nicht mal …“ – an dessen Ende sie dann jene Fähigkeiten aufzählen, für die sie in ihrer eigenen Ausbildung jahrelang gepiesackt wurden, respektive für die sie das alte System belohnt hat. Deshalb können sie gar nicht sehen, dass es heute und morgen um völlig andere Kompetenzen geht. Die bringt jetzt Dettmers ins Spiel.

Die neuen Skills und Haltungen

  • Lernt, Probleme zu lösen und mit Veränderungen umzugehen.
  • Bleibt offen für neue Wege, seid kreativ und kommunikationsstark.
  • Beweist im Rahmen einer durchaus fundierten Ausbildung, dass ihr euch in spezielle Themen einarbeiten könnt. Fixiert euch aber nicht darauf.
  • Investiert fortlaufend – auch nach Lehre oder Studium – in euch selbst, vor allem in eure Persönlichkeit.
  • Viel wichtiger als das Fachgebiet an sich ist: Neugier für Verbesserungspotenziale zu zeigen und diese auch beizubehalten.
  • Die Arbeit und ihren Nutzen für das Unternehmen aus der Vogelperspektive analysieren.
  • Den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

„Denn es gibt heute keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur noch ein richtiges Mindset“ – hält Dettmers abschließend fest. Seinen Beitrag in der Wirtschaftswoche finden Sie hier.

Das Händeringen hat längst begonnen

Immer mehr Konzerne, Berufsverbände und Unternehmen sehen sich vor die Aufgabe gestellt, durch interne Angebote bei ihren Arbeitskräften diese Fähigkeiten zu wecken, weil Schulen und Hochschulen das nicht tun. Etliche Unternehmer sagen mir ganz ungeschminkt: Nicht die jungen Leute sind das Problem, sondern die Schulen, die mit veralteten Standards unterwegs sind. Mit Menschenbildern und Vorstellungen von Lernen, die indiskutabel sind. Deshalb suchen immer mehr ökonomische Player händeringend nach Alternativen, denn es geht um ihr wirtschaftliches Überleben. Was wir im Moment noch nicht realisieren, ist dies:

Die „New Work“, von der jetzt alle sprechen, und die ja bereits überall Einzug hält, setzt „New Learning“ voraus. Das ist die Erkenntnis der Stunde.

Deshalb brauchen wir jetzt Investor’innen, die die Zeichen der Zeit erkennen und mutig Ressourcen einbringen in das Design neuartiger Lernräume. In die Entwicklung von Ateliers, Colearning-Spaces, Academies. Dabei vertrauen wir nicht länger auf das Mindset des alten Bildungssystems und seiner politischen Dinosaurier – das funktioniert ja schon in der unseligen Klimadebatte nicht, sondern wir identifizieren und fördern mit aller Kraft das neue Mindset und vernetzen es, was das Zeug hält. Dieser spannenden Aufgabe haben sich Bildungsdesigner, wie ich einer bin, verschrieben.

Warum die Bildung bodenlos geworden ist. Eine Erkundung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis ins Doktorandenseminar: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum. 

(Wenn Sie übrigens keine Lust haben, diesen elend langen Blog Post zu lesen: Wir veranstalten zu exakt dieser Thematik ein barcamp am 7.6. im Tram-Museum in Zürich. Hier gibt’s mehr darüber.)

Und das, obwohl wir nicht erst seit gestern sehr ausführlich, präzise und empirisch abgesichert darüber informiert sind, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung wird also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin verwendet. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden und gescheiterten Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

Bildschirmfoto 2018-03-14 um 13.58.37
good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (Regieren, Bauen, Verkaufen, Planen), ist das nicht anders, nur komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es selber „machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind – und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.