Sind sie verunsichert – oder eher unsicher?

Während der Planet auseinander fällt – oder in sich zusammen, redet die Beraterzunft davon, „man dürfe die Leute in den Unternehmen nicht verunsichern“. Während die Fundamente längst erodieren, sagen sie, es brauche zuerst Stabilität und Sicherheit, um überhaupt in den Change zu kommen. Das ist eine gewaltige Augenwischerei, denn die einzig sinnvolle Vorgehensweise, die einer real existierenden Unsicherheit angemessen ist, heißt Lernen.

Unsicherheit ist der Anlass für Lernen. Sie ist dessen Voraussetzung. Sie verhindert es nicht. Wir brauchen die Leute gar nicht verunsichern. Wir müssen sie einfach lernen lassen – in einer komplexen Lebens- und Arbeitswelt. Zum Beispiel, wie sie kreativ mit Unsicherheit umgehen – und damit ist nicht deren kunstvolle Vermeidung gemeint, sondern die Kompetenz, Unsicherheit als ein Signal für Zukunft zu begreifen.

„Wissen Sie, Herr Schmitt, die Leute brauchen Sicherheit!“

Führungskräfte sagen mir immer (!), es gäbe da „nicht wenige Mitarbeiter“, die bräuchten halt Stabilität und Sicherheit. Die wollten gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Das seien Persönlichkeitsmerkmale: „Die ändern sie nicht, Herr Schmitt“. Besonders machtvoll wirkt dieses Narrativ im Bildungssystem.

Doch womöglich projizieren Führungskräfte damit ihre eigenen Ängste auf Mitarbeitende und andere „Unterstellte“ – und sind froh um jeden, den sie finden, der ihre eigene Angst bestätigt. Und ja: Es gibt Menschen, die wollen gesagt bekommen, was sie zu tun haben. Warum? Weil sie in hierarchischen Lern- und Arbeitsumgebungen aufgewachsen sind, weil sie in ihnen leben und arbeiten – nicht weil sie so sind. Wir Menschen sind nicht. Wir verhalten uns. Die Rede von Persönlichkeitsmerkmalen ist – wie so oft, so auch hier – eine Ausrede. Eine starke und funktionierende, aber eben eine Ausrede.

Selbstverständlich gibt es Menschen, die (hier und jetzt) schneller verunsichert sind als andere. Daraus abzuleiten, was mit ihnen zu tun sei, und ob überhaupt, und „was die jetzt brauchen“, das steht jedoch auf einem ganz anderen Blatt. It’s complex. Verunsichert sie das?

Die Angst der Führung vor Menschen, die ihr Leben selber in die Hand nehmen

Wir haben Angst vor dem Lernen, und was passieren könnte, wenn immer mehr Menschen tatsächlich anfangen, auf ihre eigenen Lösungen zu kommen und uns deshalb den alten Hierarchie-Zauber nicht mehr abkaufen. So wie das zahllose Jugendliche seit Monaten vormachen im Rahmen der “Fridays for Future“. Während wir uns immer mehr und ängstlich in ein Netz von Beratern und Verwaltungsvorschriften einspinnen, kommt ein großer Teil der nächsten Generation auf den Punkt und macht vor, wie mit Unsicherheit umzugehen ist.

Bild: Wolfgang Steinbacher. Quelle

Mein Eindruck ist: Wir sagen zu oft Unsicherheit, wenn wir Verunsicherung meinen und umgekehrt. Unsicherheit ist etwas, das mich verunsichern kann aber nicht muss. Verunsicherung ist ein Gefühlszustand, Unsicherheit ist ein Merkmal der Wirklichkeit, in der wir leben. Die ist unsicher. Die hat mit Nicht-Wissen zu tun, mit der Unmöglichkeit, alles vorhersehen und durchplanen zu können. Manche reagieren darauf (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher verunsichert, andere sehen das (zuerst, unter diesen oder jenen Umständen, auf den zweiten Blick) eher als Challenge.

Gerade deshalb brauchen wir Systeme, die Unsicherheit nicht länger absorbieren, sondern die für das durchlässig werden, was Unsicherheit auslöst: individuelles und gemeinsames Lernen. So lernen wir, Unsicherheit zu gestalten, statt uns pausenlos verunsichern zu lassen: In der Schule, in Ausbildung und Studium, in Beruf und Weiterbildung. Die Unsicherheit ist kein Feind des Menschen. Sie ist das Phänomen, das uns dazu bringt uns und unsere Welt weiterzuentwickeln.

Titelfoto: Spock. Captain oder First Officer? Quelle

Noch eben die Welt retten. Eine Ode an den Menschen

Titelbild: Comfreak/pixabay

Die Analysten jubeln. Digitalisierung macht menschliche Arbeit und damit den Menschen nach und nach überflüssig in Prozessen der Wertschöpfung. Dadurch verschwindet nun endlich der immer schon größte Risikofaktor für die Vermehrung von Kapital.

Der Mensch also. Seit der Industriellen Revolution wurde er zunehmend unverzichtbar zur Häufung und Mehrung von Macht und Reichtum. Andererseits ruft er bis heute große Planungsunsicherheit und enorme Kosten hervor. Jetzt wird er ersetzt durch Technologie. In dieser Logik gilt: Je weniger Mensch, umso höher der Ertrag. Das macht die Digitalisierung zu einem noch nie dagewesenen Versprechen für Märkte und Kapital. Was heißt das für uns? Für Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann? 

Trick 17: Der Arbeit wieder einen Sinn geben – und sie dann abschaffen

Das jetzt denkbare, systematische Ausmustern des Menschen wird ja von allerhand „kulturellen Maßnahmen“ flankiert. LinkedIn und Twitter laufen über von Forderungen, Impulsen und Initiativen zur Humanisierung der Arbeit, um ihr „wieder einen Sinn zu geben“. Ich vermute: Hier wird breitflächig das Abwickeln weichgespült. 

Womöglich wird auf Führungsetagen großer Unternehmen und in Hinterzimmern regierender Politik gar nicht über die Humanisierung von Arbeit diskutiert, sondern über das Abwickeln des „Humanfaktors“ in der Wertschöpfung – und über das Austarieren unvermeidbarer sozialer Kollateralschäden. Die momentane Situation erinnert mich an Helmut Kohls Diktum von den „blühenden Landschaften“ nach der Wende. Menschen im Osten Deutschlands muss das im Rückblick wie eine Verhöhnung vorkommen. Und wenn wir genau hinsehen, dann entpuppt sich das auf den ersten Blick unverständliche „Aussitzen“ in Politik, Ökonomie und Bildung als schlaue Strategie – im Sinne einer Hochform spätkapitalistischer Vernunft.

Die Vernichtung von Jobs ist jedenfalls gewaltig, und sie betrifft Menschen, deren Tätigkeiten durch Technologie ersetzt werden – also die Mehrheit der Arbeitnehmer‘innen. Die werden vom Bildungssystem nach wie vor so beschult, als ob alles so weitergehen würde wie bisher. Doch in Wirklichkeit werden wir (du, ich, dein Kind) sukzessive überflüssig, denn unser Menschenbild funktioniert so: Dein Wert als Mensch ergibt sich aus deiner Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung, aus deiner Verwertbarkeit als Arbeitnehmer‘in und damit als Kapitalvermehrer‘in. Sei es in Lohn und Brot, sei es als Mutti. Keine Arbeit – kein Wert als Mensch.

Der Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn

Sich hier und jetzt mit Zukunftsfragen unserer Existenz zu befassen, mit humanen Lebensbedingungen und mit der Gestaltung menschlicher Gemeinschaft, das ist also keine Frage der Ökonomie. Die ist am Menschen nicht interessiert. Sie ist eine Selbstläuferin.

geraldfriedrich2 / pixabay

Es geht jetzt zuerst um Ethik. Es geht um diese Fragen: Was soll für uns „gutes Leben“ sein? Und wer ist „uns“? Wer und was soll „Mensch“ in Zukunft sein? Wie soll der und die leben, wo und mit wem zusammen? Was bleibt uns übrig: zu tun und zu(m) leben?

Selbst wenn wir über Klima und Planet reden, reden wir ja über uns selbst und über unsere Zukunftschancen als Menschen, denn dieser Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn.

Das ist womöglich noch immer nicht ganz klar: Wenn wir über Ökologie reden, dann reden wir über unsere Zukunft, nicht über die der Erde. Es geht um uns angesichts des endgültigen Verschwindens von Lebensressourcen, und dabei denke ich nicht nur an Nahrung, Wasser und Luft. 

Uns gehen jetzt gerade die menschlichen Ressourcen aus – ohne nachzuwachsen: Achtung, Wertschätzung, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, Respekt; wie mit Arbeitnehmer’innen umgegangen wird, mit ganzen Generationen von Schüler’innen, mit Arbeitssklaven überall auf der Welt, mit MigrantInnen, wie „wir“ über die Umwege des Internets eine Kultur des Hasses entwickeln und befeuern. Es geht um eine grassierende Gleichgültigkeit, mit der wir nicht erst in Sachen planetarer Zukunftsfähigkeit unterwegs sind, sondern was die Gestaltung menschlicher Beziehungen diesseits und jenseits des Gartenzauns betrifft.

Menschsein neu definieren

Es geht jetzt also ganz konkret um die Frage, wie wir Menschsein neu definieren und ausbuchstabieren. Dabei steht eines fest: So wie wir das bisher machen, kommen wir immer nur bis an den Punkt, von dem wir eigentlich weg wollen.

Quelle: youtube / Truman Show

Warum? Weil wir den Menschen als Problem betrachten. Er ist unser liebstes Defizit. Meistens in Form des Mitmenschen. Er kostet Geld, er führt Kriege, er wird krank, stört den Unterricht, nimmt mir die Vorfahrt und frisst den Planeten kahl. Unsere Coaches haben uns dann klar gemacht, dass nicht der Mitmensch das Problem ist sondern wir selber, und dass wir „bei uns selber anfangen müssen“ – mit der Optimierung. 

Jetzt geht es nochmal um etwas ganz anderes: um die radikale Umkehrung dieser Perspektive: Wir sehen den Menschen nicht mehr länger als Problem, das wir haben, sondern als die einzige Lösung, die wir sind – und gehen entsprechend miteinander um. Solange uns dieser Perspektivenwechsel nicht gelingt, sterben wir aus.