Geregelte Welt

Vorhin habe ich einen Tweet von Christian Müller entdeckt. Hin und wieder liefert Müller auf Twitter lesenswerte Stilblüten aus der Unternehmenswelt, die auf kurze & prägnante den Status Quo ausdrücken.

Ich musste sofort an das Statement eines Jungen denken, der eine demokratische Schule besucht und mit wenigen Worten beschreibt, worin er den Unterschied zu seiner früheren Schule sieht:

Die ganze Doku „School Circles“ hier.

Was im Schulsystem seinen Anfang nimmt im Umgang mit Freiheit, findet seine Fortsetzung im klassischen Arbeitsmarkt. Der Bogen spannt sich bruchlos über das ganze Leben eines Menschen.

Subtext I

Der Subtext: Menschen können mit Freiheit nicht umgehen. Menschen sind mit Freiheit überfordert. Wir enden im Chaos, wenn wir Menschen ihre Freiheit lassen: beim Lernen, beim Arbeiten, im Leben. Sie brauchen Führung und Führer. Von der Wiege bis zur Bahre.

Wir können nicht zulassen, dass sie sich zu autonomen Bürgerinnen und Bürgern entfalten. Autonomie ist doch nur eine Schimäre in den Köpfen abgehobener Denker. Wir können nicht zulassen, dass Menschen Entscheidungen treffen lernen, die mehr und anderes sind als ein Auswählen aus vorgegebenen Optionen. Wo kämen wir dann hin?

Das Ergebnis: Weil uns in den entscheidenden Aspekten des Lebens Freiheit von Anfang an ausgeredet und verweigert wird, landen wir irgendwann todsicher an diesem Punkt, wo wir ihnen glauben, dass wir mit ihr überfordert sind.

Und dann machen wir das Ergebnis zum Ausgangspunkt. Tricky.

Subtext II

Dazu ein Gedicht von Konstantin Wecker, das er 1983 veröffentlicht hat, und das doch die Gegenwart auf den Punkt bringt. Es trägt den Titel „Triviale Litanei“ – und die Bezugs-Quelle ist hier.

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
wir haben das alles uns selbst zu verdanken.
Einige schwanken,
sollen sie fallen.
Kein Zögern, kein Zaudern,
statt reden nur plaudern,
es lag an uns allen.

Geregeltes Leben,
genormtes Wort,
die Bierpreise bleiben stabil im Land,
nur Deutschlands Fußball liegt noch im argen.
Was uns noch passieren kann,
ist schon passiert,
es wird wieder pariert.

Genormte Männer,
geregelte Welt,
wir haben das alles selber gewählt.
Jetzt hat uns die Sicherheit sichergestellt,
bespitzelt, belauscht,
die Namen vertauscht.
Der Aufschwung, der Aufschwung,
der Aufschwung ist da! HURRA!

Gemännerte Norm,
geregelte Form,
gewertete Welt,
wir haben voll Mut die Freiheit gewählt,
die D-Mark gestählt,
jetzt werden Türken gequält,
jetzt gelten wir wieder was in der Welt.

Falleri, fallera,
wir sind wieder da!

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
noch ein paar Spinner müssen fort,
dann gibt es Raketen
von der Memel bis zur Maas,
wie finden Sie das?
Wie finden Sie das?
Schon dröhnt´s von Süd zum Norden her:
Wir brauchen eine Bürgerwehr
zum Schutz von Kern und Kraft und Frau!
Schafft Männer her mit starkem Bau!

Genormtes Leben,
geregelte Welt,
wir haben das alles selbst bestellt.
Bald heißen wir nur noch Eins oder Zwei
mit Nullen dabei, mit Nullen dabei.

Schon stockt mir der Atem,
ich kann kaum noch schrein:
Da muß doch noch irgendwo Leben sein,
so zwischen Verrat und Bestechung, ganz klein
muß doch Leben sein?

Geregelte Männer,
geregeltes Wort,
geregeltes Leben,
geregelte Welt.
Ach, rettet die Welt,
ach, rettet die Welt,
bevor sie geregelt zusammenfällt!

Warum wir den Klimwandel nicht stoppen

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Warum lösen wir das Problem des Klimawandels nicht? Die einen sagen: weil die Lösungen das Problem sind, weil sie das Problem verstärken oder immer wieder hervorbringen. Andere sagen: Die Lösungen sind sogar Teil des Problems. Klären wir also, was eine Lösung ist.

Ganz wichtig: Es gibt keine richtigen und falschen Lösungen. Es gibt nur Lösung oder keine Lösung. Dass wir ein Problem falsch lösen können, diese Vorstellung kommt aus dem Mathematikunterricht. Im echten Leben ist etwas eine Lösung oder nicht. Anders als in der Schule entstehen Lösungen im wirklichen Leben nicht durch das richtige Anwenden eines richtigen Lösungswegs auf eine Aufgabe, bei der eigentlich klar ist, was hinten rauszukommen hat.

Nun lernen wir in der Schule genau diesen Umgang mit Lösungen und übertragen dieses Mindset auf das Leben. Schließlich lernen wir in der Schule fürs Leben.

Das zu lösende Problem ist also im Moment noch gar nicht der Klimawandel und wie wir ihn stoppen können, sondern unsere Vorstellung von Lösungen und wie sie zu Stande kommen. Dafür brauchen wir jetzt: eine Lösung. Die zeichnet sich, anders als in der Schule, dadurch aus, dass sie noch nicht existiert bzw. feststeht, wenn wir uns anschicken, sie zu finden. Hartes Brot.

Wir finden jetzt also zuerst eine Lösung für unser problembehaftetes Verhältnis zu Lösungsfindungen. Diese Lösung muss auf ganz andere Weise zu Stande kommen als wir bisher Lösungen suchen. Warum?

Weil: Wenn wir in Sachen Lösungsfindung weitermachen wie bisher, füttern wir dadurch unser problembehaftetes Verhältnis zu Lösungen, das davon ausgeht, dass am Ende eines irgendwo bereits bekannten richtigen Lösungswegs eine bereits bekannte, richtige Lösung nur noch hingeschrieben werden muss, während es unser Job ist, diesen Weg und die richtige Lösung zu finden.

Finden bedeutet für uns bisher, dass das, was es zu finden gibt, auf noch verborgene Weise bereits existiert wie Osternester, und wir vor der Aufgabe stehen, es zu entdecken – mithilfe richtig gelernter, richtig angewandter Lösungswege. Dafür gibt es ja auch die Punkte. Oder Ostereier.

Ostern Kinder suchen

Wirkliche Lösungen für reale Probleme werden aber nicht gefunden. Sie werden entwickelt – im jeweiligen Kontext, der kein zweites Mal genau so vorkommt. 

Was wir hingegen in der Schule (fürs Leben) lernen im Kontext von Problemen und Lösung, ist: anzunehmen bzw. davon überzeugt zu sein, dass Lösungen etwas sind, das am Beginn der Suche nach ihnen bereits existiert. Das Problem, das wir dann zu lösen versuchen, ist der Weg zur Lösung, den es anscheinend als richtigen ebenso schon gibt, wie die Lösung selbst. Das Problem ist also eigentlich schon gelöst. Es wurde für uns und zum Zweck des Erreichens einer Anzahl von Punkten, lediglich nochmals neu aufgesetzt. Das ist Aufgabe und Ziel von Pädagogik und Didaktik.

Schule macht aus dem Problem, wie wir z.B. den Klimawandel anpacken, das Problem, wie wir eine möglichst hohe Anzahl von Punkten erreichen. Im Zentrum steht jetzt die Aufgabe, die richtige Lösung zu finden, die es ja schon gibt, denn sonst könnten ja für das richtige Abschreiten des richtigen Lösungsweges zur richtigen Lösung keine Punkte geholt werden.

Deshalb kommen wir im Moment gar nicht bis zu dem Problem, den Klimawandel zu stoppen, sondern sind in diesem Mindset unterwegs, die irgendwo bereits existierende Lösung und den bekannten Weg dorthin zu „finden“, denn so haben wir in der Schule gelernt, Lösungen zu finden, und dafür bekommen wir Punkte. Und wenn wir darin versagen, also die Lösung nicht finden, sind wir täglich mehr enttäuscht darüber, keine Punkte zu bekommen und werden immer ungehaltener, dass sie nicht endlich mit den Lösungen rausrücken. #fridaysforfuture

Denn: wir gehen davon aus, dass es diese Lösung(en) und den Weg dorthin schon gibt, und dass die jemand kennt. In der Schule liegen die Lösungen ja auch irgendwo in den Schubladen. Warum sollte das also in Politik und Ökonomie anders sein, wenn es um den Klimawandel geht?

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