Einsteigen bitte! Fünf Thesen zur gemeinsamen Zukunft

Ich schlage mich schon eine ganze Weile mit einem Widerspruch herum. Einerseits rufen ganz viele Prophet*innen in den Sozialen Medien täglich die Digitale Revolution der Welt aus: dass sich alles verändern wird in Gesellschaft, Arbeit, Forschung, Wissenschaft und Bildung! Andererseits erlebe ich in meinem beruflichen Alltag, dass nahezu alles seinen gewohnten Gang geht. Die meisten meiner Kund*innen finden das auch völlig übertrieben. Woher dieser Widerspruch?

These 1: Uns fehlen die Erfahrungen, oder: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Wir haben noch keinen Sense Of Urgency, kein Bewusstsein für die Radikalität der Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelten, weil wir noch keine Vorstellungen und Bilder davon haben. Uns fehlt die Erfahrung mit diesen Veränderungen. In entscheidenden öffentlichen Bereichen wie Bildung und Arbeit erleben wir diese Veränderungen noch nicht, weil die traditionellen Bildungs- und Arbeitssysteme bisher noch den Anschein machen, dass sie funktionieren: da läuft alles noch so, wie wir es gewohnt sind. Auf der menschlichen Seite von Bildung und Arbeit ist alles minutiös eingespielt: Wir gehen jeden Tag „zur Arbeit“, die lernenden Menschen gehen „in die Schule“. Damit ist für die überwältigende Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt der Tag ausgefüllt.

Photo by João Jesus from Pexels

Was ich also täglich in Arbeit und Bildung erlebe, widerspricht den prophetischen Szenarien, dass sich durch Digitalisierung alles radikal verändern wird – während wir uns dem Knick in der exponentiellen Kurve exponentiell nähern.

Quelle

Wir erleben etwas anderes als Normalität: Bei uns ist das „Klima“ so, wie es unserer Einschätzung nach schon immer war, auch im metaphorischen Sinn des politischen, des ökonomischen und des gesellschaftlichen Klimas – mit Spitzen zwar und einzelnen Auswüchsen, aber das kriegt die Mehrheit der Leute offenbar nach wie vor in der Kategorie des „wie gehabt“ unter.

These 2: Das Bildungssystem vernetzt sich nicht, weil es sich bereits für das Ganze hält.

Mein Eindruck ist, dass vor allem das Bildungssystem die Kontinuität einer Lebens- und Arbeitswirklichkeit simuliert, die längst nicht nur an den Rändern ausfranst, sondern stark fragmentiert ist.

Das Bild, das mir dazu in den Sinn kommt, ist das einer ehemals geschlossenen Eisdecke, die mittlerweile in viele Einzelteile zerbrochen ist, die längst unkontrollierbar auseinander driften, während auf jeder einzelnen Scholle so getan wird, als gäbe es die geschlossene Eisdecke nach wie vor, statt endlich damit zu beginnen, sich als möglicher Knotenpunkt eines Netzwerks zu realisieren und alle verfügbare Energie darauf zu verwenden, sich und seine Aktivitäten mit den anderen „Schollen“ zu vernetzen. Warum? Weil es praktisch nur noch Schollen gibt.

Bild von Наталья Коллегова auf Pixabay

Das Bildungssystem ist der „Ort“, an dem sich aufgrund seiner nach wie vor hermetischen Geschlossenheit gegenüber den umgebenden Wirklichkeiten der Eindruck am stärksten halten und reproduzieren kann, dass die alten Vorstellungen und Bilder von Mensch, Kultur, Kommunikation, Ökonomie und Gesellschaft in Geltung sind und bleiben. Eine bizarre Paradoxie.

Und doch ist das der Subtext des Bildungssystems. Vor allem die Schule versäumt es über die gesamte Schulzeit hinweg, jungen Menschen den ungehinderten Zugang und die freie Interaktion mit jenen Phänomenen und Entwicklungen zu ermöglichen, die unsere Welt momentan auf den Kopf stellen. Wenn irgendwo in unseren Gesellschaften die Simulation von Normalität und Kontinuität durchgehend funktioniert, dann in Schule und Hochschule, in Aus- und Weiterbildung.

These 3: Visionen haben keine Chance, solange die Entscheidungsmacht bei den alten Systemen liegt. Deshalb wird das Bildungssystem untergehen.

Wo es darum geht unsere Entwicklung, unser Handeln und unsere „Bewegungen“ zu kontrollieren, also vor allem in Bildung, Arbeit und Konsum, wird die Illusion aufrecht erhalten, dass der digitale Wandel gar nicht die Radikalität hat, mit der er sich jedoch an allen anderen Orten und in allen anderen Zusammenhängen längst zeigt.

Wenn jetzt einige versuchen auszusteigen, der Referenzpunkt aber die Mehrheit bleibt, die am Alten festhält, dann steigen Druck und Angst bei den Beteiligten (Lernende, Arbeitende), dass sie sich womöglich selber abhängen, weil: „ohne Noten kein Abschluss“ oder „ohne Zertifikat keine Karriere“ – so die nach wie vor krassen Befürchtungen. Deshalb entscheiden sich ja bis heute fast alle für das Kontinuum.

Kürzlich habe ich auf linkedIn eine Gruppe entdeckt, die online über notwendige Veränderungen nachdenkt, damit die Schule der Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Menschen gerecht wird. Hier der Beitrag eines Schulleiters:

Wenn solche faszinierenden und zukunftsfähigen Überlegungen Eingang in die Schulpraxis finden würden, hätte die nichts mehr gemeinsam mit dem, was wir bis heute unter Schule verstehen. Zugleich tritt so eine Vision klar in Konkurrenz zum bestehenden System, das sich den Erhalt des Status Quo zur Aufgabe macht – politisch ebenso wie strategisch, pädagogisch ebenso wie in Fragen der Organisation.

Am Ende von visionären Dialogen steht deshalb jeweils ein „Wir würden schon, wenn wir dürften.“ Dabei wird es solange bleiben, als der Referenzpunkt für schulische Normalität politisch, juristisch und strukturell beim Erhalt des Traditionellen liegt. Und da die Pionier*innen Angehörige des „alten Systems“ sind, die nicht nur bei ihm in Lohn und Brot stehen, sondern ihm gegenüber auch eine juristische Verpflichtung zur Loyalität haben, endet die visionäre Umsetzungskraft jeweils vor ihrer Verwirklichung. Deshalb vermute ich, mit Bezug auf die Disruption anderer großer Systeme in der Vergangenheit, dass auch das Bildungs- und darin das Schulsystem in naher Zukunft als solches verschwinden wird. Nicht nur weil es sich auf der normativen Ebene konsequent der Veränderung verschließt, sondern weil es durch diese Haltung selber dafür sorgt, dass es im Verlauf der disruptiven Entwicklungen unserer Kultur überflüssig wird.

Niemand schafft das Bildungssystem ab – außer das Bildungssystem sich selber.

These 4: Die Einschläge kommen näher.

In Sachen Beruf, Arbeit und Wertschöpfung kommen die Einschläge immer näher. Ein Beispiel dafür ist der längst vollzogene Siegeszug der „Plattformökonomie“. Wenn ich die Meldungen dazu verfolge (eine gute Quelle ist die linkedIn-Seite von Dr. Holger Schmidt), erkenne ich, dass die Paradigmen, nach denen Ökonomie und Arbeit sich global organisieren, bereits völlig andere sind als die der nationalen Arbeitsmärkte in D-A-CH.

Wirtschaftlichen Erfolg hast du da als Anbieter von Produkten und Arbeitskraft nur noch, wenn du in irgendeiner Form Teil einer der großen Plattformen bist und dich dort mit wichtigen Playern vernetzt. Hinzu kommt, dass weltweit längst viele weitere, für den Menschen in seiner/Ihrer Lebenswelt relevante Handlungsfelder in den Sog der Plattformökonomie geraten sind: Wissenschaft und Forschung, ökonomische und gesellschaftliche Anwendung von Forschungsergebnissen, Standortpolitik, Finanzierung und Aufbau sozialer und technischer Infrastruktur vor allem in den zukunftsrelevanten Bereichen.

In dieser sich immer schneller beschleunigenden Entwicklung verändert sich eines ganz fundamental: das „Normalarbeitsverhältnis“, das für sehr viele Menschen in D-A-CH noch immer Alltag ist – womöglich weil sich der zugehörige Arbeitsmarkt nach wie vor in Sicherheit wähnt. Das lassen die Zahlen zur „digitalen Reife“ von Unternehmen in D-A-CH vermuten (für die Schweiz hier eine Studie, für Deutschland hier).

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Die Politik als staatliche Gestaltungsmacht tut währenddessen, was sie immer tut, und zwar nach den Regeln, an den Orten und in den Zeiten, in denen sie es schon immer getan hat, ohne zu realisieren, dass sich die Bedingungen, unter denen heute Politik stattfindet, völlig verändert haben, wie ein Blick in die digitalen, sozialen Medien zeigt. Die haben geltende politische Regeln und Prozesse längst ad absurdum geführt, wenn z.B. der Präsident der USA über Twitter regiert, und wenn die Schattenpolitik der Geheimdienste rund um den Globus durch die mittlerweile grenzenlosen Möglichkeiten der Digitalisierung unkontrollierten Zugriff auf alle Daten- und Informationen haben und in deren Produktion und Verwendung eingreifen können, wie die Lektüre von „Das neue Spiel“ eindrücklich aufzeigt – während die Wahlurnen immer mehr zu politischen Zeitbomben werden, weil rechte Kräfte erkannt haben, dass sie mit ihrer Hilfe die Parlamente fluten können.

Rechtsstaatliche Prinzipien wie Daten- und Persönlichkeitsschutz sind längst digital ausgehebelt, aber die Konsequenzen daraus sind für mich als Mensch und Bürger noch nicht fassbar oder spürbar. Die Rufe der Datenschützer fühlen sich an wie das „Warnung vor dem Hund“-Schild, an dem wir seit Jahren täglich vorbeigehen, ohne je einen Hund gesehen oder gehört zu haben.

Dessen ungeachtet sind unsere Gesellschaften im Sinne des sozialen Miteinanders längst durchsetzt mit den Möglichkeiten der digitalen Interaktion und Kommunikation. Soziale Gefüge und Bezüge organisieren und interpretieren sich jetzt im Moment völlig neu. Alle Vollzüge des öffentlichen und privaten Raumes und Lebens – ausgenommen die Organisation von Bildung – werden sukzessive durch digitale Prozesse verändert bzw. „übernommen“: Das ambulante und stationäre Gesundheitswesen, das Bank- und Versicherungsgewerbe, der Handel und der damit verbundene Konsum, die Organisation der privaten Beziehungen. Selbst „Nachbarschaft“ wird zu einem digitalen Phänomen, weil die Musik halt im Netz spielt.

These 5: Nur die Macht wachsender zivilgesellschaftlicher, digitaler Netzwerke kann die Zukunft immer humaner machen.

Photo: Christoph Schmitt. Steingarten an der Rosenlaui-Schlucht im Berner Oberland

Wir kommen nicht mehr drum herum, die Macht des Digitalen für die Humanisierung der Welt in ihrer ganzen Heterogenität als Lebensraum der Vielen zu nutzen. Das Netz muss der Raum werden, in dem wir Wissen und Informationen konstruieren, indem wir die „Macht der Query“ (vgl. Seemann: Das neue Spiel) für unsere Anliegen nutzen; indem wir Aufmerksamkeit schaffen und kollektiven Impact für Schutz und Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen, neue Erzählungen und Sprachspiele als Alternativen für Hass, Sexismus, Rassismus, Homophobie, Patriachat, Ausbeutung und Wirtschaftssklaverei.

Wir begreifen Digitale Netzwerke nicht länger nur als Highways, auf denen wir uns und unsere Waren und Meinungen zwischen A und B hin und her schieben, sondern realisieren, dass sich Zukunft im digitalen Raum entscheidet und realisiert, weil dort alles ist: Das Wissen, die Informationen, die Menschen aus nah und fern, die Erfahrungen der Vielen, die Daten, das Geld, die Macht. Wir nutzen das Netz nicht mehr länger als Medium, sondern als Handlungsraum, in dem wir Zukunft gestalten, sprich: eine gestaltende Macht bilden.

Da können dann alle mitmachen und sich gleichzeitig leiten lassen von den Überzeugungen der Menschenrechte und der goldenen Regel. Alle, die guten Willens sind und mit einer Vision unterwegs. Das Netz ist der Raum, in dem wir eine Zukunftsdemokratie entwickeln, an der alle mitgestalten können jenseits der kleinlichen Loyalitätsverpflichungen des analogen Raums: gegenüber Arbeitgebern, Parteibüchern und kulturellen Traditionen, die auf Ausgrenzung und Separation beruhen:

„Der größte Gegner der Zivilgesellschaft ist nicht die NSA, es sind nicht die Plattformen und es ist nicht der Staat, sondern die Zivilgesellschaft selbst. Wir werden lernen müssen, miteinander zu leben, die sozialen Probleme anzugehen und sehr viel mehr Verantwortung zu übernehmen, weil das sonst andere für uns erledigen werden“ (Quelle).

Titelfoto: von Helena Lopes auf Pexels

Working Out Loud: Besser überleben in alten Systemen – oder der Beginn einer neuen Arbeitskultur?

Der Mensch kommt zu kurz im Unternehmen: seine und ihre Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten lustvoll ins Spiel zu bringen, um stolz zu zeigen, was sie und er drauf hat, um die Effekte der Emergenz zu nutzen, die in der sozialen Kollaboration schlummern und nur darauf warten, geweckt zu werden. Stattdessen prägen nach wie vor hierarchische Muster die Interaktionen, Silos bilden den Normalfall. Allem, was nach „New Work“ und „New Learning“ riecht, begegnet die große Mehrheit in Ökonomie, Bildung und Politik mit Argwohn.

Und jetzt gibt es Working Out Loud. Ein revolutionär einfaches Konzept, um verkrustete Strukturen wenn nicht automatisch aufzubrechen, so doch mindestens in ihrem negativen Impact auf arbeitende Menschen abzufedern. Nach anfänglichen Bedenken und Vorbehalten werden Mitarbeitende Feuer und Flamme, weil sie in WOL-Circles Interesse verspüren und Wertschätzung: für ihre Person und für ihre Themen, und weil sie selber lernen, wertschätzend auf andere Menschen und deren Anliegen zu- und einzugehen.

Endlich agile Personalentwicklung

WOL sorgt dafür, dass Menschen sich öffnen und dass dadurch eine neue Kultur der Kommunikation in Unternehmen und über deren Grenzen hinweg entsteht. Damit wird eine wichtige Voraussetzung für die heiß ersehnte und pausenlos herbeigeredete Schaffung agiler Arbeitsumgebungen und Arbeitskulturen in Angriff genommen. Mit WOL scheint ein Weg gefunden, auf dem Mindsets und Kulturen in Richtung Kollaboration in Bewegung kommen.

Quelle: pixabay

Denn WOL ist auch eine innovative Form der Personalentwicklung mit hohem Impact auf die Art und Weise, wie Menschen in Unternehmen und über dessen Grenzen hinweg miteinander arbeiten. Besonders eindrücklich wirkt WOL dort, wo allzu altmodische und hierarchische, eher „geschlossene“ Unternehmenskulturen den Menschen das Leben schwer machen. Einer der ersten und wichtigsten Effekte von WOL ist der, dass Menschen besser mit konservativen Unternehmenskulturen und -umgebungen klarkommen.

WOL bringt Menschen in Bewegung – wohin auch immer

Darüber hinaus führt WOL mit der Zeit dazu, dass sich dichte, tragfähige Netzwerke zwischen Menschen entwickeln, die nicht auf Unternehmen begrenzt sind, sondern durch persönliche Anliegen bestimmt und von ihnen geleitet werden. Hier und da führt WOL sogar dazu – wie immer, wenn gutes Coaching „anschlägt“ –, dass Menschen allzu träge und reaktionäre Unternehmen verlassen und sich nach menschliche(re)n Arbeitsbedingungen umsehen – oder sie gemeinsam erschaffen, in dem sie z.B. ein Startup gründen. Oder sie halten es einfach dort besser aus, wo sie erst einmal bleiben.

Quelle: pixabay

WOL stärkt Individuen, es lässt Selbstbewusstsein wachsen und hilft, eigene berufliche Ziele zu formulieren und zu verfolgen. WOL greift die meisten Aspekte des Coaching, der Super- und Intervision und der kollegialen Beratung auf, und es arbeitet mit Methoden aus den Koffern der unterschiedlichen Coachingschulen. Ein großer Vorteil gegenüber klassischen Beratungsformaten ist der, dass WOL von Anfang an Digitale Technologie nutzt und damit den engen Rahmen physischer Präsenz sprengt.

WOL kommt zur rechten Zeit, weil die Arbeitsbedingungen in sehr vielen Unternehmen die Menschen an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen. Aufgrund der Digitalen Transformation und einer großflächigen Abwartehaltung der nach wie vor meisten Unternehmen, wird „Arbeiten“ in den klassischen Strukturen und Gefäßen nämlich immer unerträglicher.

Ob WOL seine eigene Professionalisierung überlebt?

Ursprünglich als rein kollaboratives Tool des Mindset-Change zur Etablierung alternativer Arbeitskulturen gedacht, entwickelt sich WOL derzeit in die Richtung einer Professionalisierung und Zertifizierung – es tritt seinen Weg an in Marktfähigkeit und Pekuniarisierung, sprich: mit WOL kann ich heute und in Zukunft auch Geld verdienen – womöglich um den Preis seines ursprünglichen USP der originären sozialen Kollaboration. Nehmen wir hinzu, dass die Möglichkeiten von WOL, Mitarbeitende in relativ kurzer Zeit und mit wenig Aufwand in ein agiles Mindset zu führen, mittlerweile in mehr und mehr Chefetagen ankommen, dann steigen die Chancen, dass WOL zu einem weiteren, ergänzenden Produkt unter anderen in der Personal- und Persönlichkeitsentwicklung wird.

Quelle: pixabay

Wird WOL als ursprünglich still revolutionäres, sozial-kollaboratives Werkzeug seine eigene Professionalisierung überleben? Die Gegner in diesem Prozess sind nach wie vor mächtig: Gemeint sind damit jene Strukturen und Traditionen, gegen die WOL erst vor kurzem angetreten war. Auf mich macht es den Eindruck, dass es den alten Dinosauriern sehr zupasskommen würde, wenn WOL möglichst rasch in den digitalen Regalen (LMS) der Personalabteilungen verschwindet um dort bei Gelegenheit und unter zertifizierter Anleitung zur Anwendung zu kommen.

Aus einem Interview des Personalmagazins mit Sabine Kluge, publiziert am 20.11.2019. Quelle

Spannend und zu beobachten bleibt also, ob WOL in Zukunft Menschen dabei hilft, Emanzipation, Autonomie, Empowerment, Selbststeuerung und Kollaboration zu verwirklichen im Sandwich zwischen traditionellen Vorstellungen, Strukturen und Kulturen von Arbeit und Unternehmen auf der einen Seite und den brutalen ökonomischen Herausforderungen auf der anderen Seite; ob WOL also das Zeug hat, die dringend benötigte und nach wie vor ausbleibende Bewegung und Dynamik in eingerostete Unternehmenskulturen zu bringen, oder ob es das Sterben dieser Kulturen verlängert, indem es Menschen ermöglicht, besser mit und in ihnen zu leben.

Quelle Beitragsbild

Expedition NeuLand. Deine berufliche Zukunft anpacken

Aus- und Weiterbildung haben viel mit der Vermittlung von Inhalten und Skills zu tun. Weil die Berufswelt neue Fähigkeiten verlangt, braucht es „Upskilling“. Also liefern die Anbieter Stoff, den sich Teilnehmende aneignen. Unsere These: Arbeit & Beruf werden sich so grundsätzlich verändern, dass wir uns einen neuen Zugang zum Thema Weiterbildung gönnen dürfen – jenseits von „Delivery“. Dafür haben wir die Expedition NeuLand entwickelt. Aber fangen wir vorne an:

Der Status Quo: Verdichtung und Beschleunigung

Immer schneller in immer weniger Zeit: Der berufliche Alltag beschleunigt und verdichtet sich ungemein. Privatleben und Beruf verzahnen sich. Sie verschmelzen zunehmend. Das wirkt sich auf die Art und Weise aus, wie wir uns weiterbilden: maximal effizient muss es sein, eng geführt, viel in wenig Zeit. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Digitalisierung, die uns erlaubt, praktisch jederzeit und überall an der eigenen Weiterbildung zu basteln: durch Videos, Tutorials, Webinars, Remote Peer Learning, oder durch eine Kombination all dessen.

Wenn ich Weiterbildung als effiziente, ergebnisorientierte Form von „Upskilling“ verstehe, fördert das die Erwartung, dass ein Bildungsanbieter vor allem zu liefern hat: Informationen, Wissen, Antworten, Lösungen, Beurteilungen und Bewertungen. Am besten in hoher Qualität: sehr gut aufbereitet, aufs Wesentliche konzentiert, in gut zu vearbeitenden Häppchen, praxistauglich, situationsgerecht, direkt umsetz- und anwendbar.

In diesem Setting bezahle ich also dafür, dass wesentliche Aspekte von Lernen und Bildung der Effizienz wegen herausgekürzt werden. Zum Beispiel:

  • mich mit Unbekanntem auf eigene Faust auseinandersetzen
  • mich in einem neuartigen Themenfeld verlieren
  • mich in spannende, ungelöste Problemstellungen einarbeiten
  • einen Gegenstand von möglichst vielen Seiten betrachten und eigenständig erörtern
  • Fragen nach dem Sinn und dem Zweck meiner beruflichen Identität vertieft reflektieren

Das alles würde viel Zeit kosten – und die haben wir nicht.

Die Sache mit dem Lernen und der Zeit

Uns ist schon klar, dass Lernen Zeit braucht; und wir bringen sie ja auch auf. Wir investieren Zeit ins Lernen im Wissen darum, dass sie uns dann woanders fehlt. Dieses Konkurrenz-Denken in Sachen Zeit hat mit der Ökonomisierung unseres Daseins zu tun: Zeit ist Geld. Wer sie hergibt, will eine Gegenleistung dafür. Sie zu verlieren, ist sträflichst zu vermeiden.

Dem steht die Lernerfahrung eines Kindes entgegen, das ganz entscheidende Dinge des Lebens dadurch (kennen) lernt, dass es sich an sie verliert – jenseits allen Zeitkalküls. Diese Erfahrung machen wir übrigens lebenslang, wenn wir in den Flow kommen und besonders intensiv und kreativ bei der Sache sind – und bei uns selbst. Eine Erfahrung, die durch modernes Zeitmanagement eher verhindert wird.

Eine der schönsten Metaphern für den Wert der Zeit im Kontext von Bildung ist die Weisheit des Fuchses in der Erzählung „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry:

C’est le temps que tu as perdu pour ta rose qui rend ta rose importante.

Mehr davon hier.

Da geht es um ein Grundprinzip des Lernens und der Bildung von Menschen, von Beziehungen, überhaupt von Entwicklung. Bildung hängt sehr eng mit Zeit zusammen und mit unserem Verhältnis zu ihr. Lernen, Bildung und Entwicklung sind dann am intensivsten und wohl auch am nachhaltigsten, wenn ich über ihnen die Zeit vergesse, also „im Flow“ bin. Dann lernen wir in hoher Qualität.

Diese Art von Entwicklung unterscheidet sich stark von dem, was wir in der beruflichen Weiterbildung machen. Dort geht es um die Integration neuen Wissens in meinen beruflichen Horizont, um die Entwicklung neuer Fähigkeiten und um das Üben von Skills. Das sind wichtige Aspekte – erst Recht im Angesicht der technischen Herausforderungen der Digitalisierung.

Bild von Pexels auf Pixabay

Andererseits gibt es einen Unterschied zwischen den Fähigkeiten, die ich brauche, um z. B. Brot backen und verkaufen zu können und der Überzeugung, dass der Beruf des Bäckers und der Bäckerin einer ist, der mich tief erfüllt. Das hat mit der Frage nach dem „Wozu“ meiner beruflichen Identität und Existenz zu tun; damit, wozu ich mich selber bestimme, weil ich mich dazu berufen weiß.

Diese Dimension beruflicher Bildung werten wir mit der Expedition NeuLand auf.

Weil wir heute noch nicht wissen, auf welche Berufe wir uns vorbereiten und welche Skills es da braucht, und weil wir diesen radikalen Wandel trotzdem als Chance nutzen wollen, fragen wir nicht zuerst, welche Skills wir entwickeln müssen, sondern was wir als Persönlichkeiten ins Spiel bingen können.

Skills entwickeln ist das eine. Meine Persönlichkeit entwickeln etwas ganz anderes

Ich kann Weiterbildung so anpacken, dass ich mein Wissen erweitere und bestimmte Fähigkeiten entwickle, und ich kann sie so angehen, dass ich vor allem mich als Mensch und als Person weiterentwickle, um darauf aufbauend erst bestimmte Fähigkeiten in den Blick zu nehmen. Das macht einen Unterschied.

Es gibt ein einfaches und wunderbares Konzept mit dem ich herausfinde, wie ich meine Leidenschaft und mein Können zusammenbringe mit dem, was in der Welt gebraucht wird und womit ich zugleich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dieses Konzept heißt IKIGAI.

„Ikigai (japanisch für Lebenssinn) ist frei übersetzt das, wofür es sich zu leben lohnt. Die Freude und das Lebensziel, oder salopp ausgedrückt das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“. So ist auf Wikipedia zu lesen.

Klar ist, dass sich die Joblandschaft stark verändern wird. Das bedeutet Ungewissheit und ebenso die Chance, eigene Potenziale zu realisieren.

Im Bild gesprochen werden die Karten neu gemischt. Was ich aus dem Blatt mache, das mir zugespielt wird, habe allein ich in der Hand.

Wir vom Team „Expedition NeuLand“ laden Sie herzlich ein zu einer Learning Journey zu Ihren Werten, zu Ihren Talenten und Stärken. Wir laden Sie ein, sich Zeit zu nehmen für Ihre berufliche Zukunft. Werfen Sie einen Blick auf unser Konzept und melden Sie sich ungeniert mit Ihrem Interesse und mit Ihren Fragen bei uns.

Mit einem Klick sind Sie drin 🙂

Raus aus der Mottenkiste!

Die Notwendigkeit, Lernen und Arbeiten zu nomadisieren, nimmt zu – und es wird immer einfacher, es auch zu tun. Das führt zu krassen Gegen- und Beharrungsreaktionen in den Silos – sowohl im Bildungssystem als auch bei Arbeitgebern. Werfen wir deshalb einen Blick in die Mottenkiste, beleuchten das Scheinargument, und wenden uns dann der Lösung zu.

Für die Gralshüter traditioneller Lern- und Arbeitsprozesse fungiert die körperliche Anwesenheit von Menschen als Voraussetzung für alles andere. Nur wenn der Schüler oder die Arbeitnehmerin „da“ ist, finden wirklich Lernen oder Arbeiten statt. „Es gibt nur ein Hier, und das ist hier.“ Da geht es ganz offensichtlich um Kontrolle, also um ein Bedürfnis des lehrenden oder anstellenden Systems. Es geht nicht um die Potenziale lernender und arbeitender Menschen und darum, wie wir die entwickeln. Es geht auch nicht um die Frage, welche Lösungsmöglichkeiten uns neue Lern- und Arbeitsformate bieten, wenn wir uns nur mal ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen würden.

Es geht um die Vermeidung von Kontollverlust. Hier ein Beitrag, der die Auswüchse der Überwachungskultur sichtbar macht.

HomeOffice im Notfall. HomeSchooling lieber nicht.

Weil es mittlerweile in vielerlei Munde ist, lassen sich die Gralshüter manchmal dazu hinreißen, einen „zweiten Ort“ zu genehmigen. Wenn es ums Arbeiten geht, sprechen sie dann von „Home Office“, und wenn es ums Lernen geht, von „Home Schooling“. Wenn schon „irgendwo“, dann zuhause. Im „Home“. Hier drückt das Weltbild der Gralshüter durch: Der Mensch hat einen (1) Arbeitsplatz und einen (1) Ort, an den er nach der Arbeit zurückkehrt – und wohin er diese Arbeit jetzt für einen Tag pro Woche mitnimmt. Andererseits ist „Home“ sehr nahe an dem, was für die Gralshüter der ausgemachte Feind allen Lernens und Arbeitens ist: die Freizeit. Deshalb: Höchstens einen Tag Home Office, und Homeschooling lieber gar nicht, denn: „Wie sollen wir das um Himmels Willen kontrollieren?“

Also bleiben der klassische Arbeitsplatz, Schulzimmer und Seminarraum die bevorzugten Modelle für Arbeiten und Lernen. Da haben wir sie unter Kontrolle – und nicht zu vergessen: sie sich gegenseitig. Schon der Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler wusste:

Mehr über Seethaler hier.

Jetzt gibt es halt schon etliche Initiativen und Projekte, die zeigen, dass Menschen jeden Schlages und Alters sehr wohl in einer Kultur des Nomadischen lernen und arbeiten. Ja, es stellt sich heraus, dass sie durch Asynchronität, Multilokalität und Digitale Vernetzung viel lustvoller und effizienter arbeiten und sogar lernen. Auch wenn sie noch ganz jung sind oder pubertär – für die Gralshüter eigentlich noch ungereifte „pre-people“. Laloux und Bregman schildern, wie das in Organisationen gelingt und funktioniert, demokratische und soziokratische Schulen zeigen es für die Bildung.

Von der Angst, überflüssig zu werden

Doch auch gegen dieses Gelingen sind die Gralshüter gerüstet. Sie drehen den Spieß einfach um und machen aus ihrem Bedürfnis nach Kontrolle ein Bedürfnis des Arbeitnehmers und der Lernerin, „gesehen“ werden zu wollen und geführt. Sie sprechen über die große Bedeutung der sogenannten Beziehungsarbeit – die die meisten Lehrer und viele Führungskräfte, mit denen ich zusammengearbeitet habe, fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

„Die brauchen uns“ zu sagen, kann zwischen den Zeilen auch meinen: „Wir brauchen es, gebraucht zu werden“. Doch für einen gelingenden Umgang mit dem Bedürfnis gebraucht zu werden, sind andere Gefäße vorgesehen und auch zielführend(er) als die pädagogische Beziehung: zum Beispiel Inter- und Supervision, oder hier und da ein Gespräch unter guten Freund*innen. Die Gefahr, lernende Menschen zu Geiseln für ungestillte Bedürfnisse auf der Seite der Erwachsenen zu machen, ist in erziehenden und bildenden Berufen allgegenwärtig.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl G. Jung soll einmal gesagt haben:

Nichts hat mehr Einfuss auf Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.

Dies gilt in direkter Verlängerung auch für die Beziehung Lernender zu Lehrenden – vor allem, wenn es um das Lernen von Kindern und Jugendlichen geht. Und wenn wir einmal „ausgelernt“ haben, gilt es lebenslang für die traditionelle Beziehung zwischen Chef und „Unterstelltem“ – eine nach wie vor gern genommene Bschreibung in Stellenauschreibungen im Schweizer Arbeitsmarkt.

Eine Wertung ist in der Erkenntnis Carl. G. Jungs zwar nicht enthalten. Sie lädt aber dazu ein, in Vorbereitung auf einen pädagogischen oder führenden Beruf und in dessen Ausübung intensiv ins Gespräch zu kommen mit der eigenen Bedürfnis- und Erwartungs-Biografie.

Der lehrende Beruf ist traditionell einer der wenigen, die von einem ständigen Strom der Anerkennung abhängen. Von einer Art bedingungsloser Grundversorgung. Mehr als andere Berufe oszilliert er pausenlos zwischen der Gewährung und Verweigerung sozialer Anerkennung. Niemand käme auf die Idee, so einen Bohai um den Berufsstand der Verkehrspilot*innen zu machen, auf dem ja auch eine große Verantwortung für Menschenleben lastet.

Der lehrende Beruf zieht offenbar Menschen an, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben, und eben dies macht den Beruf dann anstrengend für sie. (Wenn sie jetzt gelesen haben, dass in diesem Beruf nur Menschen arbeiten, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben: das steht da nicht). Es sind nicht die harten Arbeitsbedingungen und die unendlichen Ansprüche an die Lehrer, an denen die zu knabbern haben – es hat mit der Notwendigkeit zu tun sich abzugrenzen und das Anerkennungsgeschäft dort abzuwickeln, wo wir als Profis unter uns und unseresgleichen sind. Viele brennen aus und löschen ab, nicht weil der Beruf „so schön und doch so brutal ist“, sondern weil sie wichtig bleiben wollen, wo es pausenlos darum geht, überflüssig zu werden.

Die können das doch gar nicht!

Das billigste und zugleich sehr häufig eingebrachte Argument lautet, dass sowohl arbeitende als auch lernende Menschen „das gar nicht können“: Arbeits- und Lernräume bzw. Arbeits- und Lernzeiten selbstverantwortet zu gestalten, Arbeits- und Lernprojekte kollaborativ zu organisieren. Dieses Argument ist schon deswegen nichtig – gerade in Kontexten des Lernens und der persönlichen Entwicklung –, weil sich Lernen & Entwicklung ja gerade dadurch auszeichnen dass Menschen in eine Situation kommen, in der sie etwas „noch nicht können“ und vor der Notwendigkeit stehen, sich bestimmte Fähigkeiten und ein Wissen anzueignen.

Und wie sollten lernende und sich entwickelnde Menschen die Kompetenz, ihr Lernen und Arbeiten selbstgesteuert und kollaborativ zu gestalten vorweisen können, wenn die Lern- und Arbeitssilos alles dafür tun, die Entwicklung dieser Kompetenzen zu verhindern? Selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten kann ich nun mal ausschließlich selbstorganisiert lernen.

Die Lösung: Vernetzter Individualismus

Wir individualisieren das Lernen und Arbeiten radikal und vernetzen es zugleich. Das ist mit Nomadisierung gemeint – also keine Vereinsamung vor Bildschirmen in 3.5-Zimmer-Wohnungen beim Abarbeiten von Arbeitspensen, E-Mails oder digital übermittelten Lernaufgaben, die ich zusammen mit meinem Learning Bot löse.

Es geht nicht um isoliertes und vereinzeltes Lernen und Arbeiten, sondern um eine technische, räumliche und zeitliche Erweiterung der Möglichkeiten. Es geht um zunehmende Freiheitsgrade im Organisieren und Entscheiden, damit lernende und arbeitende Menschen in ihren sich radikal verändernden Lebens-, Lern- und Arbeitswelten entsprechend erfolgreich unterwegs sein können. Es geht um den sukzessiven Abbau hinderlicher, den Lern- und Arbeitsprozess blockierender Strukturen, damit Individuen ihr Lernen & Arbeiten ihren Bedürfnissen, Potenzialen, Interessen und Grenzen gemäß gestalten können: ihr eigenes Tempo finden, ihre eigene Arbeits- und Lernkultur – mit ihren Lern- und Arbeitspartner*innen zusammen, die ihnen nicht zugeteilt oder zugewürfelt werden, sondern die sich gegenseitig finden gemäß Kriterien, die sich aus den Prozessen selbst erst ergeben.

Vernetzter Individualismus unterscheidet sich nur geringfügig von Networked Sociality, in seiner Verwendung richtet sich der Begriff mehr auf konkrete Auswirkungen und bewußte Steuerung. Er kommt bei Manuel Castells (2005) vor, und wurde von Lee Rainie & Barry Wellman in Networked – The New Social Operating System (2012) ausgearbeitet. In einer Übersicht von 12 Grundsätzen stellen die Autoren Charakteristika heraus.

Quelle

Diese Individualisierung und Nomadisierung führt zu einer fundamentalen Humanisierung des Lernens und des Arbeitens, weil lernende Menschen in ihren prägenden Lebensphasen und darüber hinaus nicht mehr jahrelang über einen Kamm geschoren werden und gemeinsam durch ein einziges Nadelöhr kriechen – und die dieses Trauerspiel dann für den Rest ihres Lebens für den Normalfall von Lernen halten – und von Arbeit.

Jederzeit und überall lernen, wann und mit wem auch immer ich möchte.

Cover Photo by Helena Lopes on Unsplash

Noch eben die Welt retten. Eine Ode an den Menschen

Titelbild: Comfreak/pixabay

Die Analysten jubeln. Digitalisierung macht menschliche Arbeit und damit den Menschen nach und nach überflüssig in Prozessen der Wertschöpfung. Dadurch verschwindet nun endlich der immer schon größte Risikofaktor für die Vermehrung von Kapital.

Der Mensch also. Seit der Industriellen Revolution wurde er zunehmend unverzichtbar zur Häufung und Mehrung von Macht und Reichtum. Andererseits ruft er bis heute große Planungsunsicherheit und enorme Kosten hervor. Jetzt wird er ersetzt durch Technologie. In dieser Logik gilt: Je weniger Mensch, umso höher der Ertrag. Das macht die Digitalisierung zu einem noch nie dagewesenen Versprechen für Märkte und Kapital. Was heißt das für uns? Für Otto Normalverbraucher und Karin Mustermann? 

Trick 17: Der Arbeit wieder einen Sinn geben – und sie dann abschaffen

Das jetzt denkbare, systematische Ausmustern des Menschen wird ja von allerhand „kulturellen Maßnahmen“ flankiert. LinkedIn und Twitter laufen über von Forderungen, Impulsen und Initiativen zur Humanisierung der Arbeit, um ihr „wieder einen Sinn zu geben“. Ich vermute: Hier wird breitflächig das Abwickeln weichgespült. 

Womöglich wird auf Führungsetagen großer Unternehmen und in Hinterzimmern regierender Politik gar nicht über die Humanisierung von Arbeit diskutiert, sondern über das Abwickeln des „Humanfaktors“ in der Wertschöpfung – und über das Austarieren unvermeidbarer sozialer Kollateralschäden. Die momentane Situation erinnert mich an Helmut Kohls Diktum von den „blühenden Landschaften“ nach der Wende. Menschen im Osten Deutschlands muss das im Rückblick wie eine Verhöhnung vorkommen. Und wenn wir genau hinsehen, dann entpuppt sich das auf den ersten Blick unverständliche „Aussitzen“ in Politik, Ökonomie und Bildung als schlaue Strategie – im Sinne einer Hochform spätkapitalistischer Vernunft.

Die Vernichtung von Jobs ist jedenfalls gewaltig, und sie betrifft Menschen, deren Tätigkeiten durch Technologie ersetzt werden – also die Mehrheit der Arbeitnehmer‘innen. Die werden vom Bildungssystem nach wie vor so beschult, als ob alles so weitergehen würde wie bisher. Doch in Wirklichkeit werden wir (du, ich, dein Kind) sukzessive überflüssig, denn unser Menschenbild funktioniert so: Dein Wert als Mensch ergibt sich aus deiner Arbeitsfähigkeit und Arbeitsleistung, aus deiner Verwertbarkeit als Arbeitnehmer‘in und damit als Kapitalvermehrer‘in. Sei es in Lohn und Brot, sei es als Mutti. Keine Arbeit – kein Wert als Mensch.

Der Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn

Sich hier und jetzt mit Zukunftsfragen unserer Existenz zu befassen, mit humanen Lebensbedingungen und mit der Gestaltung menschlicher Gemeinschaft, das ist also keine Frage der Ökonomie. Die ist am Menschen nicht interessiert. Sie ist eine Selbstläuferin.

geraldfriedrich2 / pixabay

Es geht jetzt zuerst um Ethik. Es geht um diese Fragen: Was soll für uns „gutes Leben“ sein? Und wer ist „uns“? Wer und was soll „Mensch“ in Zukunft sein? Wie soll der und die leben, wo und mit wem zusammen? Was bleibt uns übrig: zu tun und zu(m) leben?

Selbst wenn wir über Klima und Planet reden, reden wir ja über uns selbst und über unsere Zukunftschancen als Menschen, denn dieser Planet braucht uns nicht. Wir brauchen ihn.

Das ist womöglich noch immer nicht ganz klar: Wenn wir über Ökologie reden, dann reden wir über unsere Zukunft, nicht über die der Erde. Es geht um uns angesichts des endgültigen Verschwindens von Lebensressourcen, und dabei denke ich nicht nur an Nahrung, Wasser und Luft. 

Uns gehen jetzt gerade die menschlichen Ressourcen aus – ohne nachzuwachsen: Achtung, Wertschätzung, Solidarität, Menschenwürde, Toleranz, Respekt; wie mit Arbeitnehmer’innen umgegangen wird, mit ganzen Generationen von Schüler’innen, mit Arbeitssklaven überall auf der Welt, mit MigrantInnen, wie „wir“ über die Umwege des Internets eine Kultur des Hasses entwickeln und befeuern. Es geht um eine grassierende Gleichgültigkeit, mit der wir nicht erst in Sachen planetarer Zukunftsfähigkeit unterwegs sind, sondern was die Gestaltung menschlicher Beziehungen diesseits und jenseits des Gartenzauns betrifft.

Menschsein neu definieren

Es geht jetzt also ganz konkret um die Frage, wie wir Menschsein neu definieren und ausbuchstabieren. Dabei steht eines fest: So wie wir das bisher machen, kommen wir immer nur bis an den Punkt, von dem wir eigentlich weg wollen.

Quelle: youtube / Truman Show

Warum? Weil wir den Menschen als Problem betrachten. Er ist unser liebstes Defizit. Meistens in Form des Mitmenschen. Er kostet Geld, er führt Kriege, er wird krank, stört den Unterricht, nimmt mir die Vorfahrt und frisst den Planeten kahl. Unsere Coaches haben uns dann klar gemacht, dass nicht der Mitmensch das Problem ist sondern wir selber, und dass wir „bei uns selber anfangen müssen“ – mit der Optimierung. 

Jetzt geht es nochmal um etwas ganz anderes: um die radikale Umkehrung dieser Perspektive: Wir sehen den Menschen nicht mehr länger als Problem, das wir haben, sondern als die einzige Lösung, die wir sind – und gehen entsprechend miteinander um. Solange uns dieser Perspektivenwechsel nicht gelingt, sterben wir aus.