Raus aus der Mottenkiste!

Die Notwendigkeit, Lernen und Arbeiten zu nomadisieren, nimmt zu – und es wird immer einfacher, es auch zu tun. Das führt zu krassen Gegen- und Beharrungsreaktionen in den Silos – sowohl im Bildungssystem als auch bei Arbeitgebern. Werfen wir deshalb einen Blick in die Mottenkiste, beleuchten das Scheinargument, und wenden uns dann der Lösung zu.

Für die Gralshüter traditioneller Lern- und Arbeitsprozesse fungiert die körperliche Anwesenheit von Menschen als Voraussetzung für alles andere. Nur wenn der Schüler oder die Arbeitnehmerin „da“ ist, finden wirklich Lernen oder Arbeiten statt. „Es gibt nur ein Hier, und das ist hier.“ Da geht es ganz offensichtlich um Kontrolle, also um ein Bedürfnis des lehrenden oder anstellenden Systems. Es geht nicht um die Potenziale lernender und arbeitender Menschen und darum, wie wir die entwickeln. Es geht auch nicht um die Frage, welche Lösungsmöglichkeiten uns neue Lern- und Arbeitsformate bieten, wenn wir uns nur mal ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen würden.

Es geht um die Vermeidung von Kontollverlust. Hier ein Beitrag, der die Auswüchse der Übewachungskultur sichtbar macht.

HomeOffice im Notfall. HomeSchooling lieber nicht.

Weil es mittlerweile in vielerlei Munde ist, lassen sich die Gralshüter manchmal dazu hinreißen, einen „zweiten Ort“ zu genehmigen. Wenn es ums Arbeiten geht, sprechen sie dann von „Home Office“, und wenn es ums Lernen geht, von „Home Schooling“. Wenn schon „irgendwo“, dann zuhause. Im „Home“. Hier drückt das Weltbild der Gralshüter durch: Der Mensch hat einen (1) Arbeitsplatz und einen (1) Ort, an den er nach der Arbeit zurückkehrt – und wohin er diese Arbeit jetzt für einen Tag pro Woche mitnimmt. Andererseits ist „Home“ sehr nahe an dem, was für die Gralshüter der ausgemachte Feind allen Lernens und Arbeitens ist: die Freizeit. Deshalb: Höchstens einen Tag Home Office, und Homeschooling lieber gar nicht, denn: „Wie sollen wir das um Himmels Willen kontrollieren?“

Also bleiben der klassische Arbeitsplatz, Schulzimmer und Seminarraum die bevorzugten Modelle für Arbeiten und Lernen. Da haben wir sie unter Kontrolle – und nicht zu vergessen: sie sich gegenseitig. Schon der Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler wusste:

Mehr über Seethaler hier.

Jetzt gibt es halt schon etliche Initiativen und Projekte, die zeigen, dass Menschen jeden Schlages und Alters sehr wohl in einer Kultur des Nomadischen lernen und arbeiten. Ja, es stellt sich heraus, dass sie durch Asynchronität, Multilokalität und Digitale Vernetzung viel lustvoller und effizienter arbeiten und sogar lernen. Auch wenn sie noch ganz jung sind oder pubertär – für die Gralshüter eigentlich noch ungereifte „pre-people“. Laloux und Bregman schildern, wie das in Organisationen gelingt und funktioniert, demokratische und soziokratische Schulen zeigen es für die Bildung.

Von der Angst, überflüssig zu werden

Doch auch gegen dieses Gelingen sind die Gralshüter gerüstet. Sie drehen den Spieß einfach um und machen aus ihrem Bedürfnis nach Kontrolle ein Bedürfnis des Arbeitnehmers und der Lernerin, „gesehen“ werden zu wollen und geführt. Sie sprechen über die große Bedeutung der sogenannten Beziehungsarbeit – die die meisten Lehrer und viele Führungskräfte, mit denen ich zusammengearbeitet habe, fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

„Die brauchen uns“ zu sagen, kann zwischen den Zeilen auch meinen: „Wir brauchen es, gebraucht zu werden“. Doch für einen gelingenden Umgang mit dem Bedürfnis gebraucht zu werden, sind andere Gefäße vorgesehen und auch zielführend(er) als die pädagogische Beziehung: zum Beispiel Inter- und Supervision, oder hier und da ein Gespräch unter guten Freund*innen. Die Gefahr, lernende Menschen zu Geiseln für ungestillte Bedürfnisse auf der Seite der Erwachsenen zu machen, ist in erziehenden und bildenden Berufen allgegenwärtig.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl G. Jung soll einmal gesagt haben:

Nichts hat mehr Einfuss auf Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.

Dies gilt in direkter Verlängerung auch für die Beziehung Lernender zu Lehrenden – vor allem, wenn es um das Lernen von Kindern und Jugendlichen geht. Und wenn wir einmal „ausgelernt“ haben, gilt es lebnenslang für die traditionelle Beziehung zwischen Chef und „Unterstelltem“ – eine nach wie vor gern genommene Bschreibung in Stellenauschreibungen im Schweizer Arbeitsmarkt.

Eine Wertung ist in der Erkenntnis Carl. G. Jungs zwar nicht enthalten. Sie lädt aber dazu ein, in Vorbereitung auf einen pädagogischen oder führenden Beruf und in dessen Ausübung intensiv ins Gespräch zu kommen mit der eigenen Bedürfnis- und Erwartungs-Biografie.

Der lehrende Beruf ist traditionell einer der wenigen, die von einem ständigen Strom der Anerkennung abhängen. Von einer Art bedingungsloser Grundversorgung. Mehr als andere Berufe oszilliert er pausenlos zwischen der Gewährung und Verweigerung sozialer Anerkennung. Niemand käme auf die Idee, so einen Bohai um den Berufsstand der Verkehrspilot*innen zu machen, auf dem ja auch eine große Verantwortung für Menschenleben lastet.

Der lehrende Beruf zieht offenbar Menschen an, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben, und eben dies macht den Beruf dann anstrengend für sie. (Wenn sie jetzt gelesen haben, dass in diesem Beruf nur Menschen arbeiten, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben: das steht da nicht). Es sind nicht die harten Arbeitsbedingungen und die unendlichen Ansprüche an die Lehrer, an denen die zu knabbern haben – es hat mit der Notwendigkeit zu tun sich abzugrenzen und das Anerkennungsgeschäft dort abzuwickeln, wo wir als Profis unter uns und unseresgleichen sind. Viele brennen aus und löschen ab, nicht weil der Beruf „so schön und doch so brutal ist“, sondern weil sie wichtig bleiben wollen, wo es pausenlos darum geht, überflüssig zu werden.

Die können das doch gar nicht!

Das billigste und zugleich sehr häufig eingebrachte Argument lautet, dass sowohl arbeitende als auch lernende Menschen „das gar nicht können“: Arbeits- und Lernräume bzw. Arbeits- und Lernzeiten selbstverantwortet zu gestalten, Arbeits- und Lernprojekte kollaborativ zu organisieren. Dieses Argument ist schon deswegen nichtig – gerade in Kontexten des Lernens und der persönlichen Entwicklung –, weil sich Lernen & Entwicklung ja gerade dadurch auszeichnen dass Menschen in eine Situation kommen, in der sie etwas „noch nicht können“ und vor der Notwendigkeit stehen, sich bestimmte Fähigkeiten und ein Wissen anzueignen.

Und wie sollten lernende und sich entwickelnde Menschen die Kompetenz, ihr Lernen und Arbeiten selbstgesteuert und kollaborativ zu gestalten vorweisen können, wenn die Lern- und Arbeitssilos alles dafür tun, die Entwicklung dieser Kompetenzen zu verhindern? Selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten kann ich nun mal ausschließlich selbstorganisiert lernen.

Die Lösung: Vernetzter Individualismus

Wir individualisieren das Lernen und Arbeiten radikal und vernetzen es zugleich. Das ist mit Nomadisierung gemeint – also keine Vereinsamung vor Bildschirmen in 3.5-Zimmer-Wohnungen beim Abarbeiten von Arbeitspensen, E-Mails oder digital übermittelten Lernaufgaben, die ich zusammen mit meinem Learning Bot löse.

Es geht nicht um isoliertes und vereinzeltes Lernen und Arbeiten, sondern um eine technische, räumliche und zeitliche Erweiterung der Möglichkeiten. Es geht um zunehmende Freiheitsgrade im Organisieren und Entscheiden, damit lernende und arbeitende Menschen in ihren sich radikal verändernden Lebens- Lern- und Arbeitswelten entsprechend erfolgreich unterwegs sein können. Es geht um den sukzessiven Abbau hinderlicher, den Lern- und Arbeitsprozess blockierender Strukturen, damit Individuen ihr Lernen & Arbeiten ihren Bedürfnissen, Potenzialen, Interessen und Grenzen gemäß gestalten können: ihr eigenes Tempo finden, ihre eigene Arbeits- und Lernkultur – mit ihren Lern- und Arbeitspartner*innen zusammen, die ihnen nicht zugeteilt oder zugewürfelt werden, sondern die sich gegenseitig finden gemäß Kriterien, die sich aus den Prozessen selbst erst ergeben.

Vernetzter Individualismus unterscheidet sich nur geringfügig von Networked Sociality, in seiner Verwendung richtet sich der Begriff mehr auf konkrete Auswirkungen und bewußte Steuerung. Er kommt bei Manuel Castells (2005) vor, und wurde von Lee Rainie & Barry Wellman in Networked – The New Social Operating System (2012) ausgearbeitet. In einer Übersicht von 12 Grundsätzen stellen die Autoren Charakteristika heraus.

Quelle

Diese Individualisierung und Nomadisierung führt zu einer fundamentalen Humanisierung des Lernens und des Arbeitens, weil lernende Menschen in ihren prägenden Lebensphasen und darüber hinaus nicht mehr jahrelang über einen Kamm geschoren werden und gemeinsam durch ein einziges Nadelöhr kriechen – und die dieses Trauerspiel dann für den Rest ihres Lebens für den Normalfall von Lernen halten – und von Arbeit.

Jederzeit und überall lernen, wann und mit wem auch immer ich möchte.

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Das Bildungssystem und sein Vermittlungszirkus sind am Ende. Eine Klarstellung

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis in die Seniorenuni: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum.

Wir wissen nicht erst seit gestern sehr gut und empirisch abgesichert, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung ist also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin State Of The Art. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm oder ihr wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (regieren, bauen, verkaufen, planen), ist das nicht anders, nur komplizierter und manchmal auch komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegt.

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es „selber machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind, und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet ein Fazit des Start Up Gründers Nils Reichardt, den Rona van der Zander in ihrem Podcast interviewt hat zu seinen Erfahrungen an den Schnittstellen von Schule und allem, was es sonst noch gibt im Leben. Im Gespräch kommt zum Ausdruck, warum es da einen krassen Unterschied gibt – und was es statt Schule eigentlich braucht, um zukunftsfähig zu werden als junger Mensch. Selten habe ich eine so klare Analyse gehört, wie hier von einem Vertreter jener Generation, die für die Zukunft steht. Hellwach, unaufgeregt, kompetent.

Nils ist 17 Jahre alt und erfolgreicher Gründer. Bei „Start Up Teens“ haben er und sein Team mit der Schulapp „Sharezone“ gewonnen – die App ist seit kurzem in der Open-Beta mit bereits +1.200 registrierten Nutzern. Im Podcast geht es um die Frage, vor welchen Herausforderungen junge Gründer stehen und woher sie sich die erforderlichen Fähigkeiten für ihr Start Up geholt haben.

Wir haben ein Problem. Wir lösen es.

Alles beginnt damit, dass ein paar Leute vor einem Problem stehen, das sie nervt, und sie tun alles, um möglichst rasch für dieses konkrete Problem eine Lösung zu finden. Ich würde meinen, das ist „Entrepreneurship from scatch“.

Zu diesem Zweck bringen sie sich jetzt all das bei, was sie brauchen – und zwar selber und in Windeseile. Erwähnenswert: außerhalb der Schule, und also für viele noch immer „in Konkurrenz“ zu dem, was in diesem Alter für sie wichtig sein sollte („Mach einen guten Abschluss, Kind!“). Dieses Argument hören wir ja seit den FridaysForFuture wieder alle Nase lang.

Die Gründer sehen sich also damit konfrontiert,  dass sie auch Lösungen für jene Probleme entwickeln müssen, die bei der Lösung des Problems erst auftauchen: Konfligierende Zeitbudgets und unterschiedlichen Systeme unter einen Hut zu bringen, die so gut wie nichts gemeinsam haben: Hier das Mindset Schule, dort die Dynamik der Start Up Welt. Konkret erläutert Reichardt diese Herausforderung am Beispiel des Datenschutzes – der ist ja bekanntlich die Innovations-Guillotine des gesamten Bildungssystems.

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Wie unterstützt Schule bei so einem Projekt?

Unterstützung kommt offenbar nicht so sehr von der Schule als aus der start-up-Ecke – und auch nur dann, wenn sich die Initianten konsequent selber darum bemühen, und zwar in ihrer „Freizeit“ – obwohl sie ein Berufskolleg besuchen mit dem Schwerpunkt Mathematik und Informatik. Nach Aussage von Nils Reichardt bestand die Unterstützung des Lehrkörpers vor allem darin, sie auf die Probleme hinzuweisen, die mit einer solchen App aus Sicht der Lehrerschaft verbunden sind. Was tun die Gründer? Sie bauen diese Informationen geschickt in ihr Projekt ein, indem sie aus ihren Lehrern kurzerhand Kunden machen, die sie in den Entwicklungsprozess einbeziehen – wie im richtigen Start Up Leben auch.

Was lernt ihr eigentlich bei so einem Projekt?

Die Aufzählung klingt vielfältig und so gar nicht einseitig: Ideen präsentieren können, netzwerken, sich auf entsprechenden Events umsehen und umhören, sprich: sich informieren, mit Experten ins Gespräch kommen, Projekte planen, Programmieren, sich Wissen im Internet besorgen, online-Kurse belegen. Nils Reichardt empfiehlt hierzu ganz konkret das Angebot des Hasso Plattner Insituts und das von udemy.

Diese vom Fachjargon zu den „Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts“ gezählten Fähigkeiten bringen sie sich also nicht nur außerhalb der Schule in ihrer „Freizeit“ selber bei. Sie lernen es nach eigenen Aussagen auch viel schneller als im regulären Schulbetrieb, weil sie es unmittelbar und konkret anwenden können und deshalb auch (oder erst) einen Sinn hinter dem sehen, was sie lernen müssen, um so ein Projekt erfolgreich zu machen. In der Schule hingegen sei „sehr oft nicht klar, warum man Sachen lernt“, so Reichardt im Gespräch.

Aber Schule macht doch auch Gruppenarbeiten?

Auch hier winkt Reichardt ab: Die Art von Gruppenarbeiten in der Schule hätten nichts mit dem zu tun, was du in einer Gruppe tust, wenn du ein solches Projekt durchziehen willst. Das sei etwas komplett anderes – und auf einer ganz anderen Ebene.
Wichtig für das reale Projekt sei, dass man professionell kommunizieren kann, z.B. im Bildschirmfoto 2019-04-24 um 14.42.29Kontext der Aufgabenverteilung: dass der andere genau weiß, was gemeint ist – und das hat bei uns „in der Schule nicht so sehr eine Bedeutung“. Dort hätten Gruppenarbeiten eher eine Alibi-Funktion, und du wirst vom Lehrer in eine Gruppe gesteckt, „damit du jetzt halt mal Gruppenarbeit machst“. Wenn ich hingegen erfolgreich ein Produkt entwickeln und zur Marktreife bringen will, komme es vor allem darauf an, sich in den Kompetenzen gegenseitig zu ergänzen und auf diesen Kompetenzen aufzubauen. So komme man auch viel schneller voran.

Statt eine Traumschule zu entwickeln ist lebenslang lernen angesagt

Von Rona befragt, wie für ihn eine ideale Schule aussehen würde, antwortet Reichardt: Viel wichtiger sei – noch vor der Frage, wie sich Schulen und Hochschulen verändern müssten, dass der Mensch sich und seine Denkweise verändert und erkennt, dass das lebenslange Lernen entscheidend ist. Gerade jetzt, wo sich alles exponenziell entwickelt. Es komme jetzt und in Zukunft darauf an, extrem viel in kurzer Zeit zu lernen. Gemeint ist damit aber offenbar nicht der Bulimie-Modus, in dem das gymnasiale Bildungssystem bis heute funktioniert. Vielmehr geht Reichardt davon aus, dass die Entwicklungen der realen Welt eine hohe Agilität und Anpassungsfähigkeit von uns verlangen – also nicht die Fähigkeit, in kurzer Zeit viel Wissen runter zu würgen, um es bei Tests unverdaut wieder auszukotzen (wie ich das formuliere). Für Reichardt haben viele noch immer das falsche Mindset im Kopf: „Ohje, ich muss schon wieder was Neues lernen.“, statt: „Oh cool, ich kann wieder was Neues lernen.“

„Nicht so limitiert sein im Kopf“

So lautet Reichardts Appell. Auch mal nach links und rechts schauen, kucken, was bei anderen los ist. Als Lehrer nicht einfach straight den eigenen Unterricht durchziehen für die nächsten 20 Jahre – was ja auf alle anderen Bereiche/Berufe übertragen werden könne.

Es klingt einfach. Und doch scheint es zum Schwersten überhaupt zu gehören, die Limits im eigenen Kopf hinter sich zu lassen. Diese Mantras, mit denen Schule ihren Kopf aus der Schlinge zieht. Die Refrains, die wir zur Genüge kennen: „Wir müssen alle mitnehmen.“, oder: „Das hier sind die großen Ausnahmen.“ Umso mehr war ich froh, in einem Gespräch mit Rona van der Zander und Aileen Moeck wieder einmal zu hören, dass es eigentlich nicht die Schüler’innen sind, an denen Projekte scheitern, und auch nicht die Schüler’innen, die an Projekten scheitern. Sehr viele junge Menschen scheitern an den Vorstellungen derer, die ihnen etwas zutrauen – und viel zu oft eben nichts. Es fällt noch immer sehr vielen Lehrenden und Erziehenden ungemein schwer zu akzeptieren, dass die krasse Mehrheit junger Menschen ihnen in ganz Vielem voraus ist. Vielleicht wird nur schon diese Möglichkeit als Kränkung der eigenen beruflichen oder elterlichen Identität erlebt. Hören Sie rein in das Interview, es lohnt sich:

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