Regionale Bildung 4.0 – Eindrücke des ersten Tages

gophis mobile Rund-Reise

St dasHeute begann das Projekt „Regionale Bildung 4.0“ und ich freue mich sehr darauf, mit Hilfe dieses Projektes bei den eigenen Überlegungen durch den anstehenden Austausch voranzukommen. Weiterhin habe ich auch die Hoffnung mit eigenen Impulsen etwas der Community zurück geben zu können.

Das Projekt ist in zwei Stufen unterteilt.

  1. Stufe: ist der Leuchtfeuer 4.0 MOOC. Hierbei handelt es sich um einen zweiwöchigen Online-Kurs, der auf der MOOC Plattform mooin. Dieser MOOC stellt folgende Themen in den Vordergrund:Bildschirmfoto-2017-04-16-um-13.18.51-600x330
    1. Neue Entwicklungen
    2. Neue Berufe
    3. Neue Räume
    4. Öffnungsprozesse
    5. Motivation & Nutzen
    6. Finanzen & Organisation
  2. Stufe: besteht in einer Expedition zu verschiedenen regionalen und digitalen Modellansätzen im ländlichen und städtischen Raum. Was lernt man an Orten wie Makerlabs und CoWorking Spaces und inwiefern wandeln sich Institutionen wie Bibliotheken und Volkshochschulen, um mithalten zu können? (Zusammenfassung auf edysssee (Esther Debus-Gregor) am 16.04.2017 „Neue Lernräume entdecken: Leuchtfeuer 4.0 – der MOOC„)

Zielgruppen

  1. Entscheidungsträger/innen, Kreative…

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Über die Sklaverei. Eine Polemik.

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Quelle

Wenn wir von Sklaverei sprechen, dann produzieren wir vor unserem inneren Auge zuerst einmal materiell benachteiligte Menschen. Menschen mit wenig oder gar keiner Bildung. Menschen, die von anderen Menschen in Lebens- und Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, die gemäß unseren aufgeklärten Denkmustern menschenunwürdig sind. Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns ein Leben nicht vorstellen mögen. Menschen, die sich nicht selbst gehören.

Anschließend deponieren wir das so konstruierte Phänomen der Sklaverei im konkreten Irgendwo. Dieses Irgendwo zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es „woanders“ ist. Wir legen die Sklaverei an Orten ab, die weit weg sind von den Orten, an denen wir arbeiten und leben. Wir ver-orten Sklaverei in „der dritten Welt“ oder dort, wo Schurkenstaaten von Arbeitssklaven Fussball- und Olympiastadien bauen lassen – oder wir legen sie ganz und gar in der afro-amerikanischen Vergangenheit ab, wie ein Blick in die Bildkartei von Google zeigt. Wir lassen also innere Bilder warm werden von Menschen mit anderer, bevorzugt dunklerer Hautfarbe. Wir erinnern unseren Nachwuchs mit erhobenem Zeigefinger oder grellem Powerpoint-Marker an die Völkermorde und Holocauste dieser Welt und stimmen in den Chor der Aufgeklärten ein, dass das alles nie wieder geschehen darf. Luther-King-reloaded. Dabei ist das Phänomen der Sklaverei weder in der „dritten Welt“ noch sonst wo überwunden oder abgeschafft. Es ist auf bizarre Weise selber versklavt.

Sklaverei ist allgegenwärtig

Einerseits ist das, was wir in einem immer kleiner werdenden Teil der Welt „Wohlstand“ nennen, durch die Zunahme von Sklaverei, Ausbeutung und Vernichtung der Lebensgrundlagen in einem immer größer werdenden Teil der Welt erkauft. Durch Vernichtung bestehender Lebensgrundlagen, kultureller Kräfte und Traditionen, durch fortwährende geistige, materielle und ökonomische Kolonialisierung. Was wir Wohlstand nennen, lebt vom Export all jener Faktoren, die ihn gefährden könnten. Das reicht von prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen, über fortwährend fehlende medizinische Versorgung, die Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme bis zu einer Bildung, die nicht über Lesen/Schreiben/Rechnen hinaus geht – wenn sie überhaupt bis zu diesem Punkt existiert.

So wie wir aus den „armen Ländern“ bevorzugt die Rohstoffe importieren, um dann aus deren Weiterverarbeitung den eigentlichen Profit zu schlagen, so exportieren wir genau dadurch quasi im Gegenzug die „Rohstoffe“, aus denen dann andernorts Konflikte entstehen und Umweltverschmutzung und Ausbeutung: Es ist vor allem der Kampf um Rohstoffe, um Wasser und Land, der gegenwärtig zum Konflikttreiber Nummer eins geworden ist. Weltweit. Und dieser Kampf ist der Hauptexportartikel der ersten Welt. Die einzigen, die davon vordergründig profitieren, sind wir und unsere Geschäftspartner vor Ort. Was der Nahrungsmittelkonzern Nestlé z.B. weltweit zum Thema „Trinkwasser“ ungestraft und unter den Augen all derer praktiziert, die über Internetanschluss verfügen, schreit zum Himmel.

Zwar reden wir davon, dass heute insgesamt weniger Menschen an Hunger, Krankheit und mangelnder Bildung leiden. Zugleich wissen wir aber sehr genau, dass die Abwesenheit solcher Übel allein keinerlei Garant für Lebensqualität darstellt, oder dass dadurch inhumane Gender-Traditionen überwunden würden, oder religiösen Fanatismen der Boden entzogen. Nichts davon findet statt. Und wir wissen auch, dass der Anteil der Hungernden, Kranken und nicht Gebildeten zwar im Vergleich zu den Gesamtbevölkerungszahlen abnehmen mag, dass dieser vermeintliche Fortschritt aber durch das dramatische Wachstum der Bevölkerung und die zunehmend ungleiche Verteilung der Gesamtanteile an materiellen Reichtümern längst eingeholt ist.

Die unsichtbare Sklaverei vor der eigenen Haustür

Andererseits feiern die Kernelemente klassischer Sklaverei in unseren eigenen Breiten fröhlich Urständ. Natürlich kann man diese Verwendung des Begriffes hinterfragen oder sogar verneinen, denn ursprünglich besteht das Wesen der Sklaverei ja darin, dass ein Mensch „vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt“ wird. Mich treibt allerdings in diesem Zusammenhang der folgende Gedanke um: Kann ich wirklich nur dann und solange von Versklavung reden, wenn andere mich als ihr Eigentum behandeln? Oder ist es denkbar, dass es sich auch dann um Versklavung handelt, wenn ich das mit mir selber mache: Mich als Eigentum behandeln? Mir so vorkommen, als könnte „man“ ganz generell einen Menschen besitzen – sich also selbst an die Kette legen. Ein konkretes Beispiel:

Im Prinzip hat die Firma in der und für die wir arbeiten, vor allem eine Funktion in unserem Leben: Wir brauchen sie als die große Ausrede, warum wir genau so leben müssen, wie wir es tun, als Ausrede dafür, warum sich nichts ändern kann, und warum wir so weitermachen müssen wie bisher. Egal wo ich hinhöre, aus den Sprechblasen klingen mir die Argumente von Sklaven entgegen: Wenn wir uns bewegen, spüren wir einzig unsere Ketten. Dann denke ich mir: Ja, womöglich leben wir noch immer, wieder neu, erst recht in einem Zeitalter, in dem die arbeitende Klasse versklavt ist, sich ducken muss und den Mund halten. In dem sie keine Wahl hat und froh sein muss um ihren Job. Nur: Im Unterschied zu den Zeiten, in denen der Mensch durch andere Menschen versklavt wurde, ist es heute so, dass wir selbst es sind, die sich versklaven. Weil wir einen Lebensstandard für unverzicht- und unaufgebbar halten. Einen, der diese Welt (und den Großteil der Menschheit) erstickt. Einen Lebensstil, der selbst wenig anderes ist als eine Versklavung.

Was kommt nach dem Ende des „Brot-und-Lohn-Märchens“?

In wenigen Jahren wird das „Brot-und-Lohn-Märchen“ zu Ende erzählt sein, weil es zum einen nur noch einen Bruchteil der Arbeit gibt, die wir heute als unverzichtbar wähnen, und zum anderen weil das, was an Arbeit übrig bleibt oder neu entsteht, nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir heute dafür halten. Wie bereit bin ich? Was tu ich, um bereit zu sein? Wie bereite ich mich vor?

Es gibt bereits zahlreiche Möglichkeiten, der eigenen Freiheit und ihrer Potenziale habhaft zu werden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die eigene Lebensgeschichte in Zukunft selbst, kreativ und anders weiter zu schreiben. Zusammen mit anderen, die „vom Weg abkommen, weil sie sonst auf der Strecke bleiben“ (Reinhard K. Sprenger).

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Gemeinsam das Neuland im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ kartographieren

Leuchtfeuer 4.0 ist so ein konkretes Konzept. Ein Einsteiger für solche, die Mitstreiterinnen suchen und Weggenossen. Mitdenker und Kollaborateure.

Auf die Politik zu warten, ist hingegen brandgefährlich. Ebenso wie auf das Bildungssystem oder auf die Ökonomie. Diese drei interpretieren ihren Auftrag gemeinsam im Sinne des Erhalts bestehender Abläufe und Strukturen. Sie lassen Innovation und Wandel nur zu, solange sie sich dadurch selbst erhalten können. Zudem umgeben sie sich mit einer Beraterkultur, die als Profi-Optimisten unterwegs sind. Angehörige wirtschaftsnaher Think-Tanks, die uns fast täglich mit Tabellen, Skalen und Keynotes darüber versorgen, wie gut es „uns“ (?) doch eigentlich geht.

Das sind in meinen Augen Pseudopropheten in dem Sinne, wie sie schon das Neue Testament kannte: Menschen, die denen nach dem Mund reden, von denen sie ihren Lohn beziehen, weil sie von denen ihren Lohn beziehen. Sie sind selber Sklaven. Sie skizzieren das Schlaraffenland auf den Horizont und lösen damit bei uns, den überforderten Zweiflern, ein Gefühl der Entlastung aus. Ähnlich wie eine Vielzahl psychotherapeutischer Schulen und Coachingtheorien, die vor allem das Leben in der Sklaverei erträglicher machen, nicht den Ausbruch wünschbar.

Die Metapher, die mich zu dieser Thematik immer wieder heimsucht, ist die vom Gefängnisseelsorger. Er besitzt den Schlüssel zu meiner Zelle, um mich regelmäßig zu besuchen und um mir Trost zu spenden – anstatt den Schlüssel nachmachen zu lassen um ihn heimlich unter meinem Kopfkissen zu deponieren, damit ich immerhin der Möglichkeit meiner Freiheit gewahr werde. Aber wie wusste schon Perscheid in einem ähnlichen Bild zu malen:

Geistig limitiert

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Je limitierter die Auflage, um so wertvoller das einzelne Stück. Limitiert ist wertvoll: Es gibt nicht viel davon. Wovon auch immer. Limitiert ist begrenzt. Im Falle der Kunst ist damit die Auflage gemeint. Umgekehrt: Je grösser die Auflage, um so kleiner der Wert. Die limitierte Stückzahl macht auch Weine, Autos und Münzen zu begehrenswerten Objekten.

Eine merkwürdige Umkehr der Vorzeichen, denn: Ist Begrenztheit nicht eher ein Anzeichen von Mangel? Zu wenig Zeit, zu wenig Geld, zu wenig Arbeit, zu wenig Bildung, zu wenig Menschlichkeit, zu wenig Arbeitsplätze, zu wenig Hirn.

Aber das ist ja etwas ganz Anderes. Schließlich geht es bei der limitierten Auflage um die Einzigartigkeit. Ähnlich dem Lebenspartner, dessen Auflage quasi auf ein Exemplar reduziert bleibt. Zumindest zeitweise.

Und selbst der Mangel kann, wird er einmal auf eine spirituelle Ebene gehoben, zum Wert werden. Dann entsteht der Verzicht, und der ist gewählt.

In irgendeiner Form bildet Limitierung also eine Auszeichnung. Aber was verleiht der Limitierung nun endlich ihren Wert?

Was nur in geringer Zahl vorhanden ist, wird von selbst zu einem Wert. Egal, ob man davon hat oder nicht. Nur wird es eben im einen Fall schmerzlich vermisst, im anderen stolz präsentiert. So etwa von einer Gesellschaft, der die eigenen Werte abhandengekommen sind. Von nun an wird sie sie feierlicher emporhalten und hartnäckiger verkündigen, als je zuvor.

Es ist paradox, dass man gerade an dem, was man nicht hat, am meisten festhält. Es geht einem nicht mehr aus dem Sinn. Wie dem Hungrigen das Brot.

Und so wird der Mangel zum Nährboden des Heiligen. Wo nichts mehr wächst, gedeiht das Unerreichbare ebenso wie die Sehnsucht danach: Der perfekte Körper, die ewige Jugend, das große Geld.

Ist also nur das von Wert, was man nicht hat? Nicht unbedingt. Wer es hat, ist da nicht so wichtig, Hauptsache, es gibt nicht viel davon. Eine Welt voller schlanker Ewigjunger sieht keinen Grund mehr, sich nach ihnen zu sehnen. Und dann werden es die jungen Schlanken sein, die als Erste das Ideal der molligen Seniorin an den Blätterhimmel projizieren.

Was bleibt, ist nicht viel: Wertvoll wird etwas dadurch, dass es nur wenig davon gibt. Und vielleicht hat auch diese Einsicht nur deswegen einen Wert, weil sie limitiert ist – oder gar begrenzt?

Wie auch immer: Limitiert ist wertvoll. Und nur, wenn das so bleibt, lässt sich mit kostbaren Einsichten Geld verdienen. Wird der Markt erst mal mit Einsichten überschwemmt, dann werden sie immer wertloser – zumindest für die, die damit Geschäfte machen.

Eine grauenvolle Vorstellung. Vielleicht sollte man auf Einsichten eine Steuer erheben – oder zumindest eine Einfuhrbeschränkung. Wäre das nicht eine zeitgemäße Form von Knowledge Management? Die zugehörige proficiency müsste natürlich noch kreiert werden. Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt – solange daraus keine Einsicht wird.

Digitalisierung und erlernte Hilflosigkeit: Eine fatale Kombination

Das derzeit größte Problem für Arbeitnehmer und für Menschen die sich aus- und weiterbilden, ist der radikale Wandel der Lern- und Arbeitswelt. Zwar ersetzen wir im Moment das Wort „Problem“ immer häufiger durch „Herausforderung“. Mein Eindruck ist jedoch: Die Mehrheit der Menschen, denen ich begegne, erleben die digitale Transformation als Problem. Ein Problem, das einfach nicht weggehen will, sondern immer größer wird – und niemand macht was dagegen. In Beratung und Coaching begegnet mir zunehmend eine als bedrohlich erlebte Hilflosigkeit. 

Die digitale Transformation wird deshalb so erlebt, weil sie sich in atemberaubendem Tempo auf zwei zentrale Lebens- und Gesellschaftsbereiche ausweitet: auf die Bildung und auf die Arbeit. Und da „Arbeit“ in unseren Breiten ein durchweg ökonomisch besetztes Phänomen ist, wird der Druck noch stärker. Es geht uns nämlich materiell an den Kragen. Und zwar existenziell.

„Digitalisierung“ ist längst kein privates Phänomen mehr, das ich wählen oder dem ich ausweichen könnte. Es geht nicht einfach um Online Shopping, Dating und WhatsApp. Die Digitalisierung hat längst alle Arbeits- und Lebensvollzüge erfasst und stellt sie radikal auf den Kopf. Fast täglich wird immer deutlicher, dass und wie sich so gut wie alles verändert, was unser Leben betrifft: Die Formen des Zusammenarbeitens, des Lernens, der Orientierung, der Kommunikation, der sozialen und politischen Teilhabe, der Produktion, der Logistik, des Erwerbs.

Erlernte Hilflosigkeit als kollektives Reaktionsmuster der Gegenwart

Als unlösbar erlebte Probleme lösen Krisen aus – nicht umgekehrt. Politisch, ökonomisch, individuell. Wir wissen dann nicht, wie wir die Sache stemmen sollen. Wir erleben uns als hilflos. Und wie immer in Krisen greifen wir unbewusst auf Strategien zurück, die wir in früheren Situationen erlernt haben. Im Moment lautet diese Strategie flächendeckend „erlernte Hilflosigkeit“. Und Entrüstung – die gemäß Walther Rathenau nichts anderes ist als ein Bekenntnis zur eigenen Hilflosigkeit. Und woher kommt die?

Die prägenden Phasen unseres Lebens decken sich in der westlichen Kultur über weite Strecken mit der Schulzeit. Grundsätzliche Haltungen und Einstellungen gegenüber der Welt, den Mitmenschen und sich selbst werden in dieser Zeit eingeübt. Die dort erfahrenen Prägungen wirken nachhaltiger und stärker als alles, was uns zu späteren Zeiten im Leben begegnet – unter anderem deshalb, weil wir in den frühen Lebensphasen vor allem das sind, was wir in späteren Jahren eher fürchten: hilflos. Was wir in Phasen der Hilflosigkeit erleben, wirkt besonders prägend, gerade weil wir uns als unfähig erleben. Sei es, weil wir es aus Gründen der biografischen Entwicklung tatsächlich sind – oder weil wir uns dafür halten.

In unseren Breiten wird „erlernte Hilflosigkeit“ durch Erziehung und Bildung besonders stark gefördert. Beide konfrontieren uns mit einer umfassenden Expertenkultur und mit dem Mantra der Komplexität („Du kannst eh nichts ändern“). Bereits die Schule praktiziert eine lückenlose Versorgermentalität. Sie müllt uns jahrelang zu mit Informationsmyriaden, die uns hoffnungslos überfordern. Und meine Erfahrung aus Beratung und Therapie zeigt mir: Gerade Schule und Erziehung ermöglichen jungen Menschen bis heute nicht, ein reifes und selbstgesteuertes Verhältnis zu ihren Grundbedürfnissen zu entwickeln.

Erlernte Hilflosigkeit spielt Führungskräften in die Tasche

Führungskräfte in Bildung und Wirtschaft repetieren im Zusammenhang mit der digitalen Transformation pausenlos ihr Lieblingsargument: „Die Leute können gar nicht selbstständig denken und arbeiten. Die wollen das gar nicht. Die wollen geführt werden. Die wollen, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die wollen gar keine Verantwortung übernehmen.“ Das höre ich von Lehrern, von Vorgesetzten, von CEOs, Personalchefs und besonders oft von Inhabern aus dem KMU-Bereich. Und weiter: „Die betteln ja förmlich darum, dass man ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Keiner kommt jedoch auf die Idee, dass hier nicht über ein Wesensmerkmal von uns Menschen verhandelt wird, sondern über einen Effekt aus Bildung und Erziehung: Die erlernte Hilflosigkeit. Die kommt aus der Schule und aus Elternhäusern, die ihrem Nachwuchs das Essen ans Bett tragen. Das beste Rezept für erlernte Hilflosigkeit ist es, einerseits von Menschen umgeben zu sein, die die Dinge für mich tun statt mich konsequent dabei zu unterstützen, sie selber zu erledigen, und andererseits von Menschen, die alles konsequent besser wissen und sich berufen fühlen, mich und meine Versuche, die Welt und mich selbst zu verstehen, pausenlos bewerten und benoten.

Wir Menschen kommen nahezu hilflos auf die Welt. Das Entscheidende, was uns am selbstbestimmten Leben hindert, ist jedoch die erlernte Hilflosigkeit, die sich daran anschließt. Schon früh im Leben lernen wir, dass es für jedes Problem, für jede An- und Herausforderung jemand anderen gibt, der sie löst. Zuerst Eltern und Lehrer, dann Politiker, Unternehmer, Ärzte, die Pharmaindustrie – und nicht zu vergessen der allumfassende Konsumapparatschik, der jedes erdenkliche menschliche Bedürfnis befriedigt, bevor es entstanden ist. Wenn wir mit irgendetwas nicht weiter kommen, wird es immer jemanden geben, eine Hotline, eine Wahrsagerin, eine Homepage, einen Berater, eine Lehrerin, einen Vorgesetzten, der es besser kann und weiß; jemanden, der für das gesamte Setting verantwortlich ist. Jemanden, dem ich ein ungelöstes Problem weiterreichen kann.

Die Digitalisierung kann ich aber nicht weiterreichen. Ich muss mich auf den Weg ins Ungewisse machen. Am besten mit einer Hand voll Gleichgesinnter zusammen. Komme, was wolle.

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