Dasein und Zuhören

SINNsorger

Immer öfter lesen wir in der Zeitung am Ende eines Artikels über einen Unglücksfall: «Es war ein Careteam im Einsatz.» Seit einigen Jahren bin ich Mitglied im CareTeam des Kantons Zug und seit gut einem Jahr bin ich sein Fachlicher Leiter.

Ein Careteam und sogenannte Caregiver kommen dann zum Einsatz, wenn Menschen eine akute Belastungssituation erleben, die sie momentan überfordert und sie vielleicht sogar längerfristig belasten könnte. Diese sogenannte traumatische Erfahrung lässt sich etwas vereinfacht zusammenfassen mit: «zu viel, zu schnell, zu plötzlich».

Die zu betreuenden Menschen erleben also etwas Aussergewöhnliches und reagieren daher oft auch aussergewöhnlich. Sie stehen inder akuten Belastungsreaktion „neben sich“. Das kann die Betroffenen sehr verunsichern. Sie stellen sich auf Grund ihrer Reaktionen oft selbst in Frage.

Die Aufgabe der Caregiver besteht darum vor allem darin, die Menschen in dieser Situation nicht allein zu lassen und die Betreuten zuhörend zu begleiten. So können sie formulieren, was…

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Geh mir doch weg mit dieser Innovation!

Was ist eigentlich eine Innovation? Was ist innovativ? Woran erkenne ich innovatives Sprechen, Handeln? Einen innovativen Menschen? Womöglich habe ich ja weder Zeit noch Geld, um pseudo-initiativen Propheten auf den Leim zu gehen. Vielleicht bin ich eher der misstrauische Typ, der sich immer dann ans Portemonnaie fasst, wenn sein Gegenüber anfängt, über Innovationen zu plaudern. Vielleicht sehne ich aber auch seit Längerem eine herbei?

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In den Köpfen sehr vieler Menschen entsteht das Neue jedenfalls im Alten und aus ihm heraus. Und es muss rentieren. Am besten schon bevor wir investieren. Es ist klar: was am Ende vom Band rollt, muss erfolgreich sein.

Die innovative Art, innovativ zu sein

Dann gibt es aber auch eine andere Art, innovativ zu sein. Ich nenne die Mal etwas verwegen die innovative Art, innovativ zu sein. Die hat sehr viel mit Unvorhersehbarkeit zu tun. Mit scheinbaren Zufällen, mit bewusst gewählten Umwegen, mit unzähligen Kombinationen, Anläufen, mit Serendipity, mit Vorschüssen & Vertrauen – und mit wenig Kalkulierbarkeit.

Hier entsteht das Neue nicht aus dem Alten. Das Alte wird auch nicht durch Innovationen weiterentwickelt. Es wird alles anders. Das Neue macht das Alte überflüssig. Innovatives „Banking“ ist bald nicht mehr auf Banken angewiesen – und die Banken wissen das auch. Deshalb werden sie zunehmend nervös. „Bildung und Lernen“ finden zukünftig nicht mehr in Klassenzimmern statt, sondern über all dort, wo und wenn Menschen anfangen zu lernen und sich zu bilden. Das macht Lehrern Angst.

Mazda wirbt mit dem Slogan: „Andere bauen neue Autos. Wir bauen Autos neu.“ Hier scheinen die beiden unterschiedlichen Formen der Innovation sichtbar zu werden: „Neue Autos“ sind wie die alten Autos, mit dem Unterschied, dass sie im Moment halt (noch) neu sind. „Autos neu bauen“ geht da schon einen Schritt weiter. Zumindest rhetorisch. Und trotzdem: auch wenn man Autos neu baut, kommen am Ende wieder Autos dabei raus. Das „innovative Auto“ hingegen ist womöglich keines mehr – auch wenn es optisch seinem Vorgänger noch gleichen mag. Alles andere ist anders, denn in Zukunft werden wir zwar immer mehr Mobilität brauchen, aber aus genau diesem Grund keine „Autos“ mehr. Diese Art der Innovation optimiert nicht mehr, sie ist disruptiv.

Disruptive vs. inkrementelle Innovation

Wenn Innovatives im Herkömmlichen zu Optimierungen des Herkömmlichen führt, sprechen wir von inkrementeller Innovation. Hier bleibt alles beim Alten, und das Alte verbessert sich. Von disruptiver Innovation sprechen wir dort, wo bestehende Technologien, „ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt werden“. Hier wird Unsicherheit als Ressource interpretiert und eingesetzt. Innovatoren sorgen für einen Überschuss an Möglichkeiten, sie ziehen Komplexität an und ermöglichen sie.

„Disruptive Innovation“ bedeutet nicht, dass wir von jetzt auf gleich alles verändern, so wie „Innovation“ heute nicht mehr heißt, dass „wir etwas mit uns tun, was neu ist“, oder dass wir „etwas einführen, das neu ist“. Innovation ist ein komplexer Vorgang, ist ein Prozess, der in immer steileren Entwicklungskurven und in immer höheren Amplituden vor sich geht. Je mehr strukturellen Ballast ich mit mir herum trage, je mehr „Kultur“ in meiner Organisation ein „harter Kern“ ist, umso mehr hänge ich diesen Innovations-Bewegungen hinterher oder werde einfach mitgerissen, rausgespült, damaged.

Innovation findet eh statt – aber wer fährt mit?

Der Fokus von Innovation richtet sich heute nicht mehr auf ein Subjekt, das Innovationen hervorbringt und entwickelt, und auch nicht auf ein Objekt, welches dann Innovationen anwendet, sie ein- oder umsetzt, also in Bestehendes implementiert. Innovation ist ein anderes Wort, ein Synonym für Veränderung und Entwicklung. Sie wird nicht ein- oder ausgeschaltet, budgetiert oder beschlossen, gefördert oder gehemmt. Sie findet statt. Sie ist ein Bewegungsmuster, das alle gesellschaftlichen Räume erfasst hat: Ökonomie, Kultur, Politik und Bildung.

Innovation bezieht sich heute direkt auf die Kontexte und Korrelationen selbst, die in Bewegung gekommen sind. Sie meint nicht „etwas“, das mit diesen Kontexten und Korrelationen geschieht, also quasi auf diese von irgendwo her einwirkt, sondern etwas, das sich in ihnen abspielt und zu ständigen Veränderungen, Anpassungen und neuen Bewegungen führt: Das Netz ist die Kommunikation, das Team ist die Struktur.

Nicht indem ich in irgendwelchen Absichten auf Prozesse von außen einwirke, findet in denen dann eine gerichtete Entwicklung statt, sondern die Entwicklungen, die sich in diesen Prozessen abspielen, verändern die Prozesse und damit die Korrelationen und die Kontexte.

Innovation verändert nicht irgendetwas. Sie ist die Veränderung.

Warum digitale Empörung keine Probleme löst. Ethische Bildung hingegen schon.

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Ich vermute, wir müssen Unternehmen, deren wirtschaftlicher Erfolg durch die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur zu Stande kommt, gar nicht boykottieren – auch wenn wir in sozialen Medien ständig dazu aufgefordert werden. Wir müssen ihr Handeln auch nicht digital disliken, uns nicht über sie empören, und das dann teilen und kommentieren. Es würde womöglich völlig ausreichen, ihre Produkte nicht zu kaufen.

Boykott ist nicht Handeln

Wie komme ich darauf? Zwar nähren Boykottaufrufe moralische Bedürfnisse wie Entrüstung und Empörung, aber sie verändern das nicht, worauf sie mit dem Finger zeigen. Empörung bindet zwar moralische Energie, aber dadurch absorbiert sie lediglich den Handlungsdruck und täuscht bei mir das Gefühl vor, etwas Gutes getan zu haben. Hab ich aber nicht.

Mit den rituell verbreiteten Entrüstungsimpulsen verhält es sich wie mit Pawlows Hund: Der Reiz löst den Hunger aus, aber er stillt ihn nicht. Im Gegenteil: Die Art und Weise, wie wir in den sozialen Medien moralisch unterwegs sind, führt zu einem um sich greifenden Ausbleiben moralisch angemessenen Handelns. Es bleibt beim ausgelösten Empörungsreiz, der durch einen Klick gestillt wird: Gefällt mir, gefällt mir nicht. Teilen. Es ist dann für uns so, als hätten wir etwas gegen ein Elend getan. In Wirklichkeit verstärken wir es aber dadurch, dass wir lediglich unserer Empörung Luft machen – statt etwas dagegen zu tun. Die einzig wirksame Möglichkeit, in diesen Zeiten der virtuellen und impotenten Empörungskultur etwas gegen ein Produkt zu tun, ist – es nicht zu kaufen.

Kleidung, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Schwellenländern hergestellt wird. Fleisch, das aus Tieren gemacht wird, die unter katastrophalen Lebensbedingungen gehalten werden. Produkte, deren Herstellung, Handel, Vertrieb, Verbrauch und Entsorgung zu einem entsetzlichen ökologischen Fußabdruck führen.

Ethische Bildung fördert gutes Handeln

Und wenn wir im Ernst wollen, dass immer mehr Menschen durch bewusstes, entschiedenes und selbstverantwortliches Handeln Einfluss nehmen auf das, was auf welche Weise produziert und verkauft wird, indem sie dieses kaufen und jenes nicht, dann brauchen wir eine radikal andere Bildung. Dann brauchen wir Schulen, die aufhören junge Menschen entscheidungsmüde zu machen und sie in ein Lebensgefühl hinein gewöhnen, dass sie „eh nichts ändern könnten“ durch ihr Handeln (weil das System immer Recht hat und am längeren Hebel sitzt). Wir brauchen dann Schulen, die Menschen ermutigen, schonungslos kritisch zu denken und Hierarchien zu (hinter-)fragen. Angefangen bei den fruchtlosen Ritualen traditioneller Wissenslogistik, über den schulischen Selektionsfetischismus bis zur Bulimiepädagogik: Stoff reindrücken, bei der Prüfung unverdaut herauswürgen – und wieder von vorne.

Wir brauchen dann nicht einfach „bessere Politiker“ und „moralischere Unternehmen“ sondern Schulen, die sich auf ethische Bildung  verstehen.

Schule könnte eine Einladung & Befähigung sein, mit Freude hellwach unterwegs zu sein: Das Potenzial unseres menschlichen Geistes, unsere Fähigkeit zu Empathie und die modernen Technologien zusammen zu bringen, um gemeinsam diese Welt aktiv umzugestalten. Statt sich der moralischen Masturbation hinzugeben.

Hör auf mich zu führen!

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Neulich wurde ich gefragt, ob ich mir eigentlich darüber im Klaren sei, dass meine intellektuelle, kluge und versierte Art zu kommunizieren, Menschen auch verwirren und verunsichern kann – gerade, wenn es Mitarbeiter von mir sind. Oder Mitarbeiterinnen. Ob ich mir vorstellen könnte, dass ich mit meinem Auftreten anderen Angst mache.

Mir fiel dann diese Metapher ein:

Ein Mensch, der mit seiner Angst vor dem Wasser am Ufer steht und sich nicht hinein traut, lernt nicht dadurch schwimmen, dass ich damit aufhöre, wenn er mich schwimmen sieht.

Er oder sie findet aber womöglich auch dann nicht den Weg ins Wasser, wenn ich ihn oder sie zu überzeugen versuche, doch ins Wasser zu kommen, weil das so schön ist. Er oder sie braucht mich womöglich nicht als strahlendes Vorbild, als vorbildlichen Schwimmer, um selbst eine oder einer zu werden – weil er oder sie gar nicht schwimmen möchte.

Womöglich muss ich also als Führungsperson kein sensibler und umsichtiger Schwimmlehrer sein, der Mitarbeitende an der Hand nimmt.

Die Fragen, die ich stattdessen stellen möchte, sind: muss der Mensch mit der Angst vor dem Wasser schwimmen lernen? Ist das sein oder ihr Element? Ist dieser Mensch „am richtigen Ort“, und ist die Perspektive des tollen Schwimmers und der tollen Schwimmerin wirklich die seine oder die ihre?

Wenn diese Fragen einmal gestellt sind, dann könnten wir anschließend gemeinsam aus dem „Entweder-Oder-Modus“ aussteigen: Entweder ins Wasser oder am Ufer bleiben.

Wir könnten uns gemeinsam fragen: Wo ist der Ort, an dem du dich wohl fühlst? Was ist es, das du kannst bzw. gerne können möchtest? Oder noch besser? In was möchtest du dich vertiefen, stürzen? Was wäre denn dein Element? Was brauchst du, um dich so lebendig zu fühlen wie ein Fisch im Wasser?

Das ist meine Vorstellung von Führung. Und meine Praxis:

Mitarbeitende in diesen Prozessen zu begleiten – um für sie einen guten und richtigen Ort in der Organisation zu finden, an dem sie wirken können – und dadurch wie nebenbei auch für uns als Organisation einen großen Nutzen erwirtschaften.

Die Angst vor dem selbstorganisierten Lernen

Eine exzellente Replik!

Schule und Social Media

Social Media oder allgemeiner die Abbildung von Prozessen mit digitalen Werkzeugen wirft Fragen auf, die tiefer greifen als die Nutzung von Snapchat oder die Datenschutzeinstellungen bei Facebook. Gerade im Zusammenhang mit Bildung werden meiner Meinung nach Probleme erkennbar, die es schon lange gibt – zu deren Bearbeitung aber bislang der Mut, der Wille oder die Werkzeuge gefehlt haben.

In einem Beitrag auf dem VHS-Blog stellt Tobias Schwarz etwa die Existenzberechtigung von Lerninstitutionen generell infrage. Er betont die Bedeutung von Vernetzung und Autodidaktik – auch aufgrund seiner eigenen Lern- und Arbeitserfahrungen:

Heutzutage lernt man nicht mehr nur für eine Arbeit, sondern in Zeiten des Wandels vor allem während der Arbeit. […] Nach dem Studium der Politikwissenschaft habe ich als PowerPoint-Designer für ein Beratungsunternehmen gearbeitet. Alles was ich dafür können musste, habe ich innerhalb von zwei Wochen beigebracht bekommen, danach in der Praxis vertieft und so meine Fähigkeiten stets verbessert.

Was er beschreibt…

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Im Bann des Zertifizierungs-Fetischismus. Wie der Bildungsmarkt seine Kunden um ihre Kompetenzen bringt.

zertifikat

Der Bildungsmarkt ist quasi-monopolistisch organisiert – durch das System der Zertifizierungen. Diese bestimmen sowohl darüber, was gelehrt wird, als auch darüber, wer lehren darf, als auch über die Abschlüsse, die die Klienten erwerben. Nicht aber darüber, was diese am Ende eines Kurses tatsächlich können. Und genau darum müsste es ja gehen. Wie kommt’s?

Zertifizierungen haben den Zweck, Zugänge zu regulieren. Auf einem mit Angeboten völlig überschwemmten Markt sind sie eine wunderbare Möglichkeit, sich als Anbieter über Wasser zu halten.  Letzten Endes dient Zertifizierung also vor allem dem Selbsterhalt des Systems. Dr. Anja C. Wagner stellt im Interview fest: „Wir haben es vor allem der Personalabteilung von Google und deren internen Big Data-Analysen zu verdanken, dass wir heute validiert (!) einen Zusammenhang zwischen Abschlüssen und Performance innerhalb des Berufs ausschliessen können. Geahnt haben wir es schon immer – jetzt führt kein Weg mehr daran vorbei.“

Es ist wie bei beim Boxkampf. Am Vorabend des Turniers müssen alle auf die Waage. Nur wer innerhalb der Gewichtsgrenzen liegt, darf in den Ring, ist also „zertifiziert“. Was er dann im Ring bietet, entscheidet sich aber nicht auf der Waage. Deshalb: Zertifizierung kann nicht Qualität garantieren sondern nur  Zugänge regulieren.

Kunden in der Zwickmühle

Der Arbeitsmarkt kommt im Moment stark in Bewegung. „Arbeit“ beginnt sich neu zu definieren. Sie wird sich in den kommenden Jahren völlig verändern: Wie wir arbeiten, wo und mit wem und für welches Geld. Dabei steht eines jetzt schon fest: Wir werden am Arbeitsmarkt vor allem aufgrund unserer Kompetenzen gefragt sein, weniger aufgrund von Zertifikaten.

Das bringt die Kunden der Bildungsindustrie in eine schwierige Lage: Ihre Weiterbildungsbudgets stehen nämlich ständig auf der Kippe. Nicht zuletzt deshalb, weil Arbeitnehmer und Arbeitgeber den tatsächlichen Zuwachs an Kompetenzen durch Weiterbildung nicht wirklich benennen können. Deshalb hoffen sie umso mehr auf die „Wirksamkeit“ des Zertifikats: Es soll zu mehr Lohn und Arbeitsplatzsicherheit führen. Für deine berufliche Zukunft ist also im Moment nicht entscheidend, welche Kompetenzen du aufgrund einer Weiterbildung vorweisen kannst, sondern ob du mit einem Zertifikat winken kannst. Das ist zwar völlig widersinnig, aber es funktioniert hervorragend. Bisher.

Jetzt, wo die Arbeitsmärkte und Arbeitgeber immer lauter nach konkreten Kompetenzen rufen, wird dieser Widersinn erst so richtig sichtbar: Der Zertifizierungs-Fetischismus verhindert eine wirksame Ausbildung von Kompetenzen. Warum? Weil die Zertifizierungskultur eine formalisierte Regulierungskultur ist, die nicht auf Kompetenzen achtet, sondern auf Qualifizierungen starrt.

Der doppelte Betrug

Schon heute spüren immer mehr Menschen, dass ihnen traditionelle Aus- und Weiterbilder nicht  vermitteln, was sie brauchen. Aber wo sonst sollten sie es sich holen?

Umso schlimmer ist es deshalb in meinen Augen, dass in den nächsten fünf bis zehn Jahren die Zahl der Menschen noch einmal massiv zunehmen wird, die zwar bis an die Zähne zertifiziert sind – ohne jedoch über jene Kompetenzen zu verfügen, die ein in seiner Entwicklung unvorhersehbarer Arbeitsmarkt von ihnen fordert. Und das, obwohl wir seit über 40 Jahren und gesichert durch empirische Forschung aus allen Ecken und Schulen wissen, dass Erwachsene 70-80 % ihrer Kompetenzen außerhalb und losgelöst von „zertifizierten Bildungstankern“ erwerben (exzellente Belege dazu gibt es hier).

Dabei gilt die so genannte 70:20:10-Erfahrung bis heute. Das meiste was wir in Beruf und Alltag wirklich brauchen, lernen wir informell. Anschaulich beschrieben wird das hier. Zur „Überschätzung der Institutionalisierung von Kompetenzenbildung“ gibt es hier ein anschauliches Video. Sinn, Wert und Nutzen von Weiterbildung, die Menschen zu Bildungszwecken aus ihren realen Arbeitskontexten herauslöst und in Präsenzformaten mit der Vermittlung von Wissen okkupiert, sind erwiesenermaßen ineffizient und ineffektiv. Wenig ist im Bildungssektor besser erforscht, als diese Zusammenhänge. Siehe hier.

Höchste Eisenbahn

Es wird nicht mehr lange dauern, bis diejenigen, die ihr Geld in klassische Formate der Weiterbildung investieren, längst fällige Entscheidungen treffen und ihre Weiterbildung in die eigene Hand nehmen. Unternehmen und Arbeitnehmer sind nämlich darauf angewiesen, dass sie auf wirksamen Wegen jobrelevante Kompetenzen entwickeln. Die betriebliche Weiterbildung geht hier bereits vielerorts erfolgreiche neue Wege, während die Anbieter beruflicher Weiterbildung im großen Stil am Bestehenden festhalten.

Zukünftig werden immer mehr Kundinnen und Kunden vor allem in solche Weiterbildungen investieren, die einen realen, sichtbaren und spürbaren Nutzen bewirken. Die gute Nachricht ist: Solche Konzepte gibt es schon. Sie werden bereits erfolgreich praktiziert: Das „social workplace learning“ ist eine besonders wirksame und finanziell äußerst attraktive neue Form der Bildung und Weiterbildung. Auch im deutschsprachigen Raum, wie hier nachgelesen werden kann.

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Vom guten Entscheiden, oder: Wir müssen dringend etwas tun. Am besten, wir tun besorgt.

„Audiatur et altera pars“ lautet ein Grundsatz der antiken römischen Rechtskultur, der unsere Gemeinwesen bis heute prägt. Er besagt: Es werde in jeder Streitsache immer auch die andere Seite gehört. Immer sowohl die eine, als auch die andere. Entscheidungen können nur als gute fallen, sagt der Grundsatz, wenn die alternativen Ansprüche und Positionen gehört wurden. Sowohl die der Gegnerinnen, als auch die der Befürworter. Sowohl die der Bewahrer also auch die der Innovatorinnen. Immer mit dem Ziel, gut zu entscheiden.

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Quelle: kanzlei-paprotta.de

Wir wissen zwar auch dann nicht, ob wir richtig entscheiden werden, wenn alle Betroffenen gehört sind. Ein Rest Unsicherheit ist die Bedingung jedes Entscheidens. Aber wir werden in jedem Fall besser entscheiden als dort, wo Interessen nur einseitig einbezogen werden. Dieses Prinzip bildet bis heute eine Grundlage vieler Rechtssysteme.

Gute Entscheidungen fördern

Dieses „sowohl als auch“, das so alt ist wie die Menschheit, verfolgt das Ziel, zu angemessenen Entscheidungen zu kommen. Es will im Sinne eines allgemeingültigen Prinzips gute Entscheidungen ermöglichen und fördern. Es rechnet mit der uralten Erfahrung, dass alles, was aus einer allseitig akzeptierten Entscheidung an konkretem Handeln folgt, und dass alles, was auf ihrer Grundlage von Neuem entschieden wird, einen umso positiveren Möglichkeitsraum für alle Beteiligten öffnet, als diese entsprechend gehört wurden. Darin liegt der Sinn von „Audiatur et altera pars“: Entscheidungen, die unter Einbezug aller von ihr Betroffenen gefällt werden, schaffen nachhaltige soziale Handlungs-, Spiel- und Entfaltungsräume.

Gute Entscheidungen verhindern

Eine degenerierte Form dieses wertvollen Grundsatzes ist das „weder noch“. Hier ist aus dem Ermöglichungsprinzip eines „sowohl als auch“ ein Verhinderungsprinzip im Sinne von „weder noch“ geworden. Weil sowohl das Eine („Bewahren“) als auch das Andere („innovativ sein“) eine Berechtigung hat, und weil ein partielles Interesse aus der einen Partei („einerseits“) umgehend ein Interesse der anderen tangiert und einschränkt („andererseits“), entwickelt sich – der aus der Verhaltensbiologie bekannten „Übersprungshandlung“ verwandt – eine energetische Pattsituation, in der nicht mehr entschieden werden kann, weil ja dann nicht mehr alle Seiten berücksichtigt wären. Alle Seiten zu berücksichtigen, wird dann kurzerhand als unmöglich erklärt, um daran anschließend entweder dezisionistisch oder erst Mal gar nicht zu entscheiden.

Wenn Gegner beginnen sich heimisch fühlen

Was in diesem nicht selten auftretenden Patt übersehen wird, ist der tiefere Sinn des „audiatur et altera pars“. Dessen Zweck liegt darin, Handlungsräume sichtbar zu machen und sie zugleich für alle Beteiligten zu öffnen. Das Prinzip des „audiatur“ erlaubt den Involvierten, im „Prozess eines Prozesses“ Szenarien zu entwickeln, Folgen von Entscheidungen durchzuspielen, sich mit ihnen anzufreunden. Eine auf diesen Wegen und in diesem Sinne gefällte Entscheidung ermöglicht den Involvierten, sich in ihr „heimisch“ zu fühlen, sie als eine von zwei oder mehreren involvierten Parteien und zugunsten einer gemeinsamen Sache für sich zu bejahen und zur Grundlage ihres zukünftigen Handelns zu machen.

Der Chef muss entscheiden!

Die degenerierte Form des „weder noch“ hingegen macht die gegensätzlichen Positionen zwar ebenfalls „hörbar“. Es verharrt dann aber in dieser Funktion des Hörbarmachens und betont ganz im Sinne eines Mantras immer dann, wenn sogar schon die Konfliktparteien nach einer Entscheidung rufen, dass wir nach wie vor und immer wieder sowohl auf die eine als auch auf die andere Seite hören müssten, weil ja wichtig ist, dass beide Seiten gehört werden. Auf diese Weise degeneriert das „sowohl als auch“ als Vorbereitung auf breit abgestützte Entscheidungen zu einem „weder noch“, das die Aufgabe hat, Entscheidungen, wenn nicht zu verhindern so doch hinauszuzögern und zu erschweren, um sie dann nicht selten autoritär und einseitig zu fällen – „den Umständen geschuldet“, die aber durch das „weder-noch-Konstrukt“ erst geschaffen wurden. Schlau, nicht wahr?

Die degenerierte Form des „Audiatur et altera pars“ hat also nicht zum Ziel, gute Entscheidungen zu fällen. Zweck ist, den Willen und die Fähigkeit der Involvierten, an Entscheidungen mitzutragen, nachhaltig zu schwächen. Nicht die Absicht, zu einer guten Entscheidung zu kommen, ist länger das Motiv dafür, immer auch die Gegenseite hörbar zu machen, sondern weil die Entscheidung „woanders“ fallen soll, wird die Gegenseite zu eben diesem Zweck referiert. Das „sowohl aus auch“ mündet in ein „weder noch“. Wir können weder so entscheiden noch so, weil ja sowohl dieses gilt als auch das. Also braucht es jetzt den Chef! Der gibt auch umgehend die Parole aus: „Wir müssen dringend etwas tun. Am besten wir tun besorgt.“

Aus dem unbefriedigenden und frustrierenden Zustand des als „sowohl als auch“ verkleideten „weder noch“, wird ein sarkastischer Appell zum Verharren, zum engagierten Abwarten, zum solidarischen Zuschauen. Durch einem Hauch von Betroffenheit und Dringlichkeit wird Sorge dafür getragen, dass der Eindruck eines Handelns entsteht. Dabei wurde das Tätigkeitswort „tun“ vom Sprecher kurzerhand in eine Adverbialfunktion geschickt. Das Tun wird fürderhin dazu verwendet um ein Nicht-Tun zu beschreiben. Immerhin: als ein besorgtes.

Ist das jetzt gut oder schlecht?