Die Moral: Ein räudiger „Blog-Buster“?

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Im 21. Jahrhundert ist die Heterogenität der Weltbilder, Moralen und Werte Realität. Zumindest im deutschsprachigen Raum. Dazu zählen für mich Stichworte wie der Wegfall des legitimierenden Charakters der großen Erzählungen (religiöser, nationaler oder politischer Herkunft) und die weitgehende Säkularisierung der Gesellschaftsentwürfe. Die Entkopplung des Religiösen vom öffentlichen Diskurs und seine Verlagerung ins Private, der Paradigmenwechsel von einer institutionell verantworteten und geprägten Religiosität zu einer individualisierten Glaubenshaltung.

Hate Speech statt Kommunikation

Nirgendwo sind Indifferenz, Eigenmächtigkeit und Willkür stärker im Kommen als in Sachen Moral. Einerseits werden überall ethische Forderungen aufgestellt. Sie sind in politischen Programmen zu lesen, sie werden auf Fahnen geschrieben und in den sozialen Medien ritualmäßig verbreitet. Forderungen nach Frieden, Transparenz, nach ökologischem Wirtschaften, nach gerechter Ökonomie, nach Anerkennung von Lebensformen aller Art, nach Gleichwertigkeit der Rassen und Geschlechter. Zwar treibt die postmoderne, sich als globalisiert titulierende westliche Gesellschaft diese Themen in einer endlosen Prozession lautstark vor sich her. Andererseits bleibt bei diesem Geschrei etwas ganz Wesentliches auf der Strecke: Die ethische Aufwertung individuellen und institutionellen Handelns. Ethik und Moral haben sich zu einer Art „blog buster“ entwickelt. Sie sind wahre Gassenhauer geworden, die in den Foren des Internets verwurstet werden zu einem über weite Strecken unreflektierten Handgemenge moralischer Entrüstungen, in dem vor allem niedere Bedürfnisse befriedigt werden: verbal um sich schlagen, beleidigen, nach Endlösungen jeglicher Art rufen, Schuldzuweisungen formulieren, an den Pranger stellen, entlarven, bloßstellen u.v.m.

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Hate Speech

„Werte einfordern” war schon immer ein urmoralisches Anliegen. Moral verpflichtet Menschen auf ein bestimmtes Handeln. Das ist ihre Funktion. Heute ist daraus ein „Volkssport” geworden: nach abendländischen, nach christlichen Werten zu rufen, die „einzuhalten” seien, zu verwirklichen – gegenüber anderen Werten, die als Konkurrenz, als Ent-Wertung erlebt werden. Solches Zetern zeugt von tief moralischen Reflexen, die allerdings zu einem Traktandum auf einer ritualisierten und medialisierten Agenda mutiert sind. Kulturgenetisch verändert zu „Blog-Bustern”. Moral ist ein Blog-Buster. Je größer die Empörung, umso höher die Klickrate. Wellenartig bewegt sich diese Prozession fort und im Kreis.

Ich hätte gerne eine ethische Diskussion angezettelt zu der Frage, woran es liegt, dass es immer schwerer wird, sich längere Zeit für eine Sache zu begeistern, dass es immer schwieriger wird, Krisen durchzuhalten, dass immer mehr Menschen im Spiegel der Mediengesellschaft sich selbst als die eigentliche Krise begreifen, die es ständig zu bewirtschaften gibt. Woran liegt es, dass junge Menschen sich schwertun, in ihrem Leben eine Orientierung zu finden, die den Namen verdient? Oder finden sie ganz einfach nicht die Orientierung, die ihre Erzieher gerne für sie hätten?

Double Bind Botschaften als Normalzustand

Die Gesellschaft will, dass junge Menschen ehrgeizig sind, andererseits sollen sie aber auch rücksichtsvoll sein. Eltern und Lehrer sollen zur Begrenzung erziehen, aber überall wird „Schrankenlosigkeit” gepredigt. Der Konsum wird ja nicht weniger, es wird ihm lediglich eingeredet, er müsse fairer sein und „bio”. Die Familie soll Menschen bindungsfähig machen (aufgrund welcher Ressourcen?), während Bindungslosigkeit immer mehr zum Ideal wird. Reife soll ein Erziehungsziel sein, aber der Alltag ist bestimmt vom Jugendlichkeitswahn. Die Kinder sollen geistige Neugierde entwickeln, aber der Bilderstrom der Medien ertränkt jedes Geheimnis.

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Shop until you drop, by Banksy

Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Normen und Werte, an denen sich die Mehrheit einer Gesellschaft orientieren und ausrichten würde. Es gibt keinen selbstverständlichen Konsens über selbstverständliche Werte, die alle Menschen in meinem Lebensumfeld voraussetzungslos für sich bejahen würden.

So mancher Zeitgenosse beruft sich auf die Aussage, dass früher alles besser war. Aber das ist nun wirklich ein kurzsichtiges Statement. „Besser” meint hier allenfalls „übersichtlicher” und weniger komplex. „Früher“ wurde den Menschen einfach klipp und klar gesagt, wo es langgeht. Aber das ist auf dem Hintergrund allein schon der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts nicht wirklich erstrebenswert: dass andere mir sagen, was ich zu tun und zu lassen habe. Ich denke, wir müssen heute einen anderen Weg einschlagen – gerade in Fragen der ethischen Bildung.

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Früher war alles besser!

Auf diesem Hintergrund schlage ich vor, den Begriff und die Sache des Wertes neu ausbuchstabieren und zwar so, dass klar wird, worum es hierbei geht: um ein reziprokes für-wert-halten des Gegenübers in einem ausbuchstabierten Dialog, in gemeinsam gestalteten Interaktionen, in Wellen des aufeinander Achtens. Wer für sich selbst sorgen kann, sorge (auch) für andere. Der andere zuerst für sich selbst, oder: Trau keinem Nackten, der dir ein Hemd schenken will.

Woran erkennt ein junger Mensch, ob und dass er sich in einer Gemeinschaft oder Gruppe bewegt, in der eine lebendige Form der Wertevermittlung in diesem Sinne praktiziert wird?

Zuerst: Werte leben. Dann drüber reden.

Daran, dass er oder sie dort auf Menschen trifft, die sich mit ihm und ihr ernsthaft beschäftigen und auseinandersetzen. Nicht um sie von etwas zu überzeugen, sondern um ihnen die Möglichkeit zu geben, sich selbst in diesen Auseinandersetzungen immer besser zu verstehen. Menschen, die zuhören, wenn er oder sie in welchen Formen auch immer von seinem und ihrem Leben und von seinen und ihren Erfahrungen erzählt, von ihren Sorgen, Nöten und Freuden. Ganz banal. Menschen treffen auf Menschen, die sich einander anvertrauen.

Weil ich Offenheit vorfinde, werde ich selbst offener und kann mich gegenüber Anderen öffnen. Ich kann mit diesen Menschen streiten, weil meine eigene Meinung zählt, nicht weil sie nicht zählt. Nach einem Streit ist Versöhnung möglich. Das bedeutet: Es gibt keine Verlierergefühle, die nicht aufgehoben werden könnten zugunsten eines nächsten Entwicklungsschrittes. Wir nützen einander nicht gegenseitig für unsere Zwecke aus, sondern es waltet eine Kultur der Transparenz und des gegenseitigen Respekts, die freie Entscheidungen ermöglicht. Auf diese Weise werden die entscheidenden moralischen Werte nicht nur verwirklicht, sondern vermittelt – in einem gelingenden Miteinander.

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Oder das Ergebnis davon?

Der oberste Wert ist meines Erachtens ein gelingendes Miteinander, das heute und in Zukunft ständig neu ausgehandelt werden muss. Das gelingende Miteinander ist bereits ein unersetzlicher Wert – vor allen Dingen in der heutigen Zeit. Es ist die Bedingung dafür, dass einzelne Menschen sich als solche entfalten, sich quasi „individualisieren” können, um auf dieser Spur das Miteinander voran zu bringen. Das setzt erneut schrecklich Banales voraus: Miteinander das Leben zu teilen, also: gemeinsam zu essen, gemeinsam die Freizeit zu gestalten, gemeinsam Feste zu feiern. Der anderen zu zeigen, wie wichtig sie für uns ist, ihr unseren Respekt erweisen über alle Verschiedenheit .

Um solche Ziele zu erreichen, müssen Bildungsinstitutionen wie Schulen neue Räume schaffen, Oasen der Begegnung, der Stille und der Ruhe, damit Menschen miteinander ins Gespräch kommen können. Sie müssen solche Formen des Miteinanders pflegen wie junge Pflanzen. Die Sprache pflegen, die Gefühle pflegen – im Sinne einer emotionalen Reife. Miteinander still sein anstatt sich gegenseitig anzuschweigen. Den anderen mit einem Blick auszeichnen, statt ihn oder sie zu durchbohren. Eltern und Lehrer müssen sich auf sehr praktische und folgenreiche Weise bewusst sein, dass sie die ersten und entscheidenden Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind – in einem wertorientierten, auf Gegenseitigkeit beruhenden „Dialog der Menschwerdung”. Ein Dialog, in dem Scheitern nicht verboten ist, sondern eine Erfahrung, die durchlebt und reflektiert werden muss.

Dieser Blog-Beitrag ist ein Ausschnitt aus meinem aktuellen Buch. Mehr dazu finden Sie hier:

 

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Quelle

 

Was die Digitalisierung mit gemeinsamen Visionen zu tun hat

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Die beiden Starfiguren im Film „Zurück in die Zukunft“: Marty McFly und Doc Brown – hier abgebildet auf einer Wandmalerei. (Quelle)

Wir haben Angst vor der Digitalisierung. Wir hoffen, dass der Kelch an uns vorübergeht. Wir fühlen uns überfordert: von der neuen Technik, dem Tempo und vor allem von den Konsequenzen. Deswegen stellen wir uns tot. Reden uns ein, dass das alles nur ein Hype ist. Aber es wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Deshalb brauchen wir jetzt vor allem eines: Eine gemeinsame Vision, wie wir in Zukunft leben wollen. Wie wir zusammenleben wollen. Aber langsam und der Reihe nach:

Die Digitalisierung sorgt zunehmend für Unsicherheit und Bangen. Es ist wie auf einem Langstreckenflug, wenn uns der Kapitän vor heftigen Turbulenzen warnt und uns bittet, angeschnallt zu bleiben. Dann harren wir unbewegt der Sturmfront, es schüttelt uns ordentlich durch – und es wird schon gutgehen.

Mein Eindruck ist, dass sehr viele Verantwortliche in Bildung & Arbeit die Digitalisierung in etwa so einschätzen: Als aufziehende Sturmfront, als heftiges Schütteln, das vorbeiziehen wird.

So ist sie aber nicht. „Digitalisierung“ steht nicht für einen vorübergehenden Trend, sondern für eine komplette Veränderung der Art und Weise, wie wir in Zukunft leben werden: Wie wir unseren Alltag gestalten, wie wir miteinander kommunizieren, wie wir arbeiten, lernen, unterwegs sind. Wie wir uns organisieren, wie wir bezahlen, kochen, essen, einkaufen. Wie wir medizinisch versorgt werden. Wie wir sind.

Wir stecken bereits mittendrin in diesen Veränderungen. Dass wir „so wenig davon merken“, hat mit der Digitalisierung selbst zu tun. Sie funktioniert vor allem im Hintergrund. Sie ist nicht laut, wie das Zeitalter der ersten industriellen Revolution. Sie ist für unser Auge beinahe unsichtbar, weil sie keine Fabriken baut, sondern weil sie diese kleiner macht, und häufig überflüssig. Weil sie alles, was mit Produktion zusammenhängt, auf den ganzen Planeten verteilt. Denn ein wesentliches Merkmal der Digitalisierung ist: Sie dezentralisiert. Alles.

Und sie erhöht das Tempo. Unmerklich und überall. Bestellen, Buchen, Entscheiden, Produzieren und Liefern: das alles geht schneller, weil die Digitalisierung Wege nicht verkürzt, sondern abschafft – dort, wo es sie nicht mehr braucht. Wenn Drohnen Essen, Bücher und Medikamente liefern, spielen Staus keine Rolle mehr.

Woher kommt die Angst vor der Digitalisierung?

Die einen sagen: Es ist die Angst davor, sich auf technisches Neuland zu begeben. Es ist die Angst vor den Sicherheitsrisiken, und dass „die Menschen“ einfach nicht dafür geschaffen sind, um mit den Freiheiten und Verantwortlichkeiten der Digitalisierung umzugehen. Dann ist noch die Rede vom Sicherheitsbedürfnis „der Menschen“ und von ihrer Sehnsucht nach Einfachheit, Klarheit und starker Führung.

Das sind Ausreden. Sie erklären etwas mit dem, was eigentlich erst noch erklärt werden muss. Es ist ein klassischer, rhetorischer Taschenspielertrick: Die Symptome werden zum Verursacher eines Problems gemacht, das diese Symptome aber erst auslöst. Die Angst vor der Digitalisierung ist nicht das Problem, sondern ein handfestes Symptom. Und Symptome verweisen auf etwas, das tiefer liegt.

Was wir also im Moment vor allem fokussieren, sind Symptome, nicht die eigentlichen Probleme. Klar ist deshalb: Die lösen wir nicht dadurch, dass wir uns totstellen, uns ins Daily Business flüchten oder den digitalen Fortschritt verurteilen und entwerten. Auch das sind Symptome für ein dahinterliegendes Problem.

Warum fokussieren wir so stark auf die Symptome?

Meine These ist die: Unserem sozialen, ökonomischen und bildenden Handeln ist das „Wozu“ abhandengekommen. Feierlich formuliert: der Sinn. Das ist das tieferliegende Problem.

  • Wachstum, Macht, Hierarchie und Karriere verlieren immer mehr an Attraktivität und an Plausibilität.
  • Die klassischen Beziehungsformen von der Familie über die dörfliche oder städtische Gemeinschaft bis hin zu Vorstellungen über „Nationalität“ bröckeln gewaltig.
  • Schule, Hochschule und Weiterbildung bereiten nicht mehr auf „das Leben“ vor und befähigen definitiv nicht mehr zu einer erfolgreichen Teilhabe an Kultur und Ökonomie.

In diesen drei (oder mehr) fundamentalen, gesellschaftlichen Handlungsfeldern ist uns der Blick auf Ziele verloren gegangen. Ziele, die über funktionalistische Begründungen für unser Handeln hinausgehen. Oder präziser: Wir haben die Ziele funktionalisiert. Konkret: In ökonomischen Kontexten ist das Ziel die schwarze Zahl, eine Zunahme an Gewinn, ist Wachstum das Ziel. Aber wozu? Doch ausschließlich „um seiner selbst Willen“. Wachstum ist gut – fertig. Wir fragen nicht, warum das so ist und ob es noch andere Begründungen geben könnte, die Wachstum wertvoll machen.

Ähnlich ist das im sozialen Kontext und in der Bildung: Prozesse müssen schlank, effektiv und effizient sein, sie werden optimiert und verschlankt. Ein guter Schüler, ein guter Mitarbeiter, ein guter Chef, ein gutes Kind – sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie bestimmte Funktionen erfüllen, aber „hinter” diesen Funktionen steht außer dem Moment der Funktionalität selbst kein weiterer Sinn. Es geht ausschließlich ums Funktionieren. Es geht um Reibungslosigkeit. Gute Studierende „benehmen” sich dann so, dass Abläufe nicht gestört werden: Ein Unterricht, eine Prüfung, der Schülerstrom während eine Unterrichtspause. Eine gute Mitarbeiterin zeichnet sich dadurch aus, dass sie „ihre Arbeit macht” und darüber hinaus nicht auffällt, indem sie zum Beispiel krank werden würde. Eine gute Chefin ist die, die den guten Mitarbeiter nicht dabei stört, wie der seine Arbeit macht.

Wie ließe sich begründen, dass durch das (notwendige) Funktionieren von Abläufen der  Sinn von was auch immer noch nicht „erfüllt” ist?

Neue Ziele finden – alte Werte neu entdecken

„Vermehrung“ als Wert kann etwas Anderes sein, als eine rein ökonomische Zielgröße. Vermehrung kann sich genauso gut auf einen Zuwachs an menschlicher Autonomie und Selbstbestimmung beziehen; auf einen Zuwachs an Achtsamkeit auf die Bedürfnisse, Möglichkeiten und Grenzen derer, die sich als Teil einer menschlichen Arbeits- und Lebensgemeinschaft verstehen.

Dann wird die Frage, warum Wachstum und Zunahme wertvoll sind, mit einem Zweck beantwortet, der über das Vermehren selbst hinausgeht – und es mit einem Zuwachs an Lebensqualität begründet. Für alle. Eine gute, große Ernte (an Getreide, Früchten, Gemüse), wird nicht um ihrer selbst Willen angestrebt, auch nicht aus preispolitischen Gründen, sondern weil sie Menschen als biologische Lebensgrundlage dient. „Mehr“ ist gut, weil es unsere Lebens- und Handlungsmöglichkeiten erweitert. „Fülle“ ist in diesem Ansatz kein bloß materieller Begriff, sondern einer mit qualitativen Assoziationen. „Leben in Fülle“ ist dann nicht das „Baden in Geld“, sondern meint eine ganz bestimmte soziale und personale Qualität von Leben. Für alle.

Die Anthropologie klärt uns darüber auf, dass gelingende soziale Beziehungen, und dass ein Mindestmaß an Autonomie und Freiheit zu einem Leben in Fülle beitragen. Auch die Fähigkeit sich selbst zu bilden, sich geistig und emotional weiterzuentwickeln, haben sehr viel mit einem erfüllten Lebens zu tun. „Optimierung“ jeder Art ist dann kein Selbstzweck, sondern sie hat eine dienende und ermöglichende Funktion, um dadurch etwas sehr Menschliches zu verwirklichen.

Diese erweiterten Möglichkeiten und Ziele entwickeln wir aber erst dann, wenn wir um ihren Wert wirklich wissen. Wir entwickeln erst dann Ideen und Motive, die über das funktionalistische Moment hinausgehen, wenn wir solche humanen Ziele formulieren können – aufgrund von Bedürfnissen, die wir bei uns und unseren Mitmenschen erkennen. In dieser Reihenfolge.

Wir beziehen solche Ziele in unser Planen und Handeln mit ein, wenn wir um sie und um ihren Wert wissen.

Visionen als Ausdruck gemeinsamer Ziele

Deshalb brauchen wir gemeinsame Visionen. Gemeinsam entwickelte Vorstellungen darüber, wohin die Reise gehen soll und wie wir als Gemeinde, Unternehmen, Schule oder Land leben wollen. Wie es sich anfühlen soll, hier zu leben. Was Respekt vor dem Leben, dem Mitmensch, dem Fremden wie dem Eigenen für uns bedeutet. Welchen Sinn wir in Begriffen wie Freiheit, Bildung und Menschenwürde sehen. Das sind konkrete Fragen nach Formen und Zielen eines zukünftigen Zusammenlebens auf einem zusammenwachsenden Planeten: „Die Zukunft, die wir wollen, muss erfunden werden. Sonst bekommen wir eine, die wir nicht wollen“ (Joseph Beuys).

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Der Künstler Andreas Felger hat das Thema der lebendigen Vernetzung als Ausdruck visionärer Kraft in unzähligen seiner Bilder thematisiert. (Quelle)

Also: Wo soll’s hingehen?

Das ist die klassische Frage der Taxifahrer. Aber auch im Reisebüro wird sie immer wieder erwartungsfroh gestellt: Was ist ihr Ziel? Wo möchten sie hin?

Je klarer wir uns selbst diese Frage beantworten können, umso kreativer, lustvoller, menschlicher und motivierter, umso freudiger und neugieriger wird der Weg in diese Zukunft.

Wer mit anderen zusammen ein Bild der Zukunft zeichnen kann, in der er und sie ein lebenswertes Leben verwirklicht sieht, hat eine kreative Form gefunden, mit der Angst vor der Zukunft umzugehen. Dann kann auch die Digitalisierung als ein Weg sichtbar werden, der diese Zukunft nicht gefährdet, sondern ermöglicht. Ko-kreativ, kollaborativ, vernetzt, weltumspannend.

Empfehlenswerter LINK zum Weiterlesen:

[Hence, we need to think in terms of scenarios – visions of different, possible futures – to get the full picture of the challenges and, not least, opportunities that the changes will bring.]

Pavlovs Hund in Wittgensteins Zwinger

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Ludwig W.

Verständlich reden sollen wir. So reden, dass wir verstanden werden, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, verstanden zu werden. Verstehbar sein: alles eine Frage der Formulierung. Nur was augenblicklich verstanden werden kann, ist gute Rede. Komplexes muss so formuliert werden, dass es umgehend verständlich ist.

Die Qualität des Gesagten wird festgemacht an der Qualität der Artikulation. Über letztere bestimmen die Interpretierenden. Immer schon.

Woher die Forderung, alles müsse einfach klingen, vertraut, verständlich?

Es gibt mindestens einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis nach Klarheit und der Qualität dessen, was klar sein soll. Der Hunger ist nicht die Speise.

Sobald mehr als einer im Spiel ist, ist es komplex. Das Sprechen, das Artikulieren, das Verstehen. Das Spiel. Und es ist auch erst dann ein Spiel, wenn mehr als einer im Feld ist.

Spieler wollen einander nicht verstehen, sie wollen miteinander spielen.

Auch Verstehen ist ein Spiel. Nach Regeln, die nur durch Spielen verstanden werden. Können.

Aber woher wissen wir, dass wir (einander) verstanden haben? Woher weiß ich, dass mein Gegenüber verstanden hat? Was genau: verstanden hat? Also „etwas“?

Liegt das an der Einfachheit der Formulierung?

Viele Menschen, mit denen ich im Leben unterwegs war, haben kapituliert. Was sie im Innersten beschäftigt, bedrückt und beglückt, was sie umtreibt und voran, in Sprache zu bringen. In eine der Begriffe, der Bilder, der Formen. Keine Chance.

Sie haben kapituliert vor dem Artikulieren und seinem Geschäft. „Ich kann das nicht.“

Und: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit; ich bin kein Staatsbürger, ich bin Müll; ich bin kein Subjekt, ich bin eine begehrende Maschine; ich habe keine Mitmenschen, ich bin ein Meteor.“

So entsteht das Spiel vom Metadiskurs, in dem wir uns beständig darauf hinweisen, dass das Wesentliche unausgesprochen bleibt. Bleiben muss. So entsteht Metaphysik. Und nach ihr der entleerte Konsum.

Wovon man nicht sprechen kann, soll man schweigen.

Lass uns ein Spiel spielen.

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Nick Vedros & Assoc. / The Image Bank / Getty Images

Die rechte Meute in Deutschland ist auf Parolen aus. Sie will bestimmte Sätze hören. Immer wieder. Sie will diesen Sätzen zustimmen, wie sie anderen Sätzen widersprechen will, sie regelrecht verteufeln.

Sie feiern schwarze Messen. Gültig wird Gesagtes nicht durch seine Verstehbarkeit, sondern durch den Mund, der es spricht. Und durch die Formel. Hokus Pokus.

Immer ist der Mund entscheidend, aus dem die Sätze kommen. Was von der Presse kommt, ist gelogen. Kann nur gelogen sein. Egal, was sie sagt. Oder die Kanzlerin, der Bundespräsident. Irgendjemand anderer Gemäßigter.

Ein gemäßigter Mund lügt, egal was er spricht. Ihm wird aberkannt, Mitspieler zu sein.

Du Neger.

Apokalypse now!

Warum tun wir eigentlich in der Bildung beharrlich so, als müsste die Digitalisierung an uns vorüber gehen wie der biblische Kelch? Ein aufmerksamer Blick hinter die Kulissen der Gegenwart zeigt nämlich die Wucht, mit der diese Veränderungen unterwegs sind. Einige der offensichtlichsten Fakten haben wir für die interessierte Leserin im „Bildung 4.0 Manifest“ aufbereitet.

Warum verbeißen sich lehrende Berufe in ihr längst abgelaufenes Monopol der Wissenslogistik? Warum lassen lehrende Professionen und Institutionen die alten Kulturen des Kontrollierens & Zertifizierens nicht fahren? Warum halten die Verantwortlichen so gnadenfrei fest an der Vorstellung, dass Bildung ohne Curriculum keine Bildung SEIN KANN!?

Die Antworten darauf sind einfach, und sie finden sich überall: Kein Geld, zuviel Admin, Lehrer und Schulen sind beratungsresistent, grassierender Zertifizierungsfetischismus, „Die Schüler WOLLEN doch den Frontalunterricht!“ u.v.m. Solche Antworten erklären sehr viel. Aber sie ändern nichts. Weil Erklärungen nichts (ver-)ändern. Sie zementieren. Aber der Reihe nach:

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Marlon Brando auf dem Set von Apocalypse Now von Francis Ford Coppola (theredlist.com)

 

Die apokalyptischen Szenarien

In den Köpfen vieler Menschen finden sich zunehmend apokalyptische Szenarien zur digitalen Transformation. Da gibt es dann irgendwann keine realen Beziehungen mehr, „man“ „trifft sich“ „nur noch“ „im Internet“, „die so wichtigen Begegnungen zwischen Menschen fallen weg“ (damit sind wahrscheinlich die zu unseren Vorgesetzen und Lehrern gemeint, die uns alle jeden Tag so glücklich machen). „Alle sind nur noch mit ihrem Smartphone unterwegs“, und ein Blick „nach draußen“ (wo auch immer das ist) zeigt ja: alle starren bloß noch auf ihr „Ding“ (!). Und überhaupt.

Diese Szenarien erklären wir mit „Die Menschen haben halt Angst vor Neuem“. Das ändert aber nichts an der Situation, weil Erklärungen nichts an Situationen ändern, sondern sie verstärken. Sie haben einen Beruhigungszweck, der das Erklärte verstärkt. Hää? Ja, es ist wie Kratzen am Mückenstich. Das Jucken wird stärker. Und: jemandem, der sich verzweifelt seine beißenden Mückenstiche aufkratzt, zu erklären, dass dadurch das Problem größer wird, ändert ebenfalls nichts am Problem.

Wie ändern sich Probleme?

Sie ändern sich gar nicht, solange ihr Besitzer von ihnen profitiert. Das ist jetzt keine Erklärung. Das ist (m)eine Erfahrung. Wer von einem Problem profitiert, will keine Lösung. Nach dem Motto: Wenn DAS die Lösung ist, dann möchte ich mein Problem behalten. Wie könnte es von hier aus weiter gehen? Zum Ein- (bzw. Aus-)stieg bietet sich das beliebte Neun-Punkte-Problem an. Es zeigt, warum wir Menschen so selten über unseren Tellerrand hinausschauen, um scheinbar unlösbare Probleme zu lösen – dabei wäre doch mit einem kleinen „Refraiming“ alles wieder in Butter.

 

Ninedots
Quelle

Dieses kleine Experiment sorgt garantiert für einen Aha-Effekt. Auch dann, wenn die Zuhörenden es schon kennen. Gerade dann. Leider bewirkt es keine Verhaltensänderung. Womöglich, weil es eine Erklärung ist. Der Gewinn einer solchen Übung liegt also nicht in einem Zuwachs an Kompetenz sondern – ähnlich wie bei einem guten Witz – im Effekt der Pointe. Einen guten Witz hören (und erzählen) wir ja gerne immer wieder. So und so ähnlich vergeht Unterrichtszeit dann kurzweilig und wie im Flug.

Aber zurück zum Problem des Problems

Warum bleibt die Bildung, wo sie ist? In der Kreidezeit. Warum kann sie sich nicht „häuten“? Hier (m)eine Beobachtung: In unserer Bildungskultur können sich Menschen in zwei Kontexten begegnen: Entweder in einem Kontext, in dem die eine der anderen vor-gesetzt ist im Sinne einer Abhängigkeit (Eltern, Lehrerin, Polizistin, Politikerin, Professorin, Journalistin, Vorgesetzte, Richterin, Ärztin, Kundin …), oder in einem Kontext der Konkurrenz, des Kompetitiven, des Wettbewerbs (Mitschülerin, Geschwister, Arbeitskollegin, Marktteilnehmerin, Buhlerin …). Augenhöhe ist in beiden Kontexten nicht vorgesehen, nur simulierbar. Wir tun zwar hier und da so als ob. Aber wir KÖNNEN  Anderen immer nur voraus oder hinterher sein. Besser oder schlechter, schneller oder langsamer, mehr oder weniger erfolgreich usw.

Kontrolle und Distanz in Bildungskontexten

Dies hat Auswirkungen auf die Beziehungsformate, in denen wir unterwegs sein können. In erster Linie wenn es um Bildung und Arbeit geht. Diese sind immer geprägt von Dimensionen des Hierarchischen und des Kompetitiven. Deshalb geht es in Bildungskontexten immer um Kontrolle und Distanz. Beide sind in unseren Breiten für Bildung konstitutiv. Schule und Hochschule sind von der Wurzel bis in die Wipfel hinein hierarchisch konstruiert und funktionieren auch nur so. Wo Hierarchie infrage gestellt wird oder kurzzeitig nicht „funktioniert“, funktioniert augenblicklich das (Bildungs-)System nicht mehr.

Das ist zwar so gar nicht nötig. Nicht um sich zu bilden. Weder Hierarchie noch Konkurrenz sind ein notwendiger oder auch nur hilfreicher Bestandteil von Beziehungskulturen, in denen es um Entwicklung und Entfaltung von Menschen, ihren Potenzialen und Kompetenzen geht. Bildung, die etwas Anderes ist als Indoktrination, als Konditionierung und Sozialisation, entfaltet sich vor allem dort, wo Hierarchie,  Kontrolle und „Ermöglichung“ wegfallen. Solche Bildung ist prinzipiell unvorhersehbar, nicht zuletzt aufgrund der Komplexität des Phänomens selbst. Peter Bieri hat so einen Begriff von Bildung beschrieben – als ein autopoietisches Handeln des Menschen mit sich selbst.

Peter Bieri
„Ausbilden können uns andere. Bilden kann sich jeder nur selbst.“ Der Philosoph Peter Bieri (Quelle)

Die Dimension der Entwicklung verstehen

Schule soll sich entwickeln, Lernende sollen es, Lehrende auch. Dabei ist dieser Imperativ ähnlich sinnvoll wie die Aufforderung, spontan zu sein. Auf Entwicklung brauchen wir nicht zu warten, wir brauchen sie nicht zu ermöglichen – sie findet statt. Das ist jetzt keine Behauptung oder Erklärung. Es ist eine Erfahrung: Entwicklung, Veränderung und Verwandlung sind Dimensionen, die sich dem Führen, Organisieren und Anzielen  entziehen. Entwicklung ist nicht etwas, das wir „machen“, also planen und umsetzen. Entwicklung geschieht, während wir mit Planen beschäftigt sind. Dies gerät umso mehr aus dem Blick, je stärker wir in unserem Planen und Handeln auf Machbarkeit und Kontrolle fixiert sind. Analog zu allem Lebendigen auf diesem Planeten sind Entwicklungen erst jenseits ihrer – vorläufigen – Ergebnisse als solche erkennbar. Es handelt sich um Phänomene,  die immer erst im Nachhinein erkannt, beschrieben und „utilisiert“, also nutzbar gemacht werden können.

In einer durchökonomisierten Machergesellschaft gehört es womöglich zu den größeren Demütigungen zu erkennen, dass nicht ich eine Entwicklung „mache“, sondern sie mich; dass eine Entwicklung stattgefunden haben muss, um JETZT etwas aus und mit ihr zu machen. Jedes aktive, bewusste, geplante und zielverliebte Handeln, das an den Start geht, hängt von mehr Unvorhersehbarem ab, als ihm lieb sein kann. Im 21. Jahrhundert kommt  didaktisiertes Lernen immer zu spät. Es ist ja vor allem dieses „verschulte Lernen“ – im Sinne eines Reduzierens von Lebenswirklichkeit zum Zwecke seiner Organisation -, das sich konsequent aus Konserven speist. In einer Welt, in der laufend alles frisch geliefert wird.

Hört auf zu unterrichten. Hört auf zu vermitteln.

Vermutlich findet Bildung in Zukunft vor allem an einem Ort nicht statt – in der Schule. Womöglich geht das einfach nicht. Vom Unterricht zu erwarten, dass er Bildung anbietet, ist wie in eine Bäckerei gehen und enttäuscht über die Auswahl an Wurst zu sein. Das Festhalten an diesem kulturellen Mindet „Unterricht“ und an diesen Möglichkeiten, die es eben nicht bieten kann, ist das verunmöglichende Moment.

Die Idee, dass wir – via Unterricht – Menschen etwas vermitteln können (wie Wohnungen oder Jobs), ist Teil dieses Mindsets von Schule, von Unterricht. Das geht aber nicht. Und immer wenn wir versuchen, was Neues oder das Neue anzupacken und die Praxis dadurch anders werden zu lassen, wird es so lange versanden, als wir weiterhin unterrichten und vermitteln und vermitteln und unterrichten.

Dass so viele Menschen auf Vermittlung pochen, hat für mich mit Gewöhnung zu tun. Tiefsitzende, kulturell gewachsene Gewöhnung. Auch ich habe mich als Kind geweigert, ohne Geschichte oder Lied einzuschlafen. Das war schlicht unmöglich. Nicht zu vermitteln. Das heißt aber nicht, dass es nicht auch anders ginge. Oder: dass es eigentlich anders geht. Halt nicht in Form von Unterricht. Oder Vermittlung.

Lernen gelingt dort am einfachsten, glücklichsten und nachhaltig, wo nicht mehr unterrichtet wird. Das ist meine Erfahrung.

Was Digitalisierung für mich bedeutet

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Spruch an Mauer in Demmin

Das Spannende an der Digitalisierung ist für mich, dass sie ein transformativer Prozess ist. Wesentliche Vollzüge von Mensch und Gesellschaft wie Bildung, Arbeit, Kommunikation, Mobilität, Spiel u.v.m. werden transformiert. Was ich damit meine: Die „Digitalisierung“ verdrängt keines unserer Grundbedürfnisse und macht sie auch nicht überflüssig. Wir werden nicht weniger oder mehr kommunizieren, arbeiten oder lernen, sondern anders. Deswegen vermute ich, dass die Vorbehalte und Ängste gegen die Digitalisierung nur sehr bedingt Ängste vor anderen Quantitäten sind (weniger, mehr oder gar keine Arbeit) sondern vor anderen Qualitäten: ein wenig, ziemlich oder völlig ANDERE Arbeit. Wir Menschen mögen ANDERS nämlich nicht so sehr. Nicht einmal in den Ferien. Digitalisierung bedeutet aber in erster Linie ANDERS – und nicht weniger oder mehr.

Nun fällt die Digitalisierung nicht wie ein Meteor plötzlich vom Himmel oder walzt unvorhersehbar über uns hinweg wie ein Tsunami. Abgesehen davon, dass auch Meteoriten und Tsunamis vorhergesehen werden können, zeichnen sich die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, schon länger und immer deutlicher ab. Sie sind wahrnehmbar, in vielen Fällen steuerbar. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Als Mitarbeiter nicht, als Führungskraft nicht, als Unternehmen nicht. Gar nicht. Wer sich mit diesen Veränderungen aufmerksam beschäftigt (in und durch digitale Medien, durch aktive Mitarbeit in digitalen Netzwerken, durch konsequente Recherche und Verlinkungen, durch aktives Teilen und Kommentieren, durch Mitgestalten und Einflussnehmen), verändert sich, das eigene Arbeiten, Denken, Kommunizieren und Lernen ganz von selbst; der und die erlebt diese Transformation am eigenen Leib und im eigenen Umfeld mit.

Die digitale Transformation wird also nicht von irgendwoher verordnet. Sie wird nicht in Hörsälen gelehrt und nicht von Geschäftsführungen implementiert. Sie geschieht und fordert jedeN EinzelneN von uns auf, sich auf sie einzulassen. Sie ent-hierarchisiert, sie macht es klassischen Kontrollkulturen schwer bis unmöglich zu funktionieren, sie fordert ganz neue Kompetenzen der Zusammenarbeit und der Kommunikation. Und das alles lerne ich allein dadurch, dass ich es mache. Ich kann nicht auf jemanden warten, der mich einführt, es mir beibringt. Ich darf loslegen.

Der Dozent ist tot. Es lebe der … ?

Wir kennen diesen Ruf aus dem royalen Frankreich der Vergangenheit: „Der König ist tot. Es lebe der König!“ Gemeint ist: Keine Sorge, es bleibt alles beim Alten. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie der Vater so der Sohn. Garantierte Kontinuität ist bis heute ein Qualitätsmerkmal. Jetzt tritt die Disruption hinzu. Nicht nur in der Bildung. Und die stellt sich nicht einfach hinten an. Sie macht die Queue überflüssig. Was bedeutet das für den lehrenden Berufsstand?

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Ich fange hinten an: Lehrende und Dozierende werden als Funktionen nicht mehr gebraucht, weil Lehren und Dozieren durch Mentoring, Coaching, Enabling und Facilitating abgelöst sind – sofern es solche Vermittlungsfunktionen überhaupt noch braucht. Aus Lehrenden werden deshalb Lerncoaches.

Der (Be-)Lehrer ist tot. Es lebe der Coach! 

Enabling und Facilitating ermöglichen Anschluss & Vernetzung. Was Teilnehmende in Lernprozessen mitbringen an Erfahrungen, Wissen und Kompetenzen, was hoch dynamische Lerngruppen mit thematisch interessierten und engagierten Frauen und Männern an Potenzialen bereit halten – das alles steht im Zentrum des Lernens. Für dieses Lernen gibt es zukünftig Synonyme:  Lernen ist Kollaboration: Wissen und jedes andere Produkt entstehen ebenso wie Kompetenz in dicht vernetzten Co-Working-Prozessen mit hohen Anteilen in Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Menschen (Mitarbeitende, Schüler, Studierende), die in herkömmlichen schulischen Kontexten „konditioniert“ wurden, brauchen Lerncoaches, die sie auf dem Weg ins selbstbestimmte, kollaborative Lernen begleiten. Das ist harte Arbeit. Für beide Seiten.

Lernen ist in Zukunft Ko-Kreation. Es ist „social workplace learning“. Menschen gestalten die Prozesse, die Orte, die Agenden des Lernens selbst. Inhalte, Quellen, Ziele, Aufgabenverteilung, das alles geschieht in Schule, Ausbildung und bei der Arbeit „holokratisch„. Nur schwach bis gar nicht (!) durch Bürokratie und Hierarchie reguliert. Dieses „soziale Lernen“ wird der Lerncoach   begleiten durch professionelles Coaching: wohldosierte, zurückhaltende Interventionen, minimale Impulse und vor allem in der Funktion des Moderators:  fördernd, stützend wo nötig,  Selbstorganisation ermöglichend.

Informationsvermittlung, Anleitung und Kontrolle fallen aus dem Stellenprofil des Lerncoaches heraus.  An deren Stelle  tritt die Funktion des „facilitating, also des Ermöglichens“ (vgl. Arnold, Rolf: Ermöglichen. Texte zur Kompetenzenreifung.)

Der Lerncoach ist ein Kontextualisierungs-Profi: Der Kontext des Lernens entscheidet über den Erfolg des Lernens, denn Lernen ist sein eigener, biografisch hoch relevanter Kontext. Das wird in den meisten Prozessen der Aus- und Weiterbildung bisher völlig vernachlässigt: Der Kontext des Lernens selbst – das ist eine ganz entscheidende Erkenntnis und zugleich eine Voraussetzung für erfolgreiche und gelingende Prozesse der Aus- und Weiterbildung. Diesen Kontext muss der Lerncoach als Moderator und „Facilitator“ gestalten, ihn sichtbar machen: Wie haben wir lernen gelernt? Welche Rolle nehmen wir in dem Moment ein, wenn wir in den Kontext des Lernens versetzt werden? Warum? Welche Formen, Wege und Methoden des Lernens habe ich noch? Wie lerne ich am besten und wo? Lerncoaches stellen in Zukunft nicht mehr Kontexte zur Verfügung sondern unterstützen lernende Menschen dabei, ihre eigenen Kontexte zu gestalten!

Das Schwierigste zum Schluss: Die Wirksamkeit 

In herkömmlichen Lehr-Kontexten, geht es am Ende um eine Zertifizierung. Weil das so ist, geht es nicht erst am Ende, sondern eigentlich von Anfang an darum. Lehrende fragen sich ebenso wie Lernende regelmäßig: Wie prüfen wir das am Ende? Diese Frage ist wichtig, weil am Ende eines klassischen Lernprozesses immer eine Prüfung bestanden werden muss, um zu einem Zertifikat zu kommen. Von diesem Ende her und auf dieses hin wird dann der gesamte Lernprozess designed.

Diese Zertifizierungsverfahren können das Entscheidende eines Lernprozesses nun aber weder abbilden noch messen: Kompetenzen im Sinne zukunftsorientierter Dispositionen, die mich als Lernenden dazu befähigen, unvorhersehbare und komplexe Herausforderungen zu lösen. Herkömmliches Lehren & Lernen sind darauf gar nicht ausgelegt. Es geht bei ihnen vielmehr darum, ein durch Experten auf didaktischen Wegen vermitteltes Wissen in einem Mal mehr Mal weniger klassischen Prüfungssetting wiederzugeben. Dgeht es nicht darum, dass, ob und wie ein Prüfling in realen Anwendungssituationen des Gelernten bestehen könnte. Es geht darum, dass, ob und wie er diese Prüfung besteht. Deshalb lernen wir ja durch unsere gesamte persönliche Bildungskarriere hindurch vor allem dies: wie wir in zu Prüfungszwecken konstruierten Situationen demonstrieren können, was wir gelernt haben – von dem, was uns gelehrt wurde. Was dabei bis heute völlig aus dem Auge gerät, ist dies: Damit solche Prüfungssettings überhaupt konstruiert und bewertet werden können, müssen sie um genau das reduziert werden, was die Wirklichkeit eines Klienten ausmacht: Ihre unvorhersehbare, im Vorfeld nicht abzubildende Komplexität.  

Woran erkennen wir nachhaltig, dass und was sich durch Lernprozesse bei Klientinnen und Klienten bildet? Woran erkennen wir, dass und wie lernende  Menschen anders aus einem Kurs hinausgehen als sie ihn begonnen haben? Woran erkennen wir, inwiefern Menschen von einem Lern-Angebot profitiert haben – außer dass sie ein Zertifikat in Händen halten? Das sind alles Fragen nach der Wirksamkeit dessen, was Aus- und Weiterbilder mit und für Menschen tun, die sich aus- und weiterbilden.

Den Erfolg vorwegnehmen – Wirksamkeit annehmen

Ein Beispiel: Als Lerncoach gebe ich den Lernerinnen und Lernern die Frage mit: Woran erkennst Du in der kommenden Woche oder bei nächster Gelegenheit, in einem ganz konkreten beruflichen Kontext, den Du als herausfordernd erleben wirst – woran erkennst Du, wenn der berufliche Alltag Dich konkret einholt und einfordert, dass und welche Kompetenzen Du ganz neu oder vertieft ausgebildet hast – und nun erfolgreich einsetzen kannst?

Solche ausdrücklich systemischen Zukunftsfragen machen einen Kompetenzzuwachs nicht nur erfahrbar. Sie machen auch für die Klientin selbst die Zusammenhänge sichtbar zwischen dem, was sie in einen Lernprozess mitgebracht hat, welche Entwicklungen sie im Laufe des Lehrgangs mit sich, mit anderen und im Thema gemacht hat, und den konkreten Herausforderungen ihres beruflichen Umfeldes. Das ist eine schöne Form der Kontextualisierung von Kompetenzen: Es ist ein Lernen durch das Bilden von Unterschieden.

Statt eine (einmalige) Prüfung zu absolvieren, erhalten Klienten die Aufgabe, den Prozess Ihres Lernens, Ihrer Weiterbildung und Ihres Arbeitens an konkreten eigenen Kompetenzen mit ihrem beruflichen Alltag konkret zu verknüpfen. Sie reflektieren diese Verknüpfungen zeitnah und besprechen sie mit anderen Kursteilnehmenden in den entsprechenden Online-Foren oder in Präsenz-Meetings und holen sich qualifizierte Formen des Feedback ein (in hierfür gebildeten Reflecting Teams“ – vgl. zum Prozess das  „creative knowledge feedback“) mit Hilfe der hierfür bereitgestellten Online Tools.

Dazu gehört auch, dass die Teilnehmenden diese Reflexionsschleifen  – im Sinne eines „continuous self assessment“ – festhalten und nach bestimmten, kompetenzorientierten Kriterien für sich selbst auswerten.

Zu den wertvollsten Erkenntnissen, die Teilnehmende an Aus- und Weiterbildungen durch diese Art des Reflektierens gewinnen, gehört das herausarbeiten und „Bilden von Unterschieden“, die sie durch die Arbeit mit Vorwissen und Vorerfahrungen, mit Peerwissen und Peer-Erfahrungen, durch konkretes Anwenden in realen beruflichen Kontexten machen können. Ein Lernender meldet dann am Ende eines Lehrgangs möglicherweise Folgendes zurück:

„Bisher habe ich in solchen und vergleichbaren Herausforderungen hilflos, überfordert, repetitiv, ausweichend agiert, jetzt erkenne ich an folgenden Ergebnissen, Einstellungen, Gefühlen und an der Art und Weise, wie ich an solche Situationen herangehe, folgende Unterschiede, die ich als Fortschritte, Verbesserungen, als einen Zuwachs an Handlungskompetenz bei mir selbst wahrnehme. Dies erkenne ich vor allem dadurch, dass ich auf ‚Rückmeldungen aus dem Kontext‘ zu hören und zu achten gelernt habe. Ich kann nun anders als bisher Impulse und Signale von mir mit solchen aus dem Kontext so verknüpfen, dass für alle Beteiligten und auch für eine allfällige Sache (Projekt) mehr bzw. ‚mehr Nachhaltigkeit‘ herausspringt. Dadurch, dass ich als Teilnehmender an einem Lehrgang merke, dass und wie ich anders als bisher herausfordernde Situationen angehe, wie ich sie anders löse, dadurch mache ich die Wirksamkeit von Lernen für mich sichtbar.“

Geh mir doch weg mit dieser Innovation!

Was ist eigentlich eine Innovation? Was ist innovativ? Woran erkenne ich innovatives Sprechen, Handeln? Einen innovativen Menschen? Womöglich habe ich ja weder Zeit noch Geld, um pseudo-initiativen Propheten auf den Leim zu gehen. Vielleicht bin ich eher der misstrauische Typ, der sich immer dann ans Portemonnaie fasst, wenn sein Gegenüber anfängt, über Innovationen zu plaudern. Vielleicht sehne ich aber auch seit Längerem eine herbei?

serendipity-unexpected

In den Köpfen sehr vieler Menschen entsteht das Neue jedenfalls im Alten und aus ihm heraus. Und es muss rentieren. Am besten schon bevor wir investieren. Es ist klar: was am Ende vom Band rollt, muss erfolgreich sein.

Die innovative Art, innovativ zu sein

Dann gibt es aber auch eine andere Art, innovativ zu sein. Ich nenne die Mal etwas verwegen die innovative Art, innovativ zu sein. Die hat sehr viel mit Unvorhersehbarkeit zu tun. Mit scheinbaren Zufällen, mit bewusst gewählten Umwegen, mit unzähligen Kombinationen, Anläufen, mit Serendipity, mit Vorschüssen & Vertrauen – und mit wenig Kalkulierbarkeit.

Hier entsteht das Neue nicht aus dem Alten. Das Alte wird auch nicht durch Innovationen weiterentwickelt. Es wird alles anders. Das Neue macht das Alte überflüssig. Innovatives „Banking“ ist bald nicht mehr auf Banken angewiesen – und die Banken wissen das auch. Deshalb werden sie zunehmend nervös. „Bildung und Lernen“ finden zukünftig nicht mehr in Klassenzimmern statt, sondern über all dort, wo und wenn Menschen anfangen zu lernen und sich zu bilden. Das macht Lehrern Angst.

Mazda wirbt mit dem Slogan: „Andere bauen neue Autos. Wir bauen Autos neu.“ Hier scheinen die beiden unterschiedlichen Formen der Innovation sichtbar zu werden: „Neue Autos“ sind wie die alten Autos, mit dem Unterschied, dass sie im Moment halt (noch) neu sind. „Autos neu bauen“ geht da schon einen Schritt weiter. Zumindest rhetorisch. Und trotzdem: auch wenn man Autos neu baut, kommen am Ende wieder Autos dabei raus. Das „innovative Auto“ hingegen ist womöglich keines mehr – auch wenn es optisch seinem Vorgänger noch gleichen mag. Alles andere ist anders, denn in Zukunft werden wir zwar immer mehr Mobilität brauchen, aber aus genau diesem Grund keine „Autos“ mehr. Diese Art der Innovation optimiert nicht mehr, sie ist disruptiv.

Disruptive vs. inkrementelle Innovation

Wenn Innovatives im Herkömmlichen zu Optimierungen des Herkömmlichen führt, sprechen wir von inkrementeller Innovation. Hier bleibt alles beim Alten, und das Alte verbessert sich. Von disruptiver Innovation sprechen wir dort, wo bestehende Technologien, „ein bestehendes Produkt oder eine bestehende Dienstleistung möglicherweise vollständig verdrängt werden“. Hier wird Unsicherheit als Ressource interpretiert und eingesetzt. Innovatoren sorgen für einen Überschuss an Möglichkeiten, sie ziehen Komplexität an und ermöglichen sie.

„Disruptive Innovation“ bedeutet nicht, dass wir von jetzt auf gleich alles verändern, so wie „Innovation“ heute nicht mehr heißt, dass „wir etwas mit uns tun, was neu ist“, oder dass wir „etwas einführen, das neu ist“. Innovation ist ein komplexer Vorgang, ist ein Prozess, der in immer steileren Entwicklungskurven und in immer höheren Amplituden vor sich geht. Je mehr strukturellen Ballast ich mit mir herum trage, je mehr „Kultur“ in meiner Organisation ein „harter Kern“ ist, umso mehr hänge ich diesen Innovations-Bewegungen hinterher oder werde einfach mitgerissen, rausgespült, damaged.

Innovation findet eh statt – aber wer fährt mit?

Der Fokus von Innovation richtet sich heute nicht mehr auf ein Subjekt, das Innovationen hervorbringt und entwickelt, und auch nicht auf ein Objekt, welches dann Innovationen anwendet, sie ein- oder umsetzt, also in Bestehendes implementiert. Innovation ist ein anderes Wort, ein Synonym für Veränderung und Entwicklung. Sie wird nicht ein- oder ausgeschaltet, budgetiert oder beschlossen, gefördert oder gehemmt. Sie findet statt. Sie ist ein Bewegungsmuster, das alle gesellschaftlichen Räume erfasst hat: Ökonomie, Kultur, Politik und Bildung.

Innovation bezieht sich heute direkt auf die Kontexte und Korrelationen selbst, die in Bewegung gekommen sind. Sie meint nicht „etwas“, das mit diesen Kontexten und Korrelationen geschieht, also quasi auf diese von irgendwo her einwirkt, sondern etwas, das sich in ihnen abspielt und zu ständigen Veränderungen, Anpassungen und neuen Bewegungen führt: Das Netz ist die Kommunikation, das Team ist die Struktur.

Nicht indem ich in irgendwelchen Absichten auf Prozesse von außen einwirke, findet in denen dann eine gerichtete Entwicklung statt, sondern die Entwicklungen, die sich in diesen Prozessen abspielen, verändern die Prozesse und damit die Korrelationen und die Kontexte.

Innovation verändert nicht irgendetwas. Sie ist die Veränderung.