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Was fehlt dir? Oder: Leben nach dem Prinzip Versorgung

Zum Arzt und zur Ärztin gehen wir, weil uns etwas fehlt. Zur Bank und zur Arbeit übrigens auch. Uns fehlt sonst das Geld. Wir gehen einkaufen, sei es Nahrung oder Möbel, um einen Mangel zu beheben. In Schule und Weiterbildung trifft man uns aus demselben Grund an: weil wir etwas nicht haben. Wir bringen von uns selbst vor allem den Mangel ein. Wir kommen mit einem Defizit in Spiel. Mit mindestens einem.

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Drawing by Mansi Gupta, gefunden bei Fabian Pfortmüller

In diesem Mindset ist Leben & Menschsein eine Reihung von Defiziten, die uns abhängig machen. Ohne Banken, Schulen, Ärzte und Therapeutinnen, ohne Tankstellen, Versicherungen, Behörden, Einkaufszentren und den machtvollen digitalen Apparat sind wir verloren. Das gilt übrigens auch für unsere Beziehungen, Partnerschaften und familiären Gemeinschaften. Auch sie dienen der Reduzierung des Gefühls, ein wandelndes Defizit zu sein. Peter Sloterdijk hat das glasklar auf den Punkt gebracht:

Ich zelebriere die Katastrophe, die ich bin.

Für ihn ist das Vermögen, sich selbst mehr und anders als defizitär anzunehmen, regelrecht korrumpiert. Der Satz „Ich bin da” trete immer öfter unabhängig von zustimmenden Zusätzen auf. Stattdessen hängen über dem Satz „Ich bin da” für viele Menschen bereits so dunkle Wolken, dass die Zumutung eines Übergangs zu positiven Zusätzen wie eine Überforderung wirken müsse. Das eigene Dasein gutheißen kann dann der Bejahung einer Katastrophe gleichkommen. Sloterdijk spricht von einem „Zynismus, der von dem Daseins-Satz [direkt] übergeht zu der heroischen Pose: ‚Ich übernehme das Verhängnis, ich zu sein‘ oder … ‚Ich zelebriere die Katastrophe, die ich bin‘“ (Peter Sloterdijk: Weltfremdheit. S. 282 f.).

Während wir uns selber von Kindesbeinen an abhängig machen und in die Fremdbestimmung fügen, haben wir einen reflektierten Bezug zu dem verloren, was uns wirklich am Leben hält. Grundlagen wie Luft, Wasser, ein ökologisches Netz aus lebenden Ressourcen, in dem wir ein aktiver Teil sind, keine Kunden oder Patienten. Der pausenlose Strom an Waren und an Immateriellem, die Verwirklichung des Schlaraffenlandes als passive Durchversorgung produziert nicht nur eine schnell wachsende Anzahl an Verliererinnen und Verlierern inner- und außerhalb der Grenzen dieser Infantilisierungsspiele.

Der scheinbar endlose Versorger-Strom lässt uns nicht nur systematisch ausblenden, wen es auch noch gibt auf dieser Erde. Wir trainieren uns vielmehr von Kindesbeinen an im Vergessen, dass es bei all dem nicht um Abhängigkeit oder Unabhängigkeit geht, sondern um Gegenseitigkeit.

Gegenseitigkeit vs. Abhängigsein

Unsere Vorstellung von Abhängigkeit reduziert und vereinseitigt den vielschichtigen Begriff (und die verloren gegangene Erfahrung) des Angewiesenseins auf einen einzigen Aspekt, macht diese reduzierte Auffassung dann gegenseitig – und definitiv. Das zielt aber völlig an dem vorbei, worum es beim Menschsein geht: um Gegenseitigkeit. Erst wenn ich das Prinzip der Gegenseitigkeit aufkündige, beginnt Abhängigkeit.

Abhängigkeit ist kein Urzustand, sondern eine kulturelle (und heute vor allem ökonomische) Konstruktion. Tatsächlich leben wir jedoch in Ökosystemen, und da geht es um Reziprozität. Abhängigkeiten entstehen erst dann, wenn das Gleichgewicht bereits unwiederbringlich verloren ist, oder geleugnet, oder simuliert. In allen anderen Fälle sorgt das System selbst für das, was Homöostase genannt wird – ein Phänomen, das überall dort wirkt, wo sich lebende Systeme finden: Ausgleich im Sinne und Angesicht von Gegenseitigkeit. Selbst der Rede von der „gegenseitigen Abhängigkeit“ liegt schon eine reduzierte Auffassung zu Grunde, die nur bis zur nächsten Befriedigung eines Bedürfnisses denkt und sieht; oder bis zur übernächsten. Der Grundsatz „Do ut des“ (ich gebe, damit du gibst) kolportiert ein Menschenbild, das Gemeinschaft und Zwischenmenschlichkeit auf die gegenseitige Befriedigung von Bedürfnissen reduziert. Jedoch: abhängig bin ich von Drogen. Abhängig bin ich, wenn ich meine Gestaltungsfreiheit verloren (bzw. abgegeben) habe: Handeln ist zu einem linearen Muss geworden.

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Symbiontik im Rosenlauital/Schweiz. Foto: Christoph Schmitt

Das völlige Vergessen der Gegenseitigkeit kommt von der Abkopplung. Wir haben abgehoben und schweben als neoliberalistisches Raumschiff über den unverständlich gewordenen Reliquien und Ruinen jener Erzählungen, die Gegenseitigkeit als Gestaltungsmoment lebender Systeme kannten: Geben und empfangen. Symbiontik statt „Do ut des“. Je besser es meinen Umwelten geht, umso besser geht es mir – und umgekehrt.

Stattdessen werden wir inzwischen von unsichtbar gemachten Mechanismen der Marktoptimierung regiert, die mit jedem Stück abgeholzten Waldes gefüttert und mit jedem abgeschmolzenen Gletscher getränkt werden. Der Raubbau kommt niemandem zu Gute. Er zahlt lediglich auf immer dieselben, wenigen Bankkonten ein, während sich Myriaden von Wirtschafts- und Arbeitssklaven täglich darum bemühen, einen Rest Liquidität zu bewahren, um nicht ausgespuckt zu werden.

Vorschlag für einen Pespektivenwechsel

Nur weil und solange wir etwas nicht haben, hält sich dieses System am Leben. Nur solange wir abhängig sind. Nur weil und solange wir auf den Mangel fixiert sind, produzieren wir ihn. Schule bringt keine freien, unabhängigen Gestalten hervor, sondern Heldinnen und Helden der Abhängigkeit: von Hierarchien, von organisierter Willkür, von Zertifikaten, von Karrieren, von Arbeitsplätzen. Bereits als Heranwachsende wechseln wir die Abhängigkeiten wie die Hemden.

Es ist Zeit für einen Perspektivenwechsel, denn in dieser reduktiven und zugleich normativen Auffassung kommt eine ganz entscheidende Seite des Menschen zu kurz. Weder ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, wie Titus Maccius Plautus und Thomas Hobbes annehmen, noch funktionieren wir nach dem „Prinzip Emile“ von Rousseau, noch verlieren wir uns idealerweise an das Gegenüber wie bei Levinas.
Vielmehr lebt Menschsein aus einer bewussten und sorgfältig praktizierten Gegenseitigkeit – individuell wie sozial, und ebenso bezogen auf unser Eingebundensein in die lebendige Natur.

Ein erster Schritt in die Richtung einer „neuen Gegenseitigkeit“ und eine erste Erfahrung, wie sich die anfühlt, könnte der sein: Mal eine Woche lang konsequent nach der Goldenen Regel leben. Vom Mikrokosmos der heimischen Kommunikation bis hin zum Makrokosmos meines Konsumverhaltens. Also nicht alles mögliche Verhalten und Handeln vermeiden, sondern ein neues üben.

Eine Woche lang soll real und ganz praktisch gelten: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Mensch, Tier, Erde.

Die Kraft der gemeinsamen Vision

Nicht nur sind Administration, Organisation und Budgetierungsfetischismus tödlich für Träume und Visionen, die wir so dringend benötigen im Moment. Was uns derzeit in eine totale Lähmung bannt, als Folge einer neoliberal gefärbten Ökonomisierung aller Lebensvollzüge, das ist die uneingeschränkte Regentschaft des Regulatorischen und Administrativen, der grassierende Legalismus im Sinne eines Glaubens daran, dass die Erlösung aus den Gesetzen kommen wird.

Wir sind so übersättigt mit diesem Mist, dass uns eigentlich nur dann Irritation und Angst anfallen, wenn irgendwo irgendetwas nicht richtig geregelt ist. Nicht konform(ular). Wir sind die Ja-Aber-Kultur. Träume sind schon wichtig, aber sie müssen finanziert werden können, wissen sie.

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Graffiti Art in Alfama/Lisbon. Photo: Christoph Schmitt

Dabei ist das Geld ja schon da – es ist einfach woanders. Bei denen, die ihre Allmachtsfantasien mit jenen Träumen verwechseln, die Zukunft ermöglichen. Nicht für einzelne, sondern für den Lebensraum Erde – mit allem, was auf ihr lebt.

Was den Menschen ausmacht: Er und sie können träumen. Nicht im Sinne eines hirnbiologischen Vorgangs, sondern als Vorwegnahme einer anderen Wirklichkeit. Und nicht im Sinne eines Befürchtens, sondern des gemeinsamen Hoffens. Das Visualisieren einer anderen Welt setzt eine ungeheuere Kraft frei, die es braucht, um sie zu verwirklichen.

Hier müssen wir ansetzen. Aufhören, uns systematisch an diesem Träumen zu hindern durch den kolonialistischen Ordnungswahn der westlichen Welt, der spätestens mit der Einschulung beginnt. Und dann sorgen wir dafür, dass wir gemeinsam anfangen zu träumen von einer neuen Welt, die jene rettet, auf der wir alle stehen.

Wie Rituale des Loslassens den ersehnten Neuanfang ermöglichen

Die Medien sind randvoll mit Aufrufen, jetzt endlich umzudenken, Alternativen zu entwickeln, den Neuanfang zu wagen. In der Politik, in der Ökonomie und in der Bildung, beim Einsatz von Technologie, in der Gestaltung von Gesellschaft und Arbeit, in Fragen des Klimas und der Ökologie. Kein Bereich ist ausgeschlossen. „Fünf vor Zwölf“ ist die Maxime. Gleichzeitig machen wir weiter wie bisher. Woher dieser Widerspruch, und wie finden wir aus ihm heraus?

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Planet Erde. Quelle

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen im Zusammenhang mit Sterben und Tod. Das ist eine der ganz wenigen Situationen in unserem Leben, wo wir mit einer brutalen Endgültigkeit konfrontiert sind. Wir selbst. Ganz persönlich. Unausweichlich. Nicht in Gedanken, sondern in der Wirklichkeit: Verlust.

In dieser Arbeit mit trauernden Menschen habe ich etwas enorm wichtiges gelernt: Trauern ist das Einzige, wodurch Loslassen möglich wird. Nicht die rationale Einsicht. Auch keine guten Ratschläge oder Drohungen („Jetzt reiß dich doch zusammen!“). Wer nicht trauern kann, kann nicht loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann, dann sterbe ich mit. Dann stirbt mein Lebenswille.

Das gilt nicht nur im Angesicht des Todes. Ich sehe da einen engen Zusammenhang mit unserer Situation als Gesellschaft, als menschliche Gemeinschaft. Mit der schier ausweglosen Lage, in die wir uns und den Planeten manövriert haben. Mit der kollektiven Weigerung, das eigene Verhalten zu ändern – und loszulassen.

Wir stehen gerade vor einer enormen Herausforderung. Vor genau einer: Setzen wir unsere wuchtigen technischen Möglichkeiten für eine Humanisierung unserer globalen Lebensverhältnisse ein und für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen? Oder treiben wir den Wahn auf die Spitze, bis die Lichter ausgegangen sind?

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Übergänge. Foto: Christoph Schmitt

Loslassen ist keine kognitive Leistung

Wovon hängt es ab, wie wir uns entscheiden? Von Wissen und Einsicht nicht. Wir wissen, was wir dem Planeten antun und unseren Kindern hinterlassen – und wir machen so weiter. Wir leiden unter Bullshit-Jobs und harren aus. Wir spüren und sehen, wie unsere Kinder unter Schule leiden und schauen zu. Uns ist klar, dass eine Partnerschaft am Ende ist, und wir bleiben. Wir vermuten, dass insgesamt irgendetwas ziemlich schief läuft – und ziehen unser Ding weiter durch.

„Es braucht halt Zeit“. So die schulterzuckende Reaktion, die ich fast immer zu hören bekomme. Menschen verändern sich nicht von heute auf morgen. Organisationen erst recht nicht. Das stimmt. Aber was, wenn in dieser Zeit, die es braucht, die falsche Hoffnung wächst, dass das Schicksal sich doch noch wendet, dass alles gut wird, die Diagnose sich relativiert, die Lüge nicht so schlimm ist? Was, wenn wir uns in der „Zeit, die es halt braucht“, einfach weiterhin selber betrügen?

Die ökologische und humane Katastrophe vollzieht sich täglich. Wir werden mit Bildern von ihr, mit Analysen über sie und mit Lösungsvorschlägen überschüttet. Daraus die Konsequenzen zu ziehen – das ist keine kognitive oder rationale Leistung. Da geht es nicht um Einsicht und Erkenntnis. Wir wissen, womit wir aufhören müssen, wir wissen, was wir stattdessen zu tun haben – und fahren fort. Noch einmal: Warum?

Meine Antwort habe ich in den unzähligen Begegnungen mit trauernden Menschen gefunden. Der Moment, in dem sie loslassen, ist keine bewusste Entscheidung. Vielmehr ist es ein Moment der Entkrampfung, ein Zulassen unendlichen Schmerzes über den Verlust und seine Endgültigkeit. Da sind keine Worte und keine Gedanken. Da ist nur Trauern: Der echte, reale und unausweichliche Schmerz darüber, dass etwas zu Ende gegangen ist. Unwiederbringlich.

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Scherbenhaufen. Foto: Christoph Schmitt

Einen Bogen um die Trauer machen

Aber wer sollte solche Gefühle wollen? Auch trauernde Menschen machen um diesen Schmerz erst einmal einen Bogen. Auch Menschen, die selbst eine schreckliche Diagnose bekommen, die erfahren, dass ihr Tod unausweichlich ist, wollen das erst einmal nicht wahrhaben. Je mehr ich zu verlieren habe, umso mächtiger bauscht sich die Hoffnung auf, das Festhalten.

Jedoch: Die Kraft und der Wille, mit dem Selbstbetrug aufzuhören und der Realität ins Auge zu sehen, die kommen aus dem Trauern – und zwar um den Verlust: Auch um den Verlust von Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, um verhungernde Menschen im Jemen, um die Opfer von Amokschützen und pseudoreligiösen Fanatiker’innen, um den Verlust von Respekt und Menschlichkeit in unserer eigenen Gesellschaft, um die elenden Lebensbedingungen industriell produzierter Tiere, um die Situation von Arbeitssklav’innen – Ihnen als Leser’in fallen ganz sicher noch mehr solche traurigen Situationen ein.

Was uns in den Medien täglich gezeigt wird an Elend, Leid und Tod, das will unsere Trauer erreichen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ein wichtiger Grund für das globale Leid und sein Anwachsen mit der Angst und der Weigerung zu hat, um etwas zu trauern und loszulassen.

Damit fangen wir aber erst dann an, wenn wir realisiert haben, das etwas unwiederbringlich vorbei ist und verloren: Eine Schimäre von Wohlstand und Wachstum, an die wir geglaubt haben, wie frühere Generationen an einen Gott. Die Hartnäckigkeit, mit der wir das „Vorbei“ leugnen, hat sehr viel mit der Angst vor dem Verlust zu tun. Ein Verlust, der sich in diesem Moment längst vollzogen hat – den wir aber nicht akzeptieren können.

Jedoch: Wenn mein Verlust real ist, dann ist es auch meine Trauer. Dann sollte ich mich nicht für sie schämen. Ihr Ausdruck zu verleihen, ist die Voraussetzung dafür, damit ich  loslassen kann und abschließen. Je ernster die Lebenslage, um so wichtiger das Loslassen. Je größer der Verlust, umso wichtiger das Trauern darüber – denn das Trauern macht Loslassen möglich – und das den Neuanfang.

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rose & rubbish. Foto: Christoph Schmitt

Das Ritual: Wie Trauern und Loslassen möglich werden

Mir hilft ein einfaches Bild, um den Übergang zu verstehen, der sich in der Trauer vollzieht: Wenn ich einen großen Verlust realisiere, füllt sich mein Rucksack mit Wut, Schmerz, Angst und Resignation, die mich wie schwere Gewichte nach unten ziehen und alles zäh machen und unbeweglich und die Zukunft verdunkeln. Durch mein Trauern verwandelt sich diese Last in eine reale Leichtigkeit. Dazwischen liegt das Loslassen, das seine Zeit braucht – und Solidarität.

Hier kommt das Ritual ins Spiel. Das qualifizierte. Das gemeinschaftliche. Trauern ist kein einsamer Akt. Trauer ergreift immer eine Gruppe von Menschen. Um eineN SterbendeN trauert immer eine Gemeinschaft. Kein Verlust der Welt betrifft nur einen einzelnen Menschen. Deshalb versammeln sich nach Flugzeugabstürzen nie einzelne Hinterbliebene, sondern alle Trauernden. Trauern und Loslassen brauchen eine Gemeinschaft. Das ist kein Zufall sondern ein wesentliches Element des Trauerns – und des Loslassens. Selten sind Solidarität und Schulterschluss so wertvoll, wie in der Trauer.

Die Zeit des Loslassens ist die Zeit des Rituals, der gemeinsam durchlebten Trauer angesichts eines Verlusts. Wir realisieren, dass etwas Wertvolles zu Ende gegangen ist: Eine gemeinsame Zeit, ein Projekt, ein Lebensabschnitt, ein Traum. Diesen Abschied gemeinsam zu vollziehen, ist der erste Schritt in die Zukunft.

Der Nutzen von Ritualen in der Arbeitswelt

Als Coach und Organisationsberater habe ich den Eindruck, dass in Veränderungsprozessen genau hier sehr oft der Knackpunkt liegt: Ein gescheitertes Geschäftsmodell wird mal eben „begraben“, ein abgestürztes Start-up schnell „beerdigt“. Menschen werden mit einem warmen Händedruck entlassen oder outgesourct. Maßnahmen der Organisationsentwicklung werden zwecks Umsetzung mal eben kommuniziert. Kurz und schmerzlos muss es sein.

Warum ist das eher nicht hilfreich? Weil es immer um reale Menschen geht und um deren Zukunft. Um deren Hoffnungen und Ängste. Um die Anstrengung, die es bedeutet, einen neuen Anfang zu machen. Weil Verlust immer mit Trauer einhergeht, die krank macht, wenn sie keinen Ausdruck findet. Weil sich durch diese Hauruck-Verfahren die Zukunft von Menschen verdunkelt.

Wenn es stattdessen gelingt, gemeinsam einen wertschätzenden Akt des Loslassens und der realen Trauer um das Ende einer Epoche und einer Hoffnung zu vollziehen, dann werden die Betroffenen fähig, einen neuen Anfang zu machen. Ein qualifiziertes Ritual fängt die Emotionen der Trauer(nden) auf. Es ermöglicht das Loslassen und damit einen wirklichen, gemeinsamen Abschluss. Das Ritual erlaubt mir, einen Unterschied zu bilden zwischen dem, was ich loslassen muss und dem, was ich in die Zukunft mitnehmen werde, weil es wertvoll ist und bleibt.

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Human After All. Foto: Christoph Schmitt

Nicht zuletzt erwächst den Beteiligten aus der Erfahrung, diesen Abschluss und dieses Loslassen gemeinsam geschafft zu haben, eine wertvolle Kraft für den Neuanfang!

Es klingt groß, fängt aber im Kleinen an: Wenn es uns gelingt, dort wo wir leben und arbeiten, in kleinen Gruppen und Gemeinschaften zu trauern – nicht nur über den Verlust der eigenen Geschäftsmodelle, Lebensträume und Gewissheiten, sondern ebenso über den Verlust an Leben und Hoffnung „around the world“, dann entwickeln wir ein belastbares Fundament der Solidarität. Wenn wir Rituale des Abschieds und des Loslassens (wieder) in unser Leben und Arbeiten lassen, Rituale die uns erlauben, etwas loszulassen, was uns bereits davon geschwommen ist, dann retten wir damit die Welt. Unsere eigene ebenso wie die unserer Mitmenschen.

Loslassen befreit nicht nur. Es verbindet.

Wenn Sie sich näher mit der Idee eines Rituals befassen möchten, finden Sie weitere Infos hier.

 

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Über Demokratie in der Schule

„Warum sich Lehrer genau jetzt für Demokratie einsetzen müssen“ – so ist ein aktueller Blog-Post von Dejan Mihajlovic überschrieben, dessen Engagement für eine andere Schule ich seit längerem mit großen Interesse verfolge. In seinem aktuellen Artikel fordert er ein verstärktes Engagement von Lehrer’innen für echtes demokratisches Handeln an Schulen – nicht zuletzt im Unterricht selbst als dem Ort, wo Schule ganz zu sich selber kommt.

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Hier geht’s zum Blog-Post

Ich finde seinen Artikel wieder einmal toll. Sein Engagement, mit Hand und Fuß, begeistert mich total, weil ich merke: Da hat einer genau jene Vorstellungen von Schule hinter sich gelassen, die heute noch immer den Normalfall bilden – und die eine wesentliche Ursache dafür bilden, dass Schule u.a. dem grassierenden Rechtspopulismus nicht wirklich etwas entgegenzusetzen weiß – weil es an echter, demokratischer Teilhabe mangelt, so Mihajlovic.

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Aus dem Blog-Post

Zwischen den Zeilen lese ich, dass der Autor in einer Schulwelt arbeitet, in der seine Überzeugungen und Argumente oft verhallen, und dass die Wirkkraft seiner Überzeugungen womöglich vor allem an seiner Person (und an seinen Mitstreiter’innen) hängt. Nun könnte mann sagen: Das ist halt so. Es sind immer Menschen, die etwas bewirken und verändern. Hätten wir also mehr von der Sorte, hätten wir andere Schulen.

Die Realität funktioniert anders. Menschen bewirken das, was Systeme an Wirkung zulassen und was nicht – und oft bewirken revolutionäre oder einfach nur geniale Einwürfe sogar ein Verstärken dessen, wofür Systeme stehen, und worunter wir täglich leiden. Und so macht, wer autoritäre Systeme mit demokratischen Anliegen konfrontiert, nicht selten die Erfahrung, dass diese ihre autoritäres Gebaren genau deswegen noch verstärken.

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Aus dem Blog-Post

Systeme bestimmen darüber, welches Handeln in ihnen erfolgreich ist und welches nicht. Deswegen sind es am Ende auch nicht jene Lehrer, die mit antidemokratischen Reflexen den demokratischen Fortschritt einer Schule verhindern – denn sie führen ja schlussendlich einen Auftrag aus.

Es mag auf den ersten Blick bizarr klingen: Menschen zeigen in Systemen auf Dauer vor allem jenes Verhalten, das belohnt wird – wodurch es verstärkt wird, wodurch es belohnt wird, wodurch es verstärkt wird. Ausgerechnet Schule übt und exerziert dieses Prinzip ja bis zum Erbrechen. Demokratie bleibt, so schreibt auch Dejan Mihajlovic, ein Placebo.

Ernstfall Demokratie

Dass Schule in ihrem Kerngeschäft nicht endlich ein Ort demokratischer Praxis wird, hat nichts mit fehlendem persönlichem Engagement zu tun oder mit Löchern in der Argumentation von Menschen, die demokratische Werte verwirklichen möchten. Es liegt womöglich nicht einmal an Lehrer’innen, die sich dagegen sträuben oder sich zu wenig für das Demokratische einsetzen.

Es liegt daran, dass es keinen „demokratischen Unterricht“ geben kann und wird, weil sich die Anliegen und Ziele dieser beiden Formate (Demokratie hier und Unterricht dort) ausschließen. Besonders eindrücklich zeigen dies funktionierende demokratische Schulen (https://www.eudec.org/), die sich nach dem Konzept der Soziokratie organisieren. Ein besonders gut gelingendes Beispiel für eine solche Schule ist diese hier – sie überzeugt auch deshalb, weil sie das Prinzip Demokratie so uneitel wie erfolgreich praktiziert:

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Hier geht’s weiter.

Ich weiß nicht, ob Dejan Mihajlovic das Format „Unterricht“ demokratisieren möchte, oder ob er es vor allem demokratisch anreichern will. In demokratischen Schulen jedenfalls wurde der Unterricht als Format im und durch den Prozess der Demokratisierung folgerichtig abgeschafft. Es geht nicht mehr darum, dass Schüler’innen mitbestimmen, mitgestalten und mitentscheiden dürfen – das Hilfsverb dürfen ist von der Bildfläche verschwunden.

Wo in erzieherischen und pädagogischen Kontexten von dürfen die Rede ist, ist der entscheidende „Turn“ in der Praxis noch nicht gemacht. Es ist dann noch immer wie zuhause, wo Kinder fragen, ob sie nicht noch ein wenig länger aufbleiben dürfen. Je nach demokratischer Gesinnung der Elternschaft werden die Argumente gehört oder nicht, denn, so der Tenor: „Die Kinder wissen doch noch gar nicht, was sie wirklich brauchen!“

Ob wir länger aufbleiben dürfen oder nicht, ob wir den Rahmen, innerhalb dessen wir erzogen und „gebildet“ werden, mitbestimmen dürfen, das entscheiden in diesem Mindset immer andere – und genau das ist keine Demokratie. In der Schule nennen wir das Unterricht. Demokratie bleibt im Unterricht immer ein Spiel, eine Übung, die im nächsten Moment vom Lehrkörper abgebrochen werden kann. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dann, wenn „es aus dem Ruder läuft“, also wenn es tatsächlich demokratisch wird, sprich: konsequent.

Dieses Konzept können wir durchbrechen. Dann sind Entscheidungen allerdings immer demokratische Entscheidungen – und das bedeutet: von allen getroffen und getragen – und nur auf demokratischem Weg über den Haufen zu werfen. Dass das funktioniert, zeigen schon heute etliche demokratische Schulen. Was ich an ihnen am meisten bewundere: Dass sie das Mühsame und oft Zähe an demokratischen Prozessen durchstehen. Um der Demokratie willen.

Ich wünsche mir nichts mehr, als dass die Anliegen von Dejan Mihajlovic endlich epidemisch werden. Die visionäre Kraft dahinter ist unbezahlbar – ebenso wie das Engagement so vieler, das sich aus solchen Quellen speist. Genau aus diesem Grund trete ich dafür ein, dass wir das System Schule hinter uns lassen, denn das ist der erste Schritt in Richtung einer demokratischen Gemeinschaft, die kein Placebo mehr ist – sondern ein Ort, an dem alle aktiv ihre Verantwortung erkennen und wahrnehmen.

Erinnerung an 2018

2018 war für mich ein Jahr der verrückten Diskussionen mit Bildungsfachleuten, LehrerInnen und Dozierenden. Einige von ihnen realisieren knapp, dass sich die Berufe ihrer Klient’innen „irgendwie verändern“. Wobei die Skepsis nach wie vor überwiegt – was mit krassen Wissensdefiziten aufseiten der Bildungsprofis zu tun hat. In der Folge hat die Digitale Transformation in Schulen bis heute den Status eines Gerüchts und Digitale Medien den eines zweischneidigen didaktischen Hilfsmittels. Der Rektor einer Berufsschule drückte das neulich so aus: 

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Was die Diskussionen vor allem zeigen: Lehrende realisieren nicht, dass und wie ihr eigener Beruf von der Digitalen Transformation betroffen ist, und dass der in seiner herkömmlichen Identität und Funktion verschwinden wird. Das gilt auch für jene, die sich mit ihrer Hoffnung auf ein digitales Erwachen von Schule in den Sozialen Medien outen. Auch sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Schule, die sie vorne in die Waschanlage schieben, hinten wieder als solche rauskommt. Wie neu.

Das Tesla-Syndrom: Hinten kommt das bessere Vorne raus

Hier wirkt das „Tesla-Syndrom“: Aus dem stinkenden Auto mit Verbrennungsmotor wird ein sauberer Batterieschlitten, der am Ende auch noch selber fährt. Darüber hinaus bleibt unsere Fantasie aber beim Auto. Das hatten wir bereits in „Back To The Future“, wo das Skateboard, mit dem Marty McFly im Jahr 1955 durch Hill Valley braust, in Teil zwei zu einem Hoverboard mutiert. Also im Jahr 2015 🙂

So geht Transformation aber nicht. Wie beim Auto nicht einfach eine andere Technik unter die Haube einzieht, sondern das normative Konzept des Individualverkehrs verschwinden wird (weil ja für genau dieses Problem eine Lösung gesucht ist), so wird das „Konzept Schule“, wie wir es kennen, abgelöst. Nicht „durch Digitalisierung“ sondern aufgrund der Digitalen Transformation.

Es wird also kein digitalisiertes Nachfolgemodell für Schule und Lehrer mehr geben, weil das Konzept selber an sein Ende kommt – nicht zuletzt deshalb, weil es die Probleme, zu deren Lösung es anzutreten vorgibt, nicht nur vergrößert, sondern produziert. Vergleichbar mit unseren traditionellen Mobilitätskonzepten, die Mobilität mittlerweile nicht nur nicht erhöhen, sondern behindern. Wir kommen nur noch schwer vom Fleck.

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Analoge Digitalisierungsfantasien

Es wird in Bälde keine Schulen mehr geben, und keine Lehrer‘innen – weil es die Welt, in der Schule und Lehrer das Modell der Wahl waren, nicht mehr gibt; weil die in einem fundamentalen Prozess der Transformation steckt – der womöglich so schnell auch gar nicht endet.

Diese Transformation ist bereits am Laufen. Hoch dynamisch, chaotisch, unberechenbar.

Für Anja Wagner und Angelica Laurençon geht es deshalb jetzt um Kooperation, Zukunftsorientierung und Optimierung von Plattformen und Netzwerken. „Anstelle von normativen Vorlagen und Programmen, deren Ausarbeitung länger dauert als ihre Relevanz.“ (B[u]ildung 4.0, S. 29).

„Wir brauchen

  • Lernumgebungen, die dezentral und vielgestaltig von diversen Nutzergruppen kreativ besucht werden können;
  • Lernmodule, die weder an Präsenzzwang noch an zeitliche Auflagen gebunden sind;
  • Inhalte, die von den Lernenden erweitert und vernetzt werden können;
  • Mitmenschen, die sich selbst als ständig Weiter-Lernende begreifen“ (ebd., S. 47).

Wir entwickeln also Lernnetzwerke, die lernende Netzwerke sind. Konkret ausformuliert habe ich das hier.

 „Die Zukunft und das Leben der Millionen Wissensarbeiter*innen im digitalen, globalen Zeitalter hängt vor allem von B(u)ildung 4.0 ab, deren Stimuli Vernetzung, Kollaboration und Zusammenarbeit sind. Sie setzt auf den schaffend tätigen Menschen, dessen Kompetenz und permanente Kreativität neue Werte schaffen, die es für eine nachhaltige Welt dringend braucht“ (B[u]ildung 4.0, S. 31).

Schule werden wir nicht mehr haben, weil wir sie nicht mehr brauchen.

Jetzt legt mal das Tablet wieder weg, Kinder.

Wenn Schulen und Lehrer*innen über Digitalisierung sprechen, dann meinen sie den skuzessiven Einbau digitaler Technologie in das bestehende System. Tablets & Co als didaktisch-methodische Hilfsmittel. Pädagogische Hochschulen legen umfangreiche Weiterbildungen und Kurskonzepte auf, um Lehrpersonen bei diesem Einsatz zu unterstützen. Es entstehen Wartelisten. Schulleitungen müssen entscheiden, wer aus ihrem Kollegium die Kurse besuchen darf, weil die Nachfrage groß ist.

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Zum Artikel

Allein diese Anekdote aus dem Artikel des Tagesanzeigers weist auf das fundamentale Missverständnis hin, das sich in pädagogischen Kreisen festgesetzt hat im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation. Da fahren wir nach Zürich, setzen uns in einen Seminarraum und lassen uns das Digitalding zeigen und erklären. Dann fahren wir zurück in unsere Schule und zeigen und erklären es den Kleinen. Finde den Fehler.

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Ein Gynmasiallehrer aus der Zentralschweiz weist mein „pauschales Schul-Bashing“ mit der Einladung zurück, doch mal wieder den Unterricht an seiner Schule zu besuchen, dann würde ich schon sehen, dass sie längst mit diesen Geräten arbeiten und sogar ein neues Fach eingeführt haben. Finde den Fehler.

Digitalisierung ist nicht dasselbe wie Digitale Transformation. Digitalisierung hat längst stattgefunden. Überall und durchgehend. Jetzt transformieren sich unsere kulturellen Systeme digital. Das ist gemeint, wenn von Internet of Things, von Künstlicher Intelligenz, von New Work, von Agilität, von radikalen Veränderungen der Arbeitsmärkte gesprochen wird. Von völlig neuen Berufsbildern und davon, dass wir uns in dieser dynamischen Entwicklung völlig anders bewegen, bilden, orientieren und ernähren werden. Radikal anders kommunizieren, uns fortbewegen, das Zusammenleben gestalten.

Von alldem ist in Schulen und Hochschulen nichts zu spüren oder zu sehen.

Es geht bei der Digitalen Transformation nicht um das Einführen digitaler Geräte in den Unterricht. Es geht nicht um das nächste Fach und Curriculum. Es geht vielmehr darum, mit Schule aufzuhören. Mit Beschulung, Unterrichten, Wissensvermittlung.

Schulen bewegen sich, wenn sie überhaupt „auf Digitalisierung machen“, auf der Ebene der Substitution des bekannten SAMR-Modells, wie die Aussage einer Lehrerin im Artikel des Tagesanzeigers sehr schön zum Ausdruck bringt: „Das Tablet sei aber nicht immer auf dem Pult. ‚Wir legen es weg wie jedes andere Schulbuch auch.‘“.SAMR

Das Tablet-Projekt, über das im Artikel berichtet wird, ist ein wunderbares Beispiel für diese aufwändige und teure Integration digitaler Technologien in bestehende Strukturen und Kulturen, ohne letztere wirklich in einen Prozess der Digitalen Transformation zu bringen.

Da werden hier und da auch e-assessments eingeführt, in ganz seltenen Fällen kommt „Flipped Classroom“ zum Einsatz – doch auch hier wird eigentlich nie von einem „functional improvement“ gesprochen, sondern von „unerträglichem Mehraufwand“. Die Plausibilität und Überzeugung für den Nutzen und die Nachhaltigkeit solcher Entwicklungen wird nach wie vor bandbreit in Frage gestellt – von „Augmentation“ keine Spur.

Das grundlegende Missverständnis liegt im Mindset, das im Moment nicht nur nicht in Bewegung kommt, sondern durch die bevorstehende Integration Digitaler Spielzeuge in die Gewächshäuser des Lernens mit Sicherheit nochmals neue Nahrung erhält, wie die Folie von Anja C. Wagner wunderbar zeigt:

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Kontext: https://twitter.com/hashtag/hhsbarcamp?src=hash

Es ist allerhöchste Zeit, das Lernen und die Bildung aus dem Schulsystem zu befreien, diesen Mief hinter sich zu lassen – und ganz neue Wege zu erfinden, indem wir sie gehen.

Bitte lernen lassen. Danke. 

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Immer wollen sie spielen. Phase 1. (Photo: Christoph Schmitt)

Was, wenn „selbstbestimmt und selbstorganisiert lernen“ keine Fähigkeit wäre, sondern eine grundsätzliche Eigenschaft des Lernens? Was, wenn Lernen an sich selbstbestimmt und selbstorganisiert wäre? Wenn also diese beiden Eigenschaften das Lernen auszeichnen würden? Wenn Lernen also Selbstorganisation wäre und Selbstbestimmung, egal was Erziehung und Pädagogik tun und was nicht? Wenn das also Eigenschaften wären, die zum Lernen nicht noch irgendwie hinzukommen würden, sondern immer schon Merkmale des Lernens wären? Welchen Sinn würde es dann machen, von selbstorganisiertem und selbstbestimmtem Lernen als einer Fähigkeit zu sprechen, die ein Mensch unter bestimmten Umständen entwickelt und unter anderen nicht oder nur schlecht?

Keinen.

Was, wenn auch ein auf den ersten Blick als Lernverweigerung oder Lernverzögerung daherkommendes Verhaltensmuster nichts anderes wäre als eine Funktion des sich auch in dieser Situation selbst organisierenden und selbst bestimmenden Lernens? Was, wenn das Lernen selbst dort, wo es stark eingeengt würde auf formalisierte Lernprozesse, diese Eigenschaft nicht und nie verlieren würde – sondern z.B. selbstbestimmt und selbstorganisiert nach Auswegen suchen würde, die das erziehende System als defizitär interpretiert?

Obacht.

Die Auffassung, selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen sei eine Fähigkeit, würde dann das, was eine Voraussetzung für das Entwickeln von Fähigkeiten ist,  zu einer Folge dieser Entwicklung erklären. Und auf dem Hintergrund dieses Vertauschens von Voraussetzung und Folge würde DANN die Überzeugung Sinn machen, dass wir selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Lernen entwickeln können, denn DANN ist dieses Lernen ja nicht (mehr) die Voraussetzung für das Entwickeln und Entfalten irgendwelcher Fähigkeiten, sondern die Folge einer Entwicklung, die wir JETZT natürlich fördern müssen. Und schon brauchen wir Pädagogik und Didaktik.

Merken sie was?

Dabei ist es mit dem Lernen doch wie mit dem Atmen. Auch Atmen ist keine Fähigkeit sondern eine Eigenschaft lebender Wesen: Sie atmen. Und was auch immer in der Luft ist, wie sauber oder verpestet die sein mag, wie „richtig“ oder „falsch“ einer atmet, oder wie stark diese Funktion eingeschränkt sein mag: solange der Mensch lebt, atmet er und sie. Atmen ist keine Fähigkeit, die ich entwickle. Es ist jederzeit eine (mir) gegebene Voraussetzung. Von selbstbestimmtem und selbstorganisiertem Atmen zu sprechen, wäre sinnlose Rede, denn es gibt das Gegenteil nicht.

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Diese faulen Säcke. (Photo: Christoph Schmitt)

Mein Atmen kann ich so oder so „einsetzen“. Nie aber einstellen. Es organisiert sich jederzeit selbst und selbstbestimmt – allen kreativen Interventionen zum Trotz. So auch beim Lernen. Beide sind eine Voraussetzung für alles andere. Lernen wird nicht erst durch seinen irgendwie pädagogisch unterstützten oder behinderten Einsatz zu mehr oder weniger selbstorganisiertem und selbstbestimmtem Lernen, weil es das jederzeit ist.

Aber passt denn die Metapher mit dem Atmen hier wirklich? Schließlich gibt es ja auch die „künstliche Beatmung“ in Fällen, in denen jemand nicht mehr von selbst atmen kann. Dann sind wir aber lebensgefährlich krank. Dies gleichzusetzen mit dem pädagogisch konstruierten „lernschwachen Menschen“ ist zynisch, denn was Schule in Wahrheit tut, ist dies: Sie verhindert durch ihr Handeln systematisch, dass lernende Menschen – hier wieder metaphorisch gesprochen – ihre Lungen frei von der Leber weg gebrauchen. Unterricht beatmet kerngesunde Menschen jahrlang künstlich (das nennt sich „Didaktik“). Anschließend geben Unterrichtende zu Protokoll, dass die wenigsten Lernenden über die Fähigkeit des selbstbestimmten und selbstorganisierten Atmens verfügen. Bis auf ein, zwei besonders begabte Atmer. Aber schließlich müsse man ja alle mitnehmen.

Merken sie was?

Die Annahme, dass es zwei grundsätzlich unterschiedliche Formen von Lernen gibt: hier das selbstbestimmte, dort das fremdbestimmte, ist falsch, weil Lernen nicht fremdbestimmbar ist. Was auch immer wir einem lernenden Menschen antun, verweigern, ermöglichen: sein und ihr Lernen ist und bleibt selbstorganisiert und selbstbestimmt. Es macht keinen Sinn, von fremdbestimmtem Lernen zu sprechen, so wenig es Sinn macht, von fremdbestimmtem Atmen zu sprechen. Dass die erschreckende Mehrheit der Menschen große Probleme mit dem selbstbestimmten Lernen hat, kommt nicht daher, dass ihnen eine Fähigkeit fehlen würde. Vielmehr ist der Moment, wenn du zum ersten Mal in deinem Leben ohne Schlauch atmen sollst, angstbesetzt – und nicht selten schmerzhaft.

Wenn wir von Lernen sprechen, sprechen wir von einem selbstorganisierten und selbstbestimmten Prozess. Lebende Systeme lernen immer selbstbestimmt und selbstorganisiert – völlig unabhängig davon, wie stark äußere Manipulationen auf den Menschen einwirken, also auch „mit einem Schlauch im Hals“: Sein und ihr Lernen ist und bleibt selbstorganisiert und selbstbestimmt. Auch wenn es aufgrund irgendwelcher Umstände selbstbestimmt und selbstorganisiert in die Hose geht.

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Immer wollen sie spielen. Phase 2. (Photo: Christoph Schmitt)

Die Pädagogik kommt hier an ihre Grenze. Hat sie sich doch zu dem Zweck erfunden, um bestimmte Fähigkeiten zu entwickeln (und andere zu verhindern). Ein beliebtes Narrativ in der Pädagogik lautet, dass es da „Anlagen“ gibt und „Potenziale“, die durch pädagogische Intervention erst entwickelt werden und entfaltet. Sie geht also davon aus, dass junge Menschen etwas noch nicht haben, dass sie bestimmte Fähigkeiten noch nicht (entwickelt) haben, und dass die dann mit Hilfe ausgefeilter pädagogischer Interventionen entwickelt werden – und in jedem Fall besser und zielgerichteter als ohne diese Interventionen – oder gar selbstbestimmt 😆.

Und diese Überzeugung wendet die Pädagogik dann ganz selbstverständlich auf das Lernen selbst an. Dabei übersieht sie, dass das Lernen für sie als Wissenschaft und Praxis eine Voraussetzung bildet, über die sie nicht bestimmen kann.

Hartes Brot.

Die landläufigen Probleme und Differenzen und Halbwahrheiten und Konflikte im Kontext des selbstorganisierten und selbstbestimmten Lernen entstehen dadurch, dass wir annehmen, es handle sich dabei um eine zu entwickelnde Fähigkeit. Diese falsche Annahme liegt unserem pädagogischen Denken zu Grunde. Erst wenn ich begriffen  habe, als Mensch ebenso wie als System, dass Lernen ein fundamental selbstbestimmtes und selbstorganisiertes Phänomen ist, wenn ich verstanden habe, dass es hier um eine Eigenschaft menschlicher Existenz geht, um ein Merkmal menschlichen Lebens wie das Atmen, erst dann werde ich aufhören, an lernenden Menschen herumzudoktern und herum zu didaktisieren, „damit sie das selbstorganisierte und selbstbestimmte Lernen lernen“. Dann lasse ich davon endlich die Finger weg.

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Immer lassen sie alles liegen. (Photo: Christoph Schmitt)

Erst wenn ich verstanden habe, dass Lernen keine Fähigkeit ist, die sich durch pädagogische Intervention entwickelt, sondern eine Eigenschaft, die sich ihr jederzeit entzieht, haben neue Architekturen und Designs von Lernprozessen den Hauch einer Chance.

Innovative Konzepte, klärende Zugänge und neue Wege in dieses Verständnis von Lernen zeigt regelmäßig Jane Hart auf – ich profitiere von ihren Umfragen, Analysen und Interpretationen seit Langem. Bildschirmfoto 2018-12-26 um 16.17.42Deshalb möchte ich mit einem Auszug aus ihrem aktuellen Buch schließen:

It „is important not to misuse the word ‚learning‘. Words like ‚training‘, ‚courses‘, ‚content‘ are not synonyms of ‚learning‘. ‚Learning‘ is not a product nor a commodity; it is an internal process, so, in other words:

  • You can’t design learning  – you can design training, a course, or content – but that’s not designing learning
  • You can’t deliver learning – you can deliver training or a course – but that’s not delivering learning
  • You can’t transfer learning – you can (try to) transfer knowledge – but that’s not transferring learning
  • You can’t manage learning – you can manage participation on a training course or access to some online content – but that’s not managing learning.

The only person who manages learning is the individual him/herself.“