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Es gibt keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur ein richtiges Mindset. Also bilden wir es!

In einem Gastbeitrag für die Wirtschaftswoche beschreibt Sebastian Dettmers das Mindset und die Fähigkeiten, mit denen junge Menschen zukunftsfähig werden. Er adressiert aus guten Gründen nicht das Bildungssystem, sondern direkt die jungen Leute. Ein genialer Schachzug. Wie wir junge Menschen dabei unterstützen? Wir machen Kräfte und Ressourcen frei, um endlich entsprechende Lern- und Erfahrungsräume zu vermehren: Colearing-Spaces und Learning Communities, die dicht vernetzt sind mit der Kultur des neuen Arbeitens rund um den Globus.

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Foto: Gerd Altmann • Freiburg/Deutschland via pixabay

Statt in den Refrain einzustimmen, wie sicherheitsbedürftig und schülerhaft die junge Generation doch sei, fordert Dettmers den jungen Menschen zu einem Shift seines/ihres Mindsets auf: Glaube nicht mehr jenen Leuten, die dir erzählen, dass du mit denselben Tugenden erfolgreich und glücklich durchs Leben kommst, wie anno dazumal. Dieser Einladung zum Kurswechsel kommt entgegen, was das WEF bereits klar umrissen hat: Der Bedarf an jenen Skills und Aufgaben, auf die wir Alten die nachfolgende Generation nach wie vor trimmen, nimmt konsequent ab:

  • Manuelle Geschicklichkeit, Ausdauer, Präzision.
  • Gedächtnis, verbale, visuelle, auditive und räumliche Fähigkeiten.
  • Lesen, Schreiben, Rechnen und aktives Zuhören.
  • Verwaltung der finanziellen und materiellen Ressourcen.
  • Installation und Wartung von Technologie.
  • Personalmanagement.
  • Qualitätskontrolle und Sicherheitsbewusstsein.
  • Koordination und Zeitmanagement.
  • Technologieeinsatz, -überwachung und -steuerung.

Bildschirmfoto 2019-04-13 um 13.03.04 KopieLeuten mit der alten Brille auf der Nase fällt dazu – neben einem gerüttelt Maß an Empörung über den Untergang des Abendlandes – wenig anderes ein als der Satz „Diese jungen Leute können ja heute nicht mal …“ – an dessen Ende sie dann jene Fähigkeiten aufzählen, für die sie in ihrer eigenen Ausbildung jahrelang gepiesackt wurden, respektive für die sie das alte System belohnt hat. Deshalb können sie gar nicht sehen, dass es heute und morgen um völlig andere Kompetenzen geht. Die bringt jetzt Dettmers ins Spiel.

Die neuen Skills und Haltungen

  • Lernt, Probleme zu lösen und mit Veränderungen umzugehen.
  • Bleibt offen für neue Wege, seid kreativ und kommunikationsstark.
  • Beweist im Rahmen einer durchaus fundierten Ausbildung, dass ihr euch in spezielle Themen einarbeiten könnt. Fixiert euch aber nicht darauf.
  • Investiert fortlaufend – auch nach Lehre oder Studium – in euch selbst, vor allem in eure Persönlichkeit.
  • Viel wichtiger als das Fachgebiet an sich ist: Neugier für Verbesserungspotenziale zu zeigen und diese auch beizubehalten.
  • Die Arbeit und ihren Nutzen für das Unternehmen aus der Vogelperspektive analysieren.
  • Den Mut aufbringen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen.

„Denn es gibt heute keine richtige Berufswahl mehr, sondern nur noch ein richtiges Mindset“ – hält Dettmers abschließend fest. Seinen Beitrag in der Wirtschaftswoche finden Sie hier.

Das Händeringen hat längst begonnen

Immer mehr Konzerne, Berufsverbände und Unternehmen sehen sich vor die Aufgabe gestellt, durch interne Angebote bei ihren Arbeitskräften diese Fähigkeiten zu wecken, weil Schulen und Hochschulen das nicht tun. Etliche Unternehmer sagen mir ganz ungeschminkt: Nicht die jungen Leute sind das Problem, sondern die Schulen, die mit veralteten Ausbildungsstandards unterwegs sind. Mit Menschenbildern und Vorstellungen von Lernen, die indiskutabel sind. Deshalb suchen immer mehr ökonomische Player händeringend nach Alternativen, denn es geht um ihr wirtschaftliches Überleben. Was wir im Moment noch nicht realisieren, ist dies:

Die „New Work“, von der jetzt alle sprechen, und die ja bereits überall Einzug hält, setzt „New Learning“ voraus. Das ist die Erkenntnis der Stunde.

Deshalb brauchen wir jetzt Investor’innen, die die Zeichen der Zeit erkennen und mutig Ressourcen investieren in das Design neuartiger Lernräume. In die Entwicklung von Ateliers, Colearning-Spaces, Academies. Dabei vertrauen wir nicht länger auf das Mindset des alten Bildungssystems und seiner politischen Dinosaurier – das funktioniert ja schon in der unseligen Klimadebatte nicht, sondern wir identifizieren und fördern mit aller Kraft das neue Mindset und vernetzen es, was das Zeug hält. Dieser spannenden Aufgabe haben sich Bildungsdesigner, wie ich einer bin, verschrieben.

Komplexität & Digitale Transformation: Wie stemmen wir das? Ein Workshop & ein Barcamp

Wie bereiten wir uns, unsere Mitarbeitenden und die betrieblichen Abläufe auf die komplexen Herausforderungen der Digitalen Arbeits- und Businesswelt vor? Wie befähigen wir uns als Menschen und als Organisation? Wie bleiben oder werden wir entscheidungsfähig angesichts der Menge und Komplexität der Daten und Informationen? Das waren die Themen bei meinem Workshop für die Teilnehmer’innen im CAS „Strategisches Projektmanagement im Bauwesen“ an der Hochschule Luzern.

Zappa GeistAm Anfang steht für mich (immer) die Einladung, kollaborative Tools der Zusammenarbeit „hands on“ und konkret im Seminar zu erleben, indem wir damit arbeiten. Dieses Mal vor allem mit Slack und mit dem Google Drive. Die Teilnehmenden erleben 1 zu 1 die Vorteile der digitalen Tools: den Austausch von Wissen, Fragen, Erfahrungen – das synchrone Erarbeiten von Lösungen, den Zugriff auf alle relevanten Informationen und die Möglichkeiten, alles jederzeit zu bearbeiten und zu teilen.

Komplexität als alltägliches Business-Phänomen in den Griff bekommen

Zwei ExpertInnen zu „Komplexität und dem Umgang damit“, kommen während des Workshops per Video ins Spiel: Peter Kruse und Friederike Müller-Friemauth. Über das snychrone Erstellen eines Dokuments im Google Drive erarbeiten sich die Teilnehmenden einen Zugang zur „komplexen Thematik der Komplexität“ – zusammen mit mir als Seminarleiter. In diesen Prozess der gemeinsamen und jederzeit für alle sichtbaren und beeinflussbaren Konstruktion von Wissen entstehen nach und nach Einsichten und Lösungsansätze – bereits während des Seminars.

Statt mit „Case Studies“ zu arbeiten, sprich aus Vergangenem für die Gegenwart zu lernen, üben wir, aus der komplexen Gegenwart heraus zukunftsfähig zu werden. Mit den Worten von John Seely Brown: „In a world of constantly changing contexts, best practices don’t travel very well.“ Die Teilnehmenden machen ihre eigene Arbeits- und Lernwelt zum Ausgangs- und Zielpunkt der Prozesse, was ja auch sinnvoll ist, weil es ihre eigenen Herausforderungen sind, die sie zu bewältigen haben. Übrigens können bei diesem Vorgehen jederzeit weitere ExpertInnen quasi „life“ und von überall her digital zum Prozess zugeschaltet werden: Mitarbeitende, die wichtige Beiträge leisten können, auch wenn sie gerade nicht am Seminar teilnehmen sondern „im Dienst“ sind. Es können auch ganze Seminargruppen (z.B. aus anderen oder parallelen Studiengängen) phasenweise in einen „digitalen Diskussionsraum“ eingeladen werden bzw. in die Entwicklung eines Dokuments auf Google Drive eingeladen werden. Im Handumdrehen.

Das mittlerweile sattsam bekannte VUCA Phänomen (siehe Grafik unten) kann so nach und nach auf konkrete Arbeits- und Lern-Situationen hin heruntergebrochen und mit ganz viel wertvollem Erfahrungswissen vernetzt werden. Die Teilnehmenden verknüpfen ihre Erfahrungen aus ihrem betrieblichen Alltag gegenseitig und mit dem theoretischen Modell:

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Ein „Neues Lernen“ soll Einzug halten in die betriebliche Welt. Welche Fragen haben wir an diese Prozesse?

Was wir wissen wollen
Die Fragen der Teilnehmenden zum „Lernen im Digital Age“ sind zahlreich und fundamental.

Wo fangen wir an, wenn wir uns selbst, wenn wir Mitarbeitende und die Organisation befähigen wollen im wertschöpfenden Umgang mit Komplexität? Stellt das Internet mit seinen unendlichen Möglichkeiten womöglich alles auf den Kopf, was wir bisher über das Lernen gelernt haben? Wie lernen wir, uns in dieser Komplexität auszukennen und sie nutzbar zu machen?

Mein Vorschlag an die Kursteilnehmenden war: Lassen Sie uns bei uns selbst anfangen und bei der Frage, in welchen Situationen wir „Lernen“ positiv erlebt haben:

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Die Ergebnisse dieser biografisch ausgerichteten Reflexionsphase sind beeindruckend. Gefragt, welche typischen Eigenschaften das gute und nachhaltige Lernen begleiten, kamen diese Charakteristika zusammen:

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Wenn wir also im Rahmen der betrieblichen Weiterbildung und des Learning & Development Menschen gewinnen möchten, sich proaktiv auf die Achterbahnfahrt einer sich digitalisierenden Ökonomie einzulassen, wenn wir Fahrt aufnehmen wollen in Richtung digitaler Kompetenz, dann zeigen die Begriffe oben ganz klar, von welcher Qualität diese Prozesse in Zukunft sein müssen.

Besonders wirkungsvoll und nachhaltig erweisen sich dafür Konzepte des Social WoBildschirmfoto 2019-04-11 um 14.54.59rkplace Learning. Deshalb habe ich den Teilnehmenden einen Einblick in die Corporate Learning Comunity gegeben, die im deutschsprachigen Raum die heißen Eisen und Themen der „New Work“ aufgreift und in einer neuen Kultur der Kollaboration über Unternehmens- und Ländergrenzen hinweg konsequent weiter entwickelt. Wer die Aktivitäten dieser Community in den Sozialen Netzwerken aufmerksam verfolgt, bekommt eine Ahnung von der positiven Kraft und von der Nachhaltigkeit echter Kollaboration. Ganz aktuell bietet Simon Dückert am 12. April 2019 einen Sprint zu einem sehr interessantes Toolset für selbstgesteuertes Lernen (genannt LernOS) an, das sich für betriebliche Umgebungen sehr gut eignet.

Und wie umschreiben wir jene Digitale Kompetenz, um die es dabei geht?

Da könnten wir jetzt einzelne Fähigkeiten („Skills“)  aufzählen, die es braucht, um die ganze Palette der Digitalen Lern- und Arbeitswelt abzudecken. Ich bevorzuge einen anderen Weg und entscheide mich für fünf Kompetenzen, die in der Lage sind, einzelne Fähigkeiten zu bündeln und an eine Haltung zu binden, wie das folgende Chart zeigt:

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Wenn ich mich der gewaltigen Herausforderung einer Digitalen Lern- und Arbeitswelt auf diese Weise nähere, wird schnell klar, dass wir als Menschen und Organisationen in erster Linie neue Haltungen entwickeln werden. Das technische Knowhow ist dann schnell erworben. Unsere Lern- und Arbeitsumgebungen werden sich so radikal verändern, dass wir sie nur mit einem neuen Mindset wirklich begreifen und uns adäquat in ihnen bewegen können.

Wie solche Prozesse in einer neuen Kultur durchgeführt werden können, das ist eines der Ziele jener kollaborativen Communities die sich im Moment immer stärker vernetzen, wie z.B. auch in der Working Loud Community.

Wenn Sie sich für solche neuen Formen des Lernens und der Vernetzung interessieren, wenn Sie diese neue Kultur life miterleben und mitgestalten möchten, dann sind Sie ganz herzlich eingeladen zu unserem Barcamp #Initiate19 am 7. Juni 2019 im Tram Museum in Zürich, wo wir einen Tag lang gemeinsam an Wegen für mehr Partizipation in Meetings, Trainings und Konferenzen arbeiten. Hands on.

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Hier können Sie sich anmelden

und

hier erfahren Sie wie ein Barcamp funktioniert.

Nicht das Kind ist krank, sondern die Schule, in der es steckt

Text: Christoph Schmitt

Fotos: Aus dem Video Ninnoc von Niki Padidar

Der Aktivist Rosa von Praunheim hat 1971 für das öffentliche Fernsehen in Deutschland einen Film produziert mit dem Titel: „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Dieser Filmtitel bringt ein fundamentales Merkmal von Kultur zum Ausdruck: dass Normalität eine Frage des Kontextes ist, innerhalb dessen sie beansprucht wird; dass alles, was Kultur ist, auch anders interpretiert werden kann und hin und wieder sogar muss.

Normalität und das gesellschaftlich Normative sind also nicht vom Himmel gefallen. Sie sind kulturelle Konzepte. So ist das auch mit der Schule. Auch die ist ein Konzept, das einmal erfunden wurde. Aus Gründen. Heute ist sie eines der wenigen, das uns noch geblieben ist aus den letzten hundertfünfzig Jahren. Normativ hoch aufgeladen und sakrosankt wie einst die großen christlichen Kirchen, die ihre Funktion als moralische Flüstertüte des Kapitalismus verloren haben – so staatstragend sie einmal waren. Die meisten anderen Systeme (z.B. Politik oder Gesundheit) sind, was ihre Funktionsweise betrifft, ökonomisiert. Jetzt hängt alle Hoffnung am Phänomen Schule. Sie erscheint als letztes Refugium für das Reproduzieren von Kultur, als letzte kulturelle Projektionsleinwand. Eine Art Rettungsboot für alle. Das verleiht ihr in den hitzigen Debatten über sie den Nimbus einer Institution, die eigentlich nicht zur Diskussion stehen darf. An ihr herumkritteln: klar. Sie Reformen unterziehen: bitteschön. Sie digitalisieren: wenn‘s sein muss. Aber sie selbst steht nicht zur Disposition.

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Schule ist vorbei

Doch diese Situation ist eingetreten. Schule als System ist zu Ende. Ähnlich wie andere kulturelle Trägersysteme, die erfunden wurden, um über Jahrhunderte hinweg gesellschaftliche Stabilität zu garantieren, und die dann unter mehr oder weniger großem Lärm und mit Schmerzen abgewickelt wurden. Wir stehen an einem Punkt der Geschichte, wo das System Schule seine stabilisierende Funktion verloren hat und dysfunktional geworden ist. Wöchentlich erreichen mich durch die sozialen Medien Reflexionen, die diese Diagnose machen. Explizit oder zwischen den Zeilen. In dieser Woche unter anderem Andreas Schleicher – wie immer bezogen auf’s große GanzeBernie Bleske hinsichtlich der Beschulung Jugendlicher, Alma Pfeifer im Blick auf die ersten Jahre.

Schule garantiert nicht mehr den gesellschaftlichen Fortbestand (was auch immer das ist), sie untergräbt ihn. Zwar gehen wir davon aus, dass all die Probleme, die Schule hat und hervorbringt, in den Griff zu bekommen sind. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass wir das hinkriegen mit genügend Geld und so viel Reform, wie’s halt braucht. Mit anderen Eltern und besseren Lehrern und mehr iPads. Doch genau das ist der fundamentale Irrtum. Warum?

Ein Beispiel: Der Einsatz heilpädagogischer Berufe nimmt stetig zu. Die entsprechenden Studiengänge & Stellen werden immer wichtiger. Vordergründig geht es dabei um die Unterstützung von Kindern mit Problemen. Tatsächlich geht es aber um eine Illusion von „Reibungslosigkeit“ nach dem Vorbild industrieller Produktionsabläufe. Auch Andreas Schleicher stellt im erwähnten Interview fest, dass das industrielle Arbeitsmodell nach wie vor großen Einfluss auf die Schulkultur hat. Dieses Mindset bringt die Problematik mitsamt den Kindern, die „Probleme machen“, also womöglich erst hervor. Das haben z.B. die Langzeitstudien von Remo Largo in der Schweiz verifiziert. Auch erleben mehr und mehr Kinder und ihre Eltern seit Jahren auf ganz nicht-wissenschaftliche Weise, dass Schule eher krank macht als klug.

Wir sind an einem Punkt angekommen, wo nur noch die Kinder und Jugendlichen „unauffällig“ bleiben, die ein gefestigtes soziales und am besten auch materiell gepolstertes Lebensumfeld haben, denn Nachhilfe wird, im Unterschied zu Ritalin & Co, nicht von der Krankenkasse bezahlt. Alle anderen bekommen spezielle Betreuung.

Wir nehmen nicht die wirkmächtigen Zusammenhänge in den Blick. Wir operieren an den Folgen herum. Wichtig ist, dass die Verantwortlichen in ihre Sessel zurückfallen können mit dem ruhigen Gewissen, dass sie nun wirklich alles Mögliche getan haben, was dem Steuerzahler und der Wählerschaft zuzumuten ist. Das Vorgehen ist auf perfide Weise hermetisch: Das Schulsystem erweckt den Eindruck, dass es „etwas für die Kinder tut“ und erwartet diesbezüglich vor allem Dankbarkeit. Dass es selbst der Hauptverursacher eines Problems ist, zu dessen Lösung es dann großzügig antritt, diese entscheidende und mittlerweile naheliegende, weil erfahrungs- und reflexionsgesättigte Erkenntnis, die wird ausgeblendet. Aus Gründen.

Schule bringt aber nicht nur Probleme hervor, die sie dann zu lösen vorgibt. Vielmehr vermittelt sie unzähligen Kindern und Jugendlichen ein Selbstbild als problematische, zurückgebliebene, als nicht oder nur schwer integrierbare Menschen. Dabei gerät völlig aus dem Blick, dass wir Menschen niemals „sind“. Wir „verhalten“ uns: so oder anders. Die Situation, in die wir junge Menschen stecken, damit sie lernen, hat immer einen fundamentalen Anteil daran, wie sich Kinder und Jugendliche dazu verhalten.

Nicht das Kind ist krank, sondern die Schule, in der es steckt. Heilpädagogik, Logopädie, Schulsozialarbeit, Ritalin und Nachhilfe sind allesamt Überlebensstrategien des Schulsystems. Es geht um die Rettung unserer Vorstellung von Normalität. Selbst Probleme wie das Mobbing, das ja reflexartig an „den Kindern“ festgemacht wird, an „den Medien“ und „den Eltern“, gedeihen ja vor allem in klassischen schulischen Kontexten. Wer Mobbing verstehen möchte, sollte nicht bloß auf die Kinder schauen, die es praktizieren, sondern auch auf die Schule, in der es passiert. Die Tatsache, dass Mobbing an innovativen und alternativen Schulen nicht vorkommt, hat nicht damit zu tun, dass dort „halt spezielle Kinder sind“, die sich die Schule wie Rosinen herauspickt. Es hat damit zu tun, dass das Phänomen an solchen Schulen keine Chance hat, weil Kinder und Jugendliche, die auch dort aus jedem erdenklichen persönlichen Background kommen, eine andere Kultur des Lernens und der Gemeinschaft erfahren, und weil sie dort ganz anders lernen, mit Macht umzugehen.

Ganz zu schweigen davon, dass auch die Kinder und Jugendlichen, die einigermaßen unauffällig durchkommen (aka „erfolgreich“), in der Schule schon lange nicht mehr auf das vorbereitet werden, was die Zukunft an Haltungen, Fähigkeiten und Einstellungen erfordert. Hier lautet die Begründung von Seiten der Schule immer wieder: „Wir können unsere Arbeit deshalb nur noch schwer machen, weil wir immer mehr problematische Kinder haben.“ Dass ein Kind ganz einfach überfordert ist, wenn es in einen Rahmen gespannt wird, der die Individualität von Lernen und Persönlichkeitsentwicklung systematisch ignoriert und unterdrückt, gerät nicht in den Fokus der Überlegung. Vielmehr ist genau dann zu hören, Kinder müssten als erstes lernen, sich ein- und anzupassen, sich unterzuordnen. Und wer das nicht kann, brauche halt Unterstützung.

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Es ist umgekehrt: Wir brauchen eine andere Schule. Wir brauchen einen Zusammenschluss all jener Kräfte in unseren Gesellschaften, die das selber in die Hand nehmen. Die das Thema Bildung und Lernen gemeinsam und grundsätzlich neu denken. Nicht nur vereinzelte Eltern und Elterngruppen, die ihre Kinder aus der Schule nehmen, weil es nicht mehr anders geht (wie es z.B. zunehmend im Kanton Bern geschieht, weil es dort möglich ist). Das kann nur ein Anfang sein. Ein wichtiger und wertvoller Anfang, weil er alarmiert. Aber es geht um viel mehr. Es geht darum, dass wir für Kinder und Jugendliche völlig andere Räume und Formen des Lernens entwickeln, bauen und umsetzen.

Die traditionellen Institutionen zu adressieren oder auf sie zu warten, ist sinnlos, solange diese weder bereit noch fähig sind, sich auf die innovativen Initiativen einzulassen und von ihnen zu lernen. Die Safaris und Wallfahrten, die Pädagogische Hochschulen regelmäßig zu solchen Initiativen unternehmen, enden so, wie die vielen Ausflüge von Politikern und Unternehmern ins Silicon Valley: Sie kehren erschreckt und fasziniert in die eigene Welt zurück mit der Erkenntnis, „dass das so bei uns natürlich nicht funktionieren kann“ – aus Gründen.

Die Fragen, die wir uns jetzt zu stellen haben, sind: Was spricht dafür, im großen und ganzen so weiterzumachen wie bisher, mit all diesen Ausreden und Begründungsreflexen, weil wir das bestehende Schulsystem weiterhin für das beste aller möglichen halten, an dem wir hier und da ein wenig rumschrauben und reformieren, ein wenig digitale Tools importieren und eine Schulsoftware, die Leistungsnachweise und Lehrermangel optimal verwaltet? Und was spricht dafür, dass die traditionelle Schule zu Ende gegangen ist: konzeptionell, methodisch und in Bezug auf ihr Menschenbild? Weil sie die meisten jener Probleme, die sie hat, selber hervorbringt, weil sie pausenlos mehr Desselben tut in einer Situation, in der ein radikaler Neuanfang die einzige Lösung ist.

Das neue Lernen wächst in den Nischen

Aufgrund meiner Beobachtungen, Beratungen, Gespräche und Recherchen vermute ich, dass in den nächsten zwei bis drei Jahren vor allem jene Initiativen stark an gesellschaftlichem Einfluss zunehmen, die nicht innerhalb des bestehenden Schulsystems innovativ werden, sondern im freiem Feld: initiiert von Menschen, die verstanden haben, was es braucht; die das Geld und auch die Aufmerksamkeit zusammenkratzen, um ihre wertvollen Konzepte weiterzuentwickeln und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das ist im Moment noch mit hohen Risiken verbunden – vor allem im alten Europa, wo Staaten ihre Bürger‘innen mit einer rigorosen Schulplicht drangsalieren bzw. ausschließlich die traditionellen Systeme alimentieren – sei es mit Geld, sei es mit Gültigkeit. Vieles hängt im Moment noch am staatlichen Bildungsmonopolismus, der jedoch weder verhindern konnte noch kann, dass sich in Nischen wunderbare Initiativen entwickeln und verbreiten – und damit meine ich nicht jene Privatschulen auf Schweizer Boden, die jährlich 50 000 Franken dafür kassieren, dass sie junge Leute durch die Matura bringen, die also am Ende doch wieder im Takt des traditionellen Systems zu tanzen haben.

Ich meine jene Initiativen, die selber ums finanzielle Überleben kämpfen, gerade weil sie mit einem völlig anderen Konzept arbeiten, als die staatliche Schule. An dieser Stelle seien noch einmal drei von ihnen genannt, in denen ich die Zukunft des Lernens sehe: Das mittlerweile über 50-jährige Konzept der Sudbury Valley School in seiner ganzen Radikalität, die School Circles in den Niederlanden und – für mich besonders beeindruckend, weil in einem recht konservativen kulturellen Umfeld entstanden und Fuss gefasst: Das Barcelona Learning Innovation Center.

Das neue Lernen, das wir so dringend brauchen, wird sich weder im alten Schulsystem entfalten, noch aus ihm heraus. Vergleichbar mit vielen Entwicklungen, die wir momentan im Kontext der Digitalisierung erleben, und die sich allesamt an anderen Orten auf dieser Welt abspielen. Das alte Europa ist kraftlos geworden ist. Es funktioniert noch immer nach dem Schema „Zugpferde, Mitläufer, Abgehängte“. Zelebriert wird das Alte, wird die Wiederholung. „Fancy new clothes for the Emperor and his tribe“. Der patriarchale Traditionalismus mit seinen Symbolen und Artefakten, mit seinen Hierarchien und Seilschaften durchwirkt noch immer alles, damit das radikal Neue nicht Fuss fassen kann: nachhaltige Formen des Wirtschaftens und des Zusammenlebens, ökologische Neuanfänge auf breiter Ebene, Überwindung nationalistischer Narrative, Erfindung neuer Erzählungen über lebenswertes Leben, eine Ahnung davon, wie unsere Zukunft aussehen könnte, statt des ritualhaften Abhakens all jener Vorschläge, die nicht genehm sind. Aus Gründen. Überall Vermeidungsängste statt Zukunftshoffnungen. Und dazwischen das gute alte „panem et circenses“ im neuen Gewand.

Der erste Schritt, um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, ist ein Unterbrechen der Versorgung dieses Systems mit „menschlichem Nachschub“. Entweder wir gehen dieses Risiko ein und erfinden Schule, Bildung und Lernen neu, oder wir gehen vor die Hunde.

Einige konkrete Vorschläge in diese Richtung habe ich in meinem Blog ausgearbeitet. Wenn Sie an diesen Gedankengängen interessiert sind, klicken Sie sich bitte rein:

-> Bildung in der digitalen Zukunft.

-> Vier Schritt in die Zukunft des Lernen.

-> Lernen in Netzwerken.

Und Sie sind sehr herzlich eingeladen zum Barcamp am 7. Juni im Trammuseum in Zürich, wo wir uns einen Tag lang intensiv mit der Frage auseinandersetzen, welche Alternativen wünschenswert sind und wie wir die zusammen entwickeln können.

Tickets gibt’s hier.

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Hungrig machen statt satt: Aufgaben einer Schule der Zukunft

21.3.2019 / Das hier ist ein Input, den ich am 22.3. online im „Langhuus – Kulturfabrik – Cham“ habe einfließen lassen zum Thema „Bildung und Lernen im Wandel“. Im Anschluss gab es noch ein Panel mit interessanten Leuten aus der Region. Und los: 

Was würden sie alles auf eine einsame Insel mitnehmen? Das ist eine beliebte Scherzfrage um rauszufinden, was einem wirklich wichtig ist im Leben. In unserer Kultur ist die einsame Insel eine Mischung aus Sehnsuchtsziel und einem Ort, an den ich angespült werde. eine Mischung aus „letzte Rettung“ und Refugium. Wir wünschen uns zwar manchmal hin, aber die, die dort sind, wollen genauso dringend wieder weg. Eine Weile kann ich es da aushalten, aber irgendwann reicht’s. Wir sind nicht für die Insel gemacht. 

Erst recht nicht der Schiffbrüchige: Er hat sich diese Insel nicht ausgesucht. Dennoch war sie seine Rettung. Nirgendwo wird das (meiner Ansicht nach) eindrücklicher erzählt als in dem Kinofilm Cast Away mit Tom Hanks. Nach einem Flugzeugabsturz längst für tot erklärt, überlebt er fünf Jahre auf der Insel, bis es ihm eines Tages bei gutem Wind gelingt, mit dem selbstgebauten Floß in See zu stechen. Diese Filmszene ist eine wunderbare Metapher für die Situation, in der wir alle gerade stecken. Was meine ich damit?

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Klimawandel als Bedrohung unserer Gewohnheiten

Zum Beispiel den Klimawandel. Der ist eindeutig. Er droht nicht nur, er existiert. Er zerstört Leben und Lebensgrundlagen, er lässt aussterben. Er macht das Leben von immer mehr Menschen zu einer Frage des reinen Überlebens, vor allem das der kommenden Generationen. Wir müssen ganz dringend aktiv werden, was uns aber nicht gelingt, weil dieser Klimawandel im Moment vor allem unsere Gewohnheiten bedroht, unser gewohntes Leben. Wir erleben ihn hierzulande nicht als die Gefahr, die er ist, sondern als einen Angriff auf unsere Lebensweise. Wir ziehen uns auf unsere Insel zurück und hoffen, dass der Kelch an uns vorüber geht. 

Je stärker wir uns an eine Situation gewöhnt haben, umso schwerer fällt es uns, loszulassen und uns ganz neu auf den Weg zu machen. Bildlich gesprochen: In See zu stechen. Vor allem, wenn wir so gut wie alles zurücklassen müssen, wenn der Weg selber gefährlich ist und die Zukunft völlig offen. Wer macht so etwas freiwillig? Vor allem dann, wenn es sich eigentlich gar nicht so dramatisch anfühlt – hier im Zentrum Europas. Aber es ist die Situation, in der wir gerade stecken. Als Land, als Kontinent, als Planet. 

Noch ein Monster: Die Digitalisierung

Neben dem Klimawandel gibt es noch ein Monster, das viele von uns als Bedrohung erleben: Die Digitalisierung. Als ob die Hiobsbotschaften der Klimaforscher und der streikenden Kinder nicht schon verwirrend genug wären, wird uns jetzt auch noch prognostiziert, dass die Digitalisierung unsere Arbeitswelt ganz radikal verändert. Auch hier stehen die meisten unserer Gewohnheiten zur Disposition. Sehr viele Jobs und Berufe werden tatsächlich wegfallen bzw. sich radikal verändern. Ganz neue werden entstehen. Viele traditionelle Arbeitsverhältnisse fallen nach und nach weg oder werden in die Schwellenländer verlagert. Die Mittelschicht schrumpft seit Jahren, die KMU-Welt, das wirtschaftliche Rückgrat der Schweiz, steht unter Druck. Ganze Branchen brechen ein. Neue entstehen, die nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir gewohnt sind. Wir müssen in See stechen.

Das Problem ist nur: Wir haben auf die meisten Herausforderungen, vor denen wir jetzt gerade stehen, keine Antworten oder Lösungen. Wir haben einfach die sichere Erkenntnis, das es nicht mehr so weitergeht, wie bisher. Sei es jetzt in Sachen Klima, oder in Sachen Arbeit und Wohlstand. 

Metaphorisch gesprochen müssen wir diese Insel verlassen, auf der wir es uns eingerichtet haben. Der Verunsicherung ins Gesicht sehen und loslassen, was uns bisher Sicherheit gegeben hat, und woran wir uns gewöhnt haben. In See stechen. Ohne zu wissen, wo wir ankommen und wie. Diese Ungewissheit ist das Erbe unserer Generation an die nächste.

Wie & wo bereitet sich die kommende Generation  darauf vor?

Eigentlich durch Schule. Über ein Jahrhundert lang hat Schule junge Menschen auf ein ökonomisches Erfolgsmodell vorbereitet, das jetzt zu Ende geht. Und damit gehen auch unsere Vorstellungen davon zu Ende, was Schule zu tun hat und was nicht. Jetzt muss Schule junge Menschen nicht nur auf etwas anderes vorbereiten. Sie muss sie auch anders vorbereiten als bisher. Mit der Art und Weise, wie wir bis heute Schule machen, bereiten wir weder uns noch unsere Kinder auf das vor, was uns erwartet. Soviel steht fest.

Ein schlechte Nachricht ist das aber nur für die, die ums Verrecken an dem festhalten wollen, mit dem sie selber groß geworden sind; für jene, die sich der Erkenntnis verschließen, dass wir Bildung und Lernen neu erfinden müssen. Denn die gute Nachricht ist: Nirgendwo können wir den Hebel effektiver ansetzen, als in Bildung und Erziehung. Das ist unser Floß. Die einzig aussichtsreiche Möglichkeit, die wir im Moment haben, um mit den großen Herausforderungen klar zu kommen, ist die, dass wir Schule und Lernen von Grund auf neu erfinden.

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© 2019 Universal Pictures International Switzerland

Schule darf uns nicht länger – metaphorisch gesprochen – darauf vorbereiten, wie wir möglichst gut „so weitermachen“, sprich: die Insel bewirtschaften. Das war in der Vergangenheit ja die Aufgabe von Schule. Jetzt hat sie eine andere. Und das ist bisher den wenigsten wirklich klar.

Jetzt müssen wir lernen, dass und wie wir von dieser Insel runterkommen. Und zwar zuerst im Kopf. „In See stechen“ ist das zentrale Bildungs- und Lernziel der Stunde. Da geht es um eine ganz neue Haltung, und es geht um ein paar Fähigkeiten, die Schule bis heute sträflich vernachlässigt.

Die „Fridays for Future“ machen’s uns bereits vor. Da sind junge Leute, die ihre Zukunft selber in die Hand nehmen, die das eigene Hirn nutzen um diejenigen kritisch zu hinterfragen, die uns an die Schulpflicht erinnern wollen, um ihre eigenen Gewohnheiten zu retten.

Kinder & Jugendliche brauchen ein ganz neues Lernen und eine völlig neue Schule. Eine, in der sie nicht mehr belehrt werden, nicht vollgestopft und satt gemacht, sondern eine Schule, die sie hungrig macht und neugierig auf völlig neue Pfade und Wege. Eine Schule, die den Mut und die Neugier fördert, die jeder junge Mensch mit auf die Welt bringt. Eine Schule, die nicht mehr länger nach Antworten fragt, sondern mit Fragen antwortet. Eine Schule, die das Lernen nicht mehr länger vom Lehren aus betrachtet, sondern als Selbstermächtigung versteht. Lernen als die Fähigkeit, die jeder Mensch hat, um sich die Welt zu erschließen.

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Keynote statt Gottesdienst, oder: Die Renaissance des Kultischen

 

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Die überbordende Konferenz- und Keynote-Kultur und die damit verbundenen Aktivitäten des Pilgerns und Wallfahrens auf Seiten der Konsumierenden haben keinerlei Informations-, Bildungs- oder Lerneffekte. Was auf diesen Events gesprochen und gezeigt wird, ist längst für alle frei im Internet zugänglich. Warum haben diese Formate Hochsaison?

Sie befriedigen ein Bedürfnis, für das im letzten Jahrhundert die Gottesdienste der christlichen Kirchen zuständig waren. Keynotes & Conferences haben kultische Funktionen, und das geht so: Menschen kommen in unsicheren und prekären Situationen zusammen, um sich in der Menge anderer Verunsicherter geborgen zu wissen und Worte und Gesten des Trostes und der Ermahnung zu hören; um gemeinsam mit anderen Rituale des Gemeinschaftlichen auszuüben und dadurch die Bedrohlichkeit des Unverständlichen einzudämmen; um zugleich einen Anteil am Strahlenden, am Machtvollen und Überzeugenden zu erlangen, das wie seinerzeit vom Setting und von der Inszenierung des Sakralen ausgeht. Und auch heute dreht sich auf diesen Veranstaltungen viel um die Entwicklung und Verbreitung von Erlösungsphantasien und darum, das eigene Gewissen zu entlasten.

Das sind einige der Hauptfunktionen des religiösen Kultes, der jetzt im „Konferenz-Paradigma“ Urständ feiert. Dementsprechend sind nach wie vor jene Persönlichkeitsprofile gefragt (und fahren den Schotter ein), die den Kult beherrschen und liefern, nicht diejenigen, die an Lösungen interessiert sind – und sie voranbringen.

Die Keynote-Kultur löst keine Probleme, sondern hilft sie zu ertragen

Im Moment nimmt die Plausibilität von „Keynote & Conference“ zu. Daran erkenne ich, dass um uns herum Unsicherheit, Nichtwissen und Angst zunehmen – und deshalb die Bereitschaft, sich diesen Ritualen zu unterwerfen. Was sich dadurch aber weder verbreitet noch entwickelt, ist das, was in diesen säkularen Gottesdiensten von den Priestern verkündet und gepredigt wird: Agilität, Empowerment, Wissen, Aufklärung und Kompetenz nehmen gerade nicht zu. So wenig wie sich in früheren Tagen durch das Kultgeschäft der Kirchen die christliche Botschaft von Feindes- und Nächstenliebe und von der Bewahrung der Schöpfung durchgesetzt hat – denn darum geht es im Kult nicht.

Ich will nicht sagen, dass sich die ökonomischen, sozialen, technologischen und ökologischen Probleme, vor denen wir derzeit stehen, durch diese Renaissance des Kultischen vergrößern.

Was für mich jedoch feststeht, ist: Sie werden dadurch weder adressiert noch gelöst.

Schluss mit Disneyland. Das Abenteuer findet woanders statt

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Je brutaler die Veränderung, die ansteht, umso bizarrer die Ausreden, der Widerstand, die Ablenkung, das Abwinken. Das erleben wir gerade im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation besonders stark. Warum ist das so?

Die Wirklichkeit, aus der wir alle kommen, wurde in unseren Tageszeitungen und in deren Inhaltsverzeichnis abgebildet: Politik, Sportteil, Wirtschaftsteil, Internationales. Und was da jeweils drin stand, das war die Welt, wie sie war. Maximal filtriert durch die Redaktionen, sprich: durch die Produktionsprozesse von Wissen. Wirklichkeit war (und ist für sehr viele bis heute) das, was uns „die Zeitung“ zeigt. Interpretation inbegriffen, denn schon die Auswahl dessen, was sie uns zeigen und was nicht, ist eine massive Interpretation. Wie in den Geschichtsbüchern, die eine völlig andere Wirklichkeit abbilden, abhängig davon, wer in ihnen z.B. (über) den Zweiten Weltkrieg erzählt: Die Sieger oder die Verlierer.

Genau gleich verfährt die Schule: Sie packt das, was sie für relevant hält, in Fächer und vermittelt es im Lektionentakt. Sie entscheidet damit, was zur Wirklichkeit gehört und was nicht. Oder auch das klassische Fernsehen: Die Kanäle, wie wir sie nannten, hatten ja auch die Aufgabe, Wirklichkeit und Welt zu kanalisieren. In Unterhaltung, in Information und in Bildungsfernsehen. Auch hier gilt: Nur was gezeigt wird, findet statt in der Welt der Zuschauer’innen. Oder denk an deine Buchhandlung, wo die literarische Welt ebenfalls in Abteilungen eingeteilt ist: Hier die Romane, da die Sachbücher, die Kochbücher, die Ratgeber – von A bis Z.

Am Beckenrand sitzen bleiben oder Schwimmen lernen

Das Ziel von all dem: Andere reduzieren die Komplexität der Welt für mich, um den Preis, dass ich das als Wirklichkeit akzeptiere, was die Gatekeeper zu mir durchlassen – eine andere Wirklichkeit gibt es dann nicht. Das Gerede von den Bubbles und den Blasen, die durch das Internet produziert werden, ist also Augenwischerei. Vielmehr kommen wir aus einer Kultur der Blasen. Wir kannten die letzten 100 Jahre nichts anderes.

Jetzt haben wir das Internet mit seiner grenzenlosen inhaltlichen Vielfalt und mit seinen grenzenlosen Möglichkeiten, selbst zu bestimmen, zu handeln, aktiv zu werden, Einfluss zu nehmen – auf was auch immer: politisch, kulturell, ästhetisch, sozial, ökonomisch. Jetzt könn(t)en wir Schwimmen lernen – oder weiterhin am Beckenrand sitzen und maulen.

Weil wir aus der alten Welt kommen, sind wir mit der grenzenlosen Verfügbarkeit maßlos überfordert und schreien wie wild nach den Bademeistern: nach dem Alten, dem Sortierten, nach der richtigen Auswahl. Wir (a)gieren danach, dass jemand Klarheit in die Kiste bringt. Wir schreien nach den alten Gatekeepern: dass die endlich ihre Arbeit richtig machen sollen und die Wirklichkeit sortieren, und für uns die richtigen Entscheidungen treffen: die Politiker, die Unternehmer, die Schulen. Aber diese Zeiten sind vorbei. Jetzt sind wir dran. Jede und jeder einzelne. Mit einem nie gekannten Höchstmaß an Selbststeuerung und Selbstermächtigung. Das ist die Herausforderung der Stunde.

Das neue Spiel

Alles, was wir dazu brauchen, ist Strom, Internetzugang und ein Device. Jede und jeder von uns. Der Rest ist Expedition & Vernetzung. Nur so lernen wir die Neue Welt kennen, die uns bereits heute zur Verfügung steht – in der wir uns bewegen, ohne dass es die meisten von uns realisieren würden. Wir haben es in der Hand – jede und jeder einzelne von uns: ob wir weiterhin abhängig sein wollen von dem, was uns andere als Wirklichkeit verkaufen – oder ob wir selbst entscheiden.

Bildschirmfoto 2018-07-26 um 13.28.25Das bringt uns niemand bei. Keine Zeitung, kein Unterricht, kein Kurs und kein Buch. Im Gegenteil: Die alten Gatekeeper werden weiterhin alles daran setzen, dass du abhängig von ihnen bleibst und dir sagen, wie sehr du sie brauchst, um diese Welt zu verstehen – denn auch sie wollen überleben. Vor allem die Bildungsanbieter, die Verlage, die Medienhäuser und die großen sozialen Plattformen. Sie alle leben von der Erkenntnis, dass Information Macht bedeutet und sehr viel Geld.

Wir können den Spieß jetzt umdrehen. Denn alles Wissen und alle Erfahrung liegen kostenlos im Internet rum. In jeder erdenklichen Form. Und wie du Schwimmen nur schwimmend lernst und Sprechen nur sprechend, Singen nur singend und Laufen nur laufend, so lernst du das Internet und sein gewaltiges Potenzial nur nutzen indem du es nutzt.

Ich garantiere dir: Du wirst auf den ersten 100 Metern Internet bereits eine Menge spannender Leute kennenlernen, die mit dir unterwegs sind.

Time to go.

Womit du richtig Geld verdienen wirst. Echt.

ratloses Abendland
Ratloses Abendland. Quelle: Altpapier

Wir gründen jetzt (wieder) eine Firma und nennen sie „Lang & Breit“. Oder „Breit & Lang“. Mal sehn. Vielleicht auch „Sargnagl & Erben“. Unser Angebot: Menschen aus dem Sessel wuchten, ihnen über die Brücke helfen, über den wackligen Steg – in die Zukunft. Wir errichten agile Hospize mit palliativen Angeboten für das Überleben in Organisationen, die so gut wie tot sind. Damit verdienen wir richtig Geld.

Sag was anderes und mach dasselbe

Diese Firma wird erfolgreich sein, denn was sie anbietet, ist anschlussfähig. Unser Trick ist genial einfach und einfach genial: Alle Maßnahmen, die wir planen und durchführen, um „das neue Mindset“ (was bitte?) endlich umzusetzen, funktionieren nach dem alten Mindset: Didaktik, Vermittlung, Versorgung. Wir machen etwas an und mit unseren Kunden (wie der Arzt, die Kosmetikerin, der Lufthansa-Pilot und die Lehrerin) oder für sie (wie der Paketbote, der Broker und die Müllabfuhr) – und wir tun es agil. Wir spielen nach wie vor Blinde Kuh, nennen es jetzt aber Mindfulness. Auf die innere Stimme hören. Das geht viel besser mit verbundenen Augen. Echt. 

Unser Erfolgsrezept: Was wir verändern, sind nur die Inhalte. Das ist unsere USP. Wir reden über Themen wie Digitalisierung, AI, Internet of Things, Platforms, Blockchain, Machine und Deep Learning. Data Science und Security, Agilität und – über völlig neue Formen der Organisation. Echt.  

Wir reden über anderes, wir denken anderes, aber weder denken wir es anders noch denken wir anders. Das jedoch wäre das Neue. Das ist aber nicht anschlussfähig. Kauft dir keiner ab.

Wir haben den Plan!

Genau deshalb entwickeln wir (weiterhin) Programme, Lehrpläne, überhaupt: Checklisten & Pläne für andere, an und mit denen wir dann – agil – etwas machen. Eine Software, ein (Motivations-, Scrum-, Design Thing-King) Seminar, einen Kurs, eine Konferenz oder zehn, eine Keynote oder zwei, eine Podiumsdiskussion, ein Barcamp, das keines ist, ein Projekt, eine Exkursion. Und alles ist immer vorbereitet: hat einen Ablauf, eine Struktur – zur Sicherheit. Wir machen keinen Schritt ohne Plan[et] B.

Wir machen immer „mehr desselben“ – nur über andere Inhalte. Weil wir es nicht anders kennen, wollen & machen wir es genau so: Wir können gar nicht anders. Das blenden wir aber aus.

Der Kunde will das

Stattdessen sagen wir: Die Leute (Schüler, Mitarbeiter) brauchen das. Die wollen das (Kunden). „Die sind so“. Und wir müssen sie (alle) mitnehmen! Und durch genau dieses Mindset sorgen wir dafür, dass sie so bleiben – nicht „wie sie sind“, sondern wie wir sie sehen – und brauchen. Als Menschen, die nicht wirklich Verantwortung für sich und ihr Entscheiden und Handeln, für ihr Denken und für ihre Zukunft übernehmen können. 

Damit wir weiterhin unser altes Ding durchziehen können.

Spüren Sie jetzt das Bedürfnis nach einer Lösung in sich? Wunderbar. Möchten Sie es laut rausschreien? „Gib mir ENDLICH die Lösung!?

Wir haben sie. Lang & Breit.