Der Horror der rasant zunehmenden digitalen Spaltung

Im Moment lese ich wieder Eva Illouz: „Die Errettung der modernen Seele“ und finde dort Anklänge an Bourdieus „Habitus“, Gedanken zur Frage, wie wir gesellschaftliche Teilhabe organisieren; durch welche Fähigkeiten Menschen der Teilhabe mächtig werden – und durch welche Mechanismen sie davon ausgeschlossen werden.

Ich stolpere dabei über diesen Satz der Soziologin Karin Knorr Cetina:

Bei unserem derzeitigen Verständnis von Gesellschaft neigen wir dazu, Wissen als eine Komponente des ökonomischen, sozialen und politischen Lebens zu betrachten. Wir können dieses Verhältnis aber auch umkehren und das soziale, politische und ökonomische Leben als integralen Bestandteil einer bestimmten Wissenskultur verstehen. … Wissenskulturen haben echte politische, ökonomische und soziale Folgen, die in Bezug auf gesellschaftliche Strukturen und Interessen und das Wirtschaftswachstum nicht neutral sind.

Culture in Global Knowledge Societies, in: Marc Jacobs u. Nancy Weiss Hanrahan (Hg.), The Blackwell Companion to the Sociology of Culture, Oxford 2005, S. 74

… und ich denke: Sie bescheibt hier auch den Hintergrund, auf dem sich das größer werdende Missverständnis über unsere Vorstellungen von Wissen im Digital Age und unseren Umgang damit bildet, denn: Wir sind mittendrin, eine Wissenskultur zu formen, die auf der „Digitalen Spaltung“ aufbaut, deren Anschwellen ich in dieser Grafik beschreibe:

Je weniger ein Mensch bzw. eine Organisation über lebendiges, dynamisches, anpassungsfähiges Wissen darüber verfügt, worum es sich bei eine „Kultur der Digitalität“ (siehe hierzu auch Felix Stalder) handelt, wie er und sie die mitgestaltet, wie sie in dieser Kultur ihren Platz finde, in ihr eine Identität ausbildet, wie sie erfolgreich kommuniziert, Netzwerke bildet, kuratiert, qualifiziert, umso stärker schließt sich dieser Mensch, schließt sich eine Organisation selber aus diesen Prozessen aus – und damit schneiden sie sich von der Teilhabe ab.

Diese Digitale Spaltung ist ein schwer durchschaubarer und zugleich folgenschwerer Prozess, der viel zu viele Menschen quer durch alle „Schichten“ von Bevölkerung hindurch von einer unumkehrbaren und nahezu vollzogenen Entwicklung ausschließt. Die Digitale Spaltung vergrößert sich derzeit in hohem Tempo und weitet sich aus auf alle gesellschaftlichen Bereiche.

Dramatische Ausmaße nimmt für mich derzeit das Tempo an, in dem sich diese Spaltung vollzieht, weil Schule und alle weiteren Bildungsinstitutionen durch ihre Weigerung, den Systemwechsel zu ermöglichen, diese Spaltung systematisch vorantreiben.

Derzeit vergrößert sich in einem Affenzahn der Abstand zwischen

  • den kulturellen Praktiken, die mit einer Kultur der Digitalität einhergehen,
  • dem Wissen, das zum aktiven Verstehen und Gestalten dieser Praktiken vorhanden und notwendig ist,
  • dem Zugang zu Informationen, die das Gerüst bzw. Netz einer Kultur der Digitalität bilden,
  • dem Bündel an Fähigkeiten, das es für diesen Zugang und die entsprechende kulturelle Praktik im Umgang damit braucht,
  • dem selbstverständlichen Umgang mit den neuen Praktiken von Interaktion, Kommunikation, Kollaboration und Wissensproduktion

und dem, was Schule und alle nachfolgenden Bildungsinstitutionen tun.

Schule und Bildung sorgen durch die konsequente Verweigerung eines Systemwechsels dafür, dass jungen Menschen Tag für Tag der Zugang zu und der selbstverständliche Umgang mit einer Kultur der Digitalität verwehrt bleibt.

Die für eine erfolgreiche Teilhabe an der neuen Kultur notwendigen Fähigkeiten, Mindsets, Einsichten und Sichtweisen bleiben aus der Schulbildung ausgeschlossen, was dazu führt, dass – bedingt durch die kulturellen Praktiken von Schule – ganze Generationen ausgeschlossen bleiben von der Teilhabe an der Kultur der Digitalität.

Wir schaffen uns da gerade – ähnlich wie beim Klima – eine der schlechtesten Ausgangslagen für die Gestaltung menschlichen Lebens in sozialen Kontexten. Wir erzeugen ganz neue Formen von „Ausschluss“, von versagter Teilhabe, von Unbildung, von Prekariat.

Digitale Spaltung ist also nicht bloß unser gegenwärtig größtes Problem in Bildung und Schule – sondern zukünftig das Problem, das wir uns heute durch Schule und Bildung aufhalsen.

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Titelfoto: Alexas_Fotos auf Pixabay

Warum die Schule demokratisch werden muss

Schule kann nicht fehlen

Dieser Satz lässt mindestens zwei Deutungen zu. Ich kann ihn so interpretieren, dass die Schule unverzichtbar ist und in einer etwas altmodischen Lesart so, dass sie nicht fehlbar ist. Wie der Papst in Glaubensfragen. Zusammengenommen führen beide Deutungen in die Selbstreferenzialität jeder Argumentation über die Notwendigkeit von Schule. Sie bilden jene Voraussetzung, über die in den endlosen Diskussionen über Schule nicht noch einmal nachgedacht wird oder diskutiert. Wo und wann auch immer über Schule gesprochen wird, gilt unausgesprochen: Sie kann nicht fehlen. Was auch immer sie falsch macht – fehlen kann sie nicht.

Die unkontrollierte Kontrolle

Kein anderes kulturelles System ist in seiner Existenz wie in seiner Pragmatik so gründlich von der Reziprozität der Kontrolle ausgenommen, wie die Schule. Wann immer Schule in den Fokus von Kontrolle gerät, sind die Kontrolleure in irgendeiner Form selber Teil des Schulsystems.

Quelle: Google

Nirgendwo sonst (?) gibt es in demokratischen Gesellschaften ein System, das nichts anderes tut, als Menschen in seine Gegenwart zu zwingen, um sie zu bewerten und zu beurteilen, ohne selbst in diesen Kernprozessen von unabhängigen Instanzen bewertet und beurteilt zu werden, denn: Schule kann nicht fehlen. Sie ist „infallibel“, indem sie nicht nur auf normativer, materialer und struktureller Ebene selbstreferenziell darüber bestimmt, was sie tut, wie sie es tut und wie sie es richtig tut. Vielmehr (re-)produziert sie auf dieser Basis das Narrativ ihrer Unverzichtbarkeit (Alternativlosigkeit), also die erste angenommene Bedeutung von „Schule kann nicht fehlen“.

Verrückte Welt: Wo wir vor allem in D-A-CH pausenlos um Themen wie Privatsphäre, Datenschutz und den digitalen Kontrollverlust streiten, leisten wir uns eine Schule, in der junge Menschen ein einseitiges und absurdes Verständnis von Kontrolle entwickeln, weil sie in der Schule täglich damit konfrontiert sind und aufwachsen: mit einem einseitigen Command & Control Setting.

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Schule ist nicht undemokratisch, sondern nicht-demokratisch

Das demokratische Prinzip lebt davon, dass es sich selbst nicht abschaffen kann. Deshalb unterliegen Parlamente und Regierungen einer regelmäßigen Kontrolle durch den Souverän, der auch eine Sie ist. Dieses Kontrollprinzip gilt nicht für Schule. Die demokratische Legitimierung ihres Handelns endet auf der Schwelle.

Auf dieser Basis realisiert und reproduziert Schule mentale und soziale Rahmenbedingungen, die dem Demokratieprinzip im Kern widersprechen. Im Vollzug ebenso wie in Struktur und Kontrolle. Sie ist ein nicht-demokratisches System, kein undemokratisches. Letzteres wäre sie, wenn sie schlechte Demokratie praktizieren würde, wie das z.B. Regierungen und Parlamente regelmäßig tun. Schule hingegen ist, was auch immer sie tut, nicht-demokratisch konstruiert. Sie unterliegt keiner demokratischen Legitimation, nur ihrer eigenen, die eine bürokratische ist. Als Schüler*in kann ich dieses System nicht verlassen. Herausgeholt werden von mündigen Eltern kann ich auch nicht, denn entscheidende Grundrechte der Bürgerinnen und Bürger sind durch die Schulpflicht ausgesetzt – wie sonst nur noch im Militär oder im Gefängnis.

Wir suchen derzeit händeringend nach Gründen und Zusammenhängen dafür, warum Demokratie merkwürdig dysfunktional erscheint und für sehr viele Menschen (links und rechts) gefühlt wirkungslos. Ein ganz offensichlicher Grund liegt für mich hier: In der Schule lernen wir durch den Rahmen und die Art, wie wir dort lernen, das Gegenteil von Demokratie als Funktionsprinzip sozialer Interaktion kennen und akzeptieren. Weil Schule von ihrer Wurzel her nicht-demokratisch ist, prägt sie am Fließband Haltungen, die vieles sind – außer demokratisch.

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Was bedeutet für dich „demokratisch“?

Für mich bedeutet es, willens, motiviert und in der Lage zu sein, in diskursiven Prozessen und unter freiem Einsatz des eigenen Verstandes daran interessiert und darum bemüht zu sein, die Frage nach dem „Demokratischen“ gemeinsam und immer besser zu beantworten. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen, dass dieser Diskurs so offen und heterogen wie möglich geführt werden und lebendig bleiben kann. Das ist für mich die Bedeutung von „demokratisch“, inklusive der auf diesem Weg immer wieder neu anzugehenden Klärung und Schärfung der Begriffe „freiheitlich“ und „rechtsstaatlich“ – dies alles unter Bedingungen, die das, was wir darunter verstehen, mindestens im Ansatz schon garantieren. Wobei in meiner Vorstellung von „demokratisch“ Bedingungen nichts gegebenes sind. Sie entstehen erst dadurch, dass wir sie forlaufend schaffen und reflektieren.

Diese Haltungen und Prozesse abzubilden und konsequent zu praktizieren, Menschen dabei zu unterstützen, diese Haltungen und Prozesse zu verstehen, sie zu verinnerlichen (Haltungen) und zu führen (Prozesse) – das ist in meinen Augen erste Pflicht und Aufgabe von Schule in sog. demokratischen Gesellschaften. Das Gegenteil wird heute praktiziert.

Wie Schule demokratisch wird

Woran ich erkenne, dass Schule auf dem Weg in eine demokratische Zukunft ist, und diese Zukunft auf diesem Weg ermöglicht – zusammen mit denen, die so eine ZUKUNFT wollen?

Wenn Schule als System ihre Vorläufigkeit und Fehlbarkeit erkennt und anerkennt, wenn sie sich vorbehaltlos einlässt auf die Begegnung und Auseinandersetzung mit allen Kräften, die Demokratie herausfordern und gestalten, wenn sie zulässt, dass sie in offenen Diskursen folgenschwer auf ihre Demokratiefähigkeit hin abgeklopft wird, wenn sie praktisch und pausenlos unter Beweis stellt, dass und wie sie jungen Menschen ECHTE Angebote macht, die sie dabei unterstützen, demokratieaffin und demokratiefähig zu werden, und wenn sie Reziprozität in ihr Selbstverständnis als bildende Institution eingeschrieben hat – und wenn jeder Mensch ganz grundsätzlich auch „Nein“ zu ihr sagen kann. Dann ist sie auf dem Weg.

Diese Schule und die Demokratie.

Warum wir die großen Entscheidungen nicht treffen

Auf den ersten Blick scheint es einen hohen Entscheidungsdruck zu geben angesichts

  • der sich zuspitzenden Klimakrise
  • des zunehmende Rechtsradikalismus
  • der Verrohung der Kommunikation in den Sozialen Medien
  • des aufblühenden Nationalismus
  • der Konzept- und Visionslosigkeit der Politik
  • des Kontrollverlusts über Daten, Wissen und Privatleben
  • der zunehmend totalitären Überwachung
  • des sukzessiven Verschwindens menschlicher Arbeit
  • des sturen Beharrens eines sklerotischen Bildungssystems

Manche vermuten, dass wir einen regelrechten Entscheidungsstau haben. Doch dem ist nicht so. Im Gegenteil. Wir sind noch gar nicht an dem Punkt angekommen, wo wir uns im privaten, öffentlichen und ökonomischen Sektor dafür entschieden hätten, dass wir bestimmte Entscheidungen zu treffen haben. Wir stecken nicht im Stau. Wir sind noch nicht einmal losgefahren.

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Wir erfassen diesen Supergau nicht als genuine Entscheidungs-Situation, weil wir uns nicht dafür entscheiden, ihn als solche zu erkennen. Deshalb halten wir es gar nicht für nötig uns zu entscheiden.

Darum treffen wir keine.

Wenn du dich tatsächlich entscheiden willst, dann musst du dich, so scary das klingen mag, zuerst einmal dafür entscheiden dich zu entscheiden. Du musst zuerst aus der Situation, in der du steckst, eine Entscheidungssituation machen. Das gilt für all jene Fälle, in denen (Achtung Metapher!) dir nicht jemand eine Knarre an den Kopf hält und abzudrücken droht, wenn du dich nicht sofort entscheidest. Es gilt also in praktisch allen Fällen.

Die Entscheidung für eine Entscheidung kommt immer zuerst. Und sie kommt von dir. Da geht es noch gar nicht um die Optionen, die du draußen in der Welt vorfindest. Ob hier und jetzt eine Entscheidung zu treffen ist, entscheiden nicht die Umstände. Das entscheidest du. Ob etwas eine Option ist, entscheidet sich erst im Horizont einer Entscheidung, für die du dich entschieden hast.

Krasses Beispiel zur Verdeutlichung: Wenn jemand die Angehörigen einer anderen Religion oder Nationalität als „niedere Tiere“ betrachtet, dann kommt er (seltener sie) gar nicht in die Situation, in der er entscheiden müsste, ob er sie wie Menschen behandeln soll oder nicht, weil es für ihn (seltener sie) da gar nichts zu entscheiden gibt.

Wir können auch anders. Wenn wir uns dafür entscheiden.

Und was hat das alles mit Ethik zu tun?

Manchmal taucht eher zart die Frage auf, was der digitale Overkill in Bildung und Ökonomie mit Ethik zu tun hat, oder unser fatales Konsumverhalten und all die anderen Buzzwords, die unser schlechtes Gewissen triggern. Kann Ethik da helfen? Und wenn ja wie?

Ich bin von Haus aus Ethiker. Mich interessiert schon immer, was ein gutes Leben ist und wie ich es verwirklichen kann. Wie wir das können als Angehörige einer Gemeinschaft, für die wir Verantwortung tragen. Was ist wann ein gutes Leben? Wodurch? Für wen? Und wer entscheidet das?

Wenn ich annehme, dass es das gute Leben tatsächlich gibt, dann nehme ich damit auch an, dass es das für mehr als einen Menschen gleichzeitig gibt. Ich merke recht schnell, dass sich unsere Vorstellungen von einem guten Leben ein wenig bis ganz voneinander unterscheiden (können). Bereits innerhalb derselben Familie, Wohngemeinschaft, oder am selben Bahnsteig gegenüber.

Das gute Leben

Tun wir also gut daran, die Frage nach dem guten Leben der Beliebigkeit zu überlassen? Ist diese Frage womöglich gar nicht zu entscheiden? Oder helfen womöglich Regeln weiter?

Von Geboten, Normen und Regeln haben wie ja mittlerweile mehr als genug. Ihre Wirksamkeit wird angesichts des „digitalen Kontrollverlusts“ sogar in Frage gestellt. Wer sie einhält oder nicht, das entzieht sich immer mehr der Überprüfbarkeit. Und heute gelten womöglich andere Regeln als morgen: „It’s VUCA time, folks!“ Das Misstrauen in Regulierung ist so groß wie der Ruf nach ihr. Die einen wollen immer mehr davon, damit das Leben besser wird, andere fordern deren Abbau mit demselben Ziel. Also doch „jeder seines Glückes Schmied“?

Ich vermute, dass wir tatsächlich keine Einigkeit (mehr) darüber hinkriegen, was ein gutes Leben ist. Trotzdem sollten wir uns zusammensetzen und die Frage gemeinsam erörtern. Wieso? Weil wir dann, wenn uns so ein Gespräch wirklich gelingt, etwas vom „guten Leben“ praktizieren. Menschen, die einander wohlgesonnen zuhören, die sich und ihren Vorstellungen von einem guten Leben gegenseitig Raum geben und Respekt zeigen, verwirklichen es damit bereits. Wie komme ich darauf?

Wenn wir auf eine bestimmte Weise unsere Vorstellungen vom guten Leben teilen, dann fangen wir damit an, unseren Lebensraum anders zu teilen als bisher. Wenn wir ein Gespräch darüber führen, wie für möglichst viele ein gutes Leben in ihrem Sinn möglich wird, dann machen wir uns den Lebensraum nicht gegenseitig streitig und kämpfen nicht um die besten Plätze. Wir nutzen diesen Raum dann um zu klären, wie wir ihn am besten gestalten – so, dass er für alle „reicht“ und lebenswert ist.

Womöglich steht das gute Leben dann nicht mehr als große Idee am Anfang seiner Verwirklichung. Womöglich ist es auch nicht das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Womöglich entsteht es durch eine bestimmte Art und Weise, wie wir miteinander umgehen und sprechen. Schwer genug.

Doch wir stechen uns dann nicht mehr länger gegenseitig aus mit konkurrierenden Vorstellungen vom guten Leben. Wir praktizieren es, indem wir ein Gespräch darüber am Laufen halten. Damit das funktioniert, richten wir unser Gespräch nach einer Maxime aus, die als „Goldene Regel“ bekannt ist. Mit dem kleinen Unterschied dass wir sie nicht als Erwartung an andere formulieren, sondern an uns selbst – ganz im Sinne einer Selbstverpflichtung.

Ich behandle andere so, wie ich von ihnen behandelt werden will.

Beziehungsweise: Was ich mir um Umgang anderer mit mir verbitte, versage ich mir selber im Umgang mit ihnen.

Das klappt doch nie in dieser Ego-Welt!

Das klappt nie, oder? Keine Ahnung. Wissen werden wir das erst am Ende dieses Gesprächs. Nicht an seinem Anfang und schon gar nicht, bevor wir es begonnen haben. Ob es funktioniert, erfahren wir nur, indem wir es ausprobieren. Indem wir einmal mehr nicht abbrechen als wir gerne abbrechen würden.

Wir müssen ja niemanden dazu verpflichten. Einladen geht auch. Und bei Einladungen entscheiden meistens drei Faktoren darüber, ob wir sie annehmen. Erstens, wer auch noch da ist. Also machen wir die Liste so attraktiv wie möglich. Zweitens, wie einladend das Ganze ist. Also „Menschlichkeit statt Moral“. Drittens, was es zu essen gibt. Also decken wir einen Tisch!

Beginnen würde ich das Gespräch über ein gutes Leben mit einer Selbstaussage: Wir erzählen einander, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen und was wir schon alles unternommen haben, um ihm ein Stück näher zu kommen. Ich garantiere euch: Die Geschichten, die dann erzählt werden, hauen uns vom Hocker! Und wir hören sie uns an. Aufmerksam, empathisch, ganz Ohr.

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Welchen Sinn ergibt das?

Wir helfen uns gegenseitig in einem solchen Gespräch dabei, die eigenen Vorstellungen vom guten Leben zu schärfen, zu vertiefen und immer besser zu verstehen. Unaufdringlich und ohne zu urteilen. Wir helfen anderen, bei sich selbst anzukommen. Das ist eine Idee, die auch den Philosophen Emmanuel Lévinas umgetrieben hat.

Pellouchon/Lévinas (Die ZEIT/wikipedia)

Corinne Pellouchon, auch Philosophin, denkt mit Lévinas „über die ethische Notwendigkeit nach, die Andersartigkeit neu zu entdecken und wertzuschätzen. Ich meine wie er, dass die Erfahrung der eigenen Verwundbarkeit für die Wertschätzung des anderen bestimmend ist: Sie ist die einzige Gelegenheit, die wir haben, das Leiden anderer zu verstehen und uns für sie verantwortlich zu wissen.“ (Quelle)

Das klingt womöglich wuchtiger, als es ist. Ich sehe es einfach als einen Dialog der neuen Art. Einer, den womöglich immer mehr Menschen gerne führen, weil sie durch andere Anwesende erfahren, dass es um sie geht und um ihre Sehnsucht nach einem guten Leben. Eingeladen zu diesem Gespräch sind alle. Denn wir sollten möglichst viele Dimensionen eines gutes Lebens hörbar machen, aus möglichst vielen Perspektiven und Disziplinen.

Die Digitalisierung kann dabei aus technologischer Sicht eine große Hilfe sein. Sie ermöglicht uns, räumliche und zeitliche Distanz auszuschalten: über innere und äußere Kontinente und über Zeitzonen hinweg ins Gespräch zu kommen und im Gespräch zu bleiben.

Und wie lernen wir das?

Zuerst: Unsere eigene Idee und Vorstellung eines guten Lebens zu artikulieren, ist uns Menschen in die Wiege gelegt, denn nichts anderes ist die Triebfeder unseres Lebens. Das gute Leben ist über alle Ebenen unseres Daseins hinweg unsere große Sehnsucht: Kunst und Konsum sind ebenso Ausdruck dieser Sehnsucht wie Wissenschaft und Forschung.

Warum diese Vorbemerkung? Weil wir immer dann, wenn wir vom Lernen sprechen, davon ausgehen, dass wir am Ende des Lernens etwas können, das wir vorher noch nicht konnten. Ich gehe jedoch davon aus, dass es ein paar Sachen gibt, die wir als Menschen ganz grundsätzlich können, die wir jedoch gerade in bestimmten Lernumgebungen wieder verlernen. Das Zuhören zum Beispiel. Niemand hört intensiver hin und zu als Kinder. Niemand sieht genauer hin, untersucht hartnäckiger, geht den Dingen ernsthafter auf den Grund als Kinder. Das verlernen sie jedoch in Lernumgebungen, die das verkümmern lassen bzw. die es instrumentalisieren.

Was ich sagen will: Alles was ein Mensch braucht, um seine Frage nach dem guten Leben immer reichhaltiger und bunter zu beantworten, sind andere Menschen, die sich für diese Antworten interessieren. Dafür, was für dieses Kind, für jenen Jugendlichen, für welches konkrete Gegenüber auch immer, mit dem ich in einen Dialog verwickelt bin, ein gutes Leben ist. Dies immer angemessener zu artikulieren und zu verwirklichen, setzt das offene und interessierte Ohr voraus. Fertig.

Selbstverständlich sind in diesem Gespräch auch Fragen erlaubt. Nichts lädt mich mehr ein, über mein Innerstes zu erzählen, als eine Frage, die signalisiert: Ich bin an deiner Geschichte interessiert.

Jede Zuwendung, die als Bekehrung verstanden werden könnte, ist Misshandlung.

Martin Walser

Nicht schlecht wäre also eine Art von Bildungsethik, die ihre Wurzel in der Frage nach dem guten Leben hat und von hier aus fragt, was dann gute Bildung ist – und zwar indem sie das schützt und ermöglicht, was in jedem Menschen nicht nur der Möglichkeit nach angelegt ist, sondern sich vom ersten Atemzug an verwirklicht: Die Frage nach dem guten Leben.

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In Zeiten der digitalen Totaltransparenz fällt es womöglich schwer, eine Aufmerksamkeit, die sich ganz auf mich ausrichtet, als etwas Positives zu erleben. Zu stark ist der Reflex geworden, sich gegen Aufmerksamkeitsübergriffe zu schützen – und oft ist dieser Reflex wichtig. Zu wuchtig wird vielleicht auch die damit einhergehende Einladung erlebt, mich zu öffnen.

Kein Problem. Fangen wir doch deshalb einfach mal damit an, einander zu erzählen, was für uns ein gutes Leben ist.

Einsteigen bitte! Fünf Thesen zur gemeinsamen Zukunft

Ich schlage mich schon eine ganze Weile mit einem Widerspruch herum. Einerseits rufen ganz viele Prophet*innen in den Sozialen Medien täglich die Digitale Revolution der Welt aus: dass sich alles verändern wird in Gesellschaft, Arbeit, Forschung, Wissenschaft und Bildung! Andererseits erlebe ich in meinem beruflichen Alltag, dass nahezu alles seinen gewohnten Gang geht. Die meisten meiner Kund*innen finden das auch völlig übertrieben. Woher dieser Widerspruch?

These 1: Uns fehlen die Erfahrungen, oder: Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

Wir haben noch keinen Sense Of Urgency, kein Bewusstsein für die Radikalität der Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelten, weil wir noch keine Vorstellungen und Bilder davon haben. Uns fehlt die Erfahrung mit diesen Veränderungen. In entscheidenden öffentlichen Bereichen wie Bildung und Arbeit erleben wir diese Veränderungen noch nicht, weil die traditionellen Bildungs- und Arbeitssysteme bisher noch den Anschein machen, dass sie funktionieren: da läuft alles noch so, wie wir es gewohnt sind. Auf der menschlichen Seite von Bildung und Arbeit ist alles minutiös eingespielt: Wir gehen jeden Tag „zur Arbeit“, die lernenden Menschen gehen „in die Schule“. Damit ist für die überwältigende Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt der Tag ausgefüllt.

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Was ich also täglich in Arbeit und Bildung erlebe, widerspricht den prophetischen Szenarien, dass sich durch Digitalisierung alles radikal verändern wird – während wir uns dem Knick in der exponentiellen Kurve exponentiell nähern.

Quelle

Wir erleben etwas anderes als Normalität: Bei uns ist das „Klima“ so, wie es unserer Einschätzung nach schon immer war, auch im metaphorischen Sinn des politischen, des ökonomischen und des gesellschaftlichen Klimas – mit Spitzen zwar und einzelnen Auswüchsen, aber das kriegt die Mehrheit der Leute offenbar nach wie vor in der Kategorie des „wie gehabt“ unter.

These 2: Das Bildungssystem vernetzt sich nicht, weil es sich bereits für das Ganze hält.

Mein Eindruck ist, dass vor allem das Bildungssystem die Kontinuität einer Lebens- und Arbeitswirklichkeit simuliert, die längst nicht nur an den Rändern ausfranst, sondern stark fragmentiert ist.

Das Bild, das mir dazu in den Sinn kommt, ist das einer ehemals geschlossenen Eisdecke, die mittlerweile in viele Einzelteile zerbrochen ist, die längst unkontrollierbar auseinander driften, während auf jeder einzelnen Scholle so getan wird, als gäbe es die geschlossene Eisdecke nach wie vor, statt endlich damit zu beginnen, sich als möglicher Knotenpunkt eines Netzwerks zu realisieren und alle verfügbare Energie darauf zu verwenden, sich und seine Aktivitäten mit den anderen „Schollen“ zu vernetzen. Warum? Weil es praktisch nur noch Schollen gibt.

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Das Bildungssystem ist der „Ort“, an dem sich aufgrund seiner nach wie vor hermetischen Geschlossenheit gegenüber den umgebenden Wirklichkeiten der Eindruck am stärksten halten und reproduzieren kann, dass die alten Vorstellungen und Bilder von Mensch, Kultur, Kommunikation, Ökonomie und Gesellschaft in Geltung sind und bleiben. Eine bizarre Paradoxie.

Und doch ist das der Subtext des Bildungssystems. Vor allem die Schule versäumt es über die gesamte Schulzeit hinweg, jungen Menschen den ungehinderten Zugang und die freie Interaktion mit jenen Phänomenen und Entwicklungen zu ermöglichen, die unsere Welt momentan auf den Kopf stellen. Wenn irgendwo in unseren Gesellschaften die Simulation von Normalität und Kontinuität durchgehend funktioniert, dann in Schule und Hochschule, in Aus- und Weiterbildung.

These 3: Visionen haben keine Chance, solange die Entscheidungsmacht bei den alten Systemen liegt. Deshalb wird das Bildungssystem untergehen.

Wo es darum geht unsere Entwicklung, unser Handeln und unsere „Bewegungen“ zu kontrollieren, also vor allem in Bildung, Arbeit und Konsum, wird die Illusion aufrecht erhalten, dass der digitale Wandel gar nicht die Radikalität hat, mit der er sich jedoch an allen anderen Orten und in allen anderen Zusammenhängen längst zeigt.

Wenn jetzt einige versuchen auszusteigen, der Referenzpunkt aber die Mehrheit bleibt, die am Alten festhält, dann steigen Druck und Angst bei den Beteiligten (Lernende, Arbeitende), dass sie sich womöglich selber abhängen, weil: „ohne Noten kein Abschluss“ oder „ohne Zertifikat keine Karriere“ – so die nach wie vor krassen Befürchtungen. Deshalb entscheiden sich ja bis heute fast alle für das Kontinuum.

Kürzlich habe ich auf linkedIn eine Gruppe entdeckt, die online über notwendige Veränderungen nachdenkt, damit die Schule der Lebens- und Arbeitswirklichkeit der Menschen gerecht wird. Hier der Beitrag eines Schulleiters:

Wenn solche faszinierenden und zukunftsfähigen Überlegungen Eingang in die Schulpraxis finden würden, hätte die nichts mehr gemeinsam mit dem, was wir bis heute unter Schule verstehen. Zugleich tritt so eine Vision klar in Konkurrenz zum bestehenden System, das sich den Erhalt des Status Quo zur Aufgabe macht – politisch ebenso wie strategisch, pädagogisch ebenso wie in Fragen der Organisation.

Am Ende von visionären Dialogen steht deshalb jeweils ein „Wir würden schon, wenn wir dürften.“ Dabei wird es solange bleiben, als der Referenzpunkt für schulische Normalität politisch, juristisch und strukturell beim Erhalt des Traditionellen liegt. Und da die Pionier*innen Angehörige des „alten Systems“ sind, die nicht nur bei ihm in Lohn und Brot stehen, sondern ihm gegenüber auch eine juristische Verpflichtung zur Loyalität haben, endet die visionäre Umsetzungskraft jeweils vor ihrer Verwirklichung. Deshalb vermute ich, mit Bezug auf die Disruption anderer großer Systeme in der Vergangenheit, dass auch das Bildungs- und darin das Schulsystem in naher Zukunft als solches verschwinden wird. Nicht nur weil es sich auf der normativen Ebene konsequent der Veränderung verschließt, sondern weil es durch diese Haltung selber dafür sorgt, dass es im Verlauf der disruptiven Entwicklungen unserer Kultur überflüssig wird.

Niemand schafft das Bildungssystem ab – außer das Bildungssystem sich selber.

These 4: Die Einschläge kommen näher.

In Sachen Beruf, Arbeit und Wertschöpfung kommen die Einschläge immer näher. Ein Beispiel dafür ist der längst vollzogene Siegeszug der „Plattformökonomie“. Wenn ich die Meldungen dazu verfolge (eine gute Quelle ist die linkedIn-Seite von Dr. Holger Schmidt), erkenne ich, dass die Paradigmen, nach denen Ökonomie und Arbeit sich global organisieren, bereits völlig andere sind als die der nationalen Arbeitsmärkte in D-A-CH.

Wirtschaftlichen Erfolg hast du da als Anbieter von Produkten und Arbeitskraft nur noch, wenn du in irgendeiner Form Teil einer der großen Plattformen bist und dich dort mit wichtigen Playern vernetzt. Hinzu kommt, dass weltweit längst viele weitere, für den Menschen in seiner/Ihrer Lebenswelt relevante Handlungsfelder in den Sog der Plattformökonomie geraten sind: Wissenschaft und Forschung, ökonomische und gesellschaftliche Anwendung von Forschungsergebnissen, Standortpolitik, Finanzierung und Aufbau sozialer und technischer Infrastruktur vor allem in den zukunftsrelevanten Bereichen.

In dieser sich immer schneller beschleunigenden Entwicklung verändert sich eines ganz fundamental: das „Normalarbeitsverhältnis“, das für sehr viele Menschen in D-A-CH noch immer Alltag ist – womöglich weil sich der zugehörige Arbeitsmarkt nach wie vor in Sicherheit wähnt. Das lassen die Zahlen zur „digitalen Reife“ von Unternehmen in D-A-CH vermuten (für die Schweiz hier eine Studie, für Deutschland hier).

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay

Die Politik als staatliche Gestaltungsmacht tut währenddessen, was sie immer tut, und zwar nach den Regeln, an den Orten und in den Zeiten, in denen sie es schon immer getan hat, ohne zu realisieren, dass sich die Bedingungen, unter denen heute Politik stattfindet, völlig verändert haben, wie ein Blick in die digitalen, sozialen Medien zeigt. Die haben geltende politische Regeln und Prozesse längst ad absurdum geführt, wenn z.B. der Präsident der USA über Twitter regiert, und wenn die Schattenpolitik der Geheimdienste rund um den Globus durch die mittlerweile grenzenlosen Möglichkeiten der Digitalisierung unkontrollierten Zugriff auf alle Daten- und Informationen haben und in deren Produktion und Verwendung eingreifen können, wie die Lektüre von „Das neue Spiel“ eindrücklich aufzeigt – während die Wahlurnen immer mehr zu politischen Zeitbomben werden, weil rechte Kräfte erkannt haben, dass sie mit ihrer Hilfe die Parlamente fluten können.

Rechtsstaatliche Prinzipien wie Daten- und Persönlichkeitsschutz sind längst digital ausgehebelt, aber die Konsequenzen daraus sind für mich als Mensch und Bürger noch nicht fassbar oder spürbar. Die Rufe der Datenschützer fühlen sich an wie das „Warnung vor dem Hund“-Schild, an dem wir seit Jahren täglich vorbeigehen, ohne je einen Hund gesehen oder gehört zu haben.

Dessen ungeachtet sind unsere Gesellschaften im Sinne des sozialen Miteinanders längst durchsetzt mit den Möglichkeiten der digitalen Interaktion und Kommunikation. Soziale Gefüge und Bezüge organisieren und interpretieren sich jetzt im Moment völlig neu. Alle Vollzüge des öffentlichen und privaten Raumes und Lebens – ausgenommen die Organisation von Bildung – werden sukzessive durch digitale Prozesse verändert bzw. „übernommen“: Das ambulante und stationäre Gesundheitswesen, das Bank- und Versicherungsgewerbe, der Handel und der damit verbundene Konsum, die Organisation der privaten Beziehungen. Selbst „Nachbarschaft“ wird zu einem digitalen Phänomen, weil die Musik halt im Netz spielt.

These 5: Nur die Macht wachsender zivilgesellschaftlicher, digitaler Netzwerke kann die Zukunft immer humaner machen.

Photo: Christoph Schmitt. Steingarten an der Rosenlaui-Schlucht im Berner Oberland

Wir kommen nicht mehr drum herum, die Macht des Digitalen für die Humanisierung der Welt in ihrer ganzen Heterogenität als Lebensraum der Vielen zu nutzen. Das Netz muss der Raum werden, in dem wir Wissen und Informationen konstruieren, indem wir die „Macht der Query“ (vgl. Seemann: Das neue Spiel) für unsere Anliegen nutzen; indem wir Aufmerksamkeit schaffen und kollektiven Impact für Schutz und Rettung der natürlichen Lebensgrundlagen, neue Erzählungen und Sprachspiele als Alternativen für Hass, Sexismus, Rassismus, Homophobie, Patriachat, Ausbeutung und Wirtschaftssklaverei.

Wir begreifen Digitale Netzwerke nicht länger nur als Highways, auf denen wir uns und unsere Waren und Meinungen zwischen A und B hin und her schieben, sondern realisieren, dass sich Zukunft im digitalen Raum entscheidet und realisiert, weil dort alles ist: Das Wissen, die Informationen, die Menschen aus nah und fern, die Erfahrungen der Vielen, die Daten, das Geld, die Macht. Wir nutzen das Netz nicht mehr länger als Medium, sondern als Handlungsraum, in dem wir Zukunft gestalten, sprich: eine gestaltende Macht bilden.

Da können dann alle mitmachen und sich gleichzeitig leiten lassen von den Überzeugungen der Menschenrechte und der goldenen Regel. Alle, die guten Willens sind und mit einer Vision unterwegs. Das Netz ist der Raum, in dem wir eine Zukunftsdemokratie entwickeln, an der alle mitgestalten können jenseits der kleinlichen Loyalitätsverpflichungen des analogen Raums: gegenüber Arbeitgebern, Parteibüchern und kulturellen Traditionen, die auf Ausgrenzung und Separation beruhen:

„Der größte Gegner der Zivilgesellschaft ist nicht die NSA, es sind nicht die Plattformen und es ist nicht der Staat, sondern die Zivilgesellschaft selbst. Wir werden lernen müssen, miteinander zu leben, die sozialen Probleme anzugehen und sehr viel mehr Verantwortung zu übernehmen, weil das sonst andere für uns erledigen werden“ (Quelle).

Titelfoto: von Helena Lopes auf Pexels

It’s not the child that’s sick, but the school it’s in

by Christoph Schmitt

photos: from the video „Ninnoc“ by Niki Padidar

In 1971, activist Rosa von Praunheim produced a movie for public television in Germany entitled: „It’s not the homosexual who is perverted, but the situation in which he lives“. This title reflects a fundamental characteristic of culture: normality is a matter of context in which it’s claimed; everything about culture can be interpreted differently.

The societal normative has therefore not fallen from the sky. It’s a cultural concept, and it’s the same with school as a concept that was once invented. For reasons. Today it is one of the few that we still have left from the last 150 years. Highly charged and sacrosanct as once were the great Christian churches, which have long since lost their function as moral whisperers of capitalism. Most other systems (e.g. politics or health) may not be outdated, but they are thoroughly economized.

Now all hope relies on the traditional concept of schooling. It appears as the last refuge for the reproduction of culture – as the last cultural canvas. A kind of lifeboat for the people. This adds the nimbus of school as an institution that should not actually be open to discussion. To nag at it: of course. Reforming it: you’re welcome. Digitize it: if necessary. But schooling itself is not up for discussion.

School is over

There is some evidence that this situation yet has occurred, that schooling as a system has come to an end. Similar to other cultural carrier systems, which were invented to guarantee societal solidity over centuries, and then disappeared with more or less noise. We are at a point in history where the school system has lost its role of stabilisation and has become dysfunctional. Every day social media deliver reflections on this diagnosis. Explicitly or between the lines. Among others Andreas Schleicher – as always related to the big picture, Bernie Bleske regarding the schooling of young peopleand Jack Ma with a lot of drama:

School no longer guarantees societal continuity (whatever that may be), it undermines it. We assume that all the problems that school has and creates are under control. We are still convinced that we can manage this with enough money and as much reform as it needs. With other parents and better teachers and more iPads. But that’s the fundamental mistake. Why?

For instance, the use of supportive professions in education is constantly increasing. There is speech therapy, psychomotor therapy, integrative education, integrated special education, small(er) classes, remedial teachers, social workers and some more. The corresponding degree courses and jobs are becoming more and more important. At first glance, this is all about supporting children to handle their problems, which is also reflected in such statements (source):

„School is not the repair company of society“, says the President of Swiss Teachers‘ Confederation

Apart from the fact that it’s quite controversial to speak of „repair“ referring to people, the main point here is probably an illusion of „smoothness“, following the example of industrial production processes. Andreas Schleicher also states in the interview mentioned above that the industrial working model still has a great influence on school culture. In fact these mindset raise the issues together with the children who „cause problems“. This has been verified – among others – by Remo Largo’s long-term studies in Switzerland. Also, more and more children and their parents have been experiencing for years in a completely non-scientific way that school tends to make sick rather than smart.

We have reached a point where only those children and teens remain „inconspicuous“, who have a solid social and materially pillowed home environment, because, unlike Ritalin & Co, private lessons are not paid by health insurance.

Surgery on the consequences

We don’t look at the powerful correlations. We operate around the consequences. The procedure is hermetic in a perfidious way: the school system gives the impression that it is „doing something for the children“ and expects gratitude for this. The fact that school itself builds the main cause of a problem that it then generously addresses as a solution: this trick is still ignored. For reasons.

However, school does not only produce problems which it then pretends to solve. Rather, it teaches countless children and teens a self-image as problematic, retarded people who are difficult or impossible to integrate – not least through the senseless grading system (here a statement by Remo Largo):

Standardization – and nothing else is a grading system in which everyone is evaluated equally – often destroys creativity.

(Haeme Ulrich)

It remains completely out of sight that humans never „are“. We „behave“ in one way or another. The situation we put young people in to learn always has a fundamental part to play in how children and young people behave.

It is not the child who is sick, but the school in which he or she stucks. Curative pedagogy, school social work, Ritalin and private coaching are survival strategies of the school system. It is about saving our idea of normality. Even problems such as bullying, which is fixed reflexively to „the children“, „the media“ and „the parents“, thrive above all in traditional school contexts. Anyone who wants to understand bullying should not only look at the children who practice it, but also at the school where it happens. The fact that bullying does not occur in innovative and alternative schools has nothing to do with the fact that there are „special children“ who the school picks out like candy. It has to do with the fact that the issue has no chance at such schools, because children and young people, who also come from every conceivable personal background there, experience a different culture of learning and community, and because they learn to deal with power & authority quite differently there.

Not to mention the fact that even the children and teenagers who manage to stay inconspicuous (aka „successfully“) are not being prepared at school for what the future requires in terms of attitudes, abilities and skills. The reasoning given here by the school system is again and again: „We can hardly do our job because we have to deal more and more with troublesome children“. The fact that a child is simply overburdened when stretched in a framework that systematically ignores and suppresses the individuality of learning and personality does not attract attention. Rather, it is precisely then that we hear: children must first learn to adapt and to subordinate themselves.

The opposite is true: we need completely different learning environments for children and teens. We need a coalition of all the forces in our societies that can take this into their own hands. Those who rethink the subjects of education and learning together and in a radically new way. Not just isolated parents and parent groups who take their children out of school because it is no longer viable (as is increasingly happening in several regions of Switzerland). This can only be a beginning. An important and valuable beginning, because it alarms. But there is much more at stake. It is about developing, building and implementing completely different spaces and ways of learning for children and young people.

Addressing or waiting for traditional institutions is pointless as long as they are neither willing nor able to engage in innovative initiatives and learn from them. The safaris and pilgrimages towards such initiatives end up like the many trips of politicians and entrepreneurs to Silicon Valley: people return to their own education world frightened and fascinated by the insight „that it can’t work like that in our country“ – for reasons.

The questions we have to ask now are: What are the reasons for continuing education as before, supported by all these excuses and reflexes, because we still think that the existing school system is the best of all possible, that we are screwing around and reforming a bit here and there, absorbing some digital tools and a school software that manages credentials and the lack of teachers?

And what speaks for the fact that the traditional school has come to an end: in terms of concept, method and our idea of mankind – because this system generates most of the problems it faces by itself, by doing more of the same all the time in a situation where a radical new beginning is the only solution.

New learning grows in niches

Based on my observations, consultations and research, I assume that those initiatives will increase most who are not innovative within the existing school system, but in the open space: initiated by people who have understood what is needed; who scrape together money and attention in order to develop their valuable concepts and make them accessible to a wider public. For me, the following is a wonderful example on my own doorstep: The „Grundacherschule“ in Sarnen. Click on the picture to watch the video.

The leitmotif is the interest in children’s interests.

At the moment this is still associated with high risks – especially in the German-speaking world, where states are harassing citizens by a rigorous obligation to attend school or, as in Switzerland, are only funding the traditional systems – be it with money or with validity. There is still a lot of resistance to overcome in case of state monopolism on education, but it has neither been able nor is it able to prevent wonderful initiatives from developing and spreading in niches – and by that I don’t mean those private schools on Swiss soil that charge 50,000 Swiss francs a year for getting young people through the matriculation exams, which in the end are dancing to the rhythm of the traditional system again.

I mean those initiatives that fight for financial survival themselves, precisely because they work with a completely different approach than the state schools. At this point I would like to mention three of them again, in which I see a future of learning: The now over 50-year-old concept of the Sudbury Valley School in all its radicality, the School Circles in the Netherlands and – for me particularly impressive, because it was created and established in a rather conservative cultural environment: Learnlife in Barcelona, which is now part of a global network of learning communities.

The new ways of learning that we so urgently need will not unfold in the old school system – similar to many of the changes we are currently experiencing in the context of digitisation, all of which are taking place elsewhere in the world but in traditional silos. Old Europe has become powerless. It still operates according to the scheme of „draft horses, followers, dependants“. The ancient & repetitive is celebrated: „Fancy new clothes for the Emperor and his tribe“.

Patriarchal traditionalism, with its symbols and artefacts, its hierarchies and networks, is still permeating everything so that the radically New cannot establish itself: sustainable forms of economic activity and coexistence, ecological new beginnings on a broad scale, overcoming nationalist narratives, inventing new narratives about life worth living, an inkling of what our future could look like, instead of the ritualistic unhooking of all those proposals that are not yet approved. For reasons. Fears of avoidance instead of hopes for the future everywhere. And in between, the primal scream of all pedagogy: „panem et circenses“ (bread and games) in a new outfit.

The first step in breaking this vicious circle is to interrupt the delivery of „human sustenance“ to this system. Either we take this risk and reinvent education and learning now, or we will be buggered.

(You read the English translation of a blog post I published in March 2019 – supported by deepl.com)

Working Out Loud: Besser überleben in alten Systemen – oder der Beginn einer neuen Arbeitskultur?

Der Mensch kommt zu kurz im Unternehmen: seine und ihre Bedürfnisse nach Anerkennung, nach Möglichkeiten, die eigenen Fähigkeiten lustvoll ins Spiel zu bringen, um stolz zu zeigen, was sie und er drauf hat, um die Effekte der Emergenz zu nutzen, die in der sozialen Kollaboration schlummern und nur darauf warten, geweckt zu werden. Stattdessen prägen nach wie vor hierarchische Muster die Interaktionen, Silos bilden den Normalfall. Allem, was nach „New Work“ und „New Learning“ riecht, begegnet die große Mehrheit in Ökonomie, Bildung und Politik mit Argwohn.

Und jetzt gibt es Working Out Loud. Ein revolutionär einfaches Konzept, um verkrustete Strukturen wenn nicht automatisch aufzubrechen, so doch mindestens in ihrem negativen Impact auf arbeitende Menschen abzufedern. Nach anfänglichen Bedenken und Vorbehalten werden Mitarbeitende Feuer und Flamme, weil sie in WOL-Circles Interesse verspüren und Wertschätzung: für ihre Person und für ihre Themen, und weil sie selber lernen, wertschätzend auf andere Menschen und deren Anliegen zu- und einzugehen.

Endlich agile Personalentwicklung

WOL sorgt dafür, dass Menschen sich öffnen und dass dadurch eine neue Kultur der Kommunikation in Unternehmen und über deren Grenzen hinweg entsteht. Damit wird eine wichtige Voraussetzung für die heiß ersehnte und pausenlos herbeigeredete Schaffung agiler Arbeitsumgebungen und Arbeitskulturen in Angriff genommen. Mit WOL scheint ein Weg gefunden, auf dem Mindsets und Kulturen in Richtung Kollaboration in Bewegung kommen.

Quelle: pixabay

Denn WOL ist auch eine innovative Form der Personalentwicklung mit hohem Impact auf die Art und Weise, wie Menschen in Unternehmen und über dessen Grenzen hinweg miteinander arbeiten. Besonders eindrücklich wirkt WOL dort, wo allzu altmodische und hierarchische, eher „geschlossene“ Unternehmenskulturen den Menschen das Leben schwer machen. Einer der ersten und wichtigsten Effekte von WOL ist der, dass Menschen besser mit konservativen Unternehmenskulturen und -umgebungen klarkommen.

WOL bringt Menschen in Bewegung – wohin auch immer

Darüber hinaus führt WOL mit der Zeit dazu, dass sich dichte, tragfähige Netzwerke zwischen Menschen entwickeln, die nicht auf Unternehmen begrenzt sind, sondern durch persönliche Anliegen bestimmt und von ihnen geleitet werden. Hier und da führt WOL sogar dazu – wie immer, wenn gutes Coaching „anschlägt“ –, dass Menschen allzu träge und reaktionäre Unternehmen verlassen und sich nach menschliche(re)n Arbeitsbedingungen umsehen – oder sie gemeinsam erschaffen, in dem sie z.B. ein Startup gründen. Oder sie halten es einfach dort besser aus, wo sie erst einmal bleiben.

Quelle: pixabay

WOL stärkt Individuen, es lässt Selbstbewusstsein wachsen und hilft, eigene berufliche Ziele zu formulieren und zu verfolgen. WOL greift die meisten Aspekte des Coaching, der Super- und Intervision und der kollegialen Beratung auf, und es arbeitet mit Methoden aus den Koffern der unterschiedlichen Coachingschulen. Ein großer Vorteil gegenüber klassischen Beratungsformaten ist der, dass WOL von Anfang an Digitale Technologie nutzt und damit den engen Rahmen physischer Präsenz sprengt.

WOL kommt zur rechten Zeit, weil die Arbeitsbedingungen in sehr vielen Unternehmen die Menschen an den Rand ihrer Möglichkeiten bringen. Aufgrund der Digitalen Transformation und einer großflächigen Abwartehaltung der nach wie vor meisten Unternehmen, wird „Arbeiten“ in den klassischen Strukturen und Gefäßen nämlich immer unerträglicher.

Ob WOL seine eigene Professionalisierung überlebt?

Ursprünglich als rein kollaboratives Tool des Mindset-Change zur Etablierung alternativer Arbeitskulturen gedacht, entwickelt sich WOL derzeit in die Richtung einer Professionalisierung und Zertifizierung – es tritt seinen Weg an in Marktfähigkeit und Pekuniarisierung, sprich: mit WOL kann ich heute und in Zukunft auch Geld verdienen – womöglich um den Preis seines ursprünglichen USP der originären sozialen Kollaboration. Nehmen wir hinzu, dass die Möglichkeiten von WOL, Mitarbeitende in relativ kurzer Zeit und mit wenig Aufwand in ein agiles Mindset zu führen, mittlerweile in mehr und mehr Chefetagen ankommen, dann steigen die Chancen, dass WOL zu einem weiteren, ergänzenden Produkt unter anderen in der Personal- und Persönlichkeitsentwicklung wird.

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Wird WOL als ursprünglich still revolutionäres, sozial-kollaboratives Werkzeug seine eigene Professionalisierung überleben? Die Gegner in diesem Prozess sind nach wie vor mächtig: Gemeint sind damit jene Strukturen und Traditionen, gegen die WOL erst vor kurzem angetreten war. Auf mich macht es den Eindruck, dass es den alten Dinosauriern sehr zupasskommen würde, wenn WOL möglichst rasch in den digitalen Regalen (LMS) der Personalabteilungen verschwindet um dort bei Gelegenheit und unter zertifizierter Anleitung zur Anwendung zu kommen.

Aus einem Interview des Personalmagazins mit Sabine Kluge, publiziert am 20.11.2019. Quelle

Spannend und zu beobachten bleibt also, ob WOL in Zukunft Menschen dabei hilft, Emanzipation, Autonomie, Empowerment, Selbststeuerung und Kollaboration zu verwirklichen im Sandwich zwischen traditionellen Vorstellungen, Strukturen und Kulturen von Arbeit und Unternehmen auf der einen Seite und den brutalen ökonomischen Herausforderungen auf der anderen Seite; ob WOL also das Zeug hat, die dringend benötigte und nach wie vor ausbleibende Bewegung und Dynamik in eingerostete Unternehmenskulturen zu bringen, oder ob es das Sterben dieser Kulturen verlängert, indem es Menschen ermöglicht, besser mit und in ihnen zu leben.

Quelle Beitragsbild

Expedition NeuLand. Deine berufliche Zukunft anpacken

Aus- und Weiterbildung haben viel mit der Vermittlung von Inhalten und Skills zu tun. Weil die Berufswelt neue Fähigkeiten verlangt, braucht es „Upskilling“. Also liefern die Anbieter Stoff, den sich Teilnehmende aneignen. Unsere These: Arbeit & Beruf werden sich so grundsätzlich verändern, dass wir uns einen neuen Zugang zum Thema Weiterbildung gönnen dürfen – jenseits von „Delivery“. Dafür haben wir die Expedition NeuLand entwickelt. Aber fangen wir vorne an:

Der Status Quo: Verdichtung und Beschleunigung

Immer schneller in immer weniger Zeit: Der berufliche Alltag beschleunigt und verdichtet sich ungemein. Privatleben und Beruf verzahnen sich. Sie verschmelzen zunehmend. Das wirkt sich auf die Art und Weise aus, wie wir uns weiterbilden: maximal effizient muss es sein, eng geführt, viel in wenig Zeit. Verstärkt wird diese Tendenz durch die Digitalisierung, die uns erlaubt, praktisch jederzeit und überall an der eigenen Weiterbildung zu basteln: durch Videos, Tutorials, Webinars, Remote Peer Learning, oder durch eine Kombination all dessen.

Wenn ich Weiterbildung als effiziente, ergebnisorientierte Form von „Upskilling“ verstehe, fördert das die Erwartung, dass ein Bildungsanbieter vor allem zu liefern hat: Informationen, Wissen, Antworten, Lösungen, Beurteilungen und Bewertungen. Am besten in hoher Qualität: sehr gut aufbereitet, aufs Wesentliche konzentiert, in gut zu vearbeitenden Häppchen, praxistauglich, situationsgerecht, direkt umsetz- und anwendbar.

In diesem Setting bezahle ich also dafür, dass wesentliche Aspekte von Lernen und Bildung der Effizienz wegen herausgekürzt werden. Zum Beispiel:

  • mich mit Unbekanntem auf eigene Faust auseinandersetzen
  • mich in einem neuartigen Themenfeld verlieren
  • mich in spannende, ungelöste Problemstellungen einarbeiten
  • einen Gegenstand von möglichst vielen Seiten betrachten und eigenständig erörtern
  • Fragen nach dem Sinn und dem Zweck meiner beruflichen Identität vertieft reflektieren

Das alles würde viel Zeit kosten – und die haben wir nicht.

Die Sache mit dem Lernen und der Zeit

Uns ist schon klar, dass Lernen Zeit braucht; und wir bringen sie ja auch auf. Wir investieren Zeit ins Lernen im Wissen darum, dass sie uns dann woanders fehlt. Dieses Konkurrenz-Denken in Sachen Zeit hat mit der Ökonomisierung unseres Daseins zu tun: Zeit ist Geld. Wer sie hergibt, will eine Gegenleistung dafür. Sie zu verlieren, ist sträflichst zu vermeiden.

Dem steht die Lernerfahrung eines Kindes entgegen, das ganz entscheidende Dinge des Lebens dadurch (kennen) lernt, dass es sich an sie verliert – jenseits allen Zeitkalküls. Diese Erfahrung machen wir übrigens lebenslang, wenn wir in den Flow kommen und besonders intensiv und kreativ bei der Sache sind – und bei uns selbst. Eine Erfahrung, die durch modernes Zeitmanagement eher verhindert wird.

Eine der schönsten Metaphern für den Wert der Zeit im Kontext von Bildung ist die Weisheit des Fuchses in der Erzählung „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint Exupéry:

C’est le temps que tu as perdu pour ta rose qui rend ta rose importante.

Mehr davon hier.

Da geht es um ein Grundprinzip des Lernens und der Bildung von Menschen, von Beziehungen, überhaupt von Entwicklung. Bildung hängt sehr eng mit Zeit zusammen und mit unserem Verhältnis zu ihr. Lernen, Bildung und Entwicklung sind dann am intensivsten und wohl auch am nachhaltigsten, wenn ich über ihnen die Zeit vergesse, also „im Flow“ bin. Dann lernen wir in hoher Qualität.

Diese Art von Entwicklung unterscheidet sich stark von dem, was wir in der beruflichen Weiterbildung machen. Dort geht es um die Integration neuen Wissens in meinen beruflichen Horizont, um die Entwicklung neuer Fähigkeiten und um das Üben von Skills. Das sind wichtige Aspekte – erst Recht im Angesicht der technischen Herausforderungen der Digitalisierung.

Bild von Pexels auf Pixabay

Andererseits gibt es einen Unterschied zwischen den Fähigkeiten, die ich brauche, um z. B. Brot backen und verkaufen zu können und der Überzeugung, dass der Beruf des Bäckers und der Bäckerin einer ist, der mich tief erfüllt. Das hat mit der Frage nach dem „Wozu“ meiner beruflichen Identität und Existenz zu tun; damit, wozu ich mich selber bestimme, weil ich mich dazu berufen weiß.

Diese Dimension beruflicher Bildung werten wir mit der Expedition NeuLand auf.

Weil wir heute noch nicht wissen, auf welche Berufe wir uns vorbereiten und welche Skills es da braucht, und weil wir diesen radikalen Wandel trotzdem als Chance nutzen wollen, fragen wir nicht zuerst, welche Skills wir entwickeln müssen, sondern was wir als Persönlichkeiten ins Spiel bingen können.

Skills entwickeln ist das eine. Meine Persönlichkeit entwickeln etwas ganz anderes

Ich kann Weiterbildung so anpacken, dass ich mein Wissen erweitere und bestimmte Fähigkeiten entwickle, und ich kann sie so angehen, dass ich vor allem mich als Mensch und als Person weiterentwickle, um darauf aufbauend erst bestimmte Fähigkeiten in den Blick zu nehmen. Das macht einen Unterschied.

Es gibt ein einfaches und wunderbares Konzept mit dem ich herausfinde, wie ich meine Leidenschaft und mein Können zusammenbringe mit dem, was in der Welt gebraucht wird und womit ich zugleich meinen Lebensunterhalt bestreiten kann. Dieses Konzept heißt IKIGAI.

„Ikigai (japanisch für Lebenssinn) ist frei übersetzt das, wofür es sich zu leben lohnt. Die Freude und das Lebensziel, oder salopp ausgedrückt das Gefühl, etwas zu haben, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen“. So ist auf Wikipedia zu lesen.

Klar ist, dass sich die Joblandschaft stark verändern wird. Das bedeutet Ungewissheit und ebenso die Chance, eigene Potenziale zu realisieren.

Im Bild gesprochen werden die Karten neu gemischt. Was ich aus dem Blatt mache, das mir zugespielt wird, habe allein ich in der Hand.

Wir vom Team „Expedition NeuLand“ laden Sie herzlich ein zu einer Learning Journey zu Ihren Werten, zu Ihren Talenten und Stärken. Wir laden Sie ein, sich Zeit zu nehmen für Ihre berufliche Zukunft. Werfen Sie einen Blick auf unser Konzept und melden Sie sich ungeniert mit Ihrem Interesse und mit Ihren Fragen bei uns.

Mit einem Klick sind Sie drin 🙂

Raus aus der Mottenkiste!

Die Notwendigkeit, Lernen und Arbeiten zu nomadisieren, nimmt zu – und es wird immer einfacher, es auch zu tun. Das führt zu krassen Gegen- und Beharrungsreaktionen in den Silos – sowohl im Bildungssystem als auch bei Arbeitgebern. Werfen wir deshalb einen Blick in die Mottenkiste, beleuchten das Scheinargument, und wenden uns dann der Lösung zu.

Für die Gralshüter traditioneller Lern- und Arbeitsprozesse fungiert die körperliche Anwesenheit von Menschen als Voraussetzung für alles andere. Nur wenn der Schüler oder die Arbeitnehmerin „da“ ist, finden wirklich Lernen oder Arbeiten statt. „Es gibt nur ein Hier, und das ist hier.“ Da geht es ganz offensichtlich um Kontrolle, also um ein Bedürfnis des lehrenden oder anstellenden Systems. Es geht nicht um die Potenziale lernender und arbeitender Menschen und darum, wie wir die entwickeln. Es geht auch nicht um die Frage, welche Lösungsmöglichkeiten uns neue Lern- und Arbeitsformate bieten, wenn wir uns nur mal ernsthaft mit ihnen auseinandersetzen würden.

Es geht um die Vermeidung von Kontollverlust. Hier ein Beitrag, der die Auswüchse der Überwachungskultur sichtbar macht.

HomeOffice im Notfall. HomeSchooling lieber nicht.

Weil es mittlerweile in vielerlei Munde ist, lassen sich die Gralshüter manchmal dazu hinreißen, einen „zweiten Ort“ zu genehmigen. Wenn es ums Arbeiten geht, sprechen sie dann von „Home Office“, und wenn es ums Lernen geht, von „Home Schooling“. Wenn schon „irgendwo“, dann zuhause. Im „Home“. Hier drückt das Weltbild der Gralshüter durch: Der Mensch hat einen (1) Arbeitsplatz und einen (1) Ort, an den er nach der Arbeit zurückkehrt – und wohin er diese Arbeit jetzt für einen Tag pro Woche mitnimmt. Andererseits ist „Home“ sehr nahe an dem, was für die Gralshüter der ausgemachte Feind allen Lernens und Arbeitens ist: die Freizeit. Deshalb: Höchstens einen Tag Home Office, und Homeschooling lieber gar nicht, denn: „Wie sollen wir das um Himmels Willen kontrollieren?“

Also bleiben der klassische Arbeitsplatz, Schulzimmer und Seminarraum die bevorzugten Modelle für Arbeiten und Lernen. Da haben wir sie unter Kontrolle – und nicht zu vergessen: sie sich gegenseitig. Schon der Wiener Zetteldichter Helmut Seethaler wusste:

Mehr über Seethaler hier.

Jetzt gibt es halt schon etliche Initiativen und Projekte, die zeigen, dass Menschen jeden Schlages und Alters sehr wohl in einer Kultur des Nomadischen lernen und arbeiten. Ja, es stellt sich heraus, dass sie durch Asynchronität, Multilokalität und Digitale Vernetzung viel lustvoller und effizienter arbeiten und sogar lernen. Auch wenn sie noch ganz jung sind oder pubertär – für die Gralshüter eigentlich noch ungereifte „pre-people“. Laloux und Bregman schildern, wie das in Organisationen gelingt und funktioniert, demokratische und soziokratische Schulen zeigen es für die Bildung.

Von der Angst, überflüssig zu werden

Doch auch gegen dieses Gelingen sind die Gralshüter gerüstet. Sie drehen den Spieß einfach um und machen aus ihrem Bedürfnis nach Kontrolle ein Bedürfnis des Arbeitnehmers und der Lernerin, „gesehen“ werden zu wollen und geführt. Sie sprechen über die große Bedeutung der sogenannten Beziehungsarbeit – die die meisten Lehrer und viele Führungskräfte, mit denen ich zusammengearbeitet habe, fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.

„Die brauchen uns“ zu sagen, kann zwischen den Zeilen auch meinen: „Wir brauchen es, gebraucht zu werden“. Doch für einen gelingenden Umgang mit dem Bedürfnis gebraucht zu werden, sind andere Gefäße vorgesehen und auch zielführend(er) als die pädagogische Beziehung: zum Beispiel Inter- und Supervision, oder hier und da ein Gespräch unter guten Freund*innen. Die Gefahr, lernende Menschen zu Geiseln für ungestillte Bedürfnisse auf der Seite der Erwachsenen zu machen, ist in erziehenden und bildenden Berufen allgegenwärtig.

Der Schweizer Psychoanalytiker Carl G. Jung soll einmal gesagt haben:

Nichts hat mehr Einfuss auf Kinder als das ungelebte Leben der Eltern.

Dies gilt in direkter Verlängerung auch für die Beziehung Lernender zu Lehrenden – vor allem, wenn es um das Lernen von Kindern und Jugendlichen geht. Und wenn wir einmal „ausgelernt“ haben, gilt es lebenslang für die traditionelle Beziehung zwischen Chef und „Unterstelltem“ – eine nach wie vor gern genommene Bschreibung in Stellenauschreibungen im Schweizer Arbeitsmarkt.

Eine Wertung ist in der Erkenntnis Carl. G. Jungs zwar nicht enthalten. Sie lädt aber dazu ein, in Vorbereitung auf einen pädagogischen oder führenden Beruf und in dessen Ausübung intensiv ins Gespräch zu kommen mit der eigenen Bedürfnis- und Erwartungs-Biografie.

Der lehrende Beruf ist traditionell einer der wenigen, die von einem ständigen Strom der Anerkennung abhängen. Von einer Art bedingungsloser Grundversorgung. Mehr als andere Berufe oszilliert er pausenlos zwischen der Gewährung und Verweigerung sozialer Anerkennung. Niemand käme auf die Idee, so einen Bohai um den Berufsstand der Verkehrspilot*innen zu machen, auf dem ja auch eine große Verantwortung für Menschenleben lastet.

Der lehrende Beruf zieht offenbar Menschen an, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben, und eben dies macht den Beruf dann anstrengend für sie. (Wenn sie jetzt gelesen haben, dass in diesem Beruf nur Menschen arbeiten, die diesbezüglich einen unausgeglichenen Haushalt haben: das steht da nicht). Es sind nicht die harten Arbeitsbedingungen und die unendlichen Ansprüche an die Lehrer, an denen die zu knabbern haben – es hat mit der Notwendigkeit zu tun sich abzugrenzen und das Anerkennungsgeschäft dort abzuwickeln, wo wir als Profis unter uns und unseresgleichen sind. Viele brennen aus und löschen ab, nicht weil der Beruf „so schön und doch so brutal ist“, sondern weil sie wichtig bleiben wollen, wo es pausenlos darum geht, überflüssig zu werden.

Die können das doch gar nicht!

Das billigste und zugleich sehr häufig eingebrachte Argument lautet, dass sowohl arbeitende als auch lernende Menschen „das gar nicht können“: Arbeits- und Lernräume bzw. Arbeits- und Lernzeiten selbstverantwortet zu gestalten, Arbeits- und Lernprojekte kollaborativ zu organisieren. Dieses Argument ist schon deswegen nichtig – gerade in Kontexten des Lernens und der persönlichen Entwicklung –, weil sich Lernen & Entwicklung ja gerade dadurch auszeichnen dass Menschen in eine Situation kommen, in der sie etwas „noch nicht können“ und vor der Notwendigkeit stehen, sich bestimmte Fähigkeiten und ein Wissen anzueignen.

Und wie sollten lernende und sich entwickelnde Menschen die Kompetenz, ihr Lernen und Arbeiten selbstgesteuert und kollaborativ zu gestalten vorweisen können, wenn die Lern- und Arbeitssilos alles dafür tun, die Entwicklung dieser Kompetenzen zu verhindern? Selbstorganisiertes Lernen und Arbeiten kann ich nun mal ausschließlich selbstorganisiert lernen.

Die Lösung: Vernetzter Individualismus

Wir individualisieren das Lernen und Arbeiten radikal und vernetzen es zugleich. Das ist mit Nomadisierung gemeint – also keine Vereinsamung vor Bildschirmen in 3.5-Zimmer-Wohnungen beim Abarbeiten von Arbeitspensen, E-Mails oder digital übermittelten Lernaufgaben, die ich zusammen mit meinem Learning Bot löse.

Es geht nicht um isoliertes und vereinzeltes Lernen und Arbeiten, sondern um eine technische, räumliche und zeitliche Erweiterung der Möglichkeiten. Es geht um zunehmende Freiheitsgrade im Organisieren und Entscheiden, damit lernende und arbeitende Menschen in ihren sich radikal verändernden Lebens-, Lern- und Arbeitswelten entsprechend erfolgreich unterwegs sein können. Es geht um den sukzessiven Abbau hinderlicher, den Lern- und Arbeitsprozess blockierender Strukturen, damit Individuen ihr Lernen & Arbeiten ihren Bedürfnissen, Potenzialen, Interessen und Grenzen gemäß gestalten können: ihr eigenes Tempo finden, ihre eigene Arbeits- und Lernkultur – mit ihren Lern- und Arbeitspartner*innen zusammen, die ihnen nicht zugeteilt oder zugewürfelt werden, sondern die sich gegenseitig finden gemäß Kriterien, die sich aus den Prozessen selbst erst ergeben.

Vernetzter Individualismus unterscheidet sich nur geringfügig von Networked Sociality, in seiner Verwendung richtet sich der Begriff mehr auf konkrete Auswirkungen und bewußte Steuerung. Er kommt bei Manuel Castells (2005) vor, und wurde von Lee Rainie & Barry Wellman in Networked – The New Social Operating System (2012) ausgearbeitet. In einer Übersicht von 12 Grundsätzen stellen die Autoren Charakteristika heraus.

Quelle

Diese Individualisierung und Nomadisierung führt zu einer fundamentalen Humanisierung des Lernens und des Arbeitens, weil lernende Menschen in ihren prägenden Lebensphasen und darüber hinaus nicht mehr jahrelang über einen Kamm geschoren werden und gemeinsam durch ein einziges Nadelöhr kriechen – und die dieses Trauerspiel dann für den Rest ihres Lebens für den Normalfall von Lernen halten – und von Arbeit.

Jederzeit und überall lernen, wann und mit wem auch immer ich möchte.

Cover Photo by Helena Lopes on Unsplash

Geregelte Welt

Vorhin habe ich einen Tweet von Christian Müller entdeckt. Hin und wieder liefert Müller auf Twitter lesenswerte Stilblüten aus der Unternehmenswelt, die auf kurze & prägnante den Status Quo ausdrücken.

Ich musste sofort an das Statement eines Jungen denken, der eine demokratische Schule besucht und mit wenigen Worten beschreibt, worin er den Unterschied zu seiner früheren Schule sieht:

Die ganze Doku „School Circles“ hier.

Was im Schulsystem seinen Anfang nimmt im Umgang mit Freiheit, findet seine Fortsetzung im klassischen Arbeitsmarkt. Der Bogen spannt sich bruchlos über das ganze Leben eines Menschen.

Subtext I

Der Subtext: Menschen können mit Freiheit nicht umgehen. Menschen sind mit Freiheit überfordert. Wir enden im Chaos, wenn wir Menschen ihre Freiheit lassen: beim Lernen, beim Arbeiten, im Leben. Sie brauchen Führung und Führer. Von der Wiege bis zur Bahre.

Wir können nicht zulassen, dass sie sich zu autonomen Bürgerinnen und Bürgern entfalten. Autonomie ist doch nur eine Schimäre in den Köpfen abgehobener Denker. Wir können nicht zulassen, dass Menschen Entscheidungen treffen lernen, die mehr und anderes sind als ein Auswählen aus vorgegebenen Optionen. Wo kämen wir dann hin?

Das Ergebnis: Weil uns in den entscheidenden Aspekten des Lebens Freiheit von Anfang an ausgeredet und verweigert wird, landen wir irgendwann todsicher an diesem Punkt, wo wir ihnen glauben, dass wir mit ihr überfordert sind.

Und dann machen wir das Ergebnis zum Ausgangspunkt. Tricky.

Subtext II

Dazu ein Gedicht von Konstantin Wecker, das er 1983 veröffentlicht hat, und das doch die Gegenwart auf den Punkt bringt. Es trägt den Titel „Triviale Litanei“ – und die Bezugs-Quelle ist hier.

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
wir haben das alles uns selbst zu verdanken.
Einige schwanken,
sollen sie fallen.
Kein Zögern, kein Zaudern,
statt reden nur plaudern,
es lag an uns allen.

Geregeltes Leben,
genormtes Wort,
die Bierpreise bleiben stabil im Land,
nur Deutschlands Fußball liegt noch im argen.
Was uns noch passieren kann,
ist schon passiert,
es wird wieder pariert.

Genormte Männer,
geregelte Welt,
wir haben das alles selber gewählt.
Jetzt hat uns die Sicherheit sichergestellt,
bespitzelt, belauscht,
die Namen vertauscht.
Der Aufschwung, der Aufschwung,
der Aufschwung ist da! HURRA!

Gemännerte Norm,
geregelte Form,
gewertete Welt,
wir haben voll Mut die Freiheit gewählt,
die D-Mark gestählt,
jetzt werden Türken gequält,
jetzt gelten wir wieder was in der Welt.

Falleri, fallera,
wir sind wieder da!

Genormtes Leben,
geregeltes Wort,
noch ein paar Spinner müssen fort,
dann gibt es Raketen
von der Memel bis zur Maas,
wie finden Sie das?
Wie finden Sie das?
Schon dröhnt´s von Süd zum Norden her:
Wir brauchen eine Bürgerwehr
zum Schutz von Kern und Kraft und Frau!
Schafft Männer her mit starkem Bau!

Genormtes Leben,
geregelte Welt,
wir haben das alles selbst bestellt.
Bald heißen wir nur noch Eins oder Zwei
mit Nullen dabei, mit Nullen dabei.

Schon stockt mir der Atem,
ich kann kaum noch schrein:
Da muß doch noch irgendwo Leben sein,
so zwischen Verrat und Bestechung, ganz klein
muß doch Leben sein?

Geregelte Männer,
geregeltes Wort,
geregeltes Leben,
geregelte Welt.
Ach, rettet die Welt,
ach, rettet die Welt,
bevor sie geregelt zusammenfällt!