Über Angstmacherei und Dekadenz

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Beim Fotografen Klaus Pichler wird Dekadenz künstlerisch gebrochen (Quelle).

Eine neue Studie aus Allensbach kommt zum Schluss: „Konkrete Ängste haben die Deutschen vor Gewalt und Kriminalität, vor einem Anschlag im Inland, vor mehr Flüchtlingen und einer Einmischung der Bundesrepublik in militärische Konflikte“. Diese Ängste seien gegenwärtig so stark, dass trotz materieller Sicherheit der Zukunftsoptimismus in Deutschland steil nach unten gegangen sei. Woher diese Ängste?

„Je besser es uns geht, umso anfälliger sind wir für Ängste vor dem Verlust dieses Niveaus“. So könnte eine sozialpsychologisch gefärbte Erklärungs-Schlagzeile lauten: Je mehr ich habe, umso größer wird die Angst, es zu verlieren. Die Sorge gilt dann nicht mehr dem Erhalt von Leben, sondern dem von Luxus. Da ist sicher etwas dran, aber es kann für eine große Zahl von Menschen in Deutschland nicht gelten. Zu ungleich ist hierzulande die Verteilung dessen, was Luxus in materieller Hinsicht erst ermöglicht. Deshalb ist auch das Gezanke um Sozialneid meines Erachtens eine Scheindebatte, die von Wichtigerem ablenkt.

Wie sollen wir das alles bloß schaffen?

Viel interessanter ist für mich die Tatsache, dass z.B. eine fehlende Überzeugung, anstehende Herausforderungen meistern zu können, ganz zuverlässig Zukunftsängste auslöst. Auf den ersten Blick erscheint dann auch verständlich, wenn vor allem Gewalt, Kriminalität, militärische Konflikte und flüchtende Menschen als Angstreiber wirken: Was um alles in der Welt können wir gegen diese diffusen und zugleich real erscheinenden Gefährdungen tun?

Vielleicht ist es also weniger die Angst vor einem wie auch immer gearteten Verlust, die derzeit um sich greift, sondern die Überzeugung, nicht gewappnet zu sein für das, was kommen könnte.

 

Die neue Lust am Verängstigen

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Hysterisch aus Gewohnheit? Hier der Blog dazu.

Es mag auf den ersten Blick spitzfindig klingen, aber das, was Ängste auslöst, muss nicht immer der Grund für diese Ängste sein. Oftmals sind unsere Ängste schon lange am Gären, sodass es am Ende fast egal ist, an welchen vermeintlichen Auslöser sich sich heften. Wie ich darauf komme?

Historiker, Soziologen und Wirtschaftsexperten werden nicht müde uns zu beschreiben, dass wir in einer – verglichen zu allen anderen Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – sicheren Zeit leben. Auch betonen sie nachvollziehbar, dass die Flüchtlingsströme unsere Volkswirtschaften weder unterwandern noch kollabieren lassen. Dennoch koalieren unsere Ängste vor allem mit eben diesen Phänomenen. Wieso?

Zum einen hängt das sicher damit zusammen, dass der ununterbrochene Medienstrom von nichts Anderem mehr berichtet als von dem, was uns Angst machen soll. Und womöglich haben wir sie genau deshalb. Horrorszenarien werden mittlerweile dadurch „real“, dass sie entsprechend häufig wiederholt, kommentiert und interpretiert werden. Es ist für populistische politische Phrasendrescher und für Medien, die solche Phrasen munter vervielfältigen, offenbar enorm lustvoll, mit diesen Szenarien Ängste zu schüren. Das ist ein Spiel mit dem Feuer. Hinzu kommt: Wer bereits verunsichert ist, lässt sich viel leichter noch mehr verunsichern. Wer keine Reserven hat, ist schneller am Limit. Auch mental, auch psychisch.

Das gilt nicht nur für Individuen. Das gilt auch für Gesellschaften. Der Schriftsteller Thomas Mann hatte für dieses Phänomen ein Auge, denn auch zu seiner Zeit war die Gesellschaft hoch verunsichert und kraftlos. Sie war manipulierbar und jederzeit bereit für hysterische An- und Ausfälle. Und das ist kaum 100 Jahre her.

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Der Meister der Dekadenz-Literatur: Thomas Mann (Quelle)

Geringe Vitalität und Innovationskraft

Vor elf Jahren schreibt der Literaturprofessor Hermann Kurzke, es sei zwar ein wenig peinlich, „aber die Aktualität Thomas Manns beruht hauptsächlich auf der Aktualität der Dekadenz. Das westliche Mittel- und Nordeuropa ist in hohem Masse dekadent. Es wird geprägt von müden und mürben Spätkulturen mit geringer Vitalität und Innovationskraft. Es kann seine Probleme noch artikulieren, aber anpacken oder gar lösen kann es sie offenbar nicht“. (Elend, Glanz und Komik der Dekadenz, Tages-Anzeiger, 26.8.2005).

 

Diese Worte klingen in meinen Ohren vertraut. Kurzkes Aufzählung jener Eigenschaften, die die Aktualität solch kraftloser Dekadenz beschreiben, könnten als Diagnose auf dem Krankenblatt unserer gegenwärtigen Kultur stehen. Umso mehr, als sie heutzutage grosse Bevölkerungsanteile Europas charakterisieren: „Mangel an Tatkraft, geringer Glaube an sich selbst, Reflexionsüberhang, Entscheidungsschwäche, Zukunftsangst, Orientierungsverlust, Vergnügungssucht, Überempfindlichkeit, Weichlichkeit bei latenter Grausamkeit, Narzissmus, Haltlosigkeit, Depressivität und Handlungslähmung, Identitätsschwäche, Rollenspiel, Egozentrik, Mangel an Gemeinsinn, Sexualisierung, Psychologisierung, Nervosität, Hypochondrie, Alkoholismus, Fress- und Magersucht, Historismus, Entpolitisierung und Ästhetizismus, Stilpluralismus, Manierismus, Zitatverliebtheit an Stelle von Eigenschöpfung, Schein statt Sein, Dezisionismus bei gleichzeitig schwacher, gelegentlich aber theatralisch auftrumpfender Willenskraft.“

Wie sollte eine Gesellschaft, die sich in diesem „Zauberberg-Komplex“ eingenistet hat, keine Angst haben vor den Herausforderungen einer Zukunft, die uns mit technischen, ökologischen, kulturellen und ökonomischen Herausforderungen konfrontiert, wie sie nur selten in dieser Wucht antreten?

Womöglich handelt es sich also bei dem, was Allensbach den Deutschen entlockt, um Stellvertreter-Ängste. Meine Vermutung ist sogar, dass uns ganz andere Phänomene Angst machen müssten. Und zwar keine blockierende Angst , sondern eine, die uns zum Handeln bringt. Die uns unsere Kräfte zusammenspannen lässt, um gemeinsam zu lösen, was wir alleine nicht bewältigen können.

Wir sind nämlich in keiner Weise vorbereitet auf die Folgen der digitalen Transformation, die eine kulturelle Revolution ist. Uns fehlen die mentalen ebenso wie die ganz praktischen Möglichkeiten, diese Revolution („Disruption“) aktiv zu gestalten. Wir lassen uns mehr oder weniger hilf- und atemlos vor ihren technischen Effekten hertreiben. Unsere Bildungssysteme beharren stur auf überholten Strategien und Formaten und enthalten jungen Menschen konsequent jene Fähigkeiten vor, die sie zukunftsfähig machen würden. Die Berufsbildung, die unternehmerischen Strukturen, die Arbeits- und Finanzmärkte, sie alle lassen sich zwar dort, wo es nicht anders geht, auf digitale Technologien ein. Bisher stellt sich aber niemand ernsthaft der Frage, wie wir mit den kulturellen und sozialen Veränderungen umgehen wollen, die das alles mit sich bringt.

Was mir deshalb vor allem Angst macht, ist die Ergebenheit, mit der wir uns bei aller sonstigen Aufgeregtheit in diese Passivität hineinschicken: Wir müssen dringend etwas tun. Am besten wir tun besorgt.

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aus „Warten auf Godot“ von Samuel Beckett

In welchen Kontexten Lernen wirklich gelingt

 

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Von oben herab.

In welchen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam? Die meisten Vertreter der lehrenden Berufe sagen: wenn ich als  Experte Content liefere. Sauber aufbereitet. Wenn’s sein muss auch digital. Solche Experten halten sich für das Lernen und für die Entwicklung ihrer Klienten nicht zuständig. Aber es gibt noch ein anderes Mindset zu der Frage, wie ich für lernende Menschen nützlich werden kann.

In diesem Mindset ist Lernen nicht auf eine zentrale (oder frontale) Quelle fokussiert, zu der alle Wissensdurstigen kommen, um sich dort zu versorgen, um ihre Gefäße zu füllen und um das kostbare Gut dann anzuwenden. Eine Quelle, die sich normativ gibt, und die Reinheit für sich postuliert. Eine Reinheit und Klarheit der Lehre. Eine Quelle, die für sich allein beansprucht, Qualität zu garantieren, während der Rest der Welt in die Rollen der Konsumierenden und der Reproduzierenden gebannt ist.

So funktioniert Bildung bis heute – jetzt halt zunehmend digital.

Dass ich selber, um zu wirken, andere Kontexte brauche, hat biografische Gründe. Ich habe in dem Moment angefangen, die Welt aktiv zu befragen, mich neugierig in ihr zu bewegen und fündig zu werden, als sich mir ein Ausweg aus diesen Besserwisser-Kontexten eröffnet hat. Als ich für mich selbst erkannt hatte, dass dieses Besserwisser-Setting das eigentliche Problem ist, weil es jenes Lernen a priori verhindert, das sich die Welt lebenslang und lustvoll selbst erschließt. Warum?

Weil im Besserwisser-Setting immer jemand da ist (und sei es nur virtuell), der es besser weiß. Genauer. Jemand, der oder die dich korrigieren wird. Die das Haar in der Suppe finden wird. Die dir in jedem Moment die Distanz vor Augen führt zwischen dem, was du zu wissen glaubst und dem, was sie weiß. Und kann. Clark Aldrich: „What a person in a classroom learns, is how to be a person in a classroom.

Das motiviert nicht. Es demotiviert. Es deaktiviert die Neugier, die Lust, das Suchen.

Irgendwann habe ich mich in Lern-Kontexten wiedergefunden, in denen Menschen sich nicht dafür interessierten, ihr Wissen und dessen Normativität zu verbreiten, sondern dafür, wie es um mich und uns als Suchende steht. Als Lernende. Bis heute erkenne ich diese Menschen daran, dass sie mir Fragen stellen. Nicht solche, die mich entlarven sollen, keine rhetorischen Fragen oder solche, auf die sie die Antwort schon wissen, zu der sie bereits ansetzen, wenn ich den Mund öffne. Menschen, die nicht fragen um zu erwidern, sondern aus Interesse an meiner Innenwelt, an meiner Weltsicht, an mir.

Fragen also, auf die weder sie noch ich die Antworten wissen in dem Moment, in dem sie die Fragen gestellt hatten. Hier habe ich zum ersten Mal „Augenhöhe“ erlebt. Als mich Menschen eingeladen haben, gemeinsam auf die Suche nach Lösungen zu gehen.

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Quelle

In diesen Situationen entstand in mir eine erste Ahnung von Selbstwirksamkeit. Dass es auf mich ankommt in Prozessen des Lernens. Nicht als Konsument, sondern als Gestalter. Dass es auch auf meinen Beitrag ankommt, der nicht darin besteht, Besserwissern ihr Besserwissen abzukaufen.

Menschen, die mir auf eine ganz wunderbare, weil wertschätzende Art dabei geholfen haben, selbst herauszufinden, in welche Richtungen ich mich entwickeln kann und möchte – und welches Wissen ich dazu brauche und wo ich das finde. Die mir eben gerade nicht „einen Weg gezeigt haben“, sondern die mich dabei unterstützt haben, meinen eigenen zu entwickeln. Nicht zu finden, sondern zu entwickeln.

Wohl deshalb bin ich heute so fest davon überzeugt, dass „Wissen“ als das wertvollste Werkzeug, das wir haben um uns in dieser Welt zu Recht zu finden und sie zu gestalten, nicht „ausgeliefert“ werden kann wie eine Ware. Es entsteht in diesen Suchprozessen, in die sich Menschen ganz und gar freiwillig und selbstgesteuert einlassen – und in denen sie sich auf sich selbst und auf ihre Weggenoss_innen verlassen.

Es hat lange gebraucht, bis ich diesen Unterschied begriffen habe: Anders als im steilen Gebirge liegt in Selbst- und Weltfindungsprozessen die Gefahr nicht darin, dass ich einen falschen Schritt mache und abstürze. Die Gefahr liegt vielmehr darin, dass ich nie lerne, mir meine eigene Welt selbstständig zu erlaufen, weil sie immer schon mit Besserwissern bevölkert ist.

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Einer der für mich bedeutendsten Unterschiede zwischen den heute noch weit verbreiteten, hoch bezahlten und fast immer (!) staatlich abgesicherten Besserwissern und den echten Lernbegleiter_innen ist der, dass letztere nicht nur bereit sind, auch von ihren Mitmenschen zu lernen. Sie sind oft regelrecht begierig darauf, in Lernprozessen mit Jung & Alt dazu zu lernen: neue Perspektiven in uralten Materien zu entdecken, die Serendipity zu genießen, die in zufälligen Begegnungen, Umwegen und scheinbaren Sackgassen entdeckt werden will. Hier geht es nicht darum, wer sich von wem „etwas sagen lässt“, sondern darum, dass ich neugierig bin auf das, was mein Gegenüber mir zu sagen hat. Nicht einfach inhaltlich, sondern viel umfassender.

In eben solchen, offenen Kontexten werde ich als Lernbegleiter wirksam. Kontexte, die  Beziehungen zwischen Menschen ermöglichen, die von scheinheiligen Hierarchien befreit sind, in denen Menschen  miteinander am Lernen sind, in denen eine Fülle an Erweiterungen, Vertiefungen, Verweisen, an neuen Verknüpfungsmöglichkeiten steckt.

Kontexte, in denen es uns gelingt, auf Augenhöhe mit anderen lernenden Menschen (und also auch mit mir selbst) zu kommunizieren. Geprägt von tiefem Respekt und offener Wertschätzung gegenüber der Autonomie und den Wachstumspotenzialen meines Gegenübers.

Die Bildung kannibalisiert sich selbst

Bildung sieht ihre Aufgabe und ihr Kerngeschäft bis heute darin, Wissen und allenfalls Kompetenzen zu vermitteln. Egal, in welcher Schul- und Unterrichtsform ein Mensch unterkommt: der komplette Apparat ist darauf ausgerichtet, ihm und ihr etwas zu vermitteln. Bis heute hängen wir stärker als der Gläubige an seinem Gott an der irrigen Vorstellung, in der Bildung tatsächlich Wissen zu vermitteln. Und so  sieht denn auch die Bildungspraxis aus – vom Kindergarten bis ins Doktorandenseminar: Menschen inszenieren mehr oder weniger lust- und glanzvoll „ihr Wissen“ vor Publikum. 

Und das, obwohl wir nicht erst seit gestern sehr ausführlich, präzise und empirisch abgesichert darüber informiert sind, dass Mann und Frau Wissen weder vermitteln noch teilen (noch lehren!) können. Auch Kompetenzen und Fähigkeiten können nicht vermittelt werden. Gleichwohl hält das gesamte Bildungssystem in seiner Praxis und Zertifizierungskultur unbeirrt daran fest. Die Forschungslage zu dieser komplexen Thematik findet sich übrigens in ihrer ganzen Breite und Tiefe hervorragend aufgearbeitet und interpretiert in den Publikationen von Rolf Arnold.

Die Überzeugung von der Wissensvermittlung wird also in sämtlichen gesellschaftlichen Diskursen über Bildung weiterhin verwendet. Gegen alle Empirie. Über das eigentliche Kernproblem einer angesichts der kulturellen, wirtschaftlichen und ökonomischen Herausforderungen täglich scheiternden und gescheiterten Bildung denken wir also gar nicht nach. Stattdessen doktern wir an vielfältigen, zumeist technischen Symptomen herum, schrauben an Lehrplänen und verkürzen und verlängern und verkürzen die Schulzeit. Und dann verlängern wir sie wieder. Wir diskutieren uns die Köpfe wund, wie viel digitale Technologie es nun wirklich braucht oder nicht – und das alles mit dem unveränderten Ziel, „auch in Zukunft eine professionelle Vermittlung von Wissen und Kompetenzen zu garantieren“. Dabei geht es, nach allem, was die Faktenlage zeigt, nicht darum, Vermittlungsprozesse zu modernisieren, sie klientenorientiert zu gestalten, sie zu digitalisieren und zu modularisieren. Es geht darum, sie abzuschaffen.

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good old Banksy…

Nicht einmal teilen kann ich mein Wissen

Weder deins noch meins, noch irgendeins. Wissen kann nur konstruiert werden, dekonstruiert und rekonstruiert. „Teilen“ und „mitteilen“ sind Begriffe, die insinuieren, dass ein empirischer, materiell greifbarer Gegenstand, ein „Inhalt“ (Content) portioniert und verteilt wird. Wie bei Gummibärchen: Ich habe eine Packung, und die teile ich jetzt mehr oder weniger fair mit dir und mit dir. Was da hin und hergeht, verändert dadurch nicht seine Qualität. Und genau das ist, wenn es um Wissen geht, die grandiose Täuschung. Wissen ist niemals „faktisch“, niemals „empirisch“, nie objektiv oder unveränderlich. Es steht zu keinem Zeitpunkt „fest“, und es kann nicht transportiert werden. Transportiert, also höchstens übermittelt werden Daten oder Informationen. Die unterscheiden sich aber so grundsätzlich von Wissen wie der Teig vom Kuchen.

Dass Wasser bei soundsoviel Grad Celsius zu kochen beginnt oder zu Schnee wird, oder dass Flugzeuge ab einem bestimmten Steigungswinkel vom Himmel fallen wie ein Stein, dass wilde Tiere gefährlich sind, und manche Schlangen giftig, das alles ist kein Wissen. Wissen ist die Fähigkeit, solche – je nach Anwendungskontext wertvollen – Informationen nutzbar zu machen. Wissen zeichnet sich dadurch aus, dass es immer nur in einem konkreten Kontext konstruiert wird, in dem Menschen absichtsvoll und zielgerichtet kommunizieren und interagieren, in dem sie Probleme erfassen und lösen. Zu zweit, zu zehnt oder alleine. Im Netz, am Lagerfeuer, in der Geschäftsleitung, im Cockpit. Dabei ist „konstruiert“ nicht das Gegenteil von „real“, sondern die Voraussetzung für Tragfähigkeit. Nicht nur bei Brücken.

Kein Wissen ist objektiv oder ewig, weil jeder Kontext zu jeder Zeit unwiederholbar ist. Kein Wissen ist in seinen Kontexten a priori „richtiger“ oder weniger richtig als anderes. Genau aus diesem Grund ist Wissen jederzeit auf qualifizierte Informationen angewiesen. Wer den Zugriff darauf nicht hat, sitzt deshalb womöglich einem „falschen Wissen“ auf, weil ihm wichtige Informationen fehlen (was er oder sie aber nicht merkt, da er oder sie „felsenfest glaubt zu wissen“). So ergeht es zum Beispiel im Moment dem Bildungssystem selbst. Ständig konstruiert es falsches Wissen über das Wesen und das Zustandekommen von Wissen, weil es als System nicht in der Lage ist, wertvolle Informationen zu kontextualisieren. Wer Wissen mit Informationen gleichsetzt, wird den Möglichkeiten und dem Wert des Phänomens „Wissen“ also in keiner Weise gerecht.

Was nützt, weiterhilft, zur Lösung beiträgt, entscheidet sich immer im Kontext und dadurch, wie die Beteiligten diesen Kontext nutzen und gestalten. Ist das, was ich hier schreibe, also ein Wissen? Nein, es ist meine persönliche Erfahrung, und es ist für Sie als LesendeN eine Information, die Sie, in dem Moment, in dem Sie sie lesen, interpretieren, verneinen, bejahen, verwerfen, kontextualisieren, ignorieren, der Sie heftig widersprechen oder etliches mehr. Indem Sie und alle anderen Menschen jederzeit so vorgehen, ganz von alleine, machen Sie aus Informationen kontextbezogenes Wissen. Deshalb können wir Wissen nicht vermitteln. Wir können es nur – mehr oder weniger erfolgreich miteinander konstruieren. Von Fall zu Fall.

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(Quelle)

Der hierarchische Vermittlungszirkus verhindert kompetente Wissensbildung

Eine nächste, sehr große Herausforderung für unsere Bildungskultur liegt hier: In Kontexten der Wissensarbeit sind wir nach wie vor einem Konzept von Hierarchie verhaftet, das die Bedeutung von Wissen an die Strahlkraft einer entsprechend dekorierten Person oder Institution heftet. Vortrag, Vorlesung, Referat, Buch, Artikel und Beststeller, Key-Note Speech und Podiumsdiskussion sind die Formate, in denen sich diese Kultur niederschlägt.

In solchen Inszenierungen wird jedoch auch kein Wissen geteilt, mitgeteilt oder vermittelt. Auch wenn der Chef, der Vorgesetzte, der Lehrmeister, der Korrespondent oder Innenminister in einem Meeting seine schwergewichtige Meinung kundtut, teilt er oder sie nicht Wissen mit, sondern mehr oder weniger relevante Informationen innerhalb eines bestimmten Kontextes. Hier werden (wie in diesem Artikel, den Sie gerade lesen) ausnahmslos Informationen in den Raum und den Anwesenden zur Verfügung gestellt. Verbal, über Bilder, Töne, Gesten, durch soziale Rollen und Hierarchien – eben durch Kontext. Obwohl wir bis heute ganz selbstverständlich davon ausgehen, dass das, was von so genannten Autoritäten (Lehrern, Hochschulen, Forschungsinstituten) produziert wird, hoch qualifiziertes Wissen ist, handelt es sich dabei allenfalls um wertvolle Informationen. Ob und in wie weit diese Informationen etwas zur Lösung einer Aufgabe beitragen oder ob sie ein Projekt weiterbringen, das hängt von der Fähigkeit des Lieferanten ab, seine Informations-Ware anschlussfähig zu machen, sprich: einen ko-kreativen und und kollaborativen Beitrag zur Wissenskonstruktion zu leisten.

Gleichzeitig gilt: Was Sie und alle anderen, die diese und alle Informationen „empfangen“, daraus in welchem Kontext und in welcher Absicht auch immer machen, wie Sie es einsetzen, umformen, vernetzen, ins Gegenteil kehren oder einfach wieder vergessen – das entscheiden allein Sie.

Wissen ist nicht das Ergebnis von Konstruktion. Es ist Konstruktion.

Wissen wird also in keinem Fall vermittelt oder geteilt. Es wird immer mehr oder weniger erfolgreich konstruiert – aus einem Meer an Informationen, die uns mehr oder weniger attraktiv zur Verfügung gestellt werden. Diese Fähigkeit, diese zentrale Kompetenz im Zeitalter der Digitalisierung, wird in unseren Bildungseinrichtungen nicht gelernt.

Genau hier müssten wir in der Bildung ansetzen. Denn in den äußerst agilen Prozessen der Auseinandersetzung mit Informationen aus allen Ecken und von allen Enden der Welt, konstruieren wir uns unser ganz persönliches, in unserem individuellen Kontext (Leben, Lieben, Arbeiten …) bedeutsames Wissen. Das Subjekt dieser Prozesse sind allein wir. Sie und ich, wir sind unsere eigenen Wissensproduzenten. Außerhalb der Grenzen unserer ganz persönlichen Lebens-, Arbeits-, Lern- und Ideenwelt gibt es kein Wissen. Es gibt nur Informationen und Daten.

Auch wenn Menschen zusammen in Projekten engagiert sind (Regieren, Bauen, Verkaufen, Planen), ist das nicht anders, nur komplexer. Dann muss aus mehreren solcher Wissenswelten eine gemeinsame Basis konstruiert werden, die Kooperation und Kollaboration ermöglicht. Wissen ist dann ein für dieses konkrete Projekt entwickeltes, „kollektives Konstrukt“, an dessen Konstruktion alle Beteiligten beteiligt sind. Eine Zusammenarbeit, die sich dieser Unterschiede zwischen Wissen und Information bewusst ist, und die die irrige Meinung hinter sich lässt, dass es irgendwo auf der Welt oder im Netz objektives Wissen gibt, das nur gefunden und angewendet werden müsste, eine solche Kooperation hat viel mehr Chancen auf Gelingen als eine Gruppe von Menschen, die diesem Irrtum erliegtBildschirmfoto 2018-03-14 um 14.01.02.png

(Quelle)

Das Vermittlungsmärchen

Vermittler vermitteln Wohnungen, Versicherungen, Partner. Aber niemals Wissen. So wenig wie Erfolg, oder Liebe, oder Sinn vermittelt werden können. Es gibt ein paar Phänomene auf diesem Planeten, die sind nicht vermittelbar. Ich kann Ihnen keinen Sinn vermitteln. Nur Sie können sich den Sinn für Ihr Leben selbst erarbeiten. Und der gilt dann auch nur für Sie. Und wenn sie das mit Ihrem Partner zusammen angehen, dann gilt dieser „Sinn ihrer Partnerschaft“ für Sie beide – für niemanden sonst. So ist das auch mit Phänomenen wie Erfolg, Glück, Liebe und Wissen. Wissen gehört in die Reihe jener Phänomene, die einerseits für unsere Orientierung, für unser Handeln und für unser Gestalten von Welt völlig unverzichtbar sind, die aber andererseits nicht vermittelbar sind. Wir müssen es selber „machen“. Und selbstverständlich gehören da auch eine Menge Informationen dazu, die wir uns von überall herholen – sowie auch die unschätzbar wertvolle Dimension der Erfahrung.

Vermittler stehen deshalb immer dazwischen. So auch wenn sie pädagogisch tätig sind, oder didaktisch und lehrend. Ihnen ist klar, dass sie weder Stoff noch Wissen vermitteln, ja nicht einmal Informationen. Sie vermitteln zwischen dem, was es alles zu sehen, zu entdecken, zu finden, zu prüfen und zu verknüpfen gibt und denen, die sich auf diesen Weg machen. Vermittler vermitteln nicht „etwas“ sondern „zwischen etwas und jemand“.

Sie sind Realitätenkellner, Ressourcenklempner, Coaches. Sie sind Neo-Generalisten, um mit Kenneth Mikkelsen zu sprechen. Das sind relativ neue und sehr interessante Jobs, die gerade erst im Entstehen sind – und die dummerweise weder gelehrt noch vermittelt werden können.

Pavlovs Hund in Wittgensteins Zwinger

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Ludwig W.

Verständlich reden sollen wir. So reden, dass wir verstanden werden, dass die Wahrscheinlichkeit steigt, verstanden zu werden. Verstehbar sein: alles eine Frage der Formulierung. Nur was augenblicklich verstanden werden kann, ist gute Rede. Komplexes muss so formuliert werden, dass es umgehend verständlich ist.

Die Qualität des Gesagten wird festgemacht an der Qualität der Artikulation. Über letztere bestimmen die Interpretierenden. Immer schon.

Woher die Forderung, alles müsse einfach klingen, vertraut, verständlich?

Es gibt mindestens einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis nach Klarheit und der Qualität dessen, was klar sein soll. Der Hunger ist nicht die Speise.

Sobald mehr als einer im Spiel ist, ist es komplex. Das Sprechen, das Artikulieren, das Verstehen. Das Spiel. Und es ist auch erst dann ein Spiel, wenn mehr als einer im Feld ist.

Spieler wollen einander nicht verstehen, sie wollen miteinander spielen.

Auch Verstehen ist ein Spiel. Nach Regeln, die nur durch Spielen verstanden werden. Können.

Aber woher wissen wir, dass wir (einander) verstanden haben? Woher weiß ich, dass mein Gegenüber verstanden hat? Was genau: verstanden hat? Also „etwas“?

Liegt das an der Einfachheit der Formulierung?

Viele Menschen, mit denen ich im Leben unterwegs war, haben kapituliert. Was sie im Innersten beschäftigt, bedrückt und beglückt, was sie umtreibt und voran, in Sprache zu bringen. In eine der Begriffe, der Bilder, der Formen. Keine Chance.

Sie haben kapituliert vor dem Artikulieren und seinem Geschäft. „Ich kann das nicht.“

Und: „Ich bin kein Mensch, ich bin Dynamit; ich bin kein Staatsbürger, ich bin Müll; ich bin kein Subjekt, ich bin eine begehrende Maschine; ich habe keine Mitmenschen, ich bin ein Meteor.“

So entsteht das Spiel vom Metadiskurs, in dem wir uns beständig darauf hinweisen, dass das Wesentliche unausgesprochen bleibt. Bleiben muss. So entsteht Metaphysik. Und nach ihr der entleerte Konsum.

Wovon man nicht sprechen kann, soll man schweigen.

Lass uns ein Spiel spielen.

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Nick Vedros & Assoc. / The Image Bank / Getty Images

Die rechte Meute in Deutschland ist auf Parolen aus. Sie will bestimmte Sätze hören. Immer wieder. Sie will diesen Sätzen zustimmen, wie sie anderen Sätzen widersprechen will, sie regelrecht verteufeln.

Sie feiern schwarze Messen. Gültig wird Gesagtes nicht durch seine Verstehbarkeit, sondern durch den Mund, der es spricht. Und durch die Formel. Hokus Pokus.

Immer ist der Mund entscheidend, aus dem die Sätze kommen. Was von der Presse kommt, ist gelogen. Kann nur gelogen sein. Egal, was sie sagt. Oder die Kanzlerin, der Bundespräsident. Irgendjemand anderer Gemäßigter.

Ein gemäßigter Mund lügt, egal was er spricht. Ihm wird aberkannt, Mitspieler zu sein.

Du Neger.

Was Digitalisierung für mich bedeutet

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Spruch an Mauer in Demmin

Das Spannende an der Digitalisierung ist für mich, dass sie ein transformativer Prozess ist. Wesentliche Vollzüge von Mensch und Gesellschaft wie Bildung, Arbeit, Kommunikation, Mobilität, Spiel u.v.m. werden transformiert. Was ich damit meine: Die „Digitalisierung“ verdrängt keines unserer Grundbedürfnisse und macht sie auch nicht überflüssig. Wir werden nicht weniger oder mehr kommunizieren, arbeiten oder lernen, sondern anders. Deswegen vermute ich, dass die Vorbehalte und Ängste gegen die Digitalisierung nur sehr bedingt Ängste vor anderen Quantitäten sind (weniger, mehr oder gar keine Arbeit) sondern vor anderen Qualitäten: ein wenig, ziemlich oder völlig ANDERE Arbeit. Wir Menschen mögen ANDERS nämlich nicht so sehr. Nicht einmal in den Ferien. Digitalisierung bedeutet aber in erster Linie ANDERS – und nicht weniger oder mehr.

Nun fällt die Digitalisierung nicht wie ein Meteor plötzlich vom Himmel oder walzt unvorhersehbar über uns hinweg wie ein Tsunami. Abgesehen davon, dass auch Meteoriten und Tsunamis vorhergesehen werden können, zeichnen sich die Veränderungen, die mit der Digitalisierung einhergehen, schon länger und immer deutlicher ab. Sie sind wahrnehmbar, in vielen Fällen steuerbar. Ich bin ihnen nicht ausgeliefert. Als Mitarbeiter nicht, als Führungskraft nicht, als Unternehmen nicht. Gar nicht. Wer sich mit diesen Veränderungen aufmerksam beschäftigt (in und durch digitale Medien, durch aktive Mitarbeit in digitalen Netzwerken, durch konsequente Recherche und Verlinkungen, durch aktives Teilen und Kommentieren, durch Mitgestalten und Einflussnehmen), verändert sich, das eigene Arbeiten, Denken, Kommunizieren und Lernen ganz von selbst; der und die erlebt diese Transformation am eigenen Leib und im eigenen Umfeld mit.

Die digitale Transformation wird also nicht von irgendwoher verordnet. Sie wird nicht in Hörsälen gelehrt und nicht von Geschäftsführungen implementiert. Sie geschieht und fordert jedeN EinzelneN von uns auf, sich auf sie einzulassen. Sie ent-hierarchisiert, sie macht es klassischen Kontrollkulturen schwer bis unmöglich zu funktionieren, sie fordert ganz neue Kompetenzen der Zusammenarbeit und der Kommunikation. Und das alles lerne ich allein dadurch, dass ich es mache. Ich kann nicht auf jemanden warten, der mich einführt, es mir beibringt. Ich darf loslegen.

Warum digitale Empörung keine Probleme löst. Ethische Bildung hingegen schon.

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Ich vermute, wir müssen Unternehmen, deren wirtschaftlicher Erfolg durch die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur zu Stande kommt, gar nicht boykottieren – auch wenn wir in sozialen Medien ständig dazu aufgefordert werden. Wir müssen ihr Handeln auch nicht digital disliken, uns nicht über sie empören, und das dann teilen und kommentieren. Es würde womöglich völlig ausreichen, ihre Produkte nicht zu kaufen, also: aufhören mit „Erdbeeren im Winter“.

Boykott ist nicht Handeln

Wie komme ich darauf? Zwar nähren Boykottaufrufe moralische Bedürfnisse wie Entrüstung und Empörung, aber sie verändern das nicht, worauf sie mit dem Finger zeigen. Empörung setzt zwar moralische Energie frei, aber dadurch absorbiert sie lediglich den Handlungsdruck und täuscht bei mir das Gefühl vor, etwas Gutes getan zu haben. Hab ich aber nicht.

Mit den rituell verbreiteten Entrüstungsimpulsen verhält es sich wie mit Pawlows Hund: Der Reiz löst den Hunger aus, aber er stillt ihn nicht. Im Gegenteil: Die Art und Weise, wie wir in den sozialen Medien moralisch unterwegs sind, führt zu einem um sich greifenden Ausbleiben moralisch angemessenen Handelns. Es bleibt beim ausgelösten Empörungsreiz, der durch einen Klick gestillt wird: Gefällt mir, gefällt mir nicht.

Es ist dann für uns so, als hätten wir etwas gegen ein Elend getan. In Wirklichkeit verstärken wir es aber dadurch, dass wir lediglich unserer Empörung Luft machen – statt etwas dagegen zu tun. Die einzig wirksame Möglichkeit, in diesen Zeiten der virtuellen und impotenten Empörungskultur etwas gegen ein Produkt zu tun, ist – es nicht zu kaufen.

Kleidung, die unter menschenunwürdigen Bedingungen in Schwellenländern hergestellt wird. Fleisch, das aus Tieren gemacht wird, die unter katastrophalen Lebensbedingungen gehalten werden. Produkte, deren Herstellung, Handel, Vertrieb, Verbrauch und Entsorgung zu einem entsetzlichen ökologischen Fußabdruck führen.

Ethische Bildung fördert gutes Handeln

Und wenn wir im Ernst wollen, dass immer mehr Menschen durch bewusstes, entschiedenes und selbstverantwortliches Handeln Einfluss nehmen auf das, was auf welche Weise produziert und verkauft wird, indem sie dieses kaufen und jenes nicht, dann brauchen wir eine radikal andere Bildung. Dann brauchen wir Schulen, die aufhören junge Menschen entscheidungsmüde zu machen und sie in ein Lebensgefühl hinein gewöhnen, dass sie „eh nichts ändern könnten“ durch ihr Handeln (weil das System immer Recht hat und am längeren Hebel sitzt). Wir brauchen dann Schulen, die Menschen ermutigen, schonungslos kritisch zu denken und Hierarchien zu (hinter-)fragen. Angefangen bei den fruchtlosen Ritualen traditioneller Wissenslogistik, über den schulischen Selektionsfetischismus bis zur Bulimiepädagogik: Stoff reindrücken, bei der Prüfung unverdaut herauswürgen – und wieder von vorne.

Wir brauchen dann nicht einfach „bessere Politiker“ und „moralischere Unternehmen“ sondern eine (Lebens-)Schule, die sich auf ethische Bildung versteht statt auf moralische Dressur.

Schule könnte eine Einladung & Befähigung sein, mit Freude hellwach unterwegs zu sein: Das Potenzial unseres menschlichen Geistes, unsere Fähigkeit zu Empathie und die modernen Technologien zusammen zu bringen, um gemeinsam diese Welt aktiv umzugestalten. Statt sich der moralischen Masturbation hinzugeben.

Darum geht es in diesem Buch: Die Moral ist tot. Es lebe die Ethik.

Vom guten Entscheiden, oder: Wir müssen dringend etwas tun. Am besten, wir tun besorgt.

„Audiatur et altera pars“ lautet ein Grundsatz der antiken römischen Rechtskultur, der unsere Gemeinwesen bis heute prägt. Er besagt: Es werde in jeder Streitsache immer auch die andere Seite gehört. Immer sowohl die eine, als auch die andere. Entscheidungen können nur als gute fallen, sagt der Grundsatz, wenn die alternativen Ansprüche und Positionen gehört wurden. Sowohl die der Gegnerinnen, als auch die der Befürworter. Sowohl die der Bewahrer also auch die der Innovatorinnen. Immer mit dem Ziel, gut zu entscheiden.

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Quelle: kanzlei-paprotta.de

Wir wissen zwar auch dann nicht, ob wir richtig entscheiden werden, wenn alle Betroffenen gehört sind. Ein Rest Unsicherheit ist die Bedingung jedes Entscheidens. Aber wir werden in jedem Fall besser entscheiden als dort, wo Interessen nur einseitig einbezogen werden. Dieses Prinzip bildet bis heute eine Grundlage vieler Rechtssysteme.

Gute Entscheidungen fördern

Dieses „sowohl als auch“, das so alt ist wie die Menschheit, verfolgt das Ziel, zu angemessenen Entscheidungen zu kommen. Es will im Sinne eines allgemeingültigen Prinzips gute Entscheidungen ermöglichen und fördern. Es rechnet mit der uralten Erfahrung, dass alles, was aus einer allseitig akzeptierten Entscheidung an konkretem Handeln folgt, und dass alles, was auf ihrer Grundlage von Neuem entschieden wird, einen umso positiveren Möglichkeitsraum für alle Beteiligten öffnet, als diese entsprechend gehört wurden. Darin liegt der Sinn von „Audiatur et altera pars“: Entscheidungen, die unter Einbezug aller von ihr Betroffenen gefällt werden, schaffen nachhaltige soziale Handlungs-, Spiel- und Entfaltungsräume.

Gute Entscheidungen verhindern

Eine degenerierte Form dieses wertvollen Grundsatzes ist das „weder noch“. Hier ist aus dem Ermöglichungsprinzip eines „sowohl als auch“ ein Verhinderungsprinzip im Sinne von „weder noch“ geworden. Weil sowohl das Eine („Bewahren“) als auch das Andere („innovativ sein“) eine Berechtigung hat, und weil ein partielles Interesse aus der einen Partei („einerseits“) umgehend ein Interesse der anderen tangiert und einschränkt („andererseits“), entwickelt sich – der aus der Verhaltensbiologie bekannten „Übersprungshandlung“ verwandt – eine energetische Pattsituation, in der nicht mehr entschieden werden kann, weil ja dann nicht mehr alle Seiten berücksichtigt wären. Alle Seiten zu berücksichtigen, wird dann kurzerhand als unmöglich erklärt, um daran anschließend entweder dezisionistisch oder erst Mal gar nicht zu entscheiden.

Wenn Gegner beginnen sich heimisch fühlen

Was in diesem nicht selten auftretenden Patt übersehen wird, ist der tiefere Sinn des „audiatur et altera pars“. Dessen Zweck liegt darin, Handlungsräume sichtbar zu machen und sie zugleich für alle Beteiligten zu öffnen. Das Prinzip des „audiatur“ erlaubt den Involvierten, im „Prozess eines Prozesses“ Szenarien zu entwickeln, Folgen von Entscheidungen durchzuspielen, sich mit ihnen anzufreunden. Eine auf diesen Wegen und in diesem Sinne gefällte Entscheidung ermöglicht den Involvierten, sich in ihr „heimisch“ zu fühlen, sie als eine von zwei oder mehreren involvierten Parteien und zugunsten einer gemeinsamen Sache für sich zu bejahen und zur Grundlage ihres zukünftigen Handelns zu machen.

Der Chef muss entscheiden!

Die degenerierte Form des „weder noch“ hingegen macht die gegensätzlichen Positionen zwar ebenfalls „hörbar“. Es verharrt dann aber in dieser Funktion des Hörbarmachens und betont ganz im Sinne eines Mantras immer dann, wenn sogar schon die Konfliktparteien nach einer Entscheidung rufen, dass wir nach wie vor und immer wieder sowohl auf die eine als auch auf die andere Seite hören müssten, weil ja wichtig ist, dass beide Seiten gehört werden. Auf diese Weise degeneriert das „sowohl als auch“ als Vorbereitung auf breit abgestützte Entscheidungen zu einem „weder noch“, das die Aufgabe hat, Entscheidungen, wenn nicht zu verhindern so doch hinauszuzögern und zu erschweren, um sie dann nicht selten autoritär und einseitig zu fällen – „den Umständen geschuldet“, die aber durch das „weder-noch-Konstrukt“ erst geschaffen wurden. Schlau, nicht wahr?

Die degenerierte Form des „Audiatur et altera pars“ hat also nicht zum Ziel, gute Entscheidungen zu fällen. Zweck ist, den Willen und die Fähigkeit der Involvierten, an Entscheidungen mitzutragen, nachhaltig zu schwächen. Nicht die Absicht, zu einer guten Entscheidung zu kommen, ist länger das Motiv dafür, immer auch die Gegenseite hörbar zu machen, sondern weil die Entscheidung „woanders“ fallen soll, wird die Gegenseite zu eben diesem Zweck referiert. Das „sowohl aus auch“ mündet in ein „weder noch“. Wir können weder so entscheiden noch so, weil ja sowohl dieses gilt als auch das. Also braucht es jetzt den Chef! Der gibt auch umgehend die Parole aus: „Wir müssen dringend etwas tun. Am besten wir tun besorgt.“

Aus dem unbefriedigenden und frustrierenden Zustand des als „sowohl als auch“ verkleideten „weder noch“, wird ein sarkastischer Appell zum Verharren, zum engagierten Abwarten, zum solidarischen Zuschauen. Durch einem Hauch von Betroffenheit und Dringlichkeit wird Sorge dafür getragen, dass der Eindruck eines Handelns entsteht. Dabei wurde das Tätigkeitswort „tun“ vom Sprecher kurzerhand in eine Adverbialfunktion geschickt. Das Tun wird fürderhin dazu verwendet um ein Nicht-Tun zu beschreiben. Immerhin: als ein besorgtes.

Ist das jetzt gut oder schlecht?