Wut im Bauch

Es sind nicht nur die politischen Kasten und die Repräsentant*innen des Kapitals, die im Moment fast täglich von Jugendlichen vorgeführt und entlarvt werden, und die sich durch ihre Statements und Kommentare in den Medien gleich selbst entlarven. Im Windschatten dieser Proteste versteckt sich ein noch tiefer sitzendes Problem.

Wir betrügen die junge Generation um ihre Zukunft nicht nur durch die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen und durch politische Dummheit.

Im Fahrwasser der Passivität und Verleugnungsstrategien derer, die jetzt an den Hebeln sitzen, verweigern wir ihnen die dringend benötigten Kompetenzen für die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Gesellschaft.

Weil wir unbeirrbar an einem dysfunktional gewordenen Bildungssystem festhalten, weil wir uns pausenlos in Forderungen über mehr Geld und mehr Geräte verstricken, weil wir uns ohne Unterbruch in selbstreferenziellem Geschwätz über die Notwendigkeit von Schule und Unterricht ergehen, unterbinden wir auf der ganzen Linie die gebührende Entfaltung ihrer Perspektiven einer Zukunft, die so radikal anders sein wird als das Gestern und das Heute. Stattdessen zwingen wir sie in ein gesellschaftliches Klima, das vor Dekadenz nur so schillert:

Das Erbe der Alten an die kommende Generation (Quelle: Tagesanzeiger vom 6.8.2005, S. 37).

Mehr desselben. Die grassierende Visionslosigkeit

Uns ist vor allem der Wiedererkennungswert heilig. Das nennen wir ganz euphemistisch „Kontinuität“. Wir huldigen ihr in allem, was wir tun: Mehr desselben, mehr vom Alten mit leichten Variationen. Wir wollen, dass alles so bleibt, wie es war. Wir bitten um Verständnis, dass Entwicklung halt Zeit braucht – und machen im nächsten Moment weiter wie bisher. Wir beharren darauf, dass wir die Kinder und Jugendlichen in den nächsten Wochen wieder in die Klassenzimmer pferchen, die Türen schließen und sie unterrichten.

Weil wir uns weder vorstellen können noch wollen, was es jetzt braucht, weil wir tief und unbeweglich in unserem Mindset festsitzen, vergeuden wir die Lebenszeit und die Potenziale der kommenden Generationen. Und wir tun es mit Verve. Wir zelebrieren es. Wir sorgen jeden einzelnen Tag dafür, dass alles so bleibt, wie es ist. Gerade in der Bildung. Wir kümmern uns nicht. Wir informieren uns nicht. Wir halten vielmehr in zweierlei Hinsicht am Alten fest.

Wir halten das Alte fest und uns an ihm

Das Alte als solches soll bleiben. Lehre, Besserwisserei, Bulimie-Pädagogik, Zertifizierungsfetischismus, krude Vermittlungsdidaktik, Reproduktion bestehender Verhältnisse. Aber wir halten nicht nur das Alte fest. Wir halten uns an ihm fest, wie die Passagiere der untergehenden Titanic sich an allem festgehalten haben, was in Griffweite war. Das ist reine Panik. Auch verleugnete Panik. Und sinnlos: sich in Überlebenshoffnung an etwas festzuhalten, das im Untergang begriffen ist.

Und wie sollen Menschen in so einer Haltung, die millionenfach von Politikern, Potentaten und Pädagogen praktiziert wird, die ums Überleben des eigenen Weltbildes besorgt sind und um das der Systeme, die es ernährt, wie sollen die den jungen Menschen Lust auf eine Reise machen können, die Zukunft heißt?

Quelle: Google Search „Shruggie“ am 11.8.2019

Auf die Lösungen pfeifen

Gar nicht. Und das ist die große Verantwortungslosigkeit. Denn der Verrat an der nächsten Generation, ist auch ein Verrat an so vielen dringend zu ergreifenden Chancen, die wir dem Planeten als Lebensort schulden: Lösungen in den weltweiten Migrationsfragen, der geopolitischen und regionalen Neuordnung, der ökologischen Radikalwende, der Erfindung neuer ökonomischer Systeme, der Entwicklung tragfähiger sozialer Konzepte für unser Zusammenleben. Ganz zu schweigen von den radikalen Veränderungen, die durch die Digitalisierung in all diesen Bereichen bereits am Anheben ist: Das Verschwinden von Arbeit, die Entstehung und Vernetzung digitaler Intelligenzen.

Diese Agenda ist mit dem Mindset, an dem unser Bildungssystem auf allen Ebenen und in allen Formaten so unbeirrt festhält, nicht nur nicht zu schaffen. Wir verhindern vielmehr täglich eine entsprechende Bildung und Ausbildung. Wir verhindern, dass sich ein Geist der Vernetzung und der Kollaboration entwickeln kann, der die Grundlage für das Lösen all jener Probleme ist, die wir konsequent vertagen. Wir verhindern auf der ganzen Linie die Entwicklung dringend benötigter Zukunftsvisionen.

Denn wir haben einen Lehrplan. Und wir haben Stoff. Und mit dem müssen wir durch. Koste es, was es wolle.

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