Der Dornröschenschlaf des Bildungssystems: Wo steckt bloß dieser Prinz?

Bild: Mahomi Endoh, Pascal Schut | © Bettina Stoess. Quelle: Saarländisches Staatstheater

Das Bildungssystem ist im Dornröschenschlaf. Das bedeutet zweierlei. Erstens ist dieser Schlaf ja eine Narkose – um ungestört am System operieren zu können. Zweitens braucht es einen Prinzen, der das System wachküsst, also erlöst.

Bis dahin schläft das System weiter und träumt von digitalisierter Bildung. Für die einen sind das Albträume, für andere sind diese Träume elektrisierend. Dass eines Tages der Prinz kommen wird, ist womöglich ein Teil des Traums. Die alte Sehnsucht nach Erlösung, nach dem Retter, der selbstverständlich ein Mann ist. Prinzen retten Prinzessinnen. So eine Prinzessin ist unser Bildungssystem.

Die Metapher zielt auf das seltsame Gebaren dieses Systems und seiner Bewohner’innen. Eine Mischung aus passiver Ergebenheit an den Status Quo bei gleichzeitigem Leiden an ihm und der Weigerung, daran aktiv etwas zu verändern. Dafür braucht es jetzt den Prinzen: einen starken, dynamischen Leader, der zuerst von seinem hohen Ross steigt – um uns auf Augenhöhe zu begegnen, und der anschließend mit uns in eine goldene Zukunft galoppiert, während wir uns an seinen breiten Rücken schmiegen.

Wenn aus Bildern Realitäten werden

Das Problem, das der Lösung im Weg steht, sind die Bilder, mit denen wir unterwegs sind. Bilder von Führung und Veränderung. Bilder, die uns narkotisieren; die den Zweck haben, den Status quo erträglich zu machen und ihn dadurch aufrecht erhalten. Bis zur Ankunft des Prinzen, der dann alles ändert. Der uns die (Er-)Lösung nicht einfach bringt, sondern der unsere Erlösung ist.

Das Problem ist nicht, dass die einen auf den richtigen und die anderen auf den falschen Prinzen warten, sondern dass wir auf einen Prinzen warten. Auf den Politiker, die Partei, das Schulamt, den Verlag, die Bertelsmann Stiftung, den neuen Schulleiter, der es dann richten wird – oder uns.

Deshalb entwickeln wir mal lieber keine Bilder einer anderen Bildung – solange der Prinz noch nicht da ist. Und die, die sie trotzdem entwickeln, die warnen wir. Vorsichtshalber, denn: Wir wissen nicht, was der Prinz dazu sagen wird.

Wenn er kommt.

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