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Die überbordende Konferenz- und Keynote-Kultur und die damit verbundenen Aktivitäten des Pilgerns und Wallfahrens auf Seiten der Konsumierenden haben keinerlei Informations-, Bildungs- oder Lerneffekte. Was auf diesen Events gesprochen und gezeigt wird, ist längst für alle frei im Internet zugänglich. Warum haben diese Formate Hochsaison?

Sie befriedigen ein Bedürfnis, für das im letzten Jahrhundert die Gottesdienste der christlichen Kirchen zuständig waren. Keynotes & Conferences haben kultische Funktionen, und das geht so: Menschen kommen in unsicheren und prekären Situationen zusammen, um sich in der Menge anderer Verunsicherter geborgen zu wissen und Worte und Gesten des Trostes und der Ermahnung zu hören; um gemeinsam mit anderen Rituale des Gemeinschaftlichen auszuüben und dadurch die Bedrohlichkeit des Unverständlichen einzudämmen; um zugleich einen Anteil am Strahlenden, am Machtvollen und Überzeugenden zu erlangen, das wie seinerzeit vom Setting und von der Inszenierung des Sakralen ausgeht. Und auch heute dreht sich auf diesen Veranstaltungen viel um die Entwicklung und Verbreitung von Erlösungsphantasien und darum, das eigene Gewissen zu entlasten.

Das sind einige der Hauptfunktionen des religiösen Kultes, der jetzt im „Konferenz-Paradigma“ Urständ feiert. Dementsprechend sind nach wie vor jene Persönlichkeitsprofile gefragt (und fahren den Schotter ein), die den Kult beherrschen und liefern, nicht diejenigen, die an Lösungen interessiert sind – und sie voranbringen.

Die Keynote-Kultur löst keine Probleme, sondern hilft sie zu ertragen

Im Moment nimmt die Plausibilität von „Keynote & Conference“ zu. Daran erkenne ich, dass um uns herum Unsicherheit, Nichtwissen und Angst zunehmen – und deshalb die Bereitschaft, sich diesen Ritualen zu unterwerfen. Was sich dadurch aber weder verbreitet noch entwickelt, ist das, was in diesen säkularen Gottesdiensten von den Priestern verkündet und gepredigt wird: Agilität, Empowerment, Wissen, Aufklärung und Kompetenz nehmen gerade nicht zu. So wenig wie sich in früheren Tagen durch das Kultgeschäft der Kirchen die christliche Botschaft von Feindes- und Nächstenliebe und von der Bewahrung der Schöpfung durchgesetzt hat – denn darum geht es im Kult nicht.

Ich will nicht sagen, dass sich die ökonomischen, sozialen, technologischen und ökologischen Probleme, vor denen wir derzeit stehen, durch diese Renaissance des Kultischen vergrößern.

Was für mich jedoch feststeht, ist: Sie werden dadurch weder adressiert noch gelöst.