Was fehlt dir? Oder: Leben nach dem Prinzip Versorgung

Zum Arzt und zur Ärztin gehen wir, weil uns etwas fehlt. Zur Bank und zur Arbeit übrigens auch. Uns fehlt sonst das Geld. Wir gehen einkaufen, sei es Nahrung oder Möbel, um einen Mangel zu beheben. In Schule und Weiterbildung trifft man uns aus demselben Grund an: weil wir etwas nicht haben. Wir bringen von uns selbst vor allem den Mangel ein. Wir kommen mit einem Defizit in Spiel. Mit mindestens einem.

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Drawing by Mansi Gupta, gefunden bei Fabian Pfortmüller

In diesem Mindset ist Leben & Menschsein eine Reihung von Defiziten, die uns abhängig machen. Ohne Banken, Schulen, Ärzte und Therapeutinnen, ohne Tankstellen, Versicherungen, Behörden, Einkaufszentren und den machtvollen digitalen Apparat sind wir verloren. Das gilt übrigens auch für unsere Beziehungen, Partnerschaften und familiären Gemeinschaften. Auch sie dienen der Reduzierung des Gefühls, ein wandelndes Defizit zu sein. Peter Sloterdijk hat das glasklar auf den Punkt gebracht:

Ich zelebriere die Katastrophe, die ich bin.

Für ihn ist das Vermögen, sich selbst mehr und anders als defizitär anzunehmen, regelrecht korrumpiert. Der Satz „Ich bin da” trete immer öfter unabhängig von zustimmenden Zusätzen auf. Stattdessen hängen über dem Satz „Ich bin da” für viele Menschen bereits so dunkle Wolken, dass die Zumutung eines Übergangs zu positiven Zusätzen wie eine Überforderung wirken müsse. Das eigene Dasein gutheißen kann dann der Bejahung einer Katastrophe gleichkommen. Sloterdijk spricht von einem „Zynismus, der von dem Daseins-Satz [direkt] übergeht zu der heroischen Pose: ‚Ich übernehme das Verhängnis, ich zu sein‘ oder … ‚Ich zelebriere die Katastrophe, die ich bin‘“ (Peter Sloterdijk: Weltfremdheit. S. 282 f.).

Während wir uns selber von Kindesbeinen an abhängig machen und in die Fremdbestimmung fügen, haben wir einen reflektierten Bezug zu dem verloren, was uns wirklich am Leben hält. Grundlagen wie Luft, Wasser, ein ökologisches Netz aus lebenden Ressourcen, in dem wir ein aktiver Teil sind, keine Kunden oder Patienten. Der pausenlose Strom an Waren und an Immateriellem, die Verwirklichung des Schlaraffenlandes als passive Durchversorgung produziert nicht nur eine schnell wachsende Anzahl an Verliererinnen und Verlierern inner- und außerhalb der Grenzen dieser Infantilisierungsspiele.

Der scheinbar endlose Versorger-Strom lässt uns nicht nur systematisch ausblenden, wen es auch noch gibt auf dieser Erde. Wir trainieren uns vielmehr von Kindesbeinen an im Vergessen, dass es bei all dem nicht um Abhängigkeit oder Unabhängigkeit geht, sondern um Gegenseitigkeit.

Gegenseitigkeit vs. Abhängigsein

Unsere Vorstellung von Abhängigkeit reduziert und vereinseitigt den vielschichtigen Begriff (und die verloren gegangene Erfahrung) des Angewiesenseins auf einen einzigen Aspekt, macht diese reduzierte Auffassung dann gegenseitig – und definitiv. Das zielt aber völlig an dem vorbei, worum es beim Menschsein geht: um Gegenseitigkeit. Erst wenn ich das Prinzip der Gegenseitigkeit aufkündige, beginnt Abhängigkeit.

Abhängigkeit ist kein Urzustand, sondern eine kulturelle (und heute vor allem ökonomische) Konstruktion. Tatsächlich leben wir jedoch in Ökosystemen, und da geht es um Reziprozität. Abhängigkeiten entstehen erst dann, wenn das Gleichgewicht bereits unwiederbringlich verloren ist, oder geleugnet, oder simuliert. In allen anderen Fälle sorgt das System selbst für das, was Homöostase genannt wird – ein Phänomen, das überall dort wirkt, wo sich lebende Systeme finden: Ausgleich im Sinne und Angesicht von Gegenseitigkeit. Selbst der Rede von der „gegenseitigen Abhängigkeit“ liegt schon eine reduzierte Auffassung zu Grunde, die nur bis zur nächsten Befriedigung eines Bedürfnisses denkt und sieht; oder bis zur übernächsten. Der Grundsatz „Do ut des“ (ich gebe, damit du gibst) kolportiert ein Menschenbild, das Gemeinschaft und Zwischenmenschlichkeit auf die gegenseitige Befriedigung von Bedürfnissen reduziert. Jedoch: abhängig bin ich von Drogen. Abhängig bin ich, wenn ich meine Gestaltungsfreiheit verloren (bzw. abgegeben) habe: Handeln ist zu einem linearen Muss geworden.

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Symbiontik im Rosenlauital/Schweiz. Foto: Christoph Schmitt

Das völlige Vergessen der Gegenseitigkeit kommt von der Abkopplung. Wir haben abgehoben und schweben als neoliberalistisches Raumschiff über den unverständlich gewordenen Reliquien und Ruinen jener Erzählungen, die Gegenseitigkeit als Gestaltungsmoment lebender Systeme kannten: Geben und empfangen. Symbiontik statt „Do ut des“. Je besser es meinen Umwelten geht, umso besser geht es mir – und umgekehrt.

Stattdessen werden wir inzwischen von unsichtbar gemachten Mechanismen der Marktoptimierung regiert, die mit jedem Stück abgeholzten Waldes gefüttert und mit jedem abgeschmolzenen Gletscher getränkt werden. Der Raubbau kommt niemandem zu Gute. Er zahlt lediglich auf immer dieselben, wenigen Bankkonten ein, während sich Myriaden von Wirtschafts- und Arbeitssklaven täglich darum bemühen, einen Rest Liquidität zu bewahren, um nicht ausgespuckt zu werden.

Vorschlag für einen Pespektivenwechsel

Nur weil und solange wir etwas nicht haben, hält sich dieses System am Leben. Nur solange wir abhängig sind. Nur weil und solange wir auf den Mangel fixiert sind, produzieren wir ihn. Schule bringt keine freien, unabhängigen Gestalten hervor, sondern Heldinnen und Helden der Abhängigkeit: von Hierarchien, von organisierter Willkür, von Zertifikaten, von Karrieren, von Arbeitsplätzen. Bereits als Heranwachsende wechseln wir die Abhängigkeiten wie die Hemden.

Es ist Zeit für einen Perspektivenwechsel, denn in dieser reduktiven und zugleich normativen Auffassung kommt eine ganz entscheidende Seite des Menschen zu kurz. Weder ist der Mensch dem Menschen ein Wolf, wie Titus Maccius Plautus und Thomas Hobbes annehmen, noch funktionieren wir nach dem „Prinzip Emile“ von Rousseau, noch verlieren wir uns idealerweise an das Gegenüber wie bei Levinas.
Vielmehr lebt Menschsein aus einer bewussten und sorgfältig praktizierten Gegenseitigkeit – individuell wie sozial, und ebenso bezogen auf unser Eingebundensein in die lebendige Natur.

Ein erster Schritt in die Richtung einer „neuen Gegenseitigkeit“ und eine erste Erfahrung, wie sich die anfühlt, könnte der sein: Mal eine Woche lang konsequent nach der Goldenen Regel leben. Vom Mikrokosmos der heimischen Kommunikation bis hin zum Makrokosmos meines Konsumverhaltens. Also nicht alles mögliche Verhalten und Handeln vermeiden, sondern ein neues üben.

Eine Woche lang soll real und ganz praktisch gelten: „Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“ Mensch, Tier, Erde.

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

Culture & Mindset Worker, Blogger, Ressourcenklempner, Coach, Ethiker, Rituals Expert. Ich unterstütze kleine & große Unternehmen beim "Digital Turn" - spezialisiert auf die Themen Mindset & Kultur. Systemisch & lösungsfokussiert. Ich coache Menschen in spannenden Entwicklungsphasen und begleite in einschneidenden Lebensmomenten durch die Gestaltung von Ritualen.

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