Wie Rituale des Loslassens den ersehnten Neuanfang ermöglichen

Die Medien sind randvoll mit Aufrufen, jetzt endlich umzudenken, Alternativen zu entwickeln, den Neuanfang zu wagen. In der Politik, in der Ökonomie und in der Bildung, beim Einsatz von Technologie, in der Gestaltung von Gesellschaft und Arbeit, in Fragen des Klimas und der Ökologie. Kein Bereich ist ausgeschlossen. „Fünf vor Zwölf“ ist die Maxime. Gleichzeitig machen wir weiter wie bisher. Woher dieser Widerspruch, und wie finden wir aus ihm heraus?

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Planet Erde. Quelle

Seit vielen Jahren begleite ich Menschen im Zusammenhang mit Sterben und Tod. Das ist eine der ganz wenigen Situationen in unserem Leben, wo wir mit einer brutalen Endgültigkeit konfrontiert sind. Wir selbst. Ganz persönlich. Unausweichlich. Nicht in Gedanken, sondern in der Wirklichkeit: Verlust.

In dieser Arbeit mit trauernden Menschen habe ich etwas enorm wichtiges gelernt: Trauern ist das Einzige, wodurch Loslassen möglich wird. Nicht die rationale Einsicht. Auch keine guten Ratschläge oder Drohungen („Jetzt reiß dich doch zusammen!“). Wer nicht trauern kann, kann nicht loslassen. Wenn ich nicht loslassen kann, dann sterbe ich mit. Dann stirbt mein Lebenswille.

Das gilt nicht nur im Angesicht des Todes. Ich sehe da einen engen Zusammenhang mit unserer Situation als Gesellschaft, als menschliche Gemeinschaft. Mit der schier ausweglosen Lage, in die wir uns und den Planeten manövriert haben. Mit der kollektiven Weigerung, das eigene Verhalten zu ändern – und loszulassen.

Wir stehen gerade vor einer enormen Herausforderung. Vor genau einer: Setzen wir unsere wuchtigen technischen Möglichkeiten für eine Humanisierung unserer globalen Lebensverhältnisse ein und für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen? Oder treiben wir den Wahn auf die Spitze, bis die Lichter ausgegangen sind?

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Übergänge. Foto: Christoph Schmitt

Loslassen ist keine kognitive Leistung

Wovon hängt es ab, wie wir uns entscheiden? Von Wissen und Einsicht nicht. Wir wissen, was wir dem Planeten antun und unseren Kindern hinterlassen – und wir machen so weiter. Wir leiden unter Bullshit-Jobs und harren aus. Wir spüren und sehen, wie unsere Kinder unter Schule leiden und schauen zu. Uns ist klar, dass eine Partnerschaft am Ende ist, und wir bleiben. Wir vermuten, dass insgesamt irgendetwas ziemlich schief läuft – und ziehen unser Ding weiter durch.

„Es braucht halt Zeit“. So die schulterzuckende Reaktion, die ich fast immer zu hören bekomme. Menschen verändern sich nicht von heute auf morgen. Organisationen erst recht nicht. Das stimmt. Aber was, wenn in dieser Zeit, die es braucht, die falsche Hoffnung wächst, dass das Schicksal sich doch noch wendet, dass alles gut wird, die Diagnose sich relativiert, die Lüge nicht so schlimm ist? Was, wenn wir uns in der „Zeit, die es halt braucht“, einfach weiterhin selber betrügen?

Die ökologische und humane Katastrophe vollzieht sich täglich. Wir werden mit Bildern von ihr, mit Analysen über sie und mit Lösungsvorschlägen überschüttet. Daraus die Konsequenzen zu ziehen – das ist keine kognitive oder rationale Leistung. Da geht es nicht um Einsicht und Erkenntnis. Wir wissen, womit wir aufhören müssen, wir wissen, was wir stattdessen zu tun haben – und fahren fort. Noch einmal: Warum?

Meine Antwort habe ich in den unzähligen Begegnungen mit trauernden Menschen gefunden. Der Moment, in dem sie loslassen, ist keine bewusste Entscheidung. Vielmehr ist es ein Moment der Entkrampfung, ein Zulassen unendlichen Schmerzes über den Verlust und seine Endgültigkeit. Da sind keine Worte und keine Gedanken. Da ist nur Trauern: Der echte, reale und unausweichliche Schmerz darüber, dass etwas zu Ende gegangen ist. Unwiederbringlich.

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Scherbenhaufen. Foto: Christoph Schmitt

Einen Bogen um die Trauer machen

Aber wer sollte solche Gefühle wollen? Auch trauernde Menschen machen um diesen Schmerz erst einmal einen Bogen. Auch Menschen, die selbst eine schreckliche Diagnose bekommen, die erfahren, dass ihr Tod unausweichlich ist, wollen das erst einmal nicht wahrhaben. Je mehr ich zu verlieren habe, umso mächtiger bauscht sich die Hoffnung auf, das Festhalten.

Jedoch: Die Kraft und der Wille, mit dem Selbstbetrug aufzuhören und der Realität ins Auge zu sehen, die kommen aus dem Trauern – und zwar um den Verlust: Auch um den Verlust von Menschen, die auf der Flucht ertrunken sind, um verhungernde Menschen im Jemen, um die Opfer von Amokschützen und pseudoreligiösen Fanatiker’innen, um den Verlust von Respekt und Menschlichkeit in unserer eigenen Gesellschaft, um die elenden Lebensbedingungen industriell produzierter Tiere, um die Situation von Arbeitssklav’innen – Ihnen als Leser’in fallen ganz sicher noch mehr solche traurigen Situationen ein.

Was uns in den Medien täglich gezeigt wird an Elend, Leid und Tod, das will unsere Trauer erreichen. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ein wichtiger Grund für das globale Leid und sein Anwachsen mit der Angst und der Weigerung zu hat, um etwas zu trauern und loszulassen.

Damit fangen wir aber erst dann an, wenn wir realisiert haben, das etwas unwiederbringlich vorbei ist und verloren: Eine Schimäre von Wohlstand und Wachstum, an die wir geglaubt haben, wie frühere Generationen an einen Gott. Die Hartnäckigkeit, mit der wir das „Vorbei“ leugnen, hat sehr viel mit der Angst vor dem Verlust zu tun. Ein Verlust, der sich in diesem Moment längst vollzogen hat – den wir aber nicht akzeptieren können.

Jedoch: Wenn mein Verlust real ist, dann ist es auch meine Trauer. Dann sollte ich mich nicht für sie schämen. Ihr Ausdruck zu verleihen, ist die Voraussetzung dafür, damit ich  loslassen kann und abschließen. Je ernster die Lebenslage, um so wichtiger das Loslassen. Je größer der Verlust, umso wichtiger das Trauern darüber – denn das Trauern macht Loslassen möglich – und das den Neuanfang.

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rose & rubbish. Foto: Christoph Schmitt

Das Ritual: Wie Trauern und Loslassen möglich werden

Mir hilft ein einfaches Bild, um den Übergang zu verstehen, der sich in der Trauer vollzieht: Wenn ich einen großen Verlust realisiere, füllt sich mein Rucksack mit Wut, Schmerz, Angst und Resignation, die mich wie schwere Gewichte nach unten ziehen und alles zäh machen und unbeweglich und die Zukunft verdunkeln. Durch mein Trauern verwandelt sich diese Last in eine reale Leichtigkeit. Dazwischen liegt das Loslassen, das seine Zeit braucht – und Solidarität.

Hier kommt das Ritual ins Spiel. Das qualifizierte. Das gemeinschaftliche. Trauern ist kein einsamer Akt. Trauer ergreift immer eine Gruppe von Menschen. Um eineN SterbendeN trauert immer eine Gemeinschaft. Kein Verlust der Welt betrifft nur einen einzelnen Menschen. Deshalb versammeln sich nach Flugzeugabstürzen nie einzelne Hinterbliebene, sondern alle Trauernden. Trauern und Loslassen brauchen eine Gemeinschaft. Das ist kein Zufall sondern ein wesentliches Element des Trauerns – und des Loslassens. Selten sind Solidarität und Schulterschluss so wertvoll, wie in der Trauer.

Die Zeit des Loslassens ist die Zeit des Rituals, der gemeinsam durchlebten Trauer angesichts eines Verlusts. Wir realisieren, dass etwas Wertvolles zu Ende gegangen ist: Eine gemeinsame Zeit, ein Projekt, ein Lebensabschnitt, ein Traum. Diesen Abschied gemeinsam zu vollziehen, ist der erste Schritt in die Zukunft.

Der Nutzen von Ritualen in der Arbeitswelt

Als Coach und Organisationsberater habe ich den Eindruck, dass in Veränderungsprozessen genau hier sehr oft der Knackpunkt liegt: Ein gescheitertes Geschäftsmodell wird mal eben „begraben“, ein abgestürztes Start-up schnell „beerdigt“. Menschen werden mit einem warmen Händedruck entlassen oder outgesourct. Maßnahmen der Organisationsentwicklung werden zwecks Umsetzung mal eben kommuniziert. Kurz und schmerzlos muss es sein.

Warum ist das eher nicht hilfreich? Weil es immer um reale Menschen geht und um deren Zukunft. Um deren Hoffnungen und Ängste. Um die Anstrengung, die es bedeutet, einen neuen Anfang zu machen. Weil Verlust immer mit Trauer einhergeht, die krank macht, wenn sie keinen Ausdruck findet. Weil sich durch diese Hauruck-Verfahren die Zukunft von Menschen verdunkelt.

Wenn es stattdessen gelingt, gemeinsam einen wertschätzenden Akt des Loslassens und der realen Trauer um das Ende einer Epoche und einer Hoffnung zu vollziehen, dann werden die Betroffenen fähig, einen neuen Anfang zu machen. Ein qualifiziertes Ritual fängt die Emotionen der Trauer(nden) auf. Es ermöglicht das Loslassen und damit einen wirklichen, gemeinsamen Abschluss. Das Ritual erlaubt mir, einen Unterschied zu bilden zwischen dem, was ich loslassen muss und dem, was ich in die Zukunft mitnehmen werde, weil es wertvoll ist und bleibt.

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Human After All. Foto: Christoph Schmitt

Nicht zuletzt erwächst den Beteiligten aus der Erfahrung, diesen Abschluss und dieses Loslassen gemeinsam geschafft zu haben, eine wertvolle Kraft für den Neuanfang!

Es klingt groß, fängt aber im Kleinen an: Wenn es uns gelingt, dort wo wir leben und arbeiten, in kleinen Gruppen und Gemeinschaften zu trauern – nicht nur über den Verlust der eigenen Geschäftsmodelle, Lebensträume und Gewissheiten, sondern ebenso über den Verlust an Leben und Hoffnung „around the world“, dann entwickeln wir ein belastbares Fundament der Solidarität. Wenn wir Rituale des Abschieds und des Loslassens (wieder) in unser Leben und Arbeiten lassen, Rituale die uns erlauben, etwas loszulassen, was uns bereits davon geschwommen ist, dann retten wir damit die Welt. Unsere eigene ebenso wie die unserer Mitmenschen.

Loslassen befreit nicht nur. Es verbindet.

Wenn Sie sich näher mit der Idee eines Rituals befassen möchten, finden Sie weitere Infos hier.

 

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2 Kommentare zu „Wie Rituale des Loslassens den ersehnten Neuanfang ermöglichen

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