Erinnerung an 2018

2018 war für mich ein Jahr der verrückten Diskussionen mit Bildungsfachleuten, LehrerInnen und Dozierenden. Einige von ihnen realisieren knapp, dass sich die Berufe ihrer Klient’innen „irgendwie verändern“. Wobei die Skepsis nach wie vor überwiegt – was mit krassen Wissensdefiziten aufseiten der Bildungsprofis zu tun hat. In der Folge hat die Digitale Transformation in Schulen bis heute den Status eines Gerüchts und Digitale Medien den eines zweischneidigen didaktischen Hilfsmittels. Der Rektor einer Berufsschule drückte das neulich so aus: 

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Was die Diskussionen vor allem zeigen: Lehrende realisieren nicht, dass und wie ihr eigener Beruf von der Digitalen Transformation betroffen ist, und dass der in seiner herkömmlichen Identität und Funktion verschwinden wird. Das gilt auch für jene, die sich mit ihrer Hoffnung auf ein digitales Erwachen von Schule in den Sozialen Medien outen. Auch sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass die Schule, die sie vorne in die Waschanlage schieben, hinten wieder als solche rauskommt. Wie neu.

Das Tesla-Syndrom: Hinten kommt das bessere Vorne raus

Hier wirkt das „Tesla-Syndrom“: Aus dem stinkenden Auto mit Verbrennungsmotor wird ein sauberer Batterieschlitten, der am Ende auch noch selber fährt. Darüber hinaus bleibt unsere Fantasie aber beim Auto. Das hatten wir bereits in „Back To The Future“, wo das Skateboard, mit dem Marty McFly im Jahr 1955 durch Hill Valley braust, in Teil zwei zu einem Hoverboard mutiert. Also im Jahr 2015 🙂

So geht Transformation aber nicht. Wie beim Auto nicht einfach eine andere Technik unter die Haube einzieht, sondern das normative Konzept des Individualverkehrs verschwinden wird (weil ja für genau dieses Problem eine Lösung gesucht ist), so wird das „Konzept Schule“, wie wir es kennen, abgelöst. Nicht „durch Digitalisierung“ sondern aufgrund der Digitalen Transformation.

Es wird also kein digitalisiertes Nachfolgemodell für Schule und Lehrer mehr geben, weil das Konzept selber an sein Ende kommt – nicht zuletzt deshalb, weil es die Probleme, zu deren Lösung es anzutreten vorgibt, nicht nur vergrößert, sondern produziert. Vergleichbar mit unseren traditionellen Mobilitätskonzepten, die Mobilität mittlerweile nicht nur nicht erhöhen, sondern behindern. Wir kommen nur noch schwer vom Fleck.

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Analoge Digitalisierungsfantasien

Es wird in Bälde keine Schulen mehr geben, und keine Lehrer‘innen – weil es die Welt, in der Schule und Lehrer das Modell der Wahl waren, nicht mehr gibt; weil die in einem fundamentalen Prozess der Transformation steckt – der womöglich so schnell auch gar nicht endet.

Diese Transformation ist bereits am Laufen. Hoch dynamisch, chaotisch, unberechenbar.

Für Anja Wagner und Angelica Laurençon geht es deshalb jetzt um Kooperation, Zukunftsorientierung und Optimierung von Plattformen und Netzwerken. „Anstelle von normativen Vorlagen und Programmen, deren Ausarbeitung länger dauert als ihre Relevanz.“ (B[u]ildung 4.0, S. 29).

„Wir brauchen

  • Lernumgebungen, die dezentral und vielgestaltig von diversen Nutzergruppen kreativ besucht werden können;
  • Lernmodule, die weder an Präsenzzwang noch an zeitliche Auflagen gebunden sind;
  • Inhalte, die von den Lernenden erweitert und vernetzt werden können;
  • Mitmenschen, die sich selbst als ständig Weiter-Lernende begreifen“ (ebd., S. 47).

Wir entwickeln also Lernnetzwerke, die lernende Netzwerke sind. Konkret ausformuliert habe ich das hier.

 „Die Zukunft und das Leben der Millionen Wissensarbeiter*innen im digitalen, globalen Zeitalter hängt vor allem von B(u)ildung 4.0 ab, deren Stimuli Vernetzung, Kollaboration und Zusammenarbeit sind. Sie setzt auf den schaffend tätigen Menschen, dessen Kompetenz und permanente Kreativität neue Werte schaffen, die es für eine nachhaltige Welt dringend braucht“ (B[u]ildung 4.0, S. 31).

Schule werden wir nicht mehr haben, weil wir sie nicht mehr brauchen.

2 Kommentare zu „Erinnerung an 2018

  1. Zunächst vielen Dank! Ich bin auch so einer, der denkt, einmal durch die Waschanlage, kommt dann vorne neu raus. Es braucht dann schon auch mal einen Aufrüttler um das einzugestehen.
    Der Text ist radikal. Denn: Ab wann gilt das? Ab der Grundschule schon? Auch da dezentral? Auch da, so wie die Kinder wollen? Das hielte ich für Falsch. Alleine deshalb, weil Kinder Stetigkeit brauchen und das, so denke ich, bis in die Pubertät. Wie also ist das gemeint? Mich würde das konkret an einem Beispiel interessieren. VG

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