„Jetzt legt mal das Tablet wieder weg, Kinder.“

Wenn Schulen und Lehrer*innen über Digitalisierung sprechen, dann meinen sie den skuzessiven Einbau digitaler Technologie in das bestehende System. Tablets & Co als didaktisch-methodische Hilfsmittel. Pädagogische Hochschulen legen umfangreiche Weiterbildungen und Kurskonzepte auf, um Lehrpersonen bei diesem Einsatz zu unterstützen. Es entstehen Wartelisten. Schulleitungen müssen entscheiden, wer aus ihrem Kollegium die Kurse besuchen darf, weil die Nachfrage groß ist.

Titelbild: Bild von Bruno Glätsch auf Pixabay

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Allein diese Anekdote aus dem Artikel des Tagesanzeigers weist auf das fundamentale Missverständnis hin, das sich in pädagogischen Kreisen festgesetzt hat im Zusammenhang mit der Digitalen Transformation. Da fahren wir nach Zürich (oder in einer der übrigen 15 Pädagogischen Hochschulen in der Schweiz), setzen uns in einen Seminarraum und lassen uns das Digitalding zeigen und erklären. Dann fahren wir zurück in unsere Schule und zeigen und erklären es den Kleinen. Finde den Fehler.

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Ein Gynmasiallehrer aus der Zentralschweiz weist mein „pauschales Gymi-Bashing“ mit der Einladung zurück, doch mal wieder den Unterricht an seiner Schule zu besuchen, dann würde ich schon sehen, dass sie längst mit diesen Geräten arbeiten und sogar ein neues Fach eingeführt haben. Finde den Fehler.

Digitalisierung ist nicht dasselbe wie Digitale Transformation. Digitalisierung hat längst stattgefunden. Überall und durchgehend. Jetzt transformieren sich unsere kulturellen Systeme – unter argen Geburtswehen. Stichworte wie Internet of Things, Künstliche Intelligenz, New Work oder Agilität zeigen radikale Veränderungen der Arbeitsmärkte, der kulturelle Kontexte, der Lebensentwürfe, der Berufsbilder und der beruflichen Identitäten an. Wir werden uns in dieser dynamischen Entwicklung völlig anders bewegen, bilden, orientieren, ernähren, anders kommunizieren, zusammenleben, arbeiten. Davon ist im Bildungssystem nichts zu spüren oder zu sehen. Nach wie vor nicht.

Noch einmal: Es geht bei der Digitalen Transformation nicht um das Einführen digitaler Geräte in den Unterricht. Es geht auch nicht um Moodle oder Ilias und nicht um Flipped Classroom. Es geht nicht um das nächste Fach und um ein erweitertes Curriculum. Es geht vielmehr darum, mit Schule aufzuhören. Mit Beschulung, Unterrichten, Wissensvermittlung.

SAMR

Schulen bewegen sich, wenn sie überhaupt „auf Digitalisierung machen“, auf der Ebene der Substitution des bekannten SAMR-Modells, wie die Aussage einer Lehrerin im Artikel des Tagesanzeigers sehr schön zum Ausdruck bringt: „Das Tablet sei aber nicht immer auf dem Pult. ‚Wir legen es weg wie jedes andere Schulbuch auch.’“. Finde den Fehler. Hier übrigens eine mit viel Aufwand praktizierte, beachtenswerte Ausnahme.

Das Tablet-Projekt, über das im Artikel berichtet wird, ist ein wunderbares Beispiel für diese aufwändige und teure Integration digitaler Technologien in bestehende Strukturen und Kulturen, ohne letztere wirklich in den Prozess der Digitalen Transformation zu bringen – im Gegenteil: Digitalisiert wird immer nur gerade soviel, dass diese Transformation außen vor gelassen werden kann – außer Lehrpersonen fahren aus eigenem Antrieb zweigleisig und nehmen damit enorme Zusatzbelastungen auf sich.

Das grundlegende Missverständnis liegt im Mindset, das im Moment nicht nur nicht in Bewegung kommt, sondern durch die Tempo aufnehmende Integration Digitaler Spielzeuge in die Gewächshäuser des Lernens mit Sicherheit nochmals neue Nahrung erhält, wie die Folie von Anja C. Wagner wunderbar zeigt:

In den Köpfen bleibt es bei Didaktik & Methodik, bei Command & Control, bei standardisierten Inhalten & Prozessen, bei Gatekeeping & Prüfen, bei Classroom & Vermittlung.

Das Schulsystem weigert sich auf der ganzen Linie, Lernen anders und neu zu denken. So verschenken sie Tag für Tag wertvolle und unwiederbringliche Zeit. Ohne mit der Wimper zu zucken. Sie befinden sich in guter Gesellschaft. Genau dieselben Totstellreflexe bestimmen die Klimadebatte: Immer noch eine Warteschleife drehen, immer noch eine Ausrede, ein nächstes Wegducken, ein „Weiter so“.

Oder wie auf linkedIn neulich jemand feststellte: „Solange es keine funktionierenden Alternativen gibt, würde ich weiterhin mein Kind in die Schule schicken.“

Aus eben diesem Grund gibt’s diese Alternativen nicht.

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