Nutze das Netz: Es gehört dir!

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Fortschritt war für den Menschen immer verbunden mit Vernetzung. Die Versorgung mit Trinkwasser durch ein Leitungsnetz ebenso wie der Bau eines Straßennetzes oder der Abwassersysteme. Sie machten vielen Krankheiten und Seuchen den Garaus. Auch das Stromnetz war die Voraussetzung für eine nächsten zivilisatorischen Schritt. Jetzt stehen wir am Anfang der Digitalen Transformation. Jetzt wird das Internetz immer dichter. Viele haben Angst davor und verstehen das alles nicht. Sie fürchten den „Digitalen Hospitalismus“.

Es ist wie früher, als sie sagten: „Wasser aus der Leitung ist böse! Holt Euer Wasser weiterhin beim Brunnen, statt nur am Wasserhahn rum zu hängen! Wenn ihr nicht mehr ‚real kommuniziert‘ auf dem Weg zum Brunnen, dann vereinsamt und verödet ihr!“ Sie wollen lieber, dass alles so bleibt, wie es ist. Du nicht? Dann lies mal weiter.

Möchtest du weiterkommen? Bist du in letzter Zeit neugierig geworden, was in und hinter dem ganzen Hype um die Digitalisierung steckt? Dann geht’s dir ähnlich wie mir.

Wir realisieren, dass sich um uns herum in beruflicher Sicht eine Menge verändert. Die einen merken das am zunehmenden Organisationsaufwand in der Firma. Andere realisieren es anhand der Gerüchte über schlechte Zahlen, Stellenabbau, Fusionen. Womöglich nimmst du am Rand wahr, dass sich jemand nebenher was aufbaut. Vielleicht kennst du eine Kollegin, die mit anderen zusammen übers Internetz ein kleines Business gründet. Vielleicht spürst du aber auch bei dir selbst eine gewisse Unzufriedenheit und Enge mit deiner beruflichen Situation.

Und jetzt überall diese Digitalisierung. Allgegenwärtig. Das Internetz: ständig da. Ständig online. Immer verfügbar. Ein enormer Sog geht von ihm aus. Es zieht alles an, was in seine Nähe kommt, saugt offenbar alles auf.

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Ein kurzes Video zur Digitalisierung

Das Internetz hat eine unglaubliche Dynamik. Es bietet mittlerweile fast alles an, was ein Mensch brauchen kann (und was nicht), und vor allem: es bietet dir so gut wie alle Möglichkeiten der Welt, dich zu informieren, dich mit interessanten Menschen zu vernetzen, dich mit faszinierenden Leuten auszutauschen, von anderen zu lernen – und andere von dir.

„Weiterbildung“ und Lernen bekommen also eine ganz neue Seite: Sie tauchen nicht bloß an den gewohnten Orten (Schule) und in den gewohnten Formen (Unterricht) auf. Es gibt sie nicht mehr nur als fixfertige Kurse, in denen alles vorbereitet und vorgespurt ist. Du kannst das jetzt selber in die Hand nehmen. Dich selber bilden – und nicht über die Akademie soundso, die dafür stattliche Preise verlangt.

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Warum in ein Klassenzimmer sitzen um dir etwas anzuhören, was es im Netz viel lebendiger und vernetzter und kostenlos gibt? Auch wenn du persönliche Begleitung, Unterstützung oder Expertinnen suchst, berufliche Orientierung, Gesprächspartnerinnen, Antworten, Lösungen, Ideen: alles drin. Und du entscheidest, was du dir mit wem zusammen wann zu Gemüte führst.

Das Internetz bietet dir alle Möglichkeiten dazu. Du lernst das Lernen völlig neu kennen. Anders als du es in Schule und Ausbildung erlebt hast. Jetzt lernst du ganz anders: durch das Eintauchen ins Netz, das Surfen, das Googeln, das Vernetzen, das Anlegen eigener „Spaces“, in denen du das sammelst, was wichtig für dich ist. Du lernst die digitale Welt für dich und dein Weiterkommen zu nutzen, so wie du dir die schönsten Städte Europas durch die Nutzung ihres U-Bahn-Netzes zu erschließt. Wer die U-Bahn verstanden hat, versteht die Stadt viel besser. Wer das Internetz versteht, versteht die Welt.

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gif von Melanie Vetterli in meinem Buch Digitalisierung für Nachzügler

Du erschließt dir durch das Internetz neue, bisher unbekannte Welten – und zwar nicht nur zum Zweck der Belustigung und Erholung. Nicht nur für Freizeit und Konsum. Durch das Internetz erfährst du mittlerweile alles, was du brauchst, um dein Leben besser zu gestalten. Du begegnest durch das Internetz Menschen, die mit ähnlichen Fragen unterwegs sind wie du. Die dir auf der Suche nach Antworten genauso helfen werden wie du ihnen. Menschen und ihre Netzwerke, die in jeder erdenklichen Frage (Gesundheit, Beruf, Arbeit, Politik, Alter, Finanzen, Reisen, Politik, Technik und vieles mehr) unterwegs sind. Du entdeckst Menschen und Ideen, die dir vor dem Internetzzeitalter unbekannt waren oder unzugänglich. Das alles steht dir jetzt offen zur Verfügung: praktisch das ganze „Wissen der Welt“. Und zwar nicht nur als „Meer von Informationen“, in dem du ertrinken könntest. Das Schöne ist: Das Internetz ist ein großes Dorf mit Begegnung,  Austausch, mit gegenseitiger Beratung und Unterstützung. Es ist kein Chaos. Es ist ein quietschlebendiges Netz 😉

Du findest im Netz praktisch jede Form der Gemeinschaft von Menschen, die sich zu jedem erdenklichen Thema treffen, austauschen und gegenseitig weiterbringen. Auch in deiner Nachbarschaft! Auf youtube und vimeo gibt es zu jedem Thema der Welt, der Wissenschaft, der Kunst, der Technik oder der Wirtschaft Millionen von Videos, die dir verständlich erklären, was du bisher nicht verstehst: Mathe, Chemie, das Bauen einer Brücke, das Gründen einer Firma, das Fischen, das Anlegen eines Gartens mitten in der Stadt – was auch immer du suchst, was auch immer dich interessiert und weiterbringen kann: es ist offen und kostenlos im Netz – und einfach zu finden.

Fang einfach an. Zum Beispiel damit:

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Tipps für den Einstieg von acw

Digitalisierung vs. physische Begegnung, oder: Ein Gegensatz, der keiner ist.

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Quelle: symbolon.com

Die Angst geht um, dass das Kerngeschäft von Bildung digitalisiert wird, dass die Klassenzimmer wegrationalisiert werden. Bildende Berufe argumentieren eifrig, dass Lernen und Bildung unbedingt und unverzichtbar auf physische Begegnung angewiesen seien. Auf Mimik und Körperhaltung, auf Emotionalität und Haptik und Gestik, auf jene Unmittelbarkeit also, die durch nichts zu ersetzen sei. Das alles und noch viel mehr sei jetzt von der Digitalisierung bedroht, die alles ins Netz verlegen will. Das ist natürlich hanebüchen.

Denn die Formel der „physischen Begegnung“ ist pleonastisch. Auch Menschen, die sich im Netz begegnen, tun das physisch. Begegnung ist auch im Netz physisch, weil Menschen immer physisch sind. Und da geht nichts verloren, sondern es findet eine wunderbare Bereicherung statt: Eine Öffnung, Vertiefung, Vernetzung, Emanzipation. Der von Lehrenden behauptete Reduktionismus existiert nur in deren Köpfen – zumal sich Menschen nie „ins Internet hinein“ auflösen werden. Wie bizarr.

Wir sind heute digital. Wir sind immer online. Ob wir in einen Bildschirm schauen und sprechen oder nicht. Ob wir mit jemandem chatten oder ihm oder ihr unvermittelt durch digitale Medien gegenüberstehen. Wir wechseln mühelos die Medien, wenn es nötig wird und die Dinge vereinfacht. Wir kommunizieren in einer Mischung aus allen uns zur Verfügung stehenden Formen. Wenn wir es denn können.

Die Lehrer*innen an die Hand und ihnen die Angst nehmen?

Pädagogik-affine Digitalier schlagen vor, dass wir lehrenden Berufen mit ganz viel Geduld und Langmut begegnen, damit sie langsam ihre Widerstände abbauen können. Wir sollen sie an die Hand nehmen und ihnen auf diversen Safaris nach Digitalien zeigen, welche Möglichkeiten die Digitalisierung bietet, um die physische Begegnung zu erhalten und zugleich ein wenig  Digitalisierung zuzulassen. Hier mal ein digitales Quiz, da mal eine „elektronische Prüfung“. Oder gar Tablet-Klassen mit schicken Lernprogrammen drauf und „the latest Learning Analytics Software“.

Ich glaube nicht an diesen Weg, denn hier wird nicht am Mindset gearbeitet. Das Mindset wird vielmehr zementiert. Die Kontrolle wird digitalisiert. Ich würde es mit Klärung versuchen wollen.

Begegnung ist immer physisch. Was um alles in der Welt denn sonst?

Begegnung ist immer physisch, weil Menschen physisch sind. Es gibt hier kein entweder oder. Es gibt nur Begegnung. Menschen begegnen Menschen (und allem anderen auf dieser schönen Welt), auf welche Weise auch immer sie das tun. Die Vorstellung, dass Lernen, oder feierlicher formuliert, dass Bildung physische Begegnung „braucht“, kann nicht gegen dezentrale, digitale, nomadische und selbstgesteuerte Lerndesigns ausgespielt werden. Die Forderung nach physischer Begegnung ist ein pleonastisches, pädagogisches Konstrukt, mit dem lehrende Berufe ihren Job retten wollen.

Mehr noch: Weil Menschen immer lernen und dabei immer Begegnung stattfindet, die immer physisch ist, braucht es das pädagogisch-didaktische Setting gar nicht mehr. Denn die Digitale Transformation weitet die Möglichkeiten der (jederzeit physischen) Begegnung unendlich aus. Das pädagogisch-didkatische Setting schränkt Begegnung (und Lernen!) sogar enorm ein und funktionalisiert sie für pädagogische Beziehungen und Strukturen. Es reduziert Lernen auf kontrollierbare Einheiten. Entsprechend sieht „die Bildung“ aus, die dabei rauskommt – im Vergleich zu dem, was offene, dezentrale und vernetzte Lern- und Bildungsszenarien heute emöglichen!

Lehrer brauchen Schüler – nicht umgekehrt

Im klassischen, pädagogisch-didaktischen Mindset sind es deshalb heute nicht mehr die Schüler, die die Lehrer brauchen. Es ist umgekehrt: Die Lehrer brauchen das Konstrukt vom Schüler, denn es geht mittlerweile um die Daseinsberechtigung eines ganzen Berufsstandes. Hinter der Formel von der „echten physischen Begegnung“ steckt der verzweifelte Versuch, ein Menschen- und ein Berufsbild aufrecht zu erhalten. Ich halte dagegen: Diese „physische Begegnung“ ist ja überall möglich und überall besser, breiter, lustvoller, heterogener, lebendiger, vielfältiger und „bildender“, faszinierender, herausfordernder und vielschichtiger als in jedem noch so kreativen pädagogisch-didaktischen Setting.

Digitalisierung bedeutet Emanzipation des Lernens

Es ist also nicht legitim zu sagen: „Lernen braucht physische Begegnung“, oder „Bildung braucht physische Begegnung“, weil es das Gegenteil nicht gibt. So sehr es die Lehrer*innen der Digitalisierung auch unterstellen mögen. Im Kontext der Digitalen Transformation findet schlicht und einfach eine langsame, gründliche und unaufhaltsame Emanzipation des Lernens und damit der (Selbst-)Bildungsprozesse aus den engen Grenzen dessen statt, was Pädagogik und Didaktik daraus gemacht haben. Und das versetzt dieses System und seine Agent*innen in Alarmbereitschaft. Ich verstehe das, denn hier kommt ein Konzept an sein Ende. Das tut weh.

Ein guter Anfang wäre es jetzt, die eigenen Bedürfnisse als Lehrer*in nicht mit den Fähigkeiten und Potenzialen der Mitmenschen – hier: Schüler*innen – zu verwechseln. Es ist nämlich zuerst einmal das Bedürfnis der Lehrenden nach etwas, das sie „physische Begegnung“ nennen, damit sie ihren Job machen können. Mit Lernenden oder gar mit Lernen hat das erst einmal gar nichts zu tun.

Es ist auch überhaupt nicht gesagt oder annähernd sicher, dass Schüler*innen quasi ein „natürliches Bedürfnis“ nach physischer Begegnung mit Lehrenden haben. Sie haben im traditionellen pädagogischen Setting einfach keine andere Möglichkeit als diesen physischen Kontakt mit Lehrenden, dem ja immer mehr Lernende ins Netz ausweichen um sich zu bilden, und nicht um Zeit totzuschlagen.

Wir sollten endlich begreifen, dass dieses Bildungsystem eine historische Erfindung ist. Jemand hat es erfunden – und aus genau diesem Grund können wir etwas Neues erfinden. That’s it.

Also lasst endlich das Lernen frei. Und auf diesem Weg die Bildung. Baut Lernnetzwerke. Entwickelt gemeinsame Visionen, werdet agil in Kopf, Herz und Hand. Werdet konkret.

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