Die Rettung der kognitiven Libido

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Was muss eine Absolventin an erster Stelle wissen, wenn sie eine Aus- oder Weiterbildung abschließt? Sie muss wissen, wie sie mit Wissen umgeht. Aber das alleine wird nicht reichen. Sie muss das auch können. Sie muss mit Wissen umgehen können.

Wer die „Vermittlung von Wissen“ gegen eine „Entwicklung von Kompetenzen“ ausspielt, wie das selbst ernannte Untergangspropheten gerne tun (z.B.  Konrad Liessmann), der oder die hat nicht begriffen, dass sich Wissen und Können gar nicht gegenüberstehen. Der Umgang mit Wissen ist ein Können und muss gelernt werden. Es handelt sich um eine zentrale Kulturtechnik, um eine der wichtigsten Kompetenzen der Gegenwart. Für die Frage, wie erfolgreich sich ein Mensch in Kultur, Ökonomie und Gesellschaft zu Recht finden wird, ist dieses Können der entscheidende Maßstab.

Wissen ist Information in Bewegung

Ein Zweites: In vielen Köpfen herrscht noch hartnäckig die Überzeugung, Wissen sei ein „Bestand“. Viel zu wissen, heißt für allzu viele immer noch, Wissen auf Halde zu haben. Volle Speicher. Aber das ist ein Irrtum, der sich vor allem im Bildungssystem konsequent hält und reproduziert. Was in diesen Speichern wirklich lagert, ob es sich nun um Gehirne, Festplatten oder Clouds handelt, sind Nullen und Einsen. Es sind Daten, im besten Fall Informationen. „Wissen“ ist das alles nicht, denn Wissen lässt sich nicht speichern, sondern nur gewinnen – und zwar gerade aus dem riesigen Kosmos an Informationen, die in den Speichern dieser Welt angelegt sind. Wissen ist nicht der Rohstoff, sondern das Produkt. Wenn überhaupt.

Wissen ist Information in Bewegung, im Kontext, in Anwendung. Wissen entsteht im Austausch, im Einsatz, im Diskurs. Deshalb ist Wissen immer auch auf eine Situation bezogen, in der es gebraucht, vermisst oder erfolgreich angewendet wird. Wissen ist nicht „ewig“, sondern höchst situativ. Je situativer desto hochwertiger. Alles andere sind Daten.

Schulisches „Lernen“ verhindert Wissenskompetenz

Ein Drittes: Wissen geht kompetentem Handeln nicht voraus. Wissen ist Handeln. Auch hier wirkt unablässig der Irrtum fort, dass man zuerst „etwas“ wissen müsse, bevor man zur Tat schreiten könne. Auch das ist ein Irrtum, der im Bildungssystem zum Programm gehört. Richtig ist: Wissen, vor allem solches, das ich brauchen kann, entsteht ausschließlich und nur durch Handeln. Von daher kann ich sogar sagen: Was ich wirklich weiß, das weiß ich durch Handeln. Durch die Praxis von Versuch, Irrtum, Austausch, Fragen, Testen, Ausprobieren, Schlussfolgern, Konsequenzen ziehen, Reflektieren, neue Anläufe nehmen, mit einem Wort: durch Lernen.

Es ist gerade der klassische „schulische Kontext“, in dem wir Menschen mit Informationen beschallen, betexten und bedampfen, der die Entwicklung entscheidender „Wissenskompetenzen“ verhindert. Dieses „Mästen“ verhindert a priori, dass Lernende sich die Wissenskompetenzen des 21. Jahrhunderts erwerben können, sprich: Wissen eigenständig zu generieren statt Informationen aneinander zu hängen und zu repetieren. Sie müssten dringend lernen Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe sie das Gewicht, die Qualität und die kontextuelle Brauchbarkeit von Informationen einschätzen und beurteilen lernen, um sie kombinieren und verknüpfen zu können und zu gewichten. Darauf ist Schule leider nicht ausgelegt. Auch die tertiäre Bildung tut sich damit sehr schwer, ebenso wie die berufliche.

Die Art und Weise, wie unsere Bildungsinstitutionen mit Informationen umgehen, wie sie diese hin- und her transportieren um die mächtige Selektionsmaschinerie am Laufen zu halten, lehrt Menschen eines nicht: den kreativen und nachhaltigen, den produktiven und wertschöpfenden Umgang mit Wissen. Das ist angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen in Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft die eigentliche Katastrophe.

Die Rettung der kognitiven Libido

Warum ist das heute noch so? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt: „Die Desorientierung der modernen Gesellschaft über ihre eigenen Ziele spielt sich im Irritationssystem Schule ab wie nirgendwo sonst“. Deshalb würden sich viele darauf beschränken, die Dinge zu erklären, statt etwas zu tun.

Er schlägt eine Schule vor, „die den Eigensinn junger Menschen betont und sie nicht im Blick auf den Ernstfall kolonialisiert“. Er möchte Lernräume entwickeln, in denen „Menschen mit ihrer eigenen Intelligenz in ein libidinöses Verhältnis treten“. In solchen Lernräumen würde es also ganz klar um Lust gehen: um Wissenslust, Lernlust, Gestaltungslust; um Lust am Lernen.

Was wir brauchen, ist also nicht noch mehr Schule, oder eine andere, eine digitale Schule, oder neue Fächer oder andere Lehrer.

Wir brauchen ein komplett anderes Bildungsdesign.

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

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