Deutsche Bildungsmisere und Lehrermangel. Ein Rundumschlag

Bildschirmfoto 2018-07-21 um 17.02.27

In einem Kommentar zur deutschen Bildungsmisere und dem „totgeschwiegenen Lehrermangel“ holt die für die Bildungswelten zuständige Korrespondentin der FAZ, Heike Schmoll, zu einem Rundumschlag gegen die Ursachen für den Untergang des Abendlandes aus, die da wären: unterqualifizierte Lehrerbildung und unterqualifizierter Unterricht.

Das schafft sie, ohne auch nur einen Satz über die konkrete Kernherausforderung der Digitalen Transformation zu verlieren, und ohne einen einzigen Blick auf diejenigen zu werfen, um die es eigenlich geht: Die Lernenden.

Beim Lesen bin ich über folgende sieben Punkte gestolpert.

Punkt eins: „Unterrichtsausfall, häufige Lehrerwechsel oder unterqualifizierter Unterricht gehören zu den größten Elternärgernissen.“

Als ob es bei Schule, Lernen oder Bildung darum gehen würde, dass Eltern sich ärgern oder nicht. Es geht um lernende Menschen. Die aber kommen im gesamten Artikel nicht vor. Die Autorin führt einzig ein Plädoyer für den Erhalt eines Bildungssystems, das nichts mehr mit den gegenwärtigen Entwicklungen in und um uns herum zu tun hat. Dabei helfen Leerformeln wie „unterqualifizierter Unterricht“ in keiner Weise oder Richtung weiter, weil es hierüber nicht den Hauch einer Chance auf Einigung gab und gibt, was darunter verstanden werden darf und soll und was nicht – und weil mit einigem Recht bezweifelt werden muss, dass „Unterricht“, in welcher Qualität auch immer, dasjenige Lernsetting ist, in dem lernende Menschen diejenigen Bedingungen vorfinden und entwickeln können, die sie brauchen, um Leben und Arbeiten im Digital Age zu lernen.

Punkt zwei: „Viele der Lehramtsstudenten … springen ab und gehen lieber in die Wirtschaft als in die Schule.“

Das hat vielleicht mit dem absurden Referendariatssystem zu tun, womöglich mit der obsoleten Zuteilungspraxis und damit, dass der LehrerInnenberuf vor allem für sicherheitsbewusste Menschen attraktiv ist und nicht für solche, die innovativ, risikofreudig und zukunftsoffen unterwegs sind. Die sind deshalb eventuell ganz woanders zu finden. Gerade in der VUCA-Welt des 21. Jahrhunderts. Dass viele Menschen in lehrenden Berufen bereits heute mit den Bedingungen überfordert sind, die sie im Schulalltag vorfinden, kann auch damit zusammenhängen, dass sie womöglich einfach nicht für einen Job „gemacht“ sind, in dem sich die kulturellen und gesellschaftlichen Folgen der Digitalen Transformation niederschlagen wie fast nirgends sonst. Das wäre dann keine Entwertung ihrer Person, sondern ein Grund die eigene Berufsbiografie mutig zu überdenken.

Punkt drei: „Jedenfalls entscheiden sich die besten Abiturienten bestimmt nicht für ein Lehramtsstudium, sondern werden Juristen, Ärzte oder Ökonomen.“

Die „besten“ AbiturientInnen sind die Notenbesten unter ihnen, und da wissen wir schon sehr lange sehr genau, dass das überhaupt und rein gar nichts über Befähigung, Potenziale, Talente, Herzensbildung, Empathie, Vorststellungskraft oder Sozialkompetenz aussagt, sondern nur darüber, dass junge Menschen sich über I can do testsviele Jahre hinweg in einem absurden und hierarchischen Zertifizierungswesen unterzuordnen wussten. Wenn die jetzt gerade dadurch besonders geeignet sein sollen, LehrerIn zu werden, dass es ihnen besonders gut gelungen ist, den Notenterror mitzuspielen, dann wird erst recht deutlich, dass es hier vor allem um die Reproduktion eines Systems geht. Das ist zynisch.

Punkt vier: „Das ist nur in den skandinavischen Ländern anders. Dort hat Bildung einen anderen Stellenwert, und entsprechend ist der Lehrerberuf besser angesehen.“

„Dort“ ist „die“ „Gesellschaft“ eine andere und hat deshalb eine andere Schule. „Dort“ hat Solidarität einen anderen Stellenwert.  „Dort“ haben Menschen verstanden, dass Schulen mit der Zeit gehen müssen. Und überhaupt: Die dickeren Kartoffeln wachsen bekanntlich immer in Nachbars Garten.

Punkt fünf – ihre schärfste Waffe: „Hierzulande vollzieht sich … eine Abwärtsspirale, die über kurz oder lang alle Diskussionen über Unterrichtsqualität, kulturelle Basistechniken und grundlegende Handlungsfähigkeit im Keim ersticken wird.“

Und weiter: „Die Entprofessionalisierung des Lehramts ist inzwischen so weit vorangeschritten, dass mancher kaum noch einsehen will, wieso er eigentlich viele Semester lang studieren soll, wenn andere als Quereinsteiger mit Kusshand genommen werden, obwohl die nicht einmal das mindeste pädagogische Basiswissen besitzen, geschweige denn mit Inklusion, Digitalisierung, schwierigen und lernunwilligen Schülern und deren Eltern umzugehen verstehen.“

Diese Abwärtsspirale ist schon lange am Laufen – und sie hat nichts mit Keimersticken oder politischer Untätigkeit oder mit einer schwindenden Unterrichtsqualität zu tun, sondern damit, dass das traditionelle Schulsystem an sein Ende gekommen ist und als System nur noch funktioniert, weil es an einer staatlichen Herz-Lungen-Maschine hängt. Es gibt gar keine Entprofessionalisierung des Lehramts, weil das Qualifizierungssystem, über das in Deutschen Landen der Zugang zum Lehrerberuf geregelt wird, nach Kriterien funktioniert, die gar nicht in der Lage sind, die Professionalität dieser Profession zu garantieren.

Die Entprofessionalisierung ist also nicht vorangeschritten. Vielmehr wird jetzt, angesichts der kulturellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Digitalen Transformation – die die Autorin sträflicher Weise nicht in ihre „Analyse“ einbezieht – offensichtlich, wie wenig die Lehrerprofession in der Lage ist, unter echten Arbeitsbedingungen in der offenen Gesellschaft eine entsprechende Dienstleistung zu erbringen. Denn ob einer „als Lehrer“ mit diesen Bedingungen klar kommt, hat nichts mit seiner oder ihrer Qualifizierung oder Zertifizierung zu tun.

Auch ist „pädagogisches Basiswissen“, wie es in Bildungssystemen vermittelt wird, nichts, was einen Menschen dazu befähigen würde, andere erfolgreich bei ihrem Lernen zu begleiten, denn die beiden Disziplinen Pädagogik und Didaktik sind aufgeblähte, selbstreferenzielle Glasperlenspiele, die Lehrern dabei helfen sollen, aus lernenden Menschen Schüler zu machen, die über ihre Schuljahre hinweg den Kontakt zu ihren persönlichen Lernressourcen, und zur Lust am Lernen verlieren. Hier verweise ich gerne noch einmal auf die wunderbar entlarvende und zugleich klärende Stellungnahme von Stephen Downes.

Punkt sechs: „Dabei sind sich längst alle einig, dass ein anspruchsvoller Unterricht von hoher fachlicher und didaktischer Qualität zum Lernerfolg führt.“

Das ist leer. Die Diskussionen im Angesicht der Digitalen Transformation zeigen, dass diese Mischung von „anspruchsvoll“, „Unterricht“, „Fachlichkeit“ und „didaktischer Qualität“ eine Phalanx bunt schillernder Glasperlen ist. „Anspruchsvoll“ ist im Kontext geschlossener Lehr-Lernräume ein leerer Begriff, der von jedem und jeder mit den eigenen Vorstellungen gefüllt werden kann. Ebenso gibt es keinerlei Einigkeit über die Frage, was „Unterricht“ eigentlich im digitalisierten 21. Jahrhundert sein oder werden soll. „Fachlichkeit“, die den Namen verdient, ist überall anders heimischer als in belehrenden Einbahnsystemen, die bis heute den Begriff „Inter- oder Transdisziplinarität“ oder „Kollaboration“ als Kernkompetenz von Professionalität nur aus dem Fernsehen kennen – und Didaktik ist nichts anderes als der Versuch, ein dem menschlichen Lernvermögen systematisch Gewalt zufügendes mentales Dressursystem (das noch immer nach dem dreischichtigen Gesellschaftsmodell der Nachkriegsjahre zu funktionieren hat) irgendwie „messbar“ zu machen.

Punkt sieben: „Mit unausgebildeten Lehrern lässt sich dieses Ziel sicher nicht erreichen.“

Was auch immer sich mit aus- oder unausgebildeten Lehrern erreichen lässt – es hat nichts mit den Kompetenzen zu tun, die wir als Menschen im Digital Age brauchen.

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

Ein Gedanke zu “Deutsche Bildungsmisere und Lehrermangel. Ein Rundumschlag”

  1. Hat dies auf subject. rebloggt und kommentierte:
    C. Schmitt kommentiert eine typisch-zeitgenössische Analyse der Bildungsmisere, wie sie sich – so oder analog – häufig findet: Konkret daherkommend, aber hoch-abstrakt, nämlich abstrahierend vom Lernen, von den gesellschaftlichen Transformationsprozessen, son einem substanziellen und zeitgemäßen Verständnis pädagogischer Professionalität.

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s