Digitale Transformation als Kontrastmittel im Organismus Schule

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Digitale Transformation wirkt wie ein Kontrastmittel. Sobald sie in den „Organismus“ des Bildungssystems gelangt, macht sie sichtbar, in welchem Zustand dieses System ist: sklerotisch im Sinne der Verhärtung von Organen und Gewebe (wie sinnig), verkalkt und verengt. Infarktös.

Die Digitale Transformation verursacht diesen Zustand nicht. Sie macht bloß die Kontraste sichtbar. Sie „macht“ nichts mit dem Bildungssystem und der Schule, außer eben deren Zustand sichtbar. Sie schafft einen Kontrast.

Den Kontrast zwischen Geschlossenheit, Hierarchie, Hermetik und Transparenz, Offenheit, Allverfügbarkeit. Den Kontrast zwischen Zuteilen, Vorenthalten, Kanalisieren und Zugänglichkeit, Zugriff, Netzwerken.

Was immer eineR sucht und braucht: Inhalt, Hilfe, Kompetenz, Wissen, Kontakte, Netzwerke. Die Digitale Transformation macht’s möglich.

Sie „macht“  nichts mit dem Schulsystem. Sie macht einfach Unterschiede sichtbar, die einen Unterschied machen. Sie macht’s einfach & möglich.

Daher diese panische Angst vor ihr. Oder um es mit Verena Gonsch zu sagen:

„Es gibt sie tatsächlich noch, die Dinosaurier, die auch im Jahr 2018 die ‚Digitale Demenz‘ von Manfred Spitzer vor sich hertragen. Ich traf sie in Gestalt von Cord Santelmann vom Philologenverband Baden-Württemberg. Er verglich die Digitalisierung mit der Asbest-Gefahr oder den Risiken der Kernenergie. Nicht alles, was machbar sei, sei gut. Er verkörpert genau die Beharrungskräfte, die dem digitalen Aufbruch in den Klassenzimmern im Weg stehen. Oder wie es Christian Schlöndorf vom Niedersächsischen Landesinstitut für schulische Qualitätssicherung nach der Veranstaltung zur Digitalen Bildung der Kultusministerkonferenz in Hamburg im Juni so schön auf Twitter schreibt: ‚Generelle Unsicherheitsvermeidungsstrategien und egozentrische Selbstverwirklichungsbedürfnisse der Akteure verhindern den erforderlichen Paradigmenwechsel und Kulturwandel wenn es um Bildung und Digitalisierung geht.‘ Armes Deutschland!“

Die Rettung der kognitiven Libido

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Was muss eine Absolventin an erster Stelle wissen, wenn sie eine Aus- oder Weiterbildung abschließt? Sie muss wissen, wie sie mit Wissen umgeht. Aber das alleine wird nicht reichen. Sie muss das auch können. Sie muss mit Wissen umgehen können.

Wer die „Vermittlung von Wissen“ gegen eine „Entwicklung von Kompetenzen“ ausspielt, wie das selbst ernannte Untergangspropheten gerne tun (z.B.  Konrad Liessmann), der oder die hat nicht begriffen, dass sich Wissen und Können gar nicht gegenüberstehen. Der Umgang mit Wissen ist ein Können und muss gelernt werden. Es handelt sich um eine zentrale Kulturtechnik, um eine der wichtigsten Kompetenzen der Gegenwart. Für die Frage, wie erfolgreich sich ein Mensch in Kultur, Ökonomie und Gesellschaft zu Recht finden wird, ist dieses Können der entscheidende Maßstab.

Wissen ist Information in Bewegung

Ein Zweites: In vielen Köpfen herrscht noch hartnäckig die Überzeugung, Wissen sei ein „Bestand“. Viel zu wissen, heißt für allzu viele immer noch, Wissen auf Halde zu haben. Volle Speicher. Aber das ist ein Irrtum, der sich vor allem im Bildungssystem konsequent hält und reproduziert. Was in diesen Speichern wirklich lagert, ob es sich nun um Gehirne, Festplatten oder Clouds handelt, sind Nullen und Einsen. Es sind Daten, im besten Fall Informationen. „Wissen“ ist das alles nicht, denn Wissen lässt sich nicht speichern, sondern nur gewinnen – und zwar gerade aus dem riesigen Kosmos an Informationen, die in den Speichern dieser Welt angelegt sind. Wissen ist nicht der Rohstoff, sondern das Produkt. Wenn überhaupt.

Wissen ist Information in Bewegung, im Kontext, in Anwendung. Wissen entsteht im Austausch, im Einsatz, im Diskurs. Deshalb ist Wissen immer auch auf eine Situation bezogen, in der es gebraucht, vermisst oder erfolgreich angewendet wird. Wissen ist nicht „ewig“, sondern höchst situativ. Je situativer desto hochwertiger. Alles andere sind Daten.

Schulisches „Lernen“ verhindert Wissenskompetenz

Ein Drittes: Wissen geht kompetentem Handeln nicht voraus. Wissen ist Handeln. Auch hier wirkt unablässig der Irrtum fort, dass man zuerst „etwas“ wissen müsse, bevor man zur Tat schreiten könne. Auch das ist ein Irrtum, der im Bildungssystem zum Programm gehört. Richtig ist: Wissen, vor allem solches, das ich brauchen kann, entsteht ausschließlich und nur durch Handeln. Von daher kann ich sogar sagen: Was ich wirklich weiß, das weiß ich durch Handeln. Durch die Praxis von Versuch, Irrtum, Austausch, Fragen, Testen, Ausprobieren, Schlussfolgern, Konsequenzen ziehen, Reflektieren, neue Anläufe nehmen, mit einem Wort: durch Lernen.

Es ist gerade der klassische „schulische Kontext“, in dem wir Menschen mit Informationen beschallen, betexten und bedampfen, der die Entwicklung entscheidender „Wissenskompetenzen“ verhindert. Dieses „Mästen“ verhindert a priori, dass Lernende sich die Wissenskompetenzen des 21. Jahrhunderts erwerben können, sprich: Wissen eigenständig zu generieren statt Informationen aneinander zu hängen und zu repetieren. Sie müssten dringend lernen Methoden zu entwickeln, mit deren Hilfe sie das Gewicht, die Qualität und die kontextuelle Brauchbarkeit von Informationen einschätzen und beurteilen lernen, um sie kombinieren und verknüpfen zu können und zu gewichten. Darauf ist Schule leider nicht ausgelegt. Auch die tertiäre Bildung tut sich damit sehr schwer, ebenso wie die berufliche.

Die Art und Weise, wie unsere Bildungsinstitutionen mit Informationen umgehen, wie sie diese hin- und her transportieren um die mächtige Selektionsmaschinerie am Laufen zu halten, lehrt Menschen eines nicht: den kreativen und nachhaltigen, den produktiven und wertschöpfenden Umgang mit Wissen. Das ist angesichts der gegenwärtigen Herausforderungen in Ökonomie, Ökologie und Gesellschaft die eigentliche Katastrophe.

Die Rettung der kognitiven Libido

Warum ist das heute noch so? Der Philosoph Peter Sloterdijk sagt: „Die Desorientierung der modernen Gesellschaft über ihre eigenen Ziele spielt sich im Irritationssystem Schule ab wie nirgendwo sonst“. Deshalb würden sich viele darauf beschränken, die Dinge zu erklären, statt etwas zu tun.

Er schlägt eine Schule vor, „die den Eigensinn junger Menschen betont und sie nicht im Blick auf den Ernstfall kolonialisiert“. Er möchte Lernräume entwickeln, in denen „Menschen mit ihrer eigenen Intelligenz in ein libidinöses Verhältnis treten“. In solchen Lernräumen würde es also ganz klar um Lust gehen: um Wissenslust, Lernlust, Gestaltungslust; um Lust am Lernen.

Was wir brauchen, ist also nicht noch mehr Schule, oder eine andere, eine digitale Schule, oder neue Fächer oder andere Lehrer.

Wir brauchen ein komplett anderes Bildungsdesign.

Solidarität als Placebo. Ein Gedankenexperiment

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heilpraxisnet.de

Hier die Guten, dort die Bösen. Und wo sind die Solidarischen? Irgendwo dazwischen? Ich vermute: Es gibt sie nicht. Weder die Soldarischen noch die Solidarität. Letztere wurde durch Loyalität ersetzt. Lückenlos. Solidarität ist eine Schimäre, die uns erlaubt, das Gesicht zu wahren – nicht vor den Leidenden dieser Welt, sondern vor uns selbst. 

Am Anfang steht die Manipulation der Maschine Mensch

Die Psychologie sagt uns, dass wir die Menschen mit positiven Bildern fluten müssen, damit sie sich auf wünschbare Ziele hin bewegen. Wir müssen positive Bilder zur Verfügung stellen. Das ist ebenso Manipulation wie das Gegenteil: Mit negativen Bildern zu feuern. Der Gedanke dahinter, dass wir Menschen mit Bildern zu versorgen haben, ist von der Manipulation motiviert. Weil wir sie damit zu etwas bewegen möchten. Damit sind wir schwupps im Führungskräfteseminar und bei der Frage, wie wir Mitarbeitende motivieren. Oder Schüler, oder Kunden, oder Patienten. Wir haben ein technoides Verständnis vom Menschen, der wie eine Maschine mit Treibstoff versorgt werden muss, um überhaupt vom Fleck zu kommen. Betankt. Deshalb sind wir auch schnell bei Metaphern wie der Versorgung des Körpers mit Nahrung und Wasser – damit er überhaupt „funktionieren“ kann.

Nächste Zutat: Die Verkindlichung des Menschen

Solche Bilder zeigen die Verkindlichung des Menschen an. Wir gehen davon aus, dass er weder in der Lage ist, seinen Nährstoffhaushalt selbstständig zu organisieren, noch sein soziales Leben. Er muss (wir sagen: will) geführt werden. Er muss (wir sagen: will) gesagt Bildschirmfoto 2018-07-23 um 12.15.20und gezeigt bekommen, wo es lang geht. Er muss (wir sagen: will) gefüttert werden. Omnipräsente Verkindlichung. Wir verlängern eine Lebensphase der Abhängigkeit ins Unendliche, ins Kultürliche. Das Ergebnis ist der versorgte Mensch. Der loyale. Das ist unsere Kultur heute. Und damit das so bleibt, versorgen wir den Menschen mit Bildern. Wir fragen ihn, was er dabei sieht und geben ihm zwei Alternativen zum Ankreuzen vor.

Diese Bilder werden gegenwärtig hoch ambivalent: Hier die apokalyptischen, dort die paradiesischen. Hier Flüchtlingskrise und Weltuntergang, Flüchtlingsuntergang und Weltkrise, dort Grillparty und Malediven. Hier die vollen Regale, dort vom Plastikmüll verseuchte Meere. In ihrer Ambivalenz driften die Bilder auseinander. Sie zeichnen sich klar gegeneinander ab und sind zeitgleich präsent. Als Bilder, nicht als Welt.

Die konsequente Unterbindung menschlichen Reifens

Das steigert die Hilflosigkeit und Überforderung der verkindlichten Massen. Denn die werden und wurden konsequent mit Bildern (und Wahrheiten) nur gefüttert – und zwar ab ovo. Deshalb haben sie nicht gelernt zu unterscheiden. Unterschiede werden ihnen immer schon präsentiert. Ethik als Multiple Choice. Sie haben nicht gelernt zu entscheiden, weil die Alternativen immer schon bewertet vorliegen. Sie müssen nur richtig ankreuzen. Sie haben nicht gelernt, Zusammenhänge zu erkennen, weil sie ihnen immer schon erklärt werden. Deshalb können sie sie nicht verstehen, nur zustimmen oder ablehnen. Sie haben nicht gelernt, eine innere Stimme zu entwickeln, die ihnen erlaubt, Ambivalenz auszuhalten und aus Empathie heraus zu agieren. So wird Loyalität zu einer Überlebenstechnik. Niemand beißt die Hand, die ihn füttert.

Wo Solidarität war soll Loyalität werden

Solidarität bedeutet an der Wurzel, den Schutzraum der eigenen Herde zu verlassen um für einen Moment die Seite zu wechseln. Der möglichen Konsequenzen gewahr. Solidarität macht auf einen Schlag einsam, weil sie den Schutz der Herde aussetzt. Hingegen sind Solidaritätsbekundungen heute tribale Selbstvergewisserungsmanöver. Selbstinszenierung mit Sieh-Her-Effekt. Gegen die CSU zu sein, verbindet. Die Empörung gegen das medial präsent gehaltene Elend ist das scharfe Gewürz im Einheitsbrei der individuellen Sinnsuche. Und mit meiner Spende delegiere ich meine persönliche Verantwortung an dafür zuständige Organisationen. Gutes zu tun bedeutet jene zu unterstützen, die Gutes tun. So halte ich mich raus. Skin off the game.

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shortstatusquotes.com

Die einen haben Angst, angesichts voller Teller zu verhungern und geifern gegen jeden Hungrigen, der sich dem Tisch auch nur nähert. Die anderen haben Angst vor den Geifernden und davor, im Kontakt mit ihnen kontaminiert zu werden. Beide Parteien nehmen die Siechenden als Geiseln für das Zurechtrücken des eigenen Weltbildes. So bleibt allen nichts als die Loyalität mit der eigenen Gruppe. Das Ergebnis ist eine sich selbst potenzierende Angst – und zwar voreinander.

Wir sind nur noch loyal. Es kann uns nur noch um uns gehen. Solidarität ist ein Mittel zu diesem Zweck geworden. Zementiert durch die kontradiktorische Omnipräsenz der Bilder. Währenddessen nehmen die Dinge ihren Lauf. Exponentiell.

Deutsche Bildungsmisere und Lehrermangel. Ein Rundumschlag

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In einem Kommentar zur deutschen Bildungsmisere und dem „totgeschwiegenen Lehrermangel“ holt die für die Bildungswelten zuständige Korrespondentin der FAZ, Heike Schmoll, zu einem Rundumschlag gegen die Ursachen für den Untergang des Abendlandes aus, die da wären: unterqualifizierte Lehrerbildung und unterqualifizierter Unterricht.

Das schafft sie, ohne auch nur einen Satz über die konkrete Kernherausforderung der Digitalen Transformation zu verlieren, und ohne einen einzigen Blick auf diejenigen zu werfen, um die es eigenlich geht: Die Lernenden.

Beim Lesen bin ich über folgende sieben Punkte gestolpert.

Punkt eins: „Unterrichtsausfall, häufige Lehrerwechsel oder unterqualifizierter Unterricht gehören zu den größten Elternärgernissen.“

Als ob es bei Schule, Lernen oder Bildung darum gehen würde, dass Eltern sich ärgern oder nicht. Es geht um lernende Menschen. Die aber kommen im gesamten Artikel nicht vor. Die Autorin führt einzig ein Plädoyer für den Erhalt eines Bildungssystems, das nichts mehr mit den gegenwärtigen Entwicklungen in und um uns herum zu tun hat. Dabei helfen Leerformeln wie „unterqualifizierter Unterricht“ in keiner Weise oder Richtung weiter, weil es hierüber nicht den Hauch einer Chance auf Einigung gab und gibt, was darunter verstanden werden darf und soll und was nicht – und weil mit einigem Recht bezweifelt werden muss, dass „Unterricht“, in welcher Qualität auch immer, dasjenige Lernsetting ist, in dem lernende Menschen diejenigen Bedingungen vorfinden und entwickeln können, die sie brauchen, um Leben und Arbeiten im Digital Age zu lernen.

Punkt zwei: „Viele der Lehramtsstudenten … springen ab und gehen lieber in die Wirtschaft als in die Schule.“

Das hat vielleicht mit dem absurden Referendariatssystem zu tun, womöglich mit der obsoleten Zuteilungspraxis und damit, dass der LehrerInnenberuf vor allem für sicherheitsbewusste Menschen attraktiv ist und nicht für solche, die innovativ, risikofreudig und zukunftsoffen unterwegs sind. Die sind deshalb eventuell ganz woanders zu finden. Gerade in der VUCA-Welt des 21. Jahrhunderts. Dass viele Menschen in lehrenden Berufen bereits heute mit den Bedingungen überfordert sind, die sie im Schulalltag vorfinden, kann auch damit zusammenhängen, dass sie womöglich einfach nicht für einen Job „gemacht“ sind, in dem sich die kulturellen und gesellschaftlichen Folgen der Digitalen Transformation niederschlagen wie fast nirgends sonst. Das wäre dann keine Entwertung ihrer Person, sondern ein Grund die eigene Berufsbiografie mutig zu überdenken.

Punkt drei: „Jedenfalls entscheiden sich die besten Abiturienten bestimmt nicht für ein Lehramtsstudium, sondern werden Juristen, Ärzte oder Ökonomen.“

Die „besten“ AbiturientInnen sind die Notenbesten unter ihnen, und da wissen wir schon sehr lange sehr genau, dass das überhaupt und rein gar nichts über Befähigung, Potenziale, Talente, Herzensbildung, Empathie, Vorststellungskraft oder Sozialkompetenz aussagt, sondern nur darüber, dass junge Menschen sich über I can do testsviele Jahre hinweg in einem absurden und hierarchischen Zertifizierungswesen unterzuordnen wussten. Wenn die jetzt gerade dadurch besonders geeignet sein sollen, LehrerIn zu werden, dass es ihnen besonders gut gelungen ist, den Notenterror mitzuspielen, dann wird erst recht deutlich, dass es hier vor allem um die Reproduktion eines Systems geht. Das ist zynisch.

Punkt vier: „Das ist nur in den skandinavischen Ländern anders. Dort hat Bildung einen anderen Stellenwert, und entsprechend ist der Lehrerberuf besser angesehen.“

„Dort“ ist „die“ „Gesellschaft“ eine andere und hat deshalb eine andere Schule. „Dort“ hat Solidarität einen anderen Stellenwert.  „Dort“ haben Menschen verstanden, dass Schulen mit der Zeit gehen müssen. Und überhaupt: Die dickeren Kartoffeln wachsen bekanntlich immer in Nachbars Garten.

Punkt fünf – ihre schärfste Waffe: „Hierzulande vollzieht sich … eine Abwärtsspirale, die über kurz oder lang alle Diskussionen über Unterrichtsqualität, kulturelle Basistechniken und grundlegende Handlungsfähigkeit im Keim ersticken wird.“

Und weiter: „Die Entprofessionalisierung des Lehramts ist inzwischen so weit vorangeschritten, dass mancher kaum noch einsehen will, wieso er eigentlich viele Semester lang studieren soll, wenn andere als Quereinsteiger mit Kusshand genommen werden, obwohl die nicht einmal das mindeste pädagogische Basiswissen besitzen, geschweige denn mit Inklusion, Digitalisierung, schwierigen und lernunwilligen Schülern und deren Eltern umzugehen verstehen.“

Diese Abwärtsspirale ist schon lange am Laufen – und sie hat nichts mit Keimersticken oder politischer Untätigkeit oder mit einer schwindenden Unterrichtsqualität zu tun, sondern damit, dass das traditionelle Schulsystem an sein Ende gekommen ist und als System nur noch funktioniert, weil es an einer staatlichen Herz-Lungen-Maschine hängt. Es gibt gar keine Entprofessionalisierung des Lehramts, weil das Qualifizierungssystem, über das in Deutschen Landen der Zugang zum Lehrerberuf geregelt wird, nach Kriterien funktioniert, die gar nicht in der Lage sind, die Professionalität dieser Profession zu garantieren.

Die Entprofessionalisierung ist also nicht vorangeschritten. Vielmehr wird jetzt, angesichts der kulturellen, ökonomischen und gesellschaftlichen Umwälzungen der Digitalen Transformation – die die Autorin sträflicher Weise nicht in ihre „Analyse“ einbezieht – offensichtlich, wie wenig die Lehrerprofession in der Lage ist, unter echten Arbeitsbedingungen in der offenen Gesellschaft eine entsprechende Dienstleistung zu erbringen. Denn ob einer „als Lehrer“ mit diesen Bedingungen klar kommt, hat nichts mit seiner oder ihrer Qualifizierung oder Zertifizierung zu tun.

Auch ist „pädagogisches Basiswissen“, wie es in Bildungssystemen vermittelt wird, nichts, was einen Menschen dazu befähigen würde, andere erfolgreich bei ihrem Lernen zu begleiten, denn die beiden Disziplinen Pädagogik und Didaktik sind aufgeblähte, selbstreferenzielle Glasperlenspiele, die Lehrern dabei helfen sollen, aus lernenden Menschen Schüler zu machen, die über ihre Schuljahre hinweg den Kontakt zu ihren persönlichen Lernressourcen, und zur Lust am Lernen verlieren. Hier verweise ich gerne noch einmal auf die wunderbar entlarvende und zugleich klärende Stellungnahme von Stephen Downes.

Punkt sechs: „Dabei sind sich längst alle einig, dass ein anspruchsvoller Unterricht von hoher fachlicher und didaktischer Qualität zum Lernerfolg führt.“

Das ist leer. Die Diskussionen im Angesicht der Digitalen Transformation zeigen, dass diese Mischung von „anspruchsvoll“, „Unterricht“, „Fachlichkeit“ und „didaktischer Qualität“ eine Phalanx bunt schillernder Glasperlen ist. „Anspruchsvoll“ ist im Kontext geschlossener Lehr-Lernräume ein leerer Begriff, der von jedem und jeder mit den eigenen Vorstellungen gefüllt werden kann. Ebenso gibt es keinerlei Einigkeit über die Frage, was „Unterricht“ eigentlich im digitalisierten 21. Jahrhundert sein oder werden soll. „Fachlichkeit“, die den Namen verdient, ist überall anders heimischer als in belehrenden Einbahnsystemen, die bis heute den Begriff „Inter- oder Transdisziplinarität“ oder „Kollaboration“ als Kernkompetenz von Professionalität nur aus dem Fernsehen kennen – und Didaktik ist nichts anderes als der Versuch, ein dem menschlichen Lernvermögen systematisch Gewalt zufügendes mentales Dressursystem (das noch immer nach dem dreischichtigen Gesellschaftsmodell der Nachkriegsjahre zu funktionieren hat) irgendwie „messbar“ zu machen.

Punkt sieben: „Mit unausgebildeten Lehrern lässt sich dieses Ziel sicher nicht erreichen.“

Was auch immer sich mit aus- oder unausgebildeten Lehrern erreichen lässt – es hat nichts mit den Kompetenzen zu tun, die wir als Menschen im Digital Age brauchen.

Der Zukunft aus dem Weg gehen.

 

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Ich weiß nicht warum, aber ich bin fest davon überzeugt, dass wir das Ruder rumreißen können, dass wir die vielen anschwellenden Probleme in den Griff bekommen und vor allem, dass wir Visionen für die Bündelung der Kräfte zusammenkriegen.

Und wenn wir das wollen, dannn müssen wir als erstes aufhören, die jungen Menschen in unserer Mitte zu belehren und zu beschulen. Wir müssen das Mindset verlassen, dass wir, die Generation der Er- und Entwachsenen den kommenden Generationen irgendetwas Zukunftsfähiges zu vermitteln hätten, denn der Konkurs von Natur, Demokratie und Menschenwürde geht auf unsere Kappe und auf deren Kosten. Wir sind es, die sich jetzt bewusst werden müssen, dass wir diesen Planeten mit unserer abgründigen Dekadenz zerstören, und zwar bis in die kleinsten sozialen und ökonomischen Verästelungen hinein, und mit einer Vorstellung von Verantwortung im Gepäck, die das Phänomen dahinter verhöhnt.

Wir halten uns nicht nur Millionen von Menschen als Arbeitssklaven, um uns hier auf diesem kleinen Flecken Europa ein angenehmes Leben zu leisten, wir nehmen mittlerweile auch die jungen Generationen als Geiseln dieses Wohlstands, der derzeit in eine grassierende Reflexionslosigkeit und Denkfaulheit mündet. Und der den Planeten zerstört. Die kulturellen und die ökologischen Lebensgrundlagen.

Die Ignoranz, mit der wir Normalzustand simulieren, ist widerwärtig.

Wir müssen aufhören, den jungen Menschen unter uns etwas als Zukunft zu verkaufen, das keine ist. Schule und Erziehung provozieren keine Zukunft. Sie blähen die Gegenwart auf. Wir müssen lernen, uns zurück- und unsere Hybris herauszuhalten. Unsere Überzeugung, wir wüssten es besser. Wir müssen diese Hybris endgültig ablegen. Als Systeme ebenso wie als erziehende und belehrende Menschen.

Wir müssen ganz grundsätzlich hinhören lernen auf das, was uns an Optionen und Fragen, an Hoffnungen und vor allem an Strategien begegnet aus einer Generation, die wir, die Alten, in fast allen mir zugänglichen Diskursen entwerten als verwöhnt, sicherheitsbedürftig, harmoniesüchtig und „merkwürdig positionslos“.

Dabei sind wir das ja selbst: Die Verwöhnten, die Harmoniesüchtigen, die Ängstlichen, die Hosenscheißer, die Sicherheitsbedürftigen, deren Positionsgehabe sich in Empörung und Biowarenkorb erschöpft – das sind wir. Die Alten. Von links bis rechts. Von Öko bis Kreuzfahrer – alles unsere Bilder, die wir auf die jungen Menschen projizieren, um unser Weltbild aufrecht erhalten zu können.

Wir stehen der Zukunft im Weg. Es ist Zeit, dass wir ihn frei machen und bei denen in die Lehre gehen, denen wir die Zukunft stehlen.

Warum es digitale Geschäftsmodelle so schwer haben

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Quelle: https://centreforaviation.com/

Sechs von zehn deutschen Firmen gehen davon aus, die kommenden drei Jahre ohne jegliche Digitalisierungsmaßnahme zu überstehen. Neue Geschäftsmodelle stehen auch nicht im Fokus. Und nur wenige sehen in Google, Amazon & Co. die stärksten Wettbewerber. Das zeigt eine aktuelle Studie.

Die tatsächlichen Themen und Herausforderungen der Digitalen Transformation werden in den Führungsetagen nicht realisiert. Nicht in ihrer Dimension als disruptive, radikal kulturverändernde Entwicklungen, die in immer kürzer werdenden Sprüngen die Wirksamkeit von Führungs- und Managementhandeln außer Kraft setzen – und erst recht traditionelle Geschäftsmodelle.

Meine konkrete und tägliche Erfahrung ist: Menschen in Führungsverantwortung lassen diese grundsätzlichen und sehr konkreten Disruptionen nicht an sich heran. Sie setzen sich nicht damit auseinander. Wenn überhaupt, dann delegieren sie das komplette Paket an ihr untergeordnetes Umfeld, lassen Assistenzstellen erfinden und leiten Organisationsentwicklungsmaßnahmen ein, die das wirkungslos gewordene, klassische Organigramm noch einmal erweitern um Stabstellen, Abteilungen und Zuständigkeiten, die in den herkömmlichen Mindsets, Strukturen und Prozessen diese Digitalisierung irgendwie neutralisieren sollen.

Rückwärtsgewandte Change-Prozesse als Besitzstandswahrung

Es ist überhaupt erstaunlich, wie viele Strategie- und Change-Prozesse es im Moment auf breiter Ebene gibt, die an den entscheidenden Punkten die Digitalisierung konsequent ausblenden und umschiffen: als eine neue Form der Organisation aller Funktionen, Aufgaben und Zuständigkeiten. Auch fällt mir auf, dass im Kontext der Digitalisierung vor allem solche Stellen geschaffen, ausgeschrieben und besetzt werden, die auf die operative Ebene ausgerichtet sind. Ähnlich wie in früheren Zeiten die Human Resource Partner wenig anderes waren als Handlanger des Finanzchefs, nicht wirklich befugt und in der Lage, die Floskel vom Mitarbeiter als wertvollster Ressource des Unternehmens auch nur annähernd umzusetzen, verfährt das Management heute mit dem Thema Digitalisierung praktisch identisch.

Diesen Delegations-Reflex erlebe ich im Moment als besonders dramatisch, denn überall in Organisationen und Institutionen, wo Menschen mit der realen Welt in Kontakt kommen, ist die digitale Transformation ja vollzogen. Alle Funktionen und Aufgaben, die Menschen dort haben, sind geprägt durch die Merkmale dieser Transformation: Ignoranz gegenüber traditionellen Hierarchien und Zuständigkeiten, dezentralisierte Netzwerke wohin mann und frau schaut: in der Kommunikation, in der Entwicklung, in der Forschung, in jeder erdenklichen Form von Dienstleistung, in der Organisation von Wissen, Information, Produkten und Prozessen. Überall.

Dadurch entsteht ein doppelter Schaden: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden zerrieben zwischen den Ansprüchen der Märkte, Kunden und Partner und den Prügeln, die die eigene Organisation ihnen pausenlos zwischen die Beine wirft über nochmals zunehmende Kontrollfetischismen, hierarchische Überwachungsmechanismen und Maßnahmen der Organisationsentwicklung, die den verbleibenden Rest an zeitlichen und mentalen Ressourcen fressen. Das ist der Sache nach nichts Neues. Es verstärkt sich im Moment einfach.

Digitale Geschäftsmodelle sind keine digitalisierten Neuauflagen

Zum anderen unternehmen Unternehmen und Organisationen nichts oder viel zu wenig, um digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Stattdessen digitalisieren sie lediglich ihr herkömmliches Modell. Zwischen diesen beiden „Strategien“ ist ein himmelweiter Unterschied. Dieser Unterschied wird aber auf Führungsetagen nicht gemacht – und auch nicht bei Weiterbildungsangeboten für Führungskräfte, denn „mann“ will ja seine Cash Cows nicht (v)erschrecken. Niemand will sich die Finger an diesen heißen Eisen verbrennen.

Eine erfolgreiche digitale Zukunft für Unternehmen und institutionelle Dienstleister hebt in dem Moment an, in dem sie diese Unterscheidung machen können. Dann erst erkennen sie das Potenzial der Plattform-Ökonomie, der Digital Eco Systems, und sie werden digital handlungsfähig. Sie starten das dezentrale Networking und eine Kollborations-Offensive über die engen Grenzen der ehemaligen Silostrukturen hinaus.

Oder sie gehen sang- und klanglos unter.

 

 

 

Wider die digitale Spaltung (in) der Gesellschaft

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Anja C. Wagner diskutiert in ihrem Video Blog „Anja Time“ die digitale Spaltung in der Gesellschaft. Sie liefert eine messerscharfe Analyse: In der deutschen Debatten-Kultur ist die Motivation, sich als kritischer, konstruktiver Geist aktiv im Netz einzubringen, nur schwach ausgebildet. Kein Wunder, denn diese Motivation muss erst einmal aufgebaut werden. Weil dies nicht geschieht, weder in Schule und Hochschule, noch in Aus- und Weiterbildung, passiert gerade dadurch sehr viel „Digital Devide“ – also digitale Spaltung zwischen einer sehr großen Zahl von Menschen, die digitale Analphabeten sind und bleiben, und einer sehr kleinen Anzahl, die das Netz für sich zu nutzen wissen.

Warum ist das so und wie gehen wir dagegen an?

Ein entscheidender Grund für diese digitale Spaltung sieht Anja C. Wagner hier: Zu wenig Leute trauen sich „ins Netz“, weil in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gegen die Möglichkeiten der Sozialen Medien Stimmung gemacht wird. Stichwort: „digitale Demenzdebatte“, so Anja. Schlagzeilen wie „Ein Zuviel an digitalem Engagement ist schädlich“, beherrschten in vielen Varianten den öffentlichen Diskurs – vor allem, so meine eigene Wahrnehmung, im Bildungssystem. Gerade dort ist der reflexartige Vorbehalt gegen die Möglichkeiten des Digitalen Netzes übermächtig.

Für Anja gibt es eine Menge einflussreicher Leute & Institutionen, die diesen kulturpessimistischen Reflex konsequent zu einer Propagandamaschine gegen das Netz aufrüsten. Erstens weil sie davon ganz gut leben, und zweitens weil sie damit auch Gehör finden. Anja spricht hier von „bashing“ gegenüber Sozialen Medien: „Die wollen doch nur an eure Daten, die wollen euch nur ausnehmen“.

Diesen Refrain hält sie für fatal, weil die sozialen Netzwerke einfach nicht mehr wegzudenken seien. Deshalb müssten wir lernen, sie zu bespielen. Wir müssen sie laut Anja nicht gut finden, aber wir müssen lernen, sie zu nützen. Hingegen dominiere derzeit vor allem das Bashing die Diskurse und verhindere eine echte Auseinandersetzung. Im Ergebnis prägen Menschen & Institutionen damit den Diskurs auf eine Weise, dass sich ganz viele Menschen davon abhalten lassen, selber ins Netz zu gehen und netzwerkfähig zu werden, weil sie das Phänomen noch gar nicht einschätzen können, und sich dann sagen: „Dann lass ich das lieber bleiben, wenn alle sagen, dass es nichts ist, denn die müssen sich ja auskennen.“

Für Anja sind das die fatalen Signale, und sie fordert, dass wir unbedingt an diesem gesellschaftlichen Diskurs arbeiten müssen. Dass wir nicht nur die Machtinteressen zum Thema machen, die den Internet-Konzernen und ihren Geschäftsmodellen ritualartig unterstellt werden, sondern dass wir auch die hinterfragen, die ein Interesse daran haben, dass die Mehrheit der Leute digitale Analphabeten bleiben.

In Deutschland, so Anja, sind wir viel zu zurückhaltend, um dieses gigantische Potenzial, das früher nur großen Medienanstalten zur Verfügung stand, für uns zu nutzen. Wir dürfen das nicht länger brach liegen lassen.

Ihr Vorschlag: Menschen befähigen sich selbst & gegenseitig, diese Instrumente und ihre Wirkmechanismen einzusetzen – sie für sich zu nutzen.

Darum geht es in ihrem Video-Blog-Beitrag, den Sie hier abrufen können.