Warum es digitale Geschäftsmodelle so schwer haben

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Quelle: https://centreforaviation.com/

Die Themen und Herausforderungen der Digitalen Transformation sind mit einiger Verspätung, dadurch aber umso heftiger in den Führungsetagen von Unternehmen und Institutionen angekommen. Realisiert oder auch nur wahrgenommen werden sie dort aber nicht. Nicht in ihrer Dimension als disruptive, radikal kulturverändernde Entwicklungen, die in immer kürzer werdenden Sprüngen die Wirksamkeit von Führungs- und Managementhandeln außer Kraft setzen.

Meine konkrete und tägliche Erfahrung ist: Menschen in Führungsverantwortung lassen diese grundsätzlichen und sehr konkreten Disruptionen nicht an sich heran. Sie setzen sich nicht damit auseinander. Wenn überhaupt, dann delegieren sie das komplette Paket an ihr untergeordnetes Umfeld, lassen Assistenzstellen erfinden und leiten Organisationsentwicklungsmaßnahmen ein, die das wirkungslos gewordene, klassische Organigramm noch einmal erweitern um Stabstellen, Abteilungen und Zuständigkeiten, die in den herkömmlichen Mindsets, Strukturen und Prozessen diese Digitalisierung irgendwie neutralisieren sollen.

Rückwärtsgewandte Change-Prozesse als Besitzstandswahrung

Es ist überhaupt erstaunlich, wie viele Strategie- und Change-Prozesse es im Moment auf breiter Ebene gibt, die an den entscheidenden Punkten die Digitalisierung konsequent ausblenden und umschiffen: als eine neue Form der Organisation aller Funktionen, Aufgaben und Zuständigkeiten. Auch fällt mir auf, dass im Kontext der Digitalisierung vor allem solche Stellen geschaffen, ausgeschrieben und besetzt werden, die auf die operative Ebene ausgerichtet sind. Ähnlich wie in früheren Zeiten die Human Resource Partner wenig anderes waren als Handlanger des Finanzchefs, nicht wirklich befugt und in der Lage, die Floskel vom Mitarbeiter als wertvollster Ressource des Unternehmens auch nur annähernd umzusetzen, verfährt das Management heute mit dem Thema Digitalisierung praktisch identisch.

Diesen Delegations-Reflex erlebe ich im Moment als besonders dramatisch, denn überall in Organisationen und Institutionen, wo Menschen mit der realen Welt in Kontakt kommen, ist die digitale Transformation ja vollzogen. Alle Funktionen und Aufgaben, die Menschen dort haben, sind geprägt durch die Merkmale dieser Transformation: Ignoranz gegenüber traditionellen Hierarchien und Zuständigkeiten, dezentralisierte Netzwerke wohin mann und frau schaut: in der Kommunikation, in der Entwicklung, in der Forschung, in jeder erdenklichen Form von Dienstleistung, in der Organisation von Wissen, Information, Produkten und Prozessen. Überall.

Dadurch entsteht ein doppelter Schaden: Immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer werden zerrieben zwischen den Ansprüchen der Märkte, Kunden und Partner und den Prügeln, die die eigene Organisation ihnen pausenlos zwischen die Beine wirft über nochmals zunehmende Kontrollfetischismen, hierarchische Überwachungsmechanismen und Maßnahmen der Organisationsentwicklung, die den verbleibenden Rest an zeitlichen und mentalen Ressourcen fressen. Das ist der Sache nach nichts Neues. Es verstärkt sich im Moment einfach.

Digitale Geschäftsmodelle sind keine digitalisierten Neuauflagen

Zum anderen unternehmen Unternehmen und Organisationen nichts oder viel zu wenig, um digitale Geschäftsmodelle zu entwickeln. Stattdessen digitalisieren sie lediglich ihr herkömmliches Modell. Zwischen diesen beiden „Strategien“ ist ein himmelweiter Unterschied. Dieser Unterschied wird aber auf Führungsetagen nicht gemacht – und auch nicht bei Weiterbildungsangeboten für Führungskräfte, denn „mann“ will ja seine Cash Cows nicht (v)erschrecken. Niemand will sich die Finger an diesen heißen Eisen verbrennen.

Eine erfolgreiche digitale Zukunft für Unternehmen und institutionelle Dienstleister hebt in dem Moment an, in dem sie diese Unterscheidung machen können. Dann erst erkennen sie das Potenzial der Plattform-Ökonomie, der Digital Eco Systems, und sie werden digital handlungsfähig. Sie starten das dezentrale Networking und eine Kollborations-Offensive über die engen Grenzen der ehemaligen Silostrukturen hinaus.

Oder sie gehen sang- und klanglos unter.

 

 

 

Wider die digitale Spaltung (in) der Gesellschaft

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Anja C. Wagner diskutiert in ihrem Video Blog „Anja Time“ die digitale Spaltung in der Gesellschaft. Sie liefert eine messerscharfe Analyse: In der deutschen Debatten-Kultur ist die Motivation, sich als kritischer, konstruktiver Geist aktiv im Netz einzubringen, nur schwach ausgebildet. Kein Wunder, denn diese Motivation muss erst einmal aufgebaut werden. Weil dies nicht geschieht, weder in Schule und Hochschule, noch in Aus- und Weiterbildung, passiert gerade dadurch sehr viel „Digital Devide“ – also digitale Spaltung zwischen einer sehr großen Zahl von Menschen, die digitale Analphabeten sind und bleiben, und einer sehr kleinen Anzahl, die das Netz für sich zu nutzen wissen.

Warum ist das so und wie gehen wir dagegen an?

Ein entscheidender Grund für diese digitale Spaltung sieht Anja C. Wagner hier: Zu wenig Leute trauen sich „ins Netz“, weil in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gegen die Möglichkeiten der Sozialen Medien Stimmung gemacht wird. Stichwort: „digitale Demenzdebatte“, so Anja. Schlagzeilen wie „Ein Zuviel an digitalem Engagement ist schädlich“, beherrschten in vielen Varianten den öffentlichen Diskurs – vor allem, so meine eigene Wahrnehmung, im Bildungssystem. Gerade dort ist der reflexartige Vorbehalt gegen die Möglichkeiten des Digitalen Netzes übermächtig.

Für Anja gibt es eine Menge einflussreicher Leute & Institutionen, die diesen kulturpessimistischen Reflex konsequent zu einer Propagandamaschine gegen das Netz aufrüsten. Erstens weil sie davon ganz gut leben, und zweitens weil sie damit auch Gehör finden. Anja spricht hier von „bashing“ gegenüber Sozialen Medien: „Die wollen doch nur an eure Daten, die wollen euch nur ausnehmen“.

Diesen Refrain hält sie für fatal, weil die sozialen Netzwerke einfach nicht mehr wegzudenken seien. Deshalb müssten wir lernen, sie zu bespielen. Wir müssen sie laut Anja nicht gut finden, aber wir müssen lernen, sie zu nützen. Hingegen dominiere derzeit vor allem das Bashing die Diskurse und verhindere eine echte Auseinandersetzung. Im Ergebnis prägen Menschen & Institutionen damit den Diskurs auf eine Weise, dass sich ganz viele Menschen davon abhalten lassen, selber ins Netz zu gehen und netzwerkfähig zu werden, weil sie das Phänomen noch gar nicht einschätzen können, und sich dann sagen: „Dann lass ich das lieber bleiben, wenn alle sagen, dass es nichts ist, denn die müssen sich ja auskennen.“

Für Anja sind das die fatalen Signale, und sie fordert, dass wir unbedingt an diesem gesellschaftlichen Diskurs arbeiten müssen. Dass wir nicht nur die Machtinteressen zum Thema machen, die den Internet-Konzernen und ihren Geschäftsmodellen ritualartig unterstellt werden, sondern dass wir auch die hinterfragen, die ein Interesse daran haben, dass die Mehrheit der Leute digitale Analphabeten bleiben.

In Deutschland, so Anja, sind wir viel zu zurückhaltend, um dieses gigantische Potenzial, das früher nur großen Medienanstalten zur Verfügung stand, für uns zu nutzen. Wir dürfen das nicht länger brach liegen lassen.

Ihr Vorschlag: Menschen befähigen sich selbst & gegenseitig, diese Instrumente und ihre Wirkmechanismen einzusetzen – sie für sich zu nutzen.

Darum geht es in ihrem Video-Blog-Beitrag, den Sie hier abrufen können.

Was genau sind „erfolgreiche Bildungsangebote“?

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Bild von Quint Buchholz. Tolle Doku über ihn hier: https://www.youtube.com/watch?v=2C8PWg58JpI

Wann und wodurch bin ich „erfolgreich“ als Bildungsanbieter? Was für ein schreckliches Wort: „Bildungsanbieter“. Bildung kann ja nicht angeboten werden. Sie kann nur wachsen in der dynamischen Auseinandersetzung mit ständig sich wandelnden Umweltbedingungen. Also wie zu der Zeit, als es noch keine Bildungsanbieter gab, und die Menschen sich ungehindert selber bilden konnten. Wenn denn Zeit blieb. Heute bleibt auch keine Zeit mehr für Bildung. Neben Schule und Job und Konsum.

Was ist denn „erfolgreiche Bildung“ in einem digitalisierten Zeitalter, in dem alles, was bisher in dinosaurischen Institutionen reproduziert wird, ganz anders und nahezu kostenlos angeboten wird, exactly tailored to the needs of customers, die gar keine mehr sind? Maximal dynamisch und anpassungsfähig an die volatilen Entwicklungen. In einer Zeit, in der sich jede und jeder hier und sofort mit anderen zusammen ohne Ende bilden kann? Wenn er oder sie wirklich will, und Schule, Arbeit und Konsum ihm und ihr noch Raum und Zeit und Kraft dafür lassen!

Erfolgreich sind Lernformen, die immer schon erfolgreich waren, vor allem außerhalb des schulisch verengten Lernens. Erfolgreich sind Formen, die das Wissensvermittungsparadigma hinter sich gelassen haben oder gar nicht erst kennen. Erfolgreiches Lernen beginnt dort und in dem Moment, wenn dieses Paradigma aus den Köpfen der Lernenden verschwunden ist oder gar nicht erst dort angekommen. Dann und erst dann brauchen sie, brauchen wir keine Lehrenden mehr. Und keine Pädagogik, keine Didaktik, keine Diplome und Staatsexamen. Es gibt dann auch keinen Lehrermangel mehr, weil es Mangel ja nur von etwas geben kann, das (vermeintlich) gebraucht wird.

Dann können und werden wir wieder anfangen zu lernen. Wenn die „Rollen“ verschwunden sind, in die wir uns heute noch schicken: Schüler und Lehrer, Dozent und Student.

Erfolgreich sind Lernformate, die ganz selbstverständlich kollaborativ unterwegs sind: alle in einer Mannschaft, selbstorganisiert und ohne verlangsamende bis lähmende Hierarchien, Fächer, Noten, Prüfungen, Zertifikate, Fächer, Curricula, Stunden- und Modulpläne. Erfolgreich ist Lernen überall dort, wo zwei oder drei sich zusammentun, um etwas zu tun. Zur Rettung unseres Klimas etwa. Und dann lernen sie es. Endlich. Erfolgreich sind Lernen und Bildung dort, wo sie das Institutionalisierte hinter sich gelassen haben, wo sie auf die dezentralen Netzwerke des Wissens und der Kompetenz zugreifen. Dann explodiert Lernen. Das kann das Bildungssystem nicht wollen. Verständlicherweise.

Aber dann sind Bildung und Lernen erfolgreich: gegenwartsrelevant, zukunftsproduzierend, lustvoll, befähigend, Räume eröffnend, Menschen zusammenbringend, Lösungen erfindend. Das sind die Erkennungszeichen.

Dann ist Lernen keine Reproduktion des Status Quo mehr sondern eine Form von Zukunft. Spielerisch und hoch kompetent, wie das Bild von Quint Buchholz zeigt.

Und ganz ohne Musiklehrer.

Hier die ersten Schritte: https://lebendiglernen.ch/2017/08/21/bildung-in-der-digitalen-zukunft-jetzt-wirds-ganz-konkret/

Titelfoto: Quint Bucholz