„Lernen muss auch Mal weh tun, mein Kind!“ Eine Polemik über Lernlügen.

Bildschirmfoto 2018-03-27 um 21.57.42

Es gibt zwei sehr kräftige Gerüchte über Lernen, die sich im Bildungssystem besonders hartnäckig halten. Das hängt vor allem damit zusammen, dass das Bildungssystem diese Gerüchte braucht, sich quasi an ihnen festhält, denn auf diesen Gerüchten, die eigentlich Lügen sind, basiert das ganze System. Erstens: Lernen kann nicht immer nur nach dem Lustprinzip funktionieren und zweitens:  Lernen muss auch mal wehtun. Beides ist nicht nur falsch, sondern nachgerade menschenverachtend.

Dass Lernen auch mal wehtun muss, heißt mit anderen Worten: Lernen muss auch Schmerzen bereiten. Nochmal anders: Wenn oder solange du keinen Schmerz empfindest, bist du nicht am Lernen. Da lauern dann noch so Sprüche wie: „Die Erfahrung ist ein harter Lehrer“.

Das „muss“ in dieser perversen Formel von „Lernen muss auch mal wehtun“ führt eine „bedingende Notwendigkeit“ in die Lügengeschichte ein, denn erst durch dieses Bedingungshafte kann all das, was schmerzfrei geschieht, kein vollwertiges Lernen sein, denn Lernen muss ja auch mal wehtun. Dabei ist es völlig wurscht, ob das „auch mal“ in die Formel mit aufgenommen wird oder nicht. Es ist völlig irrelevant, ob mann oder frau diese Lüge mit der blumigen Erweiterung schmückt, dass es ja beim Lernen nicht nur um Schmerz gehe, und dass es ja womöglich schon die meiste Zeit „schmerzfrei“ sei, das Lernen. Denn der eigentliche Punkt, um den sich die Lüge dreht, ist: Es muss, und daran hält die Zunft unbeirrbar fest, auch mal wehtun. Und dafür sorgen sie dann.

Die Frage, was auch immer Lernen sonst noch bedeutet, das können die Anwältinnen und Anwälte des Schmerzprinzips nicht weiter ausführen. Mann darf vermuten, dass sie diese Frage mit dem anderen, von ihnen bis aufs Blut verteidigte Prinzip in einem Zusammenhang sehen, dass nämlich Lernen nicht immer und überall nach dem Lustprinzip funktionieren könne. Womit sie sagen möchten: Es kann nun wirklich nicht jede und jeder das machen, worauf er oder sie Lust hat.

Beide pädagogischen Bekenntnissätze (!) kommen dort, wo Diskussionen über zeitgemäße Lernformen (Selbstorganisation, Selbstverantwortung, Selbststeuerung) entstehen, nach sehr kurzer Zeit reflexartig ins Spiel. Meine Vermutung ist die, dass Lehrerinnen und Lehrer vor nichts mehr Angst haben und von nichts mehr überfordert sind als von der Vorstellung, dass lernende Menschen ihr Lernen restlos in die eigene Hand nehmen, es gemeinsam und selber organisieren und verantworten. Da stellt es jedem Lehrer und jeder Lehrerin die Haare zu Berge – und dann fällt ihnen nichts anderes mehr ein als: Lernen muss auch mal weh tun und kann nicht immer nur Spaß machen. Wo kämen wir da hin?

IMG_2752
Kurt Marti

Es wird ziemlich klar, was wirklich gemeint ist: Echtes, „richtiges“ Lernen geht nur, wenn Lehrerinnen und Lehrer das Ganze kontrollieren und führen. Und dann kann Lernen ja nicht immer einfach lustvoll sein. Nein, es muss dann auch mal weh tun. Der Schmerz muss zugefügt werden. Durch pädagogische Führung. Bis heute. Andernfalls tun Schülerinnen und Schüler offenbar ausschließlich das, was ihnen Lust bringt und Schmerz vermeidet. Auch das ist Bullshit, dem jede Erfahrungswirklichkeit widerspricht.

Lernen ist aufs Allerhöchste mit Lust verbunden. Und Schmerzen haben beim Lernen nichts verloren. Das bedeutet nicht, dass wir Menschen aus Schmerzen nicht oder nichts lernen würden. Aber es bedeutet genau so wenig, dass Menschen anderen Menschen Schmerz zufügen sollten, mit der Begründung, nur so würden sie wirklich lernen.

Und doch ist dieses Menschenbild gang und gäbe. Es ist bis heute tief verwurzelt in unseren Vorstellungen von Lernen – gerade bei Menschen, die lehren und erziehen.

Was Menschen, die durch diese Schule gegangen sind, gelernt haben, ist dies: Vermeide Lernen, und du vermeidest Schmerz.

 

Advertisements

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

2 Gedanken zu „„Lernen muss auch Mal weh tun, mein Kind!“ Eine Polemik über Lernlügen.“

  1. Nach der Durchsicht der vielen Forderungen nach neuen Lernformen stelle ich fest, dass Christoph Schmitt offenbar noch nicht vom Dialogischen Lernen gehört hat. Insbesondere fehlt mir auch ein Bezug zu Deci & Ryan.

    Gefällt mir

    1. In wie weit schließt seine Polemik denn Dialogisches Lernen oder die Theorien von Deci & Ryan aus? Er stellt doch bloß überspitzt das kuturell etablierte Bild von Lernen dar, das erfolgreichem selbstorganisiertem Lernen entgegen steht. Lernen als etwas Erfüllendes zu begreifen und empfinden, ist bei klassischem Frontalunterricht (oder anderweitig autoritär geleitetem Unterricht) doch tatsächlich schwer vorstellbar. Bei BuGaSi gehen wir davon aus, dass Lernen unbedingt Spaß machen darf und nachhaltiger Lernerfolg auf eigenen Erfahrungen basiert.

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s