Lernen in Netzwerken. Eine Skizze zur Zukunft des Lernens

Wir brauchen nicht bloß neue Visionen, sondern Menschen, die fähig sind, welche zu entwickeln. Deshalb werden wir Bildung und Lernen neu erfinden. Keine „neue Schule“, sondern etwas radikal Anderes. Ich nenne es das Lern-Netzwerk. Diese Idee keimt bereits an vielen Orten. Das Internet ist ein beredter Zeuge dafür. Jetzt ist es Zeit, diese Initiativen zu vernetzen. Als Alternative zu einem Bildungssystem, das die aufziehende planetare Katastrophe zumindest nicht zu verhindern wusste.

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Ein Beitrag von Christoph Schmitt
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Graffiti in Lissabon. Foto: Christoph Schmitt

Eine Vision von Bildung setzt eine Vision von Gesellschaft voraus. Eine Vorstellung davon, wie wir als Gemeinschaft von Menschen miteinander (oder gegeneinander oder nebeneinander her) leben wollen – und wie wir dieses „Leben“ gestalten. Das hat auch mit Organisieren zu tun. Es erschöpft sich aber nicht im Organisieren. Es geht dabei vor allem um Lernen.

Unsere Gesellschaften haben begonnen, sich radikal zu verändern. Darauf weisen alle Beobachtungen, Analysen, Forschungen und persönlichen Erfahrungen hin. Diese Veränderungen sind ökonomisch, kulturell und sozial. Gleichzeitig reduzieren sich unsere natürlichen Lebensgrundlagen dramatisch und unumkehrbar – und zwar durch menschliches, also durch dein und mein Handeln.

Angesichts dieser globalen Dringlichkeiten rufen wache Denker schon länger danach, radikal neue Formen des Denkens und des Handelns zu entwickeln.

Stellvertretend sei ein Diktum Albert Einsteins genannt: Du kannst ein Problem nicht mit denselben Parametern lösen, durch die es entstanden ist. Die Art, wie wir Bildung und Lernen bis heute organisieren, ist Teil des Problems – nicht seiner Lösung.

Eine Vision von Bildung braucht eine Vision von Gesellschaft

Wie kommen wir zu einer Vision, die zukunftsfähig ist und die zugleich jene, die diese Vision haben, zukunftsfähig macht? Diese Verdoppelung ist ein entscheidendes Merkmal der gesuchten Vision: Das wird keine sein, die von Wenigen für Viele entworfen wird und dann „irgendwie vermittelt“, also wieder gelehrt. Es wird eine Vision sein, die aus vielen Visionen besteht, von Menschen, die sich zum Zwecke der Rettung unserer natürlichen Lebensgrundlagen weltweit in Netzwerken organisieren, um auf diese Weise die bis heute gegebenen historischen, politischen und ökonomischen Einschränkungen und Blockaden zur Erfindung dringend benötigter Lösungen überwinden.

Es wird eine Vision sein, die von all jenen gemeinsam entwickelt wird, die sie an ihrem Ort und an ihrer Stelle umsetzen und leben. Und am wichtigsten: Die Atmosphäre, in der diese Vision entwickelt wird, wird bereits ihren Geist atmen, noch während sie entsteht. Zur Gestaltung solcher Prozesse haben sich auf hervorragende Weise geäußert: Stephan Lessenich mit seinen Reflexionen über die Externalisierungsgesellschaft, Harald Welzer in seinen gesellschaftskritschen Schriften, David Bohm mit seiner nach wie vor hoch aktuellen Schrift über den Dialog, Carolin Emckes Schriften über zivilisatorische Grundwerte, Rutger Bregmans „Utopien für Realisten“, Carlos Strengers „Zivilisierte Verachtung“. In diesen und vielen anderen Schriften geht es in erster Linie um kulturelle Fragen: Wie wollen und müssen wir miteinander sprechen, wie miteinander umgehen? Wie kommen wir ins Handeln?

Nur Lernen hilft

Hier kommt nun die (nicht eine, sondern die) menschliche Kernkompetenz ins Spiel: Lernen. Die Fähigkeit – als Individuum ebenso wie als Kollektiv – auf radikale Anforderungen und auf scheinbar Unüberwindliches nicht mit „mehr Desselben“ zu reagieren, sondern mit kreativen Lösungen zu antworten.

Dass wir bei der Nutzung dieses kreativen Potenzials erst ganz am Anfang stehen, hängt vor allem damit zusammen, dass an den Schaltstellen von Politik, Ökonomie und Bildung noch immer viel zu viele Menschen (eigentlich Männer) sitzen, die davon überzeugt sind, „Kreativität“ sei, wenn Kinder in Waldorfschulen ihren Namen tanzen.

Dabei ist Kreativität eines der wichtigsten Kompetenzbündel überhaupt für die so genannte „kombinatorische Innovation“ – individuell wie kollektiv, um den komplexen Herausforderungen der Gegenwart etwas entgegen setzen zu können. Komplexität bekommen wir heute und in Zukunft nur über Kreativität in den Griff – nicht mehr länger über Komplexitätsreduktion, die unsere Probleme ja erst hervorgebracht hat.

Eine nächste kulturelle Stufe der Menschheit erreichen wir, wenn wir gemeinsam nach Zukunftslösungen für unsere ökologischen und anthropologischen Lebensgrundlagen forschen und sie möglich machen: Im Denken, im Vorstellen, im Handeln und im Organisieren. Deshalb werden wir unser Lernen radikal neu organisieren – als Individuen mit unserem enormen Lernpotenzial ebenso wie als Kollektive mit unseren enormen kulturellen Ressourcen.

Womit das Umdenken beginnt

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Erstens: Gesellschaften, Kulturen und „ihre“ Menschen sind lernende Systeme. Deshalb geben wir die Verantwortung und die Organisation allen Lernens an diese lernenden Systeme zurück.

Zweitens: Auf dem Hintergrund dieser Erkenntnis verabschieden wir uns endgültig von lehrenden Systemen.

Wie gehen wir vor? Der visionär denkende Architekt, Konstrukteur und Designer Richard Buckminster Fuller hat ein Prinzip für Prozesse erfolgreicher Zukunftsarbeit formuliert, das weltweite Bekanntheit erlangt hat: „You never change things by fighting the existing reality. To change something, build a new model that makes the existing model obsolete.” (google it).

Ich übersetze dieses Prinzip so, dass weder Kritik an bestehenden Bildungssystemen noch die unzählbaren Reformversuche von Schulen und ihrer Didaktik zu Veränderungen führen, die den Herausforderungen, vor die wir gestellt sind, gerecht werden können. Was wir brauchen, ist das neue Modell, das glücklicherweise vielerorts schon existiert.

Es gibt weltweit faszinierende Alternativen nicht nur zu traditionellen Formen von Bildung und Lernen. Es entstehen derzeit auch Konzepte, wie unsere Lebensgrundlagen mithilfe entsprechender Forschung, durch Vernetzung hoch engagierter Menschen und durch ein pausenloses, digital vernetztes Kreieren immer neuer Lösungsansätze für ökologische, soziale und ökonomische Probleme vor Ort gerettet werden können.

Der Film „Tomorrow“ gibt einen faszinierenden Einblick in diese Initiativen, die fast ausnahmslos „grassroot-movements“ sind. Von diesen Bewegungen profitieren auch Überlegungen, wie das Lernen und die Bildung des Menschen radikal neu entwickelt werden können. Einige dieser Initiativen habe ich im Verlauf der letzten zwei Jahre in meinen Blog-Posts auf linkedIn und auf lebendiglernen.ch vorgestellt (google it).

Eine der wichtigsten Eigenschaften dieser Lern-Netzwerke ist: Sie sind jederzeit bedarfs- und bedürfnisorientiert: Das Lernen sucht sich seine Netzwerke, weil Menschen jeden Alters sich ständig in Situationen finden, in denen sie einen konkreten „Bedarf an Lösungen“ haben, die sie mithilfe eines Netzwerks entwickeln. Das Wunderbare daran ist: Alle, die in solche Prozesse verwickelt sind, entwickeln dadurch bei sich selbst kontinuierlich die Kompetenz, mit anderen zusammen Lösungen zu finden. Mit „Bedarf“ ist hier ein konkreter Anlass in der Lebens- und Arbeitswelt von Menschen gemeint. „Bedürfnis“ hingegen meint den Antrieb, alles zum Lösen eines mit einem konkreten Bedarf verbundenen Bündels von Herausforderungen und Problemen zu tun – und dafür die entsprechenden Kompetenzen und Strategien zu entwickeln – in einem „Lern-Netzwerk“, das sich dadurch definiert, dass es ein „Netzwerk aus Netzwerken“ ist. So funktionieren bereits heute Freie Schulen.

Was ist das Neue am neuen Lernen?

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Graffiti in Lissabon. Foto: Christoph Schmitt

Lernen wird in Zukunft das sein, was es immer war: selbstorganisiert und selbstgesteuert – und zwar nicht nur das Lernen derer, die wir heute als Schülerinnen, Schüler und Studierende bezeichnen, sondern auch das Lernen derer, die sie dabei unterstützen. Lernen betrifft nämlich alle Beteiligte. Je mehr wir in Zukunft Lernkräfte wirksam werden lassen, umso weniger werden Lehrkräfte benötigt. Menschen, die sich dabei gegenseitig begleiten, sind keine staatlich ausgebildeten, zertifizierten und angestellten Lehrpersonen mehr, sondern alles andere.

Lernen, sei es das von Kindern und Jugendlichen, von Studierenden oder Menschen, die sich weiterbilden, wird in Zukunft nicht mehr in Schulen stattfinden, sondern dezentral, denn Netzwerke haben keine Zentren mehr. Sie folgen sehr anpassungsfähigen, offenen und dezentralisierten Strukturen (Manuel Castells). Menschen werden zum Zwecke jeder Art von Lernen keine Schulen mehr aufsuchen, sondern dort lernen, wo sie leben, wo sie arbeiten. Sie werden sich mit Themen und Problemen befassen, die sie unmittelbar angehen. Das Neue am neuen Lernen geht aber noch weiter. Die Organisation und Begleitung dieses Lernens findet nicht mehr in Form von Beschulung statt. Das pädagogisch-didaktische Konstrukt institutionalisierten Lernens kommt in der Zukunft des Lernens nicht mehr vor. Beschulung als Paradigma hat ausgedient. Stattdessen werden wir zeitlebens in Netzwerken lernen, so, wie wir bereits heute in etlichen kulturellen Bereichen in Netzwerken unterwegs sind: kommunizieren, produzieren, Handel treiben und Interessensgruppen jeglicher Größe bilden, um konkrete Probleme zu lösen.

Die sukzessive Modellierung und Umsetzung von Lern-Netzwerken ist eine Antwort auf die Bedürfnisse sowohl zukünftiger Menschen als auch zukünftiger Lebens- und Arbeitswelten, die anders gar nicht mehr gesteuert und organisiert werden können als durch selbstorganisierte Lern- und Arbeitsnetzwerke. Insofern sind die hier formulierten Ideen zum Lernen in Netzwerken vor allem eine Antwort auf die Bedürfnisse zukünftiger Generationen und ihrer Lebenswelten.

Die reflexiven Grundlagen zum Begriff „Netzwerk“ habe ich vor allem in der Auseinandersetzung mit den Publikationen von Anja C. Wagner gefunden. Ihr verdanken wir nicht nur die Aufarbeitung des Netzwerk-Begriffs von Manuel Castells. Sie macht diese innovative Form des Netzwerk-Paradigmas unermüdlich anschlussfähig an die Zukunftsdiskussionen zu Bildung, Arbeit und Gesellschaft. Zum Beispiel hier.

Lern-Netzwerk bedeutet: Alle lernen und alles lernt

Lern-Netzwerke als eine neue Kultur zu verstehen setzt voraus, dass ich die Gestaltung eines Lernprozesses als etwas begreife, das in der Verantwortung aller liegt, die daran beteiligt und darin verwickelt sind.

Unser Bildungssystem konditioniert Menschen bis heute systematisch in eine andere Richtung: Für mein/dein/unser Lernen und seine Organisation ist immer „eine Organisation“ und sind immer irgendwie geartete Lehrpersonen zuständig. Also andere als der und die Lernende. Aus diesem Grund wird z.B. „Digitalisierung“ in Bildungskontexten ausnahmslos (!) so verstanden, sei es zustimmend oder ablehnend, befürwortend oder befürchtend, dass Lehrkräfte und ihre Funktionen durch digitale Medien und Künstliche Intelligenz („Learning Analytics“) „ersetzt“ werden könn(t)en – höchtens jedoch um solcher Hilfsmittel „erweitert“. Keiner kommt auf die Idee, dass die Lernenden selbst diese Funktionen übernehmen. Keiner. Das traditionelle Bildungssystem und seine VertreterInnen geht also ganz selbstverständlich davon aus, dass Lernen jeweils „von außen“ gesteuert, motiviert, organisiert, kontrolliert und bewertet wird. Mal von Menschen, mal von Künstlicher Intelligenz.

Im Unterschied dazu ist die Idee und die Kultur von Lern-Netzwerken davon überzeugt, dass die Verantwortung für Lernprozesse jeglicher Art gerade nicht delegiert wird. Weder an eine lehrende Profession, noch an intelligente Maschinen. Im Lern-Netzwerk braucht es beide nicht. Die Idee vom Lern-Netzwerk belässt die Verantwortung in den Prozessen selbst und bei den Lernenden, weil es in dieser Vorstellung von Netzwerk nur Lernende gibt.

Solange Bildung und Lernen in unseren Köpfen Veranstaltungen sind, deren Organisieren wir mit institutionalisierter Organisation gleichsetzen und verwechseln, sind wir nicht in der Lage, den entscheidenden Unterschied zu begreifen und zu machen. Wenn wir heute im Kontext von Bildung und (Hoch-)Schule überhaupt Phänomene wie „Selbstorganisation“ und „selbstorganisiertes Lernen“ in Erwägung ziehen, dann zielen wir damit vor allem auf das Lernen von Schülerinnen, Schülern, Studierenden und Menschen in der beruflichen Weiterbildung. Wir nehmen auch dort, wo wir „selbstorganisiertes Lernen“ für möglich erachten, immer nur so genannte Lernende als eine Zielgruppe lehrenden Handelns in den Blick. Die „Organisation Schule“ oder mit ihr verwandte Systeme zählen wir nicht zur Gruppe der Lernenden. Auch nicht weitere AgentInnen der Schulsysteme wie lehrende Berufe, Schulleitungen, Schulverwaltungen oder flankierende Dienste von der Hauswartung bis hin zur betriebswirtschaftlichen Führung. Auch beziehen wir die „Heimatsysteme“ von Schülerinnen, Schülern und Studierenden nicht in unsere Vorstellung von selbstorganisiertem Lernen mit ein: Familien, Freundeskreise, das berufliche Umfeld.

Lehrende Systeme betrachten „selbstorganisiertes Lernen“ – wenn sie es überhaupt in den Blick nehmen – als eine vom Schulsystem zur Verfügung gestellte Methode, als einen möglichen Weg neben anderen pädagogisch-didaktisch organisierten Zugängen. Warum? Weil das Lernen, das im Kontext von Schule in den Blick kommt, ein Lehr-Lernen ist und damit schulisch organisiert. Es ist das Lernen derer, die das Schulsystem beschult und unterrichtet. Lehrende Systeme sprechen also immer, wenn sie von Lernen reden, über etwas, das mit Hilfe der Parameter pädagogisch-didaktischer Paradigmen konstruiert und organisiert wird. Kurz: Wo nicht gelehrt wird, da wird auch nicht(s) gelernt. Oder zumindest das Falsche, oder unvollständig, oder oberflächlich.

Diesen Irrtum haben alle ganz selbstverständlich übernommen, die in einer Schule „lernen gelernt haben“. Bis heute beziehen wir uns in unserer Auffassung von Lernen immer auf eine scheinbar eingegrenzte Zielgruppe von „Lernenden“ und blenden die Systeme, innerhalb derer diese Menschen lernen, aus. Als ob das Lernen von Menschen unabhängig von den Systemen stattfinden könnte, in die es eingebettet ist –  und zwar in einer merkwürdig folgenlosen Weise für diese Systeme. Diese Vorstellung von Lernen ist falsch. Sie bildet aber bis heute die Grundlage alles schulischen Handelns an und mit lernenden Menschen.

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Graffiti in Lissabon. Foto: Christoph Schmitt

Nun sind es aber immer Systeme, die lernen. Lernen ist nicht einfach Lernen von Individuen. Lernen führt immer auch zur Veränderung von Systemen, die immer auch mit anderen Systemen gekoppelt sind. Deshalb lassen sich die Folgen von Lernen gar nicht kontrollieren – außer, die Lehr-Systeme schotten das Lernen ab und organisieren es als eine Funktion von Lehren. Und selbst dann wirkt sich „schulisches Lernen“ auf familiäre Systeme aus und wirkt in sie hinein und verändert sie – und umgekehrt. Sobald Kinder schulpflichtig werden, verändern sich Familien(systeme) grundlegend – vor allem hinsichtlich der Art, wie sie sich selbst organisieren. Auch für Schulen gilt: Wenn sie in so genannten „sozialen Brennpunkten“ beheimatet sind, bzw. wenn sie besonders viele Lernende aus geflüchteten Familien aufnehmen, organisieren sie sich selbst anders als Schulen, die mehrheitlich von Lernenden besucht werden, die aus sogenannt wohlhabenden und „inländisch geordneten“ („geordnet“ durchaus im Sinne von „organisiert“) Verhältnissen stammen.

Ein systemisch geweiteter Begriff von Lernen zeigt, dass und wie alle an Lernprozessen Beteiligte davon betroffen sind. Alles andere ist ein Lernen, das um genau jene Aspekte reduziert ist, die es als Lernen von Menschen qualifizieren würden. Wer also von „selbstorganisiertem Lernen“ spricht, muss sich darüber klarwerden, dass er oder sie damit über Lernen in Systemen spricht, und zugleich über Lernen von Systemen; und er oder sie sagt damit recht eigentlich, dass dieses und damit alles Lernen selbstorganisiert ist – und zwar gerade nicht in einem isolierten Sinne, so als ob jedeR einzelne SchülerIn „irgendwie vor sich hin lernen“ würde.

Wie sich Lern-Netzwerke organisieren

Lern-Netzwerke als Nachfolgerinnen traditioneller Bildungssysteme sind denkbar einfache Formen der Organisation. Sie machen sich auf hohem Niveau das Phänomen der lebensweltlichen und systemisch wirkenden Kräfte von Selbstorganisation zunutze, wie sie seit vielen Jahren in etlichen Forschungen zu diesem Thema nachgewiesen werden. Belege dazu finden sich erneut bei Felix Frei, Frederic Laloux und Noah Juval Harari (google it).

Die ideale Organisationsform dieses Lernens ist ein Netz, ein Lern-Netzwerk. Lernen wird hier ausdrücklich als eine bestimmte Form der Vernetzungsarbeit von Bekanntem, Gewusstem, Unbekanntem, Halb- und Dreiviertelwahrem durch ein lernendes Subjekt verstanden. So ein Subjekt kann ein Mensch sein, eine Gruppe von Menschen oder eine Organisation, die ja auch aus Menschen und deren Kommunikationen besteht.

Lernen ist bewusst gesteuertes und reflektiertes Schaffen, Auffinden, Verwerfen, Nutzen und Vernetzen von Ressourcen jeglicher Herkunft und Art, um identifizierte Probleme zu lösen, und um sie als solche überhaupt identifizieren zu können. Was dabei in jedem Fall geschieht, ist erstens Vernetzung und zweitens Bildung. Wenn ich Lernen und Bildung jetzt noch als „Vernetzungsarbeit“ betrachte, als Lern-Arbeit an und in Netzwerken, dann ist der gesuchte Lernort keine Schule, sondern ein Knotenpunkt in einem Netzwerk. Der ideale Lernort ist ein Netzwerk-Knoten.

Seine Qualität für lernende Menschen bekommt dieser Netzwerk-Knoten vor allem durch die Dichte des Netzes, das er an dieser Stelle repräsentiert, was nichts Anderes heißt als dies: Ein Lernort als Netzwerk-Knoten erhält seine Qualität für lernende Menschen dadurch, dass der Knoten möglichst viele Verbindungslinien (Prozesse und Kommunikationen) mit möglichst vielen anderen Knoten im Netzwerk aufweist, wenn lernende Menschen „feuern“. Ein Netzwerk-Knoten ist also nicht einfach „mit anderen verbunden oder nicht“. Netzwerke sind nicht statisch, sondern hoch dynamisch (vgl. G. Hüther und M. Spitzer). „What fires together, wires together“: Was gemeinsam feuert, vernetzt sich dadurch.

Im Unterschied zu herkömmlichen Vorstellungen schulischer Lernorganisation, wo Lernende in erster Linie „versorgt werden“, sind Lern-Netzwerke echte Communities, in denen Vernetzung ausschließlich durch die Aktivität der sich Vernetzenden existiert. Dieser Unterschied ist für die Verwendung der Netzwerk-Metapher sehr wichtig. Ein Netzwerk „habe“ ich nicht anders, als dass ich und jedeR einzelne Netzwerk-PartnerIn es befeuert, indem wir es nutzen, kuratieren, entwickeln, füttern und erweitern. Vernetzung ist kein Zustand, sondern ein qualifizierter und qualifizierender Prozess des Vernetzens. Stabilität erhalten (alle, nicht nur) Lern-Netzwerke dadurch, dass sie in Bewegung sind. Diese Bewegung ist Lernen.

Ein Lern-Netzwerk ist also nichts, das andere im Sinne einer Dienstleistung für mich einrichten und bewirtschaften könnten. Es ist eine Form der Selbstorganisation. Lern-Netzwerke konstruieren und organisieren ihre Lern-Architekturen selbst und aus sich selbst heraus. Ein Lernort ist hier unabhängig von vorprogrammierten, klassischen Lehr-Lern-Infrastrukturen. Er bezieht seine Qualität nicht aus dem geographischen Ort, an dem ein Mensch oder eine Organisation lernt, sondern so:

Durch den Grad der Vernetzung mit einem Lern-Netzwerk, die sich an jedem geographischen Ort realisieren oder kondensieren kann, wird ein konkreter physischer Ort zu einem Lern-Ort.

Dies ist eine exakte Umkehr der Vorzeichen gegenüber unseren klassischen Vorstellungen institutioneller „Lernorte“. Lernen kann in der Vorstellung vom Lern-Netzwerk immer nur so gut sein, wie das Netz und seine Qualität, das eine Sache und ein Anliegen aller ist – und nicht weniger dafür zuständig Gemachter.

Lernen und das Organisieren dieses Lernens bedeutet in Zukunft die Gestaltung und Verstärkung von Lern-Netzwerken, die zugleich lernende Netzwerke sind. Alle am Lernen eines Systems beteiligte Menschen nehmen sich als Teil dieses Netzwerkes wahr, in dem es keine Lehrende, sondern nur Lernende gibt. Das Lehren als eine unterrichtende und wissensvermittelnde Funktion wird im Lern-Netzwerk nicht mehr gebraucht.

Lern-Netzwerke sind Colearning-Spaces, angelehnt an die Kultur der Coworking- und Makerspaces, die sich ganz fundamental durch das Teilen von Ressourcen definieren (Stichwort: „sharing economy“): Wissen, Erfahrung, Zeit, Material, finanzielle Mittel, menschliche Zuwendung u.v.m. „Lernen“ ist hier vor allem organisiert als Teilen von Ressourcen und Bedürfnissen.

Welchen Nutzen bringt diese neue Form von Lernen?

Lernen kann ebenso wenig gelehrt werden (Klaus Holzkamp), wie Wissen oder Wissensinhalte gelehrt werden können (Rolf Arnold). Alles, was Menschen in Lern-Netzwerken an Unterstützung für ihr Lernen brauchen, holen sie sich selbst in und aus einer entsprechenden Umgebung, die maximal darauf ausgerichtet ist, entdeckendes Lernen zu unterstützen. Das gilt für Kinder im Grundschulalter bezogen auf ihre Möglichkeiten und Bedürfnisse ebenso wie für Erwachsene, die sich kontinuierlich weiterbilden.

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Prater-Riesenrad, Wien. Foto: Christoph Schmitt

Durch die konsequente Selbstorganisation von Lernen und Bildung in Lern-Netzwerken werden enorme menschliche und materielle Ressourcen frei, die bisher in die Organisation, Durchführung und Kontrolle staatlich verordneter Bildungsprozesse investiert werden. In Lern-Netzwerken ist Lernen hingegen ein Vollzug derer, die Lebens- und Arbeitskontexte teilen, die diese Kontexte gestalten und organisieren.

Wenn das Lernen nicht mehr zu fest getakteten Zeiten in geschlossenen Räumen in dafür errichteten und unterhaltenen Gebäuden stattfindet, nicht mehr nach vorgesetzten Plänen, in denen die Potenziale und Bedürfnisse Lernender durch Lerninhalte und Lernziele ersetzt sind, wenn das Lernen sich seinen Möglichkeiten und Bedürfnissen und Bedingungen entsprechend entfalten kann, dann entfällt auch der Einsatz enormer Ressourcen für Logistik, Mobilität, Organisation in Familien, und für die Koordination mit Erwerbsarbeit.

Es entstehen völlig neue Möglichkeiten, wie wir (selbst) das eigene Lernen, das Lernen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen organisieren, so dass es entweder direkt in den Kontexten stattfindet, in denen wir leben, oder in niederschwellig organisierten Formen von „Lern-Gemeinschaften“, die sich relativ unspektakulär und spontan bilden und wieder auflösen können. Jeder noch so improvisierte nachbarschaftlich, genossenschaftlich, vereinsmäßig oder von einer Unternehmensplattform organisierte „Colearning-Space“ bietet lebendigere, kreativere und situationsgerechtere Möglichkeiten des Lernens, als schulisch kaserniertes, von einer Kultur der Bewertung und Selektion angetriebenes Lehrlernen.

Solche Lern-Netzwerke erweitern sich bedarfs- und lösungsorientiert um weitere Dimensionen von Gesellschaft und Ökonomie. Es kommen – je nach Bedarf – weitere Player ins Lernspiel: Handwerker, Unternehmen, soziale und kulturelle Einrichtungen aus dem Meatspace ebenso wie aus dem Cyberspace.

Lern-Netzwerke sind also intensiv („aktiv“) und dicht vernetzt mit Agierenden aus Wissenschaft und Forschung. Nicht im Sinne von „Lehre“, sondern im Sinne von Begegnung, Austausch, Vernetzung und Verdichtung. Menschen, die andere Menschen in diesen Lernkontexten auf deren eigenen Wunsch hin begleiten, sind vor allem Expertinnen und Experten für Lernen: für das Entfalten von Lern- und Lebensprozessen. Sie sind keine Experten für Unterrichten, Prüfen und Benoten.

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The Broken Globe, by Karl Anton Wolf. Wien: Sigmund-Freud-Park. Foto: Christoph Schmitt

Wer sich auf einen Beruf vorbereitet oder sich weiterbildet, greift auf Ressourcen in vielfältigen gesellschaftlichen Bereichen zurück, die ein Teil des Lern-Netzwerks sind: Von der Landwirtin über die Architektin, von der Ernährungswissenschaftlerin über die Entwicklungshelferin bis hin zu Vertreterinnen des handfesten Handwerks, der Künste und aus dem weiten Feld der Digitaltechnologien. Das Konzept „Neue Oberstufe“, das zurzeit an der ESBZ erfolgreich entwickelt wird und sich von dort aus europaweit vernetzt, ist ein konkretes und gelungenes Beispiel dafür.

Lern-Netzwerke gestalten sich einerseits als vernetzte Lernorte im Meatspace, sprich an einem physischen Lebensort. Sie siedeln sich an Orten an, wo lernende Menschen leben. Das sind z.B. Nachbarschaften, Ateliers in dem Sinne, wie ich sie in meinem Buch „Digitalisierung für Nachzügler“ skizziert habe, Netzwerke von Entrepreneurs, Einzelunternehmen oder klassischen KMU – oder es sind Orte, an denen Menschen auf der Durchreise Halt machen: Digital Nomads, Digital Expads, Familien oder überhaupt lernende Menschen unterwegs.

Andererseits gestalten sich diese Netzwerke durch eine dichte digitale Vernetzung der lokalen Lernorte untereinander und mit relevanten PartnerInnen: Kultur- und Medienschaffende, (Innovatoren aus dem) Handwerk, Industrie und sozialen Organisationen. Lernnetzwerke sind unter anderem deshalb anschlussfähig an gesellschaftliche und ökonomische Kontexte, weil diese ja Teil des Netzwerks sind. Deshalb sind Lern-Netzwerke auch keine Alternativen oder Gegensätze zu Orten der Berufsausbildung. Sie haben das Zeug, um an die Stelle traditioneller Ausbildungssysteme zu treten.

Solche Lern-Netzwerke können von Eltern-Initiativen getragen sein, die sich zu diesem Zweck zusammenfinden. Als InitiantInnen sind jedoch sämtliche Träger gesellschaftlicher (nicht unbedingt staatlicher) Verantwortung denkbar, um solche Lern-Netzwerke zu organisieren – in vielfältiger Zusammensetzung und mit völlig unterschiedlichen Interessen, die mindestens eines gemeinsam haben: Sie sind zu Zwecken intensiven und nachhaltigen Lernens miteinander vernetzt. Und wo juristische Strukturen von Vorteil sind, gibt es bereits heute vielfältige Möglichkeiten einer solchen Selbstorganisation – wo nötig – das entsprechende Format zu geben.

Nicht zuletzt organisiert sich Lernen in Lern-Netzwerken ganz selbstverständlich und sukzessive auch im digitalen Raum, der kein Gegenüber und keine Alternative zum analogen Raum ist, sondern dessen unterstützende Erweiterung und konsequente Vernetzung.

Auf welches Bedürfnis reagiert diese Entwicklung?

Sie reagiert auf eine schon jetzt zunehmende Selbstorganisation von Menschen und ihren Institutionen. Das Lernen, mit dem wir uns befähigen, für die großen Herausforderungen der Gegenwart gemeinsame Lösungen zu entwickeln, findet in herkömmlichen schulischen Systemen keine Unterstützung mehr. Zu sehr haben sich die Anforderungen an uns und unser Lernen von dem entfernt, was das Bildungssystem zu bieten hat.

Deshalb sucht sich das Lernen von Kindern und Jugendlichen, von Studierenden oder Menschen, die sich weiterbilden, ganz von selbst andere Wege und Orte. Bereits heute – zunehmend unterstützt durch den Digital Space. Menschen werden keine Schulen und Hochschulen mehr aufsuchen um zu lernen. Das Neue am neuen Lernen geht aber noch weiter.

Die Organisation dieses Lernens wird ebenfalls nicht mehr in schulischen Formen daherkommen, sondern als Netzwerk. Das pädagogisch-didaktische Konstrukt institutionalisierten Lernens wird in der Zukunft nicht mehr vorkommen. „Beschulung“ als Konzept hat ausgedient.

Einerseits ist die Entwicklung von Lern-Netzwerken also bereits eine Reaktion auf das Entstehen neuer Bilder und Vorstellungen, Praktiken und Bedarfe, wie Menschen sich, ihre Arbeit, ihre Beziehungen und ihre (Selbst-)Versorgung organisieren. Andererseits werden Lern-Netzwerke immer mehr zu deren Ermöglichung.

Lern-Netzwerke sind unsere Antwort auf die zunehmende Notwendigkeit, das Leben – in welchen „Lebensformen“ auch immer – selbst zu organisieren. Durch Lern-Netzwerke befähigen wir uns selbst und gegenseitig, die immer komplexer werdende Herausforderung mit Namen „Zukunft“ nachhaltig und lustvoll anzupacken.

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Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

13 Gedanken zu „Lernen in Netzwerken. Eine Skizze zur Zukunft des Lernens“

  1. Suggest that you look at the Sudbury Valley School (www.sudval.org) where for 50 years learning via networking has been going on for young people from 4 years through high school age. There are many schools modelled on Sudbury across the USA and Europe (including Germany) and elsewhere.

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