Lernen 4.0: Junge Menschen bereiten sich von selbst auf die digitale Arbeitswelt vor.

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Anja C. Wagner hat ein Video produziert, in dem sie Zukunftswege digitalen Lernens für junge Menschen aufzeigt. Konkret, lustvoll, machbar, effizient. Dieses Video hat sie auf ihrem youtube Channel veröffentlicht. Dort gibt es noch mehr davon – es ist eine wahre Fundgrube für die Zukunftsthemen „Arbeit und Bildung im Digitalen Zeitalter“. Ich verwende dieses Video in der Weiterbildung, um meinen Klient*innen einen Einblick in Lernen und Arbeit 4.0 zu geben. Dabei zeige ich es sowohl Lehrenden und Dozierenden, als auch Studierenden. Die Reaktionen könnten unterschiedlicher nicht sein.

Und doch fallen diese Unterschiede immer gleich aus.

Lehrende und Dozierende melden, nachdem sie dieses Video gesehen haben, zurück: Das funktioniert nicht. Unter keinen Umständen. Das richtet sich nur an eine sehr kleine Zielgruppe, die eh schon über die Kompetenzen verfügen, die es dafür braucht. Das ist eine elitäre Position, die übersieht, dass höchstens zwei Prozent der jungen Leute sowas in Angriff nehmen können oder werden. Das führt zu einer völligen Durchmischung von „privat“ und „beruflich“, was nicht wünschenswert ist. Der Großteil der Menschen ist damit völlig überfordert – und in diesem Stil immer so weiter.

Lehrende signalisieren mir mit diesen Reaktionen Abwehr und Überforderung. Eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Inhalten, den Themen und den Perspektiven kommt für sie gar nicht in Frage. Und zwar wirklich für die meisten von ihnen.

Studierende, Lernende, Schüler*innen reagieren auf das Video in erster Linie mit Neugier und einer Menge Fragen. Wie die denn dieses Video gemacht hat, und wer das überhaupt ist: diese Frau. Sie wollen das Video noch einmal sehen, sie wollen darüber diskutieren. Sie wollen Begriffe klären. Sie wollen, so mein Eindruck, verstehen – und sie wollen so schnell wie möglich „hands on“ gehen.

Lehrende, so mein Eindruck, wollen sich darüber klar sein, dass so etwas nicht funktioniert. Junge Menschen wollen mehr darüber erfahren.

Die neuen Lern- und Arbeitsnetzwerke: kreative Selbstläufer

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Interessant ist auch der Hintergrund, auf dem dieses Video entstanden ist. Lorenzo Tural Osorio, Unternehmer und Gymnasiast, hat Anja um eine Stellungnahme gebeten für seine Veranstaltung „Bring the Outside in the Company“ auf der Nürnberg Web Week im vergangenen Jahr. Er hat sie als Expertin angefragt, wie sich junge Menschen in den neuen digitalen Lern- und Arbeitsnetzwerken positionieren und entwickeln können. Und natürlich habe ich mich im Netz über Lorenzo informiert, wollte wissen, wer das ist, und was der so treibt. Die Ergebnisse haben mich beeindruckt, weil sehr konkret sichtbar wird, wie die jungen Generationen lernen und arbeiten werden.

Was diese Biografien zukünftig unterscheiden wird von Lern- und Arbeitsbiografien, die für uns heute State Of The Art sind, wird für mich in diesen Beiträgen klar. Im Video ebenso wie dort, wo ich auf Menschen wie Lorenzo stoße. Er ist ja beileibe nicht der einzige – doch er entwickelt sich mehr und mehr zu einem wichtigen Netzwerkknoten, an dem andere (nicht nur junge) Menschen anknüpfen könne, nachdem das Schulsystem solche Bewegungen eher unterdrückt und behindert, wie dieser Erfahrungsbericht eindrücklich schildert:

Die Zahl derer, die das Netz nutzen, um sich einen Platz in den neuen Arbeitswelten zu sichern, steigt täglich. Ganz in dem Sinne, wie auch Anja C. Wagner im Video formuliert: Das Netz ist nicht in erster Linie ein Tool für den privaten Einsatz, sondern ein Arbeitswerkzeug. Und wer junge Leute finden möchte, die das Netz so nutzen, wer verstehen will, was da abgeht – muss selber ins Netz und eine eigene Netz-Identität entwickeln.

Faszinierend dabei für mich: Diese Entwicklungen sind Selbstläufer. Sie schließen niemanden aus, sie sind alles andere als elitär, sie sind offen für jede und jeden, der und die mitmachen will. Da gibt es kein „bildungsaffin“ und „bildungsfern“, denn das sind Definitionen, mit denen vor allem das Bildungssystem und die Bildungspolitik Menschen stigmatisieren.

Umso wichtiger ist es, dass diese Netzwerke immer schneller wachsen. Dadurch werden alternative Bildungs-, Lern- und Arbeitsnetzwerke einem immer größeren Kreis von Menschen zugänglich. Die Abhängigkeiten von einem veralteten Bildungssystem werden weniger, Menschen befreien sich mehr und mehr aus den Zwängen der Selektionsmechanismen – oder geraten gar nicht erst in deren Fänge.

Nicht zuletzt Dank des Engagements von Menschen wie Anja C. Wagner, Lorenzo T. Osorio und einer rasch steigenden Anzahl von Frauen und Männen, die sich diesen Bewegungen anschließen.