Warum wir der Schule das Kind entziehen müssen

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Eine Schulleiterin fordert auf linkedIn Respekt für den Berufsstand der Lehrer. Ein Blick in den Schulalltag zeigt allerdings, dass es vor allem das Bildungssystem ist, das den Schülerinnen und Schülern bis heute mit einer systembedingten Respektlosigkeit begegnet, die ihresgleichen sucht. Die für Bildung und Erziehung von Kindern zuständig sind, respektieren vor allem eines nicht: diese Kinder – wie Remo Largo wieder einmal sehr klar auf den Punkt bringt:

Dabei spricht er auch einige der Instrumente an, mit denen diese Respektlosigkeit gegen das wachsende und sich entfaltende Leben vorgeht, und die den reflexartigen Griff nach Chemie erst auslösen: Einsperren in ein Klassenzimmer und den natürlichen Drang des Bewegens und Entdeckens unterdrücken. Ihn durch diverse, sozial sehr heikle Sanktionsmaßnahmen unterbinden; das Kind also in seiner Beziehung zu sich bereits auf der grundlegenden Ebene, der Beziehung zu seinem Körper, gründlich zu korrumpieren. Sehr früh entwickeln deshalb gerade die „Beweglichen“ unter ihnen eine „Was stimmt mit mir nicht?-Haltung“, wie gerade eben wieder ein Vater auf Twitter seinen Sohn zitiert: „Wie der Sohn nach der 1. Klasse sein Zeugnis las, es verstand, mich anschaute und ‚Papa ich bin dumm.‘ zu mir sagte. Da habe ich wieder verstanden, wie Schule funktioniert.“ Einen interessanten Einblick in die hitzige Debatte um Ritalin finden Sie übrigens hier auf linkedIn.

Alle über einen Kamm geschoren

Die nächste Respektlosigkeit ist ebenfalls wohlbekannt: Schule und ihr Personal scheren alle (!) Kinder über diesen einen Kamm, dass sie gleichzeitig und im selben, vorgegebenen Tempo zu lesen, zu schreiben und zu rechnen haben, völlig ungeachtet der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, völlig ungeachtet ihres Entwicklungsstandes. Und wer als Kind da nicht mitkommt, wird stigmatisiert. Er oder sie wird in seinem und ihrem sozialen Kontext umgehend mit einem Stempel versehen, der ihm und ihr schon zu diesem frühen Zeitpunkt einen Platz im sozialen Gefüge zuteilt: zu langsam, zu schnell, retardiert – was auch immer. Dass es auch ganz anders geht, ist längst bekannt und wird erfolgreich praktiziert. Zum Beispiel hier.

Was diese fein ziselierten Diskriminierungen und Stigmatisierungen für die Entwicklung des Selbstbildes von Kindern bedeutet, kommt dabei konsequent nicht in den Blick. Je nach Ressourcen, die ein Kind aufbringen kann, um mit diesen Kränkungen umzugehen, wird es sich entweder tatsächlich einordnen und ein entsprechendes, leistungs- und konkurrenzbasiertes Selbstbild entwickeln, oder es gerät in die Fänge des Korrektur-Instrumentariums: heil- und sonderpädagogische Maßnahmen, womöglich unterstützt durch Chemie, und in jedem Fall Nachhilfe. Ein Milliardenmarkt.

Schulen und Lehrer*innen als ausführende Kräfte der Schulen produzieren kranke Menschen, wenn und weil es diese Kinder als gesunde nicht schleunigst schaffen, sich in diesen fatalen Kreislauf des Ein- und Unterordnens zu fügen. Diesen Faden beißt die Maus nicht ab.

Warum wir mit der Gleichmacherei des Schulsystems brechen müssen

Und das ist erst der Anfang. Bereits in der Primarschule begegnen Kinder dem reichhaltigen Instrumentarium der Kontrolle, der Disziplinierung, der Ausrichtung an Leistungs- und Selektionsprinzipien, durch vielfältige Formen der Bewertung, der Leistungsmessung – und irgendwann der Benotung. Und zwar – der Käfighaltung geschuldet – durch generalisierende Maßnahmen, nicht durch individualisierende. Den Kindern werden gar keine Möglichkeiten gegeben, ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Potenzial, ihre selbstbestimmte Lernbiografie zu entwickeln, um ihnen im Anschluss zu bescheinigen, dass sie halt kein Potenzial hätten und sich gar nicht selber organisieren können. Das ist zynisch. Die Devise lautet schlicht: mitkommen, den Anschluss nicht verlieren, sich rundherum an fremdgesetzten Maßstäben und Zielen, Inhalten und Zwecken des Lernens orientieren. Konsequent von sich selber weg.

Martin Walser beschreibt die Absicht dahinter so: „In der Schule lernt man, sich auf etwas anderes als sich selbst zu konzentrieren. Man tut so, als sei Erlerntes etwas Eigenes geworden. So wird Eigenes zu etwas Erlerntem. Man agiert in der Art einer von der Gesellschaft gebauten und programmierten Maschine. Es scheint beim Erzogenwerden daruf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. Sich verborgen zu bleiben, heißt, ihnen so zu passen, daß sie dich gut erzogen nennen. Dann können sie eher machen mit einem, was Sie wollen. Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.“ (Ficus, André/Walser, Martin (1982): Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. Frankfurt am Main: Insel)

Es ist höchste Zeit, dass wir diese systemische und systematische Abwertung und Verkrüppelung, diese Gleichmacherei durch Schule abschaffen. Hier ein paar wichtige Gründe dafür:

Wir müssen dem Einhalt gebieten, unsere Kinder da rausholen und gar nicht erst hinschicken. Das sind wir jungen Menschen schuldig, damit sie nicht von sich selber abgelenkt werden, sondern sich und ihre Möglichkeiten entdecken. Stress- und konkurrenzfrei.

Und ja, ich sehe bei dieser Respektlosigkeit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen vor allem Lehrerinnen und Lehrer in der Verantwortung, denn sie betreiben dieses Geschäft täglich. Flächendeckend im staatlichen Schulwesen in D-A-CH. Sie spielen mit. Ich akzeptiere ihre Ausreden nicht mehr, dass sie dazu gezwungen seien durch das System, denn aus einem System kann ich aussteigen. Ich akzeptiere auch nicht mehr ihre pädagogische Ideologien und Vorurteile, die sie reflexartig wie Joker aus dem Ärmel ziehen, um ihre schlechten Karten aufzupimpen.

Zu den Lösungen

Wir wissen heute sehr genau, wie Menschen lernen und wie nicht, und was Kinder wirklich brauchen, um sich und ihre Kräfte zu entfalten. Auch und gerade die sozialen Kräfte. Dieses Wissen ist mitsamt eindrücklichen Erfahrungen längst überall mit Händen greifbar:

Deshalb: Wer heute mit der Art von Schule weitermacht, wie sie der Normalfall ist, macht sich ganz persönlich schuldig am Schicksal dieser jungen Menschen (was auch für Väter und Mütter gilt) – und daran, dass die Schulen ohne mit der Wimper zu zucken, weiterhin ganze Generationen immer noch hilfloser aus den Schulen entlassen, ohne jene dringend benötigten, kreativen, sozialen und wissenschaftlichen Gestaltungskräfte, mit denen sie das Ruder womöglich doch noch einmal herumreißen könnten.

Sie möchten mehr erfahren? Sich weiterbilden? Für Ihre oder andere Kinder eine Alternative finden? Sich mit anderen verbinden? Projekte unterstützen? Selber was auf die Beine stellen? Sie möchten an politischen Lösungen mitdenken? Das Netz ist voll davon. Auf youtube finden Sie alles zu alternativen Lernorten.

Und warum es wirklich Grund zur Hoffnung gibt, das erfahren Sie in dieser Doku:

 

Übrigens:

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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