Sie mögen keine Lehrer, oder?

 

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Neulich hat mir auf linkedIn ein Lehrer die (womöglich rhetorisch gemeinte) Frage gestellt: „Sie mögen keine Lehrer, oder?!“ Dazu fiel mir sofort das Statement eines Oberstudienrats ein, der mir während eines Gesprächs über Beziehungsqualität in der Schule versicherte: „Wissen sie, Herr Schmitt, es gehört nicht zu den Aufgaben eines Lehrers, gemocht zu werden.“  

Mag ich Lehrer? Ich lehne das traditionelle Setting, in dem dieser Berufsstand unterwegs ist, in der Tat ab. Die Gründe dafür auf der Ebene von Mögen oder nicht Mögen abzuhandeln, das greift für mich aber zu kurz.

Ich arbeite unter anderem in der Weiterbildung lehrender Berufe mit und bin immer wieder in Veranstaltungen involviert, die lehrende Menschen dabei unterstützen sollen, sich selbst weiterzuentwickeln, also zu lernen. Meine Erfahrung ist, dass die Bereitschaft, sich auf Lernprozesse einzulassen, die diesen Namen verdienen, in Lehrerkreisen konstant niedrig ist. Da ist eineR von zehn. Vielleicht sind es zwei. Angehörige lehrender Berufe sind mit dem, was Lernen recht eigentlich bedeutet, in hohem Maß überfordert. Spätestens wenn sie es auf sich selbst anwenden sollen. Sie lassen sich nicht wirklich auf die Verunsicherung ein, die mit jedem echten Lernen einhergeht.

Ich bin erschreckend wenig lehrenden Menschen begegnet, die wirklich bereit sind, all das erst einmal bei sich selbst zuzulassen und mit sich selbst zu erleben und zu praktizieren, was sie pausenlos von Schüler*innen und Student*innen einfordern: auf ganz vielfältige Weise zu lernen. Dabei ist es ja genau dieser Lebensvollzug, mit all seinen Chancen und Risiken, den lehrende Berufe als allererstes souverän und professionell an sich selbst vollziehen können müssten. Als Vorbilder quasi. An einem lehrenden Menschen müsste als Erstes abgelesen werden können, wie erfolgreiches, lebendiges, lebensförderndes und kompetenzorientiertes Lernen funktioniert; wie das Lernen Menschen zutiefst verändern kann, wie Verunsicherung und Fortschritt sich bedingen und Hand in Hand gehen.

Stattdessen vermeiden es lehrende Berufe weitaus mehr als andere, mit denen ich in Coaching, Supervision und Weiterbildung zu tun habe, bei den eigenen Schwächen und Problemen anzukommen, die ja wunderbare und ideale Lerngelegenheiten sind. Die, zu deren Tagesgeschäft es bis heute gehört, Menschen vor allem über ihre Schwächen zu bewerten, geben sich selbst keine Blöße. Schließlich werden sie ja im Schulalltag täglich Zeugin und Zeuge davon, was sie damit bei lernenden Menschen auslösen, die diesem Machtapparat in keiner Weise gewachsen sind – quer durch das ganze zur Verfügung stehende Instrumentarium hindurch: Benotung, Verhaltensdiziplinierung, soziale Ächtung, Genderstereotypien, Strafarbeitssystem, Drohungen mit dem Versetzungshammer, Einträge, Verweise. Mehr noch: Es gehört zu den gern gehörten rhetorischen Spitzen aus Lehrermund, dass die Schüler ja so viel mehr Macht hätten im Klassenzimmer als die Lehrer. Das ist purer Zynismus.

Natürlich kommt klassischer Unterricht heute immer öfter an seine disziplinarischen Grenzen. Das liegt aber erstens am Setting. Und zweitens: Statt sich angesichts der vielfältigen, herausfordernden Situationen im Schulalltag konsequent selber zu befähigen und damit professionell klar zu kommen, glänzen lehrende Berufe in den entsprechenden Formaten durch Abwesenheit: in Coaching, Super- und Intervision sind bis heute nur sehr wenige Angehörige lehrender Berufe anzutreffen. Auch in der Ausbildung lehrender Berufe spielt dieser Aspekt so gut wie keine Rolle. Dort, wo andere Berufe längst professionell über Rollen und Anforderungen reflektieren, sich anderen gegenüber öffnen mit ihren Ängsten, und auf eine verbindliche und professionelle Weise ins Gespräch darüber kommen – da sind Lehrerinnen und Lehrer weit abgeschlagen in der Minderheit.

Und vollends bizarr finde ich dies: Obwohl (oder weil?) sie tagaus und tagein wenig anderes tut, als andere Menschen zu bewerten, sind Lehrende von einer absurd anmutenden, fast durchgehend rationalisierten Angst davor umgetrieben, einmal an ihrer Leistung und an der Qualität ihres beruflichen Handelns gemessen zu werden – und zwar von unabhängiger Seite und nicht wieder von anderen Lehrern.

Nicht ob wir Lehrer mögen, ist die Frage, sondern wofür es sie braucht

Womöglich ist die Frage, ob ich oder irgendjemand Lehrer mag, falsch gestellt. Angemessener ist für mich die Frage, ob es sie braucht – und wenn ja, wozu.

  • Damit junge Menschen ihre Potenziale entdecken und entfalten, braucht es keine Lehrer sondern authentische, bedarfsgerechte, an diesen Potenzialen ausgerichtete Lebenssituationen, die allesamt außerhalb von Schule zu finden sind – und es braucht in diesen Kontexten keine Lehrer, keinen Unterricht, keine Prüfungen und keine Noten,  sondern warmherzige, gut ausgebildete, hochkompetente und einfühlsame Coaches. Und erst recht diejenigen unter den jungen Leuten, die sich besonders schwer tun in den Schulen mitzukommen, brauchen dieses lehrerfreie „Außerhalb“, um zu sich selbst und zu ihren Möglichkeiten zu finden.
  • Damit (nicht nur) junge Menschen lernen, sich im unendlichen Wissens- und Informationskosmos zurecht zu finden und diesen Kosmos für sich und ihre Mitwelt kreativ nutzen lernen, braucht es keine Lehrer sondern weltoffene, geübte Digital Workers, die eine hohe Eigenmotivation mitbringen, um Kids, Jugendliche und übrigens auch unzählige Erwachsene für das Digitale Wissensmanagement zu begeistern.
  • Damit junge Menschen lernen, mit offenen Augen und Herzen durch diese Welt zu gehen, mit einem Blick nach links und rechts und über den Tellerrand hinaus, interessiert daran, mit anderen Menschen ganz ohne kompetitive Verhaltensmuster an einer lebenswerten Zukunft für alles Lebendige auf diesem Planeten einzustehen – dafür braucht es keine Lehrer. Es braucht dich und mich.

Den lehrenden Beruf braucht es vor allem zum Aufrechterhalten eines veralteten Systems, das von Tag zu Tag mehr an lernenden Menschen vorbei exerziert. Wenn „mehr“ überhaupt noch geht. Dabei schulden wir den jungen Menschen etwas ganz anderes als das, was wir ihnen täglich antun. Aktiv, indem wir sie beschulen und passiv, indem wir ängstlich und tatenlos dabei zusehen.

Jack Ma hat auf dem aktuellen WEF klare Worte über die Zukunft des Lernens gefunden, die mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen:

 

Jetzt könnten wir ja sagen: Wir müssen dringend damit beginnen, den Lehrerberuf weiter zu entwickeln, aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es ihn nicht mehr braucht. Es braucht Alternativen. Und zwar echte, wie Jola Drews vom Verein Demokratische Stimme der Jugend im Interview eindrücklich schildert:

Die ganze Doku über den Verein mit weiteren spannenden Interview-Partner*innen finden Sie hier.

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

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