Warum wir der Schule das Kind entziehen müssen

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Eine Schulleiterin fordert auf linkedIn Respekt für den Berufsstand der Lehrer. Ein Blick in den Schulalltag zeigt allerdings, dass es vor allem das Bildungssystem ist, das den Schülerinnen und Schülern bis heute mit einer systembedingten Respektlosigkeit begegnet, die ihresgleichen sucht. Die für Bildung und Erziehung von Kindern zuständig sind, respektieren vor allem eines nicht: diese Kinder – wie Remo Largo wieder einmal sehr klar auf den Punkt bringt:

Dabei spricht er auch einige der Instrumente an, mit denen diese Respektlosigkeit gegen das wachsende und sich entfaltende Leben vorgeht, und die den reflexartigen Griff nach Chemie erst auslösen: Einsperren in ein Klassenzimmer und den natürlichen Drang des Bewegens und Entdeckens unterdrücken. Ihn durch diverse, sozial sehr heikle Sanktionsmaßnahmen unterbinden; das Kind also in seiner Beziehung zu sich bereits auf der grundlegenden Ebene, der Beziehung zu seinem Körper, gründlich zu korrumpieren. Sehr früh entwickeln deshalb gerade die „Beweglichen“ unter ihnen eine „Was stimmt mit mir nicht?-Haltung“, wie gerade eben wieder ein Vater auf Twitter seinen Sohn zitiert: „Wie der Sohn nach der 1. Klasse sein Zeugnis las, es verstand, mich anschaute und ‚Papa ich bin dumm.‘ zu mir sagte. Da habe ich wieder verstanden, wie Schule funktioniert.“ Einen interessanten Einblick in die hitzige Debatte um Ritalin finden Sie übrigens hier auf linkedIn.

Alle über einen Kamm geschoren

Die nächste Respektlosigkeit ist ebenfalls wohlbekannt: Schule und ihr Personal scheren alle (!) Kinder über diesen einen Kamm, dass sie gleichzeitig und im selben, vorgegebenen Tempo zu lesen, zu schreiben und zu rechnen haben, völlig ungeachtet der ihnen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten, völlig ungeachtet ihres Entwicklungsstandes. Und wer als Kind da nicht mitkommt, wird stigmatisiert. Er oder sie wird in seinem und ihrem sozialen Kontext umgehend mit einem Stempel versehen, der ihm und ihr schon zu diesem frühen Zeitpunkt einen Platz im sozialen Gefüge zuteilt: zu langsam, zu schnell, retardiert – was auch immer. Dass es auch ganz anders geht, ist längst bekannt und wird erfolgreich praktiziert. Zum Beispiel hier.

Was diese fein ziselierten Diskriminierungen und Stigmatisierungen für die Entwicklung des Selbstbildes von Kindern bedeutet, kommt dabei konsequent nicht in den Blick. Je nach Ressourcen, die ein Kind aufbringen kann, um mit diesen Kränkungen umzugehen, wird es sich entweder tatsächlich einordnen und ein entsprechendes, leistungs- und konkurrenzbasiertes Selbstbild entwickeln, oder es gerät in die Fänge des Korrektur-Instrumentariums: heil- und sonderpädagogische Maßnahmen, womöglich unterstützt durch Chemie, und in jedem Fall Nachhilfe. Ein Milliardenmarkt.

Schulen und Lehrer*innen als ausführende Kräfte der Schulen produzieren kranke Menschen, wenn und weil es diese Kinder als gesunde nicht schleunigst schaffen, sich in diesen fatalen Kreislauf des Ein- und Unterordnens zu fügen. Diesen Faden beißt die Maus nicht ab.

Warum wir mit der Gleichmacherei des Schulsystems brechen müssen

Und das ist erst der Anfang. Bereits in der Primarschule begegnen Kinder dem reichhaltigen Instrumentarium der Kontrolle, der Disziplinierung, der Ausrichtung an Leistungs- und Selektionsprinzipien, durch vielfältige Formen der Bewertung, der Leistungsmessung – und irgendwann der Benotung. Und zwar – der Käfighaltung geschuldet – durch generalisierende Maßnahmen, nicht durch individualisierende. Den Kindern werden gar keine Möglichkeiten gegeben, ihr eigenes Tempo, ihr eigenes Potenzial, ihre selbstbestimmte Lernbiografie zu entwickeln, um ihnen im Anschluss zu bescheinigen, dass sie halt kein Potenzial hätten und sich gar nicht selber organisieren können. Das ist zynisch. Die Devise lautet schlicht: mitkommen, den Anschluss nicht verlieren, sich rundherum an fremdgesetzten Maßstäben und Zielen, Inhalten und Zwecken des Lernens orientieren. Konsequent von sich selber weg.

Martin Walser beschreibt die Absicht dahinter so: „In der Schule lernt man, sich auf etwas anderes als sich selbst zu konzentrieren. Man tut so, als sei Erlerntes etwas Eigenes geworden. So wird Eigenes zu etwas Erlerntem. Man agiert in der Art einer von der Gesellschaft gebauten und programmierten Maschine. Es scheint beim Erzogenwerden daruf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. Sich verborgen zu bleiben, heißt, ihnen so zu passen, daß sie dich gut erzogen nennen. Dann können sie eher machen mit einem, was Sie wollen. Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.“ (Ficus, André/Walser, Martin (1982): Heimatlob. Ein Bodensee-Buch. Frankfurt am Main: Insel)

Es ist höchste Zeit, dass wir diese systemische und systematische Abwertung und Verkrüppelung, diese Gleichmacherei durch Schule abschaffen. Hier ein paar wichtige Gründe dafür:

Wir müssen dem Einhalt gebieten, unsere Kinder da rausholen und gar nicht erst hinschicken. Das sind wir jungen Menschen schuldig, damit sie nicht von sich selber abgelenkt werden, sondern sich und ihre Möglichkeiten entdecken. Stress- und konkurrenzfrei.

Und ja, ich sehe bei dieser Respektlosigkeit im Umgang mit Kindern und Jugendlichen vor allem Lehrerinnen und Lehrer in der Verantwortung, denn sie betreiben dieses Geschäft täglich. Flächendeckend im staatlichen Schulwesen in D-A-CH. Sie spielen mit. Ich akzeptiere ihre Ausreden nicht mehr, dass sie dazu gezwungen seien durch das System, denn aus einem System kann ich aussteigen. Ich akzeptiere auch nicht mehr ihre pädagogische Ideologien und Vorurteile, die sie reflexartig wie Joker aus dem Ärmel ziehen, um ihre schlechten Karten aufzupimpen.

Zu den Lösungen

Wir wissen heute sehr genau, wie Menschen lernen und wie nicht, und was Kinder wirklich brauchen, um sich und ihre Kräfte zu entfalten. Auch und gerade die sozialen Kräfte. Dieses Wissen ist mitsamt eindrücklichen Erfahrungen längst überall mit Händen greifbar:

Deshalb: Wer heute mit der Art von Schule weitermacht, wie sie der Normalfall ist, macht sich ganz persönlich schuldig am Schicksal dieser jungen Menschen (was auch für Väter und Mütter gilt) – und daran, dass die Schulen ohne mit der Wimper zu zucken, weiterhin ganze Generationen immer noch hilfloser aus den Schulen entlassen, ohne jene dringend benötigten, kreativen, sozialen und wissenschaftlichen Gestaltungskräfte, mit denen sie das Ruder womöglich doch noch einmal herumreißen könnten.

Sie möchten mehr erfahren? Sich weiterbilden? Für Ihre oder andere Kinder eine Alternative finden? Sich mit anderen verbinden? Projekte unterstützen? Selber was auf die Beine stellen? Sie möchten an politischen Lösungen mitdenken? Das Netz ist voll davon. Auf youtube finden Sie alles zu alternativen Lernorten.

Und warum es wirklich Grund zur Hoffnung gibt, das erfahren Sie in dieser Doku:

 

Übrigens:

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Sie mögen keine Lehrer, oder?

 

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Neulich hat mir auf linkedIn ein Lehrer die (womöglich rhetorisch gemeinte) Frage gestellt: „Sie mögen keine Lehrer, oder?!“ Dazu fiel mir sofort das Statement eines Oberstudienrats ein, der mir während eines Gesprächs über Beziehungsqualität in der Schule versicherte: „Wissen sie, Herr Schmitt, es gehört nicht zu den Aufgaben eines Lehrers, gemocht zu werden.“  

Mag ich Lehrer? Ich lehne das traditionelle Setting, in dem dieser Berufsstand unterwegs ist, in der Tat ab. Die Gründe dafür auf der Ebene von Mögen oder nicht Mögen abzuhandeln, das greift für mich aber zu kurz.

Ich arbeite unter anderem in der Weiterbildung lehrender Berufe mit und bin immer wieder in Veranstaltungen involviert, die lehrende Menschen dabei unterstützen sollen, sich selbst weiterzuentwickeln, also zu lernen. Meine Erfahrung ist, dass die Bereitschaft, sich auf Lernprozesse einzulassen, die diesen Namen verdienen, in Lehrerkreisen konstant niedrig ist. Da ist eineR von zehn. Vielleicht sind es zwei. Angehörige lehrender Berufe sind mit dem, was Lernen recht eigentlich bedeutet, in hohem Maß überfordert. Spätestens wenn sie es auf sich selbst anwenden sollen. Sie lassen sich nicht wirklich auf die Verunsicherung ein, die mit jedem echten Lernen einhergeht.

Ich bin erschreckend wenig lehrenden Menschen begegnet, die wirklich bereit sind, all das erst einmal bei sich selbst zuzulassen und mit sich selbst zu erleben und zu praktizieren, was sie pausenlos von Schüler*innen und Student*innen einfordern: auf ganz vielfältige Weise zu lernen. Dabei ist es ja genau dieser Lebensvollzug, mit all seinen Chancen und Risiken, den lehrende Berufe als allererstes souverän und professionell an sich selbst vollziehen können müssten. Als Vorbilder quasi. An einem lehrenden Menschen müsste als Erstes abgelesen werden können, wie erfolgreiches, lebendiges, lebensförderndes und kompetenzorientiertes Lernen funktioniert; wie das Lernen Menschen zutiefst verändern kann, wie Verunsicherung und Fortschritt sich bedingen und Hand in Hand gehen.

Stattdessen vermeiden es lehrende Berufe weitaus mehr als andere, mit denen ich in Coaching, Supervision und Weiterbildung zu tun habe, bei den eigenen Schwächen und Problemen anzukommen, die ja wunderbare und ideale Lerngelegenheiten sind. Die, zu deren Tagesgeschäft es bis heute gehört, Menschen vor allem über ihre Schwächen zu bewerten, geben sich selbst keine Blöße. Schließlich werden sie ja im Schulalltag täglich Zeugin und Zeuge davon, was sie damit bei lernenden Menschen auslösen, die diesem Machtapparat in keiner Weise gewachsen sind – quer durch das ganze zur Verfügung stehende Instrumentarium hindurch: Benotung, Verhaltensdiziplinierung, soziale Ächtung, Genderstereotypien, Strafarbeitssystem, Drohungen mit dem Versetzungshammer, Einträge, Verweise. Mehr noch: Es gehört zu den gern gehörten rhetorischen Spitzen aus Lehrermund, dass die Schüler ja so viel mehr Macht hätten im Klassenzimmer als die Lehrer. Das ist purer Zynismus.

Natürlich kommt klassischer Unterricht heute immer öfter an seine disziplinarischen Grenzen. Das liegt aber erstens am Setting. Und zweitens: Statt sich angesichts der vielfältigen, herausfordernden Situationen im Schulalltag konsequent selber zu befähigen und damit professionell klar zu kommen, glänzen lehrende Berufe in den entsprechenden Formaten durch Abwesenheit: in Coaching, Super- und Intervision sind bis heute nur sehr wenige Angehörige lehrender Berufe anzutreffen. Auch in der Ausbildung lehrender Berufe spielt dieser Aspekt so gut wie keine Rolle. Dort, wo andere Berufe längst professionell über Rollen und Anforderungen reflektieren, sich anderen gegenüber öffnen mit ihren Ängsten, und auf eine verbindliche und professionelle Weise ins Gespräch darüber kommen – da sind Lehrerinnen und Lehrer weit abgeschlagen in der Minderheit.

Und vollends bizarr finde ich dies: Obwohl (oder weil?) sie tagaus und tagein wenig anderes tut, als andere Menschen zu bewerten, sind Lehrende von einer absurd anmutenden, fast durchgehend rationalisierten Angst davor umgetrieben, einmal an ihrer Leistung und an der Qualität ihres beruflichen Handelns gemessen zu werden – und zwar von unabhängiger Seite und nicht wieder von anderen Lehrern.

Nicht ob wir Lehrer mögen, ist die Frage, sondern wofür es sie braucht

Womöglich ist die Frage, ob ich oder irgendjemand Lehrer mag, falsch gestellt. Angemessener ist für mich die Frage, ob es sie braucht – und wenn ja, wozu.

  • Damit junge Menschen ihre Potenziale entdecken und entfalten, braucht es keine Lehrer sondern authentische, bedarfsgerechte, an diesen Potenzialen ausgerichtete Lebenssituationen, die allesamt außerhalb von Schule zu finden sind – und es braucht in diesen Kontexten keine Lehrer, keinen Unterricht, keine Prüfungen und keine Noten,  sondern warmherzige, gut ausgebildete, hochkompetente und einfühlsame Coaches. Und erst recht diejenigen unter den jungen Leuten, die sich besonders schwer tun in den Schulen mitzukommen, brauchen dieses lehrerfreie „Außerhalb“, um zu sich selbst und zu ihren Möglichkeiten zu finden.
  • Damit (nicht nur) junge Menschen lernen, sich im unendlichen Wissens- und Informationskosmos zurecht zu finden und diesen Kosmos für sich und ihre Mitwelt kreativ nutzen lernen, braucht es keine Lehrer sondern weltoffene, geübte Digital Workers, die eine hohe Eigenmotivation mitbringen, um Kids, Jugendliche und übrigens auch unzählige Erwachsene für das Digitale Wissensmanagement zu begeistern.
  • Damit junge Menschen lernen, mit offenen Augen und Herzen durch diese Welt zu gehen, mit einem Blick nach links und rechts und über den Tellerrand hinaus, interessiert daran, mit anderen Menschen ganz ohne kompetitive Verhaltensmuster an einer lebenswerten Zukunft für alles Lebendige auf diesem Planeten einzustehen – dafür braucht es keine Lehrer. Es braucht dich und mich.

Den lehrenden Beruf braucht es vor allem zum Aufrechterhalten eines veralteten Systems, das von Tag zu Tag mehr an lernenden Menschen vorbei exerziert. Wenn „mehr“ überhaupt noch geht. Dabei schulden wir den jungen Menschen etwas ganz anderes als das, was wir ihnen täglich antun. Aktiv, indem wir sie beschulen und passiv, indem wir ängstlich und tatenlos dabei zusehen.

Jack Ma hat auf dem aktuellen WEF klare Worte über die Zukunft des Lernens gefunden, die mit großer Wahrscheinlichkeit ungehört verhallen:

 

Jetzt könnten wir ja sagen: Wir müssen dringend damit beginnen, den Lehrerberuf weiter zu entwickeln, aber ich bin mittlerweile davon überzeugt, dass es ihn nicht mehr braucht. Es braucht Alternativen. Und zwar echte, wie Jola Drews vom Verein Demokratische Stimme der Jugend im Interview eindrücklich schildert:

Die ganze Doku über den Verein mit weiteren spannenden Interview-Partner*innen finden Sie hier.

Aus den Fesseln des Bildungssystems ausbrechen. Doku über Bildung der Zukunft.

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Warum engagieren sich junge Menschen zwischen 14 und Mitte 20 für die „Befreiung der Bildung“? Weil sie realisiert haben, dass wir nicht damit weitermachen können den Planeten zu verbrauchen – und weil sie eine klare Vision haben – und jede Menge Kraft. Ich habe mit Jola, Gina und Simon vom Verein „Demokratische Stimme der Jugend“ ein Gespräch geführt. Herausgekommen ist eine faszinierende, 30-minütige Doku über visionäre Praxis und strategische Professionalität.

Hier geht’s zum Video.

Über das Reizwort „Vision“

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Kein Begriff führt zuverlässiger zu verdrehten Augen als „Vision“. Vielleicht noch „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. Wir verwenden den Begriff wie Kaugummi, den wir locker verteilen, wenn jemand aus dem Mund riecht. Schnelle Lösungen, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des bubblegum. Der Rest ist Kauen. Aber warum bleibt das Phänomen trotzdem bis heute so erfolgreich? 

Warum verschwindet es nicht aus dem Marketing-Sprech, sondern blitzt alle Nase lang auf linkedIn auf? Weil eine Vision triggert wie nichts anderes. Visionen erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Und sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft immer nach „mehr Desselben“, nie nach Veränderung. Auch deshalb haben es Visionen bei uns so schwer.

Wir halten es nicht mehr aus!

Ein Blick in die Geschichte zeigt (von den großen Religionsgründern der Antike bis zu Martin Luther King), wann Visionen tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten: wenn sie aus realem, geteiltem Leid entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, nicht aus einer nur gepredigten. Dabei steht in diesen Fällen nicht die reale Veränderung realer Verhältnisse im Vordergrund, sondern das Moment des Verbündens. Echte Visionen verbünden durch eine gemeinsame Situation. Sie entstehen von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel nur auf der Südhalbkugel wütet, haben wir hier nicht wirklich einen Visionsbedarf.

Visionen entfalten eine Wirkung also am ehesten dort, wo sie geteilt werden. Auch dann ist nicht vorherseh- und bestimmbar, in welche Richtung sie wirken. Sie bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht restlos vorgeben. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen – erst recht nicht das „Wo“. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber sie unterschlagen es – und an dieser Stelle schlägt ein Visionsprozess in Manipulation um. Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, schlägt um in Versprechungen über höchst ungewisse Meriten.

Kraftvolle Visionen sind also niemals verordnet, sondern gewachsen. Sie entspringen einer geteilten Situation und machen deshalb aus Betroffenen Verbündete.

Die vier Eigenschaften einer wirksamen Vision

Aus diesem Grund haben wirksame Visionen immer mindestens diese vier Eigenschaften: Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln, eines das Sog entwickelt. Sie sind subjektivin dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der sie mit anderen teilt. Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen – und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, bevor sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind verschieden 😉

Zwanzigachtzehn: Das Jahr der Chancen

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Möchtest du dich 2018 weiterbilden? Vielleicht zum ersten Mal selbst? Bist du in letzter Zeit neugierig geworden, was in und hinter dem ganzen Hype um die Digitalisierung stecken könnte? Hast du vielleicht schon gehört, was die Britin Jane Hart über die weltweit beliebtesten und am meisten benutzten Medien zur Weiterbildung geschrieben hat und möchtest das jetzt auch einmal probieren? Weißt aber nicht so recht wie?

Das muss nicht so bleiben.

Wir realisieren im Moment, dass sich um uns herum aus beruflicher Sicht eine Menge verändert. Die einen merken das am zunehmenden Administrationsaufwand in der Firma. Andere realisieren es anhand der Gerüchte über schlechte Zahlen, Stellenabbau, Fusionen. Womöglich nehme ich am Rand wahr, dass es den einen oder anderen Menschen gibt, der sich nebenher was aufbaut. Vielleicht kenne ich eine Kollegin, die mit anderen zusammen übers Internet ein kleines Business gründet. Vielleicht spüre ich aber auch bei mir selbst eine gewisse Unzufriedenheit und Enge mit meiner beruflichen Situation, die noch nicht stark genug ist, um mich zu einer Entscheidung zu bringen.

Und dann überall diese Digitalisierung. Allgegenwärtig. Das Internet: ständig da. Ständig online. Immer verfügbar. Ein enormer Sog geht von ihm aus. Es zieht alles an, was in seine Nähe kommt. Es saugt offenbar alles auf.

Das Internet entwickelt eine unglaubliche Dynamik. Es bietet mittlerweile fast alles an, was ein Mensch brauchen kann (und was nicht), und vor allem: es bietet mir so gut wie alle Möglichkeiten der Welt, mich zu informieren, mich mit interessanten Menschen zu vernetzen, mich mit faszinierenden Leuten auszutauschen, von anderen zu lernen – und andere von mir.

Nimm es selber in die Hand

„Weiterbilden“ bekommt dadurch eine ganz neue Seite: Sie taucht nicht bloß an den gewohnten Orten und in den gewohnten Formen auf. Es gibt sie nicht mehr nur in Katalogen unzählbarer Anbieter fertiger Kurse, in denen alles vorbereitet und vorgespurt ist. Jetzt wird zum ersten Mal denkbar: Ich kann meine Weiterbildung selber in die Hand nehmen, indem ich mich selbst weiterbilde – und nicht über die Akademie soundso, die dafür stattliche Preise verlangt.

Das Internet bietet mir die fast kostenlose Möglichkeit, mich bilden zu lernen. Ich lerne das Lernen völlig neu kennen. Anders als ich es in Schule und Ausbildung erlebt habe. Jetzt lerne ich ganz anders: durch das Eintauchen ins Netz, das Surfen, das Googeln, das Vernetzen, das Anlegen eigener Ordner, in denen ich das sammle, was wichtig für mich ist. Durch einen intensiven Austausch mit anderen NetzbürgerInnen. Ich lerne die digitale Welt für mich und mein Weiterkommen zu nutzen, wie ich früher einmal gelernt habe, mir die schönsten Städte Europas durch die Nutzung des U-Bahn-Netzes zu erschließen. Wer die U-Bahn verstanden hat, versteht die Stadt viel besser.

Es ist alles da! Nur du noch nicht 🙂

Das ist eine schöne Metapher: Ich erschließe mir durch das Internet neue, bisher unbekannte Welten – und zwar nicht nur zum Zweck der Belustigung und Erholung. Nicht nur für Sightseeing und Konsum. Durch das Internet erfahre ich mittlerweile alles, was ich brauche, um mein Leben anders und besser zu gestalten. Ich begegne durch das Internet Menschen, die mit ähnlichen Fragen unterwegs sind wie ich. Die mir auf der Suche nach Antworten genauso helfen werden wie ich ihnen. Menschen und ihre Netzwerke, die in jeder erdenklichen Frage (Gesundheit, Beruf, Arbeit, Alter, Finanzen, Reisen, Politik, Technik und vieles mehr). Ich entdecke Menschen und Ideen, die mir vor dem Internetzeitalter entweder unbekannt waren oder versperrt. Das alles steht mir jetzt offen zur Verfügung: praktisch das ganze „Wissen der Welt“. Und zwar nicht nur als „Meer von Informationen“, in dem ich ertrinken könnte. Das Schöne ist: Das Internet ist strukturiert, und es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der gegenseitigen Beratung und Unterstützung.

Ich finde im Netz praktisch jede Form der Gemeinschaft von Menschen, die sich zu jedem erdenklichen Thema treffen, austauschen und gegenseitig weiterbringen. Auf youtube und vimeo gibt es zu jedem Thema der Welt, der Wissenschaft, der Kunst, der Technik oder der Wirtschaft Millionen von Videos, die mir verständlich erklären, was ich bisher nicht verstehe: Mathe, Chemie, das Bauen einer Brücke, das Gründen einer Firma, das Fischen, das Anlegen eines Gartens mitten in der Stadt – was auch immer du suchst, was auch immer dich interessiert und weiterbringen kann: es ist offen und kostenlos im Netz – und einfach zu finden.

Von Immanuel Kant stammt die Einladung: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Die Chancen dafür waren nie so groß wie jetzt.

Drei Tipps für nächste Schritte

Schau dir Anja C. Wagners legendäres Video an. Motto: „Konkreter geht’s nicht“. Für Leseratten gibt’s hier ein aktuelles Buch über Bildung 4.0 – und für digitale Immigranten gibt’s hier Lesefutter.

Viel Erfolg in Digitalien!