Neue Epidemien für das Land

 

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Wenn etwas übers Volk kommt und nicht nur über einzelne, dann spricht man von einer Epidemie. „επι δημω“, sagte der alte Grieche, wenn es nicht nur über ihn kam, sondern über alle. Wir kennen das: Wenn es uns einfach überkommt. Schicksalhaft. Ohne die Chance des Abwehrens, ohne Gegenmittel. 

Epidemien haben es so an sich: Sie dezimieren, rotten aus. Schleichend verbreitet sich ein Etwas, das ausknipst, wo es hinkommt. Das Fatale daran: Das Virus tötet die, durch die es kommt, also sich am Leben erhält. Erst wenn es nichts mehr zum Heimsuchen findet, hat das Ausknipsen ein Ende. Ein Virus löscht sich irgendwann selber aus. Aber erst zum Schluss. Nicht ausgerottet aber wirkungsvoll aufgehalten werden kann es durch Resistenz. Sei es, dass die Natur ihm ein Schnippchen schlägt, sei es, dass der Mensch ein Gegenmittel findet, das resistent macht. Und zwar das Volk.

Nun gibt es zu Beginn des dritten Jahrtausends in Europa keine Epidemien mehr. Dem Wortsinn nach. Seuchen gibt es noch. Aber die lassen das Vieh sterben, nicht das Volk. In Europa.

Der Mensch hat gelernt. Er hat Gegenmittel erfunden. Nicht nur solche, mit denen er das Volk impft. Ausgerottet wurden die großen Epidemien vor allem durch kulturelle Leistungen: Etwa durch Aufklärung, bessere Hygiene, allgemein: Durch eine Rundumverbesserung der Lebensqualität. Verhindert werden Epidemien durch Lebensbedingungen, die sie verhindern.

Eine Epidemie aus Deutschland – und wie man sie loszuwerden gedachte

Es ist noch gar nicht so lange her, da wurde Europa von einer Epidemie heimgesucht, die von deutschem Volk und Boden ausging: Nationalsozialismus und Antisemitismus. Hierbei handelt es sich zwar nicht um Krankheiten, von denen man Fieber und Ausschlag bekommt, aber sie sind tödlich. Auch sind sie keine genuin deutschen Phänomene, aber hierzulande wurden sie epidemisch in jeder Hinsicht: Grassierend, flächendeckend, ausrottend.

Wirklich besiegt ist diese Art von Faschismus auch heute nicht. Das Virus lebt. Aber damit es nicht mehr epidemisch werden kann, hat man sich einiges einfallen lassen: Das Gegenmittel, das seinerzeit aus den USA importiert wurde, lautet politische und wirtschaftliche Integration nach außen und Föderalismus nach innen: Teilung von allem, was sich teilen lässt. In summa: Die Integration des Volkes in eine Kultur der Freiheit. Ein kulturelles Impfprogramm für die Nachkriegsgenerationen. „Damit das nie wieder passieren kann“. Eigentlich keine wirkliche Basis für die Entwicklung einer neuen Identität. Aber vielleicht sollte ja genau das verhindert werden.

Die Formel dieses Impfstoffes ist denkbar einfach: Man schaffe möglichst optimale Bedingungen für die wirtschaftliche Entfaltung und lasse alle in irgendeiner Form an den Früchten teilhaben. Wie das konkret zu geschehen hat, darin unterscheiden sich die Wirtschaftstheorien erheblich. Das Ziel aber verbindet sie: Wohlstand für alle um den sprichwörtlichen Nährboden für Epidemien trocken zu legen. Doch die braunen Sümpfe existieren weiter und zwar besonders dort, wo der Motor der amerikanischen Idee stottert bzw. gar nicht erst anspringt: Der Wohlstand. Und eben nicht nur der wirtschaftliche. Neonazis leiden keinen Hunger und haben alle ein Handy. Und so zynisch das ist: Sie haben sogar Vorbilder, die für sie motivierender sind als diejenigen, die das Global Network bereithält – oder übriglässt.

Was für ein Wohlstand, welche Art von Lebensqualität ging der Nachkriegsära also durchs Netz? Oder leiden wir ganz einfach unter dem vor allem in konservativen Kreisen beschworenen Werteverfall, den es mit allen Mitteln aufzuhalten gilt? Was vor allem den konservativen Kreisen, die es ja nicht erst seit letztem Jahr gibt, einfach nicht gelingen will.

Das Volk: Entschieden versorgt

Wo wir doch wirklich mit allem versorgt sind, was man sich gewünscht hat und denken kann. Mit einer stabilen Demokratie, einer ordentlichen (was nicht dasselbe ist wie erfolgreichen) Wirtschaft und einem stattlichen Bildungswesen. Woran mangelt es? An Respekt, Religion, Rechtschaffenheit? Oder breitet sich gar hinterrücks eine neue Epidemie aus?

Oder mangelt es in Wirklichkeit gar nicht? Die Versorgung ist doch perfekt. Nicht die Versorgung mit diesem oder jenem. Vielmehr ist das das Leben: Versorgen, besorgen, entsorgen.

Das vom Kriegs- und Nazivirus geschwächte Volk, das nach Kriegsende nicht mehr in der Lage war, auf die Beine zu kommen und deshalb sorgfältig hochgepeppelt wurde, hat zwar gelernt, auf diesen Beinen zu stehen. Das gehört zum Programm: Laufen lernen ja, aber wie und wohin, das sollten andere entscheiden. Und so hat man uns eingebunden in eine Art anglo-amerikanische Idee von Kultur und Gesellschaft, die die Pfade des Global Networks auch in die entlegensten Weltregionen festgetrampelt hat.

Zu entscheiden gibt’s da nichts mehr, nur noch zu wählen: Politiker, Telefonanbieter, Kondomfarben. Ich bin der Anwender. Ich bin versorgt bis ins Unwesentliche. Ich bin Teil einer kultivierten Anwendergeneration und die Kids kennen es nicht mehr anders.

Wer das Leben der Gegenwart bestehen will, muss anwenden können. Er muss die Benutzeroberfläche verstehen und bedienen können. Mehr nicht. Die Betriebsanleitung checken und ein- und ausschalten, an der richtigen Stelle ankreuzen oder unterschreiben. Den Rest erledigt ein ausgeklügeltes, anwenderfreundliches System. Nicht wie etwas funktioniert gilt es zu verstehen, sondern wie man es richtig anwendet. Und wenn es dann einmal nicht mehr funktioniert, konsultiere ich den Support, zu Deutsch: Anlaufstellen, von denen es für jede Lebenslage eine gibt: Technische Hotlines, Therapeuten, Berater und jede Menge Bücher der Kategorie Lebenshilfemafia.

Man muss es sich zuerst klarmachen: Wir sind aufgewachsen mit der Freiheit zu wählen, was man will und was nicht – nicht in der Freiheit zu wollen oder nicht. Wir haben gelernt, zwischen Alternativen zu wählen, nicht Alternativen zu schaffen. Wenn etwas nicht funktioniert, wird es ausgetauscht. Sei es der PC, der Manager, der Politiker, die Partnerin, die Bank. Die einzig erwähnenswerte politische Alternative, die zu meiner Zeit geschaffen wurde, war wohl die Partei der Grünen. Aber auch die kann man jetzt nur noch wählen – oder nicht. Das hat was Epidemisches. Es hat uns überkommen. In einem langen, gründlichen Prozess und jenseits körperlichen Siechtums oder Mangels.

Und mittendrin geht Herbert Grönemeyers kuschelig-anarchischer Wunsch „Kinder an die Macht“ in Erfüllung. Nicht nur die deutsche Wirtschaft steht vor einem entscheidenden Generationenwechsel. Dasselbe gilt für die deutsche Politik und die ewig pubertierende deutsche Bildung. Oben noch immer die Alten: Eine Generation von Politikern, Lehrenden, Forschenden, Wirtschaftenden und Erziehenden, die den Aufschwung zu wählen hatte. Sie sollen das Szepter an eine Generation abgeben, die das Entscheiden nicht wirklich gelernt hat. Denn das Entscheiden selbst ist delegiert.

Ich delegiere, also bin ich

Heimlich und klamm hat sich das Volk zu einer Delegationsgesellschaft gemausert. Und ganz aktuell delegiert der Nachkriegsapparat in einem gewaltigen Akt des Nicht-Loslassen-Könnens das Projekt Zukunft an die Nachkommen, die mit dieser Aufgabe maßlos überfordert sind, weil sie das Entscheiden nicht lernen konnten: Die wirtschaftliche Junior-Elite ebenso wenig wie die politische Garde der Merkels. Die Armada der gebeutelten Lehrerschaft ebenso wenig wie die sogenannte Keimzelle der Gesellschaft: Die Familien und ihre Väter und Mütter.

Wir erfahren eine ungebrochen hohe Sehnsucht nach Familie. Auch ihr Wert als politischer Stimmenfänger ist unerschüttert. Gleichzeitig lässt die Familienrealität solche Seifenblasen täglich platzen. Eine ganze Verkittungsindustrie ist mittlerweile gewachsen, die Familien und andere Partnerschaften zusammenhält, kaum dass sie gegründet sind: Für jede Dysfunktion gibt es eine passende Anlaufstelle, und auch das einstmals als familiäre Kernaufgabe deklarierte Phänomen der Erziehung, von dem keiner so genau weiß, was es ist oder soll, kann nahezu vollständig an Außenstellen delegiert werden. Der Rest ist Anwendung.

Politiker delegieren eine ihrer wichtigsten Existenzberechtigungen, die Meinungsbildung, an die Medien. Die Bildung delegiert ihre Unfähigkeit zu bilden wiederum an die Politik, an die Familie und an die Wirtschaft. Und letztere delegiert ihre unternehmerischen Kernkompetenzen an die Zunft der Unternehmensberater.

Und wenn es immer noch nicht funktionieren will, dann wird ausgetauscht. Man wechselt den Berater, die Partnerin, die Schule, den Schüler, den Geschäftsführer, die Strategie. Bis zum nächsten Mal.

Eine neue Epidemie ist ausgebrochen: Weil ich nicht entscheiden kann, delegiere ich. Das Schöne daran ist: Ich bin dann auch nicht dafür verantwortlich, wenn es nicht funktioniert. Ich habe ja nicht entschieden, genauer: Ich kann das ja gar nicht. Und wenn ich auf diese Weise gar keine Verantwortung habe, dann kann mir anschließend niemand den Vorwurf machen, ich hätte mich vor ihr gedrückt. Deshalb werden Unsummen in diejenigen investiert, die einem das verkaufen, was man selber nicht zuwege bringt: Entscheidungen.

Das Los der Berater

Hat man heute womöglich keine Zeit mehr, wichtige Entscheidungen selber vorzubereiten? Ich vermute eher: Man drückt sich. Denn auch zum Entscheiden muss man sich sinnigerweise erst mal durchringen. Ich müsste mich dafür entscheiden. Mich mit der Anatomie von Entscheidungen und deren Qualität auseinandersetzen. Das wird delegiert. Und zwar an den, der ganz entschieden den besten Eindruck macht. Dass es hierzu mittlerweile eine Industrie gibt, die nichts als den guten Eindruck produziert und vertreibt, das wahrzunehmen steht an. Ich vermute: Das ganze Beraterpack, wie die versammelten Zünfte der Therapeuten, Consultants und „Anlaufstellen“ hinter verschlossenen Türen betitelt werden, kann und konnte sich nur deshalb so rasant fortpflanzen, weil diese ungeheure Nachfrage da ist. Nach Entscheidungen, die niemand so recht treffen will.

Nehmen wir das fast schon antike Swissair-Desaster: Nicht sehen können oder wollen, dass zentrale unternehmerische Urteile, also Entscheidungen, Beratern überlassen werden. Und nur hinter vorgehaltener Hand kriegt man zu hören: Kuck an, da hat einer die Swissair zu Tode beraten. „Man“ redet so, nicht nur in diesem einen Fall und bei dieser von der Politik aufgefangenen und auf Volkes Rücken hinausgezögerten Pleite. Nicht wenige Firmen stehen nach einer Beratung viel schlechter da als vorher. Das ist bekannt, man kann es überall hören und sehen. Trotzdem ist das Vertrauen in Beratung ungebrochen hoch. Ist es das?

Ich glaube nicht. Es hat nichts mit Vertrauen zu tun, sondern damit, wie gut ein Berater das Misstrauen gegenüber seiner Zunft durch gutes Marketing ausblenden kann.

Nicht was da verkauft wird, ist entscheidend, sondern wie. Und den Zuschlag erhält derjenige, der einem auch diese Entscheidung abnehmen kann. Der ganze Rest ist Anwendung. Sag mir nur, was ich tun muss, damit mein Betrieb wieder anständig läuft, mehr will ich gar nicht. Ob diese seltsame Strategie überhaupt aufgehen kann, fragt man sich aber erst dann, wenn sie es nicht getan hat – ohne dass man dadurch wirklich klüger, will heißen: entschiedener geworden wäre.

Aber – auch wenn es manchmal so aussieht – nicht die Berater sind schuld, wenn eine Institution sukzessive absäuft. Man kann bestimmte Kompetenzen einfach nicht an Berater delegieren. Vor allem nicht diejenigen, durch die man sich als Unternehmer auszeichnet. Oder als Politiker, Partner, Pädagoge. Mit anderen Worten: Wer sich auf hoher See einen Berater an Bord holt um das Loch im Rumpf reparieren zu lassen, sollte nicht den Berater verklagen, wenn das Schiff untergeht. Der hat nur seine Arbeit getan. Und spätestens seit James Camerons Monumentalstreifen wissen wir: Die Titanic ist wegen maßloser Selbstüberschätzung untergegangen und erst dann wegen eines Loches im Rumpf.

Aber selbst hier wäre eine Moralisierung fehl am Platz. Denn dahinter steckt ein Virus, gegen das noch kein Impfstoff gefunden wurde. Deswegen kommt es auch epidemisch daher. Die wenigsten Unternehmen, Menschen und überhaupt: die wenigsten Projekte scheitern an Inkompetenz. sondern an einem Virus, das durchs ganze Volk geht. Seine Hauptsymptome wurden schon beschrieben: Delegationswut, Entscheidungsangst und Anwendungswahn.

Das ideale Virus

Hinter diesen Symptomen steckt ein Virus, das so alt ist wie die Menschheit. Ein Virus, das den Organismus, den es überkommt, auffrisst, das den Verstand ausschaltet und sich auf diese Weise fortpflanzt. Ganze Unternehmen, überhaupt Partnerschaften jeder Art, und damit eben auch Menschen, scheitern an ihm. An dem Virus des „Idealen“, das alle Katastrophen und Demokratisierungsprojekte des vergangenen Jahrhunderts überlebt hat. Was hat es mit diesem Virus auf sich?

Meine Behauptung lautet: Ideale sind Zustände, die man nie erreicht, aber dennoch beharrlich anstrebt. Vollbeschäftigung, endloses Wachstum, mit anderen Worten und in jeder Hinsicht: Perfektion.

Ich kenne eine Menge Projekte und Partnerschaften, die an nichts als an diesen Idealen gescheitert sind oder besser: An der Illusion, man könne sie erreichen. Aber bisher ist noch niemand auf die Idee gekommen, dass nicht die Ideale an den Menschen scheitern sondern – wie bei Viren üblich – Menschen an Idealen. Diese Einsicht käme jedoch der Entdeckung eines Gegenmittels gleich:

Je höher Ideale gesteckt sind, umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass ich an ihnen scheitere. Und wenn nicht ich, dann doch diejenigen, die meinen Idealen nicht gerecht werden können. Hier liegt ein ganz wesentlicher Grund dafür, warum Karrierestraßen so oft von verbrauchten LebensgefährtInnen, „auffälligen Kindern“, Burn-out-Symptomen und Konkursen gesäumt sind. Epidemisch formuliert: Hier liegt der Grund, warum ein politisches und gesellschaftliches System wie das unsrige fast zwangsläufig Querschläger hervorbringen muss, zu schweigen von den Nebenwirkungen des globalen Fusionierungswahns.

Ideale, die „humanen“ inklusive, werden immer nur auf Kosten real existierender Menschen angestrebt – verwirklicht werden sie hingegen nie. Und gerade eines dieser Ideale, das wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Anwendergeneration hängt, lautet: Du sollst nicht scheitern. Das steigert die Abhängigkeit von den genannten Entscheidungshelfern ganz erheblich. Mit der Angst vor dem Scheitern lässt sich einfach das meiste Geld verdienen.

Oder kann man einfach nur die falschen Ideale haben oder die richtigen falsch angehen? Hatte der Chef der ehemaligen Swissair einfach nicht die richtigen Ideale, als er seiner Firma eine Überdosis Wachstumspillen verabreicht hat – oder hat er auf die falschen Berater gehört, die ihm diese Pillen verschrieben haben?

Ich vermute, es geht hier nicht um die Frage nach richtigen oder falschen Idealen, sondern darum, wie man mit ihnen umgeht. Ideale sind schön und gut. Mehr nicht. Sie sind wie schillernde Marketingstrategien, die auch selten das einlösen, was sie an die Wand beamen. Es geht diesen Strategien ja letzten Endes darum, etwas zu verkaufen, und das bedeutet: Mich von etwas zu überzeugen. Mit anderen Worten: Mir die Entscheidung abzunehmen während man mir geschickt suggeriert, ich würde gerade eine treffen.

Das kostenlose Gegenmittel

Ich vermute weiter: Je größer das Ideal, das über meinem Kopf hängt, und an dem andere und ich mich selber glauben messen zu müssen, desto geringer die Chance, dass ich wirklich Entscheidungen treffe. Denn ich könnte ja falsch entscheiden. Erst wer gegen Ideale gefeit ist, kommt in die Lage, entscheiden zu lernen. Dass auch dies unter Druck geschieht, versteht sich von selbst. Echte Entscheidungen gewähren nun mal kein Ausweichen. Aber es ist ein Unterschied, ob man den Mut hat, einer von sich aus drängenden Entscheidung ins Auge zu sehen oder ob man ihr ausweicht, weil man ja auch falsch entscheiden könnte. Und sie deshalb delegiert.

Sich von Idealen unter Druck setzen zu lassen, bringt nichts. Obgleich es funktioniert. Es ist völlig unproduktiv, Menschen oder Unternehmen an Idealen zu messen. Was Sinn macht, ist der umgekehrte Weg: Ideale an Menschen zu messen, an wirklichen Menschen in einer „wirklichen Welt“. An vorhandenen Fähigkeiten, Bedürfnissen und realisierbaren Zielen.

Es gibt keine idealen Menschen, und schon gar nicht gibt es ideale Unternehmen oder Schulen oder Kreuzfahrtschiffe. Es wird sie nie geben. Egal was uns die Berater und Visionsheinis erzählen. Egal, was als nächstes Ideal in den Marketinglaboratorien herangezüchtet wird. Selbst das, wogegen sich vor allem die Kirchen und geistverwandte Parteien momentan wehren: Das Szenario eines künstlich produzierten „Idealmenschen“, auch das ist nur eine Variante dessen, was das Christentum selbst Jahrhunderte lang mit aller Macht propagiert hat: Das Streben nach dem idealen Christenmenschen, der unserer Natur mindestens so widerspricht wie der perfekte Klon.

Ein Virus kann man nicht ausrotten. Aber man kann es bekämpfen, indem man seine Ausbreitung verhindert. Oder mit einem Vorschlag aus der Aufklärungsecke: Indem man sich schützt. Die Sache selber in die Hand nehmen und alles tun, um entscheidungsfähig zu werden. Nicht idealer Weise, sondern aus purer Lust. Am Entscheiden.

Wie die Kompetenz des Entscheidens gelernt werden kann – darum geht’s übrigens in diesem Buch hier:

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Über das Reizwort „Vision“

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Kein Begriff führt zuverlässiger zu verdrehten Augen als „Vision“. Vielleicht noch „Digitalisierung“ – aber „Vision“ tut gemäß Senioritätsprinzip mehr weh. Wir verwenden den Begriff wie Kaugummi, den wir locker verteilen, wenn jemand aus dem Mund riecht. Schnelle Lösungen, am Symptom orientiert. Dabei sind die meisten Visionen schlicht Beschiss. Ihre Wirkung lässt so schnell nach wie der Geschmack des bubblegum. Der Rest ist Kauen. Aber warum bleibt das Phänomen trotzdem bis heute so erfolgreich? 

Warum verschwindet es nicht aus dem Marketing-Sprech, sondern blitzt alle Nase lang auf linkedIn auf? Weil eine Vision triggert wie nichts anderes. Visionen erzählen von einer schönen Zukunft. Sie entwickeln einen Sog. Und sie lenken für den Moment ab vom schnöden Status Quo. Doch es gilt auch: Je saturierter dieser Status, umso genervter die Beschenkten. Sattheit ruft immer nach „mehr Desselben“, nie nach Veränderung. Auch deshalb haben es Visionen bei uns so schwer.

Wir halten es nicht mehr aus!

Ein Blick in die Geschichte zeigt (von den großen Religionsgründern der Antike bis zu Martin Luther King), wann Visionen tatsächlich eine nachhaltige Wirkung entfalten: wenn sie aus realem, geteiltem Leid entstehen, aus empfundener Unerträglichkeit, nicht aus einer nur gepredigten. Dabei steht in diesen Fällen nicht die reale Veränderung realer Verhältnisse im Vordergrund, sondern das Moment des Verbündens. Echte Visionen verbünden durch eine gemeinsame Situation. Sie entstehen von selbst aus einer erdrückenden Situation heraus. Deshalb: Solange der Klimawandel nur auf der Südhalbkugel wütet, haben wir hier nicht wirklich einen Visionsbedarf.

Visionen entfalten eine Wirkung also am ehesten dort, wo sie geteilt werden. Auch dann ist nicht vorherseh- und bestimmbar, in welche Richtung sie wirken. Sie bündeln zwar die Kräfte zur Veränderung, aber sie können die Richtung selber nicht restlos vorgeben. Sie erleichtern das Losgehen, garantieren aber nicht das Ankommen – erst recht nicht das „Wo“. Hier liegen die häufigsten Irrtümer der Marketing-Sprechblasen. Echte Visionäre wissen das, falsche womöglich auch, aber sie unterschlagen es – und an dieser Stelle schlägt ein Visionsprozess in Manipulation um. Das Versprechen, das im Aufbruch liegt, schlägt um in Versprechungen über höchst ungewisse Meriten.

Kraftvolle Visionen sind also niemals verordnet, sondern gewachsen. Sie entspringen einer geteilten Situation und machen deshalb aus Betroffenen Verbündete.

Die vier Eigenschaften einer wirksamen Vision

Aus diesem Grund haben wirksame Visionen immer mindestens diese vier Eigenschaften: Sie sind radikal, weil sie den Status Quo nicht mehr ertragen und deshalb ein echtes Gegenbild entwickeln, eines das Sog entwickelt. Sie sind subjektivin dem Sinne, dass es geteilte Visionen einzelner Menschen sind. Ich finde mich in ihnen wieder. Wirksame Visionen sind niemals objektiv und nie „importiert“ oder verordnet. Sie gehen immer vom einzelnen Menschen aus, der sie mit anderen teilt. Sie sind drittens träumerisch, denn nur so gelingt es den Trägern einer Vision, sich definitiv vom Staus Quo zu lösen – und sie sind konkret, denn nur dann entfalten sie Motivationskraft.

Denken Sie dran, bevor sie das nächste Mal den Begriff „Vision“ in den Mund nehmen. Die Geschmäcker sind verschieden 😉

Zwanzigachtzehn: Das Jahr der Chancen

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Möchtest du dich 2018 weiterbilden? Vielleicht zum ersten Mal selbst? Bist du in letzter Zeit neugierig geworden, was in und hinter dem ganzen Hype um die Digitalisierung stecken könnte? Hast du vielleicht schon gehört, was die Britin Jane Hart über die weltweit beliebtesten und am meisten benutzten Medien zur Weiterbildung geschrieben hat und möchtest das jetzt auch einmal probieren? Weißt aber nicht so recht wie?

Das muss nicht so bleiben.

Wir realisieren im Moment, dass sich um uns herum aus beruflicher Sicht eine Menge verändert. Die einen merken das am zunehmenden Administrationsaufwand in der Firma. Andere realisieren es anhand der Gerüchte über schlechte Zahlen, Stellenabbau, Fusionen. Womöglich nehme ich am Rand wahr, dass es den einen oder anderen Menschen gibt, der sich nebenher was aufbaut. Vielleicht kenne ich eine Kollegin, die mit anderen zusammen übers Internet ein kleines Business gründet. Vielleicht spüre ich aber auch bei mir selbst eine gewisse Unzufriedenheit und Enge mit meiner beruflichen Situation, die noch nicht stark genug ist, um mich zu einer Entscheidung zu bringen.

Und dann überall diese Digitalisierung. Allgegenwärtig. Das Internet: ständig da. Ständig online. Immer verfügbar. Ein enormer Sog geht von ihm aus. Es zieht alles an, was in seine Nähe kommt. Es saugt offenbar alles auf.

Das Internet entwickelt eine unglaubliche Dynamik. Es bietet mittlerweile fast alles an, was ein Mensch brauchen kann (und was nicht), und vor allem: es bietet mir so gut wie alle Möglichkeiten der Welt, mich zu informieren, mich mit interessanten Menschen zu vernetzen, mich mit faszinierenden Leuten auszutauschen, von anderen zu lernen – und andere von mir.

Nimm es selber in die Hand

„Weiterbilden“ bekommt dadurch eine ganz neue Seite: Sie taucht nicht bloß an den gewohnten Orten und in den gewohnten Formen auf. Es gibt sie nicht mehr nur in Katalogen unzählbarer Anbieter fertiger Kurse, in denen alles vorbereitet und vorgespurt ist. Jetzt wird zum ersten Mal denkbar: Ich kann meine Weiterbildung selber in die Hand nehmen, indem ich mich selbst weiterbilde – und nicht über die Akademie soundso, die dafür stattliche Preise verlangt.

Das Internet bietet mir die fast kostenlose Möglichkeit, mich bilden zu lernen. Ich lerne das Lernen völlig neu kennen. Anders als ich es in Schule und Ausbildung erlebt habe. Jetzt lerne ich ganz anders: durch das Eintauchen ins Netz, das Surfen, das Googeln, das Vernetzen, das Anlegen eigener Ordner, in denen ich das sammle, was wichtig für mich ist. Durch einen intensiven Austausch mit anderen NetzbürgerInnen. Ich lerne die digitale Welt für mich und mein Weiterkommen zu nutzen, wie ich früher einmal gelernt habe, mir die schönsten Städte Europas durch die Nutzung des U-Bahn-Netzes zu erschließen. Wer die U-Bahn verstanden hat, versteht die Stadt viel besser.

Es ist alles da! Nur du noch nicht 🙂

Das ist eine schöne Metapher: Ich erschließe mir durch das Internet neue, bisher unbekannte Welten – und zwar nicht nur zum Zweck der Belustigung und Erholung. Nicht nur für Sightseeing und Konsum. Durch das Internet erfahre ich mittlerweile alles, was ich brauche, um mein Leben anders und besser zu gestalten. Ich begegne durch das Internet Menschen, die mit ähnlichen Fragen unterwegs sind wie ich. Die mir auf der Suche nach Antworten genauso helfen werden wie ich ihnen. Menschen und ihre Netzwerke, die in jeder erdenklichen Frage (Gesundheit, Beruf, Arbeit, Alter, Finanzen, Reisen, Politik, Technik und vieles mehr). Ich entdecke Menschen und Ideen, die mir vor dem Internetzeitalter entweder unbekannt waren oder versperrt. Das alles steht mir jetzt offen zur Verfügung: praktisch das ganze „Wissen der Welt“. Und zwar nicht nur als „Meer von Informationen“, in dem ich ertrinken könnte. Das Schöne ist: Das Internet ist strukturiert, und es ist ein Ort der Begegnung, des Austauschs, der gegenseitigen Beratung und Unterstützung.

Ich finde im Netz praktisch jede Form der Gemeinschaft von Menschen, die sich zu jedem erdenklichen Thema treffen, austauschen und gegenseitig weiterbringen. Auf youtube und vimeo gibt es zu jedem Thema der Welt, der Wissenschaft, der Kunst, der Technik oder der Wirtschaft Millionen von Videos, die mir verständlich erklären, was ich bisher nicht verstehe: Mathe, Chemie, das Bauen einer Brücke, das Gründen einer Firma, das Fischen, das Anlegen eines Gartens mitten in der Stadt – was auch immer du suchst, was auch immer dich interessiert und weiterbringen kann: es ist offen und kostenlos im Netz – und einfach zu finden.

Von Immanuel Kant stammt die Einladung: „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Die Chancen dafür waren nie so groß wie jetzt.

Drei Tipps für nächste Schritte

Schau dir Anja C. Wagners legendäres Video an. Motto: „Konkreter geht’s nicht“. Für Leseratten gibt’s hier ein aktuelles Buch über Bildung 4.0 – und für digitale Immigranten gibt’s hier Lesefutter.

Viel Erfolg in Digitalien!