Faule Ausreden

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Dass jede Ausrede faul sei, ist eine kühne Behauptung – und in Zeiten von „fake-true-Polaritäten“ weder be- noch widerlegbar. Sind Ausreden wirklich immer faul? Dann gäbe es ja auch keine mehr oder weniger faulen. Denn streng genommen ist „faul“ ein Adjektiv, das nicht gesteigert werden kann. „Der ist aber fauler als ich“ – das ist Sandkastenrhetorik. 

Was es jedoch gibt: den Fall, dass jemand felsenfest davon überzeugt ist, soeben eine Begründung geliefert zu haben, während sein (oder ihr) Gegenüber bloß eine Ausrede gehört hat. Das kommt besonders häufig an den Schnittstellen von Festhalten und Loslassen vor. Von Beharren und Verändern. Von gleich oder anders. Von Bewegung und Starre. Die formale Struktur der Ausrede ist dabei immer dieselbe, wie blumig auch immer sie daherkommt. Sie lautet: Es geht nicht, weil es nicht geht.

Dass so viele Menschen einfach überfordert seien mit Wandel und Entwicklung und Selbstverantwortung: das ist so eine Ausrede. Egal ob es um ein Teammitglied geht, das einfach nicht kooperativ sein will, um einen Schüler, der das selbstorganisierte Arbeiten einfach nicht hinkriegt, oder um Donald Trump, den narzisstischen Nerd. Diese drei und alle anderen tun etwas und anderes nicht und sind auf eine Weise, dass alles so sein muss, wie es ist, und sie sind der Grund dafür, dass es nicht anders werden kann. Soweit die Ausrede.

Mit Ausreden begründen wir jeweils den Status Quo, und zwar so: „Es ist, wie es ist, weil es so ist.“ Bequemer geht’s nicht, und auch nicht fauler (!). Unser Repertoire ist diesbezüglich unerschöpflich – und es passt immer. Darum pflegen wir es auch so liebevoll: Systeme, Politiker, Schüler, Banker, Lehrer: Sie sind halt so. Das ist ein ganz alter Hut: „Wir können Frauen das Wahlrecht nicht geben, oder Homosexuellen das gleiche Recht auf Be- und Erziehung, weil sie damit völlig überfordert sind. Verstehen sie das denn nicht? Sie haben das doch noch nie gemacht: Wie sollten sie es dann jetzt plötzlich können?“

Ausreden sorgen dafür, dass etwas so bleibt, wie es ist, weil es so ist, wie es ist. 

Der Trick und der Unterschied zu wirklichen Begründungen ist, dass Ausreden das, was sie zu begründen vorgeben, zum Hauptteil der Begründung machen. Was erklärt werden soll, wird zur Erklärung herangezogen. Ein alter, hoch wirksamer Taschenspielertrick. Dass wir Menschen nun mal nicht in selbstorganisierte Lernprozesse verwickeln können, wird damit begründet, dass sie nicht selbstorganisiert lernen können. Dass wir Menschen keine Verantwortung für sich und ihre Lernprozesse geben können liegt daran, dass sie keine Verantwortung für sich selbst und ihre Lernprozesse übernehmen können. Diese Logik ist bestechend.

Ausreden treten also an die Stelle von Begründungen. Sie machen keine Aussagen über das, was sie zu begründen vorgeben, sondern über den, der die (faule) Ausrede macht. Ausreden sind Selbst-Aussagen von Menschen, die sich etwas nicht vorstellen können. Womöglich. Womöglich können sie es aber doch, und greifen deshalb erst recht zur Ausrede, denn: Wo kämen wir denn hin, wenn plötzlich alle irgendetwas könnten, ja beherrschten oder einfach von ihren Rechten Gebrauch machen würden? So ganz ohne Zertifikat.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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