Bildung in der digitalen Zukunft: Jetzt wird’s ganz konkret!

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Auf einem barcamp über bildende Berufe der Zukunft. Foto: Christoph Laib

Buzzwords bevölkern den Äther. Key Notes fliegen uns um die Ohren. Aber Entwicklungen finden keine statt. Weil sich das Bildungssystem nicht verändert, wird es nach und nach ersetzt durch Alternativen. Warum werden Schulen und Hochschulen im großen Stil abgehängt? Weil ihre beiden Hauptmerkmale in Zukunft nicht mehr gefragt sind: Pädagogik und Didaktik. Das ist richtig dicke Post. Begründet wird diese Entwicklung an anderer Stelle ausführlich.

Immer wieder werde ich gefragt: „Wie sehen denn Bildung und Schule in Zukunft aus? Skizzieren sie mal was! Werden sie konkret!“ Nun: Einerseits gibt es die Alternativen schon. Es gibt sie digital (udacity, udemy, coursera, edX & Konsorten), und es gibt sie analog. Alternative Lernprojekte schießen wie Pilze aus dem Boden, wie jüngst wieder zu lesen war: Freie Schulen sind massiv im Kommen.

Und auch die Klienten des Bildungssystems haben entgegen der Vorurteile, die das System gegen sie hegt, sehr klare Vorstellungen von guter Bildungsarbeit:

Was also zeichnet erfolgreiche Bildung in Zukunft aus? Here we go:

Es gibt keine Fächer mehr

In Zukunft gibt es thematische Schwerpunkte und Anliegen, um die herum sich Interessierte gruppieren, mit dem Ziel, Lösungen zu erarbeiten. „Fächer“ sind dabei nur hinderlich. Lernen bedeutet reale Probleme lösen. Herausforderungen, vor denen ich und wir stehen. Gemeint ist damit aber nicht die nächste Prüfung oder das, was in Lehrplänen steht. Lernende Menschen lebenslang in Projekten. Bedarfs-, ergebnis- und produktorientiert. Ausschließlich an echten Themen.

Es gibt keine Klassen mehr

Projektgruppen formieren sich altersdurchmischt (abteilungs-, firmen- oder branchendurchmischt) anhand von aktuellen, relevanten Themen, selbstgewählten Aufgaben und Projekten. Sie haben immer ein bedarfsorientiertes Ziel, das selbstformuliert ist. Sie arbeiten als „communities of practice“ und praktizieren Social Workplace Learning. Sie sind „Kreise“ in Anlehnung an Holacracy – ein Konzept, das vor allem deshalb in Bildungskreisen abgelehnt wird, weil es Selbstverantwortung einfordert und kollaboratives Arbeiten. Dasselbe gilt cum grano salis auch für Scrum.

Es gibt keinen Unterricht mehr

Unterricht ist immer fremdgesteuert. Lernen immer selbstgesteuert. Deshalb sind alle Lernprozesse in Zukunft strukturell selbstorganisiert. Lernen und Bildung sind nicht mehr institutionell organisiert sondern dezentral. Lernende Menschen finden sich zu Projektgruppen zusammen. Sie organisieren, erschaffen und benutzen die Infrastruktur, die sie benötigen. Das Ressourcenmanagement ist selbstorganisiert, auch bezüglich der benötigen Informationen.

Es gibt keine Jahrgänge mehr

Menschen lernen voneinander. In jedem Alter. Altersdurchmischung vereinfacht und garantiert das Hineinwachsen in Selbstorganisation und Selbstverantwortung. Unterschiedliche Formen und Stufen der Kompetenzentwicklung inspirieren, ergänzen und skalieren sich gegenseitig.

Es gibt keine Prüfungen mehr

Es gibt vielfältige, an den jeweiligen Projekten und ihrem Bedarf ausgerichtete Formen der Dokumentation und der Präsentation im Sinne von „Auswertungen“. Menschen lernen sich selbst in Prozessen kennen und einschätzen. Sie holen sich über „appreciative inquiry“ Feedback, um die eigenen Entwicklungsprozesse zu gestalten, zu reflektieren und zu steuern. Leistungen werden kollaborativ erbracht. Individuelle Kompetenz & Expertise wird in selbstorganisierten, digitalen Portfolios dokumentiert.

I can do tests

Es gibt keine Noten mehr

Es gibt selbstgesteuerte (!) Feedback-Systeme, die mir ermöglichen, Selbst- und Fremdeinschätzung für meine eigene Entwicklung (mit zunehmendem Alter auch „Professionalisierung“) zu nutzen: Stärkenorientiert, potenzialorientiert, bedarfsorientiert. Bedarfe und Bedürfnisse zu erkennen, einzuschätzen und zu vernetzen, ist eines der wichtigsten Anliegen dieser Prozesse.

Es gibt keine Lehrpläne mehr

Den Prozessen sind keine Inhalte vorgegeben. Ziele werden in offenen Formen an Kompetenzen ausgerichtet und festgemacht. Das „Curriculum 4.0“ ist ein selbstorganisierter und ständig adaptierter Lernplan (zugleich Leitbild der Organisation). Er reduziert sich auf sieben Fragen:

a.    Was wollen wir erreichen

b.    Warum wollen wir es erreichen?

c.    Wie wollen wir es erreichen?

d.    Was müssen wir dazu können?

e.    Wie kommen wir dazu, das zu können?

f.     Wie sieht Hilfe dafür aus?

g.    Wie holen wir uns die?

 

Es gibt keine Lehrer mehr

„Den Lehrer, Dozenten oder Trainer, der im Frontalunterricht Wissen „vermittelt“, braucht man nicht mehr. Die Aufgabe, Wissen aufzubauen, erfüllt zukünftig jeder Lerner selbstorganisiert und zielgerichtet für seine persönlichen Bedürfnisse in innovativen Lern arrangements. … Benötigt werden hingegen Gestalter von Ermöglichungsrahmen der Kompetenzentwicklung und entsprechende Entwicklungsbegleiter“ (Erpenbeck, J./ Sauter, W. (2016). Stoppt die Kompetenzkatastrophe! Wege in eine neue Bildungswelt. Berlin–Heidelberg: Springer, S 101).

Die Funktion des Lehrens, von der das schulische Lernen immer nur eine Ableitung sein kann, und die Aufgaben der „Informationsvermittlung“, der Benotung, Prüfung, Selektion werden nicht mehr gebraucht. Didaktische und pädagogische Expertise sind nicht mehr gefragt. Gefragt sind Kompetenzen u.a. in den Bereichen systemisch-lösungsorientiertes Coaching, soziale Beratung, Mediation, Gestaltpsychologie, gewaltfreie Kommunikation, Moderation, (z.B. TZI-)Gruppenleitung, Gender- und Diversity-Kompetenz u.v.m.

Stephen Downes: „Ich wurde über die Jahre hinweg von unterschiedlichen Menschen inspiriert: John Lennon, Doug Gilmour, Neil Young, Arsinio Hall, Jose Bautista. Das sind meine ‚Rollen-Vorbilder‘. Das sind (unter anderen) die Menschen, die mich inspirieren. Nicht einer von ihnen ist Lehrer. Ergo: Niemand braucht Lehrer, um inspiriert zu werden. I don’t think that the field of education understands, in general, how much of what it does is also done by parents, role models, friends, professional associates, and more. Wenn die Kernfunktion des Vermittelns von einer Maschine ausgeführt werden kann, dann können die unterstützenden Funktionen wie Motivation, Inspiration, Sozialisierung, etc. von jeder anderen Person in der Gesellschaft ausgeführt werden. And, indeed, should be performed by everyone else in society.“

Es gibt kein Papier mehr

Das Informationsmanagement ist digital. Es gibt keine pädagogisch-didaktischen „Lehrbücher“. Alles ist open source. Papier findet nur als kreative Materie statt.

Lernen findet in Zukunft (wieder) ohne pädagogisch-didaktische Zwischenwirte statt. Menschen in jedem Alter entwickeln ohne pädagogisch-didaktische Umwege die Kernkompetenzen des 21. Jahrhunderts.

„Die notwendigen Veränderungen der Denk- und Handlungsweisen aller Beteiligten an Lernprozessen wird nur möglich sein, wenn sich die Strukturen grundlegend verändern, um die Kompetenzkatastrophe zu überwinden.“ (Erpenbeck, J./ Sauter ebd.)

Wenn Sie’s noch konkreter möchten, dann empfehle ich Ihnen, hier weiterzulesen: 

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Bildschirmfoto 2018-03-30 um 14.04.51

Veröffentlicht von

Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better learning experience, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together

11 Gedanken zu „Bildung in der digitalen Zukunft: Jetzt wird’s ganz konkret!“

  1. Thomas fasst seine Gedanken und Ideen sehr stichhaltig zusammen. Seine konkreten Anwendungsbeispiele, wie Slack oder den Einbezug von Wissensdatenbanken sind dabei genauso wertvoll, wie die Anregung für Lehrer neuen Technologien gegenüber stets offen, neugierig und optimistisch eingestellt zu sein!

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