Was Tesla mit dem Automarkt macht, wird die „Digital Education Community“ mit dem öffentlichen Bildungssystem machen: radikal disruptieren

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Ralf Schwartz hat in der Wirtschaftswoche eine Kolumne geschrieben, in der er ganz wunderbar beschreibt, wie Tesla der Automobilbranche nach und nach den Garaus machen wird. Nachdem ich das auf facebook geteilt und behauptet hatte, dasselbe würde demnächst mit den Bildungssystemen passieren, hat ein Kollege gefragt, wie ich das denn konkret meinen würde. Da mich der Gedankengang von Ralf Schwartz überzeugt hat, habe ich eine Experiment gemacht: Ich habe seinen Gedankengang (und viele wunderbare Formulierungen) übernommen und auf die Bildung übertragen. Das kam dann dabei raus:

Und wenn wir statt „Auto“ einfach „Bildung“ nehmen?

Die großen und innovativen Anbieter digitaler Bildungsformate (udemy, coursera, singularity university, udacity, edX u.v.m.), die mittlerweile mit immer mehr Konzernen zusammenarbeiten, haben nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Deutschsprachige Bildungspolitiker und ihre Schulleiter denken genau umgekehrt. Doch mit den zunehmenden Open-Source-Kulturen und dem heute beinahe selbstverständlichen open access in der wachsenden Network Education Community ist bewiesen, dass „Open Education Resources“ (OER) die Bildungsbranche disruptieren werden.

Der Siegeszug der freien Bildung erfolgt aber nicht nur über die großen, multinationalen Anbieter, sondern auch über den Umweg tausender kleiner Initiativen, über privat und genossenschaftlich finanzierte Schulen, durch Geld aus Eltern-, Stiftungs- und Mäzenenhand. Ihre Zahl und Qualität nimmt fast täglich zu, wie Netz-Recherchen leicht zeigen.

Und die öffentlichen Bildungssysteme? Keines ihrer Worst-Case-Szenarios (wenn sie überhaupt welche haben) rechnet bis heute damit, dass sich die neuen Netzwerke, die neuen Arbeitsmärkte und Industrien nicht mehr länger an die Kandare des Zertifizierungsfetischismus nehmen lassen. Hier wird es enorme Ein- und Aufbrüche geben.

Wie die neue „network economy“ den Bildungsmarkt übernehmen wird

  • Die Abgrenzung von Primarschule, Sek I und Sek II wird bald Vergangenheit sein. Junge Menschen orientieren sich in der Planung ihrer Berufsbiografie immer früher und immer enger an ihren Potenzialen entlang, die sie recht früh mit dem Bedarf eines völlig veränderten Arbeitsmarktes in Verbindung bringen. Über echte, funktionierende Netzwerke.
  • Das Lehrangebot der Hochschulen wird ersetzt durch interdisziplinäre und international vernetzte Prozesse des Kompetenzerwerbs. Diese sind dann eingebettet in professionell gepflegte Netzwerke, deren Aufgabe es ist, Bildung als Befähigung zu verstehen, nicht als Prozesse der Zertifizierung und Auslese.
  • Die Vermittlung von Grundlagenwissen als ehemaliges Kerngeschäft der Hochschulen wird vollständig digitalisiert. Studierende besorgen sich ihr Wissen innerhalb dafür designter Netzwerke. Sie haben die volle Verantwortung dafür übernommen, begleitet durch Coaches aus ihrem Netzwerk (Mitlernende, Vertreter aus Unternehmen und anderen Organisationen).
  • Aufgrund der radikalen Neuordnung der Berufe und der Arbeitsmärkte, werden die herkömmlichen Formen von Zertifizierung (Bachelor, Master, DAS, CAS, MAS, Diplom) hinfällig.
  • Gleichzeitig drängen immer mehr internationale, hoch kompetente Anbieter digitaler Bildungsformate in den Markt, die enorm erfolgreich sein werden, weil sie sehr direkt auf die Bedürfnisse der sich digitalisierenden Arbeitsmärkte der Schweiz zu antworten wissen.

Was die neuen Bildungsprotagonisten auszeichnet

Die neuen Bildungsprotagonisten verstehen also, dass der Arbeitsmarkt in wenigen Jahren nicht mehr wieder zu erkennen sein wird. Während die öffentlichen Bildungssysteme lethargisch ihren Zwangskunden, ihren Abnehmern und sich selbst weiterhin etwas vormachen (Zertifikat = Zukunft), dekonstruieren die Anbieter der offenen, digitalen Bildung den Markt mit voller Wucht.

Die digitalen Bildungscommunities haben verstanden, um was es wirklich geht: Um „Communities of Practice“ und um „Working out Loud„. Wir müssen uns selbst herausfordern, wenn es schon sonst keiner tut in der Bildungsbranche. Wir müssen den gesamten Bildungsmarkt in Angriff nehmen, und nicht nur eine alternative Marke neben den traditionellen Bildungssilos sein. Dieses Projekt kann und wird gelingen, weil das Denken der neuen Digital-Education-Communities nicht begrenzt ist durch geronnene, längst obsolete Strukturen, Konzepte und Kulturen. Die Digitale Bildung hat nichts zu verlieren und alles zu gewinnen. Unsere Bildungsverwalter denken genau umgekehrt.

Mutlose Pseudoinnovationen in den Bildungssilos

Die traditionelle Bildungs-Industrie ist mutlos. Auch ihre Kunden sind mutlos und ängstlich. Auch die Politik ist mutlos. In diesem Bermudadreieck der Mutlosigkeit kann natürlich kein kühner Plan funktionieren – der kommt meist gar nicht erst auf die Agenda.

Deshalb ist es auch kein Wunder, dass gefühlt alle drei Monate lediglich ein neues digitales Gadget in den sonst gleichbleibend langweiligen Präsenzunterricht eingebaut wird, oder dass die klassische Wissenslogistik halt mit ein wenig e-learning aufpimpt wird. Da hat man dann keine Zeit für einen großen Plan oder eine Vision. Man verliert sich lieber im tagesgeschäftlichen Kleingehäcksel, auf dem Niveau des Wimperntusche-Produktlebenszyklus.

Kreativ ist man heute allein in den Sonntagsreden der Politiker im Umfeld von Wahlen, oder wenn es sonst einfach nicht mehr anders geht. Dann werden mal eben ein paar Millionen für digitale Infrastruktur gesprochen – und fertig. Ansonsten saugt man sich die Existenzberechtigung der traditionellen Bildung aus den Fingern (Motto: „Keiner darf zurückbleiben“ – dabei bleiben ja heute schon viel zu viele zurück; nicht trotz sondern wegen des Bildungssystems), und man lügt sich den „Unique Selling Point“ einer Bildung für alle vor. Kreativ ist man in der Bildungsbranche aber nur noch in der weiteren Zerstörung der eigenen Bedeutung.

Die e-Bildungs-Biotope wachsen kontinuierlich

Statt sich den Markt mit Hilfe einer kurzsichtigen Klein-Klein-Spar-Politik zurechtzubiegen, krempelt die „Digital Education Community“ die ganze Branche um. Keine lästigen Präsenzpflichten mehr, keine geschlossenen Silos mehr, völlige Transparenz. Keine Informationslogistik mit sinnlosem Prüfungslernen mehr. Und jeder kann alles einsehen.

Konsequent zu Ende gedacht knackt die Digital Education Community also in einem – laut dem Lamento durchschnittlicher Bildungspolitiker – gesättigten Markt mindestens zwei marktbeherrschende Monopole: Den Zertifizierungswahn und die hierarchisierte Wissensvermittlung.

Es entstehen gerade überall e-Bildungs-Biotope, die das Potential zu einer demokratischen Revolution haben. Die digitale Überallverfügbarkeit lässt Zugangshürden purzeln, Qualität, Vielfalt und Begehrlichkeit steigen – und machen digitale Bildung immer unverzichtbarer.

Währenddessen gibt es weder in Schulen noch in Hochschulen digitale Lernformate, die auch nur annähernd die Qualität der internationalen, privaten Anbieter haben. Es gibt – wenn überhaupt – komplizierte Learning Management Systeme und jede Menge Berührungsängste auf Seiten der Lehrenden. Dabei könnte man die digitale Bildung heute so einfach unter die Leute bringen.

Außerhalb dieser Silos jedoch sind im Moment Abertausende MOOCs und kollaborative Learning Communities dabei, die Bildung auf ein neues Niveau zu hieven. Die Agilität und Flexibilität der neuen Bildungsanbieter wird von der staatlichen Bildungsindustrie ebenso sehr unterschätzt wie seinerzeit das iPhone von den Handyproduzenten.

Bald wird sich auch hier die Spreu vom Weizen trennen. Bald reicht es nicht mehr, einen weiteen CAS und MAS und DAS zu erfinden. Bald werden wahre Kreativität und disruptive Innovation state of the art sein. Spätestens, wenn die Wissens- und Informations-Monopole gefallen sind – was nicht mehr lange dauern wird. Experten sprechen schon jetzt von der besonders kreativen Dynamik und Nachhaltigkeit der offenen Lernnetzwerke.

Die öffentlichen Bildungssystem werden zwischen der Digital Education Economy und den zahllosen freien Netz-Communities zu Staub zerrieben

MIT, Stanford, Google und Co haben verstanden, dass ihr Investment mehr Früchte trägt, wenn sie den Markt kreativ zerstören und die Bildung nach ihren Regeln wie Phoenix aus der Asche neu auferstehen lassen. Wann endlich verstehen die Manager und Investoren der öffentlichen Bildungskonzerne, dass ihr gesamter Markt bedroht ist?

Bis zum Jahr 2025 wird die Digitalisierung die Schweizer Ökonomie komplett auf den Kopf gestellt haben. Die Konzepte der öffentlichen Bildungsanbieter, die in einer digital aufgepimpten Lehre stecken geblieben sind, werden keine Antwort auf die Bedürfnisse der neu entstandenen Arbeitsmärkte sein. Eine steigende Zahl von Berufen, auf die hin Berufs- und Hochschule weiterhin ausbilden, werden nach und nach weggefallen. Immer mehr Studierende an (Berufs-)Schulen und Hochschulen werden sich nach und nach woanders bilden, damit sie über ausreichend digitale Kompetenzen verfügen.

Das öffentliche Bildungssystem hat es versäumt, die Digitalisierung als eine radikale Kulturrevolution zu interpretieren. Es hat sich deshalb nicht hinreichend im internationalen Diskurs engagiert, der sich seit Beginn des 21. Jhd. gebildet hatte, um diese Herausforderungen kreativ und nachhaltig zu gestalten.

Deshalb wird es in den nächsten zehn bis 15 Jahren nach und nach in sich zusammenfallen.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

6 Kommentare zu „Was Tesla mit dem Automarkt macht, wird die „Digital Education Community“ mit dem öffentlichen Bildungssystem machen: radikal disruptieren“

    1. Erziehung und Bildung in der Volksschule geschieht primär durch Beziehung zu vertrauenswürdigen Personen. Die Frage ist hier, ob massgeschneiderte Computerprogramme in Zukunft die Lehrerin oder den Lehrer einfach mehr oder weniger ersetzen können. Was für ein Menschenbild steht hinter dem Ganzen? Wie steht es um die Entwicklung der menschlichen Werte? Vertrauen die Schülerinnen und Schüler letztlich den vorgefertigten Programmen oder doch der pädagogischen Intuition und dem Können gut ausgebildeter Lehrpersonen? Fragen über Fragen, die sich je länger je deutlicher stellen.

      Gefällt 2 Personen

      1. Vielen Dank für Ihren Kommentar. Gerne gehe ich darauf ein.
        Menschen brauchen zum Lernen keine Lehrer oder Lehrerinnen. Dass Lernen durch Beziehung geschieht, ist kein Argument für Schule und Lehrer. Dieses Argument („Lernen durch Beziehung“) höre ich ja sehr oft, wenn es darum geht, den Lehrerberuf zu retten. Wir Menschen sind aber ganz grundsätzlich in Beziehung, das macht uns aus.
        Überall, wo Menschen mit Hilfe digitaler Formate lernen, wo sie Devices, das WWW oder das Internet, Programme, Apps und vieles mehr für ihr Lernen nutzen, ändert das nichts daran, dass sie in Beziehung sind und bleiben: zu Mitmensch, Tier und Natur. Das Digitale ersetzt diese Beziehungen nicht. Ich weiß nicht, wie dieses Hirngespinst in die Debatte kommt. Das ist irreal. Die Digitalisierung wird nicht die Beziehung aus dem Lernen herauskürzen, aber sie wird den klassischen Lehrerberuf überflüssig machen. Völlig. Es braucht in Zukunft ganz andere Kompetenzen, wenn mann junge Menschen auf ihrem Lernweg begleiten möchte. Die werden aber weder in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen geschult, noch wird sowas in den Schulen praktiziert.
        Was also in Bälde kommen wird: „Schule“ als Design und Konstrukt (Klassenzimmer, sitzendes Lernen, Wissensvermittlung, Fächer am Stück, widersinnige Taktungen (meist 45 Minuten) – das alles wird zum Glück verschwinden. Es ist veraltet und hält Menschen jeden Alters von selbstbestimmtem, kreativem, potenzialorientiertem und sozialem Lernen ab.
        Sie sprechen Werte an: Schule, wie sie jetzt ist, vermittelt meines Erachtens grauenvolle Werte: Sie legt die Basis für unser veraltetes Geschlechterbild, sie produziert Vorurteile, die Menschen ein Leben lang beeinträchtigen („Jungs haben keine Lust auf Lesen und Schreiben“, „Mathe ist nichts für Mädchen“ usw.). Bitte schauen Sie sich mal dieses Video hier an (ca. 3 Minuten), da stehen mir die Haare zu Berge: http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/quarks-und-co/video-sind-schulnoten-objektiv-100.html
        Das macht Schule. Sie praktiziert bis heute Bulimiepädagogik: Wissenspakete verschlingen und zur Prüfung unverdaut heraus würgen. Schule macht junge Menschen zu Konkurrenzwesen durch das ganze Prüfungstheater, statt dass sie ihnen dabei hilft, sich zu echt kooperativen Wesen zu entwickeln.
        Schule ist für das, was unsere jungen Menschen brauchen, um das 21. Jahrhundert gemeinsam gestalten zu können, unbrauchbar.

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  1. Lieber Herr Schmitt
    Wenn ich Ihre Antwort lese, habe ich den Eindruck, dass Sie der Volksschule wenig Kredit einräumen. Sicher gibt es manche Gründe, um unserer Schule kritisch gegenüberzustehen. Vieles ist stark verbesserungsbedürftig und manche Fehlentwicklung hat einigen Schaden angerichtet. Aber meine eigenen Erfahrungen widersprechen ihrer These, dass Lehrpersonen letztlich überflüssig seien. Ich war über vierzig Jahre an der Primar- und der Oberstufe einer Agglomerationsgemeinde Im Kanton Zürich mit Freude als Klassenlehrer tätig.
    Meine pädagogische Tätigkeit lebte vor allem von der direkten Begegnung mit den Schülerinnen und Schülern. Gemeinsames Trainieren und Üben findet nicht nur bei den Bundesligaclubs unter Anleitung von Trainern statt, sondern genau so im Klassenzimmer. Bundesliga-Trainer setzen dabei auch technische Hilfsmittel ein, aber die unmittelbare Präsenz, der ständige Dialog mit den Spielern, spielt eine ganz entscheidende Rolle.
    Wenn eine Lehrperson eine Geschichtslektion in Form einer spannenden Erzählung der Klasse vermittelt, anschliessend Filmsequenzen zeigt und mit der Klasse diskutiert, ist das etwas ganz anderes als ein Bildungsprogramm an einem Computer. Oder möchten Sie das Einüben eines Theaterstücks, die gemeinsame Arbeit an Rollenspielen oder die Auseinandersetzung mit Goethes Zauberlehrling lieber einem pädagogisch ausgebildeten Roboter überlassen?
    Ich glaube, dass unsere Schule wirklich einiges von den neuen Medien übernehmen kann. Aber was genau sinnvollerweise delegiert werden kann, muss noch gründlich diskutiert werden. Ich glaube, dass wir erst am Anfang eines spannenden Dialogs stehen.
    Freundliche Grüsse
    Hanspeter Amstutz

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