Wer oder was ist gebildet? Eine Erzählung

labyrinth
http://www.laos-gmbh.com/images/labyrinth.jpg

Wir stehen gerade in einer radikalen Umwälzung, wenn es um die Beantwortung der Frage geht, wer wir sind. Bis vor wenigen Jahren war das durch „große Erzählungen“ wasserdicht geklärt: Wer wir sind und was wir hier sollen. Die Religionen waren da über Jahrtausende hinweg federführend. Sie lieferten den Stoff für den Sinn des Lebens. Gegenwärtig verlieren diese Erzählungen immer mehr an Strahlkraft und Wirkung. Die übrig Gebliebenen radikalisieren sich im Moment, bevor sie dann vollends verschwinden werden. In Zukunft bildet dann nicht mehr das, was erzählt wird, einen Sinn für uns. Sinn erleben wir vielmehr dadurch, dass wir überhaupt miteinander ins Erzählen und Zuhören kommen – und darin bleiben. Das ist die neue, kulturelle Herausforderung. 

Was hat das mit Bildung zu tun? Wann bin ich denn „gebildet“? Das Wort steht im Passiv. Es erweckt den Eindruck, dass jemand, eine Schule, ein Bildungssystem etwas mit mir macht. Das erleide ich dann. Mehr oder weniger passiv. Bis zum letzten Schultag. Erst werde ich gebildet, dann bin ich es. So die traditionelle „Erzählung“. So das Bildungsnarrativ, das bis heute ganz selbstverständlich gilt. Peter Bieri hingegen meint, bilden könne „sich jeder nur selbst“[1]. Dann wäre Bildung Eigeninitiative. Was auch immer andere dazu beitragen –  bilden kann ich mich nur selbst.

Was aber tun dann all jene, die sich institutionell für unsere Bildung zuständig erklären? Mit Martin Walser gesprochen nichts Gutes: „Es scheint beim Erzogenwerden darauf anzukommen, sich auch vor sich selbst zu verstellen. … Man soll sich selbst undeutlich sein. Dann widerspricht man nicht, wenn sie einem sagen, wer man ist.“[2]

Die Bildung ist ein normativ aufgeladenes Geschäft. Und in den ersten beiden Lebensjahrzehnten nicht unterschieden von der Erziehung. Das liegt wohl am Eifer des Gefechts, in dessen Verlauf die Bildung Normen transportiert bis zum Anschlag. Weil die „Erzählung“ dahinter so gestrickt ist: Bildung gibt Menschen- und Weltbilder an die nächste Generation weiter. Komme, was da wolle.

Die längste Zeit war unsere Bildungswelt christlich geprägt. Lange stand die christliche Tradition exklusiv für die Bewahrung exklusiver Erzählungen und für einen durch das Erzählte bestimmten Sinn. Damit alles an seinem Platz bleibt. Ganz wunderbar skizziert wird das in dem Schweizer Kinofilm „Die göttliche Ordnung“, der die letzten Tage vor der Einführung des Frauenstimmrechtes im Jahr 1971 nacherzählt. Acht Jahre danach erscheint François Lyotards Werk „La condition postmoderne“. Es diagnostiziert das Ende der grossen Erzählungen. Seither kann einen schon mal das Gefühl beschleichen, das wir ein wenig durcheinander gekommen sind.

Der Einfluss der Digitalisierung

Denn seit jenen Tagen wird die normative Funktion von Narrativen brüchig – ohne dass das Narrativ als solches überflüssig wäre. Neu ist: Im Kontext der Digitalisierung verschärft sich das Phänomen der Vielstimmigkeit ungemein. Der Kampf geht um Aufmerksamkeit, nicht um Deutung. Nicht was gebrüllt wird, ist entscheidend, sondern wie laut. Konsens gibt es da allenfalls noch als Choral – auch als einen der eingebundenen Misstöne: Flashmob.

Verstärkt (nicht hervorgerufen) wird diese Entwicklung durch die Digitalisierung der Kommunikation, der Kulturen, der Märkte. Narrative werden definitiv vielstimmig und verändern sich nur noch als Chor. Dabei greifen sie nicht mehr auf eine Partitur („normative Begründungen“) zurück, sondern komponieren sich singend – also erzählend. Halten wir das aus?

Der Sinn eines Narratives entsteht und vergeht heutzutage beim Erzählen. Er ist dem Gespräch nicht mehr vorgelagert. Er schöpft sich aus dem Hier und Jetzt, im spontanen Gestalten von Gemeinschaft – zu welchen Zwecken auch immer: um sich zu bilden, um Arbeit zu organisieren, um eine Gesellschaft zu sein. Die sich treffen, bilden sich für diesen Moment und ver-gehen dann wieder. Sie bringen ihre Narrative vielleicht mit, aber sie fordern sie nicht zwingend ein, weil der Sinn im Erzählen entsteht, nicht durch Erzähltes.

Das neue Paradigma: Erzählen schlägt Erzähltes

Was bedeutet das für die Bildungsarbeit? Es bedeutet: „Gemeinsames Erzählen bildet“. Erzählen hat noch immer die Funktion der Selbstvergewisserung. Aber jetzt nicht mehr, indem ich auf Erzähltes fokussiere, sondern auf das Erzählen selbst. Ob dieses Phänomen neu ist, weiss ich nicht, aber im Moment entwickelt es sich zu einem Paradigma. Zu einem Narrativ. Zu einer Art „Digital Derrida“.

Das Neue am neuen Narrativ ist: Was als Erzählung Sinn hat, entscheidet allein der Kontext – nicht bildet sich der Kontext durch das Erzählte. Das ist ein Paradigmenwechsel. Und wir sind mittendrin. „Sinn“ ist nicht mehr Teil einer Lieferung (als Buch, Unterricht, Vortrag oder Seminar), sondern Ergebnis eines kollaborativen Produktionsprozesses. Erzählgemeinschaften (Familien, Vereine, Seilschaften, Netzwerke) bilden sich nicht mehr um traditionelle Narrative herum. Sie bilden selber welche und verwerfen sie wieder. Das begegnet mir in digitalen Kulturen wie Makerspace, Coworking, Kollaboration und Blockchain andauernd.

Sich aus Erzähltem freischzuwimmen wird leichter

Das Gute daran ist: Ich werde als Individuum nicht auf mich selbst zurückgeworfen oder zum einsamen Sinnkonstruktivisten. Schon gar nicht „wegen dieser Digitalisierung“. Vielmehr arbeiten wir durch unser Erzählen und Zuhören fortwährend an unserer persönlichen Identität wie auch an der unserer Community. In diesem Prozess  verliert meine (Herkunfts-)Erzählung womöglich den Anspruch von Exklusivität, auch mir selbst gegenüber. Aber das kann ja auch eine ungeheure Befreiung sein. Nicht nur für die Frauen im Kampf um Gleichberechtigung in den Siebzigern. Nicht nur für schwule und lesbische Musliminnen und Muslime. Wenn Ursprungserzählungen ihre Deutungsmacht verlieren, gewinne ich ganz grundsätzlich auch an Freiheit: im Erzählen, im Zuhören, im gemeinsamen Produzieren von Sinn. Nicht auszudenken, was das im Schmelztiegel der Kulturen an Chancen bedeutet.

Sich aus Erzähltem frei zu schwimmen führt in immer neue Narrative. Nicht weil das Erzählte emanzipatorisch wirkt, sondern weil das Erzählen befreit. Handfest und heilsam. Durch die Digitalisierung eröffnen sich hier ganz neue Räume und Netzwerke. Gelegenheiten der Befreiung und der Verbindlichkeit auf Augenhöhe – letztlich der Bildung von Gemeinschaft. Nur eben ganz anders, als wir es gewohnt sind. Aber wem erzähle ich das…

[1] ZEITmagazin LEBEN, 02.08.2007 Nr. 32

[2] M. Walser/A. Ficus (1982): Heimatlob. Insel Taschenbuch, S. 34ff.

Advertisements

Didaktik als Kunst

In welcher anderen Branche wird das kooperative Moment ähnlich stiefmütterlich behandelt wie in der Lehre? Sie tut jedenfalls so, als ob „Lehren“ ganz grundsätzlich eine Sache von Einzelnen wäre. Zwar mit ganz viel Support im Hintergrund – aber auf der Bühne gilt dann „Stand-Alone“: Wie bei Geräten, „die eigenständig, ohne weitere Zusatzgeräte, ihre Funktion erfüllen können“ (Wikipedia).

Dass Lehr-Lern-Prozesse durch vielfältige Zusammenarbeit gewinnen und erst dadurch zu ihrer eigentlichen Grösse finden, das hat in Bildungskontexten wenig Plausibilität. Die Berührungsängste sind dort, wo Didaktik hinreicht, mit Händen zu greifen. Nicht erst dann, wenn Interdisziplinarität angesagt ist. Ganz anders die Erfahrungen beim 4. Bildungsbier an der Hochschule Luzern. Da ging es um die Frage, was Didaktik mit Kunst zu tun haben könnte. Und eine erste, starke Antwort lautet: Eine Menge, wenn sie dazu bereit ist, ihren Status als „Einzelleistung“ zu hinterfragen und sich auf das Phänomen des Kollaborativen einzulassen.

Erschaffen von Raum statt Kneten intellektuellen Hefeteigs

Dass Didaktik dann sogar zu einer Kunst wird, ist bereits zu Beginn in einer kleinen Performance mit Fabian Bautz spürbar: Die Anwesenden nehmen den Raum in Besitz und erschaffen ihn dadurch erst für ihre Zwecke. Sie realisieren, wer auch noch da ist (erstaunlicherweise sogar sie selbst). Nicht abschätzend und taxierend wie sonst so oft, sondern entdeckend – in der Bewegung.

Der Raum als „der dritte Lehrer“ (Reinhard Kahl)

Didaktik, die sich als Kunst versteht, beginnt damit, dass sie die Anderen im Raum entdeckt und dadurch den Lernraum erst erschafft – die „Anderen“ nicht als Objekte des Lehrens, sondern als Mitgestalter von Lernprozessen, die alle angehen. Didaktik als Kunst bedeutet Raum zu gewinnen. Es bedeutet gestaltungsfähig zu werden. Auch und vor allem körperlich. Hinaus aus den kognitiven Verengungen, indem ich den ganzen Körper nutze: als Sensorium, als Kompass, als Instrument der Kommunikation im künstlerischen Sinne: Als Klang- und Resonanzkörper, als Informationsquelle. So entstehen Beziehungen von fundamentaler Qualität – und erst dann wird Lernen lebendig. Das ist dicke Post, nicht wahr?

Auch die Musik (Silke Strahl, Saxophon/Raphael Loher, Keys) ist an diesem Abend nicht einfach ein weiterer Programmpunkt, sie ist nicht das nächste Thema auf der Agenda. Sie nimmt vielmehr auf und spinnt weiter. Sie leistet ihren eigenständigen Beitrag zur Entstehung des Lernens. Sie öffnet die Tür zu einer weiteren Dimension des Lernens, sie lockt in unbekannte Denk- und Vorstellungsräume. Sie thematisiert den Widerstand, ohne den nicht nur Flugzeuge am Boden bleiben, sondern auch das nachhaltige Lernen.

Silke Strahl am Tenor-Saxophon und Raphael Loher an seinem Wurlitzer

Das Ergebnis ist gar keines

Im zweiten Teil des Abends erschaffen die Teilnehmenden in kleinen Teams Kunstwerke. Die Künstlerin und Dozentin Karin Fromherz führt anschliessend durch die kleine, aber feine Vernissage. Zu sehen sind „noch warme“ Stücke einer Performance Art – entstanden in intensiven Prozessen der Verständigung. Das Hier und Jetzt wird als Ausdruck ergriffener Chancen sichtbar: Augenblickliche Gestaltung von Wirklichkeit, in der alle Beteiligten zum Vorschein kommen – und zwar eben nicht nur in den „Ergebnissen“, auf die die Didaktik bis heute starrt wie die Maus auf die Schlange. Womöglich kann uns die Kunst über die Wirklichkeit vor allem dies erzählen: Dass es entgegen der technisch-ökonomischen Verkürzung unseres Daseins auf Resultate („Credits“) gar keine Ergebnisse gibt, sondern nur Momente des Innehaltens und der Reflexion auf bisher Erreichtes, Verfehltes, Gelungenes und Ausstehendes. Das Kunstwerk ist dann eine Chiffre für das, was im Moment selbst maximal Gestalt anzunehmen versucht – darauf zielt womöglich auch die Formel der „Agilen Didaktik“ von Christof Arn.

Eine Auswahl der entstandenen „Performance-Kunst“

Didaktik als ästhetisches Meisterstück

Was Kunst ist, lässt sich entweder definieren oder erfahren – und Beides lässt sich nicht durch das Andere ersetzen. Ärmer werden die Didaktik und das Lernen allemal, wenn sie sich hauptsächlich aus ihren Definitionen speisen. Und mit Aristoteles und Thomas von Aquin lässt sich sagen: Nichts ist im Intellekt, was nicht durch die Sinne Zugang zu ihm gefunden hat. Und zwar fortlaufend. Die Erfahrung „macht“ die Sache und hält sie lebendig – allerdings nur im Fluss. Didaktik als Kunst bezieht die reale Welt nicht ins Lehren ein, sie setzt sich selbst dieser Welt aus. Und sie ist als Kunst immer kollaborativ: Gemeinsam erschaffend und gemeinsam verantwortlich für den Prozess und seine „Produkte“. Dass dies auch digital geschehen kann, mag den einen oder die andere verunsichern. Aber dazu mehr an anderer Stelle.

Karin Fromherz, Petra Müller-Csernetzky und Fabian Bautz haben das Bildungsbier als Expert*innen begleitet.

„Das ist dein Bier“ sagen wir, wenn wir jemanden auf seine oder ihre Verantwortung zurückwerfen. Hinein ins schöpferische Alleinsein, ins selber Ausbaden. Das vierte Bildungsbier hat gezeigt, dass gute Lehre von all dem das Gegenteil sein kann – und in Zukunft auch sein muss. Denn die Veränderungen, die die Bildung durch die Digitalisierung erfahren wird, können nicht im Modus eines Einzelkämpfers bewältigt werden. Die Digitalisierung macht aus uns erst recht Künstlerinnen und Künstler lebendigen Lernens und Lehrens, ausgestattet mit jeder Menge kreativer Kollaborationskompetenz.

Wer diesen Faden weiterspinnen möchte, dem und der sei dieses Projekt empfohlen: Der CAS „Didaktik als Kunst“. Da geht es dann um Lehren als Meisterschaft. Unsere nächsten beiden Bildungsbiere sind am 9. November und am 14. Dezember. Wir freuen uns sehr, dass auch Sie dabei sind.

Und zum Schluss noch drei Statements: Was ist Kunst für dich?

Was ist Kunst für den Musiker?
Was ist Kunst für Fabian Bautz?
Was ist Kunst für Christof Arn?