Über den Unterschied zwischen Analogistan und Digitalien

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Quelle: https://www.zhaw.ch/de/ueber-uns/aktuell/veranstaltungen/tagung-persoenlichkeitsbildung/

Im Kontext der Digitalisierung werde ich immer häufiger mit Stöhnen und Ächzen konfrontiert: „Ich kann es nicht mehr hören!“ höre ich da. Der Begriff „Digitalisierung“ sei doch leer. Dabei stehen wir ja erst am Anfang, quasi im Knie einer exponentiell anhebenden Kurve. Und: Wer auf der technischen Stufe stehen bleibt, wer „Digitalisierung“ nur als technische Spielerei oder als technologische Erweiterung unserer Möglichkeiten betrachtet, wird böse erwachen. Digitalisierung ist eine kulturelle Revolution, bei der in keinem unserer Lebensbereiche auch nur ein Stein auf dem anderen bleiben wird. 

Die meisten Strategien im Umgang mit der Digitalisierung sind im Moment analoge Stragegien. Konkret: Traditionelle Organisationsformen und ihre hierarchischen Organigramme werden digital aufgepimpt. Sie bleiben aber der Idee nach, was sie immer waren: Hierarchisch, ja eigentlich tribal. Digitale „Entrepreneur-Kulturen“ arbeiten hingegen in höchst agilen, hierarchiearmen, selbstorganisierten Prozessen, die aus analoger Perspektive gar nicht verstanden werden („Was machen die da?“)

Zwar werden Geschäftsprozesse mit Hilfe digitaler Technologie vordergründig  verschlankt. Sie bewegen sich aber noch immer in den alten Gleisen. Das HRM (Learning & Development, Talent Management, Recruiting, Mitarbeiterführung) wird immer mehr mit digitalen Tools durchsetzt. Es  funktioniert aber immer noch nach alten, analogen Überzeugungen und Reglementen. Das gesamte Bildungssystem hält an uralten Vorstellungen von Wissensvermittlung und Plandidaktik, von „Lehre“ und „Unterricht“ fest – mit dem einen Unterscheid, dass diese analoge Bildungskultur durch digitale Lehr- und Lerntechnik ergänzt wird. Nicht ohne kunstvolle Verschleppungspirouetten in den Reihen des lehrenden Personals.

Warum die Kultur den Unterschied macht

Nicht gesehen wird also, dass Analogistan und Digitalien völlig unterschiedliche Kulturen sind, die für einander jeweils ganz anders sind. Sie sind und bleiben vorerst fremd für die Angehörigen der jeweils anderen Kultur, weil sie beide gewachsene Kulturen sind: Die analoge ebenso wie die digitale Kultur. Das Fatale kommt jetzt: Aus einer analogen Perspektive erschöpft sich „Digitalisierung“, indem sie an sichtbaren Merkmalen festgemacht wird: Hardware, Devices, Oberflächen aller Art, Apps & Tools.

Die Unterschiede zwischen beiden Kulturen werden aber durch solche “sichtbaren Merkmale“ nicht sichtbar. Ein Beispiel: Ob ein Meeting analog oder digital durchgeführt wird, sagt nichts darüber aus, welche Kultur dahintersteckt: Den eigentlichen Unterschied, ob ein Team „digital“ unterwegs ist, erkennen wir an der Kultur, in der es unterwegs ist, in der also z.B. ein Meeting durchgeführt wird. Ein digitales Meeting in Analogistan wird zwar mit digitaler Technik durchgeführt, aber nach Maßgabe der analogen Kultur – und umgekehrt: ein analoges Meeting in Digitalien findet zwar in einem physischen Besprechungsraum statt, aber in einem “digitalen Geist”, der für einen „Bürger Analogistans“ nicht dadurch erkennbar wird, dass er mal eben an einem solchen Meeting teilnimmt. Er sagt dann womöglich: „Oh, wie bei uns…“

Der entscheidende Kulturwandel: Vom Visitor zum Resident  

Als Mensch, der in Digitalien oder in Analogistan beheimatet ist, trage ich also im Alltag immer die entsprechende Kultur mit mir. Ich kann sie nicht einfach abschütteln oder ablegen. Aber auch wenn ich als Angehöriger der einen Kultur eine Zeit lang in der anderen Kultur unterwegs bin,  erkenne und verstehe ich die Unterschiede erst dann, wenn ich wirklich „mitlebe“. Dann erst realisiere ich nach und nach, wie und wodurch die Kultur(en) anders ist/sind. Das verbirgt sich z.B. in dem Satz: Analoge Meetings laufen in Digitalien anders ab als digitale Meetings in Analogistan.

Ein “Digital Visitor” aus Analogistan erlebt diese Kulturunterschiede bei einem Besuch in Digitalien also nicht. Er sieht vor allem technische Unterschiede (aha: digitale Technik statt analoger Hilfsmittel) und was andere damit machen. Das ist wie bei einer Politikerin, die während einer Reise in den Iran ein Kopftuch trägt, was sie sonst womöglich nicht tun würde. Unter diesem Kopftuch trägt sie nämlich ihre Heimatkultur. Deshalb wird sie auch durch das Tragen eines Kopftuchs als „Politikerin auf Staatsbesuch“  weder Teil einer anderen Kultur noch spürt sie tatsächlich einen Unterschied zu ihrer eigenen Kultur. Anders wird das, wenn sie sich entscheiden würde, im Iran zu leben. Dann würde sie nach und nach erfahren, was das kulturell bedeutet – und zwar über die Unterschiede, die sie dann zu ihrer Herkunftskultur machen kann. Dieses Beispiel kann zeigen, wie groß der Einfluss einer Kultur bei der Beantwortung der Frage ist, welche Bedeutung z.B. ein Kopftuch hat. Auch die „Nutzung eines Smartphones“ erlaubt noch keine treffende Aussage darüber, ob der kulturelle Kontext dieser Nutzung ein digitaler ist oder ein analoger, und ob wir uns gerade „in Digitalien“ befinden oder „in Analogistan“. Wobei ich damit nicht die Kopftuchdebatte und die Digitalisierungsfrage auf eine Ebene stelle. Ich versuche den Unterschied zwischen sichtbaren Merkmalen und ihrer kulturellen Bedeutung an einem besonders auffälligen Beispiel zu verdeutlichen.

Erst wenn ein Digital Visitor sich entschieden hat, ein Digital Resident zu werden und in Digitalien “sesshaft” ist, wird ihm oder ihr nach und nach klar, was die Kultur in Digitalien im Unterschied zu Analogistan ist, wo er oder sie  ja ursprünglich herkommen. Das erschließt sich ihm und ihr nicht dadurch, dass sie mal eben eine Reise nach Digitalien unternehmen, dort an ein paar Meetings teilnehmen und sagen: Das nehme ich jetzt mal als “Souvenir” mit und “probier” das zuhause. Denn “zuhause” ist Analogistan, und sie sind dort Resident.

Womöglich ist auf diesem Hintergrund die Unterscheidung zwischen „Digital Native“ und „Digital Immigrant“ weniger hilfreich als die zwischen einem „Digital Visitor“ und einem „Digital Resident“. Oder wie jemand neulich meinte: „Digital Native ist man nicht. Digital Native wird man.“

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Kathrin Passig aus ihrer Internetkolumne Standardsituationen der Technologiekritik:

„Die mühsamere Therapie heißt Verlernen. … Der erwachsene Mensch kennt einfach zu viele Lösungen für nicht mehr existierende Probleme. Dazu kommt ein Hang zum Übergeneralisieren auf der Basis eigener Erfahrungen. (…) Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare. So lange wir uns nicht wie im Film Men in Black blitzdingsen lassen können, müssen wir uns immer wieder der mühsamen Aufgabe des Verlernens stellen.“

Zum Begriff der „Kultur“ empfehle ich interessierten LeserInnen: Dirk Baecker, Wozu Kultur?

 

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

4 Kommentare zu „Über den Unterschied zwischen Analogistan und Digitalien“

  1. Lieber Christoph,
    beim Lesen machte sich Unmut bei mir breit. „Was soll das Geraune?“ habe ich mich gefragt. Was will der Autor uns damit sagen? Geht es auch etwas konkreter?
    Wann bin ich drin, wann bin ich draußen? Das Benutzen eines Smartphones scheint nicht zu reichen (wie ja auch das Kopftuchtragen nicht). Und die, die drin sind, die erkennt jemand aus Analogistan eh nicht. Na ja, denke ich mir, dann lässt sich von denen auch nichts lernen.

    Und jetzt? Du hast es erkannt aber die anderen können nichts sehen. Schade. Da bist du dann einer der Propheten, die man zwar hört, doch nicht versteht…

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    1. Ich bin in erster Linie einer, der solche Erfahrungen gemacht hat, und der hier und da schreibend seine Erfahrungen teilt, verarbeitet, verknüpft, weiterdenkt. Der Text ist nicht mit der Absicht geschrieben, eine Botschaft zu senden. Das schließt nicht aus, dass er eine hat. Es war einfach nicht meine Absicht, eine loszuschicken. Ich denke laut, wenn ich schreibe. Dann zeige ich mit meinen Gedankenfingern auf etwas: „Kuck mal, da!“ Lässt du mir diese meine Erfahrung? Eine Erfahrung, die jemand anders nicht zu machen braucht?

      Von mir kannst du in der Tat nichts lernen. Das ist mein voller Ernst. Mit mir womöglich schon. Ich kann nur für mich sprechen: meine starke Vermutung ist: ich habe noch nie von anderen gelernt. An diesem Phänomen feile ich allerdings noch. Der Begriff ist so verseucht. Lernen.

      Ich finde Deine Ungeduld sehr sympathisch!

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      1. Ich habe ähnliches gedacht wie J. Bessel, und dank Ihrer Antwort fällt es mir jetzt leicht, den RSS Feed dieses Blogs wieder zu löschen – Bye.

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