Soll ich anklagen oder verurteilen? Und warum der Unterschied so wichtig ist

Quelle: dpa

Ich solle doch nicht ständig Menschen und ihr Verhalten verurteilen, wurde mir neulich der Vorwurf gemacht. Nur wer ohne Sünde sei, dürfe den ersten Stein werfen. So wisperte das Echo aus meiner Kindheit hinterher. Dann setzte zum Glück das Nachdenken ein. Wieder einmal. Und es begann mit der Frage: Hat mich da soeben einer für etwas verurteilt – oder hat er mich angeklagt?  

Es gibt einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen „Anklagen“ und „Verurteilen“, der meines Erachtens nicht nur der Sphäre des Gerichtlichen vorbehalten ist. Im juristischen Sinne ist die Anklage etwas, das formal erhoben werden muss. Ich muss sie quasi bei Gericht einreichen. Wird die Anklage angenommen, dann wird ein Verfahren eröffnet, das den Sachverhalt klärt. Am Ende dieses Verfahrens steht ein gerichtliches Urteil, das unter Umständen zu einer Verurteilung führt. Unter Umständen aber auch nicht. Referenzpunkt dafür sind die Gesetze und ihre Auslegung.

Anklagen als fundamentale Form moralischen Empfindens

Diese rechtlichen Vorgänge haben in der Sphäre des Moralischen einen Verwandten, der zugleich auch ihr Vorfahre ist. Das Anklagen als lautstarkes Hinweisen auf einen Missstand hat eine lange Geschichte. Sie geht weit hinter unsere ausgeklügelten Rechtssyteme zurück, wie wir sie heute in vielen Ländern ganz selbstverständlich vorfinden oder vermissen.

Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Anklagen ist eine ganz fundamentale Ausdrucksform unseres moralischen Empfindens. Sie wird vor allem in den Kontexten aktiv, in denen es um Gerechtigkeit und um deren Abwesenheit geht. Angeklagt wird dabei immer ein Tun. Sei es ein aktives Handeln, sei es ein Unterlassen, sei es, und das finde ich besonders interessant, ein Sprachhandeln wie Verleugnen, übles Nachreden, Verspotten, Verhöhnen, Verschweigen und vieles mehr, was wir mit Worten anrichten können.

Die geschichtlich alten Formen des Anklagens finden ihren Niederschlag übrigens auch im „Beruf“ des Propheten und der Prophetin. Beim Lesen in ihren (biblischen) Geschichten wird ein weiterer wichtiger Aspekt des Anklagens deutlich: Der Ankläger nimmt immer eine Art Mitteposition ein. Er klagt immer jemanden oder etwas gegenüber einer Instanz an – mit dem Ziel, einen Zustand des Unrechts aufzuheben – und nicht selten mit dem Ziel einer Genugtuung.

Was sich nicht wehren kann, braucht einen Ankläger

Das Anklagen läuft also niemals richtungslos ins Leere, wie das Klagen es unter Umständen tut. Das Klagen kann einfach ein lauter Schrei sein, der im Zorn, in Wut, Trauer und Schmerz anhebt. Das Anklagen hat hingegen immer einen klar artikulierten Gegenstand der Anklage – und es wendet sich immer an eine Instanz, von der Genugtuung erwartet wird. Oder Gerechtigkeit.

Be- oder gar verurteilt wird das und der Angeklagte also nicht von dem, der anklagt. Die Funktionen des Anklagenden und des Beurteilenden sind hinsichtlich einer möglichen Genugtuung auf unterschiedliche Rollen verteilt. Außer in diktatorischen oder anderswie rechtsarmen oder gar rechtsfreien Verhältnissen.

Ein Anklagen in diesen bis heute auftretenden Frühformen hat also immer auch einen Stellvertreteraspekt. Gerade, weil geschehene Ungerechtigkeit dem, dem sie widerfährt, genau dadurch die Möglichkeiten nehmen kann, sich zur Wehr zu setzen und sich Genugtuung zu verschaffen, gibt es die Funktion und Aufgabe des Anklagenden. Wir sagen heute: des Anklägers. Bis heute ist in gerichtlichen Verfahren von öffentlichem Interesse sogar vorgeschrieben, dass die Person, der Unrecht widerfährt, nicht dieselbe Person ist, die anklagt. Das ist Sache der öffentlichen Hand.

Nun zurück zur Behauptung des Anfangs: Es gibt einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen. Das Anklagen weist auf eine mehr oder weniger offensichtliche Form der Ungerechtigkeit hin (in juristischer Hinsicht sprechen wir von Rechtsverletzung). Es zeigt – metaphorisch gesprochen – mit dem Finger auf etwas, „das nicht stimmt“, etwas, das nicht mit rechten Dingen zugeht.

Im Zweifel für den Angeklagten und immer für die gerechte Sache

Eine Anklage ist deshalb immer auch durchsetzt mit Vermutungen. Vor Gericht und überall. Anklagen hat immer auch mit Vermutungen zu tun. Deshalb gilt einerseits: Lieber einmal mehr anklagen als einmal zu wenig – und andererseits: im Zweifel immer für den Angeklagten.

Das Anklagen schlägt sich immer auf die Seite eines offensichtlichen oder angenommenen Unrechts oder einer Ungerechtigkeit. Die Kataloge dessen, was alles unter „Unrecht“ und „Ungerechtigkeit“ fallen kann, sind lang. In moralischer Hinsicht lassen sie sich vereinfachend auf die goldene Regel zusammen schnurren: Eine Anklage im Sinne eines Hinweisens ist immer dort angebracht (oder könnte zumindest angebracht sein), wo einem Menschen etwas vorenthalten wird, was ihm als Mensch eigentlich vorbehaltlos zusteht. Wo ihm oder ihr etwas angetan wird, das Menschen nicht angetan werden soll: und Sachen, die Menschen gehören, und Tieren, einer „Umwelt“, der Natur u.v.m.

Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der Moral: Behandle einen anderen Menschen (und alles, was für das „Menschliche“ steht) stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Tu niemandem das an, was du nicht willst, das dir angetan werde – und in Kantischer Vollendung: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Verurteilung steht immer am Ende. Sonst vereitelt sie das Urteil

Ein Anklagen folgt also immer aus der Annahme, dass etwas Unrechtes begangen wurde. Und je stärker das angenommene Unrecht, umso lauter die Anklage. Ein Handeln oder Unterlassen zu verurteilen, ist etwas völlig Anderes. Nicht nur vor Gericht. Jede Form von Urteil steht immer am Schluss eines Verfahrens der Beurteilung. Nie am Anfang.

Ich wünsche mir, dass wir in der „neuen digitalen Öffentlichkeit“ zu einer Differenzierung finden, die auch im Kontext des Bashing und des Wutbürgertums zur Anwendung kommt. Dass wir eine gewisse Sensibilität dafür entwickeln, wo offensichtliches oder unter Umständen auch verstecktes Unrecht geschieht: Benachteiligung, Verwehrung von Chancen, Ausschluss von gesellschaftlichen Möglichkeiten u.v.m. Ich wünsche mir, dass wir eine Art Wahrnehmungskompetenz entwickeln. Dass wir spüren, wenn Propaganda und Manipulation an die Stelle von Information und Aufklärung treten. Dass wir ganz individuell unterscheidungsfähig werden. Dass wir sensibel werden für Unrecht; dafür, wenn einem Menschen, einem anderen Tier oder der Natur ein Recht genommen wird, das ihm und ihr zusteht.

Und dass wir dann Wege finden, darauf aufmerksam zu machen. Laut und deutlich. Dass wir durch Anklagen ein Interesse daran wecken, Zusammenhänge aufzuzeigen und zu klären. Sich in diesem Sinne zu einem Ankläger und zu einer Anklägerin zu machen, ist eine hohe moralische Notwendigkeit. Sie ist riskant und immer zugleich gefährlich, gerade weil wir den Unterschied zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen zu selten klarmachen.

Für mich ist es enorm wichtig, dass wir einen relevanten Unterschied machen UND erkennen zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen. Erst dadurch nutzen wir die Kraft der moralischen Beurteilung, um reales Unrecht von bloß vermutetem und scheinbarem zu unterscheiden.

Eine Anklage ist niemals dasselbe wie eine Verurteilung. Sie ermöglicht zuerst einmal die nötigen Klärungen und das Offenlegen von relevanten Zusammenhängen. Das Anklagen ermöglicht die Zuordnung von Verantwortung – gerade in den hochkomplexen Zusammenhängen, in denen wir heute unterwegs sind.

Das ist eine Menge wert in einer Welt, in der Verantwortung ein Ladenhüter ist.

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

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