Über den Unterschied zwischen Analogistan und Digitalien

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Quelle: https://www.zhaw.ch/de/ueber-uns/aktuell/veranstaltungen/tagung-persoenlichkeitsbildung/

Im Kontext der Digitalisierung werde ich immer häufiger mit Stöhnen und Ächzen konfrontiert: „Ich kann es nicht mehr hören!“ höre ich da. Der Begriff „Digitalisierung“ sei doch leer. Dabei stehen wir ja erst am Anfang, quasi im Knie einer exponentiell anhebenden Kurve. Und: Wer auf der technischen Stufe stehen bleibt, wer „Digitalisierung“ nur als technische Spielerei oder als technologische Erweiterung unserer Möglichkeiten betrachtet, wird böse erwachen. Digitalisierung ist eine kulturelle Revolution, bei der in keinem unserer Lebensbereiche auch nur ein Stein auf dem anderen bleiben wird. 

Die meisten Strategien im Umgang mit der Digitalisierung sind im Moment analoge Stragegien. Konkret: Traditionelle Organisationsformen und ihre hierarchischen Organigramme werden digital aufgepimpt. Sie bleiben aber der Idee nach, was sie immer waren: Hierarchisch, ja eigentlich tribal. Digitale „Entrepreneur-Kulturen“ arbeiten hingegen in höchst agilen, hierarchiearmen, selbstorganisierten Prozessen, die aus analoger Perspektive gar nicht verstanden werden („Was machen die da?“)

Zwar werden Geschäftsprozesse mit Hilfe digitaler Technologie vordergründig  verschlankt. Sie bewegen sich aber noch immer in den alten Gleisen. Das HRM (Learning & Development, Talent Management, Recruiting, Mitarbeiterführung) wird immer mehr mit digitalen Tools durchsetzt. Es  funktioniert aber immer noch nach alten, analogen Überzeugungen und Reglementen. Das gesamte Bildungssystem hält an uralten Vorstellungen von Wissensvermittlung und Plandidaktik, von „Lehre“ und „Unterricht“ fest – mit dem einen Unterscheid, dass diese analoge Bildungskultur durch digitale Lehr- und Lerntechnik ergänzt wird. Nicht ohne kunstvolle Verschleppungspirouetten in den Reihen des lehrenden Personals.

Warum die Kultur den Unterschied macht

Nicht gesehen wird also, dass Analogistan und Digitalien völlig unterschiedliche Kulturen sind, die für einander jeweils ganz anders sind. Sie sind und bleiben vorerst fremd für die Angehörigen der jeweils anderen Kultur, weil sie beide gewachsene Kulturen sind: Die analoge ebenso wie die digitale Kultur. Das Fatale kommt jetzt: Aus einer analogen Perspektive erschöpft sich „Digitalisierung“, indem sie an sichtbaren Merkmalen festgemacht wird: Hardware, Devices, Oberflächen aller Art, Apps & Tools.

Die Unterschiede zwischen beiden Kulturen werden aber durch solche “sichtbaren Merkmale“ nicht sichtbar. Ein Beispiel: Ob ein Meeting analog oder digital durchgeführt wird, sagt nichts darüber aus, welche Kultur dahintersteckt: Den eigentlichen Unterschied, ob ein Team „digital“ unterwegs ist, erkennen wir an der Kultur, in der es unterwegs ist, in der also z.B. ein Meeting durchgeführt wird. Ein digitales Meeting in Analogistan wird zwar mit digitaler Technik durchgeführt, aber nach Maßgabe der analogen Kultur – und umgekehrt: ein analoges Meeting in Digitalien findet zwar in einem physischen Besprechungsraum statt, aber in einem “digitalen Geist”, der für einen „Bürger Analogistans“ nicht dadurch erkennbar wird, dass er mal eben an einem solchen Meeting teilnimmt. Er sagt dann womöglich: „Oh, wie bei uns…“

Der entscheidende Kulturwandel: Vom Visitor zum Resident  

Als Mensch, der in Digitalien oder in Analogistan beheimatet ist, trage ich also im Alltag immer die entsprechende Kultur mit mir. Ich kann sie nicht einfach abschütteln oder ablegen. Aber auch wenn ich als Angehöriger der einen Kultur eine Zeit lang in der anderen Kultur unterwegs bin,  erkenne und verstehe ich die Unterschiede erst dann, wenn ich wirklich „mitlebe“. Dann erst realisiere ich nach und nach, wie und wodurch die Kultur(en) anders ist/sind. Das verbirgt sich z.B. in dem Satz: Analoge Meetings laufen in Digitalien anders ab als digitale Meetings in Analogistan.

Ein “Digital Visitor” aus Analogistan erlebt diese Kulturunterschiede bei einem Besuch in Digitalien also nicht. Er sieht vor allem technische Unterschiede (aha: digitale Technik statt analoger Hilfsmittel) und was andere damit machen. Das ist wie bei einer Politikerin, die während einer Reise in den Iran ein Kopftuch trägt, was sie sonst womöglich nicht tun würde. Unter diesem Kopftuch trägt sie nämlich ihre Heimatkultur. Deshalb wird sie auch durch das Tragen eines Kopftuchs als „Politikerin auf Staatsbesuch“  weder Teil einer anderen Kultur noch spürt sie tatsächlich einen Unterschied zu ihrer eigenen Kultur. Anders wird das, wenn sie sich entscheiden würde, im Iran zu leben. Dann würde sie nach und nach erfahren, was das kulturell bedeutet – und zwar über die Unterschiede, die sie dann zu ihrer Herkunftskultur machen kann. Dieses Beispiel kann zeigen, wie groß der Einfluss einer Kultur bei der Beantwortung der Frage ist, welche Bedeutung z.B. ein Kopftuch hat. Auch die „Nutzung eines Smartphones“ erlaubt noch keine treffende Aussage darüber, ob der kulturelle Kontext dieser Nutzung ein digitaler ist oder ein analoger, und ob wir uns gerade „in Digitalien“ befinden oder „in Analogistan“. Wobei ich damit nicht die Kopftuchdebatte und die Digitalisierungsfrage auf eine Ebene stelle. Ich versuche den Unterschied zwischen sichtbaren Merkmalen und ihrer kulturellen Bedeutung an einem besonders auffälligen Beispiel zu verdeutlichen.

Erst wenn ein Digital Visitor sich entschieden hat, ein Digital Resident zu werden und in Digitalien “sesshaft” ist, wird ihm oder ihr nach und nach klar, was die Kultur in Digitalien im Unterschied zu Analogistan ist, wo er oder sie  ja ursprünglich herkommen. Das erschließt sich ihm und ihr nicht dadurch, dass sie mal eben eine Reise nach Digitalien unternehmen, dort an ein paar Meetings teilnehmen und sagen: Das nehme ich jetzt mal als “Souvenir” mit und “probier” das zuhause. Denn “zuhause” ist Analogistan, und sie sind dort Resident.

Womöglich ist auf diesem Hintergrund die Unterscheidung zwischen „Digital Native“ und „Digital Immigrant“ weniger hilfreich als die zwischen einem „Digital Visitor“ und einem „Digital Resident“. Oder wie jemand neulich meinte: „Digital Native ist man nicht. Digital Native wird man.“

Schließen möchte ich mit einem Zitat von Kathrin Passig aus ihrer Internetkolumne Standardsituationen der Technologiekritik:

„Die mühsamere Therapie heißt Verlernen. … Der erwachsene Mensch kennt einfach zu viele Lösungen für nicht mehr existierende Probleme. Dazu kommt ein Hang zum Übergeneralisieren auf der Basis eigener Erfahrungen. (…) Wer darauf besteht, zeitlebens an der in jungen Jahren gebildeten Vorstellung von der Welt festzuhalten, entwickelt das geistige Äquivalent zu einer Drüberkämmer-Frisur: Was für einen selbst noch fast genau wie früher aussieht, sind für die Umstehenden drei über die Glatze gelegte Haare. So lange wir uns nicht wie im Film Men in Black blitzdingsen lassen können, müssen wir uns immer wieder der mühsamen Aufgabe des Verlernens stellen.“

Zum Begriff der „Kultur“ empfehle ich interessierten LeserInnen: Dirk Baecker, Wozu Kultur?

 

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„Ich halte die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch.“

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Quelle: http://www.netzpiloten.de/blog/

Eine aufrüttelnde und zugleich ermutigende Ansprache an junge Menschen anlässlich ihrer Matura – und an ihre Schule. Von Willi Bühler, Luzern.

Es braucht nicht unbedingt einen Mark Zuckerberg oder einen Steve Jobs, um auf Diplomfeiern an den Sinn von Bildung zu erinnern. Mir fiel vor wenigen Tagen die Rede des Gymnasiallehrers Willi Bühler in die Hände, die er an einer Maturafeier in Luzern gehalten hat. Er hat mir erlaubt, seine Worte im Netz zugänglich zu machen. Sie sind nicht nur eine klare Diagnose des aktuellen Bildungssystems. Sie sind zugleich eine wunderbare Einladung an die jungen Menschen, sich auf den Wert ihres Lebens einzulassen. Mit aller Kraft.

„Liebe Maturae, liebe Maturi

Ihr seid jetzt am Ende Eurer Schulzeit angekommen, genau wie ich, der ich in wenigen Wochen in Pension gehe. Ihr habt den grössten Teil Eures Lebens noch vor Euch, ich habe das bereits geschafft.

Ihr habt jetzt mindestens 12 Schuljahre überstanden und bekommt dafür heute Euer Maturazeugnis, ein Stück Papier, das die meisten von Euch nur einmal im Leben benötigt, nämlich dann, wenn Ihr Euch an der Universität einschreibt (wobei es egal ist, ob Ihr die Matura mit einem Durchschnitt von 4,2 geschafft habt oder mit 5,8).

Ich habe in den zehn Jahren meiner Unterrichtstätigkeit an dieser Schule viele interessante und aufgestellte Menschen kennen gelernt: Schülerinnen und Schüler, Lehrerkollegen, die Mitglieder der Schulleitung.

Aber trotzdem halte ich dieses Schulsystem für falsch.

Ich halte es für falsch, menschliches Wissen in Segmente zu zerschneiden, in sogenannte „Schulfächer“. Ich halte es auch für falsch, reproduzierbares Standardwissen in sogenannten Prüfungen abzufragen und mit Zahlen, sogenannten „Noten“ zu bewerten und so unter den Lernenden eine Konkurrenz zu schaffen, wo Kooperation viel wichtiger wäre.

Und vor allem halte ich die jahrelange Zwangsbeschulung für falsch, in der man gezwungen wird, Sachen zu lernen, nicht weil sie interessant sind, sondern weil man Angst vor einer schlechten Note hat. Erinnern wir uns doch daran, dass das deutsche Wort Schule eine Ableitung ist vom griechischen scholé, was nichts Anderes heisst als Muße zu haben das zu lernen, was einen interessiert.

Ist es nicht so: Sind wir motiviert und begeistern uns für etwas, dann lernen wir es in kürzester Zeit. Aber wenn uns etwas nicht interessiert, dann ist Lernen eine Qual, und wir tun das nur, weil sonst eine schlechte Note droht. Kein Wunder, wird zwangsgelerntes Wissen nach der Prüfung sofort wieder vergessen…

Es gibt in unserer Gesellschaft drei Gebäudetypen, die sich erschreckend ähnlich sehen: Schulen, Kasernen und Gefängnisse. Alle drei Gebäudetypen stammen aus der Neuzeit und dienen demselben Zweck: Menschen tauglich zu machen für eine Gesellschaft, die sich immer mehr ökonomischen Zwängen unterwirft. Wenn Ihr heute also aus der Hand des Rektors Eure Entlassungspapiere erhaltet, dann geltet Ihr als tauglich – aber tauglich wofür?

Ich könnte mir ein Bildungssystem vorstellen, das das ganze Leben umfasst, in dem man sich nicht in Kindheit und Jugend das Gehirn vollstopft, sondern Bildung dann beansprucht, wenn man sich dafür interessiert und dafür reif ist.

Viele von Euch werden jetzt studieren. Mein Appell an Euch: Studiert, was Euch Spass macht, oder besser: was Euch Erfüllung bringt. Wählt Euer Studienfach nicht nach der ökonomischen Nützlichkeit! Je nachdem, wie sich die Gesellschaft entwickelt, werden Einige von Euch später vielleicht keine Lohnarbeit finden. Seht das als Chance das zu tun, was Sinn macht. Warum soll Hausarbeit, Kinder aufziehen, Gärtnern, Krankenpflege oder Strassenwischen weniger wert sein als ein CEO- oder Professorenjob?

Das Wie ist entscheidend, nicht das Was! Wer sich über Lohnarbeit und Prestige definiert weiss nichts mit sich anzufangen! Aufmerksame Achtsamkeit bei dem was man gerade hier und jetzt tut ist bei allen Tätigkeiten möglich.

Ihr habt jetzt zwölf Jahre Schule hinter Euch, zwölf Jahre Zwangsbeschulung, Entmündigung und geschützter Werkstatt. Die Schule bot Euch einen Rahmen, der Euer Gesichtsfeld einengte.

Rahmen können durchaus sinnvoll sein in einer Welt schier grenzenloser Freiheit. Ich weiss nicht, ob ihr den Rahmen, den Euch die Schule bot, ausgefüllt habt oder ob ihr ängstlich in einer Ecke des Rahmens zusammengekauert die Schulzeit überstanden habt. Jetzt ist es aber höchste Zeit, diesen Rahmen zu sprengen und ins Freie zu gehen! Freiheit lernt man nur in Freiheit!

Fast alles im Leben ist ungewiss, doch eine Sicherheit haben wir: wir alle werden sterben, früher oder später. Der Tod ist unser Schatten, unser tödlicher Begleiter, der uns eines Tages auf die Schulter klopfen wird. Ich weiss, das ist ein ungewöhnlicher, vielleicht sogar ein schockierender Gedanke für eine Maturarede. Doch als Vertreter des Faches Religionskunde möge es mir gestattet sein, über den Tellerrand, besser: Lebensrand, hinauszuschauen.

Nur der Tod zwingt uns, jeden Tag so zu leben, als wäre er unser letzter, so zu leben, dass wir einmal sagen können: OK, ich habe ein gutes Leben gehabt, ich bin bereit. Vielleicht können hier Religionen hilfreich sein mit ihrem Anspruch, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Was mich an den Religionen fasziniert ist die menschliche Phantasie und Kreativität, etwas, das sich nicht beschreiben lässt, doch zu beschreiben, oder präziser: zu umschreiben. Religion ist in meinen Augen die Fähigkeit, den Dingen und meinem Leben einen Sinn zu geben. Da wir alle phantasiebegabte Wesen sind, warum sollen wir diese Phantasie nicht dazu benutzen, unser Leben möglichst reich und grossartig zu gestalten?

Machen wir ein kleines Experiment: Versucht Euch an den Weg zur heutigen Maturafeier zu erinnern. Gab es da nicht einen Moment, wo Ihr in Eurer Erwartungshaltung gestört wurdet?

Erinnert Euch: das kann ein Lichtreflex sein in der Windschutzscheibe, ein ungewöhnlicher Vogelruf, ein kurzer Moment nur…

Ein winziger Augenblick – und schon vergangen und vergessen.

Ich behaupte jetzt, dass durch diesen Riss in der Zeit für einen kurzen Moment eine andere Welt aufblitzte. Der letztes Jahr verstorbene Songpoet Leonard Cohen kannte diese blitzhafte Unterbrechung des Alltags als er schrieb: „There’s a crack in everything, that‘s how the light comes in.“ („Es gibt einen Riss in allen Dingen, durch den das Licht eindringt“). Cohen wurde in eine jüdische Familie geboren. Fromme Juden glauben, dass jede Sekunde das Tor sein kann, durch das der Messias kommt.

Auch der englische Künstler-Dichter William Blake kennt diese Achtsamkeit für das Unscheinbare, er schrieb schon vor zweihundert Jahren: „If the doors of perception were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.“ („Wenn die Tore der Wahrnehmung gereinigt sind wird alles so erscheinen wie es ist: unendlich.“)

Zusammen mit Cohen und Blake behaupte ich nun, dass dieser kurze Augenblick – jederzeit möglich, man braucht ihn nicht „mystisch“ zu nennen – wichtiger ist als alle Maturazeugnisse dieser Welt.

Das ist es, was der buddhistische Patriarch Bodhidharma dem chinesischen Kaiser zur Antwort gab auf die Frage, was das Geheimnis des Buddhismus sei: „Offene Weite – nichts von heilig“…

Offene Weite – nichts von heilig…

Das wünsche ich Euch nach bestandener Matura: die Offenheit für dieses Aufblitzen eines gelungenen Lebens, diese Achtsamkeit für die Unterbrechungen der Alltagsroutine, wo immer Ihr auch seid!

Danke für Eure Aufmerksamkeit!“

 

Soll ich anklagen oder verurteilen? Und warum der Unterschied so wichtig ist

Quelle: dpa

Ich solle doch nicht ständig Menschen und ihr Verhalten verurteilen, wurde mir neulich der Vorwurf gemacht. Nur wer ohne Sünde sei, dürfe den ersten Stein werfen. So wisperte das Echo aus meiner Kindheit hinterher. Dann setzte zum Glück das Nachdenken ein. Wieder einmal. Und es begann mit der Frage: Hat mich da soeben einer für etwas verurteilt – oder hat er mich angeklagt?  

Es gibt einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen „Anklagen“ und „Verurteilen“, der meines Erachtens nicht nur der Sphäre des Gerichtlichen vorbehalten ist. Im juristischen Sinne ist die Anklage etwas, das formal erhoben werden muss. Ich muss sie quasi bei Gericht einreichen. Wird die Anklage angenommen, dann wird ein Verfahren eröffnet, das den Sachverhalt klärt. Am Ende dieses Verfahrens steht ein gerichtliches Urteil, das unter Umständen zu einer Verurteilung führt. Unter Umständen aber auch nicht. Referenzpunkt dafür sind die Gesetze und ihre Auslegung.

Anklagen als fundamentale Form moralischen Empfindens

Diese rechtlichen Vorgänge haben in der Sphäre des Moralischen einen Verwandten, der zugleich auch ihr Vorfahre ist. Das Anklagen als lautstarkes Hinweisen auf einen Missstand hat eine lange Geschichte. Sie geht weit hinter unsere ausgeklügelten Rechtssyteme zurück, wie wir sie heute in vielen Ländern ganz selbstverständlich vorfinden oder vermissen.

Denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Anklagen ist eine ganz fundamentale Ausdrucksform unseres moralischen Empfindens. Sie wird vor allem in den Kontexten aktiv, in denen es um Gerechtigkeit und um deren Abwesenheit geht. Angeklagt wird dabei immer ein Tun. Sei es ein aktives Handeln, sei es ein Unterlassen, sei es, und das finde ich besonders interessant, ein Sprachhandeln wie Verleugnen, übles Nachreden, Verspotten, Verhöhnen, Verschweigen und vieles mehr, was wir mit Worten anrichten können.

Die geschichtlich alten Formen des Anklagens finden ihren Niederschlag übrigens auch im „Beruf“ des Propheten und der Prophetin. Beim Lesen in ihren (biblischen) Geschichten wird ein weiterer wichtiger Aspekt des Anklagens deutlich: Der Ankläger nimmt immer eine Art Mitteposition ein. Er klagt immer jemanden oder etwas gegenüber einer Instanz an – mit dem Ziel, einen Zustand des Unrechts aufzuheben – und nicht selten mit dem Ziel einer Genugtuung.

Was sich nicht wehren kann, braucht einen Ankläger

Das Anklagen läuft also niemals richtungslos ins Leere, wie das Klagen es unter Umständen tut. Das Klagen kann einfach ein lauter Schrei sein, der im Zorn, in Wut, Trauer und Schmerz anhebt. Das Anklagen hat hingegen immer einen klar artikulierten Gegenstand der Anklage – und es wendet sich immer an eine Instanz, von der Genugtuung erwartet wird. Oder Gerechtigkeit.

Be- oder gar verurteilt wird das und der Angeklagte also nicht von dem, der anklagt. Die Funktionen des Anklagenden und des Beurteilenden sind hinsichtlich einer möglichen Genugtuung auf unterschiedliche Rollen verteilt. Außer in diktatorischen oder anderswie rechtsarmen oder gar rechtsfreien Verhältnissen.

Ein Anklagen in diesen bis heute auftretenden Frühformen hat also immer auch einen Stellvertreteraspekt. Gerade, weil geschehene Ungerechtigkeit dem, dem sie widerfährt, genau dadurch die Möglichkeiten nehmen kann, sich zur Wehr zu setzen und sich Genugtuung zu verschaffen, gibt es die Funktion und Aufgabe des Anklagenden. Wir sagen heute: des Anklägers. Bis heute ist in gerichtlichen Verfahren von öffentlichem Interesse sogar vorgeschrieben, dass die Person, der Unrecht widerfährt, nicht dieselbe Person ist, die anklagt. Das ist Sache der öffentlichen Hand.

Nun zurück zur Behauptung des Anfangs: Es gibt einen ganz grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen. Das Anklagen weist auf eine mehr oder weniger offensichtliche Form der Ungerechtigkeit hin (in juristischer Hinsicht sprechen wir von Rechtsverletzung). Es zeigt – metaphorisch gesprochen – mit dem Finger auf etwas, „das nicht stimmt“, etwas, das nicht mit rechten Dingen zugeht.

Im Zweifel für den Angeklagten und immer für die gerechte Sache

Eine Anklage ist deshalb immer auch durchsetzt mit Vermutungen. Vor Gericht und überall. Anklagen hat immer auch mit Vermutungen zu tun. Deshalb gilt einerseits: Lieber einmal mehr anklagen als einmal zu wenig – und andererseits: im Zweifel immer für den Angeklagten.

Das Anklagen schlägt sich immer auf die Seite eines offensichtlichen oder angenommenen Unrechts oder einer Ungerechtigkeit. Die Kataloge dessen, was alles unter „Unrecht“ und „Ungerechtigkeit“ fallen kann, sind lang. In moralischer Hinsicht lassen sie sich vereinfachend auf die goldene Regel zusammen schnurren: Eine Anklage im Sinne eines Hinweisens ist immer dort angebracht (oder könnte zumindest angebracht sein), wo einem Menschen etwas vorenthalten wird, was ihm als Mensch eigentlich vorbehaltlos zusteht. Wo ihm oder ihr etwas angetan wird, das Menschen nicht angetan werden soll: und Sachen, die Menschen gehören, und Tieren, einer „Umwelt“, der Natur u.v.m.

Das ist der kleinste gemeinsame Nenner der Moral: Behandle einen anderen Menschen (und alles, was für das „Menschliche“ steht) stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Tu niemandem das an, was du nicht willst, das dir angetan werde – und in Kantischer Vollendung: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“

Verurteilung steht immer am Ende. Sonst vereitelt sie das Urteil

Ein Anklagen folgt also immer aus der Annahme, dass etwas Unrechtes begangen wurde. Und je stärker das angenommene Unrecht, umso lauter die Anklage. Ein Handeln oder Unterlassen zu verurteilen, ist etwas völlig Anderes. Nicht nur vor Gericht. Jede Form von Urteil steht immer am Schluss eines Verfahrens der Beurteilung. Nie am Anfang.

Ich wünsche mir, dass wir in der „neuen digitalen Öffentlichkeit“ zu einer Differenzierung finden, die auch im Kontext des Bashing und des Wutbürgertums zur Anwendung kommt. Dass wir eine gewisse Sensibilität dafür entwickeln, wo offensichtliches oder unter Umständen auch verstecktes Unrecht geschieht: Benachteiligung, Verwehrung von Chancen, Ausschluss von gesellschaftlichen Möglichkeiten u.v.m. Ich wünsche mir, dass wir eine Art Wahrnehmungskompetenz entwickeln. Dass wir spüren, wenn Propaganda und Manipulation an die Stelle von Information und Aufklärung treten. Dass wir ganz individuell unterscheidungsfähig werden. Dass wir sensibel werden für Unrecht; dafür, wenn einem Menschen, einem anderen Tier oder der Natur ein Recht genommen wird, das ihm und ihr zusteht.

Und dass wir dann Wege finden, darauf aufmerksam zu machen. Laut und deutlich. Dass wir durch Anklagen ein Interesse daran wecken, Zusammenhänge aufzuzeigen und zu klären. Sich in diesem Sinne zu einem Ankläger und zu einer Anklägerin zu machen, ist eine hohe moralische Notwendigkeit. Sie ist riskant und immer zugleich gefährlich, gerade weil wir den Unterschied zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen zu selten klarmachen.

Für mich ist es enorm wichtig, dass wir einen relevanten Unterschied machen UND erkennen zwischen dem Anklagen und dem Verurteilen. Erst dadurch nutzen wir die Kraft der moralischen Beurteilung, um reales Unrecht von bloß vermutetem und scheinbarem zu unterscheiden.

Eine Anklage ist niemals dasselbe wie eine Verurteilung. Sie ermöglicht zuerst einmal die nötigen Klärungen und das Offenlegen von relevanten Zusammenhängen. Das Anklagen ermöglicht die Zuordnung von Verantwortung – gerade in den hochkomplexen Zusammenhängen, in denen wir heute unterwegs sind.

Das ist eine Menge wert in einer Welt, in der Verantwortung ein Ladenhüter ist.

Mehr Gedanken dazu finden Sie in meinem Buch über ethische Bildung:

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Eine Leseprobe gibt es hier – und ein Gespräch mit Gunnar Sohn zur Ethischen Bildungsarbeit ohne Zeigestock finden Sie hier.

Warum wir auch in Zukunft eine Unterschicht brauchen. Eine Polemik.

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Der Physiker Michio Kaku geht davon aus, dass vor allem repetitive Jobs in Zukunft nicht mehr von Menschen erledigt werden, sondern von Robots. Diese These erklärt er hier im Video. Ich hingegen vermute, dass vor allem die repetitiven Jobs bleiben werden. Die Leute werden einfach nicht mehr dafür bezahlt.

Ich vermute das, weil sich Kultur immer viel, viel langsamer verändert als Technik oder Organisation oder Abläufe. Unsere Kultur baut vor allem auf einem „Oben-Unten“-Gegensatz auf, der im Moment alles andere als kleiner wird und der das Ganze trägt: White und blue collar, Gymnasium und Hauptschule, Arbeit und Hartz 4, Frauen und Männer, Ansässige und Geflüchtete, Lehrer und Belehrte, Gewinner und Verlierer, und so weiter und so fort. Der Rassismus hat für mich eine ähnliche Funktion. Es gibt immer diesen Gegensatz. Anders kennen und können wir Kultur nicht. Sie gebiert diesen Gegensatz und teilt die Menschheit ein und auf. Bis hinein in die Stadt- und Wohnviertel, und erst recht in die Regionen der Welt. Wo die einen wohnen, wohnen die anderen nicht – außer es gibt genug kulturelle Abgrenzungsrituale („Zäune“).

Deshalb vermute ich, dass unsere Kultur an dieser Unterscheidung so lange wie nur möglich festhalten wird. Nicht zuletzt deshalb, weil das Meiste, was wir im Moment und auch in Zukunft tun, im Innersten davon geprägt und angetrieben ist, „nicht zu denen gehören zu müssen“, „nicht abzusteigen“, „sich klar abzugrenzen“. Das zugehörige Narrativ: „Versicherung“ – durch Policen, Verträge und Sprachspiele. Durch die Art wie wir reden („Sprachcode“), mit wem wir in den Sozialen Medien unterwegs sind, mit wem wir unsere Freizeit verbringen, mit wem wir arbeiten und so weiter. Wir haben Angst, bei den Abgehängten zu landen, und das bringt diese Abgehängten auch in Zukunft erst hervor. Ihren Stand, ihre Kultur – und damit unsere gemeinsame.

Wir können nicht ohne die Unterschicht – deshalb werden wir auch immer eine entsprechende Arbeit für sie haben. Das ist zynisch. Aber es ist Realität.

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Meinungsbildung von unten nach oben – Live-Talk in der Bundeszentrale für politische Bildung #FutureHubs #D2030

Warum an sich gut gedachte Reaktivierungsvorschläge für die Zukunft der Demokratie auch in Sozialromantik abdriften können: Digitalien und Analogistan sind nun mal keine sich ausschließende Wege der Vergemeinschaftung mehr…

Quelle: Meinungsbildung von unten nach oben – Live-Talk in der Bundeszentrale für politische Bildung #FutureHubs #D2030