Alles kann – nichts muss

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Behauptet Lemucs Blog. Echt jetzt?

Alles kann – nichts muss. Diesen Spruch kenne ich aus der Dating-Szene des Internets. Dort wo wir uns anpreisen, verkuppeln und offenbar doch nicht mehrheitlich in einer mehrheitlich dauerhaften Kiste landen. Oder sonstwie glücklich werden. Sonst würden diese Plattformen nicht seit vielen Jahren boomen. Sei es für teuer Geld wie Parship & Co – oder gratis und halbgratis in den Chatrooms. 

Nicht dass Dauerhaftigkeit ein notwendiges Lebensziel wäre oder gar eine Tugend. Alles Lebendige zerfällt bekanntlich irgendwann, und vielleicht ist das Narrativ vom Dauerhaften, vom „bis dass der Tod euch scheidet“ eine längst auserzählte Schimäre. Oder zumindest eine Erzählung unter vielen. Vielleicht hat ja die blühende Marktwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg diese Story gebraucht. Von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, vulgo: Brutstatt für willige Arbeitskräfte, eingelullt in göttlich geordnete Rollen und Funktionen, parat geschliffen durch ein unflexibles, eintöniges Bildungssystem. Und überall „Canale Grande“.

„Alles kann – nichts muss“ klingt da wie eine radikale Gegenbewegung. Raus aus der Mühle der Verpflichtungen, hinein in den Raum der Möglichkeiten. Das Internet macht’s möglicher. Der Zynismus dahinter ist: Die Beliebigkeit ist eine nur vorgeschobene. Ein Schutzwall. Geboren aus dem Unwillen sich festzulegen, sich zu outen: „Ich will bumsen, Schätzchen“. Das kann ich ja so einfach nicht sagen. Eher sage ich: „Alles kann, nichts muss.“ Dabei gilt eigentlich: Bumsen ist ok. Nicht nur weil weit verbreitet. Es gehört zum Leben wie Essen und Trinken. Nur machen wir da weitaus weniger Gewese als beim Instant Sex: indem wir uns falsche Profile geben, uns eine Identität zusammen lügen, so tun, als wäre alles möglich und nichts verpflichtend.

Das ist Bullshit. 

Natürlich muss ich mich nicht festlegen. Aber über weite Strecken bin ich es nun mal. Festgelegt. Weil ich ein Mensch unter Menschen bin. In Kontexte verwoben. Und eine biologische Uhr bin ich auch, die bekanntlich nur einmal aufgezogen wird. Und dann ist es so:  Jeder Wunsch, nach Entfesselung fesselt. Jede Sehnsucht nach Freiheit bindet. Jedes Losreißen sucht die Umarmung. Krass, oder? Wir sind schon ein paradoxes Völkchen. Und nicht leicht auszuhalten. Deshalb haben wir womöglich diesen Refrain entwickelt, den wir jetzt durchs Beziehungsnetz summen: „Hey, alles kann, nichts muss.“

Ich muss mal

Er gehört zu den ersten Perlen im Wortschatz der Kinder: Der Satz „Ich muss mal“. Wir müssen alle. Mal mehr, mal weniger. Und es gehört zu den ersten brutalen Lernerfahrungen des Lebens, dass ich nicht immer und überall mein Geschäft machen kann.  Sigmund Freud: Nicht alles kann – auch wenn ich gerade dringend muss. Auch beim Bumsen. Freud nennt das „Kultur“.

Kultur steht für „Machen wir uns doch was vor“. Zum Beispiel, dass das Leben tatsächlich einen Sinn hat außer Fortpflanzung, dass es einen Gott gibt oder mehrere, dass der Schwächere durch Geständnisse siegt, wie Martin Walser einst vermutet hat, um es dann gleich wieder zu verwerfen. Der Schwächere siegt nicht: „Die Natur ist nicht daran interessiert, dass Schwächere glücklich werden“. (Zitat)  Also sagt er sich: Alles kann – nichts muss.

Einmal weiterdenken bitte

Und jetzt ich: Es gibt da ein paar Bedingungen, um das Leben dieses Planeten zu verlängern, und um das Leben auf ihm für eine größere Anzahl Menschen einigermaßen lebenswert zu machen. „Alles kann, nichts muss“ gehört nicht dazu. Diese eiserne Tatsache muss natürlich jene, denen es materiell ausgezeichnet geht (Bildung, Futter, Sicherheit, Gesundheitsvorsorge, Rundumversicherung usw.), nicht weiter interessieren. Sie haben ja schon alles – was kann…

Dennoch gibt es da eine brutal einfache Regel, die an Einsichtigkeit und Logik nicht zu übertreffen ist, und durch deren Einhaltung jeder und jede einzelne auf diesem Planeten so richtig gut wegkommt – inklusive des Planeten selbst und aller nichtmenschlichen Tiere und der Pflanzen. Diese Regel lautet: „Behandle jede, jeden und jedes so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Beachte jedoch immer: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.“

Je besser andere deinetwegen wegkommen, umso besser kommst du weg. So funktioniert das postevolutionäre Prinzip. Wir achten aufeinander. Einen besseren Selbstschutz gibt es nicht. Und dann gilt: Was muss, das kann auch.

Viel Spaß beim Widerlegen 😉

 

 

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Autor: Christoph Schmitt

collaboration coach & learning engineer. swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners learn

4 Kommentare zu „Alles kann – nichts muss“

  1. „Behandle jede, jeden und jedes so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Beachte jedoch immer: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.“ Eine sehr ehrbare Regel, aber gilt die in der Online Dating Welt? Übrigens ein sehr lesenswerter und toller Beitrag!

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    1. Herzlichen Dank für die Rückmeldung. Für mich gilt die Regel. Das bedeutet aber nicht, dass jemand anderer sich deshalb verpflichtet fühlt, sich an sie zu halten. Das ist ja das Krasse in postmodernen Zeiten. Dass Regeln zwar gelten, aber nicht eingehalten werden. Ein Paradox, das es erst mal auszuhalten gilt…

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