Interview mit Dominic Chenaux vom Netzwerk Neubad in Luzern

Derzeit nehme ich an einem MOOC teil mit dem Namen Leuchtfeuer 4.0. Worum es da geht, erfahrt Ihr unter anderem hier.

An einem MOOC teilnehmen heisst in unserem Fall: ihn mit gestalten. Also schreibe ich alle zwei Tage eine Kolumne auf linkedin über das, was gerade so passiert in den Foren des MOOC – und welche Themen gerade dran sind. Zudem durfte ich für zwei Tage mit einer Kollegin zusammen die Themenpatenschaft übernehmen – und vor zwei Tagen ein Interview mit Dominic vom Netzwerk Neubad Luzern führen.

Im Interview stellt er das Projekt vor und hat mich völlig begeistert von der Idee, die hinter all dem steckt. Aber hört selber rein:

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Kreativwirtschaft – Was ist das wirklich?

 

„Es gibt Bibliotheken für Medien, und es gibt Bibliotheken für Dinge“, sagt Stefan Kaplon, der Leiter der Stadtbibliothek Verden im Interview während des MOOC Leuchtfeuer 4.0. FabLabs und Makerspaces gehören zur „Bibliothek der Dinge“. Das sind nun aber nicht einfach Räume, aus denen etwas ausgeliehen wird. Es sind Räume, in denen Neues entsteht: Produkte, Dienstleistungen, Startups, Ideen. Die Methoden dazu sind Co-working und Kollaboration.

Der radikale Kulturwandel, der sich hier vollzieht, ist ein sozio-ökonomischer. Es ist eine äußerst starke Entwicklung hin zur so genannten Kreativwirtschaft. Die hat ihre Wurzeln zwar in Kunst, Kultur und Design. Mittlerweile wirkt das Mindset dahinter jedoch längst Branchen übergreifend. Das „Kreativ-“ im Begriff bezieht sich heute vor allem auf die Art des Arbeitens & Wirtschaftens, weniger auf die Produkte. Der Begriff bildet einen Paradigmenwechsel ab: Das Unternehmerische („Entrepreneurship“) ist kokreativ und kollaborativ geworden. Es hat mit klassischen Organisations- und Führungskulturen nichts mehr zu tun. Das ist keine Randerscheinung.

Kreativwirtschaft ist eine dynamische Bewegung, die einen Wandel anzeigt, den sie selber ausgelösst hat. Der bei ihr seinen Ausgang genommen hat. Ein gutes, weil funktionierendes Beispiel: Die Firma LIIP in Zürich. Und diese radikal neue Form des Wirtschaftens ist längst in der ökonomischen Realität angekommen. Im Moment kristallisieren sich denn auch das unternehmerische Denken und die spartenübergreifende Vernetzung als zunehmend wichtige Merkmale der Kreativwirtschaft heraus, wie in der NZZ zu lesen ist.

Sie hat bereits heute einen großen und stetig wachsenden Anteil an den Prozessen der Wertschöpfung unserer Gesellschaft, wie auch Dominic Chenaux im Interview mit Radio 3fach betont. Er ist der Leiter vom Neubad in Luzern – einer beeindruckenden Initiative, die genau diese Entwicklung auf sehr lebendige und erfolgreiche Weise abbildet – vor allem in ihrem eigenverantwortlich ökonomischen Aspekt. Auch Dominic betont, dass der Begriff der Kreativ-Wirtschaft längst ein globales Phänomen ist, das in einem „Nest“ wie Luzern erst langsam Fuß zu fassen scheint. Doch bereits ein Blick auf die Nachbarmetropole Zürich zeigt: In der Stadt Zürich allein finden rund 33 000 Beschäftigte „in rund 5000 Betrieben der verschiedenen Teilbranchen der Kultur- und Kreativwirtschaft ihr Auskommen. Bei einem Umsatz von über 14 Milliarden Franken erzielt die Kultur- und Kreativwirtschaft eine Bruttowertschöpfung von rund 3,2 Milliarden Franken.“

Was ist neu an den neuen Initiativen?

  • Motivation, Initiative und Engagement kommen nicht aus der Politik und nicht aus klassisch ökonomischen oder generell aus „institutionellen“ Kontexten. Sie gehen von einzelnen Menschen aus, die sich zusammentun und etwas auf die Beine stellen. Der Aspekt der gemeinschaftlichen Verantwortung spielt eine zentrale Rolle, um überhaupt aktiv und wertschöpfend werden zu können.
  • Die Initiativen bilden sich um konkrete Frage- und Problemstellungen herum, die in den meisten Fällen mit den Lebens- und Arbeitsbedingungen (Energie, Umwelt, Bildug, Arbeit, Gesundheit u.v.m.) zu tun haben. Es geht um lebenswertes und nachhaltiges Leben und um die Frage, wie dafür gemeinsam verantwortet und unter Einsatz aller benötigten Kräfte und Fähigkeiten Lösungen gefunden werden.
  • Weil die Fragen und Probleme der Gegenwart von hoher Komplexität und gegenseitiger Abhängigkeit sind, gestalten sich die neuen Initiativen maximal agil hinsichtlich ihrer Ressourcen: Zeit, Infrastruktur, Räume, Woman- und Manpower werden nicht „zugeteilt“ und „budgetiert“, sondern auf konkreten Bedarf hin generiert und eingesetzt.

Coworking im Neubad Luzern

Der Zusatznutzen dieses „echten“ Coworking liegt in der Haltung gegenüber kollaborativem Arbeiten und in der Vielfalt der Berufe, die dabei aufeinander treffen. Im Coworking des Neubad arbeiten z. B. „Fotografen, ein Interaction Designer, Seniorinnen und Senioren, Filmemachende, Grafiker, Architektinnen, Startups, ein Musiker, Kinder- und Jugendorganisationen, eine Texterin, Startups, NGO’s, eine Biologin, eine Human Resource Beraterin, Kunstschaffende, usw.“ Dementsprechend werden die Arbeitsplätze auch nach bestimmten Kriterien vergeben: „Gute Gesamtdurchmischung der Arbeitsbranchen, Bereitschaft mit und nicht neben den anderen Nutzenden zu arbeiten, regelmässige Anwesenheit am Arbeitsplatz, aktive Mitgestaltung des Neubads.“

Nina Oberländer, eine der Protagonistinnen des MOOC schreibt im Forum über diese Haltung, die einen Maker und eine Makerin in diesem Sinne ausmacht – mit Bezug auf Mitch Altman von „Noisebridge“, einem Hakerspace in San Francisco:

Ein Maker ist jemand, „die*der einen Sinn sucht und diese Welt etwas besser machen will. Jemand die*der Werkzeuge zur Lebenserleichterung kreieren möchte, dem die Umwelt am Herzen liegt. Jemand der seinem urmenschlichen Bedürfnis folgt, Teil einer funktionierenden Gemeinschaft zu sein. Er holt recht weit aus aber ich finde es einen guten Ansatz, denn ich habe auch das Gefühl, dass es nicht nur darum etwas zu ‚machen‘ sondern auch um die Haltung, wie man etwas tut und aus welchem Grund.“

Ganz konkret: Wo finde ich Unterstützung, wie mache ich erste Schritte?

Klick dich hier zum Video.

Welchen Nutzen haben Menschen, die sich auf den Weg in neue Formen des Arbeitens geben, von bestehenden Initiativen? Von Coworking-Spaces, Makerspaces und FabLabs? Das ist die Kernfrage, um die sich derzeit im MOOC Leuchtfeuer 4.0 alles dreht. Es braucht ja Anlaufstellen, Orte und Räume der Begegnung, wo Menschen mit ähnlichen Anliegen aufeinander treffen und sich gegenseitig unterstützen in jeder erdenklichen Hinsicht und Weise.

Hereinspaziert

Alles kann – nichts muss

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Behauptet Lemucs Blog. Echt jetzt?

Alles kann – nichts muss. Diesen Spruch kenne ich aus der Dating-Szene des Internets. Dort wo wir uns anpreisen, verkuppeln und offenbar doch nicht mehrheitlich in einer mehrheitlich dauerhaften Kiste landen. Oder sonstwie glücklich werden. Sonst würden diese Plattformen nicht seit vielen Jahren boomen. Sei es für teuer Geld wie Parship & Co – oder gratis und halbgratis in den Chatrooms. 

Nicht dass Dauerhaftigkeit ein notwendiges Lebensziel wäre oder gar eine Tugend. Alles Lebendige zerfällt bekanntlich irgendwann, und vielleicht ist das Narrativ vom Dauerhaften, vom „bis dass der Tod euch scheidet“ eine längst auserzählte Schimäre. Oder zumindest eine Erzählung unter vielen. Vielleicht hat ja die blühende Marktwirtschaft nach dem zweiten Weltkrieg diese Story gebraucht. Von der Familie als Keimzelle der Gesellschaft, vulgo: Brutstatt für willige Arbeitskräfte, eingelullt in göttlich geordnete Rollen und Funktionen, parat geschliffen durch ein unflexibles, eintöniges Bildungssystem. Und überall „Canale Grande“.

„Alles kann – nichts muss“ klingt da wie eine radikale Gegenbewegung. Raus aus der Mühle der Verpflichtungen, hinein in den Raum der Möglichkeiten. Das Internet macht’s möglicher. Der Zynismus dahinter ist: Die Beliebigkeit ist eine nur vorgeschobene. Ein Schutzwall. Geboren aus dem Unwillen sich festzulegen, sich zu outen: „Ich will bumsen, Schätzchen“. Das kann ich ja so einfach nicht sagen. Eher sage ich: „Alles kann, nichts muss.“ Dabei gilt eigentlich: Bumsen ist ok. Nicht nur weil weit verbreitet. Es gehört zum Leben wie Essen und Trinken. Nur machen wir da weitaus weniger Gewese als beim Instant Sex: indem wir uns falsche Profile geben, uns eine Identität zusammen lügen, so tun, als wäre alles möglich und nichts verpflichtend.

Das ist Bullshit. 

Natürlich muss ich mich nicht festlegen. Aber über weite Strecken bin ich es nun mal. Festgelegt. Weil ich ein Mensch unter Menschen bin. In Kontexte verwoben. Und eine biologische Uhr bin ich auch, die bekanntlich nur einmal aufgezogen wird. Und dann ist es so:  Jeder Wunsch, nach Entfesselung fesselt. Jede Sehnsucht nach Freiheit bindet. Jedes Losreißen sucht die Umarmung. Krass, oder? Wir sind schon ein paradoxes Völkchen. Und nicht leicht auszuhalten. Deshalb haben wir womöglich diesen Refrain entwickelt, den wir jetzt durchs Beziehungsnetz summen: „Hey, alles kann, nichts muss.“

Ich muss mal

Er gehört zu den ersten Perlen im Wortschatz der Kinder: Der Satz „Ich muss mal“. Wir müssen alle. Mal mehr, mal weniger. Und es gehört zu den ersten brutalen Lernerfahrungen des Lebens, dass ich nicht immer und überall mein Geschäft machen kann.  Sigmund Freud: Nicht alles kann – auch wenn ich gerade dringend muss. Auch beim Bumsen. Freud nennt das „Kultur“.

Kultur steht für „Machen wir uns doch was vor“. Zum Beispiel, dass das Leben tatsächlich einen Sinn hat außer Fortpflanzung, dass es einen Gott gibt oder mehrere, dass der Schwächere durch Geständnisse siegt, wie Martin Walser einst vermutet hat, um es dann gleich wieder zu verwerfen. Der Schwächere siegt nicht: „Die Natur ist nicht daran interessiert, dass Schwächere glücklich werden“. (Zitat)  Also sagt er sich: Alles kann – nichts muss.

Einmal weiterdenken bitte

Und jetzt ich: Es gibt da ein paar Bedingungen, um das Leben dieses Planeten zu verlängern, und um das Leben auf ihm für eine größere Anzahl Menschen einigermaßen lebenswert zu machen. „Alles kann, nichts muss“ gehört nicht dazu. Diese eiserne Tatsache muss natürlich jene, denen es materiell ausgezeichnet geht (Bildung, Futter, Sicherheit, Gesundheitsvorsorge, Rundumversicherung usw.), nicht weiter interessieren. Sie haben ja schon alles – was kann…

Dennoch gibt es da eine brutal einfache Regel, die an Einsichtigkeit und Logik nicht zu übertreffen ist, und durch deren Einhaltung jeder und jede einzelne auf diesem Planeten so richtig gut wegkommt – inklusive des Planeten selbst und aller nichtmenschlichen Tiere und der Pflanzen. Diese Regel lautet: „Behandle jede, jeden und jedes so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Beachte jedoch immer: Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem andern zu.“

Je besser andere deinetwegen wegkommen, umso besser kommst du weg. So funktioniert das postevolutionäre Prinzip. Wir achten aufeinander. Einen besseren Selbstschutz gibt es nicht. Und dann gilt: Was muss, das kann auch.

Viel Spaß beim Widerlegen 😉

 

 

Muss die Bildung die Welt verbessern?

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Die schlimmsten Aufforderungen sind die, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt sind. Wir nehmen sie ernst, tun unser Bestes – und floppen. Im Fachjargon reden wir von Double Bind: „Sei spontan!“, oder „Überrasch mich mal!“ In einer einzigen Nachricht stecken zwei widersprüchliche Botschaften.

Auch der Auftrag an die Bildung, die Welt zu verbessern, ist so eine Aufforderung. Wenn sie nämlich damit anfängt, löst sie umgehend Gegenreaktionen aus. Warum? Weil Verbesserung immer mit Veränderung zu tun hat. Und die tut weh. Vom Mathematiker Georg C. Lichtenberg stammt der Spruch dazu: „Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Aber wenn es besser werden soll, muss es anders werden.“

Und es gibt noch einen Grund: Bildung und ihre Einrichtungen (z.B. Schulen und Hochschulen) haben bis heute den Auftrag, Gesellschaft zu reproduzieren, nicht sie zu verändern. Letzteres macht höchstens die Forschung. Die so genannte „Lehre“ bildet Bestehendes ab und gibt es an die nächste Generation weiter: Strukturen, Hierarchien, Welt- und Menschenbilder. Und jede Menge Informationen, die sie als Wissen ausgibt wie die Kantine das Essen.

Der traditionelle Schulbetrieb ist ein Überbleibsel der Industrialisierung, das sich in unseren Kulturen eingenistet hat. Er dient vor allem dem Erhalt eines Gesellschafts- und Menschenbildes, das bis heute eine Mischung aus Taylorismus, preussischer Diszipingläubigkeit und einem Rest protestantischer Wirtschaftsethik im Windschatten eines Max Weber ist.

Wer der Bildung jetzt den Auftrag gibt, die Welt zu verbessern, sagt zwischen den Zeilen: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass.“ Unsere herkömmliche Bildung kann die Welt gar nicht verbessern, weil und solange sie den Auftrag hat, Bestehendes zu bewahren. Deshalb muss die Gesellschaft erst einmal dafür sorgen, dass die Bildung sich verändert. Damit sind wir gemeint. Du und ich.

Nicht die Bildung verändert die Welt – sondern umgekehrt

Das ist aus zwei Gründen nicht so schwierig, wie es klingen mag. Erstens verändert sich die Welt so oder so. Im Moment sogar ganz radikal. Zweitens sind es immer Menschen, die die Welt verändern. Nicht die Systeme. Wirkliche Veränderungen entstehen immer ausserhalb des Bildungssystems. Krass, nicht wahr? Wozu dann Bildungssysteme? Das frag ich mich auch schon länger. Denn um Lesenschreibenrechnen zu lernen, braucht es sie ja auch nicht. Da ist längst erwiesen. Hinzu kommt: Der technische und der menschliche Fortschritt auf dieser Welt waren und sind keine direkte Folge schulischer Bildungskultur. Es waren ja nicht die Lehrer von Steve Jobs, die das iPhone erfunden haben. Die Orte, an denen solche Innovationen entstehen, haben so wenig mit Schule zu tun wie der Mathematikunterricht mit einer dynamischen Entdeckerkultur. Der erstickt sie ja eher im Keim (und redet sich am Ende immer damit raus, dass die Schüler halt zu doof und der Lehrplan zu voll seien). Die Alternative ist längst bekannt. Sie heißt Makerspace.

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Wie ein Makerspace sich vorstellt.

Digitaler Wandel als positive Herausforderung

Eine Schlussfolgerung daraus könnte lauten: Gerade, weil sich unsere Lebens-und Arbeitswelten derzeit so stark und so schnell verändern wie selten zuvor, geben wir als Gesellschaft der Bildung den Auftrag, ihren eigenen neu zu interpretieren. Lehrende, Schulleitende, Politiktreibende, Verwaltungsfachleute, Führungskräfte, Studierende, Eltern und ihre Kinder tun sich zusammen und legen gemeinsam los. Weil wir begreifen, dass und wie wir uns momentan radikal verändern, interpretieren und gestalten wir den Auftrag von Bildung neu.

Wir werden uns darüber klar, dass Bildung, Gesellschaft und Ökonomie einander nicht gegenüberstehen, sondern im selben Feld spielen. Miteinander und nicht gegeneinander. Ein neuer Auftrag für die Bildung könnte dann lauten: Menschen lebenslang alles zur Verfügung zu stellen, was diese brauchen, um sich zu Weltverbesserern heran zu bilden. Konkret:

  • Statt auf Schule zu machen ermöglicht Bildung auf allen Ebenen selbstbestimmtes, selbstverantwortetes, kollaboratives und ko-kreatives, projektorientiertes, Disziplinen übergreifendes, auf Kompetenz und Performanz hin angelegtes Lernen.
  • Um das leisten zu können, vernetzt sich Bildung jederzeit kreuz und quer mit diversen Funktionsträgern aus Kultur, Ökonomie und Gesellschaft.
  • Sie fokussiert nicht mehr länger auf das isolierte Individuum, sondern versteht Lernen endlich als das sozial-kollaborative Phänomen, das es ist.
  • Ganz wichtig: Weil Schule aufgehört hat, aus Menschen Schüler zu machen, weil sich Klassenzimmer und Seminarräume in ihre Bestandteile aufgelöst gelöst haben, organisiert sich das Lernen neu: kreativ, lustvoll, zielgerichtet, moderiert.
  • Bewertung, Selektion und Zertifizierung sind endgültig weggefallen. Nicht mehr Defizite stehen im Zentrum, sondern ausschliesslich Ressourcen und Potenziale.
  • Bildung bereitet nicht mehr auf Zukünftiges vor, sondern nimmt es mit ihren KlientInnen zusammen konsequent vorweg. Als Institution lernt die Bildung, von der Zukunft her zu denken und zu handeln, wie Lorenzo Tural Osorio das vorschlägt.

Diese Artikel erschien zuerst leicht angepasst in der pädagogischen Fachzeitschrift schulpraxis.

Regionale Bildung 4.0 – Eindrücke des ersten Tages

gophis mobile Rund-Reise

St dasHeute begann das Projekt „Regionale Bildung 4.0“ und ich freue mich sehr darauf, mit Hilfe dieses Projektes bei den eigenen Überlegungen durch den anstehenden Austausch voranzukommen. Weiterhin habe ich auch die Hoffnung mit eigenen Impulsen etwas der Community zurück geben zu können.

Das Projekt ist in zwei Stufen unterteilt.

  1. Stufe: ist der Leuchtfeuer 4.0 MOOC. Hierbei handelt es sich um einen zweiwöchigen Online-Kurs, der auf der MOOC Plattform mooin. Dieser MOOC stellt folgende Themen in den Vordergrund:Bildschirmfoto-2017-04-16-um-13.18.51-600x330
    1. Neue Entwicklungen
    2. Neue Berufe
    3. Neue Räume
    4. Öffnungsprozesse
    5. Motivation & Nutzen
    6. Finanzen & Organisation
  2. Stufe: besteht in einer Expedition zu verschiedenen regionalen und digitalen Modellansätzen im ländlichen und städtischen Raum. Was lernt man an Orten wie Makerlabs und CoWorking Spaces und inwiefern wandeln sich Institutionen wie Bibliotheken und Volkshochschulen, um mithalten zu können? (Zusammenfassung auf edysssee (Esther Debus-Gregor) am 16.04.2017 „Neue Lernräume entdecken: Leuchtfeuer 4.0 – der MOOC„)

Zielgruppen

  1. Entscheidungsträger/innen, Kreative…

Ursprünglichen Post anzeigen 507 weitere Wörter

Über die Sklaverei. Eine Polemik.

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Quelle

Wenn wir von Sklaverei sprechen, dann produzieren wir vor unserem inneren Auge zuerst einmal materiell benachteiligte Menschen. Menschen mit wenig oder gar keiner Bildung. Menschen, die von anderen Menschen in Lebens- und Arbeitsverhältnisse gezwungen werden, die gemäß unseren aufgeklärten Denkmustern menschenunwürdig sind. Menschen in Abhängigkeitsverhältnissen, in denen wir uns ein Leben nicht vorstellen mögen. Menschen, die sich nicht selbst gehören.

Anschließend deponieren wir das so konstruierte Phänomen der Sklaverei im konkreten Irgendwo. Dieses Irgendwo zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass es „woanders“ ist. Wir legen die Sklaverei an Orten ab, die weit weg sind von den Orten, an denen wir arbeiten und leben. Wir ver-orten Sklaverei in „der dritten Welt“ oder dort, wo Schurkenstaaten von Arbeitssklaven Fussball- und Olympiastadien bauen lassen – oder wir legen sie ganz und gar in der afro-amerikanischen Vergangenheit ab, wie ein Blick in die Bildkartei von Google zeigt. Wir lassen also innere Bilder warm werden von Menschen mit anderer, bevorzugt dunklerer Hautfarbe. Wir erinnern unseren Nachwuchs mit erhobenem Zeigefinger oder grellem Powerpoint-Marker an die Völkermorde und Holocauste dieser Welt und stimmen in den Chor der Aufgeklärten ein, dass das alles nie wieder geschehen darf. Luther-King-reloaded. Dabei ist das Phänomen der Sklaverei weder in der „dritten Welt“ noch sonst wo überwunden oder abgeschafft. Es ist auf bizarre Weise selber versklavt.

Sklaverei ist allgegenwärtig

Einerseits ist das, was wir in einem immer kleiner werdenden Teil der Welt „Wohlstand“ nennen, durch die Zunahme von Sklaverei, Ausbeutung und Vernichtung der Lebensgrundlagen in einem immer größer werdenden Teil der Welt erkauft. Durch Vernichtung bestehender Lebensgrundlagen, kultureller Kräfte und Traditionen, durch fortwährende geistige, materielle und ökonomische Kolonialisierung. Was wir Wohlstand nennen, lebt vom Export all jener Faktoren, die ihn gefährden könnten. Das reicht von prekären Arbeits- und Produktionsbedingungen, über fortwährend fehlende medizinische Versorgung, die Abwesenheit sozialer Sicherungssysteme bis zu einer Bildung, die nicht über Lesen/Schreiben/Rechnen hinaus geht – wenn sie überhaupt bis zu diesem Punkt existiert.

So wie wir aus den „armen Ländern“ bevorzugt die Rohstoffe importieren, um dann aus deren Weiterverarbeitung den eigentlichen Profit zu schlagen, so exportieren wir genau dadurch quasi im Gegenzug die „Rohstoffe“, aus denen dann andernorts Konflikte entstehen und Umweltverschmutzung und Ausbeutung: Es ist vor allem der Kampf um Rohstoffe, um Wasser und Land, der gegenwärtig zum Konflikttreiber Nummer eins geworden ist. Weltweit. Und dieser Kampf ist der Hauptexportartikel der ersten Welt. Die einzigen, die davon vordergründig profitieren, sind wir und unsere Geschäftspartner vor Ort. Was der Nahrungsmittelkonzern Nestlé z.B. weltweit zum Thema „Trinkwasser“ ungestraft und unter den Augen all derer praktiziert, die über Internetanschluss verfügen, schreit zum Himmel.

Zwar reden wir davon, dass heute insgesamt weniger Menschen an Hunger, Krankheit und mangelnder Bildung leiden. Zugleich wissen wir aber sehr genau, dass die Abwesenheit solcher Übel allein keinerlei Garant für Lebensqualität darstellt, oder dass dadurch inhumane Gender-Traditionen überwunden würden, oder religiösen Fanatismen der Boden entzogen. Nichts davon findet statt. Und wir wissen auch, dass der Anteil der Hungernden, Kranken und nicht Gebildeten zwar im Vergleich zu den Gesamtbevölkerungszahlen abnehmen mag, dass dieser vermeintliche Fortschritt aber durch das dramatische Wachstum der Bevölkerung und die zunehmend ungleiche Verteilung der Gesamtanteile an materiellen Reichtümern längst eingeholt ist.

Die unsichtbare Sklaverei vor der eigenen Haustür

Andererseits feiern die Kernelemente klassischer Sklaverei in unseren eigenen Breiten fröhlich Urständ. Natürlich kann man diese Verwendung des Begriffes hinterfragen oder sogar verneinen, denn ursprünglich besteht das Wesen der Sklaverei ja darin, dass ein Mensch „vorübergehend oder lebenslang als Eigentum anderer behandelt“ wird. Mich treibt allerdings in diesem Zusammenhang der folgende Gedanke um: Kann ich wirklich nur dann und solange von Versklavung reden, wenn andere mich als ihr Eigentum behandeln? Oder ist es denkbar, dass es sich auch dann um Versklavung handelt, wenn ich das mit mir selber mache: Mich als Eigentum behandeln? Mir so vorkommen, als könnte „man“ ganz generell einen Menschen besitzen – sich also selbst an die Kette legen. Ein konkretes Beispiel:

Im Prinzip hat die Firma in der und für die wir arbeiten, vor allem eine Funktion in unserem Leben: Wir brauchen sie als die große Ausrede, warum wir genau so leben müssen, wie wir es tun, als Ausrede dafür, warum sich nichts ändern kann, und warum wir so weitermachen müssen wie bisher. Egal wo ich hinhöre, aus den Sprechblasen klingen mir die Argumente von Sklaven entgegen: Wenn wir uns bewegen, spüren wir einzig unsere Ketten. Dann denke ich mir: Ja, womöglich leben wir noch immer, wieder neu, erst recht in einem Zeitalter, in dem die arbeitende Klasse versklavt ist, sich ducken muss und den Mund halten. In dem sie keine Wahl hat und froh sein muss um ihren Job. Nur: Im Unterschied zu den Zeiten, in denen der Mensch durch andere Menschen versklavt wurde, ist es heute so, dass wir selbst es sind, die sich versklaven. Weil wir einen Lebensstandard für unverzicht- und unaufgebbar halten. Einen, der diese Welt (und den Großteil der Menschheit) erstickt. Einen Lebensstil, der selbst wenig anderes ist als eine Versklavung.

Was kommt nach dem Ende des „Brot-und-Lohn-Märchens“?

In wenigen Jahren wird das „Brot-und-Lohn-Märchen“ zu Ende erzählt sein, weil es zum einen nur noch einen Bruchteil der Arbeit gibt, die wir heute als unverzichtbar wähnen, und zum anderen weil das, was an Arbeit übrig bleibt oder neu entsteht, nichts mehr mit dem zu tun hat, was wir heute dafür halten. Wie bereit bin ich? Was tu ich, um bereit zu sein? Wie bereite ich mich vor?

Es gibt bereits zahlreiche Möglichkeiten, der eigenen Freiheit und ihrer Potenziale habhaft zu werden und das Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die eigene Lebensgeschichte in Zukunft selbst, kreativ und anders weiter zu schreiben. Zusammen mit anderen, die „vom Weg abkommen, weil sie sonst auf der Strecke bleiben“ (Reinhard K. Sprenger).

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Gemeinsam das Neuland im Zeitalter von „Arbeit 4.0“ kartographieren

Leuchtfeuer 4.0 ist so ein konkretes Konzept. Ein Einsteiger für solche, die Mitstreiterinnen suchen und Weggenossen. Mitdenker und Kollaborateure.

Auf die Politik zu warten, ist hingegen brandgefährlich. Ebenso wie auf das Bildungssystem oder auf die Ökonomie. Diese drei interpretieren ihren Auftrag gemeinsam im Sinne des Erhalts bestehender Abläufe und Strukturen. Sie lassen Innovation und Wandel nur zu, solange sie sich dadurch selbst erhalten können. Zudem umgeben sie sich mit einer Beraterkultur, die als Profi-Optimisten unterwegs sind. Angehörige wirtschaftsnaher Think-Tanks, die uns fast täglich mit Tabellen, Skalen und Keynotes darüber versorgen, wie gut es „uns“ (?) doch eigentlich geht.

Das sind in meinen Augen Pseudopropheten in dem Sinne, wie sie schon das Neue Testament kannte: Menschen, die denen nach dem Mund reden, von denen sie ihren Lohn beziehen, weil sie von denen ihren Lohn beziehen. Sie sind selber Sklaven. Sie skizzieren das Schlaraffenland auf den Horizont und lösen damit bei uns, den überforderten Zweiflern, ein Gefühl der Entlastung aus. Ähnlich wie eine Vielzahl psychotherapeutischer Schulen und Coachingtheorien, die vor allem das Leben in der Sklaverei erträglicher machen, nicht den Ausbruch wünschbar.

Die Metapher, die mich zu dieser Thematik immer wieder heimsucht, ist die vom Gefängnisseelsorger. Er besitzt den Schlüssel zu meiner Zelle, um mich regelmäßig zu besuchen und um mir Trost zu spenden – anstatt den Schlüssel nachmachen zu lassen um ihn heimlich unter meinem Kopfkissen zu deponieren, damit ich immerhin der Möglichkeit meiner Freiheit gewahr werde. Aber wie wusste schon Perscheid in einem ähnlichen Bild zu malen: