Digitalisierung und erlernte Hilflosigkeit: Eine fatale Kombination

Das derzeit größte Problem für Arbeitnehmer und für Menschen die sich aus- und weiterbilden, ist der radikale Wandel der Lern- und Arbeitswelt. Zwar ersetzen wir im Moment das Wort „Problem“ immer häufiger durch „Herausforderung“. Mein Eindruck ist jedoch: Die Mehrheit der Menschen, denen ich begegne, erleben die digitale Transformation als Problem. Ein Problem, das einfach nicht weggehen will, sondern immer größer wird – und niemand macht was dagegen. In Beratung und Coaching begegnet mir zunehmend eine als bedrohlich erlebte Hilflosigkeit. 

Die digitale Transformation wird deshalb so erlebt, weil sie sich in atemberaubendem Tempo auf zwei zentrale Lebens- und Gesellschaftsbereiche ausweitet: auf die Bildung und auf die Arbeit. Und da „Arbeit“ in unseren Breiten ein durchweg ökonomisch besetztes Phänomen ist, wird der Druck noch stärker. Es geht uns nämlich materiell an den Kragen. Und zwar existenziell.

„Digitalisierung“ ist längst kein privates Phänomen mehr, das ich wählen oder dem ich ausweichen könnte. Es geht nicht einfach um Online Shopping, Dating und WhatsApp. Die Digitalisierung hat längst alle Arbeits- und Lebensvollzüge erfasst und stellt sie radikal auf den Kopf. Fast täglich wird immer deutlicher, dass und wie sich so gut wie alles verändert, was unser Leben betrifft: Die Formen des Zusammenarbeitens, des Lernens, der Orientierung, der Kommunikation, der sozialen und politischen Teilhabe, der Produktion, der Logistik, des Erwerbs.

Erlernte Hilflosigkeit als kollektives Reaktionsmuster der Gegenwart

Als unlösbar erlebte Probleme lösen Krisen aus – nicht umgekehrt. Politisch, ökonomisch, individuell. Wir wissen dann nicht, wie wir die Sache stemmen sollen. Wir erleben uns als hilflos. Und wie immer in Krisen greifen wir unbewusst auf Strategien zurück, die wir in früheren Situationen erlernt haben. Im Moment lautet diese Strategie flächendeckend „erlernte Hilflosigkeit“. Und Entrüstung – die gemäß Walther Rathenau nichts anderes ist als ein Bekenntnis zur eigenen Hilflosigkeit. Und woher kommt die?

Die prägenden Phasen unseres Lebens decken sich in der westlichen Kultur über weite Strecken mit der Schulzeit. Grundsätzliche Haltungen und Einstellungen gegenüber der Welt, den Mitmenschen und sich selbst werden in dieser Zeit eingeübt. Die dort erfahrenen Prägungen wirken nachhaltiger und stärker als alles, was uns zu späteren Zeiten im Leben begegnet – unter anderem deshalb, weil wir in den frühen Lebensphasen vor allem das sind, was wir in späteren Jahren eher fürchten: hilflos. Was wir in Phasen der Hilflosigkeit erleben, wirkt besonders prägend, gerade weil wir uns als unfähig erleben. Sei es, weil wir es aus Gründen der biografischen Entwicklung tatsächlich sind – oder weil wir uns dafür halten.

In unseren Breiten wird „erlernte Hilflosigkeit“ durch Erziehung und Bildung besonders stark gefördert. Beide konfrontieren uns mit einer umfassenden Expertenkultur und mit dem Mantra der Komplexität („Du kannst eh nichts ändern“). Bereits die Schule praktiziert eine lückenlose Versorgermentalität. Sie müllt uns jahrelang zu mit Informationsmyriaden, die uns hoffnungslos überfordern. Und meine Erfahrung aus Beratung und Therapie zeigt mir: Gerade Schule und Erziehung ermöglichen jungen Menschen bis heute nicht, ein reifes und selbstgesteuertes Verhältnis zu ihren Grundbedürfnissen zu entwickeln.

Erlernte Hilflosigkeit spielt Führungskräften in die Tasche

Führungskräfte in Bildung und Wirtschaft repetieren im Zusammenhang mit der digitalen Transformation pausenlos ihr Lieblingsargument: „Die Leute können gar nicht selbstständig denken und arbeiten. Die wollen das gar nicht. Die wollen geführt werden. Die wollen, dass man ihnen sagt, was sie zu tun haben. Die wollen gar keine Verantwortung übernehmen.“ Das höre ich von Lehrern, von Vorgesetzten, von CEOs, Personalchefs und besonders oft von Inhabern aus dem KMU-Bereich. Und weiter: „Die betteln ja förmlich darum, dass man ihnen sagt, was sie zu tun und zu lassen haben.“

Keiner kommt jedoch auf die Idee, dass hier nicht über ein Wesensmerkmal von uns Menschen verhandelt wird, sondern über einen Effekt aus Bildung und Erziehung: Die erlernte Hilflosigkeit. Die kommt aus der Schule und aus Elternhäusern, die ihrem Nachwuchs das Essen ans Bett tragen. Das beste Rezept für erlernte Hilflosigkeit ist es, einerseits von Menschen umgeben zu sein, die die Dinge für mich tun statt mich konsequent dabei zu unterstützen, sie selber zu erledigen, und andererseits von Menschen, die alles konsequent besser wissen und sich berufen fühlen, mich und meine Versuche, die Welt und mich selbst zu verstehen, pausenlos bewerten und benoten.

Wir Menschen kommen nahezu hilflos auf die Welt. Das Entscheidende, was uns am selbstbestimmten Leben hindert, ist jedoch die erlernte Hilflosigkeit, die sich daran anschließt. Schon früh im Leben lernen wir, dass es für jedes Problem, für jede An- und Herausforderung jemand anderen gibt, der sie löst. Zuerst Eltern und Lehrer, dann Politiker, Unternehmer, Ärzte, die Pharmaindustrie – und nicht zu vergessen der allumfassende Konsumapparatschik, der jedes erdenkliche menschliche Bedürfnis befriedigt, bevor es entstanden ist. Wenn wir mit irgendetwas nicht weiter kommen, wird es immer jemanden geben, eine Hotline, eine Wahrsagerin, eine Homepage, einen Berater, eine Lehrerin, einen Vorgesetzten, der es besser kann und weiß; jemanden, der für das gesamte Setting verantwortlich ist. Jemanden, dem ich ein ungelöstes Problem weiterreichen kann.

Die Digitalisierung kann ich aber nicht weiterreichen. Ich muss mich auf den Weg ins Ungewisse machen. Am besten mit einer Hand voll Gleichgesinnter zusammen. Komme, was wolle.

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Autor: Smyddi

swiss based, exploring the planet(s) for better education, in love with creative knowledge working www.bildungsdesign.ch -> enabling people & organizations to bring digital & analog learning together -> building the bridges between fields & professions of education -> to help teachers teach & learners lern

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